Kategorie: Angeregte Dialoge
Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.
In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.
-

Ille Chamier – Rosestock Holderblüh
1–2 MinutenIlle Chamiers Gedicht Rosestock Holderblüh verdichtet ihre Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zu einer poetischen Collage aus Trauma und Überlebenspoesie. Geboren 1937, erlebte sie die Bombennächte um 1943 – als Sechsjährige – in unmittelbarer existenzieller Bedrohung, wie die Zeilen „horchte ich nach den Bombengeschwadern“ bezeugen. Die Szene der zersplitterten Fenster („Scherben lagen ums Gitterbett“) neben der unverletzten Schwester offenbart…
-

margueriten – Norbert Hummelt
2–3 MinutenDas Gedicht als transgenerationale Übersetzungsarbeit? Eine Annäherung | In „margueriten“ rekonstruiert Norbert Hummelt nicht einfach die Erinnerungen seiner Mutter an den Zweiten Weltkrieg – er macht den Prozess der Rekonstruktion selbst zum Thema. Das lyrische Ich (als nachgeborener Sohn) wird zum Archäologen mütterlicher Erfahrungen, die nur fragmenthaft überliefert sind: in abgebrochenen Sätzen, verweigerten Liedern und weggelegten…
-

Bekannt trifft Unbekannt – Ed. 2
4–5 MinutenLektüreNotizen | Aufmerksam geworden bin ich auf diese Reihe durch meine Recherchen, Texte von Ille Chamier zu finden. Daher stehen ihre Lesung und das Gespräch mit Norbert Hummelt – moderiert von Frauke Tomczak – im Vordergrund. Klappentext: Bei der Edition handelt es sich um einen Tonmitschnitt der vierteiligen Lyrikreihe BEKANNT TRIFFT UNBEKANNT, die vom Dezember…
-

Zeilen und Klänge
3–4 MinutenEine Handreichung zum Finden von Musik zu Gedichten. Für alle, die glauben, dass ein Gedicht klingen kann – auch nach außen hin. 1. Nicht die Playlist, sondern das Echo suchen Ein Gedicht wie „herbrig„ ist keine Liedvorlage und kein Musikvideo. Es ist ein „Echo-Raum“, der nach Resonanz sucht. Wer dazu Musik finden möchte, beginnt am…
-

Im Dialog mit Gedichten – Eine Einladung
Ich sitze vor einem Gedicht und verstehe es nicht. Oder: Ich verstehe es vielleicht, aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Die klassische Herangehensweise wäre jetzt: Stilmittel finden, Metaphern deuten, eine Interpretation formulieren. Aber genau das fühlt sich falsch an – als würde ich dem Gedicht etwas überstülpen, statt wirklich mit ihm in…
-

Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen
Versuch schulisch zu lesen | Nathalie Schmids Gedicht „die namen der eisheiligen“ ist eine dichte lyrische Miniatur, die existenzielle Verlusterfahrung in einer poetischen Collage aus Stadt- und Naturbildern verarbeitet. In freier Form, ohne Satzzeichen oder konventionelle Struktur, oszilliert das Gedicht zwischen Bewegung und Erstarrung, zwischen Geräuschkulisse und sprachloser Introspektion. Es thematisiert das Ringen um Orientierung…
-

Nathalie Schmid – herbrig
4–6 MinutenInterpretation zu Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ ist ein poetischer Erinnerungsraum, der sich mit Vergänglichkeit, Heimatverlust und dem Bewahren des Alltäglichen beschäftigt. In einer fragmentarisch-assoziativen Struktur – typisch für zeitgenössische Lyrik – reiht die Autorin Bilder aneinander, die zwischen Melancholie und stillem Humor oszillieren. Jede Strophe beginnt mit dem Wort „bevor“, wodurch…
-

Wurde das Wasser gebogen?
2–4 MinutenAnnähernd gelesen 2 | Das Gedicht o. T. – beginnend mit der Strophe „Ich habe das Wasser gebogen“ – entfaltet sich als dichte, bildgewaltige Parabel über Macht, Ohnmacht und die Grenzen menschlicher Kontrolle. Je nach Lesart lassen sich naturmythische, psychologische, existenzielle und sogar politische Ebenen erschließen. Im Zentrum steht das Scheitern des lyrischen Ichs im Kampf gegen das Wasser –…
-

Diese Bildsprache flutet mich
3–5 MinutenAnnähernd gelesen 1 | Diese Gedicht ohne Titel – „Ich habe das Wasser gebogen“ – beschreibt in meiner Wahrnehmung einen Machtkampf bzw. eine wechselhafte Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und dem Element Wasser. Wobei ich denke, dass das Wasser Platzhalter ist. Eine Annäherung an die einzelnen Bilder: 1. Strophe: Das „Biegen“ des Wassers „Ich habe…
-

Heil
2–3 MinutenAnnähernd gelesen | Ilse Chamiers Gedicht reflektiert ihre Erfahrungen als Kindergartenkind im nationalsozialistischen Deutschland. Dabei verbindet sie Erinnerungen an Rituale, religiöse Erziehung und Kriegsrealität zu einer erschütternden Collage – ruhig im Ton, aber tiefgründig in der Aussage. Die sprachliche Einfachheit kontrastiert mit der Komplexität des Erlebten. Politische und religiöse Rituale – Spiegelungen von Macht Schon…
-

Pina
1–2 MinutenAnnähernd gelesen | Dieser Tagtext von Ille Chamier, die 3 Jahre dramaturgische Mitarbeiterin am Tanztheater Pina Bausch in Wuppertal war, vermittelt eine bemerkenswert intime und vielschichtige Perspektive auf die berühmte Choreografin und Tänzerin. Die Zeile „ich komme nicht gegen die Pina an“ drückt eine tiefe Anerkennung von Bauschs unbestreitbarer Dominanz und Einzigartigkeit aus. Sie spricht…
-

Abzeichen
1–2 MinutenIn diesem Fall habe ich versucht, mir Ille Chamiers Gedicht „Heil“ über Erzählungen aus der eigenen Familie zu erarbeiten. Daraus ist eine Art Gedicht entstanden: ich war fünf, als mein Bruder das Abzeichen bekamgoldenes Hakenkreuz auf rotem Grunder steckte es sich ans Hemd wie ein Versprechendie Mutter sagte: sei stolz im Schulflur hing der neue…
-

Weg in die Wische – bewegend gelesen
6–9 MinutenDie Wische ist eine einzigartige Landschaft im Nordosten der Altmark in Sachsen-Anhalt, die von ihrer Geschichte als ehemaliges Überflutungsgebiet der Elbe geprägt ist. Sie ist bekannt für ihre weiten, flachen Flächen, die besonders in den nassen Jahreszeiten eine Herausforderung für Reisende darstellen können. Adolf Endler beschreibt in seinem Text aus dem Jahr 1958 eindrücklich die…
-

Das älteste deutsche Buch: Die Abrogans-Handschrift der Stiftsbibliothek St. Gallen
2–3 MinutenDas älteste deutsche Buch ist die «Abrogans»-Handschrift (Codex 910), die sich im Besitz der Stiftsbibliothek St. Gallen befindet. Sie entstand vor etwa 1200 Jahren im alemannischen Raum und ist nach dem ersten lateinischen Wort ihres Textes benannt. Bedeutung und Inhalt: Historischer Hintergrund und Stand der Forschung: Die «Abrogans»-Handschrift ist von außerordentlicher Bedeutung, da sie die…
-

Abrogans Ernst und Mönch Haimo
1–2 MinutenLektüreNotizen – Franz Hohler „Das Päckchen“ Kapitel 5 – Jacqueline (Ernst Ehefrau) liest im Zug das Buch „Leidenschaft“ von Irène Némirovsky. Die Autorin und das Schicksal ihres Werks faszinieren sie besonders: Némirovsky wurde im KZ Auschwitz ermordet, und ihr Texte wurde erst 60 Jahre später wiederentdeckt. „Leidenschaft“ gehörte zu den Manuskripten, die ihre Töchter als Kinder während der deutschen…
-

Reto Zumbach, Journalist & befangen
1–2 MinutenEin Papierfabrikant begeht ein Verbrechen. Der Jornalist Reto Zumbach will die Tat und seine Umstände nachzeichnen und begibt sich auf eine Reise zum Anwesen des verurteilten und inhaftierten Unternehmers im Norden Irlands. Lesetagebuch: Der Papierkönig | Hansjörg Schertenleib Mich reizt der Rahmen der Geschichte: Ein Journalist auf Recherchereise, der zugleich in die Story verwickelt ist.…
-

Der Papierkönig | Hansjörg Schertenleib
2–3 MinutenHansjörg Schertenleibs Roman „Der Papierkönig“ (erschienen 2008) arbeitet mit mehreren Ebenen: Die Brüche und Abgründe des Journalismus sowie die fragile Identität eines Mannes erkundet, der zwischen beruflicher Pflicht und persönlicher Krise schwankt. Protagonist Viktor Kessler, ein alternder Kulturjournalist, sieht sich mit der Auflösung seiner Ehe, dem Druck der Medienbranche und der Frage konfrontiert, was von…
-

Hansjörg Schertenleib – Zwischen Lesen und Schreiben
2–3 Minuten„Am Anfang meiner Existenz als Schriftsteller hat mich die Frage ‹wer bin ich› kaum interessiert. Ich wollte eher wissen, ‹wer könnte ich sein›. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Ich bin mir schreibend auch selber auf der Spur. Bleibt die Frage: Ist es gut, zu wissen, wer man ist?“Hansjörg Schertenleib (tagblatt.ch) Der Konjunktiv…
