Atlantis ist einer dieser Orte, die weniger durch Geografie existieren als durch Sprache. Je mehr über ihn gesprochen wurde, desto unauffindbarer wurde er. In der Lyrik taucht Atlantis deshalb selten als Schauplatz auf, sondern als Denkbewegung: als Frage nach Ort, Gewissheit und Verortung überhaupt.
Zwei Gedichte – eines von Wisława Szymborska (Atlantis), eines von Nathalie Schmid (es ist alles…) – lassen sich unter diesem Fokus miteinander lesen, obwohl sie sehr unterschiedliche poetische Wege gehen. Gerade darin liegt für mich ihre produktive Spannung.
Szymborskas Gedicht Atlantis zeigt keinen Ort, sondern einen Diskurs. Jede Aussage wird sofort relativiert, jede Behauptung durch eine Gegenbehauptung begleitet. „Sieben Städte gab’s. / Ist das sicher?“ – Geschichte erscheint hier nicht als Überlieferung von Fakten, sondern als fortlaufendes Hin und Her zwischen Wissen, Zweifel und Vermutung. Atlantis existiert nur in diesem Schwebezustand. Es ist kein versunkener Kontinent, sondern ein Effekt des Sprechens über etwas Unbeweisbares.
Auffällig ist, dass das Gedicht nicht versucht, den Mythos zu entlarven oder zu bestätigen. Es baut vielmehr eine Bühne, auf der Behauptung und Rücknahme gleichzeitig stattfinden. Katastrophen werden genannt und sofort wieder negiert, Stimmen tauchen auf und verschwinden. Was bleibt, ist eine poetische Leerstelle: kein Mangel, sondern ein Zustand permanenter Unsicherheit. Atlantis wird hier nicht gesucht, sondern verfehlt – und genau dieses Verfehlen ist der eigentliche Gegenstand des Gedichts.

Ganz anders verfährt Nathalie Schmid in ihrem Gedicht es ist alles…, das im Kontext der Sammlung Atlantis lokalisieren steht. Hier gibt es keine Zweifel, keine Rückfragen, keine diskursiven Brüche. Der Text setzt mit einer klaren Behauptung ein: „es ist alles schon in mir / wonach ich suche“. Die Suche ist beendet. (Bevor sie beginnt?) Der Ort ist nicht verloren, sondern bereits vorhanden.
Die Bilder, die folgen, sind elementar und produktiv: Erde, Felder, Regen, Tag, Nacht. Sie beschreiben keine mythische Stadt, sondern eine innere Landschaft. Atlantis wird nicht benannt, sondern verkörpert. Es erscheint als Zustand des Daseins, nicht als historisches Rätsel. Auch hier gibt es Bewegung – etwa im Schlussbild der Nacht, die „an unbekannte ufer“ fließt –, doch diese Ungewissheit wird nicht problematisiert. Sie ist Teil eines fortdauernden inneren Prozesses, kein Anlass für Zweifel.
Liest man beide Gedichte zusammen, entsteht kein einheitliches Atlantis-Bild, sondern ein Spannungsfeld. Szymborskas Text zeigt, was geschieht, wenn Atlantis ausschließlich im Außen gesucht wird: Es zerfällt im Sprechen darüber. Schmids Gedicht zeigt eine Gegenbewegung: Die Lokalisierung erfolgt nach innen, jenseits von Beweisfragen und Überlieferung.
Atlantis erscheint so einmal als Ort der Sprache und einmal als Ort des Seins. Einmal als vibrierender Gedanke, der sich jeder Festlegung entzieht, einmal als innere Gewissheit, die keiner Bestätigung bedarf. Beide Texte antworten auf dieselbe Leerstelle – aber in entgegengesetzter Richtung.
Gerade diese Differenz macht sie – in meiner Lesart – anschlussfähig füreinander. Nicht als Varianten desselben Mythos, sondern als zwei poetische Strategien im Umgang mit dem Unverortbaren. Atlantis ist hier weder versunken noch gefunden. Es ist eine Bewegung zwischen Zweifel und Gegenwart, zwischen Diskurs und Erfahrung. Und vielleicht liegt genau darin seine anhaltende literarische Erzählkraft.
Ich beziehe mich auf:
Wisława Szymborska – Die Gedichte und Nathalie Schmid – Atlantis lokalisieren (Neuauflage 2026)
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Zwei Wege, Atlantis zu lesen? Wisława Szymborska trifft Nathalie Schmid
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