Annähernd gelesen | Ilse Chamiers Gedicht reflektiert ihre Erfahrungen als Kindergartenkind im nationalsozialistischen Deutschland. Dabei verbindet sie Erinnerungen an Rituale, religiöse Erziehung und Kriegsrealität zu einer erschütternden Collage – ruhig im Ton, aber tiefgründig in der Aussage. Die sprachliche Einfachheit kontrastiert mit der Komplexität des Erlebten.
Politische und religiöse Rituale – Spiegelungen von Macht
Schon zu Beginn thematisiert Chamier die Koexistenz und später den Austausch von religiösen und politischen Symbolen:
„wir mußten alle den Arm heben, Heil Hitler / die Nonnen im Kindergarten lobten vorher / und nachher den Jesus Christ, der beide / Arme hob“
Der Hitlergruß – Symbol des politischen Gehorsams – wird mit der Geste Jesu am Kreuz verglichen. In der kindlichen Wahrnehmung verschwimmen religiöse und politische Rituale. Beide fordern Glauben, Ergebenheit, körperlichen Ausdruck. Das zeigt, wie autoritäre Systeme religiöse Muster imitieren, um emotionale Bindung und Gehorsam zu erzeugen.
„Auch eine Haltung, in der man / erstarrt, die gestreckte Rechte“
Diese Zeile verstärkt die Kritik: Die Geste, egal ob religiös oder politisch, führt zur Erstarrung – zur inneren und äußeren Unfreiheit.
Die Rolle der Kirche – Anpassung statt Widerstand
Chamier schildert, wie die religiösen Erzieherinnen den Übergang zum NS-Regime mitvollziehen, ohne zu hinterfragen:
„die Nonnen im Kindergarten lobten vorher / und nachher den Jesus Christ“
Diese Zeilen legen eine beunruhigende Kontinuität nahe – als habe man nur den Namen gewechselt, nicht die Haltung. Die Kirche scheint weder Schutzraum noch Widerstandskraft zu bieten – vielmehr wirkt sie als Mitläuferin, die sich dem neuen System anpasst, statt es zu hinterfragen.
„das Kruzifix / wurde abgehängt“
Das Abhängen des Kreuzes steht symbolisch für die Entfernung christlicher Werte – und zugleich für die Austauschbarkeit der Symbole. Wo einst Jesus war, steht nun Hitler im Zentrum der Verehrung.
Kriegserfahrung und kindliche Wahrnehmung
Chamier arbeitet bewusst mit Kontrasten: Der kindliche Alltag mit Fleißkärtchen und Kinderreimen („da zankten sich fünf Hühnerchen…“) trifft auf Kriegsbilder:
„da flogen die ersten Geschwader / zum Großangriff über Kleve nach Düsseldorf Essen“
Die Fleißkärtchen stehen für Belohnung und Kontrolle, für das Belohnungssystem von Gehorsam – harmlos im Kindergartensetting, aber symptomatisch für eine Gesellschaft, die Leistung und Unterordnung belohnt. Die Ironie: Während das Kind Kärtchen sammelt, beginnt der Krieg.
Die „Schlusspointe“ – Identitätsverweigerung
Das Gedicht endet mit einer rhetorischen, beinahe ratlosen Frage:
„wie kam es / daß ich nie Heiliger Hitler sagte, und nie / Heil Herz Jesu“
Hier wird das ganze Gedicht auf eine innere Abgrenzung zugespitzt: Trotz der allgegenwärtigen Rituale, trotz religiöser und politischer Erziehung, hat die Sprecherin nie diese beiden Formeln der Anbetung übernommen. Die doppelte Verweigerung ist entscheidend – sie verehrt weder Hitler noch Jesus. Das zeigt, dass die Erzählerin als Kind (oder rückblickend als Erwachsene) einen inneren Abstand bewahrt hat.
Diese Schlussfrage ist gleichzeitig ein stiller Akt des Widerstands – kein heldenhafter, aber ein sehr menschlicher, intimer.
Ilse Chamiers Gedicht ist eine subtile, eindringliche Analyse des Alltags im Nationalsozialismus – gesehen durch die Augen eines Kindes, aber mit dem Wissen einer Erwachsenen. Die Stärke des Gedichts liegt in seiner leisen Ironie, der Verweigerung eindeutiger Anklagen und in der Verbindung von Religion und Politik als Machtinstrumente.
Chamier entlarvt beide Systeme als potenziell autoritär, wenn sie den Einzelnen zur blinden Unterwerfung drängen – ob unter dem Kreuz oder dem Hakenkreuz.
Dieses Gedicht wurde veröffentlicht in Tagtexte, Prometheus Verlag 1980.
Titelfoto: Brittany Clark via unsplash
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