Paul Valérys Gedicht „An die Platane“ ist im Grunde eine tiefe Nachdenklichkeit über das Leben, unsere Grenzen und das, wonach wir uns sehnen. Er nimmt die Platane als Beispiel, um uns etwas über uns selbst zu erzählen.
Am Anfang steht die Platane da, nackt und weiß, wie ein junger Mensch. Aber sie ist nicht ganz frei, denn ihre Wurzeln halten sie fest im Boden, der wie ein strenger Herrscher ist. Dieses Hin- und Hergerissensein zwischen Freiheit und Fesseln zieht sich durchs ganze Gedicht. Die Erde, der Schlamm, klebt an ihr – das steht für alles Materielle, was uns im Leben festhält.
Valéry zeigt uns, dass der Baum nicht einfach nur da steht. Obwohl er nicht wandern kann, streckt er sich nach oben, zum Licht, wo die Säfte fließen. Das ist wie unser eigenes Streben nach Wissen, nach Erfüllung oder nach etwas Höherem. Die Platane wird reiner, indem sie sich nach oben streckt, aber sie kann ihre Wurzeln nicht kappen. Das bedeutet, wir können unseren irdischen Dasein nicht entfliehen.
Bäume und Menschen: Alle im selben Boot
Das Gedicht schaut dann auch auf andere Bäume wie Eichen, Kiefern oder Pappeln. Sie alle werden von der Erde oder dem Schicksal gefangen gehalten. Sie sind alle im „Griff der Toten“ und spüren, wie die Zeit vergeht. Das zeigt uns, dass alle Lebewesen das gleiche Schicksal teilen: Wir sind alle vergänglich und können der Zeit nicht entkommen.
Besonders bewegend ist die Beschreibung der Espe und der „vier Frauen im Buchenstamm“, die vergeblich gegen den Himmel anrudern. Sie sind zwar getrennt, aber irgendwie doch vereint in ihrem „Sich-nicht-kennen“. Das deutet auf eine tiefe Einsamkeit hin und darauf, dass unsere Versuche, uns von den irdischen Lasten zu befreien, oft scheitern. Ihre Seelen scheinen gelähmt, und selbst wenn sie abends zu Aphrodite beten (der Göttin der Liebe und Schönheit), empfinden sie Scham und Schrecken.
Die Platane als Künstler und ihr Schmerz
Die Platane wird aber besonders hervorgehoben. Sie ist freier von der groben Materie und ihre Äste strecken sich „ins Gold“ – ins Göttliche oder Schöne. Sie ist wie ein Traumbild am Tag und ein Geheimnis in der Nacht. Die Platane wird hier zum Symbol für Künstler und ihr Werk, das oft aus Leid und Kampf entsteht. Ihr „stolzer Streit“, wenn der Nordwind tost, zeigt die Größe und den Kampf, die zum Schaffen dazugehören.
Valéry fordert die Platane auf, sich zu winden und zu klagen, sich selbst zu geißeln, um den Schmerz zu spüren. Das zeigt, dass Leid und Kampf oft notwendig sind, um Kunst zu schaffen und tiefe Einsichten zu gewinnen. Die Stimme, die die Winde finden sollen, und die Hymne, die zu zukünftigen Vögeln steigen soll, stehen für die ewige Wirkung von Kunst und das, was aus durchlittenem Schaffen entsteht. Die Platane soll träumen, dass sie brennt – also leidenschaftlich für ihre Vision, ihre Reinheit und ihren Ausdruck kämpft.
Die Wahl und das Letzte Wort des Baumes
Der Dichter wählt die Platane aus, weil der Himmel sie so biegt, dass eine „starke Sprache“ aus ihr herauskommt. Die Platane wird zu einem Sprachrohr für etwas Höheres, einem Bogen, der Klänge und Bedeutungen aussendet.
Der Wunsch, dass die Baumnymphe die Platane berührt und der Dichter ihre „Schenkelkraft“ spürt, unterstreicht die Sehnsucht nach einer tiefen, fast körperlichen Verbindung zur Natur und zur Quelle der Inspiration.
Doch am Ende sagt der Baum klar „Nein“. Er sagt, dass der Sturm im All mit ihm genauso umgeht wie mit jedem Grashalm. Dieses „Nein“ ist eine Ablehnung davon, sich selbst zu überhöhen. Es ist eine Demut vor den universellen Gesetzen der Natur und die Anerkennung der eigenen Grenzen. Trotz aller inneren Kämpfe und des Strebens nach etwas Einzigartigem bleibt die Platane am Ende ein Teil des großen Ganzen, dem die gleichen Kräfte begegnen wie jedem anderen Lebewesen.
Kurz gesagt, „An die Platane“ ist ein komplexes Gedicht über die Spannung zwischen dem, was uns auf der Erde festhält, und unserem Wunsch nach etwas Größerem. Es geht um Leid und Kreativität und letztlich darum, unsere Rolle im großen Kreislauf des Lebens anzunehmen.
AN DIE PLATANE | Paul Valery
Geneigt, große Platane, bietest du dich nackt,
weiß, wie ein junger Skythe,
doch deine Reinheit stockt, dein Fuß ist fest gepackt
vom herrischen Gebiete.
Klingender Schatten, drin des gleichen Himmels Blau
sich stillt, das dich erregte,
die schwarze Mutter hält den reinen Fuß genau,
auf den der Schlamm sich legte.
Die Stirn, die wandern will, nimmt nie ein Wind dir mit;
der Erde sanfte Tücke
läßt niemals zu, daß über einen Schritt
dein Schatten sich entzücke!
Sie zieht nur, diese Stirn, indem sie steigt ins Licht,
wohin der Saft sich steigert;
so nimmst du, Reinheit, zu und brichst den Knoten nicht
der Bindung, die sich weigert!
Sieh die Lebendigen rings, die so wie dich im Zaum
hält die erlauchte Schlange;
Steineiche, Pinie, Pappel und Ahornbaum,
sie zählen währte lange,
die, in der Toten Griff, mit auf gesträhntem Fuß
den tauben Staub umfassen
und fühlen, wie ein Blühn, ein Samenflug im Fluß
der Zeit sie leicht verlassen.
Die Espe da, und dort vier Fraun im Buchenstamm,
die man gut unterscheidet,
sie rudern aussichtslos wider den Himmelsdamm,
mit Rudern ganz umkleidet.
So leben sie getrennt und weinen dumpf vereint
im gleichen Sich-nicht-kennen,
und wie umsonst der Silberglieder Spaltung scheint,
wo sie sich leise trennen.
Steigt abends dann ihr Hauch zu Aphroditen hin
aus ihrer Seele Lähmung,
so setzt sich, sehr erschreckt und still, die Jünglingin,
ganz glühend von Beschämung.
Ein Vorgefühl entsteht, das zärtlich an ihr zehrt,
und macht sie fast zunichte,
wie wenn ein naher Leib sich zu der Zukunft kehrt
mit neuem Angesichte …
Doch du mit Armen, rein und freier von dem Tier,
die sich ins Gold erheben,
der du bei Tag das Bild der Träume bist, die ihr
Geheimnis nachts dir geben,
thronender Überfluß von Blättern, stolzer Streit,
wenn Nordwind dröhnt, der scharfe,
und junger Winterhimmel hoch im Gold sein Leid
in der Platane Harfe
wagt auszuschrein!… Du mußt, du Leib, der weich sich wehrt,
dich winden und entwinden,
und klagen ohne Bruch, daß zu den Winden kehrt
die Stimme, die sie finden!
Schlag dich mit Geißeln, bis die Marter heiß dich brennt,
die selbst dir angetane,
und wehr der Flamme, die sich nicht vom Spane trennt,
die Rückkehr zu dem Spane!
Damit die Hymne steigt zu künftiger Vögel Flug,
und in dem ganzen Stamme
Reinheit der Seele zittre, weil er dies ertrug
und träumte, daß er flamme.
Dich hab ich auserwählt, Gestalt in einem Park,
trunken von deinem Wogen,
weil dich der Himmel biegt, bis eine Sprache stark
aus dir entspringt, o Bogen!
O, daß verliebt wie sonst die Dryas dich berührt,
dem Dichter nur gelänge,
daß er die Schenkelkraft, wie man ein Pferd verspürt,
an deine Glätte dränge!
Nein, sagt der Baum, sagt nein, im Glanz des Blätterschwalls
sein hohes Haupt bewegend,
mit dem der Sturm im All nicht anders umgeht als
mit jedem Gras der Gegend!
Aus dem Französischen von Rainer Maria Rilke.
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