Der Text setzt mit einer Wiederholung ein. Jede Zeile beginnt gleich, und doch verschiebt sich der Gegenstand fortlaufend. „Meine Gedichte sind“ markiert keinen festen Besitz, sondern einen Ort, an dem immer wieder neu angesetzt wird. Die Gedichte werden nicht erklärt, sondern in Umlauf gebracht.
Zunächst tauchen sie als Material auf: Schreibmaschinenpapier, eine genaue Sorte, versehen mit einer Zweckbezeichnung. Papier erscheint nicht neutral, sondern als Verbrauchsgut. Gedichte entstehen auf etwas, das für Bedarf gedacht ist, nicht für Dauer.
Es folgt ein Wechsel ins Alltägliche. „Kühles Bier nach Kalk & Stein“ stellt Erleichterung neben Anstrengung. Die Gedichte stehen hier nicht für Arbeit, sondern für den Moment danach. Keine Steigerung, keine Verklärung, eher ein Zustand.
Mit „Hase & Igel“ rückt Zeit ins Gedicht. Die Gedichte sind „schon lange da“. Nicht als Neuheit, sondern als Vorhandenes. Sie kommen nicht an, sie warten.
Der Text verschiebt sich weiter in Richtung Markt und Verfügbarkeit. Die Gedichte sind nicht im Delikat-Buchladen erhältlich, sie liegen als kleine Bestände im Warenlager der Poesie. Der Ort ist kein Schaufenster, sondern ein Lager. Sichtbarkeit wird gegen Vorhandensein getauscht.

Dann taucht Widmung auf, aber ohne Festlegung. „Immer meiner letzten Liebe gewidmet“ bleibt beweglich. Die letzte Liebe ist kein Name, kein Zustand, sondern ein wechselnder Bezugspunkt.
Mit Unkraut erscheint Widerstand. Nicht im heroischen Sinn, sondern als Hartnäckigkeit. Etwas wächst weiter, auch ohne Einladung. Grenzenlosigkeit folgt, ohne Pathos, eher als offene Fläche.
Die Gedichte werden zu Versuchen gegen Sprachlosigkeit. Kein Anspruch auf Lösung, nur auf Bewegung. Danach reisen sie per Anhalter im Kopf. Kein fester Transportweg, kein Ziel, nur Mitnahme.
Kurz darauf öffnen die Gedichte den Mund. Wer spricht, bleibt offen. Am Ende zieht sich der Besitz zurück. „Meine Gedichte sind nur manchmal meine Gedichte.“ Der Satz kippt die gesamte Abfolge. Was vorher benannt wurde, bleibt bestehen, aber ohne eindeutigen Eigentümer.
Der Text endet nicht mit einer Zusammenfassung, sondern mit einer Lockerung. Was als „meine Gedichte“ begann, steht am Schluss frei im Raum. Der Autor bleibt anwesend, aber nicht zuständig.
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aber das kaputte Salzfaß
2–3 MinutenEine Annäherung | Dieses Gedicht erzählt eine Geschichte, die von einem rätselhaften Bild lebt: dem kaputten Salzfass. Es ist zerbrochen, hält nichts mehr, und doch wird es immer wieder gefüllt. Salz selbst ist ja seit jeher ein Symbol für das Lebensnotwendige – es würzt unser Essen, konserviert, und die Redewendung vom „Salz der Erde“ spricht…
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Ille Chamier – Lied 76
2–3 MinutenEine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…
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Frühling | Christoph Kuhn
1–2 MinutenDas Gedicht von Christoph Kuhn spielt mit ungewöhnlichen Perspektiven auf den Frühling und nutzt dabei Sprachbilder, die Bewegung und Veränderung betonen. Meine Annäherung an den Text: „die bäume ausgebrochen über nacht“– Das Bild des „Ausbruchs“ suggeriert eine plötzliche, fast revolutionäre Veränderung. Der Frühling kommt nicht allmählich, sondern scheint explosionsartig zu geschehen. Es erinnert an das…
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Udo Degener
1–2 Minuten„Meine Gedichte sind kleine Bestände im Warenlager der Poesie.“ Mit dieser Setzung beschreibt Udo Degener in Poesiealbum 244 eine Poetik, die auf Umlauf, Begrenzung und Gebrauch zielt. Die Gedichte erscheinen nicht als auratische Einzelstücke, sondern als Bestand, Material, Versuch. Die wiederholte Formel „Meine Gedichte sind“ erzeugt dabei keine Definition, sondern eine Abfolge von Verschiebungen: vom…
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Øyvind Berg – Schwärze, was ist das?
in Lyrik2–3 MinutenØyvind Bergs Gedicht „Schwärze, was ist das? / Licht in einem ungeöffneten Buch. / Gebärmutterlicht.“ verdichtet in drei Zeilen eine tiefgründige Reflexion über das Verborgene, das Potenzial und den Ursprung von Existenz. Hier meine Annäherung an diesen Text: Schwärze als paradoxer Träger von Licht:Die Frage „Schwärze, was ist das?“ setzt ein, indem sie das scheinbar…
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Tagtexte – Ille Chamier
1–2 MinutenLektüreNotizen | Knappe biografische Angaben zur Autorin, ansonsten: kein Klappentext, kein Marketingsprech, kein Inhaltsverzeichnis. Lesende sind mit sich und den Texten allein. Das ist gut. Die Tagtexte sind in Lyrikform ; wobei ich nicht weiß, ob der Einzeiler am Anfang bereits ein Gedicht ist. Jedenfalls ist er der Einstieg in eine (zu erzählende) Geschichte. „das…
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Adolf Endlers Gedicht „Dies Sirren“
2–4 MinutenAdolf Endlers Gedicht „Dies Sirren“ aus dem Jahr 1971 wirkt auf den ersten Blick wie ein surrealistisches Rätsel. Doch hinter der grotesken Szenerie dieser nur vier Zeilen verbirgt sich eine vielschichtige Auseinandersetzung mit historischen Traumata und politischer Ohnmacht. Basierend auf biografischen und literaturkritischen Quellen, bietet es Einblicke in ein rätselhaftes Meisterwerk, das zu den Schlüsseltexten…
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Gegenentwürfe zur Ratlosigkeit: Wiederaufbruch
2–3 MinutenMeine Entwürfe beziehen sich auf das Gedicht RATLOS von Jürgen Völkert-Marten. Im Dunkel der Nacht, dieses bodenlose Schwarz, wo Fragen wie Schatten wuchsen, ungreifbar, und die Stille selbst nach einer Antwort schrie, einer wirklichen, da begann es, dieses zaghafte Flimmern. Nicht laut, kein Donner, der zerbricht, nicht grell, kein Blitz, der blendet, sondern wie ein…
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Ille Chamier & Karen Roßki
1–2 MinutenDAS ZÜNDBLÄTTCHEN – Heft 21 LektüreNotizen | Das Heft beinhaltet acht Gedichte der in Düsseldorf lebenden Autorin Ille Chamier und vier Bleistiftzeichnungen der Dresdner Künstlerin Karen Roßki. Stammabschnitte von Bäumen, die, obwohl blattlos, für mich die Energie der vier Jahreszeiten vermitteln. Details von Ästen, , markante Jungbäume, Totholz(?). Die Zeichnungen erinnern teils an Fabelwesen, so…
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Das tierische Gebet
in Lyrik3–4 MinutenIch preise Dich Herr, / Darum hüpfe ich | Drutmar Cremer Tiere beten in Dur heiter beschwingt schlitzohrig – so lautet der Untertitel dieses Buches. Und ja, ungewöhnliche Gebete sind das, die der Benedektiner Drutmar Cremer da verfasst hat. Charakteristisch für das lyrische Werk des Dichters, Verlegers & Theologen Drutmar Cremer ist sein sparsames Vokabular,…
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Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung
6–9 MinutenIch zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…
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Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can
Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…
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Kurt Schumacher – Fallender
6–8 MinutenDer Bildhauer Kurt Schumacher (1905-1942) schuf eine männliche Figur im Moment des Falls. (Im Stil des Expressionismus?) aufgerichtet und die Arme emporreißend, zeigt die Skulptur eine tiefe Wunde in Herzhöhe. Aus ihr strömt Blut, das sich wie ein stilisiertes Gewand um die Hüften legt, die Scham des nackten Körpers bedeckt und an den Beinen hinunterfließt.…
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Deutsche Lyrik aus zwölf Jahrhunderten
in Lyrik2–3 MinutenLektüreNotizen | Aus der Nachbemerkung des Herausgebers Walter Urbanek: Diese Sammlung soll der Freude am Gedicht dienen. Bei der Auswahl waren daher künstlerische, nicht textkritische Gesichtspunkte maßgeblich. Einige ältere Gedichte werden hier gekürzt wiedergegeben in der Absicht, zeitgebundene Schwächen wie Längen oder Wiederholungen zu beseitigen und so das Kunstwerk dem heutigen Leser näherzubringen.Sehr geehrter Herr…
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Stephen Crane – In the desert
4–6 MinutenÜber ein Gedicht, über Ausgrenzung. Dieser 1895 erstmalig veröffentlichte Text hat dazu geführt, dass mir von Gott berufenen Menschen (nach eigenen Aussagen) die Freundschaft gekündigt haben und seitdem jeden Kontakt ablehnen. Ihr Kommentar: Wer so etwas veröffentlicht, der ist vom Teufel geleitet. In the desertI saw a creature, naked, bestial, Who, squatting upon the ground, Held his…
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Was es bedeuten soll. Neue hebräische Gedichte in Deutschland
4–5 MinutenDie Anthologie Was es bedeuten soll. Neue hebräische Dichtung in Deutschland erschien 2019 im Verlag Parasitenpresse und rückt eine bislang wenig beachtete literarische Stimme in den Fokus: In Deutschland lebende israelische und deutsche Dichterinnen und Dichter, die auf Hebräisch schreiben. Herausgegeben und übersetzt wurde die zweisprachige Sammlung von Gundula Schiffer und Adrian Kasnitz, die mit…
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Loulou Omer – EINS UND NOCH EINS
2–3 MinutenLoulou Omers Gedicht „EINS UND NOCH EINS“ aus dem Band Was es bedeuten soll. Neue hebräische Gedichte in Deutschland (parasitenpresse 2019, S.100) verbindet introspektive Reflexion mit metaphorischer Sprache, um zentrale Themen wie Identität, menschliche Verbindungen und die Suche nach Authentizität zu erkunden. Formal bricht das Gedicht mit Konventionen: Auf den mathematisch-nüchternen Titel, der Wiederholung oder…
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Renatus Deckert – Plötzensee
2–4 MinutenDas Gedicht beschreibt den Besuch eines Ortes, der als Hinrichtungsstätte diente. Der Raum wird sachlich geschildert: Unter der Decke sind Haken und ein schwarzer Balken sichtbar. Die kahlen, grauen Wände umschließen eine leere Stille, in die man vorsichtig hineintritt. Diese Stille wird als drückend beschrieben – wie Steine auf der Zunge oder ein einhüllender Rauch.…
