Der Gedichtband stand jahrelang im Regal. Ungelesen. Eine Lyrikauswahl der Autorin und Lektorin Elisabeth Borchers, erschienen 2001 bei Suhrkamp — bestellt, weil irgendwer schrieb, sie sei eine bedeutende Lyrikerin, und weil eine Auswahl aus verschiedenen Schaffensphasen wie ein guter Einstieg wirkte. Der Einband: kein Türöffner. Es geriet in Vergessenheit.
Was es dann öffnete, war ein Facebook-Post. Der Bremer Schriftsteller Michael Augustin schrieb anlässlich ihres 100. Geburtstags über zwei Begegnungen mit Elisabeth Borchers — und erzählte dabei eine Szene, die mich beschäftigt. Die beiden gehen durch das Foyer eines Theaters in Bremerhaven, wo Gedichte der Lesenden in Plakatgröße ausgestellt sind. Vor einem Gedicht bleibt Borchers stehen. Sie fragt, ob es von ihm sei. Er bestätigt. Ihre Antwort, wie Augustin sie erinnert:” Hhm. Warum lassen Sie nicht diese Zeile hier einfach weg? Die ist völlig überflüssig. Weglassen! Dann wird ein Gedicht draus!“

Er war kurz “schockiert”. Dann erkannte er, dass sie recht hatte. Noch in derselben Lesung, eine Stunde später, ließ er die Zeile weg. Das Gedicht — in der Borchers-Version, wie er selbst schreibt — ist seither eines seiner meistgedruckten und meistübersetzten.
Weglassen als Handwerk um zu präzisieren. Wie schwer mir das selbst immer wieder fällt.
Das hätte eine schöne Anekdote bleiben können, ein Porträt der Lektorin, die sie vier Jahrzehnte lang auch war — bei Luchterhand, später bei Suhrkamp und Insel, wo sie Autor:innen wie Martin Walser und Wisława Szymborska begleitete. Aber dann lag das Buch offen, und darin stand ein Gedicht, das Augustin auch verlinkt hatte: Was alles brauchts zum heutigen Paradies — und es stand dort in einer anderen Version als der bekannten Aufnahme, in der Borchers selbst liest.
Die Fassung im Band datiert auf 1986, der Titel lautet noch ohne „heutigen“. Und mitten im Gedicht steht ein Wort, das in der späteren Version von 1991 verschwunden ist: Nimmerschwarz. Ein Wort, das es nicht gibt. Eine Verneinung einer Farbe, die selbst schon Verneinung ist. Neben Immergrün gesetzt — Beständigkeit gegen Auflösung, Pflanze gegen Erfindung. Wenn es wegfällt, wird das Gedicht um eine Möglichkeit ärmer. Und schärfer.
Fünf Jahre zwischen beiden Versionen. Ein Wort weniger. Ein Wort mehr im Titel — „heutigen“ als Einbruch der Gegenwart in einen Titel, der vorher beinahe zeitlos klang. Das ist dieselbe Bewegung wie in der Szene im Theaterfoyer: ein Eingriff, kaum sichtbar, und das Gedicht verschiebt sich.
Dass der Band neben den Gedichten auch einen kurzen Essay enthält — Wie entsteht ein Gedicht — gibt Anlass, genauer zu lesen.
Alles redet, schweigt und ruft versammelt Gedichte aus sechs Jahrzehnten, ausgewählt von Arnold Stadler, der dem Band ein Nachwort beigegeben hat. Die Auswahl folgt keinem chronologischen Prinzip, sondern einem inhaltlichen — Stationen eines Werks, das sich von liednahen Frühgedichten über die Verdichtung der mittleren Phase bis hin zu den reduzierten, fast atemlosen späten Texten bewegt.
Einzelne Gedichte aus diesem Band werde ich in separaten Beiträgen genauer betrachten. Dieser hier ist die Landkarte. Die Wanderungen folgen.
Elisabeth Borchers – Alles redet, schweigt und ruft
Gedichte – Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Arnold Stadler
suhrkamp taschenbuch – 2001
Quellen:
Michael Augustin auf facebook (Eintrag vom 27.02.2026)
Das von der autorin eingesprochene Gedicht auf planet lyrik
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