Ulrike Almut Sandig – Buch gegen das Verschwinden

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2–4 Minuten

Vor der Lektüre | Das Buch besteht aus sechs Kurzgeschichten, die verschiedene Aspekte des Verschwindens umkreisen. Laut Klappentext sammelt Sandig darin Geschichten von Menschen, deren Erzählungen verloren zu gehen drohen. Es geht um Erinnerung, um Migration, Flucht, Verlust. Die Texte arbeiten mit verschiedenen Formen – Lyrik, Prosa, dokumentarische Passagen – und folgen keiner durchgehenden Erzählung.

Ein Satz aus dem Buch hat mich dabei besonders aufhorchen lassen: „Es gibt Dinge von so unwahrscheinlicher Natur, dass die Leute sie einfach nicht glauben. Das stimmt nicht, sagen sie dann, als wären sie dabei gewesen. Aber sie waren nicht dabei und können es nicht wissen. Schreibt man diese unwahrscheinlichen Dinge aber auf und nennt sie eine Geschichte, dann glauben die Leute alles.“

Ulrike Almut Sandig, geboren 1979 in Großenhain, ist Lyrikerin und Klangkünstlerin. Sie hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert und ist bekannt für ihre experimentelle Arbeit mit Sprache. Das ist mein erstes Buch von ihr.

Was mich reizt: Was genau soll hier nicht verschwinden? Und wie schreibt man dagegen an? Die Frage, wie man Geschichten bewahrt, wenn sie keinen selbstverständlichen Platz mehr haben. Und wie sich sechs unterschiedliche Annäherungen an das Thema Verschwinden lesen werden.

Annähernd gelesen

Mit diesem Satz eröffnet Ulrike Almut Sandig den titellosen Text, der ihrem Erzählband ‚Buch gegen das Verschwinden‘ vorangestellt wurde.

Diese wissenschaftliche Tatsache wird mit persönlicher Zeit verknüpft. Die Erzählerin denkt voraus: Weder sie selbst, noch ihr Gegenüber, noch das ungeborene Kind werden dann noch leben. Die dreifache Verneinung – „du nicht mehr da“, „ich auch nicht mehr da“, „das Kind […] auch gar nicht mehr da“ – ist unausweichlich in ihrer Klarheit. So entsteht eine still abgewogene Perspektive auf Vergänglichkeit, die das Ende individueller Existenz im Kontrast zur berechenbaren Wiederkehr eines Naturereignisses zeigt.

Doch dem Verschwinden des Persönlichen steht ein anonymes „man“ gegenüber: „man wird im Freien stehen“, „man wird […] entgegensehen“. Während die konkreten Personen vergehen, bleibt die Menschheit als Kontinuum – nicht als Trost, sondern als nüchterne Einsicht. Es wird jemand da sein, der schaut, der staunt, der erkennt. Das ist die stille Hoffnung des Textes: nicht persönliches Überdauern, sondern die Fortdauer des menschlichen Blicks selbst.

Gleichzeitig verweist das Wort Sonnabend auf sprachlichen Wandel. Vielleicht, so heißt es, werde man dieses Wort bis dahin gar nicht mehr benutzen. Damit weitet sich das Thema des Verschwindens von der körperlichen auf die sprachliche Ebene – Erinnerung, Ausdrucksformen, Benennungen verändern sich oder gehen verloren.

Formal unterstützt die konsequente Kleinschreibung nach Punkten diese Kontinuität: Es gibt keine hierarchischen Neuanfänge, keine Unterbrechung. Die Sätze schließen sich nicht ab, sondern fließen ineinander – wie die Zeit selbst, die nicht neu beginnt, nur weitergeht. Die Orthografie ist ansonsten eingehalten, was die Geste umso präziser macht: ein gezielter, asketischer Eingriff an genau der Stelle, wo traditionell Autorität und Neuordnung sitzen.

Am Ende öffnet der Doppelpunkt den Text auf das Wesentliche hin: „einen fast unsichtbaren, pechschwarzen Punkt.“ Er ist eine Geste des Zeigens, des Weitens. Nach all dem Verschwinden bleibt das Bild des Venustransits – ein Zeichen dafür, dass etwas verschwindet und zugleich sichtbar bleibt. Als Eingangstext steht das Gedicht programmatisch für das Buch: Es richtet sich gegen das Vergessen, indem es benennt, was einmal war und was künftig fehlen wird.

Fortsetzung folgt…

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