Nathalie Schmid: „die namen der eisheiligen“
Aus: Atlantis lokalisieren (Gedichte), Wolfbach Verlag, Zürich 2011
Gedichte leben von dem, was sie verschweigen. Von den Figuren, die keinen Namen bekommen. Von den Bewegungen, die abbrechen. Von dem, was „noch zart und ohne worte war“ und dann fort ist.
Die dritte Methode richtet sich an diese Leerstellen. Ich schreibe Briefe an das, was fehlt – nicht um die Lücken zu füllen, sondern um ihre Abwesenheit präsent zu machen. Ein Brief ans Ungesagte ist eine Möglichkeit, diesem Schweigen zu begegnen, ohne es zu zerstören.
Erster Brief: An die Reste der Seilbahn
Liebe Reste einer Seilbahn,
der Wind treibt euch über die Terrasse, zusammen mit den Blättern. Aber ihr seid keine Blätter. Ihr seid schwerer. Ihr habt einmal etwas verbunden – zwei Punkte, die ohne euch nicht zueinander kommen konnten.
Was war das für eine Verbindung? Ein Kinderspiel? Eine selbstgebaute Konstruktion zwischen zwei Balkonen, zwei Bäumen? Oder seid ihr Metapher – Reste einer Beziehung, die einmal funktionierte, bevor sie brach?
Ich frage mich: Wie lange liegt ihr schon herum? Wurdet ihr vergessen oder liegen gelassen? Und wohin treibt der Wind euch jetzt – „in unbestimmte ferne und an kalte geländer“? Was sind kalte Geländer? Orte, wo jemand stehen und sich festhalten könnte, aber nicht will? Oder Orte, die längst verlassen sind?
Ihr seid der erste Satz des Gedichts. Ihr setzt den Ton: Das hier ist keine Geschichte über Aufbruch, sondern über das, was nach dem Abbruch übrig bleibt.
Was habt ihr verbunden, bevor ihr zu Resten wurdet?
Zweiter Brief: An „was noch zart und ohne worte war“
Liebes, was noch zart und ohne worte war,
du bist die Leerstelle des ganzen Gedichts. Du wirst genannt, aber nicht beschrieben. Du warst zart. Du warst ohne Worte. Du warst „noch“ – also im Werden, nicht fertig, nicht ausgesprochen.
Und dann wurdest du fortgeweht.
Ich frage mich: Warst du eine Hoffnung? Ein Anfang von etwas? Ein Gefühl, das noch keinen Namen hatte? Oder warst du eine Möglichkeit – eine Verbindung, die hätte entstehen können, wenn jemand festgehalten hätte?
Das Gedicht sagt: „wie du hast fortwehen lassen“. Nicht: wie du verloren hast. Nicht: wie der Wind dich nahm. Sondern: wie du es hast geschehen lassen. Das ist eine Schuldzuweisung. Oder zumindest eine Verantwortung.
Aber ich verstehe nicht: Wie hält man fest, was noch ohne Worte ist? Wie bewahrt man etwas, das noch nicht ganz da ist?
Vielleicht bist du das, was zwischen den Zeilen des Gedichts selbst liegt. Vielleicht bist du das Unausgesprochene, das in jedem Gespräch mitschwingt und dann verloren geht, wenn man es nicht rechtzeitig benennt.
Bist du das Knistern unter den Schritten der Kinder? Das Rauschen, bevor es zu Lärm wird? Oder bist du längst fort, irgendwo in der unbestimmten Ferne, zusammen mit den Resten der Seilbahn?
Ich weiß, du antwortest nicht. Du bist ja fort. Aber deine Abwesenheit wiegt schwer in diesem Gedicht.
Dritter Brief: An die Eisheiligen
Liebe Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius, liebe Kalte Sophie,
ihr habt euch dunkel verzogen. Nicht: ihr seid gegangen. Nicht: ihr seid vorbei. Ihr habt euch verzogen – wie Nebel, wie Wolken, wie etwas, das seine Form ändert, aber nicht verschwindet.
Normalerweise seid ihr ein Versprechen: Nach euch kommt der Frühling. Nach euch ist die Kälte vorbei. Aber in diesem Gedicht funktioniert das nicht. Ihr verzieht euch dunkel, und die Kälte bleibt.
Die kalten Geländer sind immer noch da. Das Licht ist festgebrannt. Nichts bricht.
Was seid ihr in diesem Gedicht? Seid ihr gescheiterte Hoffnung? Seid ihr eine Ordnung, die sich auflöst, ohne etwas Neues zu bringen? Oder seid ihr nur Namen – wie euer Titel sagt: „die namen der eisheiligen“, nicht die Eisheiligen selbst, sondern nur ihre Namen, Wörter, die an etwas erinnern, das einmal Bedeutung hatte?
Ich merke: Ihr werdet nicht gebraucht. Die Kinder rufen – „ihre stimmen hell und noch in strophen“ – aber sie rufen nicht nach euch. Sie haben ihre eigenen Strophen, ihre eigene Ordnung. Ihr seid schon Vergangenheit.
Vielleicht seid ihr das, worum es in diesem Gedicht geht: Ordnungen, die sich dunkel verziehen. Namen, die ihre Bedeutung verlieren. Versprechen, die nicht gehalten werden.
Wo seid ihr jetzt, nachdem ihr euch verzogen habt?
Vierter Brief: An das festgebrannte Licht
Liebes festgebranntes Licht,
du solltest doch Klarheit bringen. Du solltest erleuchten, durchbrechen, sichtbar machen. Aber du bist festgebrannt. Du bist starr. Du bist keine Bewegung, sondern Erstarrung.
Was bist du? Bist du eine Erkenntnis, die schmerzt und nicht vergeht? Ein Moment, der sich eingebrannt hat und jetzt nicht mehr loslässt? Oder bist du die Unfähigkeit, weiterzugehen – festgebrannt wie ein Muskel, der sich nicht mehr lösen kann?
Das Gedicht fragt: „warum bricht / das festgebrannte licht das rauschen der / strasse das rauschen der häfen das / trampeln auf pfaden das donnern nicht“
Du solltest brechen. Du solltest das Rauschen durchbrechen, den Lärm der Welt zum Schweigen bringen. Aber du tust es nicht. Du bleibst. Und das Rauschen bleibt auch.
Ich verstehe dich nicht ganz. Bist du das Problem oder das Symptom? Bist du das, was brechen sollte, oder das, was brechen könnte, aber versagt?
Vielleicht bist du beides. Vielleicht bist du der Schmerz, der bleibt, während die Welt weiterrauscht. Das Innere, das erstarrt ist, während das Äußere in Bewegung bleibt.
Du bist das Gegenteil von Erlösung.
Fünfter Brief: An den letzten Streit
Lieber letzter Streit,
du wirst nur in einem Nebensatz erwähnt: „bitter auch dein letzter streit“. Bitter wie der Tabak. Bitter wie alles in diesem Gedicht.
Aber warum bist du der letzte? Weil nach dir nichts mehr kam? Weil nach dir nur noch Schweigen war? Oder bist du der letzte, weil du der endgültige war – der Streit, nach dem klar war, dass nichts mehr zu retten ist?
Was wurde in dir gesagt? Oder gerade nicht gesagt? Das Gedicht spricht von „was noch zart und ohne worte war“ – vielleicht hättest du die Chance sein können, es auszusprechen. Aber du warst bitter. Du warst ein Streit, keine Klärung.
Und nun bist du vorbei. Du bist Geschichte. Du bist einer der Reste, die der Wind forttreibt.
Ich frage mich: Bereust du dich selbst? Oder bist du nur das, was übrig bleibt, wenn Verbindungen abbrechen – eine letzte, bittere Geste, bevor alles zu Rauschen wird?
Sechster Brief: An das Rauschen
Liebes Rauschen der Straße, der Häfen, des Trampelns, des Donnerns,
ihr seid das, was nicht bricht. Ihr seid die Außenwelt, die weitergeht, während das Innere stillsteht. Ihr seid der Lärm, der nicht aufhört, die Bewegung, die nicht innehält.
Das Gedicht fragt, warum ihr nicht brecht. Aber ich glaube, die Frage ist falsch gestellt. Ihr könnt nicht brechen. Ihr seid das Leben, das weiterläuft, egal was passiert. Die Straße rauscht. Die Häfen arbeiten. Menschen trampeln auf Pfaden. Etwas donnert.
Ihr seid gleichgültig. Nicht böse, nicht gut – einfach gleichgültig. Ihr wisst nichts vom festgebrannten Licht, von den Resten der Seilbahn, von dem, was zart und ohne Worte war.
Und genau das macht euch unerträglich. Nicht dass ihr da seid, sondern dass ihr nicht aufhört. Dass ihr kein Mitleid habt. Dass ihr weitermacht.
Vielleicht seid ihr das Gegenteil von Stille. Und Stille wäre das, was das Gedicht braucht. Aber ihr verweigert sie.
Ich habe an sechs Leerstellen geschrieben.
An sechs Dinge, die das Gedicht nennt, aber nicht erklärt. Und je länger ich schreibe, desto klarer wird: Diese Leerstellen sind keine Fehler. Sie sind Methode.
Das Gedicht funktioniert, weil es nicht alles sagt. Es funktioniert, weil „was noch zart und ohne worte war“ ohne Worte bleibt. Weil die Eisheiligen sich dunkel verziehen und wir nicht wissen, wohin. Weil das Rauschen nicht erklärt wird – es rauscht einfach.
Die Briefe haben mir nicht geholfen, das Gedicht zu verstehen. Sie haben mir geholfen, seine Leerstellen zu respektieren. Sie haben mir gezeigt: Hier ist Platz für meine eigenen Fragen. Hier ist Raum für das, was ich nicht verstehe.
Und vielleicht ist das der eigentliche Dialog mit dem Gedicht. Nicht dass ich Antworten bekomme, sondern dass ich lerne, mit den Fragen zu leben.
Ein letzter Brief: An das Gedicht selbst
Liebes Gedicht „die namen der eisheiligen“,
ich habe drei Methoden ausprobiert, um dich zu verstehen. Ich habe mit dir gesprochen. Ich habe deine Wörter durch meine Hände gehen lassen. Ich habe an deine Leerstellen geschrieben.
Und ich verstehe dich immer noch nicht ganz.
Aber ich verstehe jetzt, dass das in Ordnung ist. Du bist nicht dazu da, verstanden zu werden wie eine Gebrauchsanweisung. Du bist dazu da, gelesen zu werden – immer wieder, anders, neu.
Du bist ein Gespräch, das nicht endet. Du bist eine Frage, die keine Antwort will.
Danke, dass du dich nicht erklärst.
Die Leerstellen bleiben. Das ist gut so.
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