Leben wie die Wiesel – Annie Dillard

Leben wie die Wiesel - Annie Dillard

Lesezeit:

4–5 Minuten

Das Wiesel ist bei Dillard eher ein Gegenbild zum menschlichen Bewusstsein: Es führt ihr vor, was verloren geht, wenn wir ständig über unser Leben nachdenken, es bewerten, planen und uns von Möglichkeiten zerstreuen lassen.

Begegnung → Erschütterung → Sehnsucht nach einer anderen Art zu leben.

Dillard beginnt mit dem Wiesel als Tier. Sie beschreibt es allerdings nicht verniedlichend, sondern als radikal wildes Wesen: tödlich, instinktgeleitet, kompromisslos. Besonders wichtig ist dabei das Motiv des Zupackens und Nicht-loslassens. Das Wiesel beißt sich fest – sogar dann, wenn das seinen eigenen Tod bedeutet. Diese Eigenschaft wird am Ende zur Metapher für das menschliche Leben.

Dann erzählt sie von ihrer eigenen Begegnung mit einem Wiesel am Teich. Entscheidend ist dabei dieser Augenblick, in dem Mensch und Tier einander direkt ansehen.

„Wir waren einen schönen, schockierenden Moment lang jeweils mit dem Band des anderen verschaltet.“

Das ist für mich der eigentliche Mittelpunkt des Essays.

Die Autorin beschreibt diesen Blick beinahe als Aufhebung der Grenze zwischen zwei Lebewesen. Für einen kurzen Moment ist ihr eigenes Bewusstsein nicht mehr souverän und beobachtend. Sie sieht nicht mehr „ein Wiesel“, über das sie etwas wissen kann. Sie erlebt eine unmittelbare Konfrontation mit einem anderen Bewusstsein – oder vielleicht mit etwas, das gar nicht in derselben Weise bewusst ist wie sie.

Und genau darin liegt die Irritation.

Denn der Mensch kann nicht aufhören, sich selbst beim Leben zuzusehen. Er denkt über das nach, was er erlebt. Er macht daraus Geschichten, Erinnerungen, Begriffe, Deutungen. Das Wiesel dagegen ist einfach da. Sein „Tagebuch“ besteht aus Spuren, Federn, Blut und Knochen. Keine Interpretation, keine Biografie, kein Selbstbild.

Annie Dillard schreibt deshalb:

„Wiesel leben in Notwendigkeit; wir leben in Möglichkeit.“

Der Mensch lebt in einem riesigen Raum von Möglichkeiten. Wir können uns entscheiden, unsere Identität verändern, Berufe wechseln, Beziehungen eingehen oder beenden, Bücher lesen, Pläne machen, uns fragen, was wir eigentlich wollen. Das interpretieren wir wohl  als Freiheit.

Dillard dreht den Spieß um: Das Leben in Möglichkeiten kann einen auch gefangen nehmen. 

Weil wir ständig überlegen können, was wir tun könnten, tun wir nicht unbedingt das, was für uns wesentlich ist. Wir denken über unser Leben nach, statt es zu leben. Wir vergleichen Möglichkeiten, wägen ab, beobachten uns selbst und bleiben dadurch gewissermaßen außerhalb unseres eigenen Lebens.

Das Wiesel kennt dieses Problem nicht. Es lebt in einer Welt der Notwendigkeit: Hunger, Beute, Gefahr, Kälte, Fortpflanzung, Schlaf. Das klingt vielleicht brutal und primitiv – aber für Dillard besitzt es eine eigentümliche Reinheit. Das Tier muss sich nicht fragen, ob es „das richtige Leben“ führt.

Und hier kommt die für mich interessanteste Wendung des Essays: Dillard will gar nicht wirklich „tierisch“ werden.

Sie sagt ausdrücklich, dass sie nicht lernen möchte, wie ein Wiesel im Einzelnen zu lebt. Sie möchte vielmehr etwas von dessen Geisteshaltung übernehmen:

Dafür verwendet sie eine ganze Reihe von Bildern: Gedankenleere, Schweigen, Fasten, Sinne, Blut, Körper, Instinkt.

Die Autorin verwendet die Formulierungen „Nach unten gehen…“ und “Unten bist du weg, …. Ich verstehe es so: Satt sich zu verdummen, abzustumpfen, bedeutet es, aus dem Kopf heraus und in die unmittelbare Existenz hineinzugehen.

Eine ziemlich radikale Vorstellung.

Wir würden vielleicht sagen: weniger grübeln, mehr leben.

Aber das wäre für Dillard eher banal. Sie spricht von einer Art existentieller Hingabe. Man soll herausfinden, was die eigene „Notwendigkeit“ ist – also das, worauf das eigene Leben tatsächlich hinauswill – und sich daran festbeißen.

Deshalb kommt sie am Ende auf das Bild vom Wiesel zurück:

„Ich meine, es wäre gut und richtig, gehorsam und rein, seine eine Notwendigkeit zu packen, nicht wieder loszulassen und willenlos mitzugehen, wohin sie dich auch trägt.”

Das „sie“ ist die eigene Notwendigkeit.

Und damit lässt sich  das aggressive Verhalten des Wiesels vom Anfang anders lesen: Das Wiesel ist nicht deshalb vorbildlich, weil es Tiere tötet oder wild und brutal ist. Vorbildlich ist seine Konsequenz. Es packt etwas und lässt nicht mehr los.

Einen weiteren Aspekt in ihrem Essay finde ich interessant:  

Tod und Endlichkeit

Dillard weiß, dass der Mensch irgendwann stirbt. Das Wiesel weiß es offenbar nicht – jedenfalls nicht in der Form, in der wir es wissen. Das Tier lebt, als gäbe es nur diesen Moment und diese Notwendigkeit.

Der Mensch dagegen lebt mit dem Wissen um den Tod und versucht gerade deshalb, sein Leben zu sichern, zu planen und mit Bedeutung zu versehen.

Dillard schlägt eine andere Antwort vor: den Tod nicht verdrängen, sondern gerade wegen seiner Unausweichlichkeit intensiver ins Leben gehen.

Deshalb endet der Essay so körperlich und drastisch: Fell, Knochen, Äcker, Adlerhöhe. Das Individuum zerfällt. Das ist kein Happy End. Es gibt keine Erlösung.

Ist das vielleicht der Kern?

Du wirst ohnehin sterben. Die Frage ist also nicht, wie du dem entkommst, sondern woran du dich vorher festbeißt.

Das macht den Text für mich weniger zu einem Naturessay als zu einem Nachdenken über Aufmerksamkeit, Entschlossenheit und die Bewegung hin zu einem unmittelbaren Leben.

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