Eine literarische Spurensuche | Als Kultur- und Literaturblogger begegne ich immer wieder Romanen, die mehr sind als nur fiktive Geschichten – sie sind Spiegel der Medienrealität und zugleich Sehnsuchtsorte für das, was der Journalismus verloren zu haben scheint. Hansjörg Schertenleibs Roman „Der Papierkönig“ ist ein solches Werk: eine literarische Meditation über die Einsamkeit des recherchierenden Journalisten, die gleichzeitig eine scharfe Kritik an der heutigen Team-orientierten, durchorganisierten Medienlandschaft darstellt.
Die Romanfigur als Archetyp
Der Journalist Reto Zumbach versucht in Schertenleibs Roman, einen Mordfall zu rekonstruieren: Daniel Kienast, Torhüter der Schweizer Fußballnationalmannschaft, ist während einer Urlaubsreise durch Irland ums Leben gekommen. Zumbach wiederholt die Reise des Paares, fährt von Schauplatz zu Schauplatz und versucht, die Tragödie nachzuempfinden, aus der er ein Buch machen möchte.
Diese Konstellation ist mehr als nur Romanhandlung – sie ist ein Manifest des Solo-Journalismus, wie er heute kaum noch existiert. Zumbach verkörpert den Typus des einsamen Rechercheurs, der sich ohne Redaktionsteam, ohne Fact-Checker und ohne die Sicherheit einer institutionellen Anbindung auf die Suche nach der Wahrheit macht. Seine Methode ist die der immersiven, fast obsessiven Recherche: Er begibt sich physisch an die Schauplätze, versucht die Perspektive der Protagonisten einzunehmen, lässt sich auf eine emotionale Reise ein, die weit über das hinausgeht, was heute als „professionelle Distanz“ gilt.
Die Sehnsucht nach der authentischen Stimme
In einer Zeit, in der Reportagen zunehmend von Teams recherchiert, von Datenanalysten unterstützt und von Rechtsabteilungen abgesegnet werden, wirkt Zumbachs Vorgehen wie aus einer anderen Zeit. Und tatsächlich ist es das – es erinnert an die großen Solo-Reporter der Vergangenheit, an Männer wie Egon Erwin Kisch oder später an Hunter S. Thompson, die ihre Subjektivität nicht versteckten, sondern als Instrument der Erkenntnis einsetzten.
Zumbachs Spurensuche gerät ihm bald zur „schmerzlichen Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit“ – ein Prozess, der in der heutigen Medienlandschaft als unprofessionell gelten würde, aber gleichzeitig der Schlüssel zu einer authentischeren Form der Berichterstattung sein könnte.
Constantin Schreiber und die Grenzen der institutionellen Neutralität
Die Problematik des persönlich involvierten Journalisten zeigt sich exemplarisch bei Constantin Schreiber, dem „Tagesschau“-Sprecher, der nach körperlichen Angriffen aufgrund seiner Islam-Recherchen entschied, sich nicht mehr öffentlich zu diesem Thema zu äußern. „Es ist ja jedem Menschen selbst überlassen, über welche Themen er reden möchte. Und in meinem Fall ist es schwierig, ein polarisierendes Thema wie den Islam als ‚Tagesschau‘-Sprecher zu besetzen“, so Schreiber gegenüber der Welt.
Hier zeigt sich der fundamentale Unterschied zwischen dem institutionell gebundenen Journalisten und dem einsamen Rechercheur à la Zumbach: Während Schreiber seine journalistische Neugier der institutionellen Rolle opfern muss, kann der Solo-Reporter seine persönliche Betroffenheit als Erkenntnismotor nutzen – allerdings um den Preis der Isolation und der fehlenden institutionellen Absicherung.
Erwin Koch: Das Paradigma der literarischen Reportage
Der Schweizer Reporter Erwin Koch verkörpert vielleicht am besten das, was Schertenleib in seinem Roman literarisch durchspielt. Kochs Arbeitsweise folgt genau jenem Muster, das auch Zumbach praktiziert: die radikale Hingabe an das Thema, gefolgt von der bewussten Distanzierung beim Schreibprozess.
„Ich höre zu, ich beobachte. Ich will verstehen, nicht urteilen“, beschreibt Koch seine Methode. Und dann der entscheidende Satz: „In diesem Moment verliebe ich mich in sie.“ Doch beim Schreiben vollzieht sich die notwendige Transformation: „Beim Schreiben entliebe ich mich.“
Diese Dialektik von Nähe und Distanz, von Empathie und Objektivität, ist das Herzstück der authentischen Reportage – und sie funktioniert nur, wenn der Reporter die Freiheit hat, sich vollständig auf sein Thema einzulassen, ohne sich vor Vorgesetzten rechtfertigen zu müssen.
Die Meta-Ebene: Wenn der Journalist zur Romanfigur wird
Schertenleibs „Der Papierkönig“ funktioniert auch als Meta-Kommentar über das Geschichtenerzählen selbst. Ein Teil der Handlung spielt in der irischen Wahlheimat des Autors, was die Grenzen zwischen Autor, Erzähler und Romanfigur verschwimmen lässt. Schertenleib, selbst zwischen Irland und der Schweiz pendelnd, projiziert seine eigenen Erfahrungen des Ortswechsels und der kulturellen Grenzüberschreitung auf seinen Protagonisten.
Diese Verschränkung ist symptomatisch für einen Journalismus, der sich nicht mehr scheut, die eigene Position transparent zu machen. Zumbach ist kein neutraler Beobachter – er ist ein suchender, zweifelnder, von seiner eigenen Vergangenheit getriebener Mensch. Und gerade diese Subjektivität macht ihn zu einem glaubwürdigeren Zeugen als der angeblich objektive Team-Journalist.
Der Selfie-Journalismus als Gegenbild
Das Gegenteil der authentischen Solo-Reportage ist das, was kritisch als „Selfie-Journalismus“ bezeichnet wird – die Selbstinszenierung von Journalisten, die ihre Nähe zu Machtträgern zur Schau stellen. Während Zumbach seine persönliche Involvierung als Instrument der Erkenntnis nutzt, instrumentalisieren Selfie-Journalisten ihre vermeintliche Nähe zur Macht für die eigene Profilierung.
Der Unterschied ist fundamental: Der einsame Rechercheur riskiert sich für die Geschichte, der Selfie-Journalist nutzt die Geschichte für sich. Zumbach begibt sich in Gefahr, um zu verstehen; der Selfie-Journalist inszeniert Gefahr, um zu gefallen.
Marie Colvin und die Ethik des Risikos
Die verstorbene Kriegsreporterin Marie Colvin verkörpert das Ideal des einsamen Rechercheurs in seiner extremsten Form. „Unsere Aufgabe ist es, die Wahrheit so neutral wie möglich zu berichten, aber wir sind keine Roboter. Wenn man das Leid sieht, bleibt man nicht unberührt“, so Colvin über die emotionale Dimension ihrer Arbeit.
Dieser Satz könnte auch von Zumbach stammen – er beschreibt genau jene Balance zwischen professioneller Verpflichtung und menschlicher Empathie, die den authentischen Reporter ausmacht. Colvin starb 2012 bei einem Bombenangriff in Syrien – ein Opfer ihrer Überzeugung, dass wichtige Geschichten nur durch persönliche Präsenz erzählt werden können.
Vom Roman zur Reportage – Ein methodischer Dreischritt
„Der Papierkönig“ endet tragisch – Zumbach begreift „viel zu spät“ die Konsequenzen seiner Involvierung. Doch diese literarische Katastrophe sollte nicht davon abhalten, die im Roman verhandelte Arbeitsweise als methodische Inspiration zu verstehen.
Der Weg vom Roman zur eigenen Reportage folgt einem bewährten Dreischritt: Erstens die aufmerksame Lektüre, die gesellschaftliche Phänomene hinter der Fiktion erkennt. Zweitens die Übertragung der literarischen Erkenntnisse auf reale Verhältnisse – wo gibt es heute Journalisten, die wie Zumbach arbeiten? Welche Geschichten harren der Aufarbeitung durch den einsamen Rechercheur? Drittens schließlich die eigene journalistische Spurensuche, bei der die im Roman beschriebenen Methoden praktisch erprobt werden.
Dieser Ansatz erfordert Mut zur Subjektivität und die Bereitschaft, literarische Sensibilität mit journalistischer Präzision zu verbinden. Er macht den Kulturjournalisten zum Seismographen gesellschaftlicher Spannungen, die in der Belletristik oft früher sichtbar werden als in der Tagesberichterstattung.
Die Solo-Reportage ist nicht tot – sie wartet darauf, durch aktive Lektüre wiederentdeckt zu werden. Hansjörg Schertenleibs Roman zeigt uns, wie dieser Weg aussehen könnte – auch jenseits der irischen Landschaften, in denen Zumbachs Geschichte spielt. Jeder Roman kann der Anfang einer neuen Recherche sein, jede Lektüre der Beginn einer journalistischen Spurensuche.
Titelfoto: Kaspars Eglitis
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