Valérys Platane: Ein Baum, der mehr ist als nur Holz und Blätter

in
5–7 Minuten

Paul Valérys Gedicht „An die Platane“ ist im Grunde eine tiefe Nachdenklichkeit über das Leben, unsere Grenzen und das, wonach wir uns sehnen. Er nimmt die Platane als Beispiel, um uns etwas über uns selbst zu erzählen.

Am Anfang steht die Platane da, nackt und weiß, wie ein junger Mensch. Aber sie ist nicht ganz frei, denn ihre Wurzeln halten sie fest im Boden, der wie ein strenger Herrscher ist. Dieses Hin- und Hergerissensein zwischen Freiheit und Fesseln zieht sich durchs ganze Gedicht. Die Erde, der Schlamm, klebt an ihr – das steht für alles Materielle, was uns im Leben festhält.

Valéry zeigt uns, dass der Baum nicht einfach nur da steht. Obwohl er nicht wandern kann, streckt er sich nach oben, zum Licht, wo die Säfte fließen. Das ist wie unser eigenes Streben nach Wissen, nach Erfüllung oder nach etwas Höherem. Die Platane wird reiner, indem sie sich nach oben streckt, aber sie kann ihre Wurzeln nicht kappen. Das bedeutet, wir können unseren irdischen Dasein nicht entfliehen.


Bäume und Menschen: Alle im selben Boot

Das Gedicht schaut dann auch auf andere Bäume wie Eichen, Kiefern oder Pappeln. Sie alle werden von der Erde oder dem Schicksal gefangen gehalten. Sie sind alle im „Griff der Toten“ und spüren, wie die Zeit vergeht. Das zeigt uns, dass alle Lebewesen das gleiche Schicksal teilen: Wir sind alle vergänglich und können der Zeit nicht entkommen.

Besonders bewegend ist die Beschreibung der Espe und der „vier Frauen im Buchenstamm“, die vergeblich gegen den Himmel anrudern. Sie sind zwar getrennt, aber irgendwie doch vereint in ihrem „Sich-nicht-kennen“. Das deutet auf eine tiefe Einsamkeit hin und darauf, dass unsere Versuche, uns von den irdischen Lasten zu befreien, oft scheitern. Ihre Seelen scheinen gelähmt, und selbst wenn sie abends zu Aphrodite beten (der Göttin der Liebe und Schönheit), empfinden sie Scham und Schrecken.


Die Platane als Künstler und ihr Schmerz

Die Platane wird aber besonders hervorgehoben. Sie ist freier von der groben Materie und ihre Äste strecken sich „ins Gold“ – ins Göttliche oder Schöne. Sie ist wie ein Traumbild am Tag und ein Geheimnis in der Nacht. Die Platane wird hier zum Symbol für Künstler und ihr Werk, das oft aus Leid und Kampf entsteht. Ihr „stolzer Streit“, wenn der Nordwind tost, zeigt die Größe und den Kampf, die zum Schaffen dazugehören.

Valéry fordert die Platane auf, sich zu winden und zu klagen, sich selbst zu geißeln, um den Schmerz zu spüren. Das zeigt, dass Leid und Kampf oft notwendig sind, um Kunst zu schaffen und tiefe Einsichten zu gewinnen. Die Stimme, die die Winde finden sollen, und die Hymne, die zu zukünftigen Vögeln steigen soll, stehen für die ewige Wirkung von Kunst und das, was aus durchlittenem Schaffen entsteht. Die Platane soll träumen, dass sie brennt – also leidenschaftlich für ihre Vision, ihre Reinheit und ihren Ausdruck kämpft.


Die Wahl und das Letzte Wort des Baumes

Der Dichter wählt die Platane aus, weil der Himmel sie so biegt, dass eine „starke Sprache“ aus ihr herauskommt. Die Platane wird zu einem Sprachrohr für etwas Höheres, einem Bogen, der Klänge und Bedeutungen aussendet.

Der Wunsch, dass die Baumnymphe die Platane berührt und der Dichter ihre „Schenkelkraft“ spürt, unterstreicht die Sehnsucht nach einer tiefen, fast körperlichen Verbindung zur Natur und zur Quelle der Inspiration.

Doch am Ende sagt der Baum klar „Nein“. Er sagt, dass der Sturm im All mit ihm genauso umgeht wie mit jedem Grashalm. Dieses „Nein“ ist eine Ablehnung davon, sich selbst zu überhöhen. Es ist eine Demut vor den universellen Gesetzen der Natur und die Anerkennung der eigenen Grenzen. Trotz aller inneren Kämpfe und des Strebens nach etwas Einzigartigem bleibt die Platane am Ende ein Teil des großen Ganzen, dem die gleichen Kräfte begegnen wie jedem anderen Lebewesen.

Kurz gesagt, „An die Platane“ ist ein komplexes Gedicht über die Spannung zwischen dem, was uns auf der Erde festhält, und unserem Wunsch nach etwas Größerem. Es geht um Leid und Kreativität und letztlich darum, unsere Rolle im großen Kreislauf des Lebens anzunehmen.


AN DIE PLATANE | Paul Valery

Geneigt, große Platane, bietest du dich nackt,
weiß, wie ein junger Skythe,
doch deine Reinheit stockt, dein Fuß ist fest gepackt
vom herrischen Gebiete.

Klingender Schatten, drin des gleichen Himmels Blau
sich stillt, das dich erregte,
die schwarze Mutter hält den reinen Fuß genau,
auf den der Schlamm sich legte.

Die Stirn, die wandern will, nimmt nie ein Wind dir mit;
der Erde sanfte Tücke
läßt niemals zu, daß über einen Schritt
dein Schatten sich entzücke!

Sie zieht nur, diese Stirn, indem sie steigt ins Licht,
wohin der Saft sich steigert;
so nimmst du, Reinheit, zu und brichst den Knoten nicht
der Bindung, die sich weigert!

Sieh die Lebendigen rings, die so wie dich im Zaum
hält die erlauchte Schlange;
Steineiche, Pinie, Pappel und Ahornbaum,
sie zählen währte lange,

die, in der Toten Griff, mit auf gesträhntem Fuß
den tauben Staub umfassen
und fühlen, wie ein Blühn, ein Samenflug im Fluß
der Zeit sie leicht verlassen.

Die Espe da, und dort vier Fraun im Buchenstamm,
die man gut unterscheidet,
sie rudern aussichtslos wider den Himmelsdamm,
mit Rudern ganz umkleidet.

So leben sie getrennt und weinen dumpf vereint
im gleichen Sich-nicht-kennen,
und wie umsonst der Silberglieder Spaltung scheint,
wo sie sich leise trennen.

Steigt abends dann ihr Hauch zu Aphroditen hin
aus ihrer Seele Lähmung,
so setzt sich, sehr erschreckt und still, die Jünglingin,
ganz glühend von Beschämung.

Ein Vorgefühl entsteht, das zärtlich an ihr zehrt,
und macht sie fast zunichte,
wie wenn ein naher Leib sich zu der Zukunft kehrt
mit neuem Angesichte …

Doch du mit Armen, rein und freier von dem Tier,
die sich ins Gold erheben,
der du bei Tag das Bild der Träume bist, die ihr
Geheimnis nachts dir geben,

thronender Überfluß von Blättern, stolzer Streit,
wenn Nordwind dröhnt, der scharfe,
und junger Winterhimmel hoch im Gold sein Leid
in der Platane Harfe

wagt auszuschrein!… Du mußt, du Leib, der weich sich wehrt,
dich winden und entwinden,
und klagen ohne Bruch, daß zu den Winden kehrt
die Stimme, die sie finden!

Schlag dich mit Geißeln, bis die Marter heiß dich brennt,
die selbst dir angetane,
und wehr der Flamme, die sich nicht vom Spane trennt,
die Rückkehr zu dem Spane!

Damit die Hymne steigt zu künftiger Vögel Flug,
und in dem ganzen Stamme
Reinheit der Seele zittre, weil er dies ertrug
und träumte, daß er flamme.

Dich hab ich auserwählt, Gestalt in einem Park,
trunken von deinem Wogen,
weil dich der Himmel biegt, bis eine Sprache stark
aus dir entspringt, o Bogen!

O, daß verliebt wie sonst die Dryas dich berührt,
dem Dichter nur gelänge,
daß er die Schenkelkraft, wie man ein Pferd verspürt,
an deine Glätte dränge!

Nein, sagt der Baum, sagt nein, im Glanz des Blätterschwalls
sein hohes Haupt bewegend,
mit dem der Sturm im All nicht anders umgeht als
mit jedem Gras der Gegend!

Aus dem Französischen von Rainer Maria Rilke.

  • Das tierische Gebet

    Das tierische Gebet

    in
    3–4 Minuten

    Ich preise Dich Herr, / Darum hüpfe ich | Drutmar Cremer Tiere beten in Dur heiter beschwingt schlitzohrig – so lautet der Untertitel dieses Buches. Und ja, ungewöhnliche Gebete sind das, die der Benedektiner Drutmar Cremer da verfasst hat. Charakteristisch für das lyrische Werk des Dichters, Verlegers & Theologen Drutmar Cremer ist sein sparsames Vokabular,…

  • Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

    Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

    Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…

  • Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

    Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

    Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…

  • Kurt Schumacher – Fallender

    Kurt Schumacher – Fallender

    in , ,
    6–8 Minuten

    Der Bildhauer Kurt Schumacher (1905-1942) schuf eine männliche Figur im Moment des Falls. (Im Stil des Expressionismus?) aufgerichtet und die Arme emporreißend, zeigt die Skulptur eine tiefe Wunde in Herzhöhe. Aus ihr strömt Blut, das sich wie ein stilisiertes Gewand um die Hüften legt, die Scham des nackten Körpers bedeckt und an den Beinen hinunterfließt.…

  • Deutsche Lyrik aus zwölf Jahrhunderten

    Deutsche Lyrik aus zwölf Jahrhunderten

    in
    2–3 Minuten

    LektüreNotizen | Aus der Nachbemerkung des Herausgebers Walter Urbanek: Diese Sammlung soll der Freude am Gedicht dienen. Bei der Auswahl waren daher künstlerische, nicht textkritische Gesichtspunkte maßgeblich. Einige ältere Gedichte werden hier gekürzt wiedergegeben in der Absicht, zeitgebundene Schwächen wie Längen oder Wiederholungen zu beseitigen und so das Kunstwerk dem heutigen Leser näherzubringen.Sehr geehrter Herr…

  • Stephen Crane – In the desert

    Stephen Crane – In the desert

    Über ein Gedicht, über Ausgrenzung. Dieser 1895 erstmalig veröffentlichte Text hat dazu geführt, dass mir von Gott berufenen Menschen (nach eigenen Aussagen) die Freundschaft gekündigt haben und seitdem jeden Kontakt ablehnen. Ihr Kommentar: Wer so etwas veröffentlicht, der ist vom Teufel geleitet. In the desertI saw a creature, naked, bestial, Who, squatting upon the ground, Held his…

  • Was es bedeuten soll. Neue hebräische Gedichte in Deutschland

    Was es bedeuten soll. Neue hebräische Gedichte in Deutschland

    Die Anthologie Was es bedeuten soll. Neue hebräische Dichtung in Deutschland erschien 2019 im Verlag Parasitenpresse und rückt eine bislang wenig beachtete literarische Stimme in den Fokus: In Deutschland lebende israelische und deutsche Dichterinnen und Dichter, die auf Hebräisch schreiben. Herausgegeben und übersetzt wurde die zweisprachige Sammlung von Gundula Schiffer und Adrian Kasnitz, die mit…

  • Loulou Omer – EINS UND NOCH EINS

    Loulou Omer – EINS UND NOCH EINS

    in ,
    2–3 Minuten

    Loulou Omers Gedicht „EINS UND NOCH EINS“ aus dem Band Was es bedeuten soll. Neue hebräische Gedichte in Deutschland (parasitenpresse 2019, S.100) verbindet introspektive Reflexion mit metaphorischer Sprache, um zentrale Themen wie Identität, menschliche Verbindungen und die Suche nach Authentizität zu erkunden. Formal bricht das Gedicht mit Konventionen: Auf den mathematisch-nüchternen Titel, der Wiederholung oder…

  • Renatus Deckert – Plötzensee

    Renatus Deckert – Plötzensee

    Das Gedicht beschreibt den Besuch eines Ortes, der als Hinrichtungsstätte diente. Der Raum wird sachlich geschildert: Unter der Decke sind Haken und ein schwarzer Balken sichtbar. Die kahlen, grauen Wände umschließen eine leere Stille, in die man vorsichtig hineintritt. Diese Stille wird als drückend beschrieben – wie Steine auf der Zunge oder ein einhüllender Rauch.…

  • Im Silberdistelwald

    Im Silberdistelwald

    Als hätten sich György Kurtág, Johann Sebastian Bach und Oskar Loerke am Hubertussee getroffen. Der SilberdistelwaldMein Haus, es steht nun mittenIm Silberdistelwald.Pan ist vorbeigeschritten.Was stritt, hat ausgestrittenIn seiner Nachtgestalt.Die bleichen Disteln starrenIm Schwarz, ein wilder Putz.Verborgne Wurzeln knarren:Wenn wir Pans Schlaf verscharren,Nimmt niemand ihn in Schutz.Vielleicht, dass eine BlüteZu tiefer KommunionIhm nachfiel und verglühte:Mein Vater…

  • Eduard Assadow || Ich werde dich lieben, darf ich?

    Eduard Assadow || Ich werde dich lieben, darf ich?

    Ich werde in deinen Augen ertrinken, darf ich? Denn in deinen Augen zu ertrinken, ist Glück.Ich komme zu dir und sage: „Guten Tag!Ich liebe dich sehr.“ Ist das schwer?Nein, das ist nicht schwer, sondern mühsam.Es ist sehr mühsam, zu lieben. Glaubst du mir das?Ich gehe auf eine steile Klippe,ich werde fallen, fang mich! Schaffst du…

  • was wir einander

    was wir einander

    LektüreNotizen: Günter Abramowski | wer ist wir Dieser Band besteht aus achzig – wenn ich richtig gezählt habe – Gedichten. Der Autor empfiehlt im Inhaltsverzeichnis, die Gedichte in der Reihenfolge zu lesen, wie gedruckt. Beim Lesen der Titel fiel mir eine Zusammengehörigkeit auf und ich habe versucht daraus einen eigenständigen Text abzuleiten. Die Titel lesen…

  • Günter Abramowski – Wer ist Wir

    Günter Abramowski – Wer ist Wir

    Günter Abramowskis Gedichtband „wer ist wir – neokontemplative gedichte“ wurde im August 2024 vom Verlag Königshausen & Neumann veröffentlicht. In diesem Werk setzt sich der Autor mit der Frage nach dem „Wir“ auseinander und lädt zur Reflexion über Identität und Gemeinschaft ein. Die Gedichte thematisieren Momente der Besinnung und ermutigen dazu, im „aufmerkenden Untätig-Sein“ den…

  • Jürgen Völkert-Marten – Wege – Lyrik

    Jürgen Völkert-Marten – Wege – Lyrik

    „Wege“ führt uns durch einen merkwürdigen Wechsel der Perspektiven: Erst sind wir mittendrin im Matsch und Regen, dann schauen wir von oben auf eine Landkarte. Diese Bewegung von der körperlichen Erfahrung zur abstrakten Betrachtung durchzieht das ganze Gedicht wie ein roter Faden. Unterwegs im Regen Die erste Strophe lässt uns förmlich die nassen Füße spüren.…

  • Ich bin ein Gedicht | Visuelle Poesie

    Ich bin ein Gedicht | Visuelle Poesie

    in ,
    3–4 Minuten

    Die Visuelle Poesie entstand in den 1950er und 1960er Jahren in Deutschland als eine Gegenbewegung zur traditionellen, oft metaphernreichen Lyrik. Der Begriff der „Konkreten Poesie“ wurde von Eugen Gomringer geprägt und lehnte sich an den Begriff der „Konkreten Kunst“ an, den Max Bill und Theo van Doesburg in die Diskussion gebracht hatten. Konkrete Poesie setzt…

Diesen Beitrag teilen:

error: Content is protected !!