Die vergessenen Bücher und der Zug durch Anatolien | Manchmal braucht es den Hinweis eines anderen, um im eigenen Regal wiederzufinden, was längst hätte gelesen werden sollen. Bei mir war es ein Nebensatz auf der Website von Volkmar Mühleis, der Nazim Hikmet erwähnte – und mir fiel ein: Die Bücher stehen ja hier. Schon lange. Ich hatte sie vor Jahren angeschafft, in einer dieser Phasen, in denen man sich vornimmt, endlich die Lücken zu füllen, die großen Namen nachzuholen. Und dann verstauben sie. Hikmet war so einer: gewusst, dass er wichtig ist, dass er zu den bedeutenden Dichtern des 20. Jahrhunderts gehört, aber nie gelesen. Jetzt liegen die Bände vor mir, und ich lese.
Was mir auffällt: Menschenlandschaften ist kein Text, das sich bequem lesen lässt. Es ist sperrig, dicht, polyphone Literatur, die einen fordert. Aber es ist auch eines jener Bücher, bei denen man nach wenigen Seiten spürt: Hier schreibt jemand, der etwas zu sagen hat, der die Literatur nicht als Stilübung begreift, sondern als Instrument, um Wirklichkeit abzubilden – und zwar eine Wirklichkeit, die sonst unsichtbar bleibt.
Aus dem Gefängnis heraus
Nazim Hikmet schrieb Menschenlandschaften zwischen etwa 1938 und 1950, in einer Zeit, die für ihn persönlich von Haft und politischer Verfolgung geprägt war. Als kommunistischer Intellektueller saß er über Jahre in türkischen Gefängnissen, unter anderem in Bursa. Dort, unter den Bedingungen der Isolation und Repression, entstand dieses monumentale Versepos – 17.000 Zeilen, die heute überliefert sind, nachdem Teile durch Zensur und Vernichtung verloren gingen.
Die Haft war nicht nur Rahmen, sie war auch Ermöglichung. Im Gefängnis traf Hikmet auf Menschen, die ihm sonst nicht begegnet wären: Arbeiter, Bauern, Kleinkriminelle, politische Gefangene, Menschen aus allen Schichten der türkischen Gesellschaft. Ihre Stimmen, ihre Geschichten, ihre Lebenswelten fanden Eingang in das Werk. Menschenlandschaften ist kein Heldenepos im klassischen Sinn, keine Erzählung großer historischer Figuren. Es ist ein Panorama alltäglicher Leben, verwoben mit den Erschütterungen der Zeit – dem Zweiten Weltkrieg, der politischen Unterdrückung, den sozialen Verwerfungen einer Gesellschaft im Umbruch.
Hikmet selbst verstand sein Werk als eine Art poetische Enzyklopädie. Nicht im Sinne einer systematischen Ordnung, sondern als Sammlung menschlicher Erfahrungen, die zusammengenommen ein Bild der Gesellschaft ergeben. Er wollte traditionelle Formen überwinden, arbeitete mit modernen, filmischen Techniken – Schnitte, Perspektivwechsel, Montagen. Das Ergebnis ist ein Text, der sich eher wie ein Dokumentarfilm liest als wie klassische Epik.
Die Übersetzung
Ich lese Hikmet in der Übersetzung von Ümit Güney und Norbert Ney – eine Konstellation, die bei lyrischen und epischen Texten oft entscheidend ist. Güney, selbst türkischer Herkunft, und Ney, deutscher Lyriker, haben gemeinsam gearbeitet, um Hikmets formale Experimente, seine Mischung aus Alltagssprache und lyrischer Verdichtung, ins Deutsche zu übertragen. Sie gelten als die deutsche Stimme Hikmets, ihre Übersetzungen prägen seit den 1980er Jahren, wie wir ihn hierzulande lesen.
Was ich nicht beurteilen kann: Wie nah kommt diese Übersetzung dem türkischen Original? Geht etwas verloren, wird etwas gewonnen? Wer Hikmet im Original kennt und die deutsche Fassung gelesen hat – wie erlebt ihr diesen Abstand oder diese Nähe? Das wäre eine Frage, die ich gern an türkischsprachige Lesende richten würde.
Der Zug vom Haydarpaşa-Bahnhof
Der erste Band von Menschenlandschaften beginnt am Haydarpaşa-Bahnhof in Istanbul, einem jener Orte, an denen sich die Ströme der Gesellschaft kreuzen. Ein Zug fährt ab, Richtung Anatolien. Diese Zugfahrt ist das strukturierende Prinzip des ersten Teils: Menschen steigen ein, nehmen Platz, erzählen, erinnern sich, schweigen. Im Zugabteil treffen politische Gefangene auf Arbeiter, Mütter auf Veteranen, Studierende auf Bauern. Der Raum ist eng, die Hierarchien sind sichtbar, aber für die Dauer der Fahrt sind alle im selben Abteil, unterwegs durch eine Landschaft, die mehr ist als Kulisse – sie ist das Land selbst, mit seinen Brüchen und Widersprüchen.
Hikmet arbeitet mit wechselnden Perspektiven. Mal spricht eine Figur direkt, mal wird aus der Distanz erzählt, dann wieder bricht eine Erinnerung ein, ein innerer Monolog, ein Fetzen Vergangenheit. Es entsteht ein Gewebe aus Stimmen, ein kollektives Porträt, das nicht auf Vollständigkeit zielt, sondern auf Vielstimmigkeit. Man muss sich als Leser darauf einlassen, dass Geschichten nicht zu Ende erzählt werden, dass Figuren auftauchen und wieder verschwinden, dass das Ganze eher einem Kaleidoskop gleicht als einer linearen Handlung.
Eine der zentralen Figuren ist Halil, ein politischer Gefangener, der mit anderen Inhaftierten im Zug sitzt. Durch ihn und seine Gefährten wird die politische Dimension sichtbar: die Verfolgung, die Repression, aber auch die Würde und der Widerstand derer, die nicht aufgeben. Halil ist kein strahlender Held, er ist ein Beobachter, jemand, der sieht und festhält, was um ihn herum geschieht.
Der erste Band endet nicht mit einer Auflösung, sondern mit einem symbolisch aufgeladenen Moment: Ein Mann begeht während der Fahrt Selbstmord. Es ist ein Schlussakkord, der die Härte jener Lebenswelten markiert, die Hikmet beschreibt – die Verzweiflung, die sozialen Zwänge, die existenzielle Not. Der Tod ist nicht Katharsis, sondern Ausdruck einer Realität, die viele dieser Figuren bestimmt.
Warum das heute relevant ist
Man könnte fragen: Warum dieses Werk heute lesen, ein Epos aus den 1940er Jahren, das in einer türkischen Gesellschaft spielt, die es so nicht mehr gibt? Die Antwort liegt vielleicht darin, wie Hikmet schreibt. Seine Technik, viele Stimmen nebeneinander zu stellen, ohne sie zu hierarchisieren, ohne eine Erzählerstimme, die alles ordnet und deutet – das ist radikal modern. Es erinnert an dokumentarische Formen, an Collagen, an Strategien, die wir heute in Film und Literatur wiederfinden.
Und inhaltlich: Die Frage, wie eine Gesellschaft mit ihren Ausgeschlossenen umgeht, mit denen, die nicht ins Bild passen, die politisch unbequem sind, die ökonomisch abgehängt werden – diese Frage ist nicht verschwunden. Hikmets Menschenlandschaften ist ein Versuch, diesen Menschen eine Stimme zu geben, sie sichtbar zu machen, ohne sie zu idealisieren oder zu viktimisieren. Sie sind da, mit ihren Widersprüchen, ihren Hoffnungen, ihrer Gewalt, ihrer Zärtlichkeit.
Nach den ersten Seiten
Nach den ersten Seiten bleibt bei mir vor allem ein Eindruck: die Dichte. Hikmet lässt keine Luft, kein elegantes Gleiten über die Oberfläche. Sein Text verlangt Aufmerksamkeit, er zieht einen hinein in die Enge des Zugabteils, in die Hitze, den Lärm, die Erschöpfung. Man liest nicht über diese Menschen, man sitzt neben ihnen.
Ob das Werk zu denen gehört, die man durchhalten muss, oder zu denen, die einen mitreißen – das wird sich zeigen. Aber es gehört definitiv zu denen, die man (ich) nicht vergessen sollte. Auch wenn sie im Regal verstauben.
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