„Am Anfang meiner Existenz als Schriftsteller hat mich die Frage ‹wer bin ich› kaum interessiert. Ich wollte eher wissen, ‹wer könnte ich sein›. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Ich bin mir schreibend auch selber auf der Spur. Bleibt die Frage: Ist es gut, zu wissen, wer man ist?“
Hansjörg Schertenleib (tagblatt.ch)
Der Konjunktiv bleibt bei mir hängen: als Arbeitszustand meines eigenen Lesens und Schreibens. Wer könnte ich sein ist hier keine Frage nach Identität, sondern nach Möglichkeiten. Nach Bewegung. Nach einer offenen Entwicklung.
Lesen und Schreiben gehören – für mich – in diesem Zusammenhang zusammen. Lesen als Annäherung. Schreiben als Versuch, dem Gelesenen standzuhalten. In diesem Blog geht es um beides: um Texte und um das, was sie im Lesen auslösen, verschieben, offenhalten.
Mein eigener Zugang zu Hansjörg Schertenleib ist genau so entstanden. Nicht aus einer abgeschlossenen Lektüre, nicht aus einem Überblick über ein Werk, sondern aus einem ersten Buch: Der Papierkönig. Danach kamen Palast der Stille und Regenorchester hinzu. Alle angelesen, unterschiedlich weit. Keines zu Ende geführt. Noch nicht.
Was sich dabei dennoch zeigt, sind wiederkehrende Felder: Väter und Söhne, Ersatzfamilien, verfehlte Lebensentwürfe, Figuren, die in Übergängen festhängen. Orte spielen eine zentrale Rolle. Dörfer, Städte, Innenräume, die kleiner wirken als das Leben, das in ihnen verhandelt wird. Diese Räume sind keine Kulissen, sondern Versuchsanordnungen. Man hält sich in ihnen auf, beobachtet, hört zu, wartet ab.
Neben der eigenen Lektüre ist der Begleitton des Literaturbetriebs präsent. Rezensionen, Porträts, Preise und Zuschreibungen bündeln sich zu wiederkehrenden Formeln: lakonisch, genau, leise, präzise. Schertenleib wird darin als Chronist der Zwischentöne gelesen, als Beobachter unspektakulärer Existenzen. Diese Zuschreibungen strukturieren die Wahrnehmung, sie stehen im Raum, noch bevor man selbst liest. Sie geben Orientierung, ersetzen aber nicht die eigene Annäherung.
Es gibt wenige Autorinnen und Autoren, bei denen sich beim Lesen immer wieder derselbe Gedanke einstellt: So eine Geschichte hätte ich auch gern erzählt. Unabhängig von Länge oder Form. Bei Hansjörg Schertenleib ist das der Fall. Und bei Olga Tokarczuk. Texte, die diesen Effekt auslösen, erzeugen eine besondere Nähe: sie wirken weniger wie abgeschlossene Erzählungen. Eher wie Möglichkeiten, die man lesend, schreibend betritt und in ihnen weiterleben möchte.


Während der Lektüre aufgenommen.
Mich interessiert übrigens weniger, wer Schertenleib ist, als das, was seine Texte ermöglichen. Was sich mit ihnen anfangen lässt, lesend, weiterdenkend, schreibend. Seine Bücher wirken wie offene Flächen, nicht wie abgeschlossene Behauptungen. Man kann sie betreten, wieder verlassen, an ihnen hängen bleiben.
Vielleicht ist genau das der produktive Ort: nicht zu wissen, wer man ist, nicht einmal genau zu wissen, was man liest, sondern sich schreibend und lesend auf der Spur zu bleiben. Ohne Zielmarke. Ohne Abschluss. Mit der offenen Frage, ob Wissen über sich selbst überhaupt das ist, worauf es ankommt.
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Über das Chorsingen
4–6 MinutenHansjörg Schertenleib führt in seiner Erzählung „Der Antiquar“ die Figur des Fabrikanten Hermann Hotz ein, der im Chor singt. Eine Randbemerkung, beiläufig. Dennoch: Zum ersten Mal begegnete mir in einem literarischen Text jemand, der singt – nicht allein, nicht als Solist, sondern in der Gemeinschaft eines Chores. Da ich selbst im Chor singe, habe ich…
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Hansjörg Schertenleib – Der Antiquar
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Hansjörg Schertenleib – Das Regenorchester
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Von Walden Pond zur Elbtalaue
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Hansjörg Schertenleib – Palast der Stille
1–2 MinutenIn Palast der Stille begleitet man zwei Menschen, die – auf unterschiedliche Weise entwurzelt – eine Reise unternehmen, die sie an den Walden Pond in Massachusetts führt, jenen Ort, an dem Henry David Thoreau Mitte des 19. Jahrhunderts sein berühmtes Experiment der Einfachheit und Selbstgenügsamkeit begann. Von dieser symbolischen Landschaft aus entfaltet sich eine vielschichtige…
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lonesome journalist
4–7 MinutenEine literarische Spurensuche | Als Kultur- und Literaturblogger begegne ich immer wieder Romanen, die mehr sind als nur fiktive Geschichten – sie sind Spiegel der Medienrealität und zugleich Sehnsuchtsorte für das, was der Journalismus verloren zu haben scheint. Hansjörg Schertenleibs Roman „Der Papierkönig“ ist ein solches Werk: eine literarische Meditation über die Einsamkeit des recherchierenden…
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Reto Zumbach, Journalist & befangen
1–2 MinutenEin Papierfabrikant begeht ein Verbrechen. Der Jornalist Reto Zumbach will die Tat und seine Umstände nachzeichnen und begibt sich auf eine Reise zum Anwesen des verurteilten und inhaftierten Unternehmers im Norden Irlands. Lesetagebuch: Der Papierkönig | Hansjörg Schertenleib Mich reizt der Rahmen der Geschichte: Ein Journalist auf Recherchereise, der zugleich in die Story verwickelt ist.…
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Der Papierkönig | Hansjörg Schertenleib
2–3 MinutenHansjörg Schertenleibs Roman „Der Papierkönig“ (erschienen 2008) arbeitet mit mehreren Ebenen: Die Brüche und Abgründe des Journalismus sowie die fragile Identität eines Mannes erkundet, der zwischen beruflicher Pflicht und persönlicher Krise schwankt. Protagonist Viktor Kessler, ein alternder Kulturjournalist, sieht sich mit der Auflösung seiner Ehe, dem Druck der Medienbranche und der Frage konfrontiert, was von…
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Hansjörg Schertenleib – Zwischen Lesen und Schreiben
2–3 Minuten„Am Anfang meiner Existenz als Schriftsteller hat mich die Frage ‹wer bin ich› kaum interessiert. Ich wollte eher wissen, ‹wer könnte ich sein›. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Ich bin mir schreibend auch selber auf der Spur. Bleibt die Frage: Ist es gut, zu wissen, wer man ist?“Hansjörg Schertenleib (tagblatt.ch) Der Konjunktiv…
