Elisabeth Wesuls – Geschichte

Tarnung, Enttarnung und das Unheimliche der Kontinuität.
Annähernd gelesen | Beim ersten Lesen von Elisabeth Wesuls Miniatur gibt es diesen Moment des Innehaltens. Fast eine Schrecksekunde. Nicht wegen der historischen Kulisse, nicht wegen der Ideologie. Sondern wegen eines Namens.

Zunächst bleibt alles im Bereich des Hörensagens. „Man erzählt“, „manche sagen“, „die Leute, die das erzählen“. Die Figur erscheint als Dorfbekannte, als Randexistenz: ein „gutmütiger Irrer“, der nebenherläuft, während andere in Reih und Glied auftreten. Erst dann fällt ein Name: Christian.
In diesem Moment kippt das Erzählen. Aus einer Figur wird ein Mensch. Und genau das wirkt wie ein Enttarnen.

Der Text beginnt mit Meißen, „in den dreißiger Jahren“. Sofort folgt die Relativierung: „man erzählt diese Geschichte aber auch von anderen Städtchen, so muss sie wohl wahr sein“. Das Konkrete wird im selben Atemzug verallgemeinert. Es könnte überall gewesen sein. Oder nirgendwo. Diese Bewegung – erst festlegen, dann verwischen – zieht sich durch den ganzen Text. Sie ist keine Unsicherheit, sondern Methode. So funktioniert mündliches Erzählen, das sich absichert, das nicht zu genau werden will.

Christian tanzt, hüpft, pfeift. Er läuft neben den Zügen her. „Braune oder Schwarze, akkurat rasiert, dampfend, jedenfalls ernst“ – und daneben, mit schräg gelegtem Kopf, diese Figur, die nicht ernst ist, nicht akkurat, nicht dampfend. Die Formulierung „was sich die Kinder nicht trauten“ legt nahe: Das, was Christian tut, wäre eigentlich kindlich. Spielerisch. Aber die Kinder wagen es nicht. Nur er, der „gutmütige Irre“, hat diese Freiheit.

Oder wird sie ihm zugeschrieben?

Auffällig ist, wie die Erzählweise diese Figur fortwährend durch Abschwächungen, Korrekturen, Zweifel relativiert: „Gutmütig“, „übertrieben“, „weniger glaubhaft“. Als müsse man sich absichern. Als dürfe man diesen Menschen nicht zu ernst nehmen. Vielleicht, weil er zu viel sichtbar macht.

Selbst die Requisiten werden korrigiert – „eine Kindertrommel“, nein, „das scheint übertrieben“, besser „ein Fähnchen“. Als sei eine Trommel zu laut, zu präsent. Als müsse man zurücknehmen, was gerade erst behauptet wurde. Diese Gesten der Verkleinerung gehören zur Erzähltradition, gewiss – mündliches Weitergeben sichert sich ab, relativiert. Aber hier wirkt es wie eine Schutzgeste.

Elisabeth Wesuls - Geschichte - Blassgrau wie Tauben
Daneben.
Illustration im Nachdenken über Elisabeth Wesuls Miniatur „Geschichte“.

Christian ist der, der nicht Teil der Formation ist und dennoch präsent. Der sich dem Gleichschritt entzieht, ohne offen zu opponieren. Der auffällt, aber nicht zählt. Und genau darin liegt seine Irritation.

Die Frage nach der Narrenfreiheit drängt sich auf. Der Hofnarr durfte sagen, was andere nicht durften, weil man ihm Verstand absprach. Christian wird nicht ernst genommen, also darf er danebenlaufen. Aber es gibt eine Leerstelle im Text, die nicht zu überlesen ist: „Nach Fünfundvierzig – hier wird es weniger glaubhaft, wie soll einer wie Christian denen entgangen sein“.

Der Text weiß, was er verschweigt. Er weiß, dass Menschen wie Christian in den „Euthanasie“-Programmen ermordet wurden. Dass sein Überleben unwahrscheinlich ist. Und er erzählt trotzdem weiter. „Aber vielleicht ist er doch nicht so irr gewesen“ – eine nachgeschobene Rationalisierung, die das Unwahrscheinliche wahrscheinlich machen soll. Oder: „und selbst wenn er ihnen nicht entkommen wäre, so wird die Geschichte doch so erzählt“.

Dieser Satz ist bemerkenswert. Die Legende setzt sich gegen die Wahrscheinlichkeit durch. Nicht weil man es nicht besser wüsste, sondern weil man die Geschichte so braucht. Als Gegenbild. Als Möglichkeit. Als etwas, das hätte sein sollen.

Nach 1945 läuft Christian wieder daneben. Diesmal bei den Umzügen zum 1. Mai. Dieser Feiertag ist genau gewählt: Von den Nationalsozialisten als „Tag der Arbeit“ vereinnahmt, in der DDR Staatsfeiertag. Die Farben wechseln – von Braun und Schwarz zu Rot –, die Choreographie bleibt. Christian pfeift, dreht eine Schnarre. Er ist wieder daneben.

„Nebenher“, „nebenbergelaufen“, „neben dem Zug“ – diese räumliche Position ist präzise. Nie „dazwischen“, nie „dagegen“. Eine dritte Möglichkeit, die eigentlich keine sein dürfte. Wer nicht marschiert, müsste opponieren. Wer opponiert, ist gefährlich. Christian ist aber harmlos. Also läuft er daneben, in einem Raum, den es eigentlich nicht gibt.

Mit dem Wissen um die DDR-Herkunft der Autorin schiebt sich eine weitere Lesart ins Bild, ohne zur Deutung festgeschrieben zu werden: die Figur des scheinbar Harmlosen, der geduldet wird, weil man ihn unterschätzt. Einer, der durch seine Randposition sehen kann, was andere im Kollektiv nicht sehen wollen. Narr, Mitläufer, Maskenträger, Beobachter – der Text lässt diese Möglichkeiten offen.

Entscheidend ist weniger, wer Christian wirklich ist, als wie über ihn gesprochen wird. Die Erzähler relativieren, zweifeln, korrigieren sich selbst. Sie wissen um die Wiederholung und scheinen sie zugleich kleinreden zu wollen.

Der entscheidende Ton liegt im letzten Satz: „Die Leute, die das erzählen, sie sagen es härmisch: auch, wie damals, genauso, und: wieder. Als ob niemand nichts gelernt hätte.“

„Härmisch“ – ein Wort, das Bitterkeit enthält, aber auch eine gewisse Genugtuung. Es ist der Tonfall derer, die sagen: „Seht ihr, hat sich nichts geändert.“ Ein Tonfall, der anklagt, aber auch entlastet. Wenn sich nichts ändert, muss man selbst nichts ändern. Wenn alles „wieder“ so ist, war man vielleicht nicht schuld. Das „wieder“ wird zur Ausrede.

Und dann die doppelte Negation: „Als ob niemand nichts gelernt hätte.“ Keine klare Anklage, eher ein sprachliches Stocken. Ein Satz, der selbst nicht glatt marschiert.

Vielleicht geht es in dieser Miniatur nicht um einen Einzelnen, sondern um das Bedürfnis, Kontinuitäten unsichtbar zu machen. Und um die beunruhigende Erkenntnis, dass das Danebenlaufen manchmal mehr sagt als jedes Mitgehen.

Der Name Christian könnte eine religiöse Spur legen. Einer, der leidet. Der nicht passt. Der überleben müsste, aber eigentlich nicht kann. Aber der Text gibt dieser Deutung keinen Raum. Vielleicht ist das selbst die Aussage: dass hier kein Erlöser kommt, keine Transzendenz. Nur ein Mensch, der daneben läuft.

Was bleibt, ist dieses Bild. Jemand, der neben dem Zug herläuft. Mal mit Fähnchen, mal mit Schnarre. Die Farben wechseln, die Geste bleibt. Und die Frage, ob dieses Danebenlaufen Widerstand ist oder Kapitulation. Freiheit oder Zuschreibung. Ob es Christian gibt oder ob wir ihn brauchen, um uns selbst nicht anschauen zu müssen.

Ein tastendes Lesen bleibt. Mit Fragen. Und mit dem Gefühl, dass dieses Danebenlaufen nicht harmlos ist. Sondern notwendig. Oder unerträglich. Oder beides.

Geschichte ist eine Miniatur von Elisabeth Wesuls
Erschienen in:
Blassgrau wie Tauben | Miniaturen von 1979 bis 2022
Mit 8 Zeichnungen von Sabine Peuckert
Molokko Print 166 | 2023
ISBN 978-3-948750-71-8

  • Gesperrte Ablage – Ines Geipel & Joachim Walther

    Gesperrte Ablage – Ines Geipel & Joachim Walther

    Gesperrte Ablage. Unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945–1989Ines Geipel / Joachim Walther, Lilienfeld Verlag Mit Gesperrte Ablage legen Ines Geipel und Joachim Walther eine Literaturgeschichte vor, die lange nicht erzählt worden ist – und strukturell nicht erzählt werden konnte. Das Buch rekonstruiert jene literarischen Stimmen der DDR, die nicht publiziert, nicht rezipiert, nicht erinnert werden durften.…

  • LiteraturMagazine – Kulturraum Elbe-Oder

    LiteraturMagazine – Kulturraum Elbe-Oder

    Ein besonderer Schwerpunkt meiner Lektüre liegt auf Literaturmagazinen aus der ehemaligen DDR. Viele dieser Zeitschriften existieren heute nicht mehr oder haben ihren institutionellen Rahmen verloren. Gerade deshalb sind sie für mich von besonderem Interesse. Nicht als historische Kuriositäten, sondern als Dokumente einer spezifischen literarischen Praxis, in der ästhetische Entscheidungen, politische Bedingungen und editorische Arbeit eng…

  • Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

    Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

    Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es…

  • Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

    Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

    Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung: Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich…

  • Elisabeth Wesuls – Geschichte

    Elisabeth Wesuls – Geschichte

    Tarnung, Enttarnung und das Unheimliche der Kontinuität. Annähernd gelesen | Beim ersten Lesen von Elisabeth Wesuls Miniatur gibt es diesen Moment des Innehaltens. Fast eine Schrecksekunde. Nicht wegen der historischen Kulisse, nicht wegen der Ideologie. Sondern wegen eines Namens. Zunächst bleibt alles im Bereich des Hörensagens. „Man erzählt“, „manche sagen“, „die Leute, die das erzählen“.…

  • Elisabeth Wesuls – Sich einlassen auf das Langwierige

    Elisabeth Wesuls – Sich einlassen auf das Langwierige

    Entdeckt habe ich Elisabeth Wesuls in einer alten Ausgabe der ndl – neue deutsche literatur. In Heft 1 von 1981 fand sich ein Essay von ihr mit dem Titel „Sich einlassen auf das Langwierige“ über den Prozess des Schreibens sowie einige Gedichte. Ihre Metaphern fand ich interessant und wollte mehr lesen. So stieß ich auf…

  • Wolfgang Mattheuers Gedicht „August 1968″ zum Prager Frühling

    Wolfgang Mattheuers Gedicht „August 1968″ zum Prager Frühling

    26. August 1968 | An diesem Tag unterschreibt Alexander Dubček in Moskau unter massivem Druck das Protokoll, das die Niederschlagung des Prager Frühlings besiegelt. Die Panzer sind bereits fünf Tage zuvor einmarschiert, aber erst jetzt, an diesem Dienstag im August, wird die Kapitulation offiziell. Die Hoffnung auf einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ ist Geschichte. An…

  • Kulturschaffende der DDR: Eine Entdeckungsreise

    Kulturschaffende der DDR: Eine Entdeckungsreise

    in ,
    3–4 Minuten

    Annäherung an die DDR-Kultur: Vier und mehr Perspektiven | Als Ostwestfale nähere ich mich der ehemaligen DDR durch die Erzählungen meiner Schwiegereltern – durch Fragmente, Erinnerungen, durch das, was in Familiengesprächen aufblitzt. Was mir dabei immer deutlicher wird: Die Kulturlandschaft der DDR war trotz aller Zensur erstaunlich reichhaltig, vielschichtig und widerständig. Die Kultur der DDR…

  • Udo Degener

    Udo Degener

    „Meine Gedichte sind kleine Bestände im Warenlager der Poesie.“ Mit dieser Setzung beschreibt Udo Degener in Poesiealbum 244 eine Poetik, die auf Umlauf, Begrenzung und Gebrauch zielt. Die Gedichte erscheinen nicht als auratische Einzelstücke, sondern als Bestand, Material, Versuch. Die wiederholte Formel „Meine Gedichte sind“ erzeugt dabei keine Definition, sondern eine Abfolge von Verschiebungen: vom…

Diesen Beitrag teilen:

error: Content is protected !!