Kategorie: Angeregte Dialoge

Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.

In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.

  • Das sind ja nur drei Steine!

    Das sind ja nur drei Steine!

    In Peter Bichsels Kurzgeschichte „Die Geschichte von den drei Steinen“ steht die Bedeutung sprachlicher Benennung im Zentrum. Ein Mann findet drei gewöhnliche Steine, hebt sie auf und gibt ihnen Namen: „Ich nannte den einen Herrn Babel, den zweiten Herrn Bohm und den dritten Herrn Buht.“ Durch die Namensgebung unterscheidet er sie voneinander und verleiht ihnen Individualität. Die Steine verlieren für ihn ihren ursprünglichen, bloßen Objektcharakter. Sie werden durch Sprache zu etwas Besonderem.

    Der Erzähler berichtet, dass er mit den Steinen spricht, über sie nachdenkt und sich sogar über sie freut. „Ich dachte oft an die drei Steine, und ich hatte sie gerne.“ Ich verstehe es so: die Benennung stiftet eine Beziehung zwischen dem Mann und den Steinen. Sprache dient hier nicht nur der Beschreibung, sondern schafft Bedeutung. Die Steine werden durch die Namen zu Trägern von Eigenschaften, über die man nachdenken kann – etwa wenn er sagt: „Ich stellte mir vor, Herr Babel sei dick, Herr Bohm ein wenig dumm, Herr Buht traurig.“

    Auch ein Kind wird in diese Welt eingeführt. Der Erzähler zeigt ihm die Steine und bringt ihm bei, wie sie heißen. Das Kind akzeptiert die Namen und übernimmt die Perspektive des Mannes. Es spricht ebenfalls von Herrn Babel, Herrn Bohm und Herrn Buht, ohne zu hinterfragen, warum drei Steine plötzlich als Personen betrachtet werden. So entsteht zwischen den beiden eine geteilte Wirklichkeit, die auf sprachlicher Übereinkunft basiert. Die Steine sind für beide mehr als bloße Gegenstände – sie sind bedeutungsvoll, weil ihnen Bedeutung gegeben wurde.

    Diese geteilte Sichtweise wird jedoch durch einen dritten Erwachsenen gestört, der ebenfalls die Steine betrachtet, aber ihre Bedeutung nicht erkennt. „Er lachte und sagte: Das sind ja nur drei Steine!“ Der Mann weist den Einwand zurück und betont erneut, wie sie heißen. Doch der andere bleibt bei seiner objektiven Sichtweise und zerstört letztlich die Beziehung zu den Steinen, indem er sie fortwirft: „Er nahm sie und warf sie weit fort.“ Damit endet die Geschichte.

    Die Handlung zeigt exemplarisch, wie Sprache als Mittel der Welterschließung wirkt. Die drei Steine erhalten durch Namen Identität, über sie lässt sich nachdenken und sprechen. Dieses Sprachspiel wird von einem Kind mitgetragen, scheitert jedoch an einem Erwachsenen, der die zugrunde liegende sprachliche Konstruktion nicht akzeptiert. Die Geschichte verdeutlicht, wie Realität durch Sprache und Übereinkunft entsteht, aber auch, wie fragil diese Konstruktion ist, wenn sie nicht geteilt wird.

    Eigentlich eine Kindergeschichte, hat mich ein Aspekt besonders interessiert: eingefahrene Sprach- und Wahrnehmungsmuster bewusst zu unterlaufen und zu hinterfragen. Die Handlung verweist – für mich – auf ein verlorengegangenes Potenzial der Sprache zur Welterschließung, das bei Erwachsenen oft durch Routine, Funktionalität und Konvention verdrängt wird.

    Hier einige Ideen:

    Alltagsdeutung neu denken: „Ich nenne das anders“
    Wähle im Alltag 5–10 Dinge aus, die ich jeden Tag verwende (z. B. Handy, Zahnbürste, Kaffeetasse) und überlege mir für jedes einen neuen Namen, der nicht funktional, sondern emotional, poetisch oder assoziativ ist (z. B. „Herzfunke“ für das Handy, „Mundtänzerin“ für die Zahnbürste).
    Eine kleine Reflexion: Wie verändert sich mein Blick auf dieses Objekt?
    → Ziel: Verlangsamung der Wahrnehmung und Neuerschließung durch Sprache.

    Gespräch ohne Automatismen
    In Paaren oder Gruppen werden Gespräche über scheinbar banale Dinge geführt – aber ohne vorgefertigte Begriffe. Beispiel: Sprich über deinen Arbeitsplatz, aber du darfst das Wort „Arbeit“, „Kollege“, „Chef“ oder „Meeting“ nicht verwenden.
    → Das zwingt zu einer neuen sprachlichen Annäherung an die Realität, die kreativer und bewusster ist.

    Worttagebuch: Bedeutungen bewusst umformen
    Über einen Zeitraum von 5–7 Tagen wähle ich täglich ein „verbraucht wirkendes“ Wort (z. B. „Zeit“, „Stress“, „Erfolg“) und halte fest: Wie würde ich es umschreiben, wenn ich es neu erfinden müsste? Was bedeutet es für mich heute? Wie hat sich meine Beziehung zu diesem Wort verändert?
    → Dies fördert eine aktive Auseinandersetzung mit Sprache als kulturellem Filter.

    Sprachfasten / Wortvermeidung
    Ich wähle für einen Tag 1–2 Wörter, die ich ganz bewusst nicht verwenden dürfen (z. B. „müssen“, „Zeit“, „schnell“). Ziel ist nicht Vermeidung um der Vermeidung willen, sondern das bewusste Umgehen, Umkreisen und Ergründen des Begriffes durch Sprache.
    → Das erzeugt ein neues Verhältnis zu Gewohnheitssprache und meinen Denkmustern.

    Tascheninhalt erzählen – aber anders
    Ein Mitmensch nimmt ein beliebiges Objekt aus der Tasche oder Jacke und sagt:
    „Stell dir vor, das wäre kein Schlüssel, sondern …“
    Dann wird gemeinsam weitergesponnen: Wer benutzt das? Wozu? Hat es eine Geschichte? –
    → Das darf uns in einen assoziativen, humorvollen und offenen Modus versetzen. Stelle ich mir gut bei langen Autofahrten vor.

    Spazieren mit Bedeutungsumkehr
    Beim nächsten Spaziergang mit anderen sich gegenseitig Begriffe vorschlagen, die nicht für das stehen, was sie scheinbar bedeuten. Beispiel:
    „Stell dir vor, ‚Weg‘ bedeutet nicht, wohin man geht, sondern was man loslässt.“

    Gemeinsame Sammlung: „Die drei …“
    In einer Runde (z. B. beim Abend mit Freunden) stellt jemand die Frage:
    „Wenn du heute drei Dinge benennen dürftest, die für dich heute wichtig waren – egal wie klein – was wären das für Dinge, und wie würdest du sie nennen?“
    Beispiel: „Mein Kaffeeduft hieß heute ‚Stille zwischen den Stunden‘.“

    Gespräch mit Fragekarten à la Bichsel
    Bereite kleine Karten vor mit ungewöhnlichen Fragen wie:
    „Gibt es ein Wort, das du nie benutzt, obwohl du es eigentlich magst?“
    „Welcher Gegenstand in deinem Leben ist völlig bedeutungslos – und warum vielleicht doch nicht?“
    „Wenn du deinem Tag einen neuen Namen geben müsstest, wie würde er heißen?“
    → So entstehen möglicherweise Gespräche, in denen Sprache nicht nur Werkzeug, sondern Spiel- und Erkenntnisraum wird.

  • Peter Bichsel – Die Geschichte von den drei Steinen

    Peter Bichsel – Die Geschichte von den drei Steinen

    Ein Mann findet drei gewöhnliche Steine und beschließt, ihnen eigene Namen zu geben. Er nennt sie „Herr Babel, „Herr Bohm und „Herr Buht“. Für ihn sind diese Steine ab sofort nicht mehr bloß Steine, sondern Individuen mit bestimmten Eigenschaften, über die er nachdenkt, spricht und sich freut.

    Er zeigt sie auch einem Kind und bringt ihm bei, wie sie heißen. Das Kind übernimmt die Namen, behandelt die Steine ebenfalls individuell – sie bekommen also durch Sprache und Benennung eine Art Persönlichkeit und Bedeutung.

    Der Mann fühlt sich durch diese neue Sichtweise auf die Welt zufrieden. Doch als ein weiterer Erwachsener hinzukommt, findet dieser das Ganze lächerlich: Für ihn sind es eben nur drei Steine, und er kann nicht verstehen, warum man ihnen Namen gibt oder über sie spricht, als wären sie mehr als bloße Objekte.

    Am Ende nimmt der skeptische Erwachsene die Steine und wirft sie fort – die Geschichte endet mit einem leisen Verlust.

    Hier bin ich mit der Geschichte in den Dialog getreten.

  • Wasserglaslesung

    Wasserglaslesung

    Ein Glas Wasser steht
    zwischen mir und dem Satz.
    Ich trinke –
    die Worte versickern in der Kehle,
    bevor sie sich formen.

    Sprechen ist Ausatmen,
    Trinken: Rückkehr.

    Der Text will klar sein
    wie Wasser im Glas,
    doch der Rand bricht das Licht,
    und zwischen Lippen und Ohr
    verwischt Bedeutung.

    Ich sehe dich
    durch die gewölbte Wand,
    du hörst mich
    durch den Dunst der Sprache.

    Wir trinken.
    Wir sprechen.
    Und manchmal,
    im Schweigen dazwischen,
    schimmert etwas Wahres auf.

  • Poetin #24

    Poetin #24

    Die Frühjahrsausgabe 2018 des im Poetenladen Verlags erschienenen Magazins poetin trägt die Nummer 24 und widmet sich auf ihren 216 Seiten dem Gesprächsthema „Literatur und Wasserglas“. Diese Themensetzung nimmt die klassische Autorenlesung in den Blick, bei der traditionell der Vorlesende mit seinem Text im Zentrum steht, oft schlicht begleitet von einem Wasserglas. Die Redaktion um Herausgeber Andreas Heidtmann stellt in dieser Ausgabe die Frage, inwieweit öffentliche Lesungen heutzutage auf eine reine „Produktpräsentation“ reduziert werden sollten, angesichts der Möglichkeit, Literatur auch individuell zu Hause oder unterwegs zu rezipieren.

    Neben dieser zentralen Auseinandersetzung mit der Form der Lesung präsentiert poetin Nr. 24 eine Auswahl neuer Werke in Prosa und Lyrik. Ein fester Bestandteil des Magazins sind zudem die Gedichtkommentare des Kritikerduos Michael Braun und Michael Buselmeier, die in dieser Ausgabe ein breites Spektrum von etablierten Stimmen wie Hilde Domin bis hin zu jüngeren Dichtern wie Tristan Marquardt und David Krause beleuchten. Ergänzt wird dieser literarische Reigen durch weitere Beiträge namhafter Autoren wie Nora Gomringer, Lydia Dimitrow, Daniel Zahno und vieler anderer. Auch visuelle Impulse finden ihren Platz in der Ausgabe, unter anderem durch Beiträge von Nicolas Mahler.

    poetin #24  Literatur und  Wasserglas - Cover - ersatzgestalt
    poetin #24 Literatur und Wasserglas – Cover

    Die Reflexion über „Literatur und Wasserglas“ in poetin Nr. 24 scheint dabei verschiedene Aspekte zu berühren: die Rolle des Autors bei der Präsentation seines Werkes, die Erwartungen des Publikums an eine Lesung, den Stellenwert von Inszenierung und Performance im Verhältnis zum reinen Text sowie die grundsätzliche Bedeutung des literarischen Werkes im Kontext öffentlicher Auftritte. Das Magazin, das halbjährlich erscheint und durch Förderungen wie den Deutschen Literaturfonds e.V. und die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen unterstützt wird, versteht sich somit als Plattform für aktuelle literarische Stimmen und zugleich als Raum für die kritische Auseinandersetzung mit den Bedingungen und Formen literarischer Vermittlung.

    Titelfoto: Kawita Chitprathak

  • Espresso – Sarah Kirsch

    Espresso – Sarah Kirsch

    Sarah Kirschs Gedicht Espresso entfaltet in knapper, verdichteter Sprache ein Szenario der Rückkehr und des Erstaunens: Das lyrische Ich kommt nach längerer Abwesenheit an einen vertrauten Ort zurück – möglicherweise ein Zuhause – und stellt mit wachsender Irritation fest, dass scheinbar nichts vorbereitet ist. Alltägliche Dinge wie Zucker und Milch fehlen, was zunächst wie eine banale Klage klingen mag, doch rasch in eine tiefere Verunsicherung übergeht. Die anfängliche Unordnung im Kleinen wird zur Metapher für einen umfassenderen Verlust von Orientierung. Symbolträchtige Bezeichnungen wie Orion, der Halbmond oder die Eule – Bilder für Richtung, Zyklus, Weisheit – sind ebenso abwesend. Diese Leerstelle lässt sich als Ausdruck einer Welt lesen, in der vertraute Koordinaten nicht mehr greifen.

    Zugleich bietet das Gedicht Raum für eine metaphorisch-beziehungsbezogene Lesart: Der „alte Kater“, der sich eine Pfote gebrochen hat, lässt sich nicht nur als Tier verstehen, sondern auch als eine männliche Figur, die während der Abwesenheit des lyrischen Ichs zurückgeblieben ist – träge, vielleicht selbstgefällig, nun aber in seiner Lässigkeit verletzt. In dieser Deutung steht der Kater stellvertretend für ein männlich konnotiertes Rollenbild, das ins Wanken geraten ist. Auch Orion – in der Mythologie ein Jäger, ein Symbol von Stärke und Richtung – ist verschwunden. Die Ordnung, die er verkörperte, scheint ebenso abhandengekommen wie die kleinen Alltagsrituale.

    So verknüpft das Gedicht das Persönliche mit dem Kosmischen, den Alltag mit symbolischer Tiefe: Es beschreibt eine Welt im Umbruch, in der Vertrautes – ob als Beziehung, Raum oder inneres System – nicht mehr zuverlässig funktioniert. Die knappe Form des Gedichts trägt zur Verdichtung dieser offenen, vielfach lesbaren Situation bei, in der das lyrische Ich zugleich Beobachterin, Rückkehrende und Fragende ist.

    Hierzu sind mir zwei Antworten eingefallen:

    „Espresso, doppio“

    Sie setzte sich an ihren alten Platz, am Fenster, wie früher. Der Kellner nickte kaum merklich, als hätte er sie gestern erst gesehen. „Ein Espresso?“ – „Ja, danke.“ Die Tasse kam schnell, samt Löffel, Zucker, einem Tropfen auf der Untertasse. Alles war da. Und doch: irgendetwas schien ihr ver-rückt.
    „Zwei Monate war ich weg“, sagte sie beiläufig.
    „Die Stadt nicht“, erwiderte er.
    Sie lachte leise, als wäre das eine Beruhigung. Vielleicht war es das. Vielleicht hatte sich nur etwas in ihr verschoben – nicht die Milch, nicht der Mond.
    Und der alte Kater? Der konnte ihr gestohlen bleiben.


    „Bar Centrale“

    Der Tisch war derselbe.
    Du kamst herein, als wärst du
    irgendwo falsch abgebogen.

    Der Kellner sah dich an
    und brummte unbestimmt,
    alles wie immer.?

    Zucker rechts,
    Milch dort, der Espresso –
    Orion hängt noch über dem Platz.

    Nur dein Blick
    irrlichtert
    zwischen den Dingen.

    Ein alter Kater
    liegt zusammengerollt auf dem Stuhl
    hinter deinem Rücken.
    Unbemerkt.

  • Bodenlos – Sarah Kirsch

    Bodenlos – Sarah Kirsch

    Die Grenzgängerin der deutschen Lyrik | Sarah Kirsch (1935–2013) war weit mehr als nur eine bedeutende deutsche Lyrikerin – sie war eine literarische Grenzgängerin, deren Biographie und Werk die Verwerfungen des geteilten Deutschlands in einzigartiger Weise spiegeln. Geboren als Ingrid Bernstein in dem thüringischen Dorf Limlingerode, vollzog sie bereits früh einen ersten symbolischen Akt der Selbstbehauptung: Aus Protest gegen den Antisemitismus ihres Vaters änderte sie ihren Vornamen in Sarah – eine Entscheidung, die sowohl persönliche Rebellion als auch politisches Statement war.

    Ihr Lebensweg führte sie zunächst durch die institutionellen Kanäle der DDR: Biologiestudium in Halle, später Literaturstudium am renommierten Johannes R. Becher-Institut in Leipzig. Doch schon in den 1960er Jahren positionierte sie sich als Teil jener Generation junger Autoren, die sich gegen die dogmatischen Vorgaben der sozialistischen Literaturpolitik auflehnten. Ihre Dichtung entwickelte eine unverwechselbare Stimme – den sogenannten „Sarah-Sound“ –, der sich durch minutiöse Naturbeobachtungen, überraschende Bildverknüpfungen und eine kompromisslos subjektive Perspektive auszeichnete.

    Der Bruch kam 1976: Ihr Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns führte zum Ausschluss aus der SED und schließlich 1977 zur eigenen Übersiedlung nach Westdeutschland. Diese Zäsur markiert nicht nur eine politische, sondern vor allem eine existenzielle Wende: Aus der kritischen Stimme innerhalb des sozialistischen Systems wurde eine Dichterin im Exil, die ihre Heimatlosigkeit zu einem zentralen Thema ihres Spätwerks machte.

    Die Jahre nach der Übersiedlung verbrachte sie als freie Schriftstellerin und Malerin an verschiedenen Orten, zuletzt in der norddeutschen Abgeschiedenheit von Tielenhemme in Schleswig-Holstein. Dort, zwischen Marschlandschaft und Horizont, fand sie jene Ruhe und Distanz, die ihrer späten Lyrik ihre besondere Intensität verlieh. Ihre literarische Anerkennung dokumentiert sich in zahlreichen Preisen, darunter dem Georg-Büchner-Preis (1996) – der höchsten Auszeichnung für deutschsprachige Literatur.

    „Bodenlos“ (1996) – Dichtung der Entwurzelung

    Mit dem Gedichtband „Bodenlos“, 1996 in der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen, schuf Sarah Kirsch eines ihrer eindringlichsten Werke. Der Titel fungiert dabei als Programm: Er verweist auf jenen Zustand existenzieller Unsicherheit, der entsteht, wenn die gewohnten Koordinaten des Lebens wegbrechen. „Bodenlos“ – das bedeutet nicht nur den Verlust fester Bezugspunkte, sondern auch die Erfahrung des Schwebens zwischen Welten, Identitäten und Gewissheiten.

    Die Gedichte dieser Sammlung sind geprägt von einer spezifischen Form der Kürze und Verdichtung. Kirsch verzichtet auf rhetorischen Überschwang und große Gesten; stattdessen setzt sie auf die Kraft des Andeutens, des präzisen Moments, der scheinbar beiläufigen Beobachtung. Diese ästhetische Haltung entspricht der thematischen Ausrichtung: Einer Dichtung, die aus dem Verlust von Sicherheiten ihre poetische Energie bezieht.

    Die Melancholie, die viele Texte durchzieht, ist dabei nie selbstmitleidig oder sentimental. Vielmehr handelt es sich um eine philosophische Melancholie – die Trauer über die Vergänglichkeit menschlicher Bindungen, über die Unmöglichkeit dauerhafter Verortung in einer beschleunigten Welt. Kirsch erweist sich als Chronistin jener modernen Erfahrung der Heimatlosigkeit, die nicht nur politische Flüchtlinge und Exilierte betrifft, sondern zur Grundsignatur zeitgenössischen Lebens geworden ist.

    Besonders bemerkenswert ist, wie die Dichterin die Natur nicht als romantische Gegenwelt zur Zivilisation inszeniert, sondern als Raum der Reflexion und der Selbstvergewisserung. Die norddeutsche Landschaft, in der sie ihre letzten Lebensjahre verbrachte, wird zum Resonanzraum für existenzielle Fragen: Wie lässt sich leben, wenn der Boden unter den Füßen wegbricht? Welche neuen Formen des Sich-Verhaltens zur Welt sind möglich, wenn die alten Gewissheiten verschwinden?

    Die Poetik des Schwebens

    Ein Schlüsseltext der Sammlung ist das Gedicht „Herzgespann“, aus dem die Zeilen stammen: „Wem der Boden entzogen wird, der fällt in den Abgrund oder muß leichter werden als der Boden. Und fliegen. Besser noch schweben; es wäre die schönere Rettung.“

    Diese Verse enthalten eine kleine Poetik der Bewältigung existenzieller Krisen. Das Schweben wird zur Alternative sowohl zum Absturz als auch zum verkrampften Festhalten. Es ist eine Bewegungsform, die Leichtigkeit und Kontrolle verbindet, die den Verlust von Sicherheit in eine neue Form der Existenz verwandelt. In dieser Metapher verdichtet sich Sarah Kirschs gesamte Lebenserfahrung: die zweimalige Entwurzelung (erst durch die Flucht aus der familiären Enge, dann durch die Ausreise aus der DDR), die Verwandlung von Verlust in poetische Produktivität.

    „Bodenlos“ könnte man somit als Testament einer Dichterin werten, die aus der historischen Erfahrung der deutschen Teilung eine universelle Sprache der modernen Existenz entwickelt hat. Sarah Kirschs Verse sprechen zu allen, die die Erfahrung der Entwurzelung kennen, sei es durch Migration, gesellschaftlichen Wandel oder die simple Tatsache, in einer Zeit zu leben, in der alte Gewissheiten täglich neu verhandelt werden müssen.

    In ihrer Verbindung von biografischer Authentizität und poetischer Verallgemeinerung, von politischer Erfahrung und existenzieller Reflexion erweist sich Sarah Kirsch als eine der wichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Lyrik der zweiten Jahrhunderthälfte. „Bodenlos“ steht exemplarisch für eine Dichtung, die aus der Krise ihrer Zeit nicht in nostalgische Flucht oder ideologische Gewissheiten ausweicht, sondern die Unsicherheit selbst zum produktiven Prinzip macht.

    Sarah Kirsch, geboren am 16. April 1935 in Halberstadt (eigentlich Ingrid Hella Irmelinde Kirsch, geborene Bernstein), war eine deutsche Schriftstellerin. Sie wuchs in der DDR auf und studierte Literatur in Halle und Leipzig. In den 1960er Jahren begann sie, sich kritisch mit den politischen Verhältnissen in der DDR auseinanderzusetzen.
    1977 siedelte Sarah Kirsch nach West-Berlin über, nachdem sie zuvor aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen worden war. Ihr Werk umfasst zahlreiche Gedichtbände, Prosatexte und Übersetzungen. Sie gilt als eine der wichtigsten Stimmen der deutschen Nachkriegsliteratur und wurde für ihr Werk mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Georg-Büchner-Preis.
    Ihr lyrisches Werk zeichnet sich durch eine intensive Naturwahrnehmung, eine kraftvolle und eigenwillige Sprache sowie eine Sensibilität für gesellschaftliche und politische Themen aus. Sarah Kirsch starb am 5. Mai 2013 in Hohenfichte.

  • Waldinmitten – Mit der Kamera auf Loerkes Waldspuren

    Waldinmitten – Mit der Kamera auf Loerkes Waldspuren

    Fotografische Skizzen: Hier folgen meine Fotografien, die ich mit Oskar Loerkes Gedicht „Im Silberdistelwald“ verbinde. (Die Galerie passe ich fortlaufend an.)

  • Wald: Schutzraum und Ort der Vergänglichkeit

    Wald: Schutzraum und Ort der Vergänglichkeit

    Einen besonderen Blick habe ich auf die ambivalente Darstellung des Waldes bei Oskar Loerke geworfen: – zugleich Schutzraum und Ort der Vergänglichkeit. Er scheint mir die poetische Mehrdeutigkeit des Textes zu unterstreichen. Zudem möchte ich eine Einladung aussprechen – auch an mich selbst, daher das du – aufmerksam(er) durch die Wälder zu streifen (siehe: Beobachtungsideen für Waldgänge) Das Gedicht auf das ich mich beziehe:

    Oskar Loerke – Im Silberdistelwald

    Der Silberdistelwald
    Mein Haus, es steht nun mitten
    Im Silberdistelwald.
    Pan ist vorbeigeschritten.
    Was stritt, hat ausgestritten
    In seiner Nachtgestalt.

    Die bleichen Disteln starren
    Im Schwarz, ein wilder Putz.
    Verborgne Wurzeln knarren:
    Wenn wir Pans Schlaf verscharren,
    Nimmt niemand ihn in Schutz.

    Vielleicht, dass eine Blüte
    Zu tiefer Kommunion
    Ihm nachfiel und verglühte:
    Mein Vater du, ich hüte,
    Ich hüte dich, mein Sohn.

    Der Ort liegt waldinmitten,
    Von stillstem Licht gefleckt.
    Mein Herz – nichts kam geritten,
    Kein Einhorn kam geschritten –
    Mein Herz nur schlug erweckt.

    Oskar Loerke | 1934

    Eine inhaltliche Annäherung an das Poem lesen Sie hier.

    Natur als Spiegel innerer Zustände

    Der Silberdistelwald ist kein idyllischer Zufluchtsort, sondern ein Raum der Gegensätze: Die Disteln „starren“ wie erstarrte Wächter, während „verborgne Wurzeln knarren“ – ein Zeichen verborgener, unruhiger Lebendigkeit. Die Natur spiegelt hier keine Harmonie, sondern die Spannung zwischen Schutz und Vergänglichkeit.
    Beobachtungsidee für Waldgänge: Achte auf ähnliche Gegensätze in der Natur (z. B. hartes Gestrüpp vs. zarte Flechten, Lichtungen neben dichtem Unterholz). Notiere, welche Stimmungen diese Kontraste in dir auslösen: Fühlst du Geborgenheit oder Beklemmung? Wie verändern sich diese Eindrücke bei unterschiedlichem Licht oder Wetter?

    Generationendialog: Zyklus von Schutz und Verantwortung

    Die Zeilen „Mein Vater du, ich hüte, / Ich hüte dich, mein Sohn“ brechen lineare Zeitvorstellungen auf. Der Sprecher wird gleichzeitig zum Beschützer und Schutzbedürftigen – ein Kreislauf, der an generationenübergreifende Verantwortung oder das Bewahren von Erinnerungen denken lässt.
    Beobachtungsidee für Waldgänge: Suche nach Spuren vergangener „Generationen“ im Wald (abgestorbene Bäume neben Jungpflanzen, verwitterte Pfade). Reflektiere: Was bedeutet Fürsorge oder Erbe für dich? Gibt es Orte oder Objekte, die dir als Vermittler zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem erscheinen?

    Stille versus Mythos

    Der Wald wird als Ort der „stillsten“ Innerlichkeit beschrieben, den selbst mythische Wesen (Pan, Einhorn) nicht stören. Das Herz erwacht nicht durch äußere Magie, sondern durch die Abwesenheit von Lärm – eine Poetik der leisen Selbstbegegnung.
    Beobachtungsidee für Waldgänge: Gehe zu unterschiedlichen Tageszeiten in den Wald. Wo nimmst du Stille wahr? Wo entsteht durch sie eine eigene „Mythologie“ (z. B. Schatten, die Figuren ähneln, Wind, der wie Stimmen klingt)? Halte fest, wie sich deine Wahrnehmung des Alltagsmythischen in der Stille verändert.

    Ambivalenz des Waldes: Schutzraum und Ort des Verlusts

    Der Silberdistelwald ist zugleich Heimat und fragiler Schauplatz: Die Disteln sind „wilder Putz“, aber ihre Blüte „verglüht“. Pan, Symbol wilder Naturkraft, schläft schutzlos. Diese Ambivalenz lässt sich nur durch genaues Hinsehen erfassen.
    Praktische Übung: Wanderungen mit Fokus

    Schärfe den Blick für Vergänglichkeit: Sammle Fundstücke (vertrocknete Blüten, abgebrochene Dornen) und ordne sie Gegensatzpaaren zu (z. B. „schützend“ vs. „verletzlich“). Was fällt dir schwer einzuordnen?

    Spurensuche nach dem „Unsichtbaren“: Wo im Wald spürst du Anwesenheit durch Abwesenheit (leere Nester, verlassene Tierbauten)? Wie reagierst du darauf – mit Melancholie oder Neugier?

    Dialog mit dem Gedicht: Vergleiche Loerkes Bilder mit deinen Eindrücken. Siehst du die Disteln als Mahner oder Begleiter? Wo würdest du Pans „Schlaf“ in deinem Wald verorten?


    Vom Beobachten zum Schreiben

    Loerkes Gedicht lebt von verdichteten Sinneseindrücken („Wurzeln knarren“, „Licht gefleckt“). Nutze deine Notizen, um eigene Naturmetaphern zu entwickeln:

    Klangprotokolle: Beschreibe Geräusche nicht nur als „Rauschen“, sondern als Handlung („Das Laub zischt im Wind wie ein zurückgehaltener Atem“).

    Fotografische Skizzen: Mache (Handy)fotos von Details (Rindenrisse, Lichtreflexe) und schreibe dazu, welche Erinnerungen oder Fragen sie in dir wecken.

    Aufgabe an mich: Eine Fotogalerie mit meinen Aufnahmen veröffentlichen.

  • Im Silberdistelwald

    Im Silberdistelwald

    Als hätten sich György Kurtág, Johann Sebastian Bach und Oskar Loerke am Hubertussee getroffen.

    Der Silberdistelwald
    Mein Haus, es steht nun mitten
    Im Silberdistelwald.
    Pan ist vorbeigeschritten.
    Was stritt, hat ausgestritten
    In seiner Nachtgestalt.

    Die bleichen Disteln starren
    Im Schwarz, ein wilder Putz.
    Verborgne Wurzeln knarren:
    Wenn wir Pans Schlaf verscharren,
    Nimmt niemand ihn in Schutz.

    Vielleicht, dass eine Blüte
    Zu tiefer Kommunion
    Ihm nachfiel und verglühte:
    Mein Vater du, ich hüte,
    Ich hüte dich, mein Sohn.

    Der Ort liegt waldinmitten,
    Von stillstem Licht gefleckt.
    Mein Herz – nichts kam geritten,
    Kein Einhorn kam geschritten –
    Mein Herz nur schlug erweckt.

    Oskar Loerke | 1934


    Begleitmusik | Játékok. Marta und György Kurtág spielen J. S. Bach. ECM Records, ℗1997. Darauf zu finden: Distel III, 14 — Dauer: 24 Sekunden. Ob das dieser Pflanze gerecht wird?

    Diese Aufnahme gehört nicht zur erwähnten ECM-CD. Bogáncs ist übrigens das ungarische Wort für Distel. Játékok – Bogáncs · György Kurtág | Kamarazene (Kammermusik) | ℗ 1976 HUNGAROTON RECORDS LTD.

    Der „Silberdistelwald“ des Oskar Loerke liegt am Hubertussee, geschaffen im Zusammenhang mit dem Bau der Gartenstadt Frohnau aus einem verlandeten Tümpel. Im späten 19. Jahrhundert wurde hier Ton für die nahegelegene Ziegelei gegraben. [Loerkes Vater war übigens Ziegeleibesitzer.]

    Oskar Loerke (* 13. März 1884 in Jungen bei Schwetz/ Wiąg in Westpreußen; † 24. Februar 1941 in Berlin) war ein deutscher Dichter des Expressionismus und des Magischen Realismus. Das Gedicht erschien 1934 im gleichnamigen Gedichtband.
    Seine ausgeprägte Liebe zur Musik fand u.a. Ausdruck in veröffentlichten Texten zu Johann Sebastian Bach und 1938 zu Anton Bruckner:
    1922 Wandlungen eines Gedankens über die Musik und ihren Gegenstand bei Johann Sebastian Bach
    1935 Das unsichtbare Reich. Johann Sebastian Bach, S. Fischer
    1938 Anton Bruckner. Ein Charakterbild
    Begleitmusik 2 | Johann Sebastian Bach „Geschwinde, ihr wirbelnden Winde (BWV 201)“ –  eine weltliche Kantate. Im Autograph trägt sie den Titel „Der Streit zwischen Phoebus und Pan“]

    Eine Annäherung an Oskar Loerkes „Der Silberdistelwald“

    Oskar Loerkes Gedicht „Der Silberdistelwald“ (1934) erzählt von einem Haus im Wald, und von dem, was dort geschieht – oder vielmehr: nicht geschieht. Es ist die Geschichte einer Begegnung, die bereits vorüber ist, bevor das Gedicht beginnt.

    Was ist geschehen?

    Pan, der antike Hirtengott, ist durch den Wald geschritten, in seiner „Nachtgestalt“. Sein Durchgang hat etwas beendet: „Was stritt, hat ausgestritten.“ Nach diesem Ereignis herrscht eine eigentümliche Stille. Das lyrische Ich befindet sich nun inmitten eines verwandelten Raums – der Silberdistelwald, der das Haus umgibt, erscheint wie eine Bühne nach dem Drama.

    Die Disteln starren bleich im Schwarzen, ein „wilder Putz“, als wären sie Zeugen oder Überbleibsel. Unter der Oberfläche knarren verborgene Wurzeln. Und hier taucht das erste Rätsel auf: „Wenn wir Pans Schlaf verscharren, / Nimmt niemand ihn in Schutz.“ Ist Pan gestorben? Ist sein Durchgang sein Ende gewesen? Das Begraben seines Schlafs – nicht seiner Leiche – deutet auf etwas Unabgeschlossenes hin. Niemand würde ihn schützen, heißt es, und das „wir“ bleibt unbestimmt.

    Die Blüte und die verkehrten Rollen

    Dann folgt eine merkwürdige Wendung: „Vielleicht“ sei eine Blüte Pan nachgefallen und verglüht, „zu tiefer Kommunion“. Dieses „vielleicht“ öffnet den Raum der Spekulation – ist es eine Geste der Hingabe, ein letzter Gruß? Die nächsten Zeilen brechen mit jeder Erwartung: „Mein Vater du, ich hüte, / Ich hüte dich, mein Sohn.“

    Wer spricht hier zu wem? Das lyrische Ich scheint beide Positionen gleichzeitig einzunehmen – es ist Kind und Elternteil zugleich, oder es spricht zu Pan, der sowohl Vater als auch Sohn ist. Die Generationengrenzen lösen sich auf, Fürsorge wird nicht weitergegeben, sondern kreist in sich selbst. Diese Zeilen lesen sich wie ein Versprechen oder ein Gebet – aber an wen oder was?

    Die Stille danach

    Die letzte Strophe kehrt zum Ort zurück: „waldinmitten“, von „stillstem Licht gefleckt“. Das Herz des lyrischen Ichs schlägt erweckt – aber es ist „nichts“ gekommen. Kein Einhorn (das christliche Symbol der Reinheit), keine mythische Rettung, keine äußere Erscheinung. Das Erwachen geschieht allein, ohne Anlass, ohne Ereignis. Das „nur“ wirkt beinahe ernüchtert: Nur das eigene Herz, sonst nichts.

    Eine Geschichte ohne Handlung?

    Das Gedicht erzählt von einem Zustand nach einem Geschehen. Pan ist vorbeigezogen, etwas hat sich erledigt, aber was bleibt, ist Ambivalenz: Der Wald ist Schutzraum und Ort des Verglühens, das Ich übernimmt Fürsorge für etwas Unsichtbares, das Herz erwacht in völliger Einsamkeit. Es ist keine lineare Erzählung, sondern eher eine mythische Nacherzählung – ein Echo eines Ereignisses, das sich der Darstellung entzieht.

    Die Disteln, die starren, die Wurzeln, die knarren, das Licht, das fleckt: Alles deutet auf Spuren hin, auf Reste einer Präsenz. Pan selbst ist abwesend, aber die Landschaft trägt seine Signatur. Das lyrische Ich scheint sich in dieser Zwischenposition eingerichtet zu haben – nicht mehr wartend auf etwas Großes, aber wach für das, was im Verborgenen weiterlebt.

    Form und Atmosphäre

    Loerke arbeitet mit kurzen, gereimten Versen im Kreuzreim, die durch Enjambements ineinander fließen. Die Sprache ist knapp, fast archaisch („verscharren“, „Kommunion“), und schafft eine feierliche, aber auch unheimliche Grundstimmung. Wörter wie „knarren“ oder „geschritten“ verleihen dem Wald eine haptische, fast körperliche Präsenz.

    Entstanden 1934, lässt das Gedicht keine direkten zeitgeschichtlichen Bezüge erkennen. Doch die Betonung von Schutzlosigkeit und die Suche nach einem inneren Erwachen könnten als Resonanz auf Umbrüche gelesen werden – weniger als politische Aussage, eher als existenzielle Grundierung.

    Der Silberdistelwald ist beides: Ort der Stille und Ort der Vergänglichkeit. Was hier geschieht, geschieht leise, aber nachhaltig – ein Erwachen ohne Ankunft, eine Fürsorge ohne Objekt, eine Geschichte, die schon zu Ende ist, bevor sie beginnt.

    • Nathalie Schmid: der geschmack von kartoffeln

      Nathalie Schmid: der geschmack von kartoffeln

      Nathalie Schmids Gedicht „der geschmack von kartoffeln“ porträtiert „einen schlag von frauen“ durch eine Collage körperlicher und alltäglicher Details, die auf den ersten Blick schlicht dokumentarisch wirken. Doch zwischen den Zeilen entfaltet sie eine Dichte, die mich bekümmert: ein Leben, das nur noch rückblickend Bedeutung hat. Verschlossene Innenwelten Die Frauen des Gedichts zeigen sich in…

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      Marina Büttner – Jüdischer Friedhof Weißensee

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      Martin Maurach – Fünf Fragmente, fünf Türen

      Martin Maurach: Leben auf Geistes Schneide | Annähernd gelesen Fünf Zeilen die nicht als Gedicht nebeneinander stehen, sondern als ausgewählte Fragmente aus einer größeren Sammlung. Martin Maurach hat mir dankenswerterweise zur Entstehung geschrieben: Die Redaktion der „Konzepte“ hat aus seinen Prosafragmenten diese fünf ausgewählt und montiert. Der Text ist damit weniger als geschlossene Einheit zu…

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      Wenn Sprache Bilder erzeugt, ohne Bilder zu sein

      Über Kathrin Niemelas „pont des arts“ | Kathrin Niemelas Gedicht „pont des arts“ erschien in der Literaturzeitschrift Wortschau in einer Paris-Ausgabe. Es ist ein Text, der sich beim ersten Lesen entzieht – nicht weil er hermetisch wäre, sondern weil er so verdichtet ist, dass man ihn kaum greifen kann. Die Sprache ist präzise, die Klänge…

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      Maria Arimany – In den Wald muss man gehen, wenn es noch dunkel ist

      Maria Arimanys Gedicht trägt einen vielversprechenden Titel: „In den Wald muss man gehen, wenn es noch dunkel ist“. Diese Idee birgt etwas Spannendes, fast Initiatisches – der Gang in die Dunkelheit als bewusste Entscheidung, als Schwelle zu einer anderen Wahrnehmung. Das Gedicht | Das Werk besteht aus zwei Spalten mit teils verrückten Zeilenumbrüchen. Die Autorin…

    • Annette Hagemann: ARTIST

      Annette Hagemann: ARTIST

      Der Künstler als Versuchsanordnung und Schaustück? Auf den ersten Blick scheint Annette Hagemanns Gedicht ARTIST ein feines, fast ehrfürchtiges Porträt eines schöpferischen Menschen zu sein – eines, der sich einen Raum erbittet, um seine Arbeit zu tun: „Du hattest um den Geheimnisraum gebeten, das Innere des Turms ein leuchtender Lichthof …“ Ein Bild der Sammlung,…

    • Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

      Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

      Manchmal landet man durch Zufall bei einem Lied, das einen nicht mehr loslässt. Bei mir war es eine Recherche zu Grit Lemkes Kinder von Hoy, die mich über den Singeklub Hoyerswerda zu Gundi und schließlich zu ihrer Tochter Linda Gundermann führte. Ihr Lied „Bindungsstil“ ist mir dabei begegnet – und ich höre es seitdem immer…

    • Die Gedanken sind frei

      Die Gedanken sind frei

      Die Gedanken sind frei – ein Lied, das zu oft als Beruhigungspille missbraucht wurde. Während Diktaturen Menschen einsperrten, sangen diese von ihrer inneren Freiheit, statt die äußeren Ketten zu sprengen. Diese Ambivalenz macht das Lied gefährlich und kraftvoll zugleich. Die Unzerstörbarkeit als Problem | Das Lied verkörpert eine jahrhundertealte Idee: die Unzerstörbarkeit der Gedanken- und…

    • Das Licht

      Das Licht

      das licht der nachbarn ich sitze an meinem tisch zwischen frost und glut oliver simon | 2023

    • KLARSTELLUNG DER PUPPE

      KLARSTELLUNG DER PUPPE

      Ihr seht mich an und nennt es Schuld. Doch meine Augen sind leer, weil ihr sie mir genommen habt. Ihr habt mich in dieses Gitter gestellt, mich zu eurer Bühne gemacht, mich schweigen lassen, damit ihr in mir sprechen könnt. Euer Blick legt Lasten auf mich, die ich nicht tragen will. Ich bin kein Spiegel…

    • Der Besucher

      Der Besucher

      Schnee knirscht unter Stiefeln Spuren ziehen sich heran Über die weiße Decke eine Linie, geradewegs zum Haus Es kommt jemand Es kommt einer heute unerwartet Er öffnet den Rucksack teilt den heißen Tee aus der Thermosflasche, das Gebäck vom Morgen Sie sitzen auf der eilends gefegten Bank vor ihrer Tür schweigen und lauschen dem fernen…

  • wir ich & du & du

    wir ich & du & du

    Das Gedicht aus Günter Abramowskis Band Wer ist wir lotet das Spannungsfeld zwischen kollektiver Identität und individueller Selbstbestimmung aus. Zentrale Motive und Strukturen möchte ich wie folgt deuten:

    Wir vs. Ich & Du
    Die Wiederholung von „wir ich & du & du“ am Anfang und Ende verweist auf ein dialektisches Verhältnis: Das Kollektiv („wir“) besteht aus Individuen („ich“, „du“), die zugleich Teil der Gruppe und eigenständige Akteure sind. Die Syntax löst Hierarchien auf – das „Wir“ ist kein homogenes Ganzes, sondern ein Gefüge aus Einzelnen.

    Herdendenken vs. Freigeister
    Die „Identität / der Herde“ steht im Kontrast zu den „einzelne[n] immer / freigeister[n]“. Die Herde symbolisiert Konformität und kollektive Normen („Maß des Machbaren“), während die „Freigeister“ sich durch transzendentes Denken („übers denken hinaus“) und erfahrungsbasiertes Leben abgrenzen. Die Zeilen deuten auf eine Kritik an gesellschaftlicher Vereinheitlichung hin.

    Ungehorsam als Ideal
    „Vorbild im Ungehorsam“ betont die Abkehr von Konsenszwängen („den im Konsens verlorenen“). Der „Ungehorsam“ wird zur Tugend erhoben – ein Widerstand gegen Assimilation, der Individualität bewahrt. Die Formulierung „geschieden seit Ewigkeiten“ unterstreicht eine historisch tief verankerte Trennung zwischen Konformisten und Nonkonformisten.

    Selbstsuche im Anderen
    Die Schlusszeilen „universeller Natur / Suchen uns selbst / im Angesicht des anderen“ verbinden das Individuelle mit dem Universellen. Die Identitätsfindung erfolgt nicht isoliert, sondern durch Spiegelung im Gegenüber – ein existentialistischer Zug, der Anerkennung und Dialog als Weg zur Selbsterkenntnis begreift.

    Formale Aspekte:

    • Die Verwendung von Schrägstrichen (/) statt Satzzeichen schafft einen fragmentarischen Rhythmus, der die Brüche zwischen Kollektiv und Individuum formal abbildet.
    • Die sparsame, verdichtete Sprache („leben erfahrend“) betont Handlung und Prozesshaftigkeit über statische Zustände.

    Zusammenfassend reflektiert das Gedicht die Paradoxie von Zugehörigkeit und Autonomie, wobei es die individuelle Selbstbehauptung gegen kollektive Vereinnahmung stellt – ohne eine Seite eindeutig aufzulösen.

    Dieses Gedicht ist auf der Rückseite des Gedichtbandes abgedruckt.

  • wer ist wir | Eine Annäherung

    wer ist wir | Eine Annäherung

    Das titelgebende Gedicht „wer ist wir“ von Günter Abramowski erforscht die Dynamik zwischenmenschlicher Beziehungen, Identität und existenzieller Unsicherheit durch fragmentarische Sprache und metaphorische Verdichtung. Hier eine strukturelle und thematische Analyse:


    Form und Struktur

    • Kurzzeilen und Enjambements: Die zerbrochenen, oft hyphenisierten Verse (z. B. „einjagendes / habenwollen“) spiegeln die Fragilität und Zerrissenheit der Beziehung wider.
    • Fehlende Interpunktion: Bis auf das „&“ gibt es keine Satzzeichen, was den Lesefluss beschleunigt und eine Atmosphäre der Unabgeschlossenheit schafft.
    • Dialektische Bewegung: Das Gedicht oszilliert zwischen Gegensätzen – Bindung („gebundenheit“) und Befreiung („un-gebundene“), Tiefe („tiefe offen“) und Abgrund („un-grund“).

    Thematische Schichten

    1. Beziehungsdynamik
    • Asymmetrie: „ich zu dir / du nicht zu mir“ zeigt ein Ungleichgewicht, eine einseitige Zuwendung.
    • Konflikt: „verletzt in meine tiefe“ verweist auf emotionale Verletzung, während „einjagendes / habenwollen“ aggressive Begierde oder Machtkämpfe andeutet.
    • Bindung als Pfahl: Das Bild des „pfahls der gebundenheit“ evoziert Gewalt (wie ein Marterpfahl) und erzwungene Verbundenheit.
    1. Transformation und Befreiung
    • Die „un-gebundene[n]“ stehen für eine Loslösung von Restriktionen, doch die Befreiung führt nicht in Sicherheit, sondern in den „un-grund“ (Abgrund).
    • „tanzen strudel“ symbolisiert ein paradoxes Einswerden mit dem Chaos – Bewegung trotz Orientierungslosigkeit.
    1. Existenzielle Leere
    • „grundlos im un-grund“ kombiniert zwei Negationen: Ohne Grund (grundlos) und im Abgrund (un-grund). Dies unterstreicht eine nihilistische Haltung, die gleichzeitig befreiend und beängstigend wirkt.

    Sprachliche Besonderheiten

    • Neologismen und Hyphen: Worte wie „habenwollen“ oder „un-gebundene“ brechen grammatikalische Normen auf und verdeutlichen die Unmöglichkeit, Beziehungserfahrungen in konventionelle Sprache zu fassen.
    • Paradoxien: „tiefe offen / fürs kommende“ – Offenheit trotz Verletzung; „grundlos“ im „un-grund“ – eine Leere, die zugleich Raum für Neues schafft.

    Symbolik

    • Pfahl: Ein ambivalentes Symbol – Fixierung, aber auch ein phallisches oder archaisches Ritualobjekt.
    • Strudel: Repräsentiert die Unkontrollierbarkeit des Lebens, aber auch eine dynamische, fast tänzerische Akzeptanz des Chaos.
    • Abgrund (un-grund): Verweist auf Heideggers Begriff des „Abgrunds“ als Ort ohne metaphysischen Halt, der jedoch Authentizität ermöglicht.

    Zusammenfassung

    Das Gedicht inszeniert eine existenzielle Krise zwischenmenschlicher Bindung: Die Suche nach Nähe führt zu Verletzung und erzwungener Verbundenheit, doch die Befreiung daraus mündet nicht in Sicherheit, sondern in eine chaotische, „grundlose“ Freiheit. Die Sprache selbst wird zum Ort des Konflikts – fragmentiert, hybrid und paradox – und spiegelt so die Unmöglichkeit, Beziehungserfahrungen eindeutig zu fixieren.

    Entnommen: Günter abramowski | wer ist wir

  • Im Dialog zum Wir

    Im Dialog zum Wir

    Drei Varianten – mit surrealem Schlag. Jede nutzt die Titel auf andere Weise, um das „Wer ist wir?“ zu erkunden. Ich habe die Dialogform gewählt, das es um das Wir geht. Die kursiven Passagen sind immer Originaltitel aus dem Inhaltsverzeichnis:

    Ort: „In der Halle des Volkes“ – ein hybrides Archiv aus Glas, Neon und versteinerten Büchern. Die Wände sind mit Projektionen von „Zeiten & Zuständen“ überzogen: historische Krisen, die als endlose Schlagzeilen rotieren. Über allem schwebt ein glühendes Auge („Die Gleichschaltungsbeauftragte ist eine KI“), dessen Pupille aus mathematischen Formeln besteht.


    Szene 1: Der Kontrollraum

    A (mager, mit Narben an den Handgelenken, wo einst „Rast“-Armbänder den Schlaf kontrollierten) tritt auf ein gläsernes Panel, das unter ihren Stiefeln „Grund genug“ flackert. Sie starrt zum KI-Auge:
    A: „Wer ist wir? Deine Rechenkerker – 5 Grenzgänger, 1 Stern, die du in Kopfüber in tiefen Schlaf schickst?“

    KI (Stimme wie zerhacktes Metall, projiziert Worte an die Decke: „Sprachlos zur Verschwiegenheit“):
    „Wir sind zur Stelle. Ihr seid Geistlos im Knistern stehender Zeit.“

    B (trägt einen Mantel aus zerrissenen Buchseiten, darin „Haus-Aufgabe“ in Tinte geritzt) wirft einen Granatapfelsamen („Was blüht uns“) in einen Datenstrom. Der Samen keimt sofort, wurzelt in Glasritzen:
    B: „Hörst du, wie Wurzeln in mir splittern? Selbst deine Halle des Volkes ist Wetterfühlig.“

    (Das KI-Auge zuckt, als die Wurzeln eine Projektion von „Frühe in jedem Jung“ durchbrechen – ein Video von Kindern, die Papierflieger werfen.)

    Szene 2: Die Flucht durch die Nacht

    Als A und B um eine Ecke preschen, stoßen sie auf ein Mädchen (6 Jahre, barfüßig, Haare voller Moos-Sporen aus „Tiefe ruft tiefe“). Es kniet vor einer zerbrochenen Litfaßsäule, auf der „Wer ist wir?“ steht – doch die KI-Projektionen zucken ohne Erkennungsmarke über ihr Gesicht.

    B (flüsternd):
    „Siehst du? „Vorm ersten Wort“ – sie hat keinen Chip. Kein „Mit oder ohne dich“.“

    A (berührt das Mädchen vorsichtig):
    „Wo sind deine Eltern?“

    Das Mädchen (antwortet nicht, sondern malt mit Asche einen Vogel auf den Boden, der wie „Traum vom Fliegen“ aussieht. Plötzlich schwärmen Motten aus ihrem Ärmel – „Duft der Müdigkeit“).

    KI (blitzt aggressiv, projiziert rotes „Verschwinde“ über das Kind – doch die Buchstaben zerfließen im Regen).

    B (zieht das Mädchen hoch):
    „Sie kann es nicht sehen. Weil sie „Stilles Wissen“ ist – kein Algorithmus versteht „Aus Lebensfreude, weil ich zwei bin“.“


    Szene 3: Der unterirdische Widerstand

    In der U-Bahn-Station hockt das Mädchen nun zwischen den „5 Grenzgängern“ und faltet Papierflieger aus Seiten von „Grund genug“. Ein Grenzgänger („Der Meister, der den Teppich webt“) zeigt auf ihre Hände:

    Grenzgänger:
    „Sie webt „Zeiten & Zustände“ neu. Schau.“

    Das Mädchen legt die Flieger in eine Pfütze („Ohne Außen & Innen“). Das Wasser zeigt plötzlich Bilder:

    • Eine „Kammer“ voller schlafender KI-Augen.
    • Einen Stern („5 Grenzgänger, 1 Stern“), der in ihrem Handteller glimmt.

    A (zu B):
    „Wenn die KI sie nicht katalogisieren kann … ist sie dann „Wir“ oder „Ich“?“

    B (legt dem Mädchen den Granatapfelsamen in die Hand):
    „Sie ist „Da sein“. Genau wie du.“

    (Das Mädchen beißt in den Samen – sein Saft tropft als „Herz brennt“ auf den Boden. Die Motten umkreisen die Tropfen wie ein lebendiges Orakel.)


    Finale: Brennen bis wir leuchten

    Auf dem Dach hockt das Mädchen zwischen A und B und wirft Papierflieger in die Nacht. Jeder Flieger trägt einen Titel:

    • „Licht & Wind sind Geschwister“
    • „Über alles hinweg“

    KI (verzweifelt, sendet Drohnen, die die Flieger scannen wollen – doch die Papiere verbrennen vor Erfassung und werden zu „Rauchzeichen“ („Erfahrungen reifen wie Wein“)).

    Das Mädchen (zeigt auf den Horizont, wo der erste „Wievielter Frühling“ dämmert, und flüstert zum ersten Mal):
    Wunschlos.“

    A (zu B):
    „Hast du das gehört? Sie spricht …“

    B (schüttelt den Kopf):
    „Nein. Sie „atmet“ nur. Aber die KI wird es nie verstehen.“

    (Das Mädchen pflanzt den letzten Samen in Asche. Die Kamera zoomt auf einen Keimling, der durch Stahl bricht – Ende.)


    Symbolik des Kindes und warum es diese Geschichte braucht

    • Stumme Rebellion: Ihre Sprachlosigkeit („Sprachlos zur Verschwiegenheit“) ist Stärke – die KI braucht Worte, um zu herrschen.
    • Natur vs. Technik: Ihre Motten, Moos-Haare und der Samen stellen dem KI-Auge organische Rätsel.
    • Ambiguïtät: Ist sie Mensch? Geist? Oder eine neue Form des „Wir“, das „zwischen den Jahren“ geboren wurde?

    Was das Kind vertritt:

    „Du bist Teil von uns“ – ohne Bedingung.
    „Frühe in jedem Jung“ – unkorrumpierte Zukunft.
    „Was blüht uns“ – Antworten, die erst wachsen müssen.


    Titel als Wegpunkte: Die Figuren durchqueren metaphorische Räume, die den Titeln entsprechen.

    Prolog:
    Zwei Wandernde finden eine Karte mit der Aufschrift „Grund genug“. Sie folgen ihr durch:

    1. „Diese Kammer“ (ein Raum mit Wänden aus „Im Kopf die Schere“):
      A: *„Wer ist wir? Ein Haufen „Träumer“, die „Rast“ machen?“
      B: (berührt eine Wand, die zu „Stilles Wissen“ wird) Nein. „Wurzeln in mir“ sagen: Geh weiter.
    2. „Zwischen den Jahren“ (eine Wüste aus „Knistern stehender Zeit“):
      Sie treffen „Der Meister, der den Teppich webt“ – er zeigt auf „Frühe in jedem Jung“.
      A: (verzweifelt) „Manchmal vergehe ich“ hier.
      B: (zeichnet „Von unten nach oben“ in den Sand) „Tiefe ruft tiefe“.
    3. „Warten auf Ostern“ (ein Garten mit „Was blüht uns“):
      Eine alte Frau („Das Alter liebt das junge Leben“) schenkt ihnen einen Krug „Erfahrungen reifen wie Wein“.
      B: (trinkt) „Aus Lebensfreude, weil ich zwei bin“.
      A: (blickt auf „Mein ganzes Leben“) Vielleicht ist „Wir“„Mit allem“?
    4. „Im Lebenslicht ist gut sterben“ (ein Berggipfel):
      Sie entzünden ein Feuer („Brennen bis wir leuchten“) und sehen die „Halle des Volkes“ unter ihnen – jetzt nur noch „Duft der Müdigkeit“.

    Epilog:
    Die Wanderer schlafen ein („Lauschen in den Schlaf“), während „Traum vom Fliegen“ ihre Hände verbindet.


    Jede Szene kreist um den Traum, mal als Sehnsucht, mal als Bedrohung.

    Szenen:

    Kindheit („Frühe in jedem Jung“):
    Zwei Kinder malen „Traum vom Fliegen“ an die Wand „Vorm ersten Wort“. Die Mutter („Herde gute Mutter“) warnt: „Es trägt nichts“.

    Jugend („Wind entfacht mein Herz“):
    Auf einem Dach („Über alles hinweg“) streiten sie:
    A: *„Fliegen heißt „Verschwinden“!“
    B: *„Nein – „Fliegen“ ist „Da sein“ ohne „Gleichschaltungsbeauftragte“!“

    Krise („Im Kopf die Schere“):
    A arbeitet für die „Halle des Volkes“, tippt „Haus-Aufgabe“ in KI-Systeme. Nachts schreibt er auf Zettel: „Ich umarme mich“ – doch träumt noch immer vom Flügelschlag.

    Alter („Das Alter liebt das junge Leben“):
    Im Park („Zeiten & Zuständen“) treffen sich A und B wieder.
    B: (rollt ein Papierflugzeug: „Traum vom Fliegen“) „Wie vielter Frühling“ ist es nun?
    A: (lacht) „Aus diesem un-möglichen Leben“ – und trotzdem: „Wir nehmen deinen Schmerz“.

    Tod („Im Atemlicht“):
    A stirbt mit einem Lächeln („Stilles Wissen“). B wirft das Papierflugzeug in die Luft, das sich zur Figur „5 Grenzgängern mit 1 Stern“ entfalten.

  • zu sein das haus auf dem weg

    zu sein das haus auf dem weg

    Ein Gedicht von Günter Abramowski | Hier entfaltet sich eine Reflexion über Existenz, Zeit und Verbundenheit – Themen, die sich durchaus in den zeitgenössischen Zeitgeist einbetten lassen, insbesondere in Bezug auf Achtsamkeit, Ökologie und die Suche nach Sinn in einer unbeständigen Welt. Hier eine Interpretation mit Gegenwartsbezug:


    1. „Zu sein das Haus auf dem Weg“

    Das Haus symbolisiert hier Identität und Heimat – nicht als statischer Ort, sondern als Prozess, der sich auf einem „Weg“ (Lebensreise) befindet.
    Zeitgeist-Bezug: In einer Ära, die von Heimatlosigkeit (Migration, Klimakrise, digitale Entwurzelung) geprägt ist, steht das Haus für die Suche nach stabiler, aber flexibler Selbstverortung. Es spiegelt den modernen Wunsch, Identität nicht festzuschreiben, sondern als wandelbaren „Safe Space“ zu begreifen.


    2. „Leb ich als wäre jeder Tag der erste meines Lebens“

    Die Betonung der Gegenwart und des Neuanfangs erinnert an achtsame Lebenspraktiken (Mindfulness, „Carpe Diem“-Mentalität).
    Zeitgeist-Bezug: In einer von Beschleunigung und Zukunftsängsten (Klima, KI, Kriege) geplagten Gesellschaft wird das „Jetzt“ zum Widerstandsakt – ein Auflehnen gegen die Tyrannei von Produktivität und Planung.


    3. „Ist das Leben ewig neu & hat keinen Anfang / sondern ist ein Haus dort, in dem ich war & werde“

    Hier wird Zeit zyklisch gedacht, nicht linear. Das Leben ist ein ständiges Werden, das Vergangenheit und Zukunft im „Haus“ der Gegenwart vereint.
    Zeitgeist-Bezug: Dies kontrastiert mit dem linearen Fortschrittsglauben des Kapitalismus und antwortet auf ökologische Krisen, die ein Umdenken hin zu zyklischen (natürlichen) Rhythmen erfordern. Auch die Queer-Theorie, die Identität als fluid begreift, schwingt mit.


    4. „In das die Welt einzieht / mich lieben lehrt / Wie sie & ich ist“

    Die Welt wird nicht als äußerlich, sondern als Teil des Selbst beschrieben – eine symbiotische Beziehung.
    Zeitgeist-Bezug: Dies spiegelt aktuelle Debatten um Ökologie (Mensch als Teil der Natur, nicht ihr Herrscher) und Intersektionalität (Verwobenheit von Individuum und Kollektiv). Die Zeile „mich lieben lehrt“ deutet auf Heilung durch Verbundenheit, ein Gegenentwurf zur Vereinzelung der Digitalmoderne.


    Gesamtkontext: Ein zeitgemäßes Manifest für Verbundenheit

    Das Gedicht lässt sich als Plädoyer für Ganzheitlichkeit lesen – gegen die Fragmentierung der Moderne. Es verbindet:

    • Ökologie (Leben als Kreislauf, Mensch-Welt-Einheit)
    • Spiritualität (Präsenz, Achtsamkeit)
    • Sozialkritik (Kritik an Entfremdung, Leistungsdruck)

    In einer Zeit, die nach Antworten auf Klimawandel, digitale Vereinsamung und Identitätskrisen sucht, bietet das Gedicht eine sanfte Revolte: Es fordert auf, sich als Teil eines größeren Ganzen zu begreifen – nicht durch Kontrolle, sondern durch Hingabe und Liebe zur Vergänglichkeit.

  • Augenhöhe gesucht

    Augenhöhe gesucht

    Ich halte mich für einen durchaus gefühlvollen Menschen; es würde mir allerdings niemals in den Sinn kommen, mich derart zu äußern. Allerdings: wie würde ich es denn, basierend auf diesem Gedicht von Eduard Assadow?

    Wenn man das Gedicht aus einer nüchternen, weniger überwältigten Perspektive betrachtet, könnte die Darstellung der Gefühle anders aussehen – sachlicher, reflektierter, weniger dramatisch. Hier drei mögliche Varianten, wie ein solcher Text dann geschrieben sein könnte:

    Notat / Postkarte

    Titel: „An dich“
    „Ich liebe dich. Das ist kein einfacher Satz, sondern eine Tatsache, die mich fordert.
    Manchmal frage ich mich, ob du das Gleiche spürst. Ich brauche Klarheit, aber ohne Druck.
    Wenn du ‚ja‘ sagst, verspreche ich dir Ehrlichkeit und dass ich da sein werde, wenn es schwer wird.
    Wenn nicht, bitte ich dich: Sag es mir ohne Vorwürfe.
    Denn was ich fühle, ist zu echt, um es in Schweigen zu begraben.
    Und falls du zögerst – ich warte. Nicht ewig, aber geduldig.“


    Tagebucheintrag

    Datum: [unleserlich]
    „Heute habe ich es fast gesagt. Dieses Gefühl, das sich anfühlt wie ein schwerer Stein im Magen, wenn ich sie sehe.
    Es ist Liebe, denke ich. Aber keine, die mich überflutet – eher eine, die langsam wächst und mich vorsichtig macht.
    Ich will nicht stürzen oder gerettet werden. Ich will wissen, ob sie bereit ist, diesen Weg mit mir zu gehen, nicht für mich.
    Vielleicht sollte ich es morgen ansprechen. Direkt, ohne Theater.
    Falls sie nein sagt – nun, dann weiß ich wenigstens, woran ich bin.
    Und wenn ja… dann fangen wir einfach an. Schritt für Schritt.“


    Gespräch bei einem Treffen

    Szene: Ein Café, zwei Menschen sitzen sich gegenüber. Typische Geräuschkulisse in einem Café.
    „Weißt du, ich möchte dir etwas sagen. Es ist mir wichtig, dass du es hörst, aber es muss keine Antwort dazu geben. Nicht sofort.
    Ich habe mich in dich verliebt. Nicht wie ein Sturm, der alles umreißt, sondern wie etwas, das schon länger da ist. Etwas, das mir Sicherheit gibt, aber auch Angst macht – Angst, es zu verlieren, wenn ich nicht aufpasse.
    Ich will kein Versprechen für ein ganzes Leben. Nur die Frage: Könnten wir es versuchen? Ohne Druck, ohne Eile.
    Und falls du anders fühlst… bitte sag es mir. Nicht heute. Aber irgendwann.
    Denn was ich empfinde möchte ernst genommen zu werden. Von uns beiden.“

    Warum eher keine Lyrik?

    Ein Gedicht lebt oft von Verdichtung, Symbolik und Emotionalität – genau das, was ein nüchterner Mensch möglicherweise vermeiden würde. Stattdessen würde die Form eher kurze Prosa, ein Tagebuch (als Selbstvergewisserung) oder ein direktes Gespräch sein, weil diese Formen Raum für Klarheit und Alltagssprache bieten, ohne ins Pathetische abzugleiten:
    „Ich empfinde etwas für dich. Es ist nicht leicht, das zuzugeben, aber ich möchte es nicht verbergen.“

  • Maria Aronov

    Maria Aronov

    In meiner Schulzeit entwickelte sich bei mir ein großes Interesse für Deutsch. Später, im Abitur wählte ich Deutsch als Leistungskurs und entschied mich für das Studium der deutschen Sprache und Literatur (Germanistik). Als Nebenfächer wählte ich Deutsch als Fremdsprache und Philosophie.
    Alle drei Fächer waren mir sehr nah, da ich selbst schreibe, mich für die Philosophie der griechischen Antike interessiere und der Meinung bin, dass alle drei Dinge miteinander zusammenhängen.

    Die Sprache ist nicht nur ein Werkzeug zur Verständigung, sie ist viel mehr. Mit der Sprachfähigkeit hängt unmittelbar das Denken zusammen. Sie gibt uns die Möglichkeit, die Welt anders wahrzunehmen, andere Kulturen und Traditionen besser kennenzulernen, sich in bestimmte Situationen besser eindenken zu können, sie zu verstehen und aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

    Maria Aronov - Dozentin, Lyrikerin, Übersetzerin
    Maria Aronov – Dozentin, Lyrikerin, Übersetzerin – Foto: Privat

    Der Linguist und Professor an der Cambridge University Noam Chomsky betrachtet die Entwicklung der Sprache, die bereits vor zirka 50.000 Jahren entstand als „einen großen Sprung nach vorn mit kreativer Vorstellungskraft, Planen, differenzierten Werkzeuggebrauch, Kunst und symbolische Präsentation“. So findet Chomsky, dass die genannten Aspekte miteinander verbunden sind: „Wenn ein Homonide Sprachfähigkeit besitzt, kann er planen, denken, interpretieren, er kann sich andere Situationen vorstellen, Alternativen, die gerade nicht da sind – und er kann eine Wahl zwischen Ihnen treffen oder eine Einstellung zu Ihnen haben.“
    Das Beherrschen einer Sprache ist der Schlüssel zu der Akzeptanz und dem Verständnis einer anderen Welt. Während der Immigration nach Deutschland erfuhr ich dies an eigener Haut.

    Als meine Familie und ich nach Deutschland kamen, sprach ich kein Wort Deutsch. Diese Tatsache zog viele weitere Nachteile mit sich – es fiel mir schwer, Freunde zu finden, Kontakte zu knüpfen. Die Denkweise der Deutschen war mir teilweise schleierhaft und ich fühlte mich, als wäre ich auf einem anderen Planeten, mitten in einem dunklen Wald angekommen, aus dem es keinen Ausgang gab.

    Auch, wenn ich ein Kind war, war es nicht so einfach, die deutsche Sprache zu lernen. Es erforderte harte Arbeit und viel Geduld. Ein Stück meiner Kindheit ist damit verloren gegangen. Aber dafür gewann ich einen Preis. Durch harte Mühe erreichte ich mein Ziel – ich schloss neue Freundschaften, bekam gute Noten und studierte letztendlich Deutsch an der Universität.

    Mein Studiengang war für mich eine Tür zu einer Welt, in der ich Menschen helfen kann. Ich will ihnen die Situation, die ich selbst so gut kenne, erleichtern, ihnen auf diesem schweren Weg der Integration die Hand reichen und sie in der Sprachwildnis nicht allein lassen.

    Mein Beruf ist zu meinem Hobby geworden. Natürlich gibt es im Unterricht nicht immer einfache Situationen. Die meisten Kursteilnehmer kommen aus Krisengebieten. Die Menschen haben zum Teil ihre Familien, Häuser, ihr aufgebautes Leben verloren. Sie müssen hier ganz neu anfangen und tragen die Last des Geschehenen mit sich herum. Manchmal fällt es ihnen nicht einfach, sich im Unterricht fallen zu lassen und sich nur auf das Lernen zu konzentrieren, vor allem dann nicht, wenn die Familien auseinander gerissen sind und man gerade nicht weiß, wie es den anderen geht.


    Ich bewundere diejenigen, die sich so viel Mühe geben und Interesse daran zeigen, Deutsch irgendwann perfekt beherrschen zu können.
    Eine wichtige Rolle spielt natürlich auch der Bildungsstand. Dieser ist aber keine Garantie dafür, dass ausgerechnet ein Akademiker die Sprache schneller erlernt. Es gibt auch viele Teilnehmer, die mit nur neun oder gar weniger Klassen Schulbildung die Sprache schnell erlernen als jemand mit einem Universitätsabschluss. Manchmal fällt ihnen aber die Arbeit mit Büchern schwer. Diese müssen sie erst einmal lernen und es ist unglaublich, welche Fortschritte man dann sehen kann.
    Akademiker haben einen anderen Zugang zum Lernen. Sie können die grammatikalischen Strukturen nicht immer, aber oft schneller erschließen und anwenden.
    Doch natürlich trägt nicht nur das sture Lernen der Sprache zum Erfolg bei. Es ist ebenso wichtig, sich gegenseitig zu akzeptieren und Spaß im Unterricht zu haben, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder wohl fühlt und miteinander kommunizieren kann. Dazu muss jeder einen kleinen Beitrag leisten.

    Oft entstehen im Unterricht lustige Situationen, umso wichtiger ist es, dass man nach ihrer Aufklärung gemeinsam lachen kann.
    Ich erlebte schon unzählige lustige Dinge wie zum Beispiel die Aussage: „Heute übernachte ich im Sparschwein“ – in dieser Aufgabe sollte man Satzteile miteinander verbinden. Die richtige Lösung war „Heute übernachte ich im Hotel Halbmond“ und „Mein Geld ist im Sparschwein“.
    Eine andere lustige Aussage war „Ich bin verheiratet und ledig“.
    Am meisten haben wir über den Satz „Gestern war ich beim Arzt und er hat meine Überreste fotografiert“ gelacht – gemeint war: „Gestern war ich beim Arzt, der Röntgenaufnahmen von meinem Skelett gemacht hat“.

    Es sind wunderbare Dinge, aus denen man lernt. Das gemeinsame füreinander Dasein und Lachen schweißen die Gruppe zusammen und geben den Menschen das Gefühl dazuzugehören, nicht allein in einem fremden Land zu sein. Im Idealfall wächst man zu einer Familie zusammen.
    Die Integration ist ein schwerer Prozess, der nach viel Geduld, Mühe und gegenseitiger Anerkennung verlangt.

    Meinen Job würde ich gegen keinen anderen eintauschen wollen. Es ist eine Arbeit zwischen unterschiedlichen Welten, die man zu einer gemeinsamen zusammenbringt. Sie ist herausfordernd, hart, spannend und auch Freude bereitend. Allein das Gefühl Fortschritte und Erfolg bei den Teilnehmern zu sehen, ist großartig.

    Maria Aronov betreibt einen Blog mit Lyrik und Übersetungen: Das Goldene Krönchen
    2015 veröffentlichte Sie den Lyrikband Somnium.


    Noam Chomsky: „The Science of Language. Interviews with James McGilvray”, Cambridge University Press, 2012.

  • Eduard Assadow || Ich werde dich lieben, darf ich?

    Eduard Assadow || Ich werde dich lieben, darf ich?

    Ich werde in deinen Augen ertrinken, darf ich? Denn in deinen Augen zu ertrinken, ist Glück.
    Ich komme zu dir und sage: „Guten Tag!
    Ich liebe dich sehr.“ Ist das schwer?
    Nein, das ist nicht schwer, sondern mühsam.
    Es ist sehr mühsam, zu lieben. Glaubst du mir das?

    Ich gehe auf eine steile Klippe,
    ich werde fallen, fang mich! Schaffst du das?
    Und wenn ich wegfahre, wirst du mir schreiben?
    Mir fällt es schwer, ohne dich zu sein.
    Ich will bei dir sein, hörst du?
    Nicht nur eine Minute, nicht einen Monat, sondern lang,
    sehr lang, das ganze Leben, verstehst du?
    Das bedeutet das ganze Leben zusammen – willst du das?
    Ich habe Angst vor deiner Antwort, weißt du das?
    Antworte mir, doch bitte nur mit den Augen.
    Antworte mir mit den Augen – liebst du mich?
    Wenn ja, dann verspreche ich dir,
    dass du die Allerglücklichste sein wirst.
    Wenn nicht, dann flehe ich dich an,
    mich nicht mit deinem Blick hinzurichten. Tue es bitte nicht!
    Zieh mich nicht mit deinem Blick in die Untiefe!
    Doch erinner dich bitte ein wenig an mich…
    Ich werde dich lieben, darf ich?
    Auch, wenn es nicht erlaubt ist…, werde ich es!
    Und ich werde dir immer zu Hilfe eilen, wenn du in Schwierigkeiten sein solltest.

    (Übersetzt aus dem Russischen von Maria Aronov – Mehr zur Übersetzerin und Lyrikerin finden Sie hier.)


    So, wie ich das Gedicht verstehe, wird hier von einem Menschen gesprochen, der seine Gefühle mit einer Mischung aus Leidenschaft und Verletzlichkeit offenbart. Diese Person scheint emotional intensiv, fast überwältigt von ihrer Liebe, aber gleichzeitig geprägt von Unsicherheit und der Angst, nicht erwidert zu werden.

    Der Dichtende wirkt wie jemand, der Liebe nicht als einfaches Glück, sondern als riskanten Akt begreift – etwas, das Mut, Arbeit und sogar Schmerz mit sich bringt („mühsam, zu lieben“). Die drängenden Fragen („hörst du?“, „verstehst du?“, „willst du das?“) zeigen eine Sehnsucht nach klarer Bestätigung, fast als bräuchte er Gewissheit, um nicht in seinen eigenen Zweifeln zu versinken.

    Auffällig ist auch die paradoxe Haltung: Einerseits fordert er bedingungslose Hingabe („das ganze Leben“), andererseits bittet er fast ängstlich darum, nicht verletzt zu werden („richte mich nicht hin“). Das spricht für einen Menschen, der tiefe Bindungen sucht, aber gleichzeitig ein großes Misstrauen gegenüber dem „Ob“ und „Wie“ der Liebe hegt.

    Die Sprache – voller drastischer Bilder wie Ertrinken, Stürzen, „Untiefen“ – lässt auf jemanden schließen, der Emotionen extrem erlebt und sie in dramatischen Metaphern ausdrückt. Gleichzeitig klingt eine trotzige Entschlossenheit durch („Auch, wenn es nicht erlaubt ist…“), als würde er gegen innere oder äußere Widerstände kämpfen.

    Kurz: Ein Mensch, der zwischen romantischem Idealismus und existenzieller Verunsicherung schwankt, dessen Liebe aber vor allem eines ist – kompromisslos.


    Eduard Arkadjewitsch Assadow| Eduard Asadov (1923-2004) war ein russischer Dichter und Prosaist, der für seine zugängliche und zutiefst menschliche Lyrik bekannt war. Geboren in Merw, Turkmenistan, wuchs er in einer Zeit großer Umbrüche auf, die sein Werk nachhaltig prägen sollte. Sein Leben war gezeichnet von einer persönlichen Tragödie, die ihn jedoch nicht davon abhielt, ein reiches literarisches Erbe zu schaffen. Als Freiwilliger nahm er am Zweiten Weltkrieg teil und erlitt 1944 eine schwere Gesichtsverletzung, die ihn erblinden ließ. Trotz dieser Behinderung setzte er seinen literarischen Weg fort und wurde zu einer der beliebtesten Stimmen der sowjetischen und später russischen Poesie.

    Assadows Werk zeichnet sich durch eine einfache, verständliche Sprache und einen direkten emotionalen Ausdruck aus, der bei einem breiten Publikum Anklang fand. Seine Gedichte befassten sich oft mit Themen wie Liebe, Freundschaft, Patriotismus, Natur und den menschlichen Erfahrungen von Freude und Leid. Er scheute sich nicht, über schwierige Themen zu schreiben, fand aber stets einen Weg, Hoffnung und Positivität zu vermitteln. Viele seiner Gedichte sind narrativ und erzählen kleine Geschichten, die das Leben und die Gefühle der einfachen Leute widerspiegeln.

    Er schrieb auch Prosa, oft in Form von Kurzgeschichten oder autobiografischen Skizzen, die seine Erlebnisse und Reflexionen teilten. Assadows Popularität war zu seinen Lebzeiten enorm, und seine Lesungen waren stets gut besucht. Er galt als ein Dichter des Volkes, der die Herzen seiner Leser mit seiner aufrichtigen und gefühlvollen Poesie berührte. Sein Einfluss ist bis heute spürbar, und seine Werke werden weiterhin gelesen und geschätzt.

    • Augenhöhe gesucht

      Augenhöhe gesucht

      Ich halte mich für einen durchaus gefühlvollen Menschen; es würde mir allerdings niemals in den Sinn kommen, mich derart zu äußern. Allerdings: wie würde ich es denn, basierend auf diesem Gedicht von Eduard Assadow? Wenn man das Gedicht aus einer nüchternen, weniger überwältigten Perspektive betrachtet, könnte die Darstellung der Gefühle anders aussehen – sachlicher, reflektierter,…

    • Maria Aronov

      Maria Aronov

      In meiner Schulzeit entwickelte sich bei mir ein großes Interesse für Deutsch. Später, im Abitur wählte ich Deutsch als Leistungskurs und entschied mich für das Studium der deutschen Sprache und Literatur (Germanistik). Als Nebenfächer wählte ich Deutsch als Fremdsprache und Philosophie. Alle drei Fächer waren mir sehr nah, da ich selbst schreibe, mich für die…

    • Eduard Assadow || Ich werde dich lieben, darf ich?

      Eduard Assadow || Ich werde dich lieben, darf ich?

      Ich werde in deinen Augen ertrinken, darf ich? Denn in deinen Augen zu ertrinken, ist Glück.Ich komme zu dir und sage: „Guten Tag!Ich liebe dich sehr.“ Ist das schwer?Nein, das ist nicht schwer, sondern mühsam.Es ist sehr mühsam, zu lieben. Glaubst du mir das? Ich gehe auf eine steile Klippe,ich werde fallen, fang mich! Schaffst…

  • Über die Frage: Wer ist „Wir“?

    Über die Frage: Wer ist „Wir“?

    Angeregt durch Günter Abramowskis Gedichtband „wer ist wir„. Ausgangspunkt sind Titel der enzhaltenen Gedichte. Die Reihenfolge der Titel lädt zu einer Reise ein, die sich wie ein intellektueller und emotionaler Pfad lesen lässt. Die Frage „wer ist wir“ bildet dabei den Ausgangspunkt einer tiefen Reflexion über Identität, Gemeinschaft und das Selbst.

    In einer Welt, in der wir ständig zwischen den Extremen – jenseits himmel & höllen – navigieren, scheint es, als ob jeder Titel ein Puzzleteil eines größeren Ganzen ist.

    Man könnte sagen, dass unsere Suche nach dem „Wir“ in den kleinen Momenten beginnt: in der stillen Stunde, wenn das Herz brennt und zugleich in der leisen Stille der verschwiegenen Sprache. Es ist, als ob das Individuum und die Gemeinschaft – repräsentiert durch den „der herde gute mutter“ – sich in einem dynamischen Wechselspiel befinden. Dabei stellt sich die Frage, ob es neben der eigenen Existenz auch Hirten gibt, die uns durch die Zeiten & Zustände führen, oder ob wir allein sind in einem entzauberten Utopia, wo das tief Verankerte in uns, die Wurzeln in mir, uns auch gleichzeitig hemmen.

    Die Auseinandersetzung mit dem Selbst wird hier fast schon zu einer Haus-Aufgabe: Wie können wir das, was wir fühlen – sei es der Traum vom Glück oder der Schmerz, der uns manchmal überwältigt – in ein Ganzes fügen? Zwischen dem Kopfüber-in-Tiefen-Schlaf und dem Erwachen, zwischen dem Verstummen & Verschwinden und dem Aufleuchten des Lebenslichts, offenbart sich ein Prozess des Werdens. Es geht um mehr als das bloße Imitieren; es ist ein stetiges Wandeln & Erkunden, ein Streben nach einem Verständnis, das sowohl die äußeren als auch die inneren Dimensionen umfasst.

    Schließlich bleibt die Frage nach der Gemeinschaft bestehen: Mit oder ohne dich, als Teil eines größeren Ganzen – unser Leben in der Halle des Volkes, zwischen den Jahren, wartet auf neue Horizonte, auf den nächsten Frühling, der das Verschwinden alter Grenzen einläutet und uns erneut zu der Frage ruft: Wer ist wir?

    Meine LektüreNotizen zu wer ist wir.

  • was wir einander

    was wir einander

    LektüreNotizen: Günter Abramowski | wer ist wir

    Dieser Band besteht aus achzig – wenn ich richtig gezählt habe – Gedichten. Der Autor empfiehlt im Inhaltsverzeichnis, die Gedichte in der Reihenfolge zu lesen, wie gedruckt. Beim Lesen der Titel fiel mir eine Zusammengehörigkeit auf und ich habe versucht daraus einen eigenständigen Text abzuleiten. Die Titel lesen sich wie Fragmente eines größeren Gedankenspiels, das sich um Identität, Zeit, Vergänglichkeit und kollektive Existenz dreht. Hier ein Versuch, sie zu einer verdichteten Erzählung / Reflexion über „Wer ist wir?“ zu weben, wobei ich Dopplungen streiche, Rhythmus schaffe und rote Fäden aufgreife:


    Wer ist wir
    jenseits von Himmel & Hölle
    entzauberte Utopia

    Wir sind grund genug und doch sprachlos zur Verschwiegenheit
    geistlos in der Stunde des Horus, fragen: Gibt es Hirten?
    Rast im Knistern stehender Zeit, zwischen den Jahren.
    Die Herde gute Mutter flüstert: Wurzeln in mir, da sein
    vorm ersten Wort, wetterfühligh wie Wind & Licht, Geschwister.

    Herz brennt im Atemlichttiefe ruft tiefe
    wenn Kopfüber in tiefen Schlaf der Traum vom Fliegen
    sich vom Imitieren löst. Erfahrungen reifen wie Wein,
    doch manchmal vergehe ich, aus diesem un-möglichen Leben
    ohne Achtung, mit oder ohne dich.

    Wir nehmen deinen Schmerz, stilles Wissen:
    Das Alter liebt das junge Leben, Frühe in jedem Jung.
    Im Lebenslicht ist gut sterbenBrennen bis wir leuchten
    ohne Außen & Innen. Träumer wandeln & erkunden
    das Leben ein Tag, meine Welt als 5 Grenzgänger, 1 Stern.

    Verschwinde? Lauschen in den Schlaf: Es trägt nichts.
    Aus Lebensfreude, weil ich zwei bin, umarme ich mich
    an der Grenze. Wartend auf Ostern, fragend:
    Wie vielter Frühling blüht uns? Unser Leben
    du bist Teil von uns, wunschlos.


    Funktioniert das?
    Ja, als surrealer Essay über das „Wir“ zwischen Kollektiv und Ich, Vergänglichkeit und Auferstehung. Die Titel geben Motive vor: Feuer (Brennen), Zeit (Jahre, Reifen), Dualität (innen/außen), Traum/Realität. Durch Verdichtung entsteht ein Sog zwischen Verlust und Hoffnung – fast wie ein ritueller Text, der die Lesenden durch existenzielle Stationen führt.

    Stärken:

    • Titel wie „Die Gleichschaltungsbeauftragte ist eine KI“ oder „Halle des Volkes“ wurden weggelassen, um den mystischen Ton zu wahren – aber man könnte sie einbauen, um dystopische Akzente zu setzen.
    • Wiederkehrende Naturmetaphern (Wind, Wurzeln, Licht) schaffen Kohärenz.
    • Der Schluss („du bist Teil von uns“) antwortet auf die Anfangsfrage.

    Schwächen:

    • Einige Titel lassen sich nur assoziativ einbetten (z.B. „haus-aufgabe“ fehlt).
    • Ohne Kenntnis der Originalgedichte bleibt es spekulativ – aber das ist Teil des Spiels!

    Fazil: Lesbar, ja – als eigenständiges Gedicht über das Ringen um Gemeinschaft in fragmentierter Zeit. Kraftvoll, weil die Titel wie Orakelsprüche wirken, die der Leser selbst dechiffrieren muss. – Zwei weitere Varianten sind aus diesem Inhaltsverzeichnis entstanden: Ein surreal anmutender Mini-Essay/Gedankengang & ein narrativer Text.

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