Ein schöner Satz vorweg.

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2–3 Minuten

Über Epigraphen und die Kunst, sie zu überlesen – oder zu nutzen. | Hansjörg Schertenleib, Der Antiquar. Ich blättere die erste Seite auf, und da steht:

„Der Weg vollendet sich.
Der Schnee fällt in tausend Flocken.
Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.“
– Shōbōgenzō

Mein erster Gedanke: Das ist ein Haiku. Die Kürze, das Naturbild, diese Ruhe. Ich schlage nach:

Es ist kein Haiku. Es stammt aus dem Shōbōgenzō, einem philosophischen Zen-Text aus dem 13. Jahrhundert, geschrieben von Dōgen. Keine feste Form, kein Jahreszeitenbezug, keine Lyrik im klassischen Sinn. Eher: meditative Lehrrede, poetische Metapher, verdichtetes Bild. Der Weg – das ist die Praxis. Der Schnee – die unendliche Vielheit der Erscheinungen. Die gemalten Berge – die Welt als Darstellung, nicht als festes Sein.

Ich bin aktuell bei Kapitel vier. Noch weiß ich nicht, ob dieser Satz im Roman wieder auftaucht, ob er sich entfaltet, ob er trägt. Aber ich bin ihm gefolgt. Und genau das passiert mir immer öfter mit diesen Sätzen vor dem ersten Kapitel.

Epigraphe.

Manche lese ich, blättere weiter, vergesse sie. Manche bleiben stumm. Aber manche öffnen etwas. Sie setzen eine Spur, die sich erst später zeigt. Oder sie irritieren, weil sie nicht passen. Oder sie führen mich zu Texten, die ich sonst nicht gefunden hätte.

Ich habe angefangen, diesen Sätzen zu folgen. Nicht systematisch, nicht als Interpretation. Einfach als Leser, der neugierig ist: Woher kommt das? Was bedeutet es? Und was macht es mit dem Roman?

Wie man mit Epigraphen lesen kann

Man muss sie nicht entschlüsseln. Man kann sie als Prüfstein verwenden.

Drei einfache Fragen helfen dabei:

Vor der Lektüre: Was behauptet dieser Satz über Welt, Mensch, Zeit? Welche Haltung wird hier ins Spiel gebracht?

Während der Lektüre: Tauchen Motive des Epigraphs wieder auf? Bestätigt der Text diese Denkfigur – oder unterläuft er sie?

Nach der Lektüre: Hat sich das Epigraph als tragfähig erwiesen? Verändert es rückblickend meine Sicht auf das Gelesene? Oder hätte der Roman ohne diesen Satz genauso funktioniert?

Manchmal merkt man erst am Ende: Dieser schöne Satz vorweg war das eigentliche Thema des Buches.

Manchmal bleibt er Dekor.

Manchmal wird er zum Widerspruch.

Eine Rubrik

Ab jetzt sammle ich diese Epigraphe hier. Die, die mir auffallen. Die, die mich stolpern lassen. Die, zu denen ich etwas recherchiere.

Mal sehen, was sich zeigt.

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