Jemand hat den Titel dieses Gedicht auf eine leere Seite geschrieben. Mit Bleistift, inkl. Seitenzahl. Das Buch – eine Jubiläumsausgabe von Elisabeth Borchers, erschienen zu ihrem 75. Geburtstag, gesammelt unter dem Titel Alles redet, schweigt und ruft – kam aus einem Antiquariat zu mir. Wessen Hand das war, weiß ich nicht. Aber die Geste hat mich beschäftigt: Ein Unterstrich im Inhaltsverzeichnis hätte genügt. Stattdessen eine leere Seite, Bleistift, das ganze Gedicht.
Das Gedicht heißt Märchen und steht in einem Kapitel mit dem Titel Was ist die Antwort (1996). Es ist sehr kurz. Jemand sucht nach etwas Schönem – Borchers nennt dafür Schnee als Maßstab – und geht leer aus. Und genau in diesem Leerausgehen beginnt es zu schneien. Kein Besitz, kein Ankommen. Nur der Moment, in dem es anfängt.
Meine erste Reaktion: Das ist doch gar kein Märchen. Keine Begegnung, kein Helfer, kein Antagonist. Eine Person, ein innerer Vorgang, und dann – Wetter. Märchen sind strukturell sozial. Selbst wer allein in den Wald geht, trifft dort etwas oder jemanden. Hier trifft niemand jemanden. Der Schnee kommt einfach.
Und trotzdem heißt es Märchen. Vielleicht nicht um zu beschreiben, was das Gedicht ist, sondern um daraus etwas zu machen. Der Titel als Geste, nicht als Etikett. Borchers unterlässt die Auflösung, die das Genre verspricht – und behält den Namen trotzdem.
Was sie als Maßstab für das Schöne wählt, ist vergänglich. Schnee bleibt nicht, zumindest nicht in unseren Breitengraden. Als hätte sie gar nicht den Anspruch, dass etwas dauerhaft ist. Das Gedicht endet nicht mit dem Schnee, sondern mit seinem Beginn. Das ist eine Haltung, keine Moral.
Wann wäre es ein Märchen? Wenn der Schnee käme, weil jemand gesucht hat. Wenn das Gehen belohnt würde. Hier ist es umgekehrt: Die Enttäuschung ist Bedingung. Das Leerausgehen schafft den Raum. Vielleicht wollte Borchers genau das überdenken. Ich lasse das offen.
Wessen Hand die Bleistiftzeile war – ob derjenige den Schnee noch gefunden hat, bevor er das Buch weitergab – das weiß ich nicht. Aber er oder sie hat die Geste gemacht. Und das war mehr als ein Unterstrich.
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