Peter Engstler und sein Verlag: Widerständige Literatur aus der Rhön

Es gibt Verleger, die das Geschäft als Kunst betrachten. Und es gibt Peter Engstler, der es als Überlebensstrategie begreift. Seit 1987 betreibt er seinen Kleinverlag in Oberwaldbehrungen, Bayern – eine Ein-Mann-Mission für Poesie und Prosa, die sonst kaum eine Chance auf dem Buchmarkt hätte. Keine Investoren, kein Marketingapparat, nur Papier, Druckerschwärze und der unbeirrbare Wille, Literatur abseits des Mainstreams zu erhalten.

Vom Buchhändler zum Verleger

Engstlers Einstieg ins Verlagswesen war alles andere als strategisch geplant. Ursprünglich betrieb er in den 1980er-Jahren einen kleinen Buchladen, während er sich als Waldarbeiter über Wasser hielt. Der Laden hatte nur wenige Stunden in der Woche geöffnet, bot aber Raum für Filmabende, Lesungen und Konzerte. Parallel begann Engstler, Bücher herauszugeben – Texte, die ihn selbst interessierten, experimentelle Lyrik, subversive Prosa. Ohne Finanzkapital, dafür mit einem untrüglichen Gespür für literarische Außenseiter, baute er seinen Verlag auf, der bis heute rund 200 Titel veröffentlicht hat. Fast alle sind noch lieferbar – ein literarisches Archiv, in dem sich Subkulturen, Beat-Generation und Gegenwartsavantgarde die Hand reichen.

Lyrik, Prosa und Underground

Was Engstler verlegt, würde in den meisten Buchhandlungen nicht einmal ein eigenes Regal bekommen. Autoren wie Bert Papenfuß, Ann Cotten oder Ulf Stolterfoht prägen sein Programm, dazu wiederentdeckte Klassiker der Pop- und Underground-Kritik wie Helmut Salzingers „Swinging Benjamin“. Mary Beachs „Die Elektrische Banane“ – mit einer Einleitung von William S. Burroughs – brachte er in deutscher Übersetzung heraus. Die Texte sind oft sperrig, abseitig, manchmal wütend, immer kompromisslos.

Vom Wert des Unkommerziellen

Engstler kalkuliert so, dass der Verkauf der Hälfte der Auflage die Produktionskosten deckt. Der Gewinn fließt ins nächste Buch. Teure Produktionen leistet er sich selten, eine Ausnahme war Paulus Böhmers Langgedicht „Zum Wasser will alles Wasser will weg“ – hochwertiges Papier, farbige Zeichnungen, 500 Exemplare. Böhmer erhielt dafür den Peter-Huchel-Preis. Auch Helmut Höges Reihe „Kleiner Brehm“, in der zwölf Essays über Tiere erschienen, zeugt von Engstlers Hang zur literarischen Grenzüberschreitung.

Das Leben als Widerstand

Engstler ist kein Nostalgiker, aber ein Bewahrer. Die Subkulturen der 1970er-Jahre, die Anti-Psychiatrie-Bewegung, linksradikale Strömungen – all das findet sich in seinem Verlagsprogramm. Seine Arbeitsweise erinnert an die „Cut-up“-Technik von Burroughs: Texte zerlegen, neu zusammenfügen, Sinn verrücken. Dieses Prinzip prägt nicht nur seine Bücher, sondern auch seine Sicht auf die Welt.

Literatur abseits des Marktes

„Es gibt wenig Subversiveres als ein Stift und ein Blatt Papier“, sagt Engstler. Sein Verlag ist ein Beweis dafür, dass unabhängige Literatur trotz Digitalisierung und Marktkonzentration überleben kann. Er veröffentlicht bewusst langsam, gönnt sich den Luxus der Unabhängigkeit. Kein Mobiltelefon, keine Social-Media-Strategie – nur ein paar handverlesene Titel pro Jahr, gedruckt von einem alten Bekannten in Ostheim. Wer bei ihm ein Buch kauft, kauft ein Stück widerständiger Literaturgeschichte.

Provinzlesungen und kulturelle Nischen

Seit 2001 organisiert Engstler im zweijährigen Rhythmus seine „Provinzlesungen“ – ein Wochenende voller Literatur und Diskussionen, irgendwo im Nirgendwo der Rhön. Die Veranstaltungen sind legendär, genauso wie die Tatsache, dass dort zwar gelesen, gefeiert und debattiert wird – aber kaum Bücher verkauft werden. Doch das ist egal. Denn was hier passiert, ist unbezahlbar: ein Stück literarischer Freiheit, jenseits aller Marktlogik.

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