Annähernd gelesen | Zwischen Sprache, Ordnung und Auflösung
Jane Wels‘ Gedicht „Bitte versuchen Sie,“ ist ein Text über die Unmöglichkeit, gefasst zu werden – und zugleich ein Text, der sich selbst beim Versuch des Fassens beobachtet. Es spielt mit der Spannung zwischen Sprache und Identität, zwischen Ordnung und Auflösung, und ist dabei zugleich selbstreflexiv, ironisch und von einer fast trotzigen Eleganz durchzogen.
1. Anrede und Selbstbehauptung
Der Titel und die ersten Zeilen klingen wie eine höfliche, aber bestimmte Aufforderung: „Bitte versuchen Sie, mich nicht in Begrifflichkeiten zu fassen.“ Das lyrische Ich wehrt sich gegen Einordnungen, Etiketten, gegen sprachliche oder gesellschaftliche Zuschreibungen. Es fordert Freiheit für das „Kontinuum“ – für das Fließende, Unabgeschlossene, das sich jeder Kategorisierung entzieht.
Doch hier beginnt bereits die Paradoxie: Das Gedicht selbst ist Sprache, ist begriffliche Annäherung. Es kann gar nicht anders, als sich in Worten zu artikulieren, während es darum bittet, nicht in Worten gefasst zu werden. Diese performative Spannung durchzieht den gesamten Text.
2. Ironische Präzision und Alltagsmaterialität
„Die Ranunkeln sind Handelsklasse A.“ – Eine nüchterne, fast absurde Genauigkeit. Das Poetische kippt ins Bürokratische, und umgekehrt. Blumen, traditionelles Symbol für Schönheit und Vergänglichkeit, werden zur Ware, zum klassifizierten Produkt. Diese Durchmischung von Gefühl und Warenlogik zieht sich durch den Text: Parfum, ISBN, Handelsklasse – überall dringt die Ordnung ein, selbst ins Intimste.
Der Wasserhahn, der „nicht stehen bleiben“ kann, verstärkt dieses Motiv des Unkontrollierbaren. Etwas tropft, läuft, entzieht sich der Stillstellung. Das Technische (der Wasserhahn) wird zur Metapher für das, was nicht aufhört, was sich der Fassung widersetzt.
3. Pathos und Selbstkontrolle
„Pathos tropft! Ich schwöre. Mein Parfum heißt L’INTERDIT.“ – Pathos wird bewusst inszeniert, aber zugleich ironisch gebrochen. „L’INTERDIT“ („das Verbotene“) verweist auf ein Parfum von Givenchy – Symbol für Sinnlichkeit, Verbot und die Inszenierung von Weiblichkeit. Das lyrische Ich trägt das Verbotene als Namen, als Duft, als zweite Haut. Es identifiziert sich mit der Grenzüberschreitung, während es gleichzeitig darum ringt, diese im Zaum zu halten.
4. Sprache als Körpererfahrung
„Es ist so wunderbar, das ‚R‘ über die Zunge rollen zu lassen.“ – Hier wird Sprache körperlich, sinnlich, fast erotisch. Das Rollen des „R“ ist eine physische Geste, ein Genuss am Klang, am Vibrieren im Mund. Doch sogleich folgt die Korrektur: „Gehört sich aber nicht. Contenance!“
Das Ich diszipliniert sich selbst. Leidenschaft und gesellschaftliche Fassung prallen aufeinander. „Contenance“ – französisch für Haltung, Beherrschung – ist das Gegengewicht zum tropfenden Pathos, zum rollenden R. Der Text inszeniert einen inneren Konflikt zwischen Ausdruck und Anstand, zwischen dem Wunsch nach Entgrenzung und der Notwendigkeit der Form.
5. Zeit, Buch und Endlichkeit
„Die ‚Letzte Buchung‘ fällt, an der ISBN bekomme ich sie gerade noch zu fassen, lege sie neben ‚Paris Rot‘, während der Glockenschlag siebenmal die Zeit intoniert.“
Das Motiv der „Buchung“ ist hier mehrfach codiert: als kaufmännischer Begriff (Abrechnung, Bilanz), als bibliographisches Objekt (das Buch mit ISBN), vielleicht sogar als existenzielle Buchführung – eine Abrechnung mit der eigenen Lebenszeit. Die „Letzte Buchung“ fällt – ist das ein Ende? Ein Abschluss?
„Paris Rot“ könnte ein Buchtitel sein, eine Farbe, eine Assoziation. Die sieben Glockenschläge evozieren biblische Zeitlichkeit: die sieben Schöpfungstage, die sieben Siegel der Apokalypse. Das Gedicht verdichtet hier verschiedene Ordnungssysteme – ökonomische, literarische, religiöse – und lässt sie ineinander kollabieren.
6. Selbstkommentar und Schluss
„Warum so biblisch?“ – Die Sprecherin reflektiert ihr eigenes Pathos, nimmt sich selbst nicht ganz ernst, bricht die Schwere ironisch. Diese selbstkritische Wendung ist typisch für den Ton des Gedichts: Es ist sich seiner eigenen Gesten bewusst, spielt mit ihnen, ohne sie völlig zu entwerten.
Der letzte Vers – „Das Licht fällt immer in den Schatten, sagt dieser Mund und legt sich zum Schweigen.“ – schließt mit einem paradoxen, fast zen-artigen Bild. Normalerweise wirft Licht Schatten; hier aber fällt es in den Schatten hinein. Erkenntnis führt nicht zur Klarheit, sondern zur Verdunkelung. Und der Mund, der dies ausspricht, verstummt. Nach all den Worten, nach dem Ringen um Ausdruck: Stille. Vielleicht die einzige Möglichkeit, dem Kontinuum tatsächlich Raum zu geben.
Kurz gefasst
Das Gedicht handelt – in meiner Lesart – vom Widerstand gegen Definitionen, vom Kampf zwischen Gefühl und Form, und von der Selbstwahrnehmung im sprachlich-normierten Raum. Jane Wels nutzt Ironie, Sprachbewusstsein und präzise Brüche, um eine Figur zu zeigen, die sich der Zuschreibung entzieht – poetisch, weiblich, reflektiert und zugleich zerrissen zwischen Ausdruck und Contenance.
Ein Bild als Antwort – Über eine andere Art Gedichte zu lesen
Das Gedicht bittet darum, nicht in Begrifflichkeiten gefasst zu werden. Ich habe es trotzdem versucht – weil das der erwartete Weg ist. Die Analyse. Das Benennen. Das Erklären. Ein Weg, mit dem ich immer wieder schwer tue.
Parallel dazu entstand ein zweiter Versuch. Ich griff zum Pinsel, hatte ohnehin gerade mit Acryl gearbeitet, und ließ mich treiben. Kein Plan, kein Konzept – nur der Versuch, den Text anders zu erfassen. Nicht mit dem Verstand, sondern gefühlt. Nicht gefühlsduselig, sondern als eine andere Form des Begreifens. Eine, die dem Gedicht vielleicht näher kommt.

Zwei Wege. Der eine erwartet, der andere experimentell. Beide unvollkommen. Und das ist gut so.
Das Gedicht ist veröffentlicht in:
WORTSCHAU 44 – Selbstgespräch
WORTSCHAU VERLAG (Externer Link)
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