Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.
In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.
Günter Abramowskis Gedichtband „wer ist wir – neokontemplative gedichte“ wurde im August 2024 vom Verlag Königshausen & Neumann veröffentlicht. In diesem Werk setzt sich der Autor mit der Frage nach dem „Wir“ auseinander und lädt zur Reflexion über Identität und Gemeinschaft ein. Die Gedichte thematisieren Momente der Besinnung und ermutigen dazu, im „aufmerkenden Untätig-Sein“ den eigenen Standort zu erkennen, frei von den Zwängen des Handelns und Denkens, die oft durch gesellschaftliche Erwartungen geprägt sind. Abramowski betont die Bedeutung des Miteinanders und warnt davor, im Materiellen zu vergehen, wenn wir nicht aus unserem Geist heraus eine menschenwürdige Zukunft für unsere Welt schaffen.
Eine Rezension im Mona Lisa Blog hebt die melancholische Note des Bandes hervor, die sich in Kindheitserinnerungen zeigt. Krankenhauserlebnisse, die „vom Verstande ignoriert“ wurden, tauchen im Alter wieder auf und werden lyrisch verarbeitet. Abramowski erkundet in seinen Gedichten die „Tiefen des Lebens“ und erkennt, dass das Alter die Welt nach innen nimmt, wo sie am intimsten ist, und nach Fundstücken, Bildern und Szenen sucht, die sie widerspiegeln.
Der Gedichtband „wer ist wir“ lädt dazu ein, innezuhalten und über die eigene Position in der Welt nachzudenken. Er fordert auf, sich von äußeren Zwängen zu lösen und die eigene Identität sowie die Beziehung zur Gemeinschaft zu reflektieren. Abramowskis Gedichte bieten dabei eine tiefgründige und kontemplative Auseinandersetzung mit dem Selbst und dem Anderen.
Die Visuelle Poesie entstand in den 1950er und 1960er Jahren in Deutschland als eine Gegenbewegung zur traditionellen, oft metaphernreichen Lyrik. Der Begriff der „Konkreten Poesie“ wurde von Eugen Gomringer geprägt und lehnte sich an den Begriff der „Konkreten Kunst“ an, den Max Bill und Theo van Doesburg in die Diskussion gebracht hatten. Konkrete Poesie setzt…
Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.
In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.
Begonnene Dialoge:
Da ich Texte immer wieder aufgreife, Querverbindungen sehe und Neues schaffe, ist ein angeregter Dialog nie wirklich abgeschlossen.Hier gilt daher: Fortsetzung folgt.
ich bin im wald, stehe vor einem innerwald. nach einer intensiven forsternte bildeten sich so viele junge bäume, dass — von außen betrachtet — ein wald im wald entstanden ist. die bäumchen scheinen sich gegenseitig licht und raum zu nehmen, alles grau, trocken und dunkel. es gilt sich zu konzentrieren, denn hier geht es durch,…
Der schmale Band bewegt sich zwischen Roman und längerer Erzählung. Die Handlung setzt im Sommer 1939 in New York City ein. Die neunzehnjährige Irma Sabrina Fuchs erwacht nach einem Koma in einem Altersheim, ohne jede Erinnerung an ihre Herkunft, ihre Familie, ihr früheres Leben. Sie verlässt das Heim und findet eine Anstellung bei der blinden…
Die vergessenen Bücher und der Zug durch Anatolien | Manchmal braucht es den Hinweis eines anderen, um im eigenen Regal wiederzufinden, was längst hätte gelesen werden sollen. Bei mir war es ein Nebensatz auf der Website von Volkmar Mühleis, der Nazim Hikmet erwähnte – und mir fiel ein: Die Bücher stehen ja hier. Schon lange.…
VON EINEM BUCH ZUM ANDERN WANDERN hunderte von Seiten lang durch die Pariser Vorstädte zurück in Büchners Zeit über Gedichte hinter dem Eisernen Vorhang mitten durch ein Ideen-Gewimmel aus Reiselust einen Blick auf Rom werfen, um wieder bei einer Tasse Tee den Vögeln zu lauschen, Nachbarn in ihrem Kommen und Gehen, auf dem Sofa, das…
Kartographie ist die deutsche Erstveröffentlichung der 2019 in Argentinien erschienenen Graphic Novel Cartográfica des Illustrators und Comic-Künstlers Sike (Übersetzung: Lea Hübner, avant-Verlag, 128 Seiten, Hardcover). Die Erzählung setzt ein, als ein junger Mann ins Buenos Aires der späten 2010er Jahre kommt – eine Stadt unter Inflationsdruck, geprägt von Protestbewegungen und wachsender sozialer Unsicherheit. Zunächst streift…
Atlantis ist einer dieser Orte, die weniger durch Geografie existieren als durch Sprache. Je mehr über ihn gesprochen wurde, desto unauffindbarer wurde er. In der Lyrik taucht Atlantis deshalb selten als Schauplatz auf, sondern als Denkbewegung: als Frage nach Ort, Gewissheit und Verortung überhaupt. Zwei Gedichte – eines von Wisława Szymborska (Atlantis), eines von Nathalie…
Ein Gedicht von Jane Wels – auf Instagram von ihr geteilt – fragt nach einem Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist. Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine, die Widerstand leistet gegen schnelle Antworten. Eine Annäherung. Die naheliegende Versuchung wäre, das Gedicht inhaltlich aufzulösen – aber bei Jane Wels funktioniert der…
Der Text setzt mit einer Wiederholung ein. Jede Zeile beginnt gleich, und doch verschiebt sich der Gegenstand fortlaufend. „Meine Gedichte sind“ markiert keinen festen Besitz, sondern einen Ort, an dem immer wieder neu angesetzt wird. Die Gedichte werden nicht erklärt, sondern in Umlauf gebracht. Zunächst tauchen sie als Material auf: Schreibmaschinenpapier, eine genaue Sorte, versehen…
Tarnung, Enttarnung und das Unheimliche der Kontinuität. Annähernd gelesen | Beim ersten Lesen von Elisabeth Wesuls Miniatur gibt es diesen Moment des Innehaltens. Fast eine Schrecksekunde. Nicht wegen der historischen Kulisse, nicht wegen der Ideologie. Sondern wegen eines Namens. Zunächst bleibt alles im Bereich des Hörensagens. „Man erzählt“, „manche sagen“, „die Leute, die das erzählen“.…
Warum müssen Tiere immer für uns herhalten? Michael Krüger hat in die horen #299 ein neues Gedicht veröffentlicht (datiert/betitelt 2. Mai 2025), und ich hab mich beim Lesen gefragt: Schwalben, Kuckuck, Gras, Wiese – sind das wieder Metaphern für Menschliches? Müssen die wirklich immer für was herhalten, womit sie nichts zu tun haben? Krüger, Jahrgang…
Thema: Über Gewohnheiten wie diese Diese Ausgabe widmet sich dem Phänomen der Gewohnheiten im menschlichen Leben. Der Titel stammt von Jürgen Becker, der im November 2024 verstarb und sich zeitlebens intensiv mit Gewohnheiten auseinandersetzte. Die Herausgeber Dagmar Fretter und Christof Hamann haben über vierzig Schriftstellerinnen und Schriftsteller nach ihren persönlichen Gewohnheiten befragt. Das Heft untersucht,…
Beim ersten Lesen von Klaus Johannes Thies Text „Im Schwimmbad mit Derrida“ stellt sich eine eigentümliche Ratlosigkeit ein. Was ist das? Ein Traumbericht? Eine philosophische Reflexion? Eine Alltagsbeobachtung? Der Text entzieht sich jeder eindeutigen Zuordnung – und genau darin liegt sein Geheimnis. Denn Thies schreibt nicht über Derridas Dekonstruktivismus, er vollzieht ihn. Das Verschwimmen der…
Was übt man, wenn man das Unsichtbare übt? – Kennen Sie das Gefühl, wenn eine solche Frage nicht einfach im Raum steht, sondern etwas in Ihnen in Bewegung setzt? Klaus Johannes Thies, 1950 in Wuppertal geboren, schreibt genau solche Literatur. Seine Texte sind weniger Geschichten als vielmehr Gedankenräume, Einladungen zu mentalen Expeditionen, die der Leser…
Zwischen Abstraktion und Naturverbundenheit | Karen Roßki (*1965 in Dresden) ist eine in Dresden lebende und arbeitende Künstlerin, deren Werk sich durch großformatige Gemälde in Öl, Pigmenten und verschiedenen Zeichentechniken sowie Objektkunst auszeichnet. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen abstrakter Landschaftsdarstellung und einer organisch anmutenden Formensprache, die durch intensive Farbkompositionen Naturphänomene aufgreift. Aufmerksam geworden bin ich…
Über ein Gedicht, über Ausgrenzung. Dieser 1895 erstmalig veröffentlichte Text hat dazu geführt, dass mir von Gott berufenen Menschen (nach eigenen Aussagen) die Freundschaft gekündigt haben und seitdem jeden Kontakt ablehnen. Ihr Kommentar: Wer so etwas veröffentlicht, der ist vom Teufel geleitet. In the desertI saw a creature, naked, bestial, Who, squatting upon the ground, Held his…
Zwischen Bücherliebe und Existenzkampf – Ein Porträt des schottischen Buchhändlers und Autors Shaun Bythell ist weit mehr als nur ein Betreiber eines Antiquariats. Er ist ein scharfer Beobachter der Buchwelt, ein humorvoller Chronist seines Alltags und ein unermüdlicher Kämpfer für den Erhalt unabhängiger Buchhandlungen. Seine internationalen Bekanntheit verdankt er seinen ehrlichen und oft urkomischen Schilderungen…
Wäre ich ein Gott, zu dem man betet,ich käme in die größte Verlegenheit,von einem Tonfall des Bittenden irgendwo gerührt zu werden.Sobald das Bessere nur leise anklänge,würde ich gleich Ja sagen,«stärkend das Bessere mit einem Tropfen von meinem Tau».Somit würde von mir ein Teilchen gewährt,und immer wieder nur ein Teilchen,denn ich weiß ja sehr wohl,daß das…
Das Gedicht zeigt eine Spannung zwischen der Erfahrung von Wegen in der Natur und ihrer abstrakten Darstellung durch den Menschen. Während die Wege „inmitten metallisch glänzender Wasser“ scheinbar „nicht enden wollen“, sondern sich „biegen und den Ausgang finden“, werden sie in der kartografischen Abbildung „zusammengezogen“ und „verschwinden im Nichts“. Damit wird deutlich, dass Wege in…
[Da ich Texte immer wieder aufgreife, Querverbindungen sehe und schaffe, ist ein angeregter Dialog nie wirklich abgeschlossen. Daher lohnt es sich immer wieder hineinzuschauen und gegebenfalls einzubringen.]
distelicht
Kennen Sie das Gefühl, wenn ein unscheinbares Detail plötzlich eine ganze Welt eröffnet? Genau das ist der Kern des distelichts. Hier tauchen wir in die Belletristik und bildende Kunst ein, um Werke aufzuspüren, in denen die Distel – sei es prominent oder nur am Rande erwähnt, wörtlich oder metaphorisch – eine Rolle spielt. – weiterlesen
Adolf Endler entdecken
Über ein Gedicht, über Ausgrenzung. Dieser 1895 erstmalig veröffentlichte Text hat dazu geführt, dass mir von Gott berufenen Menschen (nach eigenen Aussagen) die Freundschaft gekündigt haben und seitdem jeden Kontakt ablehnen. Ihr Kommentar: Wer so etwas veröffentlicht, der ist vom Teufel geleitet.– weiterlesen
Bodenhaftung
Angeregt durch Renatus Deckerts Gedicht Plötzensee habe ich ein LeseProjekt begonnen, das sich mit der sg Erinnerungskultur beschäftigt. – weiterlesen
Safiye Can – Poesie und Pandemie
Ringen mit Cans Lyrik: Eine persönliche Annäherung an „Poesie und Pandemie“ und darüber hinaus. Beim Eintauchen in Safiye Cans Lyrikband „Poesie und Pandemie“ wurde mir immer wieder bewusst, wie unterschiedlich kollektive Erfahrungen wahrgenommen werden können. weiterlesen
Oskar Loerke – Im Silberdistelwald
Der „Silberdistelwald“ des Oskar Loerke liegt am Hubertussee, geschaffen im Zusammenhang mit dem Bau der Gartenstadt Frohnau aus einem verlandeten Tümpel. Im späten 19. Jahrhundert wurde hier Ton für die nahegelegene Ziegelei gegraben. – weiterlesen
Eduard Assadow – Ich werde dich lieben, darf ich?
uffällig ist auch die paradoxe Haltung: Einerseits fordert er bedingungslose Hingabe („das ganze Leben“), andererseits bittet er fast ängstlich darum, nicht verletzt zu werden („richte mich nicht hin“). – weiterlesen
Shaun Bythell und seine Buchhandlung
In einem kleinen Ort im Südwesten Schottlands, direkt an der Küste von Galloway, liegt Wigtown – offiziell anerkannt als „Scotland’s National Book Town“. Hier lebt und arbeitet Shaun Bythell, Antiquar, Buchhändler – und Autor. – weiterlesen
Annette Hagemann – MEINE ERBSCHAFT IST DIESE
Eine behutsame Auseinandersetzung mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt, … – weiterlesen
Paul Klee | Wäre ich ein Gott, zu dem man betet
Paul Klees Gedicht „Wäre ich ein Gott, zu dem man betet…“ liest sich wie ein frecher, nachdenklicher Monolog – so als ob jemand, der mit aller Macht und Verantwortung ausgestattet wäre, plötzlich ganz menschliche Zweifel und Schwächen hätte. Es ist keine akademische Analyse, sondern ein Blick darauf, was das Gedicht uns heute sagt: … – weiterlesen
„kriegen kinder von / fremden Gedichten“ – dieser Satz aus einem Gedichtzyklus ‚die süße unterm marmeladenschimmel‘ in wenn ich asche bin,lerne ich kanji hat sich mir eingebrannt. Er wurde zum Ausgangspunkt meiner Beschäftigung mit ihren Texten. Kathrin Niemela wurde 1973 in Regensburg geboren. Nach Studien in Romanistik, Politologie und Jura absolvierte sie ein betriebswirtschaftliches Studium in Regensburg mit einem Auslandssemester in Paris. Beruflich arbeitet sie in der Medizintechnik, unter anderem im Bereich Hautkrebserkennung. Neben mehreren europäischen Sprachen lernte sie während ihrer Reisen auch Japanisch.
Ihre literarische Ausbildung vertiefte Niemela an der Leondinger Literaturakademie. Seit 2019 erscheinen ihre Gedichte in Literaturzeitschriften wie Wortschau, Lichtungen, Ostragehege, Versnetze und im Jahrbuch der Lyrik. 2019 stand sie auf der Shortlist für den Gertrud-Kolmar-Preis, 2020 im Finale des Irseer Pegasus. 2021 erhielt sie den Jurypreis des 23. Irseer Pegasus für ihren Gedichtzyklus die süße unterm marmeladenschimmel.
Im selben Jahr erschien ihr Debütband wenn ich asche bin, lerne ich kanji bei der parasitenpresse. Die Gedichte sind in fünf Kapitel gegliedert und bewegen sich zwischen verschiedenen Orten – Tokio, Paris, Buenos Aires, Santiago de Chile, Riga. Der Titel stammt aus dem Gedicht bad in shibuya, in dem urbane, vor Werbung für Weltmarken überbordende Welten mit Menschenmassen und Anonymität zusammenprallen.
Niemela arbeitet mit Wortschöpfungen wie „überherbsten“ (ein heute völlig ungebräuchliches Wort), Verdrehungen wie „ein leben hat hier sieben katzen“ und Zusammenziehungen wie „kälte greift, nadelt durch haut und jacken“. Ihre Texte kreisen um Reisen, Fremdheit, familiäre Bindungen und Vergänglichkeit.
Im mit dem Irseer Pegasus ausgezeichneten Zyklus die süße unterm marmeladenschimmel erzählt sie vom Beginn und Scheitern einer Liebe. Zeit ist ein wichtiges Element: „da haben wir den / moment aus dem eis geholt“ heißt es am Anfang, bald schon: „als es vorbei war, / die nächte wiederkamen“. Die „familie“ wird zur „verwaltungseinheit“, schließlich wird Geschirr und Hund verteilt. Das Ende des Zyklus verbindet Naturbeobachtung mit Wortspiel: „gewiss fliegen die vögel / auch in diesem jahr nach süden – / ich überherbste in krumen“.
Ein weiterer Zyklus, kuckuckswunden, widmet sich ihren Wurzeln in einer aus Ostpreußen stammenden Familie: „die fehlenden wurzeln laufen hier zusammen“. Sie schreibt über die Terroranschläge in Paris, über Digitalisierung und Herkunft. Antje Weber schrieb in der Süddeutschen Zeitung: „Global denken und dichten – Kathrin Niemela lebt in Passau, Regensburg – und der ganzen Welt.“ Die Lyrikerin Ulrike Almut Sandig bezeichnete sie als „Kosmopoetin“.
„..kriegen kinder von / fremden Gedichten..“ | In dieser Zeile verdichtet sich, was Lesen im Kern für mich ausmacht: eine Begegnung, die produktiv wird. Wir empfangen Texte, lassen uns von ihnen berühren, überwältigen – und bringen zugleich etwas Eigenes hervor. Aus der Lektüre entsteht Neues, das sich vom Original löst, eigenständig wird, in die Welt geht. Das „Fremde“ der Gedichte bleibt dabei bewahrt: Sie gehören uns nie ganz, und gerade deshalb können sie in uns weiterwirken, sich fortpflanzen, Spuren hinterlassen. Lesen als Zeugungsakt – passiv und aktiv zugleich, empfangend und schöpferisch.
Aus den Gedichten
In die süße unterm marmeladenschimmel verbindet Niemela Alltägliches mit existenziellen Fragen. Die Beziehung wird zum bürokratischen Vorgang, während die Sprache zwischen Banalität und Reflexion pendelt:
„(wir) … erwarteten kastanien und dass was zusammenkam, das konsequenzen hat etwas klares mit nichtblauäugigkeit und häutigkeiten, abrufbar im wohnzimmerglanz, monumental, so schienen wir, jeder mit sich selbst bewaffnet“
Im Ostpreußen-Zyklus kuckuckswunden setzt sie sich mit Kant auseinander. Der kategorische Imperativ wird zur persönlichen Standortbestimmung, philosophische Begriffe treffen auf konkrete Orte:
„selbstverschuldet ist diese unmündigkeit, am zentralplatz macht sich das luftschloss breit, immerzu ahnen und die einsicht, dass die wurzel von allem nicht im mangel des verstandes, sondern der entschließung und des mutes liegt“
Quellen: kathrin-niemela.de – Offizielle Website Literaturport.de – Lexikon-Eintrag Kathrin Niemela Parasitenpresse – Vorstellung des Debütbands Süddeutsche Zeitung – Artikel über Niemelas Lyrik Irseer Pegasus – Preisträger 2021 Arcimboldis World – Rezension des Debütbands Zugetextet.com – Porträt und Rezension Birgit Böllinger – Literaturblog, Rezension
Ich hoffe, der Name der Autorin ist so richtig zu Kanji übersetzt.
Fünf Ansätze für aktives Lesen | Nach der Lektüre von Niemelas „pont des arts“ stellte sich mir die Frage: Gibt es einen sinnvollen Ansatzpunkt, mit dem man nach dem Lesen weiterarbeiten kann? Im Sinne des aktiven Lesens – nicht nur verstehen, sondern nachvollziehen, selbst ausprobieren? Hier sind fünf Möglichkeiten, die sich für mich aus dem…
Über Kathrin Niemelas „pont des arts“ | Kathrin Niemelas Gedicht „pont des arts“ erschien in der Literaturzeitschrift Wortschau in einer Paris-Ausgabe. Es ist ein Text, der sich beim ersten Lesen entzieht – nicht weil er hermetisch wäre, sondern weil er so verdichtet ist, dass man ihn kaum greifen kann. Die Sprache ist präzise, die Klänge…
Ein Essay über männliche Verantwortung im Angesicht von Femiziden I. Das Gedicht als Warnsignal Kathrin Niemelas Gedicht „Beckenendlage“ beginnt mit einem medizinischen Begriff – einer riskanten Geburtslage – und endet im Ertränkungsbecken. Es verbindet die Hinrichtung verurteilter „Hexen“ im isländischen Drekkingarhylur mit Agnes Bernauer in der Donau und mit den ertrinkenden Frauen im Mittelmeer. Der…
Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…
Diese Ausgabe des Literaturmagazins WORTSCHAU präsentiert sich als besonders lyrik-fokussierte Publikation mit Thomas Kunst als Hauptautor. Feridun Zaimoglu charakterisierte Kunst in seiner Kleist-Preis-Begründung als den „sprachbesessensten und herzverrücktesten deutschen Dichter unserer Zeit“ – eine durchaus plakative Zuschreibung, die der Leser selbst überprüfen kann. Kleine Einblicke in Thomas Kunsts Gedankenwelt | Der beigefügte Fragebogen gibt Einblicke…
In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen. Hier…
„kriegen kinder von / fremden Gedichten“ – dieser Satz aus einem Gedichtzyklus ‚die süße unterm marmeladenschimmel‘ in wenn ich asche bin,lerne ich kanji hat sich mir eingebrannt. Er wurde zum Ausgangspunkt meiner Beschäftigung mit ihren Texten. Kathrin Niemela wurde 1973 in Regensburg geboren. Nach Studien in Romanistik, Politologie und Jura absolvierte sie ein betriebswirtschaftliches Studium…
Die Ausgabe 31 der WORTSCHAU trägt den Titel „Menschen:Bilder“ und umfasst 66 Seiten. Die Herausgeber Johanna Hansen und Wolfgang Allinger beschreiben sie als ungewöhnlich umfangreich. Das Konzept: Dichtung trifft Fotografie Die Ausgabe hebt zwei Hauptakteurinnen besonders hervor: Annette Hagemann als Dichterin und Li Erben als Fotografin. Li Erben lernte Johanna Hansen während des Lindauer Literaturfrühlings…
Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Ausgangspunkt ist das Gedicht BECKENENDLAGE von Kathrin Niemela. Drekkingarhylur, Island Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt,…
Keiner meiner Tage läuft ab. […] lasse ich Strukturen einfach ineinander verlaufen. Schaue ihnen zu, wie einem Aquarell, welches seinen Goldenen Schnitt selbst formt. Jane Wels beschreibt ihr Leben nach dem Ende ihrer therapeutischen Praxis als bewusste Entscheidung für das Fließende, das Unstrukturierte. 1955 in Mannheim geboren, lebt und schreibt die Lyrikerin heute im Nordschwarzwald und gewährt in einem aktuellen Interview Einblick in ihren Weg zur späten literarischen Berufung.
Jane Wels‘ Biografie liest sich wie eine Erkundungsreise durch verschiedene Schaffensbereiche. Nach einer Ausbildung zur Grafischen Zeichnerin und Werbefachfrau arbeitete sie als Art-Buyerin, FFF-Producerin und Studio-Managerin in Werbeagenturen, Ton- und Fotostudios. Später gründete sie die erste Casting-Agentur in NRW.
Eine grundlegende Wendung brachte ihr Magister-Studium der Erwachsenenpädagogik, Entwicklungspsychologie und Medienwissenschaften sowie die Ausbildung zur Sozialtherapeutin und Sexualpädagogin. Sie leitete eine Konfliktberatungsstelle für Schwangere und ihre Familien und arbeitete zuletzt in freier Praxis als Heilpraktikerin für Psychotherapie mit Schwerpunkt Sexualberatung. Ihr ehrenamtliches Engagement bei der Telefonseelsorge und in der Sterbebegleitung prägte diese Zeit.
Das literarische Spätdebüt
Bereits 1989 begann Jane Wels damit, experimentelle Texte zu schreiben, die jedoch nur einem engen Kreis von Künstlerfreund:Innen zugänglich blieben. Während ihrer Berufsjahre schrieb sie überwiegend Fachtexte. Erst 2024 erschien daher ihr Debütband „Schwankende Lupinen“ in der eof, edition offenes feld, herausgegeben von Jürgen Brôcan. Ein zweiter Band erscheint 2025 ebendort.
Die Schutzumschläge beider Bände gestaltete die Malerin, Dichterin und Herausgeberin Johanna Hansen als eigenständige Kunstwerke. Dieses Zusammenwirken der Künste bezeichnet Wels als „Glücksfall“.
Leben in offenen Strukturen
Seit ihrem Ausstieg aus der Praxis hat sich Wels‘ Tagesablauf grundlegend gewandelt: „Keiner meiner Tage läuft ab. […] lasse ich Strukturen einfach ineinander verlaufen. Schaue ihnen zu, wie einem Aquarell, welches seinen Goldenen Schnitt selbst formt.“
Ihre lyrische Arbeit besteht aus „vielen Farben und Schattierungen, aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, aus Eigenem und noch mehr Fremden.“ Im Zentrum steht die „dichterische Annäherung an das Unbekannte“, ein Vorgang, der „den ganzen Mut“ braucht. Zu ihrer Arbeit zählt sie Lesen, Denken, Kritzeln, Träumen und künstlerischen Austausch gleichermaßen.
Gesellschaftskritik und literarische Mission
Mit knapp siebzig Jahren zeigt Wels eine veränderte Perspektive: „Früher wäre ich sicher vollmundiger gewesen.“ Dennoch formuliert sie klare Positionen. Sie wünscht sich „mehr Solidarität statt Konkurrenz und verstärkten Einsatz gegen den Ausschluss marginalisierter Gruppen“ – wozu sie ausdrücklich „gealterte Autor:Innen“ zählt.
Als „gealterte“ Autorin ohne literaturwissenschaftlichen Hintergrund musste sie „eine Menge Ressentiments überwinden.“ Die Zusammenarbeit mit Herausgeber Jürgen Brôcan, der sich „rein am Text orientiert,“ war dafür entscheidend.
Die Aufgabe der Kunst sieht sie darin, „Oberflächenbetrachtungen aufzurauen, um Bewegung zu ermöglichen, die weiterführt.“ Ihr kraftvoller Appell lautet: „Packt euer Stück Leben am Schopf! Es gehört euch.“
Aktuelle Projekte und Inspirationen
Wels arbeitet an einem „fragmentarischen Text, der sich keiner literarischen Form fügen mag. Er ist ein bisschen, wie ich.“
Ihre aktuelle Lektüre ist Johann Königs „Der Blinde Galerist“, aus dem sie zitiert: „Die Bilder, die im Kopf entstehen, sind genauso wichtig, wie die Bilder an der Wand.“ Das Buch motivierte sie vor ihrem Debüt zum Schreiben.
Ein Beispiel für ihren lyrischen Stil (aus besagtem Interview):
„Dieser Morgen fühlt, / fühlt sich an, / wie ein Kind. / Die Welt fliegt, / fliegt hoch, / streut sich aus, / wie ein Vogelschwarm im Bauch.“
Bisher hat Jane Wels folgende Lyrikbände veröffentlicht:
Jane Wels: Schwankende Lupinen Hardcover mit SU, 80 S., 19,00 € ISBN 9783759721150 edition offenes feld, Dortmund 2024
Jane Wels: Das Es reiten Mit einem Grußwort von José F.A. Oliver Hardcover mit SU, 92 S., 19,00 € ISBN 9783842384149 edition offenes feld, Dortmund 2025
Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt, in Säcke gesteckt und mit Stöcken unter Wasser gedrückt.
Mangelnde Erinnerungskultur: Am Drekkingarhylur gibt es heute noch nicht einmal eine Gedenktafel für die Opfer.
Agnes Bernauer, Bayern
Am 12. Oktober 1435 wurde Agnes Bernauer auf Befehl von Herzog Ernst von Bayern von der Straubinger Brücke in die Donau gestürzt. Sie war die Geliebte und möglicherweise heimliche Ehefrau von Albrecht III. und wurde der Hexerei beschuldigt, um die politisch unbequeme Verbindung zu beenden.
Historischer Widerstand
Frühe Kritiker der Hexenverfolgung (Zwei Beispiele.)
Friedrich Spee von Langenfeld (1591-1635)
Jesuit aus Westfalen, Verfasser der „Cautio Criminalis“ (1631)
Als Beichtvater von verurteilten „Hexen“ erlebte er deren Unschuld direkt
Seine Schrift war eine der ersten systematischen Kritiken an Folter und Hexenprozessen
Anton Praetorius (1560-1613)
Reformierter Pfarrer, kritisierte in „Von Zauberey und Zauberern“ (1602) die Folter
Setzte sich öffentlich gegen die Hexenverfolgung ein
Aktuelle Widerstandsbewegungen
Ni Una Menos – Internationale Dimension
Die Bewegung entstand im Juni 2015 in Argentinien und verbreitete sich über soziale Netzwerke in ganz Lateinamerika und Teilen Europas. Seit dem ersten Protest 2015 haben sich über 200 feministische Organisationen zusammengeschlossen und große Erfolge erzielt.
Entstehung: Der auslösende Tweet stammt von Marcela Ojeda am 11. Mai 2015 nach dem Femizid an Chiara Páez.
Deutschland: Aktuelle feministische Bewegungen gegen Femizide
Dokumentierte Initiativen:
Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff): Führt Statistiken zu Femiziden und koordiniert Präventionsarbeit
Frauen gegen Gewalt e.V.: Netzwerk mit über 160 Mitgliedsorganisationen
Jeden dritten Tag: Initiative, die jeden Femizid in Deutschland dokumentiert und auf Social Media sichtbar macht
Social Media Aktivismus:
#KeineMehr: Deutsche Variante von #NiUnaMenos
#JedenDrittenTag: Hashtag, der die Statistik „alle drei Tage wird eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet“ sichtbar macht
Instagram-Accounts wie @frauen_gegen_gewalt, @terre_des_femmes_menschenrechte dokumentieren aktuelle Fälle und Proteste
Internationale Vernetzung
Lateinamerika umfasst 5 der 12 Länder mit den höchsten Femizid-Raten weltweit, weshalb die Bewegung dort besonders stark ist, aber internationale Solidarität aufbaut.
Widerstand gegen das Schweigen
Historisch: Das Brechen des Schweigens
Chronisten wie Andreas von Regensburg dokumentierten kritisch die Hinrichtung der Agnes Bernauer
Literatur als Widerstand: Friedrich Hebbels Drama „Agnes Bernauer“ (1852) hinterfragte die Gewalt kritisch
Aktuell: Digitaler Feminismus
Strategien gegen das „Mund halten“:
Naming and Shaming: Öffentliche Benennung von Tätern und Strukturen
Storytelling: Opfer bekommen Namen und Geschichten statt nur Statistiken zu bleiben
Intersektionale Ansätze: Verbindung von Rassismus, Klassismus und Sexismus in der Gewaltanalyse
Besondere deutsche Kontexte
Seenotrettung als feministischer Akt
Die erwähnte Seebrücke-Bewegung hat auch explizit feministische Dimensionen:
Frauen und Kinder sind überproportional von Flucht betroffen
Schwangere Frauen ertrinken im Mittelmeer – direkter Bezug zum Gedicht
Mission Lifeline (Dresden) und andere deutsche NGOs setzen sich gezielt für diese Gruppe ein
Gedenkkulturen
Positive Entwicklungen:
Gedenkstätten für Hexenverfolgung entstehen (z.B. in Würzburg, Bamberg)
Straßenumbenennungen nach weiblichen Opfern historischer Gewalt
Stolpersteine auch für Frauen, die Opfer geschlechtsspezifischer Verfolgung wurden
Problematische Romantisierung:
Agnes-Bernauer-Festspiele in Straubing: Verklärung als „Liebestragödie“ statt Kritik an Femizid
Ähnlich der im Gedicht erwähnten „Buttercreme und Baiser“-Metapher
Ein vorläufiges Fazit
Das Gedicht verbindet drei Zeitebenen von Widerstand:
Vereinzelte historische Stimmen gegen Hexenwahn und Gewalt an Frauen
Ziviler Widerstand heute gegen das Ertrinkenlassen im Mittelmeer
Feministische Bewegungen, die das Schweigen über Femizide brechen
Die Kunst liegt darin, diese Verbindungen sichtbar zu machen, ohne die Gewalt zu romantisieren – genau das, was auch die zeitgenössische feministische Bewegung versucht. – Wie kann es jetzt weitergehen?
Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Ausgangspunkt ist das Gedicht BECKENENDLAGE von Kathrin Niemela. Drekkingarhylur, Island Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt,…
David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär…
„So bin ich die Unruhe der Zurückgebliebenen.“ – Dieser Satz steht am Ende eines Gedichts aus der WORTSCHAU #44, und er zeigt, wie Marina Büttner schreibt: ohne Umschweife, mit einer Direktheit, die sich erst Tage später ganz entfaltet. Ihre Texte sind keine sanften Landschaftsbeschreibungen – sie sind Selbstgespräche, die an die Oberfläche drängen, handgeschrieben, getuscht, fragmentarisch.
Geboren 1967, lebt Büttner in Berlin. Über ein Viertel Jahrhundert arbeitete sie als Buchhändlerin in Ost- und West-Berliner Buchhandlungen – eine Biografie, die zwei literarische Welten umfasst, die Wende, verschiedene Buchkulturen. Seit einigen Jahren hat sie die Seiten gewechselt: von der Verkäuferin zur Produzentin. Sie schreibt Lyrik, malt, tuscht, bloggt auf literaturleuchtet über Literatur und zeigt ihre bildnerischen Arbeiten auf myartofblue.
Handschrift als Form
Büttners Serie „Notizen, Selbstgespräche“ verbindet handschriftliche Gedanken mit Tuschearbeiten. Das ist kein Zufall: Die Handschrift wird hier zum Gestaltungselement, die Tusche zur Erweiterung des Geschriebenen. 2025 erschien ihr zweites schmales Bändchen „Notizen, Nachtnotate“ im Selbstverlag – bewusst unabhängig gedruckt, um maximale Freiheit der Gestaltung zu haben. Es sind Texte, die nachts entstanden, aus der Handschrift abgetippt, kombiniert mit aktuelleren Tuschearbeiten.
Was in dieser Arbeitsweise aufscheint, ist eine Form der Unmittelbarkeit. Büttners Texte wirken nicht durchkomponiert im klassischen Sinn – sie wirken festgehalten, bevor sie sich auflösen. Themen wie Vergänglichkeit, Tod und die schöpferische Kraft ziehen sich als wiederkehrende Motive durch ihr Werk.
Orte der Erschütterung
Ihr Gedicht Jüdischer Friedhof Weißensee (WORTSCHAU #43) verdichtet eine Momentaufnahme zu starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt der Text die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Es ist diese Fähigkeit, Orte nicht nur zu beschreiben, sondern ihre emotionale Ladung sichtbar zu machen, die Büttners Lyrik auszeichnet.
2019 gewann sie den SternenBlick-Lyrikpreis mit dem Gedicht ich baue ein haus aus licht – ein Text über das Schreiben selbst, über das Sammeln von Worten auf Abraumhalden, über Vorstellungskraft als Baumaterial. Ihre Texte erscheinen regelmäßig in Literaturzeitschriften und Anthologien wie Versnetze, Mosaik, Sachen mit Wörtern, WORTSCHAU und auf Plattformen wie fixpoetry. Sie hat ein Grundstudium in Kunsttherapie und Poesietherapie abgeschlossen, was sich in der therapeutischen Qualität ihrer Arbeit spiegelt – nicht im Sinne von Heilung, sondern im Sinne eines genauen Hinsehens auf das, was schmerzt.
Ohne festen Fahrplan
Büttners künstlerische Arbeit folgt keinem festen Tagesablauf. Inspiration findet sie in kulturellen Veranstaltungen wie Ausstellungen, Lesungen, Theater- und Kinobesuchen sowie in spontanen Begegnungen. Das klingt nach Zufall, ist aber eine Haltung: Offenheit gegenüber dem, was kommt.
Ihre Texte lassen sich nicht in eine eindeutige Tradition einordnen. Sie sind zu konkret für hermetische Lyrik, zu fragmentarisch für narrative Dichtung. Sie bewegen sich in einem Zwischenraum – zwischen Notiz und Gedicht, zwischen Bild und Text, zwischen Festhalten und Loslassen.
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Wer mehr von Marina Büttner lesen möchte, findet auf ihrem Blog literaturleuchtet nicht nur Buchrezensionen, sondern auch eigene Texte. Die Serie „Notizen, Selbstgespräche“ ist in gedruckter Form direkt bei ihr erhältlich. In der aktuellen WORTSCHAU #44 zum Thema „Selbstgespräch“ ist ihr Text Notizen, Selbstgespräche abgedruckt – ein guter Einstieg in eine Stimme, die sich nicht anbiedert, sondern ihre eigene Unruhe ernst nimmt.
Entdeckt habe ich die Autorin in der Ausgabe #43 der Literaturzeitschrift WORTSCHAU: Jüdischer Friedhof Weißensee.
VON EINEM BUCH ZUM ANDERN WANDERN hunderte von Seiten lang durch die Pariser Vorstädte zurück in Büchners Zeit über Gedichte hinter dem Eisernen Vorhang mitten durch ein Ideen-Gewimmel aus Reiselust einen Blick auf Rom werfen, um wieder bei einer Tasse Tee den Vögeln zu lauschen, Nachbarn in ihrem Kommen und Gehen, auf dem Sofa, das…
In der WORTSCHAU #44 bin ich auf ein Selbstgespräch von Marina Büttner gestoßen: „In einem vorherigen Leben war ich eine Reisende.“ Reflektierende Notizen um das Reisen – das innere wie das räumliche, um Bewegung und Stillstand, um Erinnerung und Verlust. Etwas in diesem Satz resonierte, ohne dass ich sofort hätte sagen können, warum. Eine erste…
Katia Tangians Cover für diese Ausgabe zeigt ein Foto aus den Achtzigern: ein Mann, der grimassiert, im Hintergrund Teile einer Stereoanlage. Ein Schnappschuss, wie es ihn tausendfach gibt. Der Text, der das Bild umfließt, erzählt von Barsik – einem Kater, der in der Nachbarschaft als bösartiges Mistvieh galt und ständig mit den anderen Katern auf…
Annähernd gelesen | Zwischen Sprache, Ordnung und AuflösungJane Wels‘ Gedicht „Bitte versuchen Sie,“ ist ein Text über die Unmöglichkeit, gefasst zu werden – und zugleich ein Text, der sich selbst beim Versuch des Fassens beobachtet. Es spielt mit der Spannung zwischen Sprache und Identität, zwischen Ordnung und Auflösung, und ist dabei zugleich selbstreflexiv, ironisch und…
Annähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Gelesen habe…
Die 44. Ausgabe 2025 der WORTSCHAU widmet sich dem Thema Selbstgespräch und fragt nach der künstlerischen Darstellung des eigenen inneren Erlebens. Die Herausgeber Johanna Hansen und Wolfgang Allinger haben aus über 200 Einreichungen eine vielstimmige Auswahl getroffen, die das Selbstgespräch in seinen unterschiedlichsten literarischen Formen erkundet – von lyrischen Reflexionen bis zu autofiktionalen Erzählungen. Hauptautorin…
Ein Nachtrag zur WORTSCHAU Nr. 43 | Mein kritischer Beitrag zur WORTSCHAU Nr. 43 hat auf Facebook eine bemerkenswert konstruktive Diskussion ausgelöst. Dass sich Herausgeber, Autorinnen und Autoren die Zeit genommen haben, auf meine Fragen einzugehen, freut mich sehr – und zeigt, dass die Spannung zwischen Hermetik und Zugänglichkeit keine einseitige Irritation ist, sondern ein…
Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…
Gedanken zur „WORTSCHAU“ #43 (Es hört nie auf) – oder: Warum ich beim Lesen ins Stolpern kam Beim Lesen dieser Ausgabe drängte sich mir eine Frage auf: Für wen sind diese Texte eigentlich gedacht? Nicht, weil die Sprache unzugänglich wäre – im Gegenteil, Satzbau und Wortwahl sind oft klar –, sondern weil viele Gedichte in…
Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…
Diese Ausgabe des Literaturmagazins WORTSCHAU präsentiert sich als besonders lyrik-fokussierte Publikation mit Thomas Kunst als Hauptautor. Feridun Zaimoglu charakterisierte Kunst in seiner Kleist-Preis-Begründung als den „sprachbesessensten und herzverrücktesten deutschen Dichter unserer Zeit“ – eine durchaus plakative Zuschreibung, die der Leser selbst überprüfen kann. Kleine Einblicke in Thomas Kunsts Gedankenwelt | Der beigefügte Fragebogen gibt Einblicke…
In der WORTSCHAU 43 bin ich auf Arbeiten von Jörn Peter Budesheim gestoßen. Besonders auffällig ist dabei, wie er in seinen Zeichnungen mit verschiedenen Ebenen arbeitet. Sie erschließen sich nicht sofort, sondern fordern dazu auf, gelesen zu werden – Schicht für Schicht. Und das passt gut zu diesen Gedichten. 1960 in Marburg geboren, arbeitete Budesheim…
Geschichte und Gründung | Das Literaturmagazin WORTSCHAU wurde 2007 von Wolfgang Allinger und Peter Reuter gegründet. Die Ursprungsidee war ungewöhnlich: Literatur sollte dorthin gebracht werden, wo sie niemand vermutet – in Bäckereien, Blumenhandlungen, Gärtnereien, Einzelhandelsgeschäfte und Confiserien. Zunächst wurden wöchentlich gefaltete DIN-A4-Flyer mit Texten befreundeter Autorinnen und Autoren in diesen Geschäften ausgelegt, die nach einer…
Das Gedicht „Prometheus“ arbeitet mit einer besonderen Erzählsituation: Ein Sprecher wendet sich direkt an den mythischen Titanen selbst. Durch die durchgehende Du-Ansprache entsteht der Eindruck einer unmittelbaren Konfrontation mit der prometheus’schen Figur, die hier nicht nur als literarische Metapher fungiert, sondern als konkreter Gesprächspartner angesprochen wird.
Die Umdeutung des Mythos
Der Text nimmt eine interessante Verschiebung der bekannten Prometheus-Erzählung vor: Statt des gestohlenen Feuers als technischer Errungenschaft bringt dieser Prometheus emotionale Wärme zu den Menschen – „dem Feuer Zuneigung“. Diese Neuinterpretation verleiht dem antiken Stoff eine zeitgenössische, psychologische Dimension. Der Titan wird zum Archetyp des selbstlos Liebenden, der aus eigenem inneren Feuer anderen geben möchte.
Doch diese Gabe stößt auf eine dreifache Steigerung der Ablehnung: „Unverständnis, Undank, Haß“. Die Progression zeigt, wie aus mangelndem Verstehen aktive Feindseligkeit wird – eine bittere Erkenntnis für jeden, der bedingungslos zu geben versucht.
Die zyklische Struktur des Leidens
Das Gedicht entwickelt eine präzise Zeitstruktur zwischen regenerativer Nacht und zermürbenden Tagen. In der nächtlichen Einsamkeit schöpft Prometheus Kraft, die der folgende Tag wieder aufzehren wird. Der zentrale Vergleich nutzt das mythologische Bild des Adlers, der jedoch zum Symbol für den alltäglichen Raubzug der Erschöpfung wird: Der Tag lässt sich „wie ein Adler, der seine Beute schlägt“ auf dem Protagonisten nieder.
Diese Metapher verbindet geschickt die mythische Bestrafung – den Adler, der täglich Prometheus‘ Leber frisst – mit der modernen Erfahrung existenzieller Erschöpfung. Die „Tortur“ wird zur unausweichlichen Lebenserfahrung dessen, der anderen geben möchte, ohne selbst Unterstützung zu erhalten.
Die Sprache der Kontraste
Das Gedicht arbeitet durchgehend mit starken Gegensatzpaaren: Wärme und Kälte, Geben und Ernten, Tag und Nacht, Kraftschöpfung und Zermürbung. Diese Polaritäten verstärken das Gefühl einer unüberbrückbaren Kluft zwischen dem Wollen des Prometheus und der Realität seiner Erfahrung.
Der Schlusssatz „reicht dir niemand die Hand“ bringt die völlige Isolation auf den Punkt und schließt den Kreis zur anfänglichen Kälte. Es ist ein Bild radikaler Einsamkeit, das die prometheus’sche Tragödie in ihrer ganzen Schärfe erfasst.
Die Frage nach dem Sprecher
Wer aber wendet sich hier so direkt an Prometheus? Die intensive Du-Ansprache legt verschiedene Deutungen nahe: Spricht hier ein Beobachter, der die Vergeblichkeit des prometheus’schen Opfers schonungslos benennt? Ist es die Stimme einer harten Erkenntnis, die dem Titanen die Augen öffnen will? Oder hören wir die innere Stimme des Prometheus selbst, der sich seiner eigenen Situation bewusst wird?
Diese Mehrdeutigkeit der Sprechsituation verleiht dem Text seine besondere Intensität und macht ihn zu mehr als nur einer modernen Prometheus-Variation – zu einer direkten Auseinandersetzung mit der Frage, was es bedeutet, in einer kalten Welt Wärme geben zu wollen.
Eine bildliche Entsprechung
Interessant ist – für mich – auch die Frage, ob die Kunst eine visuelle Entsprechung für diesen emotionalen Prometheus kennt. Die klassischen Prometheus-Darstellungen – etwa Rubens‘ „Prometheus Bound“ oder Thomas Coles gleichnamiges Werk – folgen der traditionellen mythologischen Erzählung der körperlichen Bestrafung durch den Adler. Sie zeigen den gefesselten Titanen, aber nicht die subtile psychologische Dimension der unverstandenen Zuneigung.
Die emotionale Landschaft des Gedichts findet sich eher in den Werken der Romantik, besonders bei Caspar David Friedrich. Seine berühmten „Rückenfiguren“ – einsame, kontemplative Gestalten, die der Natur gegenüberstehen – könnten der visuellen Entsprechung dieses gedichteten Prometheus sehr nahekommen. Der „Wanderer über dem Nebelmeer“ etwa zeigt eine einzelne Figur in unwirtlicher Weite, „Der einsame Baum“ (1822) oder „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ erfassen dieselbe existenzielle Melancholie: das Gefühl, allein mit der eigenen Wärme und Sehnsucht der Kälte der Welt gegenüberzustehen.
Diese romantischen Landschaften mit ihren isolierten Figuren treffen genau den Ton des Gedichts – Menschen, die ihre innere Glut in eine indifferente oder feindselige Umgebung tragen, ohne dass „jemand die Hand reicht“. Eine direkte bildliche Umsetzung dieses spezifischen Prometheus-Verständnisses scheint es jedoch nicht zu geben, was den literarischen Text umso eigenständiger macht.
Die Lyrikerin, Psychotherapeutin und Dozentin Angelica Seithe (geb. 1945 in Bad Lauterberg im Harz) verbindet in ihrem Lebenswerk zwei Welten, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen: die Sprache der Poesie und die Sprache der Psychotherapie. In beiden Feldern ist sie seit Jahrzehnten gleichermaßen schöpferisch tätig und schöpft aus ihrer reichen Erfahrung ein Werk, das von großer innerer Klarheit und Sensibilität geprägt ist.
Nach dem Studium der Psychologie an der Universität Münster und einer tiefenpsychologischen Ausbildung am Psychoanalytischen Institut Gießen leitete sie von 1973 bis 2010 das Berthold-Martin-Haus in Gießen, ein Wohnheim für Jugendliche und junge Erwachsene mit psychotherapeutischem Schwerpunkt. Parallel dazu baute sie ihre Tätigkeit als Psychotherapeutin mit eigener Praxis aus, in der sie sich insbesondere auf neurotische Störungen und Essstörungen spezialisierte. Seit den frühen 1980er Jahren ist sie zudem als Dozentin und Lehrtherapeutin aktiv und lehrte unter anderem an verschiedenen Instituten für Imaginative Psychotherapie.
Ihre Leidenschaft für die Lyrik entdeckte Seithe bereits in der Jugend, als sie ein Gedicht von Rainer Maria Rilke nachhaltig beeindruckte. Schreiben wurde für sie zur Konstante, auch wenn berufliche Verpflichtungen die kreative Arbeit zeitweise in den Hintergrund drängten. Nach ihrer Pensionierung intensivierte sie das literarische Schaffen. In ihren Gedichten verbindet sie Naturbeobachtungen, präzise sprachliche Verdichtung und ein feines Gespür für das Unausgesprochene. Ihre Texte sind häufig kurz, von großer Lakonie und konzentrierter Bildkraft – oft in Formen wie Haiku oder Tanka.
Zu ihren Veröffentlichungen zählen zahlreiche Gedichtbände wie Schilflichtung (1981), Wenn die Treppen aus den Fenstern steigen (1988), Über der strömenden Zeit (2009) und Regenlicht (2013). Besonders hervorzuheben ist der Band Im Schatten der Äpfel (2016), der ausgewählte Gedichte aus mehr als dreißig Jahren versammelt. Hier entfaltet sich eine Sprache, die von Abschied und Vergänglichkeit, Freude und Entdeckung erzählt – in Bildern, die zwischen Natur und innerer Erfahrung schwingen.
Die Verbindung von Psychotherapie und Lyrik ist in Seithes Werk stets präsent: Ihre poetischen Bilder wirken wie Spiegelungen seelischer Prozesse, während ihre psychologische Arbeit durch den sensiblen Umgang mit Sprache und Symbolen bereichert wird. Diese doppelte Kompetenz macht ihr Schaffen einzigartig und verleiht ihren Texten eine stille, aber eindringliche Tiefe.
Ihre lyrische Arbeit wurde vielfach gewürdigt, unter anderem mit dem Sonderpreis Lyrik beim Nordhessischen Autorenpreis (2009), dem Jurypreis beim Hildesheimer Lyrikwettbewerb (2012 und 2014) sowie dem 1. Preis beim Literaturpreis Harz (2018). Gedichte von ihr erschienen in bekannten Literaturzeitschriften wie Am Erker, Das Gedicht, Sinn und Form, Signum sowie in Anthologien und im Rundfunk.
Angelica Seithes Texte sind leise und zugleich kraftvoll: Poesie aus dem Inneren, die ohne Pathos auskommt und in der Sprache Räume der Stille eröffnet. In ihrer Lyrik wie auch in ihrer therapeutischen Tätigkeit geht es ihr stets darum, innere Landschaften sichtbar zu machen – als Einladung, dem eigenen Erleben in all seiner Tiefe zu begegnen.
Bibliografie (Auszug) 2025 Herbstlichtung 2020 Solange wir bleiben im Licht. Neue Gedichte 2016 Im Schatten der Äpfel. Ausgewählte Gedichte 2013 Berührungen. Kurzgeschichten 2013 Regenlicht. Gedichte 2009 Über der strömenden Zeit. Gedichte 2005 Brombeerhimmel. Gedichte 1997 Manchmal rote Dächer. Gedichte und Erzählungen 1993 Licht bei geschlossenen Augen. Gedichte 1992 inner courtyards / innenhöfe 1990 Wenn die Treppen aus den Fenstern steigen. Gedichte (erweiterte Auflage) 1988 Wenn die Treppen aus den Fenstern steigen. Gedichte 1981 Schilflichtung. Gedichte
Schnee knirscht unter Stiefeln Spuren ziehen sich heran Über die weiße Decke eine Linie, geradewegs zum Haus Es kommt jemand Es kommt einer heute unerwartet Er öffnet den Rucksack teilt den heißen Tee aus der Thermosflasche, das Gebäck vom Morgen Sie sitzen auf der eilends gefegten Bank vor ihrer Tür schweigen und lauschen dem fernen…
DIE ALTE FRAU Schnee ist gefallenSchon wird es NachtAuf weißer Decke nicht eineSpur, nicht Vogel nicht KatzeEs kommt kein BesuchEs kommt keiner heutees kommt keiner morgenSie kehrt und kehrtimmer gründlicher kehrt sie denStraßenzugang zu ihrem Haus Annähernd gelesen | Das Gedicht ist schlicht gebaut: kurze, prosanahe Zeilen ohne Reim, ohne übermäßige Interpunktion. Es öffnet mit…
Die Lyrikerin, Psychotherapeutin und Dozentin Angelica Seithe (geb. 1945 in Bad Lauterberg im Harz) verbindet in ihrem Lebenswerk zwei Welten, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen: die Sprache der Poesie und die Sprache der Psychotherapie. In beiden Feldern ist sie seit Jahrzehnten gleichermaßen schöpferisch tätig und schöpft aus ihrer reichen Erfahrung ein Werk, das…
ein Name im Heft zwischen anderen Namen zündet – kein Denkmal eher ein Gerücht aus Papier
// Kindheit? Trümmerfeld, ein Federorakel, Karneval ohne Kostüm // Sprache? verloren, zurückgeholt wie ein verkohltes Blatt, noch lesbar am Rand // Herkunft? ein Fluss, der zwei Länder trennt und nur in der Mitte verbindet // Suche? nicht Linie, nicht Ziel, sondern Tunnelgänge durch Schatten mit schimmernden Wänden
übersetzen = die Wunde in eine zweite Stimme legen lesen = mitfiebern, wo die Wörter auf etwas deuten, das sie nicht besitzen
ein Grenzgänger? vielleicht nur einer, der nicht aufhört zu fragen, ob das Wort Heimat jemals stillstehen darf
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Clara Zetkin Pädagogische Hochschule / später Abendgymnasium nach der Wende (wer unterrichtet Literatur in Zeiten des Umbruchs? wer erklärt den Schülern, was plötzlich erlaubt ist zu lesen?)
1983 Union, Sonntag / 1990 DIE ZEIT sieben Jahre zwischen Regionalpresse und großer Welt // Zeit des Wartens oder Zeit des Reifens?
Dresden – Bieletal – Dresden wieder Kreisbewegung oder Spirale? die Stadt, die sich zweimal vernichten ließ und dreimal wiederaufstand
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Lwówek Śląski macht ihn zum Ehrenbürger (was muss ein Deutscher in Polen geben, um als Sohn adoptiert zu werden?)
Orpheus versammelt die Geister seit 1999 aber welche Geister? die der Übersetzung? die zwischen den Sprachen wandern mit zerrissenen Pässen?
polnische Ehefrau / deutsche Wörter leben zwischen Görlitz und Schlesien = nirgends ganz zu Hause = überall ein bisschen fremd
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„Der glimmende Ring meiner Lichtwissenschaft“ wer spricht so über sein eigenes Schreiben? als wäre Poesie eine Physik des Unsichtbaren als ginge es um Experimente mit Dunkelheit
Das Federnorakel / Hans-Theodors Karneval Titel wie Zauberformeln die mehr verschweigen als sie verraten (Schelm oder Wahrsager? beides?)
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Cyprian Kamil Norwid übertragen tote polnische Stimmen ins Deutsche holen = Nekromantie der Literatur = den Schatten eine zweite Chance geben
wer baut solche Brücken zwischen den Kulturen? wer glaubt noch, dass Wörter Grenzen überwinden? wer sammelt die Splitter zerbrochener Sprachen und fügt sie zu neuen Mustern?
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Verdienstorden des Freistaates Sachsen 2006 „Goldener Ring mit Adler“ 2018 Ehrungen für einen, der Ehre nicht sucht sondern Verbindungen
und ich, blättere weiter, verweile bei den Funken, den Zündblättchen, die mehr versprechen als sie erklären
Peter Gehrisch – ein Gerücht, das zur Gewissheit wird: dass Literatur dort entsteht, wo die Fragen nicht aufhören zu brennen
„Wege“ führt uns durch einen merkwürdigen Wechsel der Perspektiven: Erst sind wir mittendrin im Matsch und Regen, dann schauen wir von oben auf eine Landkarte. Diese Bewegung von der körperlichen Erfahrung zur abstrakten Betrachtung durchzieht das ganze Gedicht wie ein roter Faden.
Unterwegs im Regen
Die erste Strophe lässt uns förmlich die nassen Füße spüren. Da sind Wasserpfützen vom „letzten Aprilregen“, verschmutzte Schuhe, Wege die sich biegen und verlaufen. Das „metallisch glänzende Wasser“ verleiht der Szenerie etwas Unwirkliches – als würde man durch eine fremde, fast artifizielle Landschaft wandern.
Besonders der „Schritteton verschmutzter Schuhe“ fällt auf: Hier wird das Gehen nicht nur sichtbar und fühlbar, sondern auch hörbar. Die Schritte werden zu einem Rhythmus, der mit dem dreckigen Weg verschmilzt. Man denkt unwillkürlich an Samuel Becketts „Warten auf Godot“, wo das endlose Gehen und Warten ähnlich physisch präsent wird.
Der Blick von oben
Dann erfolgt ein radikaler Schnitt. Plötzlich betrachten wir dasselbe aus der Vogelperspektive einer Landkarte. Die mühsam begangenen Wege „ziehen sich zusammen und verschwinden im Nichts“. Was eben noch konkrete, körperliche Erfahrung war, wird zu abstrakten Linien reduziert.
Diese Wendung erinnert an Jorge Luis Borges‘ berühmte Erzählung über die Karte, die so detailliert ist wie die Landschaft selbst – nur hier läuft es umgekehrt: Die gelebte Realität schrumpft zur vereinfachten Darstellung zusammen. Der Zusatz „ohne sich sträuben zu können“ verleiht diesem Vorgang etwas Gewaltsames, als würde die Individualität der Erfahrung gegen ihren Willen abstrahiert.
Literarische Verwandtschaften
Das Thema des Weges als Metapher für das Leben hat eine lange Tradition. Bei Antonio Machado heißt es: „Caminante, no hay camino, se hace camino al andar“ – Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg entsteht beim Gehen. Unser Gedicht dreht diese Perspektive um: Hier verschwindet der Weg gerade durch das Gehen, oder besser gesagt durch die nachträgliche Betrachtung.
Auch Robert Frost’s „The Road Not Taken“ arbeitet mit der Spannung zwischen konkreter Wegewahl und deren späterer Interpretation. Während Frost jedoch die Bedeutung individueller Entscheidungen betont, scheint unser Gedicht eher deren letztendliche Belanglosigkeit zu thematisieren.
Form und Inhalt
Die ungebundene Form des Gedichts unterstützt seine Aussage. Die langen, sich windenden Sätze der ersten Strophe imitieren das Mäandern der Wege. Dann kommt die abrupte Verknappung: „Auf der Landkarte dann“ – ein harter Schnitt, der den Perspektivwechsel auch sprachlich vollzieht.
Die Enjambements, besonders „verschmutzt werden / Schuhe“, schaffen ein Stolpern im Lesefluss, das das mühsame Gehen nachahmt. Gleichzeitig entsteht durch die fortlaufenden Sätze ein Sog, der einen unaufhaltsam vorwärts zieht – genau wie die beschriebenen Wege, die „nicht enden wollen“.
Das große Ganze
Der Schluss bringt eine eigentümliche Beruhigung. „Alles verschmilzt und ergibt ein Ganzes. Ohne Widerspruch nimmt die Natur es hin.“ Diese Natur ist nicht mehr die konkrete, nasse Landschaft des Beginns, sondern eine Art übergeordnete Instanz, die gleichgültig oder weise – je nach Lesart – über den Dingen steht.
Man könnte darin eine tröstliche Botschaft sehen: Alle individuellen Mühen fügen sich letztendlich in ein größeres Muster. Oder man liest es als melancholische Erkenntnis über die Bedeutungslosigkeit persönlicher Anstrengungen. Das Gedicht lässt beide Deutungen zu und gewinnt gerade dadurch seine Kraft.
Ein zeitgenössischer Ton
Was „Wege“ von klassischen Weggedichten unterscheidet, ist seine moderne Nüchternheit. Hier wird nicht pathetisch über Lebenspfade philosophiert, sondern mit fast dokumentarischer Genauigkeit eine doppelte Perspektive entwickelt. Die Spannung zwischen Erleben und Erfassen, zwischen Subjektivität und Objektivierung durchzieht unsere Zeit in vielfacher Weise – von der Digitalisierung des Alltags bis zur wissenschaftlichen Vermessung der Welt.
In dieser Hinsicht ist „Wege“ ein sehr gegenwärtiges Gedicht, auch wenn es mit einfachsten Mitteln arbeitet: nasse Schuhe, eine Landkarte und der ewige Widerspruch zwischen dem, was wir erleben, und dem, was davon übrig bleibt, wenn wir es zu verstehen suchen.
Das Gedicht „Klarstellung“ konfrontiert das lyrische Ich mit einer beschädigten Puppe und zwingt es in eine vielschichtige Reflexion über Schuld, Verantwortung und Wahrnehmung. Die zentrale Metaphorik kreist um das verstörende und mehrdeutige Bild der Puppe mit den „leeren Augenhöhlen“. Puppen sind traditionell Kinderspielzeug, Objekte der Fürsorge und Projektion – hier aber ist sie beschädigt, ihrer…
Ihr seht mich an und nennt es Schuld. Doch meine Augen sind leer, weil ihr sie mir genommen habt. Ihr habt mich in dieses Gitter gestellt, mich zu eurer Bühne gemacht, mich schweigen lassen, damit ihr in mir sprechen könnt. Euer Blick legt Lasten auf mich, die ich nicht tragen will. Ich bin kein Spiegel…
Jürgen Völkert-Marten konstruiert in diesem Gedicht einen Zirkel aus Flucht und Rückkehr. Das lyrische Ich denkt an seine „Ingo-Zahl“ – einen Begriff, der rätselhaft bleibt, aber offenbar eine Art Bewertung oder Messung seiner selbst darstellt. Diese Beschäftigung mit der eigenen Vermessung führt ihn zu einer Erkenntnis: Wichtigeres existiert, doch dieses Wichtigere entzieht sich seinem Zugriff.…
Dieses Gedicht ist ein einziger Atemzug. Zwar gliedern Kommata den Text und ein Punkt beschließt ihn, doch syntaktisch bleibt es ein langer, fließender Satz. Die Interpunktion ordnet, ohne zu zerhacken – die Kommata schaffen Pausen wie beim Sprechen, wenn man Luft holt, ohne den Gedankenfluss zu unterbrechen. Die wiederholten Konjunktionen „und“ schaffen Rhythmus und Vorwärtsdrang…
Es ist das erste Gedicht, dass mir auffällt, als ich nach dem abgedruckten Holzschnitt von Heinz Stein suche. Ich überlege, ob ich das Heft gleich wieder schließe. Manchmal trifft man auf Texte, die so gar nicht, nicht mehr zu eigenen Lebenssituation passen. Also, ich habe es dennoch gelesen und hier ist meine – auf Abstand…
Jürgen Völkert-Marten entdeckte ich durch Zufall, auf der Suche nach Texten von Ille Chamier. Auf einer Verkaufsplattform bot der Autor verschiedene Ausgaben der Zeitschrift „jeder art“ an – und mit ihnen diesen schmalen Lyrikband aus dem Jahr 1977. Ergänzt durch einen Holzschnitt von Heinz Stein erwies sich der Fund als gedeihliche Entdeckung. Völkert-Marten stellt mit…
Jürgen Völkert-Marten (*23. Mai 1949 in Gelsenkirchen) ist ein deutscher Schriftsteller, der in erster Linie durch seine Lyrik bekannt wurde. Sein Debüt gab er 1974 mit dem Gedichtband Keine Zeit für Träumer. In den folgenden Jahrzehnten veröffentlichte er zahlreiche weitere Werke und etablierte sich als eine markante Stimme der deutschsprachigen Gegenwartslyrik. Der Autor lebt in…
Das Gedicht zeigt eine Spannung zwischen der Erfahrung von Wegen in der Natur und ihrer abstrakten Darstellung durch den Menschen. Während die Wege „inmitten metallisch glänzender Wasser“ scheinbar „nicht enden wollen“, sondern sich „biegen und den Ausgang finden“, werden sie in der kartografischen Abbildung „zusammengezogen“ und „verschwinden im Nichts“. Damit wird deutlich, dass Wege in…
Das Gedicht „Prometheus“ arbeitet mit einer besonderen Erzählsituation: Ein Sprecher wendet sich direkt an den mythischen Titanen selbst. Durch die durchgehende Du-Ansprache entsteht der Eindruck einer unmittelbaren Konfrontation mit der prometheus’schen Figur, die hier nicht nur als literarische Metapher fungiert, sondern als konkreter Gesprächspartner angesprochen wird. Die Umdeutung des Mythos Der Text nimmt eine interessante…
„Wege“ führt uns durch einen merkwürdigen Wechsel der Perspektiven: Erst sind wir mittendrin im Matsch und Regen, dann schauen wir von oben auf eine Landkarte. Diese Bewegung von der körperlichen Erfahrung zur abstrakten Betrachtung durchzieht das ganze Gedicht wie ein roter Faden. Unterwegs im Regen Die erste Strophe lässt uns förmlich die nassen Füße spüren.…
David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär in Portugal. Dazwischen: ein korrupter Journalist, ein gescheiterter Gigolo, ein Banker, der alles verliert.
Neun Monate, neun Städte, neun Leben
Szalay ordnet sein Buch streng: Jede Geschichte spielt in einem anderen Monat zwischen April und Dezember, in einer anderen europäischen Stadt, mit einem Protagonisten, der jeweils um einige Jahre gealtert ist. Von Kopenhagen nach Budapest, von Dänemark nach Ungarn – die Schauplätze wechseln, die Themen bleiben: Männer, die um Status ringen, um Anerkennung kämpfen, an Erwartungen scheitern.
Dabei geht es Szalay nicht um große Dramen. Seine Figuren stolpern durch Alltägliches: Ein Mann verliert seinen Job, ein anderer seine Selbstachtung beim Versuch, eine Frau zu beeindrucken. Ein Londoner Gigolo merkt plötzlich: „Er fühlte sich, als wäre er durch sein ganzes Leben gerast, ohne es jemals wirklich zu berühren.“
Der Titel spielt mit uns
Im Original heißt das Buch „All That Man Is“ – und „man“ bedeutet im Englischen schlicht „Mensch“. Die deutsche Übersetzung macht daraus bewusst etwas Doppeldeutiges. Szalay selbst findet das gelungen: Diese Mehrdeutigkeit durchzieht sein ganzes Werk. Es geht ihm weniger um Männer als Geschlecht, sondern um Menschen in ihrer Verletzlichkeit.
Ein Bankier, der sein Vermögen verspielt hat, erkennt: „Alles, wofür er gearbeitet hatte, war nur Luft. Er selbst war nur Luft.“ Diese Momente – wenn die Fassade bröckelt und der Mensch darunter zum Vorschein kommt – interessieren Szalay.
Warum dieses Buch noch immer wichtig ist
Der Guardian nannte Szalay einen „modernen Flaubert“ und lobte seine präzise Beobachtungsgabe. Die Zeit schrieb: „Szalay zeigt, dass die Midlife-Crisis kein Geschlecht kennt, nur die panische Erkenntnis der eigenen Endlichkeit.“
Genau das macht die Stärke des Buches aus: Es gibt keine durchgehende Handlung, keine Hauptfigur, der man folgt – und doch entsteht durch die Montage der Geschichten ein Sog. Man erkennt sich wieder in diesen Männern, egal welches Geschlecht man hat. Ihre Krisen sind universell: die Angst vor dem Scheitern, die Sehnsucht nach Bedeutung, die Erkenntnis, dass die Zeit verrinnt.
Eine weibliche Gegenstimme: Rachel Cusk
Wer nach einer Ergänzung zu Szalays nüchternem Blick sucht, sollte Rachel Cusks „Outline“ (2014) lesen. Auch Cusk arbeitet mit Fragmenten, auch sie interessiert sich für Menschen in Übergangsphasen. Doch während Szalay seine Protagonisten von außen beobachtet, lässt Cusk ihre Erzählerin fast verschwinden – sie wird zur Zuhörerin, zum Spiegel für andere.
In einem Essay für den New Yorker schreibt Cusk über das Schreiben nach persönlichen Krisen: „Ich wollte eine Form finden, die nicht auf dem Ich besteht, sondern Raum lässt für das, was zwischen Menschen geschieht.“ Diese Haltung ergänzt Szalays Ansatz perfekt: Wo er männliche Archetypen entromantisiert, löst Cusk das erzählende Subjekt selbst auf.
Beide Autoren zeigen: Das Leben ist flüchtig, tragikomisch, oft sinnlos – und gerade deshalb erzählenswert.
Zum Autor: David Szalay wurde in Montreal geboren und wuchs in London auf. In seinen früheren Werken wie „London and the South-East“ beschäftigte er sich bereits mit Arbeitswelten und brüchigen Identitäten. Seine Geschichten erscheinen in Zeitschriften wie dem New Yorker und der Paris Review.