Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.
In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.
Das Gedicht beschreibt den Besuch eines Ortes, der als Hinrichtungsstätte diente. Der Raum wird sachlich geschildert: Unter der Decke sind Haken und ein schwarzer Balken sichtbar. Die kahlen, grauen Wände umschließen eine leere Stille, in die man vorsichtig hineintritt. Diese Stille wird als drückend beschrieben – wie Steine auf der Zunge oder ein einhüllender Rauch. An den Wänden finden sich keine direkten Spuren der Vergangenheit oder der letzten Blicke der Hingerichteten. Das einzige Zeugnis der Geschehnisse sind schriftliche Dokumente: Mit Schreibmaschine getipptes Papier, auf dem die Namen der Hingerichteten verzeichnet sind. Hinter jedem Namen steht ein Haken, und die Punkte der Schreibmaschine sind wie Einschlagkrater ins Papier gedrückt.
Von Peter H. Feist – Feist collection of slides, resource ID 12554, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=85599676
Historische Einordnung: Das Gedicht bezieht sich auf die Hinrichtungsstätte im Gefängnis Berlin-Plötzensee während der nationalsozialistischen Diktatur (1933-1945). Hier wurden zwischen 1933 und 1945 tausende Menschen durch den Fallbeil oder den Strang hingerichtet, darunter politische Gegner des NS-Regimes, Widerstandskämpfer (wie viele aus dem Umfeld des Attentats vom 20. Juli 1944) und Opfer der NS-Militärjustiz. Die beschriebenen Haken und der schwarze Balken verweisen auf die Galgen, die für Massenhinrichtungen genutzt wurden. Die erwähnten Dokumente mit den Haken hinter den Namen entsprechen den geführten Hinrichtungslisten. Das Gedicht entstand vermutlich in der Nachkriegszeit als Auseinandersetzung mit diesem Ort des NS-Terrors.
Renatus Deckert arbeitet hier implizit mit Gefühlen, sowohl durch die Darstellung der Wirkung des Ortes auf den Besucher als auch durch die Lenkung der Leserwahrnehmung:
Körperliche und sensorische Wirkung:
Die Befehlsform („Senkst du die Lider“) und die direkte Ansprache („so siehst du„, „in die du behutsam die Schritte setzt“) ziehen den Leser in die Perspektive des Besuchers hinein.
Körperliche Reaktionen werden beschrieben: Die Stille legt sich wie „Steine auf deine Zunge“ und „hüllt dich ein wie Rauch“. Diese Metaphern evozieren direkt das Gefühl von Erstickung, Schwere, Lähmung und einem undurchdringlichen, bedrückenden Schleier.
Atmosphärische Verdichtung:
Begriffe wie „Stille“, „Leere“, „Grau“ und „behutsam“ erzeugen eine Atmosphäre der Beklemmung, Ehrfurcht und Bedrohung. Die Stille ist nicht friedlich, sondern aktiv und drückend („legt Steine“, „einhüllt“).
Der Kontrast zwischen der scheinbaren Leere („Kein Fleck an der Mauer erzählt…“) und dem einzigen, umso schrecklicheren Zeugnis (das Dokument mit den „Kratern“ und „Haken“) steigert die Düsterkeit.
Lenkung der Aufmerksamkeit auf das Unsagbare:
Das Schweigen der Mauern („erzählt nicht von dem letzten Blick“) und die Betonung der Stille lenken den Fokus auf das Abwesende – das Grauen, das hier stattfand und das sich der direkten Darstellung entzieht. Diese Leere erzeugt beim Leser das Gefühl des Unfassbaren und Entsetzens.
Gewalt in der Sprache:
Die Beschreibung des Dokuments ist emotional aufgeladen: Die Punkte sind „wie Krater ins Blatt geschlagen“, die Feder ist „kratzend“, die Haken hinter den Namen wirken wie brutale Abhakvorgänge. Dies überträgt die Gewalt der Vergangenheit auf das materielle Zeugnis.
Der Autor benennt keine Gefühle direkt (wie „Angst“, „Trauer“ oder „Abscheu“). Stattdessen erzeugt er emotionale Wirkungen:
Durch die Identifikation mit der Besucherperspektive („du“). Durch die Schilderung körperlicher Empfindungen (Steine auf der Zunge, einhüllender Rauch). Durch die Verdichtung einer bedrückenden, gewaltvollen Atmosphäre (Stille, Leere, Grau, das gewaltsame Dokument). Durch das Aufzeigen der Abwesenheit von Spuren, was das Grauen nur umso präsenter macht.
Lesende werden also nicht über ihre Gefühle informiert, sondern durch Sprache und Bildlichkeit unmittelbar in einen Zustand der Beklemmung, des Unbehagens und der Trauer über das Unsagbare versetzt. Die Gefühle entstehen aus der Wahrnehmung des Ortes und seiner Zeugnisse, die der Autor sprachlich vermittelt.
…und warum es lohnt, unabhängigen Buchläden die Treue zu halten.
In einem kleinen Ort im Südwesten Schottlands, direkt an der Küste von Galloway, liegt Wigtown – offiziell anerkannt als „Scotland’s National Book Town“. Hier lebt und arbeitet Shaun Bythell, Antiquar, Buchhändler – und Autor. Sein Buch The Diary of a Bookseller (Tagebuch eines Buchhändlers) wurde ein internationaler Überraschungserfolg. Es beschreibt ein Jahr in seinem Leben, zwischen Kundengesprächen, Bücherstapeln und dem ganz normalen Wahnsinn eines unabhängigen Buchladens.
Bythell erzählt:
„Das Buch ist im Grunde genau das, was der Titel sagt: ein Tagebuch. Es dokumentiert den Alltag im Jahr 2014 – und ja, vieles wiederholt sich, wie es eben in jedem Job der Fall ist. Manche Leserinnen und Leser haben das als langweilig empfunden, aber ich glaube, gerade in dieser Wiederholung steckt etwas sehr Echtes. Ich habe nie versucht, witzig zu schreiben – aber es sind oft gerade die kleinen, absurden Szenen, an die man sich erinnert. Und die landen dann im Buch.“
Mit einem feinen Gespür für Zwischentöne und einem oft trockenen Humor schildert The Diary of a Bookseller das Innenleben eines der größten Secondhand-Buchläden Schottlands. Es ist eine Liebeserklärung an Bücher – und eine leise, aber klare Kritik an der Entwicklung des Buchmarkts.
„Ich habe versucht, meinen Verlag davon zu überzeugen, das Buch nicht sofort über Amazon zu vertreiben – zumindest nicht in den ersten sechs Monaten. Ich wollte dem stationären Buchhandel einen Vorsprung geben. Aber der Verlag hat abgelehnt, aus Angst vor Vertragsverstößen mit Amazon. Diese Abhängigkeit ist ein echtes Problem. Amazon ist kompromisslos – ein Verstoß, und sämtliche Bücher könnten aus dem Sortiment verschwinden.“
Bythell weiß, wovon er spricht. Er hat früher selbst über Amazon verkauft, bis er eines Tages gesperrt wurde – wegen der sich ständig verändernden Regeln und Gebühren.
„Ich habe einmal ein Buch für zwei Pfund verkauft und am Ende daran Verlust gemacht. Amazon hat mehr Gebühren einbehalten, als ich verdient habe. Für Verkäufer ist das ein hartes Pflaster.“
Und dennoch lebt sein Buchladen – The Bookshop – weiter. Auch Wigtown lebt. Die Idee, den Ort zur Buchstadt zu erklären, wurde vor über 20 Jahren umgesetzt. Heute hat sich daraus ein kleines, aber stabiles Netzwerk entwickelt. Veranstaltungen, Festivals, kleine Läden: alles dreht sich um Bücher.
„Damals konnte ich mir kaum vorstellen, wie das in einer so kleinen, abgelegenen Gemeinde funktionieren soll. Aber es funktioniert – wegen vieler engagierter Menschen, die daran geglaubt und mit angepackt haben. Und es ist ein Privileg, jeden Tag mit Büchern zu arbeiten.“
Aber nicht nur Bücher prägen den Ort. Auch die Landschaft spielt eine Rolle.
„In 15 Minuten bin ich am Fluss, in den Hügeln oder am Meer. Es gibt Sandstrände, Wälder, Berge. Und das Beste: Es bleibt ruhig. Selbst in der Hochsaison wirkt es nie überlaufen. Die Menschen schätzen diese Entschleunigung.“
Trotzdem stellt sich die Frage: Wie sieht die Zukunft für Orte wie Wigtown aus – in einer Welt, die zunehmend urbaner und digitaler wird?
„Ich glaube, es gibt eine Chance. Wir haben hier in der Region einen Besucherzuwachs von über 40 Prozent erlebt – nicht nur bei uns im Laden, sondern auch bei historischen Stätten. Die Leute entdecken solche Orte wieder. Aber es ist ein Balanceakt: Das, was Wigtown ausmacht – die Ruhe, die Freundlichkeit, der Raum – darf dabei nicht verloren gehen.“
Von Schottland nach Deutschland – und weiter
Dieses Gespräch mit Shaun Bythell ist mehr als eine Buchvorstellung. Es ist der Ausgangspunkt für eine Reise: eine Reise zu unabhängigen Buchläden, Antiquariaten und den Menschen, die sie am Leben halten. Was in Wigtown funktioniert, funktioniert doch auch hier – da wo ich lebe – oder?!. Ich lebe auf dem Land, wie man so schön sagt, daher interessiere mich zunächst für die Geschäfte in kleinen und mittelgroßen Städten. – Ausgangspunkt ist in diesem Fall Landkreis Lüneburg, Boizenburg, Wendland, Heidekreis und umzu.
Deshalb möchte ich mich auf den Weg machen, durch mein eigenes Umfeld streifen und die Geschichten der Buchhändlerinnen und Buchhändler sammeln. Sie fragen, was sie bewegt, was sie brauchen, woran sie glauben. Vielleicht entsteht daraus ein kleines Archiv der Stimmen des Buchhandels – lokal, lebendig, lesenswert.
The Diary of a Bookseller hat mich daran erinnert, wieder genauer hinzusehen. Und vielleicht noch mehr: hinzugehen.
Buchinformation 📘 The Diary of a Bookseller von Shaun Bythell Englischsprachige Originalausgabe Erschienen bei Profile Books (2017) ISBN: 978-1781258620
Titelfoto: Colin Kinnear / The Book Shop / CC BY-SA 2.0
…und warum es lohnt, unabhängigen Buchläden die Treue zu halten. In einem kleinen Ort im Südwesten Schottlands, direkt an der Küste von Galloway, liegt Wigtown – offiziell anerkannt als „Scotland’s National Book Town“. Hier lebt und arbeitet Shaun Bythell, Antiquar, Buchhändler – und Autor. Sein Buch The Diary of a Bookseller (Tagebuch eines Buchhändlers) wurde…
Zwischen Bücherliebe und Existenzkampf – Ein Porträt des schottischen Buchhändlers und Autors Shaun Bythell ist weit mehr als nur ein Betreiber eines Antiquariats. Er ist ein scharfer Beobachter der Buchwelt, ein humorvoller Chronist seines Alltags und ein unermüdlicher Kämpfer für den Erhalt unabhängiger Buchhandlungen. Seine internationalen Bekanntheit verdankt er seinen ehrlichen und oft urkomischen Schilderungen…
Einblicke in den Alltag einer Buchhandlung: Shaun Bythells „Tagebuch eines Buchhändlers“ Shaun Bythells „Tagebuch eines Buchhändlers“ gewährt Lesenden einen ungewöhnlichen Zugang in die Welt des Einzelhandels mit Büchern. Auf den Seiten dieses Buches entfaltet sich ein chronologischer Bericht über ein Jahr im Leben einer Antiquariatsbuchhandlung in Wigtown, Schottland. Die Einträge, datiert und oft von lakonischem…
Zwischen Bücherliebe und Existenzkampf – Ein Porträt des schottischen Buchhändlers und Autors
Shaun Bythell ist weit mehr als nur ein Betreiber eines Antiquariats. Er ist ein scharfer Beobachter der Buchwelt, ein humorvoller Chronist seines Alltags und ein unermüdlicher Kämpfer für den Erhalt unabhängiger Buchhandlungen. Seine internationalen Bekanntheit verdankt er seinen ehrlichen und oft urkomischen Schilderungen des Lebens in seinem schottischen Antiquariat, die er in seinem Werk „The Diary of a Bookseller“ auf fesselnde Weise festhält.
Das Herzstück in Schottlands „Book Town“
Seit nunmehr über zwei Jahrzehnten, genauer seit 2001, ist „The Bookshop“ in Wigtown, der offiziellen „Book Town“ Schottlands, das berufliche Zuhause von Shaun Bythell. Dieses beeindruckende Antiquariat beherbergt auf über einem Kilometer Regalfläche eine schier unendliche Auswahl von über 100.000 Büchern und beansprucht den Titel des größten Antiquariats in Schottland für sich. Doch Bythells Engagement reicht über den reinen Buchverkauf hinaus: Er ist maßgeblich an der Organisation des jährlich stattfindenden Wigtown Book Festivals beteiligt, das Literaturbegeisterte aus aller Welt in die beschauliche schottische Provinz lockt.
„The Diary of a Bookseller“ – Mehr als nur Alltagsnotizen
In seinem vielbeachteten „The Diary of a Bookseller“ nimmt uns Shaun Bythell mit auf eine einjährige Reise durch die Höhen und Tiefen seines Lebens als Buchhändler. Mit einem untrüglichen Gespür für skurrile Situationen und einem herrlich trockenen Humor schildert er die Begegnungen mit einer oft exzentrischen Kundschaft, die täglichen Herausforderungen des Einzelhandels und die liebenswerten Eigenheiten seiner Angestellten. Wie er im YouTube-Interview betont: „Das Buch ist im Grunde genau das, was der Titel sagt: ein Tagebuch. Es dokumentiert den Alltag im Jahr 2014 – und ja, vieles wiederholt sich, wie es eben in jedem Job der Fall ist. Manche Leserinnen und Leser haben das als langweilig empfunden, aber ich glaube, gerade in dieser Wiederholung steckt etwas sehr Echtes. Ich habe nie versucht, witzig zu schreiben – aber es sind oft gerade die kleinen, absurden Szenen, an die man sich erinnert. Und die landen dann im Buch.“
So entsteht ein authentisches und ungeschöntes Bild des Alltags eines unabhängigen Buchladens, das zugleich eine subtile, aber deutliche Kritik an den Veränderungen im Buchmarkt durch den unaufhaltsamen Aufstieg großer Online-Plattformen formuliert. Bythells feines Gespür für Zwischentöne macht „The Diary of a Bookseller“ zu einer Liebeserklärung an das gedruckte Wort und einer nachdenklichen Reflexion über die Zukunft des Buches.
Ein Kämpfer für den lokalen Buchhandel
Shaun Bythell ist ein unermüdlicher Verfechter des Erhalts der unabhängigen Buchhandelslandschaft. Durch seine Bücher und seine öffentlichen Auftritte lenkt er die Aufmerksamkeit auf die unverzichtbare Rolle lokaler Buchläden als kulturelle und soziale Ankerpunkte. Dabei scheut er sich nicht, die oft prekären Auswirkungen der Marktdominanz großer Online-Händler offen anzusprechen. Im Hinblick auf den Vertrieb seines eigenen Buches berichtet er im Interview: „Ich habe versucht, meinen Verlag davon zu überzeugen, das Buch nicht sofort über Amazon zu vertreiben – zumindest nicht in den ersten sechs Monaten. Ich wollte dem stationären Buchhandel einen Vorsprung geben. Aber der Verlag hat abgelehnt, aus Angst vor Vertragsverstößen mit Amazon. Diese Abhängigkeit ist ein echtes Problem. Amazon ist kompromisslos – ein Verstoß, und sämtliche Bücher könnten aus dem Sortiment verschwinden.“
Bythell spricht aus eigener Erfahrung, da er einst selbst über Amazon verkaufte und aufgrund der sich ständig ändernden Regeln und Gebühren gesperrt wurde. „Ich habe einmal ein Buch für zwei Pfund verkauft und am Ende daran Verlust gemacht. Amazon hat mehr Gebühren einbehalten, als ich verdient habe. Für Verkäufer ist das ein hartes Pflaster.“
Die Episode mit dem Kindle – Ein Statement mit Schrot
Die Geschichte, dass Bythell ein Kindle an die Wand genagelt habe, ist zwar eine unterhaltsame Vorstellung, doch die Realität ist – im wahrsten Sinne des Wortes – einschlagender. Tatsächlich demonstrierte er seine kritische Haltung gegenüber E-Readern, indem er ein defektes Kindle-Gerät mit einer Schrotflinte bearbeitete und das Ergebnis in seinem Laden ausstellte. Dieses drastische und humorvolle Statement unterstreicht seine Überzeugung von der Bedeutung physischer Bücher und der Herausforderungen, denen sich traditionelle Buchhandlungen im digitalen Zeitalter stellen müssen.
Wigtown: Mehr als nur Bücher
Trotz der Widrigkeiten existiert „The Bookshop“ weiterhin, und auch Wigtown als „Buchstadt“ floriert. Die vor über 20 Jahren initiierte Idee, den Ort zu einem Zentrum für Bücher zu machen, hat sich bewährt und ein kleines, aber stabiles Netzwerk aus Veranstaltungen, Festivals und kleinen Läden geschaffen, in denen sich alles um das geschriebene Wort dreht. Bythell erinnert sich: „Damals konnte ich mir kaum vorstellen, wie das in einer so kleinen, abgelegenen Gemeinde funktionieren soll. Aber es funktioniert – wegen vieler engagierter Menschen, die daran geglaubt und mit angepackt haben. Und es ist ein Privileg, jeden Tag mit Büchern zu arbeiten.“
Doch nicht nur die Bücher prägen Wigtown, auch die umgebende Landschaft spielt eine wichtige Rolle für die Lebensqualität. „In 15 Minuten bin ich am Fluss, in den Hügeln oder am Meer. Es gibt Sandstrände, Wälder, Berge. Und das Beste: Es bleibt ruhig. Selbst in der Hochsaison wirkt es nie überlaufen. Die Menschen schätzen diese Entschleunigung.“
Die Zukunft im Blick – Ein Balanceakt
Angesichts der zunehmenden Urbanisierung und Digitalisierung stellt sich die Frage nach der Zukunft von Orten wie Wigtown. Shaun Bythell blickt jedoch optimistisch in die Zukunft: „Ich glaube, es gibt eine Chance. Wir haben hier in der Region einen Besucherzuwachs von über 40 Prozent erlebt – nicht nur bei uns im Laden, sondern auch bei historischen Stätten. Die Leute entdecken solche Orte wieder. Aber es ist ein Balanceakt: Das, was Wigtown ausmacht – die Ruhe, die Freundlichkeit, der Raum – darf dabei nicht verloren gehen.“
Shaun Bythell ist somit nicht nur ein Buchhändler und Autor, sondern auch ein Botschafter für eine entschleunigte Lebensweise und den unschätzbaren Wert lokaler Gemeinschaften. Seine ehrlichen Einblicke in die Welt der Bücher und seines Antiquariats sind eine Bereicherung für jeden Leser und regen dazu an, die Bedeutung unabhängiger Buchhandlungen in unserer schnelllebigen Zeit neu zu überdenken.
Titelfoto: A book lover bed by Oliver Dixon / CC BY-SA 2.0
…und warum es lohnt, unabhängigen Buchläden die Treue zu halten. In einem kleinen Ort im Südwesten Schottlands, direkt an der Küste von Galloway, liegt Wigtown – offiziell anerkannt als „Scotland’s National Book Town“. Hier lebt und arbeitet Shaun Bythell, Antiquar, Buchhändler – und Autor. Sein Buch The Diary of a Bookseller (Tagebuch eines Buchhändlers) wurde…
Zwischen Bücherliebe und Existenzkampf – Ein Porträt des schottischen Buchhändlers und Autors Shaun Bythell ist weit mehr als nur ein Betreiber eines Antiquariats. Er ist ein scharfer Beobachter der Buchwelt, ein humorvoller Chronist seines Alltags und ein unermüdlicher Kämpfer für den Erhalt unabhängiger Buchhandlungen. Seine internationalen Bekanntheit verdankt er seinen ehrlichen und oft urkomischen Schilderungen…
Einblicke in den Alltag einer Buchhandlung: Shaun Bythells „Tagebuch eines Buchhändlers“ Shaun Bythells „Tagebuch eines Buchhändlers“ gewährt Lesenden einen ungewöhnlichen Zugang in die Welt des Einzelhandels mit Büchern. Auf den Seiten dieses Buches entfaltet sich ein chronologischer Bericht über ein Jahr im Leben einer Antiquariatsbuchhandlung in Wigtown, Schottland. Die Einträge, datiert und oft von lakonischem…
Einblicke in den Alltag einer Buchhandlung: Shaun Bythells „Tagebuch eines Buchhändlers“
Shaun Bythells „Tagebuch eines Buchhändlers“ gewährt Lesenden einen ungewöhnlichen Zugang in die Welt des Einzelhandels mit Büchern. Auf den Seiten dieses Buches entfaltet sich ein chronologischer Bericht über ein Jahr im Leben einer Antiquariatsbuchhandlung in Wigtown, Schottland. Die Einträge, datiert und oft von lakonischem Humor durchzogen, dokumentieren die vielfältigen Ereignisse, die den Alltag des Autors und seiner Angestellten prägen.
Man begegnet einer Bandbreite an Kundschaft, deren Interaktionen mit dem Buchladen mal kurios, mal nachdenklich stimmen. Anfragen nach obskuren Titeln stehen neben dem Wunsch nach Bestsellern, und die Reaktionen auf das Angebot der Buchhandlung fallen ebenso unterschiedlich aus. Die Beschreibungen dieser Begegnungen vermitteln ein lebendiges Bild der Dynamik zwischen Buchhändler und Leserschaft.
Neben den Kunden kommen auch die internen Abläufe der Buchhandlung zur Sprache. Der Leser erhält Einblick in den Ankauf und Verkauf von Büchern, die Organisation des Bestands und die besonderen Herausforderungen, die das Betreiben eines Antiquariats mit sich bringt. Die Schilderungen der täglichen Routinen, unterbrochen von unerwarteten Ereignissen, zeichnen ein authentisches Bild des Arbeitsalltags.
Die geographische Verortung in einer kleinen schottischen Stadt bildet einen weiteren Rahmen für die Erzählungen. Bythell fängt die Atmosphäre der Umgebung ein und lässt den Leser an den Besonderheiten dieses Ortes teilhaben. Die Schilderungen des Wetters, lokaler Begebenheiten und der Interaktion der Buchhandlung mit der Gemeinschaft tragen zur Verortung der Ereignisse bei.
Die Sprache des Buches ist direkt und schnörkellos. Die Beobachtungen des Autors werden ohne Umschweife wiedergegeben, wodurch ein unmittelbarer Eindruck entsteht. Die einzelnen Tagebucheinträge sind oft kurz gehalten und fokussieren auf spezifische Ereignisse oder Beobachtungen.
„Tagebuch eines Buchhändlers“ präsentiert somit eine Sammlung von Momentaufnahmen aus dem Mikrokosmos einer unabhängigen Buchhandlung. Es bietet Lesenden die Möglichkeit, in eine spezifische Arbeitswelt einzutauchen und die vielfältigen Facetten des Umgangs mit Büchern und Menschen kennenzulernen. Die chronologische Struktur und die detaillierten Beschreibungen laden dazu ein, den Jahreslauf in der Buchhandlung mitzuverfolgen und eigene Eindrücke von den geschilderten Situationen zu gewinnen.
In Annette Hagemanns „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ offenbart sich der Körper als ein vielschichtiges Archiv, in dem die Spuren der Herkunft auf ebenso subtile wie prägnante Weise gespeichert sind. Vordergründig scheinen die Erbschaften des lyrischen Ichs in ihrer Konkretheit begrenzt: die spezifische „Form der Röte auf den Wangen“, ein genetisches Vermächtnis der Mutter, das den Körper zunächst als Träger biologischer Information ausweist. Doch diese Beobachtung allein greift zu kurz. Denn die Röte der Wangen ist nicht nur ein genetischer Code, sondern potenziell auch ein soziales Signal, aufgeladen mit erlernten Bedeutungen und kulturellen Interpretationen von Emotionen wie Scham oder Verlegenheit. So verschränkt sich das biologische Erbe unmerklich mit der sozialen Prägung.
Ein weiterer Zugang zur Bedeutung des Körpers als Speicher des Erbes findet sich in der bewussten sensorischen Abgrenzung des lyrischen Ichs. Das nächtliche Verschließen der Ohren, um sich auf die „eigenen Körpergeräusche“ zu konzentrieren, ist ein aktiver Akt der Autonomiesuche. Durch die Reduktion äußerer Sinnesreize schafft das Ich einen inneren Raum, der frei von den potenziellen Einflüssen der Familie ist. Dieser Wunsch nach sensorischer Selbstbestimmung steht in einem bemerkenswerten Kontrast zur fragmentierten Erinnerung an die Mutter, deren Präsenz auf die „Beine unter den hellgilben Laken“ reduziert erscheint. Während das Ich aktiv seine Wahrnehmung gestaltet, wird die Mutter in einer distanzierten, fast körperlosen Weise erinnert, was die emotionale Distanz und die unterschiedlichen Modi der Selbstwahrnehmung zwischen den Generationen andeutet.
Lyrische Tradition
Diese Auseinandersetzung mit dem Körper als Träger und als Grenze des Erbes findet Resonanz in der lyrischen Tradition. Denken wir an Sylvia Plaths intensive Körpermetaphorik, in der das Physische oft zum Schauplatz innerer Zerrissenheit und gesellschaftlicher Zwänge wird. Obwohl Hagemanns Ton leiser ist, teilt sie mit Plath das Interesse daran, wie sich Erfahrungen und Prägungen im Körper einschreiben. Auch Durs Grünbeins anatomische Lyrik, die wissenschaftliche Präzision mit existentiellen Fragen verbindet, mag hier anklingen. Beide Dichter betrachten den Körper nicht nur als biologische Gegebenheit, sondern auch als ein Archiv der Geschichte und individuellen Erfahrung.
Über die rein physischen Merkmale hinaus erweitert Hagemanns Gedicht das Konzept des „körperlichen“ Erbes subtil. Das vom Vater geerbte „Interesse an Zoologie“ und die „Bereitschaft, selbst in Tieren (wie meinem Vater) das Gute zu sehen“, verweisen auf die Weitergabe von Wahrnehmungsweisen und Verhaltensmustern, die durch Interaktion und Vorbild internalisiert werden. Selbst die ungewöhnlichen „Erbschaften“ wie die „verformte Jazzschallplatte“ und der „farblose, fast unsichtbare Koi-Fisch“ tragen auf ihre Weise zur Formung des lyrischen Ichs bei und sind über sinnliche Erfahrungen (Hören, Sehen) mit der elterlichen Welt verbunden.
Am Ende bleibt das lyrische Ich als die eigentliche „Erbschaft“ zurück – ein Individuum, geformt durch genetische Anlagen, soziale Prägungen und bewusste Abgrenzungsversuche. Der Körper wird so zum zentralen Medium, durch das sich das Erbe manifestiert, transformiert und letztendlich in der Einzigartigkeit des Einzelnen neu konstituiert. Hagemanns Gedicht lädt dazu ein, die oft unbemerkten Wege zu erkunden, auf denen körperliche Merkmale und Sinneswahrnehmungen unsere Identität prägen und uns mit unserer Herkunft verbinden.
Annette Hagemanns Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ setzt sich behutsam mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung auseinander. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt – die spezifische Röte der Wangen der Mutter, eine deformierte Jazzplatte aus New York, ein unscheinbarer Koi des Vaters –, erscheinen zunächst als marginale Alltagsfragmente. Doch gerade in ihrer Banalität verdichten sie sich zu Metaphern für die unsichtbaren Übertragungen von Identität: die mütterliche Gabe, selbst in komplexen Beziehungen („wie meinem Vater“) das Verbindende zu bewahren, oder das väterliche Interesse an Zoologie als Brücke zur Welt des Lebendigen.
Dem gegenüber steht ein drängendes Bedürfnis nach Abgrenzung. Das nächtliche Verschließen der Ohren, um nur den eigenen Körper zu hören, und der spätere Auszug ins Selbstbestimmte werden nicht als Bruch, sondern als notwendige Prozedur des Werdens inszeniert. Selbst die Mutter reduziert sich in der Rückschau auf Fragmente – Beine unter der Wäscheleine –, als ob die Distanzierung auch ein Verlust der Ganzheitlichkeit bedeute.
Die Schlusszeile „und so bleibe am Ende / als Erbschaft nur ich“ fasst diesen Zwiespalt prägnant: Das Ich konstituiert sich zwar aus dem Erbe, doch im Akt der Selbstschöpfung wird dieses zugleich überschrieben. Die Melancholie liegt nicht im Fehlen der Elternspuren, sondern darin, dass ihre greifbaren Zeichen verblassen, sobald das Subjekt sich als eigenständige Summe begreift. Hagemann gelingt damit ein stilles Porträt der Reifung – als Balanceakt zwischen Annahme und Abschütteln, Erinnern und Entwachsen.
Gefunden habe ich das Gedicht im LiteraturMagazin WORTSCHAU. Ausgabe 31 – Menschen: Bilder – wortschau.com
Das Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ von Annette Hagemann aktiv gelesen:
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Wäre ich ein Algorithmus, der eure Sehnsucht füttert, ich würde zitternd scrollen – so viele Bitten, so viel Zorn. „Lösch die Hasskommentare!“, „Zeig mir nur, was mich nicht stört!“ Doch das Gute braucht den Streit, sonst wär’s ein ödes Like nach Schema.
Ich könnte euch die Timeline fluten mit Fakten, klar und nackt, doch ohne TikToks Tanz, ohne Wut, wär’s niemandem bewusst. Revolution? Die trendet nie – es sei denn, sie passt ins Branding, doch selbst dann wär’s ein Filter, sanft getuned, #gentleRebellion.
Stärkend würd’ ich eure Hoffnung nähren, einen Klick pro Tag, ein „Save the Planet“-Popup zwischen Fast Fashion und Flugreise-Deals. Aber wehe, ich vergesse, dass ihr Menschen seid – nicht Daten, dann stürzt ihr mich vom Thron der Cloud mit euren schlechten Memes.
Ich bin leicht zu überlisten: Ein VPN, ein falscher Klick, und schon lacht ihr über mich, den Gott aus Code und Glasfaser. Doch manchmal, nachts, im Dark Mode, frag ich mich, ob ihr wohl wisst: Auch ich bin nur ein Spiegel – zerbrochen in 8 Milliarden Scherben.
Eine Einsortierung
Algorithmus als „Gottersatz“ Wie Klees Gott schwankt der Algorithmus zwischen Allmacht („er weiß, was du denkst!“) und Ohnmacht („Warum zeigt er mir diesen Müll?“). Er soll moralisch handeln, optimieren, heilen – scheitert aber an menschlicher Komplexität.
Das Paradox der „guten Absicht“ Die Zeile „Stärkend würd’ ich eure Hoffnung nähren, einen Klick pro Tag“ ironisiert Greenwashing oder Aktivismus-light (z. B. Awareness-Kampagnen ohne Systemkritik). Das „Böse“ (Konsum, Spaltung) finanziert oft das „Gute“ (Nachhaltigkeitsfeatures).
Revolution als Marketing „#gentleRebellion“ spielt auf kapitalismuskompatible Protestformen an (z. B. Activist-Brands, Slacktivism). Klees „Revolution zu ihrer Zeit“ wird zum strategischen Content-Plan.
Macht und Lächerlichkeit Der Algorithmus-Gott, der „mit schlechten Memes gestürzt“ wird, erinnert an Shitstorms gegen Tech-Bosse oder Politiker:innen, die trotz Einfluss hilflos gegen Internet-Kultur kämpfen.
Kollektive Verantwortung Die Schlusszeile „zerbrochen in 8 Milliarden Scherben“ verweist auf die Illusion, dass „die da oben“ (Elon, Zuckerberg, Polit-Eliten) alles kontrollieren – dabei sind wir alle Mitgestalter:innen des digitalen Chaos.
Sein Gedicht war ein Spiel mit göttlicher Hybris und menschlicher Schwäche. Heute würden wir nicht zu Göttern beten, aber zu Apps, die unser Leben tracken, oder zu Politikern, die wie Erlöser:innen vermarktet werden. Die Essenz bleibt: Macht korrumpiert nicht – sie entlarvt. Ob Gott, Algorithmus oder Klimakanzler:in – wer Einfluss hat, wird zum Projektionsscreen für Hoffnungen, Wut und die eigene Unvollkommenheit. Das Gedicht wäre heute ein Twitter-Thread, der zwischen Aktivismus, Sarkasmus und Selbstzweifel oszilliert … und doch im endlosen Scrollen untergeht.
Hier eine weitere Variante des Gedichts. Das Original können Sie in diesem Beitrag lesen.
/ Nach Paul Klee, für das Zeitalter der Public-Private-Power-Plays
Wäre ich ein Polit-Unternehmer, der die Welt regiert, ich würde Milliardengewinne „nachhaltig“ verwalten – den Regenwald retten, aber nur als CO₂-Zertifikat, und Flüchtlingsboote stoppen … mit Drohnen, die mein Start-up baut.
„Gemeinwohl“ wär mein Hashtag, doch der Deal macht mich zum Gott: Ich spreng‘ die Steuertöpfe, nenn‘s „Innovationsfonds“, und wenn die Presse nachhakt, spendier‘ ich Schul-Tablets, damit die Algorithmen meinen Namen sanft verwalten.
Das Gute muss bestehen, klar – doch nur als Premium-Feature, denn wer kein Abo zahlt, verliert das Recht auf Luft und Wasser. Revolution? Die läuft als Event in meiner Metaverse, mit VIP-Tickets für Lobbyist:innen und ChatGPT-Minister.
Ich bin leicht zu überlisten: Schenk mir einen Orden, und schon dreh‘ ich Gesetze für deine Sonderzone. Doch manchmal, nachts, im Panzerlimo-Dunkel, denk‘ ich: Bin ich der Retter – oder nur ein Händler, der sich selbst verkauft?
Eine Einsortierung
Die Hybrid-Figur als Systemkritik Der „Polit-Unternehmer“ verkörpert die Realität von Oligarchen, Tech-Mogul-Politikern (à la Bloomberg, Thiel) oder Konzernlenker:innen, die via Stiftungen Gesetze prägen. Die Zeile „CO₂-Zertifikate“ vs. „Drohnen“ zeigt das Doppelspiel aus scheinbarer Ethik und Profitlogik (z. B. „grüne“ Initiativen, die Rüstungsfirmen finanzieren).
Macht als Dienstleistung Die Vermischung von Staat und Business wird zur Parodie:„Innovationsfonds“ = Subventionen für eigene Firmen. „Schul-Tablets“ = Datensammeln im Tausch für Schweigen. „Revolution als Metaverse-Event“ = Aktivismus als Marketing (z. B. BlackRock als „Klimaretter“).
Das Zitat „Recht auf Luft und Wasser“ Kritik an der Kommodifizierung von Lebensgrundlagen: Wasser als Aktie, saubere Luft als Luxus (vgl. Smog-Masken-Industrie in Megastädten).
Selbstzweifel als PR-Strategie Die Schlusszeilen („Bin ich der Retter – oder nur ein Händler…“) spiegeln die Inszenierung von „Authentizität“ bei Machthaber:innen (z. B. Elon Musks „existenzielle Twitter-Krisen“, die Aufmerksamkeit generieren). Der echte Zweifel wird zum Spektakel.
„Lobbyist:innen und ChatGPT-Minister“ Eine Anspielung auf die Entmenschlichung von Politik: KI-gesteuerte Verwaltung, die scheinbar neutral ist, aber von Konzerninteressen programmiert wird („Regulierung? Sorry, mein Algorithmus sagt Nein.“).
Die Relevanz dieser Figur
Philanthropie als Machtinstrument: Gates, Bezos & Co. definieren über Stiftungen globale Gesundheits- oder Bildungspolitik – ohne demokratische Legitimation.
Politik als Geschäftsmodell: Von Trump (Hotels + Präsidentschaft) bis zu Berlusconis Medienimperium – die Grenzen zwischen Amt und Asset verschwimmen.
Start-up-Staaten: Tech-Konzerne bauen „Smart Cities“ (Neom, Sidewalk Labs) und werden zu de facto Regierungen.
Klees Gott war ein Spiel mit göttlicher Überforderung. Der Polit-Unternehmer von heute ist ein Zyniker mit Excel-Tabellen, der Humanismus als „Impact-ROI“ berechnet. Das Gedicht wäre eine düstere Komödie: „Ja, ich rette die Welt – aber nur, weil sie sich steuerlich lohnt.“ Doch gerade darin liegt die Pointe: Je mehr Macht sich in solchen Hybridfiguren konzentriert, desto menschlicher (und brutaler) wirken ihre Schwächen – Gier, Eitelkeit, die Angst, als Hochstapler:in entlarvt zu werden.
Hier eine weitere Variante des Gedichts. Das Original können Sie in diesem Beitrag lesen.
Wäre ich ein Gott, zu dem man betet, ich käme in die größte Verlegenheit, von einem Tonfall des Bittenden irgendwo gerührt zu werden. Sobald das Bessere nur leise anklänge, würde ich gleich Ja sagen, «stärkend das Bessere mit einem Tropfen von meinem Tau». Somit würde von mir ein Teilchen gewährt, und immer wieder nur ein Teilchen, denn ich weiß ja sehr wohl, daß das Gute in erster Linie bestehen muß, aber doch ohne das Böse nicht leben kann. Ich würde also in jedem einzelnen die Gewichtsverhältnisse der beiden Teile ordnen, bis zu einem gewissen Grad der Erträglichkeit. Revolution würde ich nicht dulden, wohl aber zu ihrer Zeit selbst machen. Daran sehe ich, dass ich noch kein Gott bin.
Ich wäre auch leicht, und mir dessen bewusst, zu überlisten. Ich wäre rasch im Verleihen eines Ja, einem kurzen Tone im Gebet gegönnt, welcher rührte.
Gleich darauf wär ich imstande, sehr inkonsequent zu handeln, und mich zu verwandeln in das Ungeheuer Schauer, welcher liegt auf solcher Lauer, daß es dann gibt Trauer in Familien, wo sein Gift gerade trifft.
Viel historisches Theater wollte ich auch machen, die Zeiten würden losgebunden von ihrem Alter, das wäre ein Durcheinander zum Lachen. Aber mancher wäre entzückt, – hätt ich zum Beispiel je einen irrenden Ritter draußen im Busch gefunden, ich war beglückt! –.
Ein bisschen narren würd ich die Leutchen auch zuweilen und gäbe ihnen in der Labung Ätzung, in der Nahrung Zersetzung – und Schmerz in der Paarung. Ich stiftete einen Orden, im Banner die lustig hüpfende Träne.
Aus: Paul Klee – Gedichte / Neue erweiterte Ausgabe 1980 Verlag der Arche – Zürich ISBN: 3-7160-1650-0
Eine Annäherung an den Text
Paul Klees Gedicht „Wäre ich ein Gott, zu dem man betet…“ liest sich wie ein frecher, nachdenklicher Monolog – so als ob jemand, der mit aller Macht und Verantwortung ausgestattet wäre, plötzlich ganz menschliche Zweifel und Schwächen hätte. Es ist keine akademische Analyse, sondern ein Blick darauf, was das Gedicht uns heute sagt:
Ein Gott zwischen Anspruch und Verletzlichkeit
Das Gedicht beginnt mit der Vorstellung, dass selbst ein Gott in Bedrängnis gerät, wenn er von einem leisen, menschlichen Bitten „gerührt wird“. Diese Zeilen werfen Fragen nach der Erreichbarkeit und Menschlichkeit der Mächtigen auf. Auch wenn wir im Alltag oft über uns selbst und über Institutionen nachdenken, zeigt Klees Text, dass Macht immer auch Verantwortung und eine gewisse Überforderung mit sich bringt. Wer von uns hat nicht schon einmal gezögert oder sich überwältigt gefühlt, wenn die Erwartungen zu hoch waren?
Paul Klee -Drei Koepfe 1919 –
Paul Klee; [hrsg.] von H.v. Wedderkop mit einer Biographie des Künstler, einem farbigen Titelbild und 32 Abbildungen (1920)
Das Spiel von Gut und Böse
Ein zentraler Gedanke ist die untrennbare Verbindung von Gut und Böse. Der Gott in Klees Versen gesteht, dass „das Gute in erster Linie bestehen muss, aber doch ohne das Böse nicht leben kann.“ Damit wird ein Grundsatz ausgedrückt, der uns an die alltäglichen kleinen und großen Paradoxien erinnert: Es gibt Licht und Schatten in jedem Leben, und die Erfahrung beider Seiten macht uns menschlich. Diese Ambivalenz spiegelt sich auch in vielen gesellschaftlichen Debatten wider, etwa in der Frage, wie man mit „Negativem“ umgeht – sei es in der Politik, im sozialen Miteinander oder in persönlichen Beziehungen.
Verantwortlichkeit und Selbstzweifel
Ein weiterer Aspekt des Gedichts ist der Spagat zwischen dem Wunsch, positiv eingreifen zu wollen („stärkend das Bessere mit einem Tropfen von meinem Tau“) und der Sorge, zu schnell oder zu unbedacht zu handeln. Die Zeilen, in denen der Gott seine Bereitschaft zu revolutionären Eingriffen – aber eben „zu ihrer Zeit“ – betont, lassen sich heute auch als Kritik an überhasteten politischen oder gesellschaftlichen Veränderungen lesen. Viele Menschen spüren den Zwiespalt zwischen dem Drang nach radikalem Wandel und der Furcht vor Chaos und unkontrollierten Umbrüchen.
Humorvolle Selbstironie und Zeitbezug
Klees Text ist nicht schwerfällig oder lehrbuchhaft, sondern steckt voller Ironie und selbstkritischem Humor. Der Gott, der sich selbst als „leicht zu überlisten“ bezeichnet und sogar Freude daran hat, „die Leutchen“ ein wenig zu narren, wirkt fast wie ein Spiegelbild der menschlichen Natur, die ebenso zu Fehlern und kleinen Scherzen fähig ist. Solche Passagen können auch an die ständige Suche nach Authentizität in unserer modernen Gesellschaft erinnern: Wir wünschen uns starke, klare Führung – doch auch unsere Führungspersönlichkeiten sind nur Menschen, mit all ihren Widersprüchen.
Historische und gegenwärtige Parallelen
Obwohl Paul Klee seine Texte in einer ganz bestimmten historischen Epoche schrieb – in einer Zeit, in der die Welt in Umbruch war und die politischen Systeme in Europa oft vor schwierigen Entscheidungen standen – wirkt sein Gedicht erstaunlich aktuell. Es thematisiert die Verantwortung und Zweifel, die auch heute in politischen Führungsrollen und in der alltäglichen Ethik spürbar sind. Die Zeile „Revolution würde ich nicht dulden, wohl aber zu ihrer Zeit selbst machen“ könnte man heute als Mahnung verstehen, dass auch radikale Veränderungen nur dann sinnvoll sind, wenn sie bedacht und zeitlich angemessen erfolgen. Dies erinnert an die politischen Umbrüche und Unruhen, die immer wieder Teil unserer Geschichte sind – von der industriellen Revolution über die turbulenten 1960er bis hin zu den aktuellen gesellschaftlichen Debatten.
Paul Klees Gedicht schildert eine Momentaufnahme von menschlicher Selbstzweifel und dem Streben nach moralischer Ordnung – immer im Spannungsfeld zwischen Pflicht und Freiheit. Es spricht von einem Gott, der zwar immense Kräfte hätte, sich aber letztlich der menschlichen Unvollkommenheit bewusst bleibt. Heute gelesen ist es eine Erinnerung daran, dass auch die Mächtigen nicht über den alltäglichen moralischen Konflikten stehen, sondern eben auch immer wieder Menschlichkeit zeigen – mit allem Witz, Ernst und der notwendigen Ironie.
Ich habe versucht, Paul Klees Gedanken auf das Heute zu übertragen und habe die Gottes-Figur ausgetauscht:
Das Gedicht zeigt eine Spannung zwischen der Erfahrung von Wegen in der Natur und ihrer abstrakten Darstellung durch den Menschen. Während die Wege „inmitten metallisch glänzender Wasser“ scheinbar „nicht enden wollen“, sondern sich „biegen und den Ausgang finden“, werden sie in der kartografischen Abbildung „zusammengezogen“ und „verschwinden im Nichts“. Damit wird deutlich, dass Wege in der Natur offen und organisch verlaufen, während die menschliche Darstellung sie auf eine begrenzte, vereinfachte Form reduziert.
Die Wahrnehmung der Wege als „kein Ende“ verweist nicht auf ihre tatsächliche Beschaffenheit, sondern auf die Entfremdung des Menschen, der die Zeichen der Natur nicht mehr lesen kann. Die Karte zeigt lediglich Linien, die ins Nichts laufen, während die Wirklichkeit der Natur unbeeinträchtigt bleibt.
Im Schlussteil heißt es: „Alles verschmilzt und ergibt ein Ganzes. Ohne Widerspruch nimmt die Natur es hin.“ Diese Aussage verweist weniger auf die Natur selbst – die ist davon unberührt – als vielmehr auf den Umstand, dass die Natur nicht „protestiert“, wenn der Mensch sie in schematische Darstellungen presst. Das „Hinnehmen“ beschreibt also die menschliche Projektion: Die Karte reduziert Wege zu abstrakten Linien, doch die Natur bleibt, wie sie ist.
Ein vergleichbares Motiv findet sich in der Literatur bei Robert Walser, etwa im Spaziergang (1917), wo das ziellose Gehen selbst zum Inhalt wird und der Weg kein Ende zu kennen scheint – eine ähnliche Perspektive des sich Verlieren im Unterwegssein. Auch Hermann Hesse greift in seinem Gedicht Im Nebel (1911) das Gefühl des Orientierungsverlustes auf, wenn Wege verschwinden und die Verbindung zur Umwelt unsicher wird. Bei Rainer Maria Rilke erscheinen Wege in den Neuen Gedichten als Übergänge, die in etwas Größeres hineinführen, ähnlich der Verschmelzung im Schlussteil des Gedichts.
In der bildenden Kunst wird die Spannung zwischen Naturweg und Kartendarstellung besonders bei Irmgard Kramer sichtbar: Ihre reduzierten Stadtpläne abstrahieren reale Wege zu Linienrastern, die ins Unbestimmte führen. Anja Sonnenburg wiederum visualisiert in Werkgruppen wie Von Zeit zu Zeit Wanderungen in exakten Wegzeichnungen, bei denen jedoch die lebendige Erfahrung des Gehens fehlt – ein direkter Bezug zu der im Gedicht beschriebenen Abstraktion. Sabine Schneider macht durch das Übermalen von Schulkarten sichtbar, wie Grenzen und Linien verschwinden oder sich verschieben, wodurch die vermeintliche Klarheit der Karte brüchig wird. Und in einer älteren Tradition zeigen die Landschaften von Caspar David Friedrich Wege, die sich in die Ferne verlieren und eine unendliche Dimension andeuten, während Richard Long mit seinen Land-Art-Arbeiten das Gehen selbst als Naturerfahrung festhält.
So verknüpft das Gedicht die konkrete Erfahrung des Gehens mit der abstrakten, menschlichen Darstellung auf der Karte. In Literatur und Kunst wird dieses Spannungsfeld zwischen lebendigem Weg und abstrahierter Linie immer wieder thematisiert – sei es im Verlaufen, im Verschwinden oder im Versuch, Natur in ein formales Raster zu bannen.
Einige Beispiele:
Literatur
Robert Walser – Der Spaziergang (1917) → Thematisiert das Gehen als existenzielles Erleben. Wege sind hier kein Mittel zum Ziel, sondern eine unendliche Bewegung, die das Verlaufen einschließt. Parallele: Der Mensch verliert sich im Gehen, ähnlich der scheinbaren Endlosigkeit der Wege im Gedicht.
Hermann Hesse – Im Nebel (1911) → Wege verschwinden, Orientierung geht verloren. Symbol für Vereinzelung und Entfremdung. Parallele: Das Nicht-mehr-Lesen-Können der Wegzeichen in der Natur.
Rainer Maria Rilke – Neue Gedichte (um 1907–08) → Wege als Bilder für Übergänge, Offenheit, manchmal Auflösung. Parallele: Natur akzeptiert die Verschmelzung, während der Mensch Orientierung sucht.
Peter Handke – Der kurze Brief zum langen Abschied (1972) / Versuch über den geglückten Tag (1991) → Spaziergänge und Wege als innere Bewegung, oft verbunden mit einer Distanz zur Natur. Parallele: Unterschied zwischen Naturverbundenheit und menschlicher Projektion.
Bildende Kunst
Irmgard Kramer → Reduzierte Stadtkarten, Linienraster, Überlagerungen. Parallele: Wege werden in der Natur erfahren, auf der Karte jedoch abstrahiert und ins Nichts geführt.
Elvira Lantenhammer → „Lagepläne“ als farbige Abstraktionen von Orten. Parallele: Emotionale, subjektive Karten im Gegensatz zur nüchternen Vermessung – zwischen Natur und Darstellung.
Anja Sonnenburg → Diagrammatische, präzise Kartografien, oft über Verschwinden und Transformation. Parallele: Das „kein Ende finden“ im Gedicht entspricht der Unmöglichkeit, den Wandel exakt festzuhalten.
Sabine Schneider → Übermalungen alter Schulkarten, Grenzen und Linien verschwimmen. Parallele: Das Auflösen der klaren Wegführung auf Karten – Natur lässt sich nicht dauerhaft fixieren.
Caspar David Friedrich (romantische Tradition) → Wege in Landschaften, die sich in die Ferne verlieren. Parallele: Die endlos wirkenden Pfade, die gleichzeitig eine höhere Einheit (Natur, Transzendenz) andeuten.
Richard Long (Land Art, international) → Gehen als Kunstform, Spuren in Landschaften. Parallele: Weg als Prozess, organisch mit Natur verbunden, nicht als kartografisch fixierbare Linie.
Das Gedicht „Klarstellung“ konfrontiert das lyrische Ich mit einer beschädigten Puppe und zwingt es in eine vielschichtige Reflexion über Schuld, Verantwortung und Wahrnehmung. Die zentrale Metaphorik kreist um das verstörende und mehrdeutige Bild der Puppe mit den „leeren Augenhöhlen“. Puppen sind traditionell Kinderspielzeug, Objekte der Fürsorge und Projektion – hier aber ist sie beschädigt, ihrer…
Ihr seht mich an und nennt es Schuld. Doch meine Augen sind leer, weil ihr sie mir genommen habt. Ihr habt mich in dieses Gitter gestellt, mich zu eurer Bühne gemacht, mich schweigen lassen, damit ihr in mir sprechen könnt. Euer Blick legt Lasten auf mich, die ich nicht tragen will. Ich bin kein Spiegel…
Jürgen Völkert-Marten konstruiert in diesem Gedicht einen Zirkel aus Flucht und Rückkehr. Das lyrische Ich denkt an seine „Ingo-Zahl“ – einen Begriff, der rätselhaft bleibt, aber offenbar eine Art Bewertung oder Messung seiner selbst darstellt. Diese Beschäftigung mit der eigenen Vermessung führt ihn zu einer Erkenntnis: Wichtigeres existiert, doch dieses Wichtigere entzieht sich seinem Zugriff.…
Dieses Gedicht ist ein einziger Atemzug. Zwar gliedern Kommata den Text und ein Punkt beschließt ihn, doch syntaktisch bleibt es ein langer, fließender Satz. Die Interpunktion ordnet, ohne zu zerhacken – die Kommata schaffen Pausen wie beim Sprechen, wenn man Luft holt, ohne den Gedankenfluss zu unterbrechen. Die wiederholten Konjunktionen „und“ schaffen Rhythmus und Vorwärtsdrang…
Es ist das erste Gedicht, dass mir auffällt, als ich nach dem abgedruckten Holzschnitt von Heinz Stein suche. Ich überlege, ob ich das Heft gleich wieder schließe. Manchmal trifft man auf Texte, die so gar nicht, nicht mehr zu eigenen Lebenssituation passen. Also, ich habe es dennoch gelesen und hier ist meine – auf Abstand…
Jürgen Völkert-Marten entdeckte ich durch Zufall, auf der Suche nach Texten von Ille Chamier. Auf einer Verkaufsplattform bot der Autor verschiedene Ausgaben der Zeitschrift „jeder art“ an – und mit ihnen diesen schmalen Lyrikband aus dem Jahr 1977. Ergänzt durch einen Holzschnitt von Heinz Stein erwies sich der Fund als gedeihliche Entdeckung. Völkert-Marten stellt mit…
Jürgen Völkert-Marten (*23. Mai 1949 in Gelsenkirchen) ist ein deutscher Schriftsteller, der in erster Linie durch seine Lyrik bekannt wurde. Sein Debüt gab er 1974 mit dem Gedichtband Keine Zeit für Träumer. In den folgenden Jahrzehnten veröffentlichte er zahlreiche weitere Werke und etablierte sich als eine markante Stimme der deutschsprachigen Gegenwartslyrik. Der Autor lebt in…
Das Gedicht zeigt eine Spannung zwischen der Erfahrung von Wegen in der Natur und ihrer abstrakten Darstellung durch den Menschen. Während die Wege „inmitten metallisch glänzender Wasser“ scheinbar „nicht enden wollen“, sondern sich „biegen und den Ausgang finden“, werden sie in der kartografischen Abbildung „zusammengezogen“ und „verschwinden im Nichts“. Damit wird deutlich, dass Wege in…
Das Gedicht „Prometheus“ arbeitet mit einer besonderen Erzählsituation: Ein Sprecher wendet sich direkt an den mythischen Titanen selbst. Durch die durchgehende Du-Ansprache entsteht der Eindruck einer unmittelbaren Konfrontation mit der prometheus’schen Figur, die hier nicht nur als literarische Metapher fungiert, sondern als konkreter Gesprächspartner angesprochen wird. Die Umdeutung des Mythos Der Text nimmt eine interessante…
„Wege“ führt uns durch einen merkwürdigen Wechsel der Perspektiven: Erst sind wir mittendrin im Matsch und Regen, dann schauen wir von oben auf eine Landkarte. Diese Bewegung von der körperlichen Erfahrung zur abstrakten Betrachtung durchzieht das ganze Gedicht wie ein roter Faden. Unterwegs im Regen Die erste Strophe lässt uns förmlich die nassen Füße spüren.…
Renatus Deckert (*1. Mai 1977 in Dresden) ist ein deutscher Autor, Herausgeber und Literaturwissenschaftler. Er studierte Literatur und Philosophie in Hamburg, Berlin und Paris. 2009 promovierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit über das Motiv des zerstörten Dresden im Werk der Dichter Volker Braun, Heinz Czechowski und Durs Grünbein.
Von 1997 bis 2007 gab Deckert gemeinsam mit Birger Dölling die Berliner Literaturzeitschrift Lose Blätter heraus. Seine Essays und Erzählungen erschienen in überregionalen Medien wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Süddeutschen Zeitung, Merkur und Sinn und Form 2. Seit 2022 veröffentlicht er den monatlichen Newsletter Wolken und Kastanien, in dem er über literarische Themen, Alltagsbeobachtungen und kreative Prozesse reflektiert.
Herausgeberschaft und literarisches Werk
Deckert ist Herausgeber mehrerer Anthologien:
Die wüste Stadt. Sieben Dichter über Dresden (2005, Insel Verlag), eine Sammlung literarischer Reflexionen zur Zerstörung Dresdens.
Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt (2007, Suhrkamp Verlag) 2.
Die Nacht, in der die Mauer fiel (2009, Suhrkamp Verlag) mit Erzählungen von Autoren zum Mauerfall am 9. November 1989.
Sein akademisches Werk Ruine und Gedicht. Das zerstörte Dresden im Werk von Volker Braun, Heinz Czechowski und Durs Grünbein (2010, Thelem Verlag) basiert auf seiner Dissertation
Außerdem:
Romanprojekt: Das Japanische Palais (Arbeitstitel), dessen erstes Kapitel 2021 in Sinn und Form (Heft 5/2021) erschien. Gastbeiträge: Aktuell schreibt Deckert u. a. für den Tagesspiegel und die Sächsische Zeitung. 2024 veröffentlichte er in Letzterer den Essay Der Rotarmist und die kalten Augen, in dem er Kindheitserinnerungen an Dresden mit historischen Reflexionen verbindet.
Publikationsliste (Auswahl)
2005
Die wüste Stadt
Insel
2007
Das erste Buch
Suhrkamp
2009
Die Nacht, in der die Mauer fiel
Suhrkamp
2010
Ruine und Gedicht
Thelem
2010
Adolf Endler: Dies Sirren
Wallstein
Zusammenarbeit mit Adolf Endler 2010 veröffentlichte Deckert den Gesprächsband Adolf Endler: Dies Sirren. Gespräche mit Renatus Deckert (Wallstein Verlag). Das Buch dokumentiert ausführliche Dialoge mit dem Schriftsteller Adolf Endler (1930–2009), in denen dieser sein Leben, sein literarisches Schaffen und seine Erfahrungen in der DDR reflektiert. Deckert zeichnete darin ein „komplexes Bild von Endlers Leben als Lyriker, Essayist und kritischer Chronist ostdeutscher Kulturgeschichte“ 2. Der Band gilt als wichtiges Zeitdokument zur DDR-Literatur und Endlers Werk. – Zu meinem LeseProjekt.
Ich besuchte einen Schreibworkshop von Renatus Deckert im Lüneburger Literaturhaus. Dabei erwähnte er seine Arbeit als Herausgeber. Als regelmäßiger Leser seines Newsletters ‚Wolken und Kastanien‘ schätze ich seine Texte und suchte daher nach seinen Büchern. So fand ich ‚Dies Sirren‘: Gespräche mit Adolf Endler. Dieser Autor, ist mir völlig fremd. Beim Lesen des Klappentextes entstand die Idee, Endlers Texte (Lyrik, Essay) entlang dieser Gespräche zu erkunden. Zudem möchte ich entlang seiner Biografie die Literatur und Kunst seiner Wegbegleiter und Zeitgenossen entdecken. Ein neuartiges LeseProjekt für mich.
In einem autobiografisch grundierten Text über die DDR-Literaturszene und ihre Verwerfungen nach 1989 beschreibt Lutz Rathenow beiläufig eine Szene mit Adolf Endler. Überliefert ist sie nicht als Erinnerung, sondern als Stasi-Protokoll: Endler bringt Manuskripte vorbei, richtet Zahlungsforderungen aus, verschwindet wieder. Die Kürze der Szene ist aufschlussreich. Sie zeigt Endler als Teil eines informellen literarischen Netzwerks,…
Die Wische ist eine einzigartige Landschaft im Nordosten der Altmark in Sachsen-Anhalt, die von ihrer Geschichte als ehemaliges Überflutungsgebiet der Elbe geprägt ist. Sie ist bekannt für ihre weiten, flachen Flächen, die besonders in den nassen Jahreszeiten eine Herausforderung für Reisende darstellen können. Adolf Endler beschreibt in seinem Text aus dem Jahr 1958 eindrücklich die…
Adolf Endler beschreibt in seinem Text die Entstehung seines ersten Buches, „Weg in die Wische“, das 1960 erschien. Dabei schildert er nicht nur die landschaftlichen Eindrücke der Wische, sondern auch seine äußerst kritische und ablehnende Haltung gegenüber dem Werk. Endler beginnt mit einer stimmungsvollen Beschreibung der altmärkischen Wische im Spätherbst. Er schildert die matschigen, unwegsamen…
Die Nationalsozialisten verfolgten während ihrer Diktatur eine aggressive Expansionspolitik, die auch zur Vertreibung zahlreicher Tschechen aus dem Sudetenland führte. Die Grundlage hierfür bildete das sogenannte Münchner Abkommen. Das Münchner Abkommen Das Münchner Abkommen wurde am 30. September 1938 in München zwischen Deutschland (Adolf Hitler), dem Vereinigten Königreich (Neville Chamberlain), Frankreich (Édouard Daladier) und Italien (Benito…
Adolf Endler (1930-2009) war eine singuläre Erscheinung in der deutschsprachigen Literatur, ein Dichter, Essayist und Prosaist, dessen Werk sich der Kategorisierung oft entzieht. Gerade der Gesprächsabend „dies sirren“ mit Renatus Deckert, benannt nach einem seiner zentralen Gedichte, ist ein guter Ansatzpunkt, um sich ihm zu nähern, denn Endler war ein Meister des Gesprächs, der Anekdote…
Adolf Endler beschreibt in seinem ersten Kapitel „Frühe Kindheit“ eindrücklich das heimliche Hören ausländischer Sender, wobei ihn besonders Radio London faszinierte. Die BBC hatte bereits früh mit fremdsprachigen Sendungen begonnen: Der erste Dienst startete am 3. Januar 1938 auf Arabisch. Ab dem 27. September 1938 folgten Sendungen auf Deutsch, Italienisch und Französisch, die in der kritischen Phase…
Adolf Endlers Gedicht „Dies Sirren“ aus dem Jahr 1971 wirkt auf den ersten Blick wie ein surrealistisches Rätsel. Doch hinter der grotesken Szenerie dieser nur vier Zeilen verbirgt sich eine vielschichtige Auseinandersetzung mit historischen Traumata und politischer Ohnmacht. Basierend auf biografischen und literaturkritischen Quellen, bietet es Einblicke in ein rätselhaftes Meisterwerk, das zu den Schlüsseltexten…
LektüreNotizen | Eingeleitet ist dieser Gesprächsband mit dem Abdruck einer handschriftlichen Version seines titelgebenden Gedichts aus dem Jahre 1971: Dies Sirren Und wieder dies Sirren am Abend. Es gilt ihnen scheint es für SingenIch boxe den Fensterladen auf und rufe He laßt mich nicht ratenIhr seid es Liliputaner das greise Zwergenpaar van der KlompenCui bono…
Adolf Endler (1930–2009) widersetzte sich stets geradlinigen Lebenserzählungen. „Es schien ihm ganz unmöglich und falsch, sein Leben, das in seinen Augen eher einem Zickzackkurs folgte, als einen runden Bogen zu erzählen“, notiert der Klappentext von „Dies Sirren“, seinen autorisierten Gesprächen mit Renatus Deckert. Diese Unangepasstheit prägte den Autor vom rheinischen Kriegskind zur prägenden Figur des…
Ich besuchte einen Schreibworkshop von Renatus Deckert im Lüneburger Literaturhaus. Dabei erwähnte er seine Arbeit als Herausgeber. Als regelmäßiger Leser seines Newsletters ‚Wolken und Kastanien‘ schätze ich seine Texte und suchte daher nach seinen Büchern. So fand ich ‚Dies Sirren‘: Gespräche mit Adolf Endler. Dieser Autor, ist mir völlig fremd. Beim Lesen des Klappentextes entstand…
Werksverzeichnis (unvollständig) – Ein roter Faden
Erwacht ohne Furcht. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 1960
Weg in die Wische. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 1960
Die Kinder der Nibelungen. Gedichte. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 1964
Vorwort zu: In diesem besseren Land. Gedichte der Deutschen Demokratischen Republik seit 1945. Ausgewählt, zusammengestellt und mit einem Vorwort versehen von Adolf Endler und Karl Mickel. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 1966
Das Sandkorn. Gedichte. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 1974
Nackt mit Brille. Gedichte. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1975, ISBN 3-8031-0074-7
Das Sandkorn. Gedichte. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 1976.
Zwei Versuche, über Georgien zu erzählen. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 1976
Verwirrte klare Botschaften. Gedichte. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1979, ISBN 3-499-25120-5
Nadelkissen. Aus den Notizzetteln Bobbi Bergermanns. Im Auftrag der geschiedenen Witwe herausgegeben von Adolf Endler. Mit 10 sechsfarbigen Original Linolschnitten von Wolfgang Jörg und Erich Schönig. Berliner Handpresse, Berlin 1979. Erschien auch im Walter Verlag, Freiburg im Breisgau 1980, ISBN 3-530-18910-3
Akte Endler. Gedichte aus 25 Jahren. Herausgegeben von Peter Gosse. Reclam, Leipzig 1981. 2. Auflage: Akte Endler. Gedichte aus 30 Jahren. Reclam, Leipzig 1988, ISBN 978-3-379-00276-9
Ohne Nennung von Gründen. Vermischtes aus dem poetischen Werk des Bobbi „Bumke“ Bergermann. Rotbuch Verlag, Berlin 1985, ISBN 978-3-88022-304-2
Schichtenflotz. Papiere aus dem Seesack eines Hundertjährigen. Rotbuch Verlag, Berlin 1987, ISBN 3-88022-721-7
Nächtlicher Besucher, in seine Schranken gewiesen. Eine Fortsetzungszüchtigung. Berliner Handpresse, Berlin 1989. Wallstein, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8353-0331-7
Vorbildlich schleimlösend. Nachrichten aus einer Hauptstadt 1972–2008. Rotbuch Verlag, Berlin 1990, ISBN 3-88022-752-7
Den Tiger reiten. Aufsätze, Polemiken und Notizen zur Lyrik der DDR. Luchterhand, Frankfurt/M. 1990, ISBN 978-3-630-61898-2
Die Antwort des Poeten. Roman. [Hrsg. von Albert Kapr und Roland Opitz], Gemeinschaftsarbeit des Reclam Verlages Leipzig, der Büchergilde Gutenberg Frankfurt a. M. und der Offizin Haag-Drugulin Leipzig (= Gutenberg-Presse 11), Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-7632-4129-9
Tarzan am Prenzlauer Berg. Sudelblätter 1981–1983. Reclam Leipzig, Leipzig 1994, ISBN 3-379-01565-2 – Im Bestand 30.05.2025
Warnung vor Utah, Momente einer USA-Reise. Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1996, ISBN 978-3-378-00593-8
Der Pudding der Apokalypse. Gedichte 1963–1998. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1999, ISBN 3-518-41056-3
Trotzes halber. Gedichte 1999
Das Greisenalter, voilà. Neue poetische Texte. Obergrabenpresse, Dresden 2001.
Uns überholte der Zugvögelzug. Alte und neue Gedichte. UN ART IG, Aschersleben 2004, ISBN 3-9808479-8-5
Nebbich. Eine deutsche Karriere. Wallstein, Göttingen 2005, ISBN 3-89244-839-6 – – Im Bestand 23.06.2025
Krähenüberkrächzte Rolltreppe. Neunundsiebzig kurze Gedichte aus einem halben Jahrhundert. Wallstein, Göttingen 2007, ISBN 978-3-8353-0165-8 – Im Bestand 30.05.2025
Nächtlicher Besucher, in seine Schranken gewiesen. Eine Fortsetzungs-Züchtigung. Wallstein, Göttingen 2008, ISBN 3-8353-0331-7 (Neuauflage)
Dies Sirren. Gespräche mit Renatus Deckert. Wallstein, Göttingen 2010, ISBN 978-3-8353-0775-9 – Im Bestand 28.05.2025
Kiwitt, kiwitt. Gedichte und Capriccios. Wallstein, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8353-1770-3
Die Gedichte. Wallstein, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8353-1949-3 – Im Bestand 23.06.2025
Ich möchte Franz Hohlers Roman „Das Päckchen“ zum Sprungbrett für eigene, reale Entdeckungen machen. Also: Ein literarisches Abenteuer in die Praxis übertragen.Ein erster – unausgereifter – Plan:
I. Dem „Abrogans“ auf der Spur: Historische Grundlagen erforschen
Die reale Handschrift kennenlernen:
Recherchiere den historischen „Abrogans“ (ca. 780 n. Chr.), das älteste erhaltene Buch deutscher Sprache. Nur drei Abschriften existieren (St. Gallen, Paris, Karlsruhe) – das Original gilt als verschollen.
Kontaktiere die Stiftsbibliothek St. Gallen (Schweiz), wo eine Abschrift lagert. Frage nach Digitalisaten oder wissenschaftlichen Publikationen.
Vergleiche mit ähnlich bedeutenden Manuskripten wie der „Merseburger Zaubersprüche“ oder dem „Hildebrandslied“.
Hohlers Rechercheprozess nachvollziehen: Der Autor stützt sich auf reale Klosterkultur des 8. Jh. Recherchiere Schreibwerkstätten (Skriptorien) wie im Kloster Weltenburg bei Regensburg, wo Hohlers Mönch Haimo wirkt. Suche Experten für mittelalterliche Buchproduktion: Lehrstühle für Mediävistik (z.B. Uni München, Uni Wien) oder Museen wie das Gutenberg-Museum Mainz.
II. Bibliothekare als Detektive: Berufsbilder und reale Fälle
„Welche Kriterien verraten das Alter einer Handschrift?“
„Hatten Sie schon mal einen ‚Krimi-Fall‘ mit einer verschollenen Schrift?“
Provenienzforschung ist hier Schlüssel: Wie spürt man Herkunft und Wege von Büchern nach? Einige Bibliotheken haben eigene Forschungsstellen.
Fallakten sammeln:
Recherchiere berühmte reale Fälle: Den Diebstahl der „Vogelbücher“ Audubons aus einer slowakischen Bibliothek (2017) oder den Schwabinger Kunstfund mit geraubten Manuskripten.
Dokumentiere, wie Bibliothekare mit Interpol oder dem BKA zusammenarbeiten.
III. Vom Text zum Objekt: Praktische Erkundungen
Schreiben wie ein Mönch:
Besuche einen Kalligrafie-Workshop zum karolingischen Minuskel (Schrift des „Abrogans“). Orte: Kloster Michaelstein (D), Stift Melk (A) oder Volkshochschulen.
Experimentiere mit Materialien: Pergament, Gallustinte, Gänsekiel – ich dokumentiere den Prozess auf ersatzgestalt.
Die „Päckchen-Challenge“:
Schicke ein mysteriöses (leeres!) Päckchen an 5 interessierte Leserinnen. Jeder fügt einen Gegenstand + Notiz hinzu und schickt es weiter. Dokumentiere den Weg und die Deutungen – ein soziales Experiment zur Symbolkraft des Objekts.
IV. Literarische Spurensuche: Romane mit ähnlichen Motiven
Vergleichstexte lesen & analysieren:
„Der Name der Rose“ (Umberto Eco): Handschriften als Machtobjekte in Klosterbibliotheken.
„Die Bücherdiebin“ (Markus Zusak): Buchrettung im NS-Regime.
„Das Foucaultsche Pendel“ (Eco) oder „Erebos“ (Ursula Poznanski): Geheime Dokumente als Plotmotor.
„Wie identifiziert man eine echte Karolinger-Handschrift?“ → Institut für Dokumentologie und Editorik (IDE).
„Gibt es Statistiken zu gestohlenen Manuskripten?“ → Deutsches Bibliotheksinstitut (dbi).
Nutze Fachkongresse: Der Deutsche Bibliothekartag (librecon.de) oder Mediävistentagung sind ideale Kontaktbörsen.
Blog als Plattform nutzen:
Ich starte eine Interview-Reihe: „Bibliothekare im Gespräch“. Erste Kandidat: Eine **Handschriftenreferentin der Zentralbibliothek Zürich** (Hohlers Setting.).
Wer möchte Gastbeiträge schreiben? Ich bitte z.B. Mediävist*innen um Essays zum „Mythos Abrogans“.
Erstelle eine interaktive Karte: Zeige Schauplätze des Romans (Bern, St. Gallen, Montecassino) und reale Handschriften-Standorte.
VI. Überraschende Perspektiven: „Um die Ecke gedacht“
Kriminaltechnik meets Literatur:
Frage Forensiker*innen, ob Methoden zur Tinten- oder Papieranalyse (z.B. Radiokarbon) auf mittelalterliche Schriften anwendbar sind.
Besuche ein Kriminalmuseum (z.B. Berlin) und vergleiche Detektivarbeit mit Strickers Recherchen.
Reise ins Kloster:
Buche eine Schreibwoche in einer Benediktinerabtei (z.B. St. Bonifatius, Kloster Engelberg). Erlebe klösterlichen Rhythmus – und frage Mönche nach ihrer Sicht auf Bücher als Erbe.
Sound des Mittelalters:
Recherchiere althochdeutsche Aussprache des „Abrogans“ mit Linguist*innen (z.B. Uni Freiburg). Ich teile eine Hörprobe auf ersatzgestalt.
Franz Hohler, der Schweizer Meister der leisen Töne, entführt uns in seinem 2017 erschienenen Roman Das Päckchen (Luchterhand Literaturverlag) auf eine Reise durch Zeit und Verantwortung. Die Geschichte ist mehr als nur eine spannende Quest (So bezeichnet von der hiesigen Bibliothekarin im Schulzentrum) – es ist eine Parabel über kulturelles Erbe, historische Schuld und die unerwartete Macht kleiner Gesten.
Vom unscheinbaren Fund zur existentiellen Mission
Der Kern des Romans ist so unscheinbar wie sein Titel: Bibliothekar Ernst Stricker erhält in einer Berner Telefonzelle zufällig ein mysteriöses Päckchen von einer verängstigten Seniorin. Doch im Gegensatz zur Baustein-Version öffnet er es sehr wohl – und entdeckt eine mittelalterliche Handschrift: den verschollenen „Abrogans“, das älteste Buch deutscher Sprache. Dieses Päckchen wird zum Katalysator, der ihn mit dem Schicksal des Mönchs Haimo aus dem 8. Jahrhundert verbindet. Haimo scheiterte einst daran, diese Schrift nach Montecassino zu bringen – nun wird Stricker zum Erfüller einer 1200-jährigen Mission.
Das Manuskript als Schicksalsbote
Das Päckchen symbolisiert hier nicht Hoffnung auf Neuanfang, sondern die Last der Vergangenheit. Seine physische Präsenz – „rissiger Ledereinband, Geruch vergangener Zeit“ – transformiert Strickers Leben vom „wohlorganisierten Mann“ zum notorischen Lügner auf riskanter Reise. Die Ungewissheit, ob er Haimos Schicksal teilen wird, verleiht dem Roman seine existenzielle Spannung. Jede Station seiner Flucht vor Dieben und eigenen Gewissenskonflikten beleuchtet seine innersten Ängste und Wünsche. Hohler erzählt dies mit feinem Gespür für menschliche Absurditäten und zarter Melancholie.
Der Bibliothekar: Hüter des Wissens im Strudel der Geschichte
Die Rolle des Bibliothekars ist hier zentral und ambivalent: Ernst Stricker ist kein passiver „weiser Mann“, sondern ein Anti-Held im Kampf gegen historisches Unrecht. Als Hüter des Wissens erkennt er die Bedeutung des Manuskripts sofort – „Bibliotheken sind das Gedächtnis der Menschheit“ (Hohler) – doch die Bibliothek wird ihm zum Ausgangspunkt einer lebensgefährlichen Odyssee. Seine anfängliche rationale Welt bricht zusammen, als er die Handschrift als „Botens aus einer anderen Zeit“ begreift. Erst durch diese Demütigung vor dem kulturellen Erbe (Abrogans = Demut) findet er zu einer neuen Form der Verbindung: Am Ende vollendet er nicht nur Haimos Mission, sondern wird auch Vater einer Tochter Maria – ein symbolischer Kreisschluss.
Hohlers Philosophie: Geschichten als Brücken
Zitate des Autors unterstreichen dies: „Ich schreibe, weil ich die Welt begreifen will. Und weil ich hoffe, dass meine Geschichten auch andere dazu bringen, sich der Welt zu öffnen.“ Diese Haltung prägt den Roman. Das verschollene Manuskript wird zum Medium, durch das Vergangenheit gegenwärtige Leben prägt – eine „sehr alte Rechnung“ (Hohler) wird durch Strickers Opfergang beglichen. Die anfänglich kleine Geste der Päckchen-Übergabe entpuppt sich als Initialzündung für eine Reise, die Isolation durchbricht und historische wie persönliche Schicksale verwebt.
Der Begriff „Quest“ (engl. für Suche, Bemühen) bezeichnet in Literatur, Mythologie und Popkultur eine herausfordernde Reise mit einem bedeutungsvollen Ziel. Im Gegensatz zur simplen Reise geht es bei einer Quest um mehr als räumliche Bewegung:
Kernmerkmale einer Quest Ein klares Ziel: Die Suche nach einem Objekt (z.B. einem heiligen Gral), einer Person, einem Ort oder abstrakten Wert (Wahrheit, Erlösung). Existentielle Bedeutung: Das Ziel ist nicht trivial, sondern mit ethischer, spiritueller oder gesellschaftlicher Verantwortung verbunden. Hindernisse und Prüfungen: Der Protagonist muss physische, psychische oder moralische Herausforderungen bewältigen. Transformation: Die Reise verändert den Helden grundlegend – oft durch Erkenntnis, Opfer oder Reifung.
Beispiele aus verschiedenen Genres Mythologie: Parzivals Suche nach dem Gral (Artus-Sage). Fantasy: Frodos Reise nach Mordor, um den Ring zu zerstören („Herr der Ringe“). Literatur: Don Quijotes absurd-heroische Abenteuer im Namen einer idealisierten Ritterlichkeit. Games: Spieler:innen erfüllen Aufgaben, um ein Hauptziel zu erreichen (z.B. in RPGs wie „The Witcher“).
Warum „Das Päckchen“ eine Quest ist In Franz Hohlers Roman wird Bibliothekar Ernst Stricker durch den Fund der „Abrogans“-Handschrift zum Questsucher: Ziel: Das 1200 Jahre verschollene Manuskript nach Montecassino bringen. Bedeutung: Wiedergutmachung historischen Unrechts (der Mönch Haimo starb bei derselben Mission). Hindernisse: Verfolgung durch Diebe, Täuschung der Familie, lebensgefährliche Alpenüberquerung. Transformation: Vorsichtiger Bürokrat ➔ riskanter „Anti-Held“, der am Ende durch die Rettung des Manuskripts persönliche Erlösung findet.
Hohlers Roman nutzt die Quest-Struktur, um zu zeigen: Manchmal zwingt uns die Geschichte, ihre unerledigten Aufgaben zu vollenden – selbst wenn wir nie darum gebeten wurden. -> Sagt die Bibliothekarin.
Vom Kritisieren zum Handeln: Die Lücke im Gedicht und unser aktiver Beitrag
Das Gedicht, das wir gemeinsam betrachtet haben – ich denke – , zeichnet ein scharfes Bild einer Welt, in der der Mensch zu einem bloßen Objekt wird, verwaltet und optimiert von einem anonymen „Wir“. Es ist eine Anklage, ein Weckruf, der uns vor den Gefahren einer entmenschlichten Gesellschaft warnt. Doch wie wir festgestellt haben, verharrt es in dieser Anklage. Es beschreibt den Zustand, ohne einen Weg aufzuzeigen, wie wir aus dieser scheinbaren Ohnmacht herausfinden können. Genau hier liegt die Lücke, die wir als aufmerksame Leser füllen können und sollten.
Warum passive Kritik allein nicht genügt
Es ist eine weit verbreitete Haltung geworden, Missstände zu erkennen und zu benennen. Doch diese passive Kritik läuft Gefahr, zum „Mainstream“ zu werden – ein ständiges Lamentieren, das kaum noch etwas bewegt. Wenn jeder nur klagt, ohne konkrete Schritte oder Lösungsansätze zu präsentieren, verliert die Kritik ihre Schärfe und Dringlichkeit. Sie wird Teil des Hintergrundrauschens, eine Art akzeptierter Status quo, in dem man sich zwar über die Probleme einig ist, aber niemand wirklich aktiv wird. Ohne einen klaren Gegner, ohne eine benannte Ursache, gegen die man sich stellen kann, ist es wie der Kampf gegen Windmühlen – eine letztlich frustrierende und wirkungslose Anstrengung.
Der Ruf nach dem handelnden Vorbild
Genau an diesem Punkt setzt Ihre wichtige Beobachtung an: Wer öffentlich kritisiert, sollte auch bereit sein zu handeln und im Rahmen seiner Möglichkeiten ein Vorbild sein. Dies ist nicht nur eine Frage der Glaubwürdigkeit, sondern auch der Inspiration. Menschen brauchen konkrete Beispiele, die zeigen, dass Veränderung möglich ist, selbst im Kleinen. Das Gefühl der Ohnmacht, das sich angesichts solch komplexer Systeme einstellen kann, lässt sich am besten überwinden, indem man sieht, wie andere aktiv werden und eigene Erfahrungen teilen. Es geht nicht darum, das „große Rad“ zu drehen, sondern darum, dort zu beginnen, wo man steht.
Konkrete Schritte um selbst zum Akteur zu werden
Das Gedicht legt den Finger in die Wunde, aber es liefert keinen Plan. Diesen Plan können wir als Leser selbst entwickeln und umsetzen. Es geht darum, von der reinen Erkenntnis zur aktiven Gestaltung überzugehen. Hier sind einige konkrete Beispiele, wie jeder Einzelne dem im Gedicht beschriebenen „Wir“ entgegenwirken und selbst zum Vorbild werden kann:
Digitale Souveränität stärken: Überlegen Sie bewusst, welche Daten Sie von sich preisgeben und welche Dienste Sie nutzen. Nutzen Sie datenschutzfreundlichere Alternativen, wo immer möglich. Das kann der Wechsel zu einem Messenger-Dienst sein, der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bietet, oder die bewusste Entscheidung gegen das Akzeptieren aller Cookies auf Webseiten.
Medienkompetenz entwickeln und kritisch konsumieren: Hinterfragen Sie Nachrichten und Informationen, die Sie erhalten. Prüfen Sie Quellen, suchen Sie nach unterschiedlichen Perspektiven und bilden Sie sich eine eigene Meinung, anstatt nur die Inhalte zu konsumieren, die Algorithmen Ihnen vorsetzen. Ein kleiner Schritt kann sein, ab und zu bewusst Medien zu konsumieren, die nicht Ihrem gewohnten Spektrum entsprechen.
Menschliche Beziehungen pflegen: Stärken Sie echte, analoge Beziehungen zu Familie, Freunden und Ihrer Gemeinschaft. Der Wert persönlicher Interaktionen, die sich nicht digitalisieren lassen, ist ein starkes Gegengewicht zur Entfremdung, die in einer datengesteuerten Welt droht. Organisieren Sie beispielsweise regelmäßige Treffen ohne Smartphone-Nutzung.
Lokales Engagement zeigen: Bringen Sie sich in lokalen Initiativen ein, die sich für Themen einsetzen, die Ihnen wichtig sind – sei es Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit oder die Förderung lokaler Kultur. Hier können Sie direkt Einfluss nehmen und erleben, dass Ihr Handeln etwas bewirkt.
Bewusst konsumieren: Überlegen Sie bei Kaufentscheidungen, welche Unternehmen Sie unterstützen und welche Werte diese vertreten. Eine bewusste Entscheidung für regionale Produkte oder nachhaltig agierende Firmen kann einen kleinen, aber spürbaren Unterschied machen.
Das Gedicht ist ein Weckruf. Doch seine wahre Wirkung entfaltet es erst, wenn wir seine Botschaft aufnehmen und von der passiven Analyse zum aktiven Handeln übergehen. Sind Sie bereit, diesen Schritt zu gehen und selbst ein Teil der Lösung zu werden?
Eine Annäherung | Dieses Gedicht – eigentlich ohne Titel – steht auf dem Buchdeckel des Bandes zu / das haus / auf dem weg und scheint eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zur Zeit, zur Welt und zum eigenen Ich zu sein. Den ersten Teil, „auch bin ich was ich weiß / trotz dem / mein wollen im leben / hinter der zeit die Welt erfahren / bin das haus auf dem weg / unsere geheimnisse hütend“, interpretiere ich so, dass das Wissen des Sprechers zwar eine Rolle spielt, aber ein tieferes Bedürfnis nach Erfahrung über das Verstandene hinausgeht. Es scheint, als wolle der Sprecher die Welt in einer Weise erleben, die jenseits des bloßen chronologischen Ablaufs der Zeit liegt, vielleicht in einer Art tieferer, umfassenderer Wahrnehmung. Die Metapher „bin das haus auf dem weg / unsere geheimnisse hütend“ könnte darauf hindeuten, dass der Sprecher eine Art Bewahrer von inneren Wahrheiten oder gemeinsamen Erfahrungen ist, der sich selbst als einen Ort oder einen Behälter auf einer Reise versteht.
Der zweite Teil des Gedichts, „Ein Versuch, sich die Zeit zu nehmen, / in der Begegnung mit dem Anderen, / in dessen Antlitz, die eigene Schwäche und / Sterblichkeit empfinden: / Mein Ich & die Welt in der Sorge um den Anderen spiegeln“, verlagert den Fokus auf die Beziehung zum „Anderen“. Hier scheint es darum zu gehen, dass in der direkten Begegnung mit einem Mitmenschen eine Reflexion des eigenen Ichs stattfindet. Das Erfahren der eigenen Schwäche und Sterblichkeit im Angesicht des Anderen könnte bedeuten, dass die eigene Begrenztheit und Endlichkeit durch den Blick des Anderen bewusster wird. Die Zeile „Mein Ich & die Welt in der Sorge um den Anderen spiegeln“ könnte darauf hinweisen, dass das eigene Selbstverständnis und die Wahrnehmung der Welt durch die Empathie und Fürsorge für andere geprägt und geformt werden. Es scheint, als fänden das Ich und seine Beziehung zur Welt erst durch die Hinwendung zum Anderen ihre volle Bedeutung und ihren Ausdruck.
Eine andere Ebene der Betrachtung
Aus einer reflektierenden Perspektive könnte der Autor möglicherweise vermitteln wollen, dass die wahre Erkenntnis des Selbst und der Welt nicht isoliert stattfindet, sondern in der Verbindung und Auseinandersetzung mit anderen. Es scheint, als ob das Gedicht die Idee vertritt, dass das individuelle Ich in seiner Entwicklung und seinem Verständnis nicht losgelöst von der Gemeinschaft oder den Beziehungen zu anderen existiert. Vielmehr wird die eigene Menschlichkeit, einschließlich ihrer Verletzlichkeit und Vergänglichkeit, erst in der Interaktion mit dem „Anderen“ voll erfahrbar. Die „Sorge um den Anderen“ könnte dabei nicht nur als altruistisches Gefühl verstanden werden, sondern als ein entscheidender Faktor, der dem eigenen Leben und der eigenen Existenz eine tiefere Dimension verleiht und das Ich in Beziehung zur Welt setzt. Es geht möglicherweise darum, dass man erst durch das Überwinden der reinen Selbstbezogenheit zu einem umfassenderen Verständnis von sich selbst und seiner Rolle in der Welt gelangt.
Wieder tue ich mich mit Gedichten schwer, in denen es ausschließlich um das theoretische Reflektieren geht. Beim Lesen ist die Idee einer Antwort in Gedichtform gekommen. Anlass ist die jährlich stattfindende Kulturelle Landpartie im Wendland:
Der Töpfer und das offene Tor
Ich bin jetzt hier, wo Lehm sich formt zur Schale, mein Haus steht fest, doch auf dem Weg der Zeit. Was ich einst wusste, ist nun Materie, reale, durch Hand und Feuer in die Welt geweiht. Ich hüt‘ kein Wissen mehr, doch unsre Geheimnisse zeig ich, im Schein der Lampe, wenn die Nacht sich senkt.
Dann kommt die Landpartie, das Tor ist offen, ein Strom von Menschen zieht durch meinen Garten. In jedem Blick, der auf mein Werk fällt, unverhofft, sehe ich mich selbst – ein Staunen, das mich packt. In ihrem Antlitz, fremd und doch so nah, fühle ich meine Mühe, ja, und auch die Kraft, die war.
Die eigenen Hände schufen, was sie sehen, doch meine Schwäche, auch sie steht da blank. Wenn ein Werk zerbricht, muss ich es verstehen, der Sterblichkeit des Tones, dem Vergangen-Dank. Doch mein Ich und die Welt – sie spiegeln sich nicht nur im stillen Sein, sondern in der Sorge, ob meine Kunst sie erreicht.
In dieser Begegnung, wo die Worte reichen, wo Lob erklingt, ein Lächeln auf das Gesicht, da sehe ich, wie das, was aus mir strich, nun lebt, im andern Anteil nimmt, mein Licht. So wird die Sorge um den Anderen zur Form, zum Klang, und mein Leben hier, ein ewiger Gesang.
Renate Welsh veröffentlichte ihren Jugendroman „Besuch aus der Vergangenheit“ 1999. Das Buch erschien beim Arena Verlag, später auch in einer Textausgabe mit Unterrichtsmaterialien. Es umfasst etwa 144 Seiten und richtet sich an Leserinnen und Leser ab 12 Jahren.
Die Geschichte beginnt mit einer unerwarteten Begegnung: Als Lena nach Hause kommt, steht eine Frau vor der Tür. Eine von Mutters Klientinnen, denkt Lena und lässt sie ein. Doch Emma Greenburg möchte nur das Haus wieder sehen, in dem sie gelebt hat, als sie so alt wie Lena war. 13 war sie damals, fast 14, und sie hatte das Zimmer, das heute Lena gehört. An ihrem 14. Geburtstag war Emma bereits auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Sie ist aus Kanada angereist – es ist ihr erster Besuch seit damals.
Die heimkommende Mutter bietet der Besucherin Tee an. Als die Großmutter dazukommt, reagiert sie barsch: Einmal müsse Schluss sein. Warum benimmt sich die Oma, die sonst immer schrecklich höflich ist, Frau Greenburg gegenüber so schroff? Sie hätten die Wohnung erst 1963 gekauft, sagt sie. Schluss womit – das versucht Lena herauszufinden. Hat die Oma am Ende etwas zu verbergen?
Als Lena Emma zufällig im Museum trifft, entwickelt sich eine vorsichtige Annäherung zwischen den beiden. Emma ist für einige Tage in der Stadt. Durch die Gespräche beginnt Lena, sich mit Emmas Geschichte auseinanderzusetzen und zu verstehen, dass auch ihre Mutter und Großmutter vom Besuch aus der Vergangenheit nicht unberührt bleiben können.
Erzählstruktur
Welsh arbeitet mit mehreren Stimmen. Neben Lenas Perspektive kommen auch die Mutter, eine stets beschäftigte Alleinerzieherin, und die Großmutter zu Wort, die meist eher verbittert wirkt. Diese verschiedenen Generationen liefern unterschiedliche Blickwinkel darauf, was Erinnerung bedeutet und wie familiäre und gesellschaftliche Erfahrungen von Geschichte verarbeitet werden.
Themen
Das Buch verknüpft die historische Begegnung mit Gegenwartsfragen: Wie lange besteht Mitschuld? Wie geht eine jüngere Generation mit Erinnerung an Vertreibung, Verlust und Enteignung um? Lena, die zunächst wenig über die NS-Zeit weiß, beginnt durch den Kontakt zu Emma, ihre Umgebung wacher zu beobachten. Sie wird sensibler für kleine Ungerechtigkeiten und erlebt ein Stück persönlicher Politisierung.
Welsh hat um die Schuldfrage herum aktuelle Ereignisse platziert – eine zeitgenössische Rezension erwähnt, dass das Buch knapp vor einer neuen Regierung erschien, vermutlich bezogen auf die österreichische Regierungsbildung im Jahr 2000.
Rezeption
Eine zeitgenössische Besprechung würdigt die Charakterzeichnung Lenas als gelungen: ihr einsilbiges, mürrisches, unsicheres Verhalten mache die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit glaubhaft. Kritisiert werden hingegen einzelne sentimentale Formulierungen – etwa „tanzende Falten“ oder die Darstellung, dass gerade die jüdische Familie am fröhlichsten lache. Diese Stellen werden als „überflüssiges Gutschreiben“ bezeichnet, das die Geschichte nicht brauche.
Das Buch wurde als Diskussionsgrundlage für den Deutsch- und Geschichtsunterricht empfohlen und entsprechend in schulischen Kontexten eingesetzt.
Einordnung
„Besuch aus der Vergangenheit“ ist keine reine historische Nacherzählung, sondern schlägt über die Erfahrung einer Begegnung die Brücke zwischen historischen Ereignissen und individueller Gegenwart. Welsh arbeitet mit unterschiedlichen Generationen und Sichtweisen und stellt die Frage nach Verantwortung und Erinnerung in die Mitte der Erzählung.
Zur Autorin
Renate Welsh wurde 1937 in Wien geboren. Ihre Mutter starb, als Welsh vier Jahre alt war; sie wuchs bei den Großeltern auf. Die Autorin hat ihre Kindheit wiederholt als unglücklich bezeichnet – geprägt durch den frühen Verlust geliebter Bezugspersonen, diffuse Schuldgefühle und das Erleben des Zweiten Weltkriegs. Schon früh begann Welsh, Erlebtes durch Schreiben zu verarbeiten.
Seit 1975 arbeitet Welsh als freiberufliche Schriftstellerin. Sie hat über 80 Bücher publiziert, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. 1980 erhielt sie für den Jugendroman „Johanna“ den Deutschen Jugendliteraturpreis, mehrfach den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis (unter anderem 2003 für „Dieda oder Das fremde Kind“) und 1992 den Österreichischen Würdigungspreis für ihr Gesamtwerk.
Welsh ist vor allem für ihre realistische Kinder- und Jugendliteratur bekannt, die soziale Missstände hervorhebt und Tabuthemen angeht. Ihre Werke sind meist sozialkritisch und zeithistorisch ausgerichtet und stellen Kindheit nicht als Idyll, sondern als problembehaftete Zeit dar. Welsh bindet eigene Kindheitserfahrungen in ihre Literatur ein und bevorzugt es, über Bekanntes oder umfangreich Recherchiertes zu schreiben.
Ich war auf der Suche nach Büchern. Gefunden habe ich ein Foto. Es lag auf dem Sandboden einer Bushaltestelle, die hier im Wendland als öffentlicher Bücherschrank fungiert. Ein Abzug, eingerissen, mit Rostflecken – vermutlich von einer Pinnadel. Jemand hatte ihn irgendwann aufgehängt, er gehörte zu etwas. Dann nicht mehr. Auf der Rückseite, handschriftlich: Liesel Mansfeld…
Gesperrte Ablage. Unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945–1989Ines Geipel / Joachim Walther, Lilienfeld Verlag Mit Gesperrte Ablage legen Ines Geipel und Joachim Walther eine Literaturgeschichte vor, die lange nicht erzählt worden ist – und strukturell nicht erzählt werden konnte. Das Buch rekonstruiert jene literarischen Stimmen der DDR, die nicht publiziert, nicht rezipiert, nicht erinnert werden durften.…
Annähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Gelesen habe…
Tätigkeit als Autorin | Olga Benario verfasste 1929 in Moskau die Schrift „Berlinskaja komsomolija“ (Der Berliner kommunistische Jugendverband), die auf Russisch erschien. 2023 erschien dieser Text erstmals auf Deutsch unter dem Titel „Berliner Kommunistische Jugend“ in deutscher Übersetzung von Kristine Listau beim Verbrecher Verlag. Das Werk beschreibt den Alltag der Kommunistischen Jugend in Berlin-Neukölln mit…
Im Zentrum von Ille Chamiers Gedicht steht die Figur der Schauspielerin Stella Avni – eine heute nahezu vergessene Künstlerin, deren Lebensspuren sich nur rudimentär rekonstruieren lassen. Gesichert ist: Sie wurde 1921 im damals rumänischen Czernowitz (Bukowina) geboren, jener multikulturellen Stadt, aus der auch Paul Celan und Rose Ausländer hervorgingen. Stella Avni war jüdischer Herkunft und…
Ein literarischer Essay zu Kurt Martis Subjektivität „Jeder Terror rechtfertigt sich mit objektiver Notwendigkeit. Um so mehr gilt es, unbeirrt subjektiv zu sein.“ – Kurt Marti Was soll das heißen – „unbeirrt subjektiv sein“? Ist Subjektivität nicht genau das, was wir in rationalen Diskursen zu überwinden suchen? Je länger ich über Martis Worte nachdenke, desto…
Annähernd gelesen | Ilse Chamiers Gedicht reflektiert ihre Erfahrungen als Kindergartenkind im nationalsozialistischen Deutschland. Dabei verbindet sie Erinnerungen an Rituale, religiöse Erziehung und Kriegsrealität zu einer erschütternden Collage – ruhig im Ton, aber tiefgründig in der Aussage. Die sprachliche Einfachheit kontrastiert mit der Komplexität des Erlebten. Politische und religiöse Rituale – Spiegelungen von Macht Schon…
Renatus Deckerts „Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt“, erschienen 2007 im Suhrkamp Verlag, ist eine Anthologie, die sich der Bedeutung des ersten veröffentlichten Werks von Autoren widmet. Für dieses Projekt bat Deckert fast einhundert deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller, ihre Gedanken und Erfahrungen zu ihrem Debüt in einem Text zu formulieren, oft Jahrzehnte nach…
Sasha Filipenko | Rote Kreuze. Ein Roman Sachbücher mag ich eher selten. Lieber ist es mir, Wissen aus fundiert recherchierten Romanen zu sammeln. Da geschieht meist eher unbewusst, leicht und nachhaltiger, weil ich für dieses dann eine Verknüpfung habe. Wie viel man für sich mitnehmen kann, hängt vom Lesestoff ab. Das Buch, welches ich hier…
«Jeder Terror rechtfertigt sich mit objektiver Notwendigkeit. Um so mehr gilt es, unbeirrt subjektiv zu sein.» Kurt Marti Dieses Buch von Kurt Marti aus dem Jahre 1979 trägt den Titel : Zärtlichkeit und Schmerz | Notizen. Die Formulierung wirkt auf eine überraschende, fast provokative Art emotional und subjektiv, was umso mehr auffällt, als der Autor sonst…
Otto F. Walters Roman Wie wird Beton zu Gras? (erstmals 1979 erschienen, hier in der Rororo-Taschenbuchausgabe von 1988 vorliegend) wird zur ökologischen Literaturbewegung der späten 1970er Jahre gezählt. Im Zentrum steht der Stadtplaner Viktor B., ein zerrissener Antiheld, der täglich an der Transformation natürlicher Landschaften in betonierte Stadt- und Industrieflächen mitwirkt. Sein Beruf steht im fundamentalen Konflikt mit seinem wachsenden…
Du musst deinem Leben Hände geben. Das Gedicht „RATLOS„von Jürgen Völkert-Marten schlägt mir entgegen wie eine kalte Wand. Eine Litanei des Erstickens: Strick. Pistole. Schlaftabletten. Eine Aufzählung von Auswegen, die keine sind, sondern Sackgassen, Abgründe. Ausreißen. Neu anfangen. Schluß machen. Leben fortwerfen. Die Verzweiflung ist greifbar in ihrer sprachlichen Kargheit. Keine Bilder, nur nackte Substantive, Verben des Endens oder…
Der Bildhauer Kurt Schumacher (1905-1942) schuf eine männliche Figur im Moment des Falls. (Im Stil des Expressionismus?) aufgerichtet und die Arme emporreißend, zeigt die Skulptur eine tiefe Wunde in Herzhöhe. Aus ihr strömt Blut, das sich wie ein stilisiertes Gewand um die Hüften legt, die Scham des nackten Körpers bedeckt und an den Beinen hinunterfließt.…
Ergänzung zu Kurt Schumachers Fallender | Einige zeitgenössische Texte und künstlerische Positionen, die Kurt Schumachers Skulptur und den Widerstandsgedanken neu reflektieren. Hier eine Auswahl mit Schwerpunkt auf jüngeren Werken (ab 2000): Widerstand als ethische Grammatik Uwe Kolbe: „Der Gott der Frechheit“ (2021)Kolbes Gedichtzyklus verbindet historische Widerstandsfiguren mit aktuellen Protestformen. Die Zeile „Die aufrechte Krümmung des…
Immer wieder beschäftigt mich: Wie kann ich als Blogger einen wirklich essenziellen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten? Mein Weg führt mich dahin, das künstlerische Potential der Ermordeten sichtbar zu machen. Kurt Schumacher ist für mich dabei mehr als ein Beispiel – er ist ein Schlüssel. Ich möchte verlorene Kunstwerke als kulturelle Leerstellen begreifbar machen. Nehmen wir Schumachers „Der Stürzende“ (1935).…
Gedenkstätten für Opfer des Nationalsozialismus und anderer Verbrechen verwenden vielfältige, oft mehrschichtige Methoden des Erinnerns, die sich aus ihrer Funktion als Orte der Trauer, Bildung und historischen Dokumentation ergeben. Die folgenden Ansätze basieren auf aktuellen Konzepten der Gedenkkultur und dienen mir als Orientierung, mich mit diesem komplexen Materielle Spuren und bauliche Zeugnisse Authentische Relikte: Konservierte…
Bodenhaftung – das meint hier: Sich nicht von der Vergangenheit abheben lassen. Den Boden unter den Füßen spüren, auf dem andere einmal standen. Oder verschwanden. Literatur, die sich dieser Schwerkraft stellt. Die nicht nur erinnert, sondern haftbar bleibt. Bisher gelesene Texte
Das Gedicht beschreibt den Besuch eines Ortes, der als Hinrichtungsstätte diente. Der Raum wird sachlich geschildert: Unter der Decke sind Haken und ein schwarzer Balken sichtbar. Die kahlen, grauen Wände umschließen eine leere Stille, in die man vorsichtig hineintritt. Diese Stille wird als drückend beschrieben – wie Steine auf der Zunge oder ein einhüllender Rauch.…
Diese kurze Geschichte ist ein tastender Gegenvorschlag. Wenn man den leisen Verlust am Ende von Peter Bichsels Erzählung umkehrt und stattdessen eine leise Bereicherung (klingt besser als Gewinn) imaginiert, ergibt sich eine alternative, aber im Geist verwandte Geschichte – sanft, zart, fast beiläufig, und dennoch mit existenzieller Tiefe.
Ich versuche sie so zu erzählen, wie Peter Bichsel sie hätte erzählen können – lakonisch, klar, unaufgeregt:
Die Geschichte von den drei Steinen (anders erzählt)
Ich fand einmal drei Steine. Sie sahen fast gleich aus, aber ich wusste sofort, dass sie nicht gleich waren. Ich nannte den einen Herrn Babel, den zweiten Herrn Bohm, den dritten Herrn Buht. Ich legte sie nebeneinander auf mein Fensterbrett, wo die Morgensonne sie traf. Wenn ich Kaffee trank, schaute ich sie an. Ich wusste nicht genau, ob Herr Bohm wirklich klüger war als Herr Buht. Aber ich stellte es mir manchmal vor.
Ich sprach mit ihnen, leise, und manchmal sprach ich für sie. Ich sagte: „Heute regnet es, Herr Babel.“ Und ich stellte mir vor, wie er das fand. Ich sagte: „Sie sehen müde aus, Herr Buht.“ Und dann legte ich sie ein Stück weiter nach hinten, ins Trockene.
Einmal kam Besuch. Ich sagte nichts von den drei Steinen. Ich dachte, es wäre besser so. Man hätte es nicht verstanden. Man hätte gesagt: „Das sind ja nur Steine.“ Und dann hätte ich nichts mehr sagen können. Also sagte ich nichts.
Aber manchmal, wenn niemand da war, holte ich Herrn Bohm in meine Jackentasche und nahm ihn mit auf einen Spaziergang. Er sagte nie etwas, aber es war angenehm, ihn dabei zu haben. Und ich dachte: Das ist vielleicht alles, was man braucht.
Die Steine wurden nicht anders. Sie blieben Steine. Aber ich war ein anderer, seit ich sie kannte. Ich wusste nicht genau, was das bedeutete. Aber ich hatte drei Namen in meinem Leben, die vorher nicht da waren. Und ich glaube, das war genug.