Der Verlag Peter Engstler: Ein Kleinverlag mit großer Leidenschaft für die Nische

Im beschaulichen Oberwaldbehrungen in Bayern liegt der Verlag Peter Engstler, ein Kleinverlag, der seit seiner Gründung 1987 von Buchhändler Peter Engstler als Einmannbetrieb geführt wird. Engstler, geprägt von der Beat Generation und den Subkulturen der 1970er-Jahre, hat sich auf die Herausgabe von zeitgenössischer Lyrik und experimenteller Prosa spezialisiert – beides Nischenprodukte auf dem Buchmarkt. Seit 1987 hat der Verlag rund 200 Bücher in kleinen Auflagen veröffentlicht, von denen die meisten noch lieferbar sind. Darunter finden sich Werke wie Bert Papenfuß’ Rumbalotte Continua, Ann Cottens Softsoftporn oder Ulf Stolterfohts traktat vom widergang. Auch Klassiker wie Helmut Salzingers Swinging Benjamin aus dem Jahr 1973 wurden hier neu aufgelegt.

Engstlers Verlag ist ein Ort der literarischen Avantgarde und des Undergrounds. Er verlegt nicht nur deutschsprachige Autoren, sondern auch Übersetzungen, wie das Hauptwerk von Mary Beach, Die Elektrische Banane, mit einem Vorwort von William S. Burroughs. Engstler selbst, der 2009 den Preis Das Hungertuch für Literatur erhielt, ist ein Verleger, der sich weniger für aufwendige Buchgestaltung interessiert als für den Inhalt. Eine Ausnahme bildet Paulus Böhmer’s Langgedicht Zum Wasser will alles Wasser will weg, das in großem Format mit farbigen Zeichnungen auf hochwertigem Papier gedruckt wurde und zu den teuersten Produktionen des Verlags zählt. Böhmer wurde für dieses Werk 2015 mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet.

Der Verlag finanziert sich durch den Verkauf der Hälfte der Auflage, die die Produktionskosten deckt. Der Gewinn fließt direkt in das nächste Projekt. Engstler druckt bei einem alten Bekannten in Ostheim und setzt auf eine Mischung aus handwerklicher Tradition und experimentellem Geist. Seine Bücher sind oft schmal, aber gehaltvoll, wie die zwölf Bände der Reihe Kleiner Brehm, in denen Helmut Höge Essays über verschiedene Tiere verfasst hat.

Engstlers Verlagshaus ist mehr als nur ein Ort der Buchproduktion – es ist ein Archiv der Ideengeschichte, gefüllt mit Büchern, Zeitschriften und Flugschriften, die von der Beat-Generation über die Anti-Psychiatrie bis hin zur linksradikalen Subkultur reichen. Engstler selbst bezeichnet sich als „linkssubversiv“ und sieht seine Arbeit als eine Form des Bewahrens. In einer Zeit, in der der Buchmarkt von großen Konzernen dominiert wird, bleibt er ein unabhängiger Verleger, der sich bewusst gegen den Mainstream stellt.

Sein Leben ist ebenso unkonventionell wie sein Verlag. Engstler arbeitete lange als Waldarbeiter und später als Betreuer in einem Heim für Menschen mit Behinderung. Diese Erfahrungen prägen sein Denken und Schreiben. Seine Lyrik ist wortkarg, fragmentarisch und oft von einer prismatischen Wahrnehmung geprägt, die sich gegen lineare Erzählstrukturen wehrt. Engstler ist ein Verfechter der „Cut-up“-Methode, die er von William S. Burroughs übernommen hat – eine Technik, bei der Texte zerschnitten und neu zusammengesetzt werden, um neue Bedeutungsräume zu erschließen.

Trotz der Herausforderungen des Buchmarkts bleibt Engstler optimistisch. Er veranstaltet regelmäßig Lesungen und Veranstaltungen, wie die Provinzlesungen auf der Kalten Buche, einem erloschenen Vulkan in der Rhön. Hier wird gelesen, diskutiert und gefeiert – ein unbezahlbares Ereignis, das die Gemeinschaft der literarischen Avantgarde feiert.

Peter Engstler ist ein glücklicher Rebell, der sich seine Unabhängigkeit bewahrt hat. In einer Welt, die von Schnelllebigkeit und Kommerz geprägt ist, bleibt er ein Verfechter des Langsamen, des Experimentellen und des Subversiven. Sein Verlag ist ein lebendiges Zeugnis dafür, dass ein richtiges Leben im falschen möglich ist – und dass die Kraft der Worte immer noch die Welt verändern kann.

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