Nathalie Schmids Gedicht „der geschmack von kartoffeln“ porträtiert „einen schlag von frauen“ durch eine Collage körperlicher und alltäglicher Details, die auf den ersten Blick schlicht dokumentarisch wirken. Doch zwischen den Zeilen entfaltet sie eine Dichte, die mich bekümmert: ein Leben, das nur noch rückblickend Bedeutung hat.
Verschlossene Innenwelten
Die Frauen des Gedichts zeigen sich in ihrer äußeren Erscheinung gepflegt – die Haare gut frisiert -, während ihre Zähne „sich zeigen / in ihrer urnform wie altes gestein“. Doch die stärkste Metapher findet Schmid für das, was unsichtbar bleibt: Die „kleinen beulen“ am Hinterkopf bergen „gesammelte bilder / eingeschlossen in marmeladengäser / die mit dem löffel nicht zu öffnen sind“. Diese Erinnerungen, diese inneren Welten, sind unzugänglich geworden – vielleicht weil niemand fragt, vielleicht weil die Frauen selbst den Zugang verloren haben.
So singen sie „nachts ins kopfkissen alte lieder / von blumen die bestandteil ihrer aussteuer waren“. Das Kopfkissen als einziger Zuhörer ist ein Bild der Einsamkeit, das nachwirkt. Was einmal Hoffnung war, wird nur noch im Privaten, im Verborgenen erinnert.
Eine durchsichtige Gegenwart
Das Gedicht steht grammatisch im Präsens, doch die emotionale Zeitebene ist vollständig rückwärtsgewandt. Die Gegenwart selbst besteht nur aus Routine: „ihre tage zerteilen in berührtes material / in den geschmack von kartoffeln über alten feuerstellen“. Das Leben reduziert sich auf das Handgreifliche, Notwendige, Wiederholbare. Die Uhren schlagen „im dreivierteltakt“ – ein Rhythmus, dem etwas fehlt, der nicht ganz vollständig ist.
Alles, was an Lebendigkeit oder Sinnlichkeit im Text erscheint, liegt in der Vergangenheit. Die Gegenwart ist durchsichtig geworden, hat keine eigene Qualität mehr. Sie ist nur noch das Abarbeiten von Notwendigkeiten, das Funktionieren.
Der verlorene Geruch
Der Schluss des Gedichts verstärkt diese Begrenztheit noch einmal: „den verlorenen geruch von himbeerstauden / geplänzt am ersten tag“. Nicht die Stauden selbst sind verloren, sondern ihr Geruch – also die sinnliche, lebendige Erfahrung. Etwas wurde am Anfang angelegt, Möglichkeiten vielleicht, Hoffnungen, aber was blieb, ist nur die Erinnerung an einen Verlust.
Ein Blick nach vorn existiert nicht. Keine Erwartung, keine Hoffnung, keine Zukunft. Das Präsens vermittelt hier nicht „Jetzt bin ich lebendig“, sondern eher „So ist es, so läuft es“ – eine eingefrorene Gegenwart ohne Bewegung.
Begrenztheit ohne Wertung
Schmid bleibt in ihrem Text streng beobachtend, ohne zu werten. Sie lässt offen, ob diese Begrenztheit selbstgewählt, gesellschaftlich auferlegt oder dem Leben als solchem geschuldet ist. Doch spürbar ist sie in jeder Zeile: in den verschlossenen Marmeladengläsern, im monotonen Geschmack der Kartoffeln, in den Liedern, die niemand mehr hört. Es ist ein Text über Leben, die gelebt wurden, aber vielleicht nie ganz zum Klingen kamen.
Eine Antwort?
Doch was folgt aus solch einer Beobachtung? Das Gedicht dokumentiert etwas, das aus dem realen Leben gegriffen ist – und damit stellt es auch Fragen an unsere Gegenwart, vielleicht sogar an unser Morgen.
Gibt es diese Einsamkeit heute noch, diese Leben, die sich nur in „berührtes Material“ zerteilen? Vermutlich ja, in anderen Formen, anderen Kontexten. Und dann müssen wir fragen: Wie entsteht so etwas? Welche Strukturen, welche fehlenden Räume führen dazu, dass die Marmeladengläser verschlossen bleiben, dass nur noch ins Kopfkissen gesungen wird?
Hier auf dem Land gibt es eine Initiative in der Kirchengemeinde: Menschen hören alten Menschen zu und halten deren Lebenserinnerungen schriftlich fest. Das ist wertvoll – aber es wirft auch Fragen auf. Möchten die Menschen das überhaupt? In welcher Form? Und vor allem: Ist das Erinnern genug?
Denn vielleicht braucht es noch eine andere, dringendere Frage: Gibt es etwas, das du aktuell vermisst? Etwas, das wir ermöglichen können? Nicht die Vergangenheit dokumentieren, sondern die Gegenwart gestalten. Nicht: Was war dein Leben? Sondern: Was brauchst du jetzt?
Es muss nicht das Große sein. Es erinnert an jene Initiativen, die todkranken Menschen letzte Wünsche erfüllen – nochmal das Meer sehen, in die Heimatstadt zurückkehren, einen bestimmten Geruch wiederfinden. Oft sind es sinnliche, konkrete Dinge. Das Erleben im Jetzt, nicht nur das Erinnern.
Was wäre gewesen, wenn jemand den Frauen in Schmids Gedicht nicht nur zugehört, sondern gefragt hätte: Was möchtest du jetzt noch erleben? Vielleicht wäre der Geruch der Himbeerstauden nicht verloren geblieben. Vielleicht hätte es einen Blick nach vorn gegeben, nicht nur zurück.
Das Gedicht zeigt was war. Eine Antwort darauf könnte sein: Was jetzt möglich ist.
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