Eine Bushaltestelle, ein Foto, ein Name: Liesel Mansfeld

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1–2 Minuten

Ich war auf der Suche nach Büchern. Gefunden habe ich ein Foto.
Es lag auf dem Sandboden einer Bushaltestelle, die hier im Wendland als öffentlicher Bücherschrank fungiert. Ein Abzug, eingerissen, mit Rostflecken – vermutlich von einer Pinnadel. Jemand hatte ihn irgendwann aufgehängt, er gehörte zu etwas. Dann nicht mehr.

Auf der Rückseite, handschriftlich: Liesel Mansfeld 1926.

Liesel Mansfeld © Museum Wustrow NS Archiv
Liesel Mansfeld © Museum Wustrow NS Archiv

Das Foto zeigt ein Mädchen an seinem ersten Schultag. Elisabeth Mansfeld, geboren 1920. Sie wuchs in Lüchow auf, besuchte die Volksschule, wurde Liesel genannt. 1939 zog die Familie ins sogenannte Judenhaus in der Kalandstraße 5 – direkt neben dem Kirchturm der St. Johannis Kirche. Zwei Jahre später, am 6. Dezember 1941, bestieg sie in Lüneburg den Deportationszug nach Riga. Im selben Zug: ihre Eltern, ihre Cousine, ihr Cousin mit Frau und Sohn.Das Original liegt im NS-Archiv des Museums Wustrow.

Was man über sie weiß, ist präzise und vollständig von außen festgehalten. Sie zog nach Hamburg, arbeitete dort als Hausangestellte. Adressen sind belegbar. Ein Stolperstein erinnert an einen dieser Orte. Am 6. Dezember 1941 wurde sie aus Hamburg nach Riga deportiert. Sie war 21 Jahre alt.

Diese Daten existieren, weil Behörden sie erfasst haben. Melderegister, Verwaltungsakte, Verordnungen. Man lernt das System kennen, das auf sie zugegriffen hat – nicht den Menschen.

Die Freie Bühne Wendland hat daraus ein Theaterstück gemacht: Hermine Katz und das ungeheure Wissen der Dachböden. Es nimmt dieselben Fragmente – Fotografien, Dokumente, Verwaltungssprache – und fragt, was zwischen ihnen gewesen sein könnte.

Drei Bezugspunkte also: das Foto, das Archiv, das Theaterstück. Drei verschiedene Antworten auf dieselbe Unmöglichkeit: dass jemand als Verwaltungsakt gründlich dokumentiert sein kann – und als Mensch trotzdem ungreifbar bleibt.

Das Foto liegt jetzt bei mir. Was nun?

Ergänzende Infos zu Elisabeth Mansfeld finden Sie auf der Website Stolpersteine Hamburg.

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