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  • ich kann gedichte nicht ausstehen.

    ich kann gedichte nicht ausstehen.

    ich bin im wald, stehe vor einem innerwald. nach einer intensiven forsternte bildeten sich so viele junge bäume, dass — von außen betrachtet — ein wald im wald entstanden ist. die bäumchen scheinen sich gegenseitig licht und raum zu nehmen, alles grau, trocken und dunkel. es gilt sich zu konzentrieren, denn hier geht es durch, weil es etwas zu finden gilt — aber: sich durcharbeiten, nichts zerstören, nur wege, orientierung finden. wie groß, wie weit — ich weiß es nicht. sehe ich dann auch das ganze, wenn ich hier durch bin?

    ich schlage auf, blättere durch und bleibe hängen. die überschrift fordert mich. schon hier wortspiele. also doch: ohne zettel und stift geht es nicht. ein überblick — strophen ja, keine reime. erzählstimme, jemand will mich führen. will ich das? nein. ich suche wortanker, finde sie, halte sie fest. beginne zu zeichnen, bilder zu finden. meine bilder. jetzt von vorn. die erste strophe geht. wer schreibt hier eigentlich? wie kommt dieser mensch diesem bild im wort? die zweite strophe. ich brauche wikipedia. neues blatt. ich zeichne was ich lese. bild für bild. fast eine graphic novel, wenn ich durch bin. aber ich bleibe hängen und hängen. ich verlasse die lyrik und sammle — informationen, gedanken. eine eigene geschichte entsteht. wo ordne ich die ein? der hund will raus. ich unterbreche. und wieder: strophe 1, strophe 2, strophe … ich bin im dickicht, im kleinkleinen. neuerliches lesen, die bilder werden mehr, bunter, auch auf dem papier. sehe ich dann auch das ganze, wenn ich hier durch bin?

    • Karen Roßki – Austausch

      Karen Roßki – Austausch

      Drei Miniaturen zu einer Zeichnung: Nichts bleibt für sich. Linien steigen auf, andere sinken zurück. Was sich verdichtet, gibt ab. Was aufragt, ist nicht getrennt vom Grund. Bewegung geht in beide Richtungen. Austausch heißt hier nicht Ausgleich. Es ist ein fortwährendes Weitergeben von Spannung. Linien gehen nach oben und kommen zurück. Der Grund bleibt beteiligt.…

    • Karen Roßki – Durchdringen

      Karen Roßki – Durchdringen

      Nichts greift hier ineinander. Von oben drängt etwas Fremdes ins Bild, faserig, hart gesetzt. Unten arbeitet eine andere Bewegung, schwer, erdig, unruhig. Die Farben mischen sich nicht, sie stoßen. Was durchdringt, verbindet nicht. Es verschiebt, verdrängt, reibt sich fest. Der Raum hält das aus, aber er schließt sich nicht. Nähe entsteht hier nicht aus Übergang,…

    • Karen Roßki – Weit

      Karen Roßki – Weit

      Es gibt keine Linie, an der das Sehen zur Ruhe kommt.Flächen schieben sich übereinander, als hätten sie Zeit gesammelt.Das Dunkle trägt, das Helle setzt an.Nichts öffnet sich nach außen, alles breitet sich aus.Bewegung ohne Richtung, Dichte ohne Schwere.Zwischen den Schichten bleibt kein leerer Ort, nur Übergang.Was wie Tiefe aussieht, ist Nähe.Was weit scheint, hält fest.…

    • Udo Degener – Miklós Radnóti (1909–1944)

      Udo Degener – Miklós Radnóti (1909–1944)

      Wer war Miklós Radnóti. Miklós Radnóti wurde 1909 in Budapest geboren, jüdischer Herkunft, ungarischer Dichter. Er schrieb früh, studierte Literatur, bewegte sich bewusst in der ungarischen Sprach- und Formtradition. In den 1930er Jahren wurde sein Leben zunehmend durch antisemitische Gesetze bestimmt. Er durfte nicht mehr regulär publizieren, wurde zu sogenannten Arbeitsdiensten eingezogen, also Zwangsarbeit ohne…

    • Udo Degener – Meine Gedichte sind

      Udo Degener – Meine Gedichte sind

      Der Text setzt mit einer Wiederholung ein. Jede Zeile beginnt gleich, und doch verschiebt sich der Gegenstand fortlaufend. „Meine Gedichte sind“ markiert keinen festen Besitz, sondern einen Ort, an dem immer wieder neu angesetzt wird. Die Gedichte werden nicht erklärt, sondern in Umlauf gebracht. Zunächst tauchen sie als Material auf: Schreibmaschinenpapier, eine genaue Sorte, versehen…

    • Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es…

    • Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung: Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich…

    • Elisabeth Wesuls – Geschichte

      Elisabeth Wesuls – Geschichte

      Tarnung, Enttarnung und das Unheimliche der Kontinuität. Annähernd gelesen | Beim ersten Lesen von Elisabeth Wesuls Miniatur gibt es diesen Moment des Innehaltens. Fast eine Schrecksekunde. Nicht wegen der historischen Kulisse, nicht wegen der Ideologie. Sondern wegen eines Namens. Zunächst bleibt alles im Bereich des Hörensagens. „Man erzählt“, „manche sagen“, „die Leute, die das erzählen“.…

    • Wenn das Licht den Raum gibt

      Wenn das Licht den Raum gibt

      Am frühen Morgen sah ich im Garten eine vertrocknete Stockrose stehen, unbewegt, unbeirrt. Ein Zimmerlicht fiel schräg von außen auf ihr verblasstes Kleid, und plötzlich wirkte sie nicht mehr ausgebrannt, sondern strahlend. Dieses Strahlen entstand nicht aus der Pflanze selbst, sondern im Zusammenspiel von Körper, Licht und Blick: ein Raum wurde ihr gegeben, und sie…

    • Klaus Johannes Thies – „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“

      Klaus Johannes Thies – „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“

      Klaus Johannes Thies‘ Prosatext schildert die Hörspielabteilung von Radio Bremen als einen Ort des Wartens und Dämmerns. Schauspieler in Schlafanzügen lagern in langen, leeren Fluren einer vergessenen Abteilung, die bei einem Umzug einfach nicht mitgenommen wurde. Die Synchronisation von Gina Lollobrigida steht an, aber es gibt nur Männer – man behilft sich mit einer Sekretärin.…

    • Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

      Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

      Beim ersten Lesen von Klaus Johannes Thies Text „Im Schwimmbad mit Derrida“ stellt sich eine eigentümliche Ratlosigkeit ein. Was ist das? Ein Traumbericht? Eine philosophische Reflexion? Eine Alltagsbeobachtung? Der Text entzieht sich jeder eindeutigen Zuordnung – und genau darin liegt sein Geheimnis. Denn Thies schreibt nicht über Derridas Dekonstruktivismus, er vollzieht ihn. Das Verschwimmen der…

    • Nathalie Schmid: der geschmack von kartoffeln

      Nathalie Schmid: der geschmack von kartoffeln

      Nathalie Schmids Gedicht „der geschmack von kartoffeln“ porträtiert „einen schlag von frauen“ durch eine Collage körperlicher und alltäglicher Details, die auf den ersten Blick schlicht dokumentarisch wirken. Doch zwischen den Zeilen entfaltet sie eine Dichte, die mich bekümmert: ein Leben, das nur noch rückblickend Bedeutung hat. Verschlossene Innenwelten Die Frauen des Gedichts zeigen sich in…

    • Literatur aus Fotografien

      Literatur aus Fotografien

      Bei der Lektüre von John Bergers und Jean Mohrs Eine andere Art zu erzählen stellte sich mir eine Frage: Gibt es Literatur, die überwiegend aus Fotografien besteht – ähnlich wie Comics oder Graphic Novels ihre Geschichten in Bildern erzählen? (Damit meine ich nicht die Foto-Love-Story aus der Bravo die ich in meiner Jugend nicht las.)Die…

    • Jane Wels – Bitte versuchen sie, …

      Jane Wels – Bitte versuchen sie, …

      Annähernd gelesen | Zwischen Sprache, Ordnung und AuflösungJane Wels‘ Gedicht „Bitte versuchen Sie,“ ist ein Text über die Unmöglichkeit, gefasst zu werden – und zugleich ein Text, der sich selbst beim Versuch des Fassens beobachtet. Es spielt mit der Spannung zwischen Sprache und Identität, zwischen Ordnung und Auflösung, und ist dabei zugleich selbstreflexiv, ironisch und…

    • Marina Büttner – Jüdischer Friedhof Weißensee

      Marina Büttner – Jüdischer Friedhof Weißensee

      Annähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Gelesen habe…

    • Martin Maurach – Fünf Fragmente, fünf Türen

      Martin Maurach – Fünf Fragmente, fünf Türen

      Martin Maurach: Leben auf Geistes Schneide | Annähernd gelesen Fünf Zeilen die nicht als Gedicht nebeneinander stehen, sondern als ausgewählte Fragmente aus einer größeren Sammlung. Martin Maurach hat mir dankenswerterweise zur Entstehung geschrieben: Die Redaktion der „Konzepte“ hat aus seinen Prosafragmenten diese fünf ausgewählt und montiert. Der Text ist damit weniger als geschlossene Einheit zu…

    • Autobiografie als Spur

      Autobiografie als Spur

      Schreiben jenseits der Erinnerung I. Das Problem mit dem Erinnern Wenn Frank Witzel vom Erinnern als „diffuser und unzureichender Prämisse für das Schreiben“ spricht, meint er zunächst das aktive, willentliche Erinnern: Ich setze mich hin, rufe meine Vergangenheit ab, konstruiere aus Fragmenten eine Geschichte. Dieses autobiografische Schreiben ist Arbeit am Material der Erinnerung – Auswahl,…

    • Schreiben im reinen Präsens. Ein Experiment nach Frank Witzel

      Schreiben im reinen Präsens. Ein Experiment nach Frank Witzel

      Frank Witzel beginnt seinen Text über vergessene, verkannte und verschollene Autoren mit einem Eingeständnis: Der Vorgang des Erinnerns, obwohl er sein gesamtes literarisches Schaffen zu durchziehen scheint, erscheint ihm als „diffuse und unzureichende Prämisse für das Schreiben“. Was auf den ersten Blick wie eine Selbstkritik klingt, entpuppt sich als radikale Sehnsucht nach einem anderen Schreiben…

  • Ruth Frobeen – Irmelin Fuchs

    Ruth Frobeen – Irmelin Fuchs

    Der schmale Band bewegt sich zwischen Roman und längerer Erzählung. Die Handlung setzt im Sommer 1939 in New York City ein. Die neunzehnjährige Irma Sabrina Fuchs erwacht nach einem Koma in einem Altersheim, ohne jede Erinnerung an ihre Herkunft, ihre Familie, ihr früheres Leben.

    Sie verlässt das Heim und findet eine Anstellung bei der blinden Mrs. Rothman – zunächst als Vorleserin, später als Stenotypistin, die die autobiografischen Geschichten ihrer Gastgeberin abtippt. Diese Geschichten bilden eine zweite Erzählebene, aus der sich allmählich auch Hinweise auf die Vergangenheit der Protagonistin ergeben.

    Buchinformation:
    Ruth Frobeen – Irmelin Fuchs
    Roman/Erzählung
    Eigenverlag – 2022
    Website der Autorin, Texterin und Übersetzerin: ruthfrobeen.de

    Der Ton der Erzählerin wirkt fast privat. Er erinnert mich an die Briefe, die ich als Jugendlicher meiner damaligen Brieffreundin schrieb: direkt, etwas plaudernd, kaum literarisch überformt.

    Was war damals los – auch unabhängig von dieser Geschichte? Was mir aufgefallen ist: Eine junge Frau ohne Vergangenheit, umgeben von Menschen, die eine Zukunft entwerfen. > 1939 New York World’s Fair <

    Vielleicht bin ich zu feinfühlig, aber mich irritiert der aufmerksam schauende Fuchs auf der Rückseite des Covers, wo es doch in der Erzählung heißt, man habe einen ebensolches Tier leblos neben ihr gefunden, als sie den Motorradunfall hatte.

    ….ich lese….

    Foto von The New York Public Library auf Unsplash.

  • Nâzım Hikmets Menschenlandschaften – 1

    Nâzım Hikmets Menschenlandschaften – 1

    Die vergessenen Bücher und der Zug durch Anatolien | Manchmal braucht es den Hinweis eines anderen, um im eigenen Regal wiederzufinden, was längst hätte gelesen werden sollen. Bei mir war es ein Nebensatz auf der Website von Volkmar Mühleis, der Nazim Hikmet erwähnte – und mir fiel ein: Die Bücher stehen ja hier. Schon lange. Ich hatte sie vor Jahren angeschafft, in einer dieser Phasen, in denen man sich vornimmt, endlich die Lücken zu füllen, die großen Namen nachzuholen. Und dann verstauben sie. Hikmet war so einer: gewusst, dass er wichtig ist, dass er zu den bedeutenden Dichtern des 20. Jahrhunderts gehört, aber nie gelesen. Jetzt liegen die Bände vor mir, und ich lese.

    Was mir auffällt: Menschenlandschaften ist kein Text, das sich bequem lesen lässt. Es ist sperrig, dicht, polyphone Literatur, die einen fordert. Aber es ist auch eines jener Bücher, bei denen man nach wenigen Seiten spürt: Hier schreibt jemand, der etwas zu sagen hat, der die Literatur nicht als Stilübung begreift, sondern als Instrument, um Wirklichkeit abzubilden – und zwar eine Wirklichkeit, die sonst unsichtbar bleibt.

    Aus dem Gefängnis heraus

    Nazim Hikmet schrieb Menschenlandschaften zwischen etwa 1938 und 1950, in einer Zeit, die für ihn persönlich von Haft und politischer Verfolgung geprägt war. Als kommunistischer Intellektueller saß er über Jahre in türkischen Gefängnissen, unter anderem in Bursa. Dort, unter den Bedingungen der Isolation und Repression, entstand dieses monumentale Versepos – 17.000 Zeilen, die heute überliefert sind, nachdem Teile durch Zensur und Vernichtung verloren gingen.

    Die Haft war nicht nur Rahmen, sie war auch Ermöglichung. Im Gefängnis traf Hikmet auf Menschen, die ihm sonst nicht begegnet wären: Arbeiter, Bauern, Kleinkriminelle, politische Gefangene, Menschen aus allen Schichten der türkischen Gesellschaft. Ihre Stimmen, ihre Geschichten, ihre Lebenswelten fanden Eingang in das Werk. Menschenlandschaften ist kein Heldenepos im klassischen Sinn, keine Erzählung großer historischer Figuren. Es ist ein Panorama alltäglicher Leben, verwoben mit den Erschütterungen der Zeit – dem Zweiten Weltkrieg, der politischen Unterdrückung, den sozialen Verwerfungen einer Gesellschaft im Umbruch.

    Hikmet selbst verstand sein Werk als eine Art poetische Enzyklopädie. Nicht im Sinne einer systematischen Ordnung, sondern als Sammlung menschlicher Erfahrungen, die zusammengenommen ein Bild der Gesellschaft ergeben. Er wollte traditionelle Formen überwinden, arbeitete mit modernen, filmischen Techniken – Schnitte, Perspektivwechsel, Montagen. Das Ergebnis ist ein Text, der sich eher wie ein Dokumentarfilm liest als wie klassische Epik.

    Die Übersetzung

    Ich lese Hikmet in der Übersetzung von Ümit Güney und Norbert Ney – eine Konstellation, die bei lyrischen und epischen Texten oft entscheidend ist. Güney, selbst türkischer Herkunft, und Ney, deutscher Lyriker, haben gemeinsam gearbeitet, um Hikmets formale Experimente, seine Mischung aus Alltagssprache und lyrischer Verdichtung, ins Deutsche zu übertragen. Sie gelten als die deutsche Stimme Hikmets, ihre Übersetzungen prägen seit den 1980er Jahren, wie wir ihn hierzulande lesen.

    Was ich nicht beurteilen kann: Wie nah kommt diese Übersetzung dem türkischen Original? Geht etwas verloren, wird etwas gewonnen? Wer Hikmet im Original kennt und die deutsche Fassung gelesen hat – wie erlebt ihr diesen Abstand oder diese Nähe? Das wäre eine Frage, die ich gern an türkischsprachige Lesende richten würde.

    Der Zug vom Haydarpaşa-Bahnhof

    Der erste Band von Menschenlandschaften beginnt am Haydarpaşa-Bahnhof in Istanbul, einem jener Orte, an denen sich die Ströme der Gesellschaft kreuzen. Ein Zug fährt ab, Richtung Anatolien. Diese Zugfahrt ist das strukturierende Prinzip des ersten Teils: Menschen steigen ein, nehmen Platz, erzählen, erinnern sich, schweigen. Im Zugabteil treffen politische Gefangene auf Arbeiter, Mütter auf Veteranen, Studierende auf Bauern. Der Raum ist eng, die Hierarchien sind sichtbar, aber für die Dauer der Fahrt sind alle im selben Abteil, unterwegs durch eine Landschaft, die mehr ist als Kulisse – sie ist das Land selbst, mit seinen Brüchen und Widersprüchen.

    Hikmet arbeitet mit wechselnden Perspektiven. Mal spricht eine Figur direkt, mal wird aus der Distanz erzählt, dann wieder bricht eine Erinnerung ein, ein innerer Monolog, ein Fetzen Vergangenheit. Es entsteht ein Gewebe aus Stimmen, ein kollektives Porträt, das nicht auf Vollständigkeit zielt, sondern auf Vielstimmigkeit. Man muss sich als Leser darauf einlassen, dass Geschichten nicht zu Ende erzählt werden, dass Figuren auftauchen und wieder verschwinden, dass das Ganze eher einem Kaleidoskop gleicht als einer linearen Handlung.

    Eine der zentralen Figuren ist Halil, ein politischer Gefangener, der mit anderen Inhaftierten im Zug sitzt. Durch ihn und seine Gefährten wird die politische Dimension sichtbar: die Verfolgung, die Repression, aber auch die Würde und der Widerstand derer, die nicht aufgeben. Halil ist kein strahlender Held, er ist ein Beobachter, jemand, der sieht und festhält, was um ihn herum geschieht.

    Der erste Band endet nicht mit einer Auflösung, sondern mit einem symbolisch aufgeladenen Moment: Ein Mann begeht während der Fahrt Selbstmord. Es ist ein Schlussakkord, der die Härte jener Lebenswelten markiert, die Hikmet beschreibt – die Verzweiflung, die sozialen Zwänge, die existenzielle Not. Der Tod ist nicht Katharsis, sondern Ausdruck einer Realität, die viele dieser Figuren bestimmt.

    Warum das heute relevant ist

    Man könnte fragen: Warum dieses Werk heute lesen, ein Epos aus den 1940er Jahren, das in einer türkischen Gesellschaft spielt, die es so nicht mehr gibt? Die Antwort liegt vielleicht darin, wie Hikmet schreibt. Seine Technik, viele Stimmen nebeneinander zu stellen, ohne sie zu hierarchisieren, ohne eine Erzählerstimme, die alles ordnet und deutet – das ist radikal modern. Es erinnert an dokumentarische Formen, an Collagen, an Strategien, die wir heute in Film und Literatur wiederfinden.

    Und inhaltlich: Die Frage, wie eine Gesellschaft mit ihren Ausgeschlossenen umgeht, mit denen, die nicht ins Bild passen, die politisch unbequem sind, die ökonomisch abgehängt werden – diese Frage ist nicht verschwunden. Hikmets Menschenlandschaften ist ein Versuch, diesen Menschen eine Stimme zu geben, sie sichtbar zu machen, ohne sie zu idealisieren oder zu viktimisieren. Sie sind da, mit ihren Widersprüchen, ihren Hoffnungen, ihrer Gewalt, ihrer Zärtlichkeit.

    Nach den ersten Seiten

    Nach den ersten Seiten bleibt bei mir vor allem ein Eindruck: die Dichte. Hikmet lässt keine Luft, kein elegantes Gleiten über die Oberfläche. Sein Text verlangt Aufmerksamkeit, er zieht einen hinein in die Enge des Zugabteils, in die Hitze, den Lärm, die Erschöpfung. Man liest nicht über diese Menschen, man sitzt neben ihnen.

    Ob das Werk zu denen gehört, die man durchhalten muss, oder zu denen, die einen mitreißen – das wird sich zeigen. Aber es gehört definitiv zu denen, die man (ich) nicht vergessen sollte. Auch wenn sie im Regal verstauben.

  • Volkmar Mühleis – VON EINEM BUCH  ZUM ANDERN  WANDERN

    Volkmar Mühleis – VON EINEM BUCH ZUM ANDERN WANDERN

    Erschienen ist dieses Gedicht im Literaturmagazin WORTSCHAU # 44 – Selbstgespräche. Hier abgebildet mit freundlicher Genehmigung des Autors. – Ich habe ein anderes Lesen gelernt – eines, das nicht wandert, sondern arbeitet. Daraus ist dieses Antwortgedicht entstanden.

    Volkmar Mühleis (Jg. 1972) unterrichtet Philosophie und Ästhetik an der LUCA School of Arts in Brüssel und Gent. Er ist unter anderem Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik und der Gesellschaft für interkulturelle Philosophie. Als Autor und Musiker veröffentlicht er philosophische wie künstlerische Arbeiten.
    Als Autor hat er Gedichtbände wie Das Recht des Schwächeren und Fête de la Musique vorgelegt, dazu Prosa und Essays – etwa das Brüsseler Tagebuch sowie die Novellen Wasserzeichen und Das Begräbnis des Philosophen. Als Musiker ist er in Projekten wie dem Kollektiv Brussels Cleaning Masters und dem Elektro-Pop-Duo mein Bruder Karin aktiv. Zur Website des Autors.

    • Ob Irgendwas

      Ob Irgendwas

      Von Holzarbeitern stehengelassen verharrt ein Baumrest auf der Lichtung. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Der Blick vom Moos in Schulterhöhe hin zu den Verwerfungen — ein Gesicht, das bekannt erscheint. Blicke in alle Richtungen. Ob ein Tier. Ob irgendetwas. Dieses langsame holzene Zurechtrücken im Dunkeln. Weitere Lyrik

    • trübe

      trübe

      es ist als trüge sieden schönsten dunkelgrauenhosenanzugschlagbaumin den taschen und ich bleibe weiß hände in bewegungdas dunkle trübt sich Dieses Gedicht ist entstanden, weil ich mich verlesen hatte. Das Aquarell folgte beim Versuch, das Trüben des Dunkelgrau zu sehen.

    • Elisabeth Borchers – Märchen

      Elisabeth Borchers – Märchen

      Jemand hat den Titel dieses Gedicht auf eine leere Seite geschrieben. Mit Bleistift, inkl. Seitenzahl. Das Buch – eine Jubiläumsausgabe von Elisabeth Borchers, erschienen zu ihrem 75. Geburtstag, gesammelt unter dem Titel Alles redet, schweigt und ruft – kam aus einem Antiquariat zu mir. Wessen Hand das war, weiß ich nicht. Aber die Geste hat…

    • Ein Paradies, das sich datieren lässt

      Ein Paradies, das sich datieren lässt

      Zu Elisabeth Borchers‘ Gedicht – und was passiert, wenn ein Wort hinzukommt | Elisabeth Borchers, 1926 in Homberg am Rhein geboren, gehört zu den Lyrikerinnen, die man im deutschsprachigen Raum kennt, ohne dass man immer sagen könnte, warum. Sie hat Kinderbücher geschrieben, Gedichte, sie war lange Lektorin bei Suhrkamp. Ein Name. Vielleicht eine Assoziation: sorgfältig,…

    • Volkmar Mühleis – VON EINEM BUCH  ZUM ANDERN  WANDERN

      Volkmar Mühleis – VON EINEM BUCH ZUM ANDERN WANDERN

      VON EINEM BUCH ZUM ANDERN WANDERN hunderte von Seiten lang durch die Pariser Vorstädte zurück in Büchners Zeit über Gedichte hinter dem Eisernen Vorhang mitten durch ein Ideen-Gewimmel aus Reiselust einen Blick auf Rom werfen, um wieder bei einer Tasse Tee den Vögeln zu lauschen, Nachbarn in ihrem Kommen und Gehen, auf dem Sofa, das…

    • Von einem Buch zum andern übersetzen

      Von einem Buch zum andern übersetzen

      Ein Dank an Volkmar Mühleis für die Inspiration – Gelesen habe ich sein Gedicht „Von einem Buch zum andern wandern“ in Ausgabe 44 der WORTSCHAU. Es beschreibt Lesen als müheloses Bewegen durch Welten, als Genuss auf dem Sofa, das einem die Welt bedeutet. Ich habe ein anderes Lesen gelernt – eines, das nicht wandert, sondern…

    • Sirius / Hundstage

      Sirius / Hundstage

      1 069 000 Sonnenweiten entferntstrahlt er, der hellste Sternim Sternbild des großen Hundes.16,9 Jahre braucht sein Lichtbis hierher. Vierzehn Sonnenließen sich aus seiner Masse formen. Die Ägypter warteten auf ihn,ungeduldig, denn sein Erscheinenin der Morgendämmerung bedeutete:der Nil wird steigen, der Segen kommt. In Griechenland bezeichnetesein Wiederauftauchen am Osthimmeldie Opora – Obst und Wein reiften,doch Hippokrates…

    • Wisława Szymborska – Die Gedichte

      Wisława Szymborska – Die Gedichte

      „… Um die Dichter steht es schlechter. Ihre Arbeit ist hoffnungslos unfotogen. Da sitzt jemand am Tisch oder liegt auf dem Sofa, starrt unablässig an die Wand oder die Decke, schreibt von Zeit zu Zeit sieben Zeilen, von denen er nach einer Viertelstunde eine streicht, und wieder vergeht eine Stunde, und es geschieht nichts… Welcher…

    • Jane Wels – Lilith

      Jane Wels – Lilith

      Ein Gedicht von Jane Wels – auf Instagram von ihr geteilt – fragt nach einem Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist. Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine, die Widerstand leistet gegen schnelle Antworten. Eine Annäherung. Die naheliegende Versuchung wäre, das Gedicht inhaltlich aufzulösen – aber bei Jane Wels funktioniert der…

    • Am Zweig

      Am Zweig

      Am Zweig die Feder, klein, wiegt sich. Wildschweinschwärze aus dem Erdreich, beißt in die Nase. Mein weißer Hund im Schnee – fast weg. Foto: Oliver Simon

    • Udo Degener – Miklós Radnóti (1909–1944)

      Udo Degener – Miklós Radnóti (1909–1944)

      Wer war Miklós Radnóti. Miklós Radnóti wurde 1909 in Budapest geboren, jüdischer Herkunft, ungarischer Dichter. Er schrieb früh, studierte Literatur, bewegte sich bewusst in der ungarischen Sprach- und Formtradition. In den 1930er Jahren wurde sein Leben zunehmend durch antisemitische Gesetze bestimmt. Er durfte nicht mehr regulär publizieren, wurde zu sogenannten Arbeitsdiensten eingezogen, also Zwangsarbeit ohne…

    • Udo Degener – Meine Gedichte sind

      Udo Degener – Meine Gedichte sind

      Der Text setzt mit einer Wiederholung ein. Jede Zeile beginnt gleich, und doch verschiebt sich der Gegenstand fortlaufend. „Meine Gedichte sind“ markiert keinen festen Besitz, sondern einen Ort, an dem immer wieder neu angesetzt wird. Die Gedichte werden nicht erklärt, sondern in Umlauf gebracht. Zunächst tauchen sie als Material auf: Schreibmaschinenpapier, eine genaue Sorte, versehen…

    • Nathalie Schmid: der geschmack von kartoffeln

      Nathalie Schmid: der geschmack von kartoffeln

      Nathalie Schmids Gedicht „der geschmack von kartoffeln“ porträtiert „einen schlag von frauen“ durch eine Collage körperlicher und alltäglicher Details, die auf den ersten Blick schlicht dokumentarisch wirken. Doch zwischen den Zeilen entfaltet sie eine Dichte, die mich bekümmert: ein Leben, das nur noch rückblickend Bedeutung hat. Verschlossene Innenwelten Die Frauen des Gedichts zeigen sich in…

    • Marina Büttner – Notizen, Selbstgespräche

      Marina Büttner – Notizen, Selbstgespräche

      In der WORTSCHAU #44 bin ich auf ein Selbstgespräch von Marina Büttner gestoßen: „In einem vorherigen Leben war ich eine Reisende.“ Reflektierende Notizen um das Reisen – das innere wie das räumliche, um Bewegung und Stillstand, um Erinnerung und Verlust. Etwas in diesem Satz resonierte, ohne dass ich sofort hätte sagen können, warum. Eine erste…

    • Katia Tangians Barsik

      Katia Tangians Barsik

      Katia Tangians Cover für diese Ausgabe zeigt ein Foto aus den Achtzigern: ein Mann, der grimassiert, im Hintergrund Teile einer Stereoanlage. Ein Schnappschuss, wie es ihn tausendfach gibt. Der Text, der das Bild umfließt, erzählt von Barsik – einem Kater, der in der Nachbarschaft als bösartiges Mistvieh galt und ständig mit den anderen Katern auf…

    • Jane Wels – Bitte versuchen sie, …

      Jane Wels – Bitte versuchen sie, …

      Annähernd gelesen | Zwischen Sprache, Ordnung und AuflösungJane Wels‘ Gedicht „Bitte versuchen Sie,“ ist ein Text über die Unmöglichkeit, gefasst zu werden – und zugleich ein Text, der sich selbst beim Versuch des Fassens beobachtet. Es spielt mit der Spannung zwischen Sprache und Identität, zwischen Ordnung und Auflösung, und ist dabei zugleich selbstreflexiv, ironisch und…

    • Marina Büttner – Jüdischer Friedhof Weißensee

      Marina Büttner – Jüdischer Friedhof Weißensee

      Annähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Gelesen habe…

    • Martin Maurach – Fünf Fragmente, fünf Türen

      Martin Maurach – Fünf Fragmente, fünf Türen

      Martin Maurach: Leben auf Geistes Schneide | Annähernd gelesen Fünf Zeilen die nicht als Gedicht nebeneinander stehen, sondern als ausgewählte Fragmente aus einer größeren Sammlung. Martin Maurach hat mir dankenswerterweise zur Entstehung geschrieben: Die Redaktion der „Konzepte“ hat aus seinen Prosafragmenten diese fünf ausgewählt und montiert. Der Text ist damit weniger als geschlossene Einheit zu…

  • Sike – Kartographie

    Sike – Kartographie

    Kartographie ist die deutsche Erstveröffentlichung der 2019 in Argentinien erschienenen Graphic Novel Cartográfica des Illustrators und Comic-Künstlers Sike (Übersetzung: Lea Hübner, avant-Verlag, 128 Seiten, Hardcover).

    Die Erzählung setzt ein, als ein junger Mann ins Buenos Aires der späten 2010er Jahre kommt – eine Stadt unter Inflationsdruck, geprägt von Protestbewegungen und wachsender sozialer Unsicherheit. Zunächst streift er scheinbar ziellos durch die Straßen, ohne Plan. Die Wanderung entpuppt sich jedoch als Suche nach Orientierung: der Wunsch, Koordinaten zu finden, die ihm helfen könnten, ein Leben zu strukturieren und einen Platz in der urbanen Gesellschaft zu besetzen.

    Cover Sike – Kartographie – avant-verlag

    Der Protagonist bleibt dabei konturenlos – kein psychologisches Porträt, sondern Wahrnehmungsinstanz. Er trifft Freunde, wird Teil sozialer Proteste, erlebt staatliche Gewalt gegen Demonstrierende, ist Zeuge, wie urbane Räume zu Konfliktzonen werden. Diese Erlebnisse sind als narrative Knotenpunkte angelegt: sie verbinden das Individuum mit gesellschaftlichen Phänomenen – Stadtplanung, digitale Überwachung, Cyberimplantate – und verknüpfen die innere Suche nach Orientierung mit der Materialität und Struktur der Stadt.

    Buenos Aires fungiert nicht als Kulisse, sondern als lebendiger Organismus. Sike verortet die Handlung konkret: Viertel wie Abasto, Balvanera, Recoleta werden benannt, Orte wie Catalinas Sur und La Plata erscheinen. Das Straßengeflecht wird zur zweiten Haut der Hauptfigur. Die Stadt spiegelt topografische Komplexität ebenso wie soziale Beziehungen, politische Spannungen und psychische Zustände. Das urbane Gelände wird zur Metapher für innere und äußere Suchbewegungen.

    Sike nähert sich den Themen – Identität, Zugehörigkeit, politische Mobilisierung, Überwachung – nicht über klassische Handlungsführung, sondern durch erzählerische Fragmente, essayistische Passagen und experimentelle Bildsequenzen. Traditionelle Panel-Layouts werden gesprengt. Die Panels wirken wie übereinandergelegte Schablonen, oft randlos, manchmal flächig wie Scherenschnitte. Formen überlagern sich, Konturen verschieben sich. Die Bildsprache wechselt zwischen dokumentarischer Genauigkeit und subjektiver Erinnerung – als würde der Protagonist seine eigene Landkarte der Stadt in Echtzeit erstellen.

    Im Fokus stehen nicht nur geografische Karten, sondern auch metaphorische „Karten“ persönlicher Erlebnisse und sozialer Beziehungsnetzwerke. Elemente wie digitale Überwachung, politische Mobilisierung, Polizeigewalt oder Cybertechnologien werden ohne futuristische Überhöhung beschrieben – sie erscheinen als gegenwärtige gesellschaftliche Bedingungen, die bereits Teil des Alltags sind.

    Kartographie ist autofiktional: eine Mischung aus eigenen Erfahrungen des Künstlers und Erlebnissen aus seinem Umfeld. Sike, der aus Illustration und Animation kommt und Erfahrung mit Straßenausstellungen und besetzten Häusern hat, verknüpft das Politische (Hausbesetzungen, Polizeigewalt, prekäre Arbeitsverhältnisse) mit dem Persönlichen (Freundschaft, Sex, Trauer, Ungewissheit). Das Buch ist kein klassischer Coming-of-Age-Comic, sondern ein soziokulturelles Porträt einer Generation, die sich in urbanen Räumen orientieren muss – inmitten politischer Unruhen und wirtschaftlicher Unsicherheit.

    2022 wurde Cartográfica beim argentinischen Festival Crack, Bang, Boom! in der Kategorie „Bestes Werk für Erwachsene“ ausgezeichnet. Die deutsche Fassung wird als literarisch und stilistisch herausfordernd beschrieben – ein essayistisches urbanes Erkundungsprojekt in Bild und Text für Leser, die an komplexen Verknüpfungen von persönlicher Identität, sozialer Dynamik und städtischer Topografie interessiert sind.

    Kartographie
    Text & Zeichnungen: Sike
    Übersetzung aus dem argentinischen Spanisch von Lea Hübner
    avant-verlag
    Veröffentlichung: Dezember 2024
    128 Seiten, Hardcover
    19 x 27 cm, Sonderfarben
    ISBN: 978-3-96445-126-2

  • Zwei Wege, Atlantis zu lesen? Wisława Szymborska trifft Nathalie Schmid

    Zwei Wege, Atlantis zu lesen? Wisława Szymborska trifft Nathalie Schmid

    Atlantis ist einer dieser Orte, die weniger durch Geografie existieren als durch Sprache. Je mehr über ihn gesprochen wurde, desto unauffindbarer wurde er. In der Lyrik taucht Atlantis deshalb selten als Schauplatz auf, sondern als Denkbewegung: als Frage nach Ort, Gewissheit und Verortung überhaupt.

    Zwei Gedichte – eines von Wisława Szymborska (Atlantis), eines von Nathalie Schmid (es ist alles…) – lassen sich unter diesem Fokus miteinander lesen, obwohl sie sehr unterschiedliche poetische Wege gehen. Gerade darin liegt für mich ihre produktive Spannung.

    Szymborskas Gedicht Atlantis zeigt keinen Ort, sondern einen Diskurs. Jede Aussage wird sofort relativiert, jede Behauptung durch eine Gegenbehauptung begleitet. „Sieben Städte gab’s. / Ist das sicher?“ – Geschichte erscheint hier nicht als Überlieferung von Fakten, sondern als fortlaufendes Hin und Her zwischen Wissen, Zweifel und Vermutung. Atlantis existiert nur in diesem Schwebezustand. Es ist kein versunkener Kontinent, sondern ein Effekt des Sprechens über etwas Unbeweisbares.

    Auffällig ist, dass das Gedicht nicht versucht, den Mythos zu entlarven oder zu bestätigen. Es baut vielmehr eine Bühne, auf der Behauptung und Rücknahme gleichzeitig stattfinden. Katastrophen werden genannt und sofort wieder negiert, Stimmen tauchen auf und verschwinden. Was bleibt, ist eine poetische Leerstelle: kein Mangel, sondern ein Zustand permanenter Unsicherheit. Atlantis wird hier nicht gesucht, sondern verfehlt – und genau dieses Verfehlen ist der eigentliche Gegenstand des Gedichts.

    Atlantis - Szymborska - Schmid
    Stempeldruck – Oliver Simon

    Ganz anders verfährt Nathalie Schmid in ihrem Gedicht es ist alles…, das im Kontext der Sammlung Atlantis lokalisieren steht. Hier gibt es keine Zweifel, keine Rückfragen, keine diskursiven Brüche. Der Text setzt mit einer klaren Behauptung ein: „es ist alles schon in mir / wonach ich suche“. Die Suche ist beendet. (Bevor sie beginnt?) Der Ort ist nicht verloren, sondern bereits vorhanden.

    Die Bilder, die folgen, sind elementar und produktiv: Erde, Felder, Regen, Tag, Nacht. Sie beschreiben keine mythische Stadt, sondern eine innere Landschaft. Atlantis wird nicht benannt, sondern verkörpert. Es erscheint als Zustand des Daseins, nicht als historisches Rätsel. Auch hier gibt es Bewegung – etwa im Schlussbild der Nacht, die „an unbekannte ufer“ fließt –, doch diese Ungewissheit wird nicht problematisiert. Sie ist Teil eines fortdauernden inneren Prozesses, kein Anlass für Zweifel.

    Liest man beide Gedichte zusammen, entsteht kein einheitliches Atlantis-Bild, sondern ein Spannungsfeld. Szymborskas Text zeigt, was geschieht, wenn Atlantis ausschließlich im Außen gesucht wird: Es zerfällt im Sprechen darüber. Schmids Gedicht zeigt eine Gegenbewegung: Die Lokalisierung erfolgt nach innen, jenseits von Beweisfragen und Überlieferung.

    Atlantis erscheint so einmal als Ort der Sprache und einmal als Ort des Seins. Einmal als vibrierender Gedanke, der sich jeder Festlegung entzieht, einmal als innere Gewissheit, die keiner Bestätigung bedarf. Beide Texte antworten auf dieselbe Leerstelle – aber in entgegengesetzter Richtung.

    Gerade diese Differenz macht sie – in meiner Lesart – anschlussfähig füreinander. Nicht als Varianten desselben Mythos, sondern als zwei poetische Strategien im Umgang mit dem Unverortbaren. Atlantis ist hier weder versunken noch gefunden. Es ist eine Bewegung zwischen Zweifel und Gegenwart, zwischen Diskurs und Erfahrung. Und vielleicht liegt genau darin seine anhaltende literarische Erzählkraft.

    Ich beziehe mich auf:
    Wisława Szymborska – Die Gedichte und Nathalie Schmid – Atlantis lokalisieren (Neuauflage 2026)
    Nathalie Schmids Gedicht habe ich diverse Male gelesen. Hier habe ich meine erste Wahrnehmung festgehalten.

  • Jane Wels – Lilith

    Jane Wels – Lilith

    Ein Gedicht von Jane Wels – auf Instagram von ihr geteilt – fragt nach einem Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist. Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine, die Widerstand leistet gegen schnelle Antworten. Eine Annäherung.

    Die naheliegende Versuchung wäre, das Gedicht inhaltlich aufzulösen – aber bei Jane Wels funktioniert der Text eher als Denk- und Wahrnehmungsraum denn als verschlüsselte Botschaft. Die Frage ist nicht: Was will sie sagen? Sondern: Welche Spannung richtet sie ein? Welche Erfahrung wird verhandelt?

    Gleichzeitigkeit statt Überlagerung

    Der Einstieg ist körperlich und irdisch: Ruß, Schritte. Etwas setzt sich ab, verschmutzt Bewegung, Erinnerung, Alltag. Gleichzeitig dringt eine Nachricht aus maximaler Ferne herein: Curiosity fährt über den Mars.

    Zunächst scheint das eine Überlagerung zu sein – das Private hier, das Ferne dort, eine fragmentierte Welt. Aber bei genauerer Betrachtung: Beides geschieht im selben Moment der Wahrnehmung. Das Subjekt ist nicht zwischen zwei Polen aufgeteilt, sondern immer schon an mehreren Orten zugleich. Das ist keine technisch vermittelte Erfahrung mehr, die von außen kommt – das ist Erfahrung heute. Keine Überlagerung, sondern Untrennbarkeit.

    Tarnung als Strategie, nicht nur als Bedrohung

    Die Knochensammlerraupe im Tarngewand evoziert etwas Archaisches, etwas Ungreifbares. Zunächst liegt es nahe, hier eine existenzielle Bedrohungslage zu sehen – Leben, das sich verdeckt, verwertet, sammelt. Etwas Apokalyptisches, das operiert, ohne sich zu zeigen.

    Aber diese Raupe trägt ihr Tarngewand. Sie passt sich an, sie behauptet sich. Das ist nicht nur unheimlich – das ist auch eine Überlebensstrategie, eine Form organischer Selbstbehauptung. Die Raupe sammelt, verwertet – aber sie lebt auch. Das Gedicht lässt offen, ob hier Gefahr liegt oder Möglichkeit. Warum sollten wir es vorschnell schließen?

    Ein Raum, in dem Sprache nicht gefüllt ist

    Der eigentliche Kern liegt im langen Fragesatz:

    „gibt es ein vages Terrain, einen leeren Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist“

    Das ist eine poetologische Frage, aber auch eine psychische. Gesucht wird ein Ort für das Unsortierbare: Gerümpel in der Herzkammer, Nachtsänger, Dichteschwankung, Schaum.

    Zunächst scheint das eine Klage zu sein über Sprache als Überfüllung, als etwas, das Erfahrungen zudeckt, festlegt, kolonisiert. Eine Erschöpfung angesichts totaler Kommunikation, Erklärung, Diskursivität.

    Aber die Formulierung ist spezifischer: einen leeren Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist. Das heißt nicht: Es gibt zu viele Worte. Sondern: Kann Sprache selbst leer bleiben? Kann sie existieren, ohne sofort gefüllt zu werden?

    Das ist keine Erschöpfung an Sprache – sondern eine Frage nach einer anderen Möglichkeit von Sprache. Nach einem Raum, in dem Sprache nicht identisch ist mit Bedeutung.

    Der Void im Irdischen

    Der Begriff Void ist entscheidend: nicht einfach Leere, sondern ein offener, nicht besetzter Raum. Die Frage lautet: Gibt es in dieser Welt noch einen Ort, der nicht sofort benannt, verwertet, semantisch geschlossen wird?

    Lilith – keine Flucht, sondern eine Frage

    Der Schluss kippt ins Mythische:

    „oder flieh ich zu den Wüstenhunden, eine Lilith, die bellt.“

    Zunächst scheint das eine Fluchtfigur zu sein: Lilith steht für das Ausgestoßene, das Unangepasste, weibliche Autonomie jenseits der Ordnung. Dass sie bellt, nicht spricht, wirkt wie eine Absage an artikulierte Sprache zugunsten eines archaischen, körperlichen Lauts. Eine Bewegung raus aus der Überfüllung, raus aus der Ordnung.

    Aber das Gedicht fragt: „oder flieh ich?“ Das ist noch keine vollzogene Bewegung. Es ist eine mögliche Geste, die sich selbst befragt. Und dass Lilith bellt, muss nicht Absage heißen – es könnte auch Erweiterung sein. Ein Laut, der mehr ist als Wort, aber nicht weniger als Sprache.

    Denkbewegung statt Festlegung

    Das Gedicht verhandelt die Möglichkeit eines nicht besetzten Raums – aber es behauptet nicht, dass es ihn geben muss. Es stellt keine Sehnsucht aus, es verkündet kein Programm. Es beobachtet, es tastet ab, es fragt.

    Es zwingt zur Korrektur, zur Verlangsamung. Das ist keine Schwäche der Lektüre, sondern Teil dessen, was der Text tut: Er entzieht sich der schnellen Festlegung. Die Denkbewegung, die er erzeugt, ist selbst schon der gesuchte Raum – ein Terrain, in dem Sprache noch nicht mit Worten angefüllt ist.

    Zu lesen ist das Gedicht bei mosaik – Zeitschrift für Literatur und Kultur unter „freiVERS“
    Der Instagram-Account der Autorin
    Alternativ hier: Elektrische Fische
    Der Lyrik-Erker
    Am Erker Nr. 89
    Zeitschrift für Literatur
    Daedalus Verlag @daedalusverlag
    9 783891 261095

  • Udo Degener – Meine Gedichte sind

    Udo Degener – Meine Gedichte sind

    Der Text setzt mit einer Wiederholung ein. Jede Zeile beginnt gleich, und doch verschiebt sich der Gegenstand fortlaufend. „Meine Gedichte sind“ markiert keinen festen Besitz, sondern einen Ort, an dem immer wieder neu angesetzt wird. Die Gedichte werden nicht erklärt, sondern in Umlauf gebracht.

    Zunächst tauchen sie als Material auf: Schreibmaschinenpapier, eine genaue Sorte, versehen mit einer Zweckbezeichnung. Papier erscheint nicht neutral, sondern als Verbrauchsgut. Gedichte entstehen auf etwas, das für Bedarf gedacht ist, nicht für Dauer.

    Es folgt ein Wechsel ins Alltägliche. „Kühles Bier nach Kalk & Stein“ stellt Erleichterung neben Anstrengung. Die Gedichte stehen hier nicht für Arbeit, sondern für den Moment danach. Keine Steigerung, keine Verklärung, eher ein Zustand.

    Mit „Hase & Igel“ rückt Zeit ins Gedicht. Die Gedichte sind „schon lange da“. Nicht als Neuheit, sondern als Vorhandenes. Sie kommen nicht an, sie warten.

    Der Text verschiebt sich weiter in Richtung Markt und Verfügbarkeit. Die Gedichte sind nicht im Delikat-Buchladen erhältlich, sie liegen als kleine Bestände im Warenlager der Poesie. Der Ort ist kein Schaufenster, sondern ein Lager. Sichtbarkeit wird gegen Vorhandensein getauscht.

    Udo Degener - Meine Gedichte sind
    Udo Degener – Meine Gedichte sind – Den Text bewegend gemalt.

    Dann taucht Widmung auf, aber ohne Festlegung. „Immer meiner letzten Liebe gewidmet“ bleibt beweglich. Die letzte Liebe ist kein Name, kein Zustand, sondern ein wechselnder Bezugspunkt.

    Mit Unkraut erscheint Widerstand. Nicht im heroischen Sinn, sondern als Hartnäckigkeit. Etwas wächst weiter, auch ohne Einladung. Grenzenlosigkeit folgt, ohne Pathos, eher als offene Fläche.

    Die Gedichte werden zu Versuchen gegen Sprachlosigkeit. Kein Anspruch auf Lösung, nur auf Bewegung. Danach reisen sie per Anhalter im Kopf. Kein fester Transportweg, kein Ziel, nur Mitnahme.

    Kurz darauf öffnen die Gedichte den Mund. Wer spricht, bleibt offen. Am Ende zieht sich der Besitz zurück. „Meine Gedichte sind nur manchmal meine Gedichte.“ Der Satz kippt die gesamte Abfolge. Was vorher benannt wurde, bleibt bestehen, aber ohne eindeutigen Eigentümer.

    Der Text endet nicht mit einer Zusammenfassung, sondern mit einer Lockerung. Was als „meine Gedichte“ begann, steht am Schluss frei im Raum. Der Autor bleibt anwesend, aber nicht zuständig.

  • Elisabeth Wesuls – Geschichte

    Elisabeth Wesuls – Geschichte

    Tarnung, Enttarnung und das Unheimliche der Kontinuität.
    Annähernd gelesen | Beim ersten Lesen von Elisabeth Wesuls Miniatur gibt es diesen Moment des Innehaltens. Fast eine Schrecksekunde. Nicht wegen der historischen Kulisse, nicht wegen der Ideologie. Sondern wegen eines Namens.

    Zunächst bleibt alles im Bereich des Hörensagens. „Man erzählt“, „manche sagen“, „die Leute, die das erzählen“. Die Figur erscheint als Dorfbekannte, als Randexistenz: ein „gutmütiger Irrer“, der nebenherläuft, während andere in Reih und Glied auftreten. Erst dann fällt ein Name: Christian.
    In diesem Moment kippt das Erzählen. Aus einer Figur wird ein Mensch. Und genau das wirkt wie ein Enttarnen.

    Der Text beginnt mit Meißen, „in den dreißiger Jahren“. Sofort folgt die Relativierung: „man erzählt diese Geschichte aber auch von anderen Städtchen, so muss sie wohl wahr sein“. Das Konkrete wird im selben Atemzug verallgemeinert. Es könnte überall gewesen sein. Oder nirgendwo. Diese Bewegung – erst festlegen, dann verwischen – zieht sich durch den ganzen Text. Sie ist keine Unsicherheit, sondern Methode. So funktioniert mündliches Erzählen, das sich absichert, das nicht zu genau werden will.

    Christian tanzt, hüpft, pfeift. Er läuft neben den Zügen her. „Braune oder Schwarze, akkurat rasiert, dampfend, jedenfalls ernst“ – und daneben, mit schräg gelegtem Kopf, diese Figur, die nicht ernst ist, nicht akkurat, nicht dampfend. Die Formulierung „was sich die Kinder nicht trauten“ legt nahe: Das, was Christian tut, wäre eigentlich kindlich. Spielerisch. Aber die Kinder wagen es nicht. Nur er, der „gutmütige Irre“, hat diese Freiheit.

    Oder wird sie ihm zugeschrieben?

    Auffällig ist, wie die Erzählweise diese Figur fortwährend durch Abschwächungen, Korrekturen, Zweifel relativiert: „Gutmütig“, „übertrieben“, „weniger glaubhaft“. Als müsse man sich absichern. Als dürfe man diesen Menschen nicht zu ernst nehmen. Vielleicht, weil er zu viel sichtbar macht.

    Selbst die Requisiten werden korrigiert – „eine Kindertrommel“, nein, „das scheint übertrieben“, besser „ein Fähnchen“. Als sei eine Trommel zu laut, zu präsent. Als müsse man zurücknehmen, was gerade erst behauptet wurde. Diese Gesten der Verkleinerung gehören zur Erzähltradition, gewiss – mündliches Weitergeben sichert sich ab, relativiert. Aber hier wirkt es wie eine Schutzgeste.

    Elisabeth Wesuls - Geschichte - Blassgrau wie Tauben
    Daneben.
    Illustration im Nachdenken über Elisabeth Wesuls Miniatur „Geschichte“.

    Christian ist der, der nicht Teil der Formation ist und dennoch präsent. Der sich dem Gleichschritt entzieht, ohne offen zu opponieren. Der auffällt, aber nicht zählt. Und genau darin liegt seine Irritation.

    Die Frage nach der Narrenfreiheit drängt sich auf. Der Hofnarr durfte sagen, was andere nicht durften, weil man ihm Verstand absprach. Christian wird nicht ernst genommen, also darf er danebenlaufen. Aber es gibt eine Leerstelle im Text, die nicht zu überlesen ist: „Nach Fünfundvierzig – hier wird es weniger glaubhaft, wie soll einer wie Christian denen entgangen sein“.

    Der Text weiß, was er verschweigt. Er weiß, dass Menschen wie Christian in den „Euthanasie“-Programmen ermordet wurden. Dass sein Überleben unwahrscheinlich ist. Und er erzählt trotzdem weiter. „Aber vielleicht ist er doch nicht so irr gewesen“ – eine nachgeschobene Rationalisierung, die das Unwahrscheinliche wahrscheinlich machen soll. Oder: „und selbst wenn er ihnen nicht entkommen wäre, so wird die Geschichte doch so erzählt“.

    Dieser Satz ist bemerkenswert. Die Legende setzt sich gegen die Wahrscheinlichkeit durch. Nicht weil man es nicht besser wüsste, sondern weil man die Geschichte so braucht. Als Gegenbild. Als Möglichkeit. Als etwas, das hätte sein sollen.

    Nach 1945 läuft Christian wieder daneben. Diesmal bei den Umzügen zum 1. Mai. Dieser Feiertag ist genau gewählt: Von den Nationalsozialisten als „Tag der Arbeit“ vereinnahmt, in der DDR Staatsfeiertag. Die Farben wechseln – von Braun und Schwarz zu Rot –, die Choreographie bleibt. Christian pfeift, dreht eine Schnarre. Er ist wieder daneben.

    „Nebenher“, „nebenbergelaufen“, „neben dem Zug“ – diese räumliche Position ist präzise. Nie „dazwischen“, nie „dagegen“. Eine dritte Möglichkeit, die eigentlich keine sein dürfte. Wer nicht marschiert, müsste opponieren. Wer opponiert, ist gefährlich. Christian ist aber harmlos. Also läuft er daneben, in einem Raum, den es eigentlich nicht gibt.

    Mit dem Wissen um die DDR-Herkunft der Autorin schiebt sich eine weitere Lesart ins Bild, ohne zur Deutung festgeschrieben zu werden: die Figur des scheinbar Harmlosen, der geduldet wird, weil man ihn unterschätzt. Einer, der durch seine Randposition sehen kann, was andere im Kollektiv nicht sehen wollen. Narr, Mitläufer, Maskenträger, Beobachter – der Text lässt diese Möglichkeiten offen.

    Entscheidend ist weniger, wer Christian wirklich ist, als wie über ihn gesprochen wird. Die Erzähler relativieren, zweifeln, korrigieren sich selbst. Sie wissen um die Wiederholung und scheinen sie zugleich kleinreden zu wollen.

    Der entscheidende Ton liegt im letzten Satz: „Die Leute, die das erzählen, sie sagen es härmisch: auch, wie damals, genauso, und: wieder. Als ob niemand nichts gelernt hätte.“

    „Härmisch“ – ein Wort, das Bitterkeit enthält, aber auch eine gewisse Genugtuung. Es ist der Tonfall derer, die sagen: „Seht ihr, hat sich nichts geändert.“ Ein Tonfall, der anklagt, aber auch entlastet. Wenn sich nichts ändert, muss man selbst nichts ändern. Wenn alles „wieder“ so ist, war man vielleicht nicht schuld. Das „wieder“ wird zur Ausrede.

    Und dann die doppelte Negation: „Als ob niemand nichts gelernt hätte.“ Keine klare Anklage, eher ein sprachliches Stocken. Ein Satz, der selbst nicht glatt marschiert.

    Vielleicht geht es in dieser Miniatur nicht um einen Einzelnen, sondern um das Bedürfnis, Kontinuitäten unsichtbar zu machen. Und um die beunruhigende Erkenntnis, dass das Danebenlaufen manchmal mehr sagt als jedes Mitgehen.

    Der Name Christian könnte eine religiöse Spur legen. Einer, der leidet. Der nicht passt. Der überleben müsste, aber eigentlich nicht kann. Aber der Text gibt dieser Deutung keinen Raum. Vielleicht ist das selbst die Aussage: dass hier kein Erlöser kommt, keine Transzendenz. Nur ein Mensch, der daneben läuft.

    Was bleibt, ist dieses Bild. Jemand, der neben dem Zug herläuft. Mal mit Fähnchen, mal mit Schnarre. Die Farben wechseln, die Geste bleibt. Und die Frage, ob dieses Danebenlaufen Widerstand ist oder Kapitulation. Freiheit oder Zuschreibung. Ob es Christian gibt oder ob wir ihn brauchen, um uns selbst nicht anschauen zu müssen.

    Ein tastendes Lesen bleibt. Mit Fragen. Und mit dem Gefühl, dass dieses Danebenlaufen nicht harmlos ist. Sondern notwendig. Oder unerträglich. Oder beides.

    Geschichte ist eine Miniatur von Elisabeth Wesuls
    Erschienen in:
    Blassgrau wie Tauben | Miniaturen von 1979 bis 2022
    Mit 8 Zeichnungen von Sabine Peuckert
    Molokko Print 166 | 2023
    ISBN 978-3-948750-71-8

  • Michael Krüger – 02. Mai 2025

    Michael Krüger – 02. Mai 2025

    Warum müssen Tiere immer für uns herhalten? Michael Krüger hat in die horen #299 ein neues Gedicht veröffentlicht (datiert/betitelt 2. Mai 2025), und ich hab mich beim Lesen gefragt: Schwalben, Kuckuck, Gras, Wiese – sind das wieder Metaphern für Menschliches? Müssen die wirklich immer für was herhalten, womit sie nichts zu tun haben?

    Ja und nein. Die sind hier ziemlich eindeutig Stellvertreter für Menschliches. Aber nicht im Sinne von „Tier = Mensch“, sondern als Kontrastfläche. Und genau da steckt schon eine Antwort auf die Frage.

    Was passiert im Gedicht?

    „Kaum sind die Schwalben zurück …“ Das Gedicht ist auf den 2. Mai datiert – mitten im Frühling, ein neuer Zyklus. Die Schwalben sind gerade erst angekommen, die Natur startet durch, legt die Grundlage für Wachstum und Ernte. Klassischer Neuanfang. Und kaum ist dieser Neuanfang da, kaum beginnt der Zyklus, geht beim Menschen sofort das alte Gezänk los: Wahrheit, Wirklichkeit, alte Rechnungen, alte Leute („alte Schachteln“ ist böse, aber bewusst böse). Die Natur macht neu. Wir Menschen schaffen es nicht.

    Michael Krüger 02 Mai 2025 die horen 299
    Michael Krüger 02 Mai 2025 die horen 299 – Stempeldruck: Oliver Simon

    „Gezeter … Austausch von guten Gründen“ Das klingt wie eine politische Talkshow nach dem dritten Glas Wein. Alle reden von Vernunft, aber es ist Lärm. Argumente werden gehandelt wie Münzen, nicht gelebt.

    „Noch fehlt der Kuckuck.“ Der Kuckuck ist der Störer, der Fremde, der seine Eier in fremde Nester legt. Er kommt noch. Heißt: Das Schlimmste steht noch aus. Oder: Der eigentliche Wahnsinn ist noch nicht mal da, obwohl es schon unerträglich laut ist.

    „Ob das Gras sich ekelt …“ Jetzt wird es bitter. Gras als unschuldiger Zeuge. Es wächst einfach, egal wo. Aber hier ist der Boden verseucht durch Geschichte. Das Gras hat kein moralisches Bewusstsein, keine Wahl, kein „Ekel“. Der Mensch schon.

    „Der Todesmarsch ging über diese Wiese“ – das meint vermutlich die historischen Todesmärsche 1945, aber es schwingt beides mit: die konkrete Gewalt damals und die Last, die bis heute auf diesem Ort liegt. Kein Symbol mehr, blanke Geschichte. Die Natur wächst weiter, aber sie weiß nichts davon. Der Mensch weiß es und lebt trotzdem weiter. Genau das ist der Schmerzpunkt.

    „Ein Mensch kann ein Wesen sein, das sich erinnert“ Das ist weder Lob noch Vorwurf. Das ist Ausstattung. Der Mensch kann sich erinnern – ob er will oder nicht. Erinnern heißt hier: mit etwas leben müssen, das sich nicht auflöst, nicht aufgeht, nicht verschwindet. Erinnerung als Last, nicht als Tugend.“

    Warum also immer Tier und Natur?

    Weil sie das nicht können, was wir können: nicht erinnern, nicht verdrängen, nicht lügen, nicht diskutieren, nicht rechtfertigen.

    Natur ist unschuldig. Und gerade deshalb eignet sie sich perfekt, um menschliche Schuld sichtbar zu machen. Nicht weil sie „für etwas herhalten soll“, sondern weil sie nicht mitmacht. Sie widerspricht nicht. Sie klagt nicht. Sie wächst einfach weiter. Und genau das ist unerträglich.

    Krüger benutzt die Tiere nicht, um sie zu vermenschlichen, sondern um den Menschen bloßzustellen. Neben Schwalben, Gras und Kuckuck wirkt das menschliche Gerede klein, laut und unerquicklich.

    Wenn man es ganz unromantisch sagen will: Die Natur ist hier kein Symbol. Sie ist der Maßstab. Und wir fallen durch.

    Wie würde dieses Gedicht aus Sicht der Natur klingen?

    Ich hab mich das gefragt beim Lesen. Wie sähe dieses Gedicht aus, wenn Flora und Fauna es erzählen würden? Wahrscheinlich so nüchtern, dass der Mensch irritiert wäre über die eigene Banalität. Auch im Bösen.

    Denn für die Natur vollzieht sich ständig etwas. Nur eben nichts Symbolisches.

    Das Gras bricht, knickt um, wenn man drauftritt, wächst nach. Die Schwalben kommen, richten sich ein, paaren sich, schaffen neues Leben. Der Marsch über die Wiese: Verdichtung, Abrieb, dann Regen, dann Wiederaufwuchs. Spuren existieren, aber zeitlich begrenzt.

    Aus Sicht der Natur wäre die Perspektive nicht leer, sondern voll – nur anders gefüllt:

    • kein Erzählen, sondern Abläufe
    • kein Erinnern, sondern Wiederholungen
    • kein „miteinander reden“, sondern ein „ineinander greifen“

    Aber: Das ist schon wieder menschlich gedacht. Um diese Perspektive wirklich einzunehmen, müssten wir den menschlichen Sprachraum verlassen. Nicht als Nutzer der Natur, sondern als Teil davon – bestrebt zu lernen, Teil des ineinander Greifens zu sein. Nicht, dass wir das nicht eh sind. Aber wir verleugnen es immer und immer wieder. Aus Eigennutz.

    Ich weiß also nicht, wie dieses Gedicht aus der Perspektive der Natur klingen würde. Der Versuch es festzuhalten kann nur eine Annäherung sein. Und vielleicht ist genau das der Punkt: Dass Krügers Gedicht uns in diese Falle laufen lässt. Wir wollen die Perspektive der Natur einnehmen, wir wollen verstehen, wie es ist, einfach zu wachsen, zu kommen, zu sein – aber wir können nicht. Wir bleiben im Gezeter stecken.

    Und genau da wird das Gedicht so scharf: Es zeigt das menschliche Gezeter über Wahrheit und Wirklichkeit neben einer Welt, in der Wahrheit gar nicht verhandelt wird, weil alles unmittelbar geschieht.

    Der eigentliche Schmerz: Der Mensch könnte Teil dieses Zyklus sein, entscheidet sich aber immer wieder dafür, Beobachter, Kommentator, Streithansel zu sein. Und wirkt oft genug als Zerstörer.

    Die Natur macht weiter. Nicht menschelnd. Verbindlich.

    Mir bleibt die nüchterne Feststellung: Der Mensch ist das einzige Wesen, das weiß, was war, und trotzdem so tut, als könne man es wegreden.

    Michael Krüger: Neue Gedichte | 2. Mai 2025
    Erschienen in der Ausgabe #299 die horen Über Gewohnheiten wie diese
    Krüger, Jahrgang 1943, war lange Lektor und Verleger bei Hanser, hat selbst Dutzende Gedichtbände veröffentlicht und gehört zu denen, die ohne viel Getöse und präzise beobachten. Seine Lyrik ist sparsam, lakonisch, oft bitter – aber nie laut. Er schreibt, als würde er nebenbei notieren, was ohnehin alle wissen, aber keiner ausspricht.

  • die horen: „Rezept für den täglichen Waldgang“ – Ausgabe 299

    die horen: „Rezept für den täglichen Waldgang“ – Ausgabe 299

    Thema: Über Gewohnheiten wie diese
    Diese Ausgabe widmet sich dem Phänomen der Gewohnheiten im menschlichen Leben. Der Titel stammt von Jürgen Becker, der im November 2024 verstarb und sich zeitlebens intensiv mit Gewohnheiten auseinandersetzte.

    Die Herausgeber Dagmar Fretter und Christof Hamann haben über vierzig Schriftstellerinnen und Schriftsteller nach ihren persönlichen Gewohnheiten befragt. Das Heft untersucht, wie Gewohnheiten sich durch Wiederholung zur „zweiten Natur“ entwickeln und dabei oft unserer bewussten Aufmerksamkeit entgleiten. Zentral ist das Walter Benjamin-Zitat: „Alle Aufmerksamkeit muß in Gewohnheit münden, wenn sie den Menschen nicht sprengen, alle Gewohnheit von Aufmerksamkeit verstört werden, wenn sie den Menschen nicht lähmen soll.“

    Behandelte Gewohnheiten (Beispiele)

    Die Beiträge beleuchten ganz unterschiedliche alltägliche Rituale und Routinen:

    • Die Fahrt zum Arbeitsplatz
    • Die Betrachtung von Gras
    • Die Zubereitung von Tee
    • Das frühmorgendliche Aufstehen
    • Regelmäßige Telefongespräche
    • Die Kunst des kreativen Prokrastinierens
    • Das Abdriften von Gewohnheiten in Zwänge

    Autoren (Auswahl)

    Renate Ahrens, Terry Albrecht, Mirko Bonné, Peter Braun, Traudl Bünger, Cristiana Contu, Nail Doğan, Özlem Özgül Dündar, Leander Fischer, Anna Fiserová, Udo Friedrich, Christoph Grube, Dincer Gücyeter, Wolfgang Hegewald, Esther Kinsky, Sophia Klink, Stefanie Kopetschke, Magret Kreidl, Judith Kuckart, Carla Lorenz, Gert Loschütz, Selene Mariani, Rainer Merkel, Martin Mittelmeier, Laura Müller-Hennig, Franziska Neef, Maxi Obexer, Hanns-Josef Ortheil, Annette Pehnt, Christoph Peters, Marion Poschmann, Lara Rüter, Klaus Johannes Thies, Regula Venske, Sonja vom Brocke und Jan Wagner.

    Künstlerische Beiträge

    Arbeiten von Sandra Boeschenstein, Susanne Catrein und Andreas Erb ergänzen die literarischen Texte mit 70 teils farbigen Abbildungen.

    Besonderes Highlight

    Das Heft schließt mit einem ausführlichen Blick auf Jürgen Beckers Umgang mit Gewohnheiten in seinem Werk und Fotografien von Boris Becker, die die Arbeitszimmer seines Vaters in Köln und im Bergischen Land zeigen, so wie dieser sie zurückließ – eine berührende Hommage an den verstorbenen Dichter.

    Erschienen: 5. November 2025 | 207 Seiten | 14,00 €

  • Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

    Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

    Beim ersten Lesen von Klaus Johannes Thies Text „Im Schwimmbad mit Derrida“ stellt sich eine eigentümliche Ratlosigkeit ein. Was ist das? Ein Traumbericht? Eine philosophische Reflexion? Eine Alltagsbeobachtung? Der Text entzieht sich jeder eindeutigen Zuordnung – und genau darin liegt sein Geheimnis. Denn Thies schreibt nicht über Derridas Dekonstruktivismus, er vollzieht ihn.

    Das Verschwimmen der Grenzen

    Der Text beginnt mit einer unmöglichen Szene: ein Wettkampf mit dem längst verstorbenen Philosophen Jacques Derrida im Schwimmbad. Sofort verschwimmen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit („Das Bett war nass“), zwischen Leben und Tod, zwischen möglich und unmöglich. Diese Auflösung binärer Oppositionen ist ein Kernprinzip der Dekonstruktion. Thies zeigt: Die Kategorien, mit denen wir Wirklichkeit ordnen wollen, sind durchlässiger als gedacht.

    Die Unmöglichkeit von Präsenz

    Mitten im Text kommt der entscheidende Moment: „Wie schade, dass es ihn jetzt nicht mehr gab. Ich musste etwas anderes erfinden, das jetzt zu gleicher Zeit mit mir in diesem Schwimmbad existierte.“ Hier wird sichtbar, was Derrida différance nannte – die permanente Verschiebung von Bedeutung und Präsenz. Derrida ist abwesend, aber gerade durch seine Abwesenheit im Text präsent. Der Erzähler erkennt, dass er einen Ersatz braucht, ein Supplement – aber dieser Ersatz wird selbst Teil des Spiels von Anwesenheit und Abwesenheit.

    Intertextuelle Verweise

    Derrida spricht im Schwimmbad „über Glas und über Postkarten“ – eine subtile Anspielung auf seine eigenen Werke Glas und Die Postkarte. Der Text verweist auf sich selbst als Text, als Konstruktion. Er macht transparent, dass er nicht einfach etwas „abbildet“, sondern selbst Teil eines Netzes von Verweisen ist.

    Klaus Johannes Thies - Im Schwimmbad mit Derrida
    Klaus Johannes Thies – Im Schwimmbad mit Derrida – Stempeldruck: Oliver Simon

    Schwimmen statt Lesen

    „Wir schwammen also, was einfacher ist, als seine schwierigen Bücher zu lesen.“ Hier etabliert Thies eine scheinbare Hierarchie: Schwimmen als Ersatz für das intellektuell anspruchsvolle Lesen. Doch der Text behandelt beides gleichwertig – das körperliche Schwimmen wird zur philosophischen Praxis. Das Supplement (Schwimmen) ist nicht weniger wert als das Original (Lesen), es erweitert und verschiebt es nur.

    Die permanente Aufschiebung

    Der Text kommt nie zum Punkt. Ständig gibt es Einschübe, Unterbrechungen: „Ein paar Sätze noch (bis zu den Nachrichten), ein wenig Chopin, oder schnell noch mal die Zähne putzen…“ Diese Struktur der permanenten Verschiebung, des Nie-Ankommens, ist selbst dekonstruktivistisch. Der Text entzieht sich dem Abschluss, der endgültigen Bedeutung. „Dabei hätte ich so viel noch zu erzählen, so viel“ – aber dieses „Viel“ bleibt aufgeschoben, verschoben, different.

    Philosophie als literarische Praxis

    Klaus Johannes Thies macht Dekonstruktion lesbar, ohne sie zu erklären. Der Text spricht nicht über Derridas Philosophie, er lässt sie geschehen. Für Leser, die mit Derrida nicht vertraut sind, mag der Text zunächst verwirrend wirken – doch gerade diese Verwirrung, dieses Schwimmen zwischen den Kategorien, ist der Punkt. Der Autor zeigt: Philosophie muss nicht abstrakt bleiben, sie kann sich in der konkreten Sprache, im Traumprotokoll, im Alltäglichen ereignen.

    Der Text ist für mich ein kleines Meisterwerk der literarischen Philosophie – oder der philosophischen Literatur. Die Grenze ist ohnehin nicht mehr zu ziehen.

    „Im Schwimmbad mit Derrida“ ist erschienen in Unsichtbare Übungen.

    Titelfoto: Tiffany Bernarte

  • Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

    Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

    Was übt man, wenn man das Unsichtbare übt? – Kennen Sie das Gefühl, wenn eine solche Frage nicht einfach im Raum steht, sondern etwas in Ihnen in Bewegung setzt? Klaus Johannes Thies, 1950 in Wuppertal geboren, schreibt genau solche Literatur. Seine Texte sind weniger Geschichten als vielmehr Gedankenräume, Einladungen zu mentalen Expeditionen, die der Leser selbst bewohnen und gestalten muss. Es geht nicht um das Offensichtliche, sondern um jene verborgenen Dimensionen unserer Wahrnehmung, die sich der schnellen Betrachtung entziehen.

    „Unsichtbare Übungen“

    Das Buch „Unsichtbare Übungen – 123 Phantasien“ ist charakteristisch für Thies‘ literarischen Ansatz. Die Zahl 123 deutet bereits auf eine strukturierte Sammlung hin, die gleichzeitig Systematik und spielerische Freiheit verbindet. Der Titel selbst ist programmatisch: „Unsichtbare Übungen“ verweisen auf mentale, spirituelle oder imaginative Praktiken, die sich der direkten Beobachtung entziehen – Übungen des Geistes, der Wahrnehmung, vielleicht auch der inneren Verwandlung.

    Die „Phantasien“ – bewusst in der älteren Schreibweise – verleihen dem Werk einen beinahe musikalischen, romantischen Charakter. Es handelt sich vermutlich um kurze Prosastücke oder Gedankenskizzen, die den Leser einladen, gewohnte Wahrnehmungsmuster zu verlassen und sich auf unerwartete gedankliche Experimente einzulassen.

    Literarischer Ansatz

    Thies arbeitet in einer Tradition, die man als meditative oder kontemplative Literatur bezeichnen könnte. Seine Texte fordern die aktive Teilnahme des Lesers, der nicht nur konsumiert, sondern mitdenkt, mitfühlt und die angebotenen Gedankenräume selbst ausfüllt. Diese Art des Schreibens steht in der Nähe zu Autoren wie Peter Handke oder Botho Strauß, die ebenfalls Wahrnehmung und Bewusstsein literarisch erkunden.

    Die Form der nummerierten Miniaturen erinnert an klassische Aphorismen-Sammlungen, aber auch an zeitgenössische Experimente mit Kurzformen. Jede der 123 Phantasien dürfte für sich stehen und dennoch Teil eines größeren Ganzen sein – ein Mosaik des Denkens und Fühlens.

    Buchinformationen
    Klaus Johannes Thies
    Unsichtbare Übungen – 123 Phantasien

    Mit einem Nachsatz von Michael Krüger
    edition AZUR, Dresden 2015
    ISBN 978-3-942375-19-1

    NEU: Lesebuch Klaus Johannes Thies
    Zusammengestellt und einem Nachwort von Hanns-Martin Rüter
    Nylands Kleine Westfälische Bibliothek 147 – 2026
    ISBN 978-3-8498-2143-2
    160 Seiten kartoniert

    AISTHESIS VERLAG  
    Das Lesebuch Klaus Johannes Thies ist aufgeteilt in zwei Abteilungen. In der ersten sind 65 Texte aus seinen sechs zwischen 1986 und 2020 erschienenen Buchveröffentlichungen aufgenommen. Die 45 Texte in Teil 2 sind hingegen sämtlich Erstveröffentlichungen.

    Titelfoto: Michael Schwarzenberger

    • ich kann gedichte nicht ausstehen.

      ich kann gedichte nicht ausstehen.

      ich bin im wald, stehe vor einem innerwald. nach einer intensiven forsternte bildeten sich so viele junge bäume, dass — von außen betrachtet — ein wald im wald entstanden ist. die bäumchen scheinen sich gegenseitig licht und raum zu nehmen, alles grau, trocken und dunkel. es gilt sich zu konzentrieren, denn hier geht es durch,…

    • Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

      Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

      Über „Wegen der Inseln“ von Susanne Neuffer, Merkur Nr. 905, 2024 | Dieser Text hat mehrere Fäden, denen man folgen könnte. Ich habe mich für einen entschieden. Susanne Neuffers Kurzgeschichte, Miniatur erzählt von einer Schulklasse, die in Trauer verfällt. Oder so etwas Ähnlichem wie Trauer. Ausgelöst von einem neuen Mädchen namens Marsha, das eines Tages…

    • Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

      Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

      Der Titel selbst setzt schon den Ton. „Roggenmuhme“ klingt nach Volksüberlieferung, nach Figur zwischen Märchen und bäuerlicher Mythologie. Bei Lindemann wird daraus aber kein folkloristisches Spiel. Diese Figuren stehen eher am Rand des Sagbaren – sie markieren, wie stark Landschaft und Imagination ineinandergreifen. Roggenfeld, Wind, Jahreszeiten: Das ist keine Kulisse, sondern ein Wahrnehmungsraum, in dem…

    • Ein schöner Satz vorweg.

      Ein schöner Satz vorweg.

      Über Epigraphen und die Kunst, sie zu überlesen – oder zu nutzen. | Hansjörg Schertenleib, Der Antiquar. Ich blättere die erste Seite auf, und da steht: „Der Weg vollendet sich. Der Schnee fällt in tausend Flocken. Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.“ – Shōbōgenzō Mein erster Gedanke: Das ist ein Haiku. Die Kürze, das…

    • Karen Roßki – Austausch

      Karen Roßki – Austausch

      Drei Miniaturen zu einer Zeichnung: Nichts bleibt für sich. Linien steigen auf, andere sinken zurück. Was sich verdichtet, gibt ab. Was aufragt, ist nicht getrennt vom Grund. Bewegung geht in beide Richtungen. Austausch heißt hier nicht Ausgleich. Es ist ein fortwährendes Weitergeben von Spannung. Linien gehen nach oben und kommen zurück. Der Grund bleibt beteiligt.…

    • Karen Roßki – Durchdringen

      Karen Roßki – Durchdringen

      Nichts greift hier ineinander. Von oben drängt etwas Fremdes ins Bild, faserig, hart gesetzt. Unten arbeitet eine andere Bewegung, schwer, erdig, unruhig. Die Farben mischen sich nicht, sie stoßen. Was durchdringt, verbindet nicht. Es verschiebt, verdrängt, reibt sich fest. Der Raum hält das aus, aber er schließt sich nicht. Nähe entsteht hier nicht aus Übergang,…

    • Karen Roßki – Weit

      Karen Roßki – Weit

      Es gibt keine Linie, an der das Sehen zur Ruhe kommt.Flächen schieben sich übereinander, als hätten sie Zeit gesammelt.Das Dunkle trägt, das Helle setzt an.Nichts öffnet sich nach außen, alles breitet sich aus.Bewegung ohne Richtung, Dichte ohne Schwere.Zwischen den Schichten bleibt kein leerer Ort, nur Übergang.Was wie Tiefe aussieht, ist Nähe.Was weit scheint, hält fest.…

    • Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es…

    • Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung: Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich…

    • Elisabeth Wesuls – Geschichte

      Elisabeth Wesuls – Geschichte

      Tarnung, Enttarnung und das Unheimliche der Kontinuität. Annähernd gelesen | Beim ersten Lesen von Elisabeth Wesuls Miniatur gibt es diesen Moment des Innehaltens. Fast eine Schrecksekunde. Nicht wegen der historischen Kulisse, nicht wegen der Ideologie. Sondern wegen eines Namens. Zunächst bleibt alles im Bereich des Hörensagens. „Man erzählt“, „manche sagen“, „die Leute, die das erzählen“.…

    • Klaus Johannes Thies – „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“

      Klaus Johannes Thies – „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“

      Klaus Johannes Thies‘ Prosatext schildert die Hörspielabteilung von Radio Bremen als einen Ort des Wartens und Dämmerns. Schauspieler in Schlafanzügen lagern in langen, leeren Fluren einer vergessenen Abteilung, die bei einem Umzug einfach nicht mitgenommen wurde. Die Synchronisation von Gina Lollobrigida steht an, aber es gibt nur Männer – man behilft sich mit einer Sekretärin.…

    • Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

      Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

      Beim ersten Lesen von Klaus Johannes Thies Text „Im Schwimmbad mit Derrida“ stellt sich eine eigentümliche Ratlosigkeit ein. Was ist das? Ein Traumbericht? Eine philosophische Reflexion? Eine Alltagsbeobachtung? Der Text entzieht sich jeder eindeutigen Zuordnung – und genau darin liegt sein Geheimnis. Denn Thies schreibt nicht über Derridas Dekonstruktivismus, er vollzieht ihn. Das Verschwimmen der…

    • Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

      Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

      Was übt man, wenn man das Unsichtbare übt? – Kennen Sie das Gefühl, wenn eine solche Frage nicht einfach im Raum steht, sondern etwas in Ihnen in Bewegung setzt? Klaus Johannes Thies, 1950 in Wuppertal geboren, schreibt genau solche Literatur. Seine Texte sind weniger Geschichten als vielmehr Gedankenräume, Einladungen zu mentalen Expeditionen, die der Leser…

    • Himbeeren – Valerie Zichy

      Himbeeren – Valerie Zichy

      HIMBEEREN das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über-all die…

    • Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Sandrine, dein Atem ist Gänsedaunen. Meiner stockt beim Lesen, wird zu Stein in der Brust. Während du die kommenden Verheerungen spürst, taste ich mich an bereits vergangene heran. Deine Zeit friert in stehenden Gewässern – meine fließt linear fort, Datum für Datum, wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Vielleicht ist das der Unterschied. Du schreibst…

    • Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

      Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

      Es ist unbefriedigend, etwas teilen zu wollen, was man nicht direkt zeigen kann. Wie in diesem Fall: „Schief gewickelt, wie ich bin!“ Frottage mit Zeichnung von Ille Chamier. Daher habe ich versucht festzuhalten was ich dem Bild entlockt habe: Falsche Schritte? Sie steht da, ein Knoten aus Linien und Schatten,geformt aus Plänen, die nie so…

    • Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht…

  • Karen Roßki

    Karen Roßki

    Zwischen Abstraktion und Naturverbundenheit | Karen Roßki (*1965 in Dresden) ist eine in Dresden lebende und arbeitende Künstlerin, deren Werk sich durch großformatige Gemälde in Öl, Pigmenten und verschiedenen Zeichentechniken sowie Objektkunst auszeichnet. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen abstrakter Landschaftsdarstellung und einer organisch anmutenden Formensprache, die durch intensive Farbkompositionen Naturphänomene aufgreift.

    Karen Roßki – Bleistiftzeichnung S.5 – Das Zündblättchen 21 mit Ille Chamier (Gedichte)
    Karen Roßki – Bleistiftzeichnung S.13 – Das Zündblättchen 21 mit Ille Chamier (Gedichte)

    Künstlerischer Ansatz und Themen

    Roßkis Kunst entsteht aus einer tiefen Beobachtung der Natur. Sie erfasst Strukturen, Farben und Stimmungen in Landschaften und überführt diese Eindrücke in abstrahierte Bilder. Dazu sammelt sie nach eigener Aussage „Momente, Bewegungen, Begegnungen, Zustände und Abfolgen“, die auf der Leinwand in „neuen Gebilden“ erscheinen. Hierbei verweben sich Linien, Farben und Materialien zu „eigenständigen Gefügen“. Roßki beschreibt ihren Prozess als eine tiefe Aufnahme der Natur: „Es sind viele landschaftliche Erinnerungen, ich gehe gerne in die Natur. Aber ich mache dort keine Skizzen oder Fotografien. Aber ich nehme natürlich dennoch viel auf und trage die Bilder in mir.“ Die resultierenden Werke sind keine direkten Abbildungen, sondern Kompositionen aus Gedankensplittern. Titel wie „Schweben“, „Ferne“, „Sommertag“, „Urkraft“ oder „Inneres Leuchten“ verdeutlichen, wie ihre abstrakten Arbeiten Naturstimmungen – wie Himmel, Energie und Licht – visualisieren.

    „Häufig und gern bin ich im Freien; bewege ich mich durch die Landschaft und die Wälder. Vieles von dem, was ich unterwegs erlebe, berührt mich nachhaltig. Ich nehme Strukturen, Farben, Düfte, Geräusche auf und erlebe Massen und Kräfte, die in der Natur aufeinander treffen. Einige dieser Eindrücke beeinflussen mich in meiner Arbeit und fließen in meine Bilder ein.“ – Zu ihrer Ausstellung im Restaurant „Kastenmeiers im Taschenbergpalais“ – Juni 2020. Quelle: meinwortgarten– siehe unten

    Ausbildung und Stipendien

    Nach einer Facharbeiterausbildung zur Schrift- und Grafikmalerin (1983–1985) studierte Karen Roßki von 1990 bis 1995 Malerei/Grafik an der Hochschule Burg Giebichenstein in Halle und schloss mit Diplom ab. Von 1995 bis 1997 war sie Meisterschülerin bei Prof. Inge Götze. Seit 1999 ist sie als freischaffende Malerin und Grafikerin tätig und Mitglied des Künstlerbundes.

    Sie erhielt zahlreiche Stipendien, darunter vom Kultusministerium Sachsen-Anhalt, der Denkmalschmiede Höfgen, dem Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, der Stiftung Kulturfonds und dem Röderhof Harz. Hinzu kommen Auslandsstipendien, beispielsweise in Mazedonien. Karen Roßki hatte zudem Lehraufträge an der HTW Dresden, unter anderem für Grundlagen der Gestaltung und Freihandzeichnen. Ihre Werke sind in öffentlichen Sammlungen vertreten, darunter im Landtag Sachsen-Anhalt und der Stadtsparkasse Magdeburg.

    Projekte und Ausstellungen

    Eine bemerkenswerte Ausstellung war „Frühstück im Freien“ (Juni–Juli 2020) in der Galerie im Restaurant Kastenmeiers in Dresden. Dort präsentierte sie eine Serie von 24 farbintensiven Ölgemälden auf großformatigen Leinwänden, deren organische Formen an Natur und Himmel erinnern. Diese entfalteten auf Lehmputzwänden eine besondere atmosphärische Wirkung. Zudem war sie mit einem Werk bei der Sonderausstellung „30 Jahre Künstlerbund – 60 Perspektiven“ im Dresdner Stadtmuseum vertreten.

    Aktuelle Ausstellung mit dem Titel „Zwischenzeit“ – Malerei und Grafik – 30. Juni bis 18. Oktober 2025 in der Galerie der Zentralbibliothek im Kulturpalast Dresden.

    Roßkis Kunst wirkt sinnlich und emotional, ohne dabei erzählerisch zu sein. Sie schafft Stimmungen, die Raum für persönliche Assoziationen lassen. Ihre Materialien sind sorgfältig ausgewählt, wie sie selbst betont:

    „Mit großer Sorgfalt wähle ich meine Materialien aus, die oft nicht nur Bildträger, sondern auch über ihre Funktionalität hinaus Bestandteil meiner Arbeiten sind.“

    Diese werden in ihren Zeichnungen, Gemälden und Objekten zu integralen Bestandteilen des Werkes. Die Resultate sind Arbeiten, die offen für individuelle Deutungen bleiben und gleichzeitig eine tiefe Verbundenheit zur Natur zum Ausdruck bringen.

    Ihre Bilder sind keine Abbildungen, sondern Ausdruck eines inneren Erlebens, das durch Farbe und Form eine eigene Realität schafft. Roßkis Fähigkeit, aus ihrem inneren Bildarchiv durch intuitive Beobachtung und künstlerisches Gespür berührende, farbintensive Kompositionen zu schaffen, schätze ich. Die Balance zwischen organischer Form und emotionaler Tiefe aus, wodurch ein lebendiger Dialog zwischen Natur und bildnerischer Abstraktion entsteht überzeugt.

    Randbemerkung | Dass sie für das Hygiene-Museum Dresden Audioführer eingesprochen hat – Objekte beschreibend für Menschen mit Sehbehinderung – fügt ihrem Werk eine weitere Seite hinzu: dieselbe Aufmerksamkeit für das Wahrgenommene, diesmal in Sprache gebunden. Link 1 Link 2 (Zum instagram-Account des Deutsches Hygiene-Museum Dresden)

    Quellen:
    Die Website der Künstlerin: karenrosski.de
    Zudem: singulart.com | bibo-dresden.de | meinwortgarten.com | STIPvisiten | lauda-fabrikgalerie.de

    Titelfoto via pixabay. Fotograf/Fotografin nicht benannt.

  • Stephen Crane – In the desert

    Stephen Crane – In the desert

    Über ein Gedicht, über Ausgrenzung. Dieser 1895 erstmalig veröffentlichte Text hat dazu geführt, dass mir von Gott berufenen Menschen (nach eigenen Aussagen) die Freundschaft gekündigt haben und seitdem jeden Kontakt ablehnen. Ihr Kommentar: Wer so etwas veröffentlicht, der ist vom Teufel geleitet.

    In the desert
    I saw a creature, naked, bestial, 
    Who, squatting upon the ground, 
    Held his heart in his hands, 
    And ate of it.
    I said, “Is it good, friend?” 
    “It is bitter—bitter,” he answered;

    “But I like it
    “Because it is bitter,
    “And because it is my heart.”

    Stephen Crane | 1895

    Ehemals geschätzte Menschen aus meinem privaten Umfeld haben mich nach der Verbreitung dieses Gedichtes auf facebook aufgesucht und mir zu verstehen gegeben, dass es nicht gut, gottgefällig ist, solche Texte zu verbreiten. Weil diese vom „Bösen“ kommen und Schlechtes vermitteln. Sie haben mir ihre Antwort als Protest, als Mahnung überbracht. Dabei zitierten sie eine Stelle aus der Bibel:

    Und nun, liebe Freunde, lasst mich zum Schluss noch etwas sagen: Konzentriert euch auf das, was wahr und anständig und gerecht ist. Denkt über das nach, was rein und liebenswert und bewunderungswürdig ist, über Dinge, die Auszeichnung und Lob verdienen. Hört nicht auf, das zu tun, was ihr von mir gelernt und gehört habt und was ihr bei mir gesehen habt; und der Gott des Friedens wird mit euch sein.

    Philipper 4 8,9 | Die Bibel. Neues Leben || Zitat entnommen dem Bibel-Server der ERF Medien.

    Versuch einer Übersetzung:

    In der Wüste

    Sah ich eine Kreatur, nackt, bestialisch,
    Der, auf dem Boden hockend,
    Sein Herz in den Händen haltend,
    Und davon aß.
    Ich sagte: „Ist es gut, mein Freund?“
    „Es ist bitter-bitter“, antwortete er;
    „Aber ich mag es
    Weil es bitter ist,
    Und weil es mein Herz ist.“

    Meine persönliche Deutung des Gedichts: Da ist jemand nackt, ohne Schutz, ohne Gemeinschaft, mit bitterem Herz. Woher diese Verbitterung auch kommen mag, er hat gelernt sich und sein Schicksal dennoch anzunehmen und zu lieben.
    Für mich hat dieses Gedicht etwas tröstendes; ich sehe als als Zeugnis eines Menschen, der sich – trotz widriger Umstände – angenommen und lieben gelernt hat. Mag die Bildsprache Cravens auch drastisch sein; es passt für mich gut, um die Stimmung der Bitterkeit zu transportieren. Als Denkanstoß schätze ich dieses Gedicht.

    Stephen Cranes Gedicht „In the Desert„, 1895 als drittes von 56 Gedichten in seiner Sammlung The Black Riders and Other Lines veröffentlicht, ist ein bemerkenswertes Werk der amerikanischen Literatur, das sich durch seine freie Versform ohne Reimschema oder festes Metrum auszeichnet. Diese formale Freiheit unterstreicht die thematische Zerrissenheit und den Zerfall, die das Gedicht behandelt.

    In zehn Zeilen, aufgeteilt in zwei Strophen (sieben und drei Zeilen), entfaltet Crane eine beunruhigende Szene: Der Sprecher begegnet in der Wüste einem „nackten, tierischen“ Wesen, das sein eigenes Herz verzehrt. Trotz der Feststellung, dass das Herz „bitter“ schmeckt, bekundet das Wesen eine seltsame Vorliebe dafür, mit den Worten „And because it is my heart“.

    Das Gedicht ist reich an Symbolik und wirft Fragen nach der menschlichen Natur auf. Das Herz fungiert hier als vielschichtiges Symbol – es kann Emotionen, Identität, den freien Willen oder auch die menschliche Verderbtheit repräsentieren. Der Akt des Verzehrens des eigenen Herzens steht sinnbildlich für Selbstzerstörung und Selbstschädigung, selbst im Bewusstsein der Bitterkeit.

    Die Ambiguität der letzten Zeile – „And because it is my heart“ – lässt verschiedene Interpretationen zu: Betont sie den Besitzanspruch („my“) oder die Selbsterkenntnis („heart“)? Das Wesen, das sich selbst aus Gier und einer perversen Freude am Schmerz verzehrt, verkörpert die dunklen Aspekte der Menschheit. Man kann darin auch eine Kritik an Selbstmitleid oder die Akzeptanz des eigenen „gefallenen“ Zustands sehen.

    Literarische Stilmittel und Struktur

    Crane nutzt verschiedene stilistische Mittel, um die beklemmende Atmosphäre zu verstärken. Die Wüste ist hier nicht nur ein physischer Ort, sondern ein Symbol für Leere, Einsamkeit und spirituelle Ödnis, das die Desillusionierung widerspiegelt, die Crane während seiner Reisen im Westen der USA erlebte. Die dreifache Nennung von „bitter“ unterstreicht die Perversion der Freude am Schmerz und die paradoxe Akzeptanz dieses Zustands.

    Enjambement, wie in „desert / I saw“, erzeugt fließende Übergänge und verstärkt die unheimliche und flüchtige Atmosphäre. Der Kontrast zwischen der „bestialischen“ Erscheinung des Wesens und der Anrede als „friend“ durch den Sprecher deutet auf eine verborgene Verbindung oder eine innere Auseinandersetzung hin, die sich bis zur Debatte erstreckt, ob das Wesen möglicherweise eine Projektion des Sprechers selbst ist, was auf einen inneren Konflikt hindeuten würde.

    Historischer und biografischer Kontext

    Stephen Cranes Erfahrungen im Westen der USA im Jahr 1895, wo er Armut und ausgelaugte Böden sah, prägten seine Desillusionierung und lieferten den Hintergrund für das Gedicht. Die Wüste, in der US-Literatur des 19. Jahrhunderts oft ein Symbol für die „Failed Frontier“ – ein Ort der Hoffnungslosigkeit im Gegensatz zum Agrarmythos des „American Dream“ –, wird hier zur Bühne für eine existenzielle Parabel. Crane verarbeitete seine Beobachtungen in parabelhaften Gedichten, die menschliche Abgründe abstrakt darstellen.

    Rezeption und Bedeutung

    „In the Desert“ gilt als Meilenstein der US-Literatur. Kritiker wie Max Cavitch und Daniel Hoffman heben Cranes Abstraktionsvermögen als Stärke hervor. Die moderne Form und psychologische Tiefe machten das Gedicht zu einem Vorläufer der modernen Lyrik. Debatten darüber, warum der Sprecher nicht eingreift, deuten auf mögliche Komplizenschaft oder Gleichgültigkeit hin.

    Crane nutzte parabelhafte Kürze, um universelle Wahrheiten über die menschliche Natur zu vermitteln, oft mit einer düsteren Ironie. Die bewusste Wahl der freien Verse unterstreicht die Themen Zerfall und Formlosigkeit, da, wie es heißt, „The poem’s message fits the subject matter […] It’s about tearing down“.

    Zusammenfassend zeigt „In the Desert“ Stephen Crane als scharfen Beobachter menschlicher Perversionen. Geprägt von historischen Desillusionen und formal innovativ, wird die Wüste zur Bühne für eine existenzielle Parabel über Selbstzerstörung als paradoxe Form der Selbstbehauptung.

    Über Stephen Crane
    Geboren 1871 (Im Jahr der Ausrufung des deutschen Kaiserreiches) in Newark, New Jersey. Seine Eltern waren Methodistenprediger. In seinen frühen Jahren als Jornalist in New York berichtet er vernehmlich über die Slums der Stadt, was ihn zu seinem ersten Roman – Maggie. A Girl of the streets – inspirierte.

  • Shaun Bythell – Tagebuch eines Buchhändlers

    Shaun Bythell – Tagebuch eines Buchhändlers

    Zwischen Bücherliebe und Existenzkampf – Ein Porträt des schottischen Buchhändlers und Autors

    Shaun Bythell ist weit mehr als nur ein Betreiber eines Antiquariats. Er ist ein scharfer Beobachter der Buchwelt, ein humorvoller Chronist seines Alltags und ein unermüdlicher Kämpfer für den Erhalt unabhängiger Buchhandlungen. Seine internationalen Bekanntheit verdankt er seinen ehrlichen und oft urkomischen Schilderungen des Lebens in seinem schottischen Antiquariat, die er in seinem Werk „The Diary of a Bookseller“ auf fesselnde Weise festhält.

    Das Herzstück in Schottlands „Book Town“

    Seit nunmehr über zwei Jahrzehnten, genauer seit 2001, ist „The Bookshop“ in Wigtown, der offiziellen „Book Town“ Schottlands, das berufliche Zuhause von Shaun Bythell. Dieses beeindruckende Antiquariat beherbergt auf über einem Kilometer Regalfläche eine schier unendliche Auswahl von über 100.000 Büchern und beansprucht den Titel des größten Antiquariats in Schottland für sich. Doch Bythells Engagement reicht über den reinen Buchverkauf hinaus: Er ist maßgeblich an der Organisation des jährlich stattfindenden Wigtown Book Festivals beteiligt, das Literaturbegeisterte aus aller Welt in die beschauliche schottische Provinz lockt.

    „The Diary of a Bookseller“ – Mehr als nur Alltagsnotizen

    In seinem vielbeachteten „The Diary of a Bookseller“ nimmt uns Shaun Bythell mit auf eine einjährige Reise durch die Höhen und Tiefen seines Lebens als Buchhändler. Mit einem untrüglichen Gespür für skurrile Situationen und einem herrlich trockenen Humor schildert er die Begegnungen mit einer oft exzentrischen Kundschaft, die täglichen Herausforderungen des Einzelhandels und die liebenswerten Eigenheiten seiner Angestellten. Wie er im YouTube-Interview betont: „Das Buch ist im Grunde genau das, was der Titel sagt: ein Tagebuch. Es dokumentiert den Alltag im Jahr 2014 – und ja, vieles wiederholt sich, wie es eben in jedem Job der Fall ist. Manche Leserinnen und Leser haben das als langweilig empfunden, aber ich glaube, gerade in dieser Wiederholung steckt etwas sehr Echtes. Ich habe nie versucht, witzig zu schreiben – aber es sind oft gerade die kleinen, absurden Szenen, an die man sich erinnert. Und die landen dann im Buch.“

    So entsteht ein authentisches und ungeschöntes Bild des Alltags eines unabhängigen Buchladens, das zugleich eine subtile, aber deutliche Kritik an den Veränderungen im Buchmarkt durch den unaufhaltsamen Aufstieg großer Online-Plattformen formuliert. Bythells feines Gespür für Zwischentöne macht „The Diary of a Bookseller“ zu einer Liebeserklärung an das gedruckte Wort und einer nachdenklichen Reflexion über die Zukunft des Buches.

    Ein Kämpfer für den lokalen Buchhandel

    Shaun Bythell ist ein unermüdlicher Verfechter des Erhalts der unabhängigen Buchhandelslandschaft. Durch seine Bücher und seine öffentlichen Auftritte lenkt er die Aufmerksamkeit auf die unverzichtbare Rolle lokaler Buchläden als kulturelle und soziale Ankerpunkte. Dabei scheut er sich nicht, die oft prekären Auswirkungen der Marktdominanz großer Online-Händler offen anzusprechen. Im Hinblick auf den Vertrieb seines eigenen Buches berichtet er im Interview: „Ich habe versucht, meinen Verlag davon zu überzeugen, das Buch nicht sofort über Amazon zu vertreiben – zumindest nicht in den ersten sechs Monaten. Ich wollte dem stationären Buchhandel einen Vorsprung geben. Aber der Verlag hat abgelehnt, aus Angst vor Vertragsverstößen mit Amazon. Diese Abhängigkeit ist ein echtes Problem. Amazon ist kompromisslos – ein Verstoß, und sämtliche Bücher könnten aus dem Sortiment verschwinden.“

    Bythell spricht aus eigener Erfahrung, da er einst selbst über Amazon verkaufte und aufgrund der sich ständig ändernden Regeln und Gebühren gesperrt wurde. „Ich habe einmal ein Buch für zwei Pfund verkauft und am Ende daran Verlust gemacht. Amazon hat mehr Gebühren einbehalten, als ich verdient habe. Für Verkäufer ist das ein hartes Pflaster.“

    Die Episode mit dem Kindle – Ein Statement mit Schrot

    Die Geschichte, dass Bythell ein Kindle an die Wand genagelt habe, ist zwar eine unterhaltsame Vorstellung, doch die Realität ist – im wahrsten Sinne des Wortes – einschlagender. Tatsächlich demonstrierte er seine kritische Haltung gegenüber E-Readern, indem er ein defektes Kindle-Gerät mit einer Schrotflinte bearbeitete und das Ergebnis in seinem Laden ausstellte. Dieses drastische und humorvolle Statement unterstreicht seine Überzeugung von der Bedeutung physischer Bücher und der Herausforderungen, denen sich traditionelle Buchhandlungen im digitalen Zeitalter stellen müssen.

    Wigtown: Mehr als nur Bücher

    Trotz der Widrigkeiten existiert „The Bookshop“ weiterhin, und auch Wigtown als „Buchstadt“ floriert. Die vor über 20 Jahren initiierte Idee, den Ort zu einem Zentrum für Bücher zu machen, hat sich bewährt und ein kleines, aber stabiles Netzwerk aus Veranstaltungen, Festivals und kleinen Läden geschaffen, in denen sich alles um das geschriebene Wort dreht. Bythell erinnert sich: „Damals konnte ich mir kaum vorstellen, wie das in einer so kleinen, abgelegenen Gemeinde funktionieren soll. Aber es funktioniert – wegen vieler engagierter Menschen, die daran geglaubt und mit angepackt haben. Und es ist ein Privileg, jeden Tag mit Büchern zu arbeiten.“

    Doch nicht nur die Bücher prägen Wigtown, auch die umgebende Landschaft spielt eine wichtige Rolle für die Lebensqualität. „In 15 Minuten bin ich am Fluss, in den Hügeln oder am Meer. Es gibt Sandstrände, Wälder, Berge. Und das Beste: Es bleibt ruhig. Selbst in der Hochsaison wirkt es nie überlaufen. Die Menschen schätzen diese Entschleunigung.“

    Die Zukunft im Blick – Ein Balanceakt

    Angesichts der zunehmenden Urbanisierung und Digitalisierung stellt sich die Frage nach der Zukunft von Orten wie Wigtown. Shaun Bythell blickt jedoch optimistisch in die Zukunft: „Ich glaube, es gibt eine Chance. Wir haben hier in der Region einen Besucherzuwachs von über 40 Prozent erlebt – nicht nur bei uns im Laden, sondern auch bei historischen Stätten. Die Leute entdecken solche Orte wieder. Aber es ist ein Balanceakt: Das, was Wigtown ausmacht – die Ruhe, die Freundlichkeit, der Raum – darf dabei nicht verloren gehen.“

    Shaun Bythell ist somit nicht nur ein Buchhändler und Autor, sondern auch ein Botschafter für eine entschleunigte Lebensweise und den unschätzbaren Wert lokaler Gemeinschaften. Seine ehrlichen Einblicke in die Welt der Bücher und seines Antiquariats sind eine Bereicherung für jeden Leser und regen dazu an, die Bedeutung unabhängiger Buchhandlungen in unserer schnelllebigen Zeit neu zu überdenken.

    Titelfoto: A book lover bed by Oliver Dixon / CC BY-SA 2.0

    • Das Leben als Buchhändler auf dem Lande

      Das Leben als Buchhändler auf dem Lande

      …und warum es lohnt, unabhängigen Buchläden die Treue zu halten. In einem kleinen Ort im Südwesten Schottlands, direkt an der Küste von Galloway, liegt Wigtown – offiziell anerkannt als „Scotland’s National Book Town“. Hier lebt und arbeitet Shaun Bythell, Antiquar, Buchhändler – und Autor. Sein Buch The Diary of a Bookseller (Tagebuch eines Buchhändlers) wurde…

    • Shaun Bythell – Tagebuch eines Buchhändlers

      Shaun Bythell – Tagebuch eines Buchhändlers

      Zwischen Bücherliebe und Existenzkampf – Ein Porträt des schottischen Buchhändlers und Autors Shaun Bythell ist weit mehr als nur ein Betreiber eines Antiquariats. Er ist ein scharfer Beobachter der Buchwelt, ein humorvoller Chronist seines Alltags und ein unermüdlicher Kämpfer für den Erhalt unabhängiger Buchhandlungen. Seine internationalen Bekanntheit verdankt er seinen ehrlichen und oft urkomischen Schilderungen…

    • Einblicke in den Alltag einer schottischen DorfBuchhandlung

      Einblicke in den Alltag einer schottischen DorfBuchhandlung

      Einblicke in den Alltag einer Buchhandlung: Shaun Bythells „Tagebuch eines Buchhändlers“ Shaun Bythells „Tagebuch eines Buchhändlers“ gewährt Lesenden einen ungewöhnlichen Zugang in die Welt des Einzelhandels mit Büchern. Auf den Seiten dieses Buches entfaltet sich ein chronologischer Bericht über ein Jahr im Leben einer Antiquariatsbuchhandlung in Wigtown, Schottland. Die Einträge, datiert und oft von lakonischem…

  • Paul Klee | Wäre ich ein Gott, zu dem man betet

    Paul Klee | Wäre ich ein Gott, zu dem man betet

    Wäre ich ein Gott, zu dem man betet,
    ich käme in die größte Verlegenheit,
    von einem Tonfall des Bittenden irgendwo gerührt zu werden.
    Sobald das Bessere nur leise anklänge,
    würde ich gleich Ja sagen,
    «stärkend das Bessere mit einem Tropfen von meinem Tau».
    Somit würde von mir ein Teilchen gewährt,
    und immer wieder nur ein Teilchen,
    denn ich weiß ja sehr wohl,
    daß das Gute in erster Linie bestehen muß,
    aber doch ohne das Böse nicht leben kann.
    Ich würde also in jedem einzelnen
    die Gewichtsverhältnisse der beiden Teile ordnen,
    bis zu einem gewissen Grad der Erträglichkeit.
    Revolution würde ich nicht dulden,
    wohl aber zu ihrer Zeit selbst machen.
    Daran sehe ich, dass ich noch kein Gott bin.

    Ich wäre auch leicht, und mir dessen bewusst, zu überlisten.
    Ich wäre rasch im Verleihen eines Ja, einem kurzen
    Tone im Gebet gegönnt, welcher rührte.

    Gleich darauf wär ich imstande,
    sehr inkonsequent zu handeln,
    und mich zu verwandeln
    in das Ungeheuer Schauer,
    welcher liegt auf solcher Lauer,
    daß es dann gibt Trauer
    in Familien, wo sein Gift
    gerade trifft.

    Viel historisches Theater wollte ich auch machen,
    die Zeiten würden losgebunden von ihrem Alter,
    das wäre ein Durcheinander zum Lachen.
    Aber mancher wäre entzückt,
    – hätt ich zum Beispiel je einen irrenden Ritter
    draußen im Busch gefunden,
    ich war beglückt! –.

    Ein bisschen narren würd ich die Leutchen auch zuweilen
    und gäbe ihnen in der Labung Ätzung,
    in der Nahrung Zersetzung –
    und Schmerz in der Paarung.
    Ich stiftete einen Orden,
    im Banner die lustig hüpfende Träne.


    Eine Annäherung an den Text

    Paul Klees Gedicht „Wäre ich ein Gott, zu dem man betet…“ liest sich wie ein frecher, nachdenklicher Monolog – so als ob jemand, der mit aller Macht und Verantwortung ausgestattet wäre, plötzlich ganz menschliche Zweifel und Schwächen hätte. Es ist keine akademische Analyse, sondern ein Blick darauf, was das Gedicht uns heute sagt:

    Ein Gott zwischen Anspruch und Verletzlichkeit

    Das Gedicht beginnt mit der Vorstellung, dass selbst ein Gott in Bedrängnis gerät, wenn er von einem leisen, menschlichen Bitten „gerührt wird“. Diese Zeilen werfen Fragen nach der Erreichbarkeit und Menschlichkeit der Mächtigen auf. Auch wenn wir im Alltag oft über uns selbst und über Institutionen nachdenken, zeigt Klees Text, dass Macht immer auch Verantwortung und eine gewisse Überforderung mit sich bringt. Wer von uns hat nicht schon einmal gezögert oder sich überwältigt gefühlt, wenn die Erwartungen zu hoch waren?

    Paul Klee -Drei Koepfe 1919
    Paul Klee -Drei Koepfe 1919 – Paul Klee; [hrsg.] von H.v. Wedderkop mit einer Biographie des Künstler, einem farbigen Titelbild und 32 Abbildungen (1920)

    Das Spiel von Gut und Böse

    Ein zentraler Gedanke ist die untrennbare Verbindung von Gut und Böse. Der Gott in Klees Versen gesteht, dass „das Gute in erster Linie bestehen muss, aber doch ohne das Böse nicht leben kann.“ Damit wird ein Grundsatz ausgedrückt, der uns an die alltäglichen kleinen und großen Paradoxien erinnert: Es gibt Licht und Schatten in jedem Leben, und die Erfahrung beider Seiten macht uns menschlich. Diese Ambivalenz spiegelt sich auch in vielen gesellschaftlichen Debatten wider, etwa in der Frage, wie man mit „Negativem“ umgeht – sei es in der Politik, im sozialen Miteinander oder in persönlichen Beziehungen.

    Verantwortlichkeit und Selbstzweifel

    Ein weiterer Aspekt des Gedichts ist der Spagat zwischen dem Wunsch, positiv eingreifen zu wollen („stärkend das Bessere mit einem Tropfen von meinem Tau“) und der Sorge, zu schnell oder zu unbedacht zu handeln. Die Zeilen, in denen der Gott seine Bereitschaft zu revolutionären Eingriffen – aber eben „zu ihrer Zeit“ – betont, lassen sich heute auch als Kritik an überhasteten politischen oder gesellschaftlichen Veränderungen lesen. Viele Menschen spüren den Zwiespalt zwischen dem Drang nach radikalem Wandel und der Furcht vor Chaos und unkontrollierten Umbrüchen.

    Humorvolle Selbstironie und Zeitbezug

    Klees Text ist nicht schwerfällig oder lehrbuchhaft, sondern steckt voller Ironie und selbstkritischem Humor. Der Gott, der sich selbst als „leicht zu überlisten“ bezeichnet und sogar Freude daran hat, „die Leutchen“ ein wenig zu narren, wirkt fast wie ein Spiegelbild der menschlichen Natur, die ebenso zu Fehlern und kleinen Scherzen fähig ist. Solche Passagen können auch an die ständige Suche nach Authentizität in unserer modernen Gesellschaft erinnern: Wir wünschen uns starke, klare Führung – doch auch unsere Führungspersönlichkeiten sind nur Menschen, mit all ihren Widersprüchen.

    Historische und gegenwärtige Parallelen

    Obwohl Paul Klee seine Texte in einer ganz bestimmten historischen Epoche schrieb – in einer Zeit, in der die Welt in Umbruch war und die politischen Systeme in Europa oft vor schwierigen Entscheidungen standen – wirkt sein Gedicht erstaunlich aktuell. Es thematisiert die Verantwortung und Zweifel, die auch heute in politischen Führungsrollen und in der alltäglichen Ethik spürbar sind. Die Zeile „Revolution würde ich nicht dulden, wohl aber zu ihrer Zeit selbst machen“ könnte man heute als Mahnung verstehen, dass auch radikale Veränderungen nur dann sinnvoll sind, wenn sie bedacht und zeitlich angemessen erfolgen. Dies erinnert an die politischen Umbrüche und Unruhen, die immer wieder Teil unserer Geschichte sind – von der industriellen Revolution über die turbulenten 1960er bis hin zu den aktuellen gesellschaftlichen Debatten.


    Paul Klees Gedicht schildert eine Momentaufnahme von menschlicher Selbstzweifel und dem Streben nach moralischer Ordnung – immer im Spannungsfeld zwischen Pflicht und Freiheit. Es spricht von einem Gott, der zwar immense Kräfte hätte, sich aber letztlich der menschlichen Unvollkommenheit bewusst bleibt. Heute gelesen ist es eine Erinnerung daran, dass auch die Mächtigen nicht über den alltäglichen moralischen Konflikten stehen, sondern eben auch immer wieder Menschlichkeit zeigen – mit allem Witz, Ernst und der notwendigen Ironie.

  • Jürgen Völkert-Marten – Wege – Anders gelesen

    Jürgen Völkert-Marten – Wege – Anders gelesen

    Das Gedicht zeigt eine Spannung zwischen der Erfahrung von Wegen in der Natur und ihrer abstrakten Darstellung durch den Menschen. Während die Wege „inmitten metallisch glänzender Wasser“ scheinbar „nicht enden wollen“, sondern sich „biegen und den Ausgang finden“, werden sie in der kartografischen Abbildung „zusammengezogen“ und „verschwinden im Nichts“. Damit wird deutlich, dass Wege in der Natur offen und organisch verlaufen, während die menschliche Darstellung sie auf eine begrenzte, vereinfachte Form reduziert.

    Die Wahrnehmung der Wege als „kein Ende“ verweist nicht auf ihre tatsächliche Beschaffenheit, sondern auf die Entfremdung des Menschen, der die Zeichen der Natur nicht mehr lesen kann. Die Karte zeigt lediglich Linien, die ins Nichts laufen, während die Wirklichkeit der Natur unbeeinträchtigt bleibt.

    Im Schlussteil heißt es: „Alles verschmilzt und ergibt ein Ganzes. Ohne Widerspruch nimmt die Natur es hin.“ Diese Aussage verweist weniger auf die Natur selbst – die ist davon unberührt – als vielmehr auf den Umstand, dass die Natur nicht „protestiert“, wenn der Mensch sie in schematische Darstellungen presst. Das „Hinnehmen“ beschreibt also die menschliche Projektion: Die Karte reduziert Wege zu abstrakten Linien, doch die Natur bleibt, wie sie ist.

    Ein vergleichbares Motiv findet sich in der Literatur bei Robert Walser, etwa im Spaziergang (1917), wo das ziellose Gehen selbst zum Inhalt wird und der Weg kein Ende zu kennen scheint – eine ähnliche Perspektive des sich Verlieren im Unterwegssein. Auch Hermann Hesse greift in seinem Gedicht Im Nebel (1911) das Gefühl des Orientierungsverlustes auf, wenn Wege verschwinden und die Verbindung zur Umwelt unsicher wird. Bei Rainer Maria Rilke erscheinen Wege in den Neuen Gedichten als Übergänge, die in etwas Größeres hineinführen, ähnlich der Verschmelzung im Schlussteil des Gedichts.

    In der bildenden Kunst wird die Spannung zwischen Naturweg und Kartendarstellung besonders bei Irmgard Kramer sichtbar: Ihre reduzierten Stadtpläne abstrahieren reale Wege zu Linienrastern, die ins Unbestimmte führen. Anja Sonnenburg wiederum visualisiert in Werkgruppen wie Von Zeit zu Zeit Wanderungen in exakten Wegzeichnungen, bei denen jedoch die lebendige Erfahrung des Gehens fehlt – ein direkter Bezug zu der im Gedicht beschriebenen Abstraktion. Sabine Schneider macht durch das Übermalen von Schulkarten sichtbar, wie Grenzen und Linien verschwinden oder sich verschieben, wodurch die vermeintliche Klarheit der Karte brüchig wird. Und in einer älteren Tradition zeigen die Landschaften von Caspar David Friedrich Wege, die sich in die Ferne verlieren und eine unendliche Dimension andeuten, während Richard Long mit seinen Land-Art-Arbeiten das Gehen selbst als Naturerfahrung festhält.

    So verknüpft das Gedicht die konkrete Erfahrung des Gehens mit der abstrakten, menschlichen Darstellung auf der Karte. In Literatur und Kunst wird dieses Spannungsfeld zwischen lebendigem Weg und abstrahierter Linie immer wieder thematisiert – sei es im Verlaufen, im Verschwinden oder im Versuch, Natur in ein formales Raster zu bannen.

    Einige Beispiele:

    Literatur

    Robert WalserDer Spaziergang (1917)
    → Thematisiert das Gehen als existenzielles Erleben. Wege sind hier kein Mittel zum Ziel, sondern eine unendliche Bewegung, die das Verlaufen einschließt. Parallele: Der Mensch verliert sich im Gehen, ähnlich der scheinbaren Endlosigkeit der Wege im Gedicht.

    Hermann HesseIm Nebel (1911)
    → Wege verschwinden, Orientierung geht verloren. Symbol für Vereinzelung und Entfremdung. Parallele: Das Nicht-mehr-Lesen-Können der Wegzeichen in der Natur.

    Rainer Maria RilkeNeue Gedichte (um 1907–08)
    → Wege als Bilder für Übergänge, Offenheit, manchmal Auflösung. Parallele: Natur akzeptiert die Verschmelzung, während der Mensch Orientierung sucht.

    Peter HandkeDer kurze Brief zum langen Abschied (1972) / Versuch über den geglückten Tag (1991)
    → Spaziergänge und Wege als innere Bewegung, oft verbunden mit einer Distanz zur Natur. Parallele: Unterschied zwischen Naturverbundenheit und menschlicher Projektion.

    Bildende Kunst

    Irmgard Kramer
    → Reduzierte Stadtkarten, Linienraster, Überlagerungen. Parallele: Wege werden in der Natur erfahren, auf der Karte jedoch abstrahiert und ins Nichts geführt.

    Elvira Lantenhammer
    → „Lagepläne“ als farbige Abstraktionen von Orten. Parallele: Emotionale, subjektive Karten im Gegensatz zur nüchternen Vermessung – zwischen Natur und Darstellung.

    Anja Sonnenburg
    → Diagrammatische, präzise Kartografien, oft über Verschwinden und Transformation. Parallele: Das „kein Ende finden“ im Gedicht entspricht der Unmöglichkeit, den Wandel exakt festzuhalten.

    Sabine Schneider
    → Übermalungen alter Schulkarten, Grenzen und Linien verschwimmen. Parallele: Das Auflösen der klaren Wegführung auf Karten – Natur lässt sich nicht dauerhaft fixieren.

    Caspar David Friedrich (romantische Tradition)
    → Wege in Landschaften, die sich in die Ferne verlieren. Parallele: Die endlos wirkenden Pfade, die gleichzeitig eine höhere Einheit (Natur, Transzendenz) andeuten.

    Richard Long (Land Art, international)
    → Gehen als Kunstform, Spuren in Landschaften. Parallele: Weg als Prozess, organisch mit Natur verbunden, nicht als kartografisch fixierbare Linie.

    • Jürgen Völkert-Marten – KLARSTELLUNG

      Jürgen Völkert-Marten – KLARSTELLUNG

      Das Gedicht „Klarstellung“ konfrontiert das lyrische Ich mit einer beschädigten Puppe und zwingt es in eine vielschichtige Reflexion über Schuld, Verantwortung und Wahrnehmung. Die zentrale Metaphorik kreist um das verstörende und mehrdeutige Bild der Puppe mit den „leeren Augenhöhlen“. Puppen sind traditionell Kinderspielzeug, Objekte der Fürsorge und Projektion – hier aber ist sie beschädigt, ihrer…

    • KLARSTELLUNG DER PUPPE

      KLARSTELLUNG DER PUPPE

      Ihr seht mich an und nennt es Schuld. Doch meine Augen sind leer, weil ihr sie mir genommen habt. Ihr habt mich in dieses Gitter gestellt, mich zu eurer Bühne gemacht, mich schweigen lassen, damit ihr in mir sprechen könnt. Euer Blick legt Lasten auf mich, die ich nicht tragen will. Ich bin kein Spiegel…

    • Gründe – Jürgen Völkert-Marten

      Gründe – Jürgen Völkert-Marten

      Jürgen Völkert-Marten konstruiert in diesem Gedicht einen Zirkel aus Flucht und Rückkehr. Das lyrische Ich denkt an seine „Ingo-Zahl“ – einen Begriff, der rätselhaft bleibt, aber offenbar eine Art Bewertung oder Messung seiner selbst darstellt. Diese Beschäftigung mit der eigenen Vermessung führt ihn zu einer Erkenntnis: Wichtigeres existiert, doch dieses Wichtigere entzieht sich seinem Zugriff.…

    • Jürgen Völkert-Marten – NOSTALGIE

      Jürgen Völkert-Marten – NOSTALGIE

      Dieses Gedicht ist ein einziger Atemzug. Zwar gliedern Kommata den Text und ein Punkt beschließt ihn, doch syntaktisch bleibt es ein langer, fließender Satz. Die Interpunktion ordnet, ohne zu zerhacken – die Kommata schaffen Pausen wie beim Sprechen, wenn man Luft holt, ohne den Gedankenfluss zu unterbrechen. Die wiederholten Konjunktionen „und“ schaffen Rhythmus und Vorwärtsdrang…

    • Jürgen Völkert-Marten – Ratlos

      Jürgen Völkert-Marten – Ratlos

      Es ist das erste Gedicht, dass mir auffällt, als ich nach dem abgedruckten Holzschnitt von Heinz Stein suche. Ich überlege, ob ich das Heft gleich wieder schließe. Manchmal trifft man auf Texte, die so gar nicht, nicht mehr zu eigenen Lebenssituation passen. Also, ich habe es dennoch gelesen und hier ist meine – auf Abstand…

    • Jürgen Völkert-Marten UNSER FORTGESETZTER WUNSCH NACH OPTIMISMUS

      Jürgen Völkert-Marten UNSER FORTGESETZTER WUNSCH NACH OPTIMISMUS

      Jürgen Völkert-Marten entdeckte ich durch Zufall, auf der Suche nach Texten von Ille Chamier. Auf einer Verkaufsplattform bot der Autor verschiedene Ausgaben der Zeitschrift „jeder art“ an – und mit ihnen diesen schmalen Lyrikband aus dem Jahr 1977. Ergänzt durch einen Holzschnitt von Heinz Stein erwies sich der Fund als gedeihliche Entdeckung. Völkert-Marten stellt mit…

    • Jürgen Völkert-Marten

      Jürgen Völkert-Marten

      Jürgen Völkert-Marten (*23. Mai 1949 in Gelsenkirchen) ist ein deutscher Schriftsteller, der in erster Linie durch seine Lyrik bekannt wurde. Sein Debüt gab er 1974 mit dem Gedichtband Keine Zeit für Träumer. In den folgenden Jahrzehnten veröffentlichte er zahlreiche weitere Werke und etablierte sich als eine markante Stimme der deutschsprachigen Gegenwartslyrik. Der Autor lebt in…

    • Jürgen Völkert-Marten – Wege – Anders gelesen

      Jürgen Völkert-Marten – Wege – Anders gelesen

      Das Gedicht zeigt eine Spannung zwischen der Erfahrung von Wegen in der Natur und ihrer abstrakten Darstellung durch den Menschen. Während die Wege „inmitten metallisch glänzender Wasser“ scheinbar „nicht enden wollen“, sondern sich „biegen und den Ausgang finden“, werden sie in der kartografischen Abbildung „zusammengezogen“ und „verschwinden im Nichts“. Damit wird deutlich, dass Wege in…

    • PROMETHEUS – Jürgen Völkert-Marten

      PROMETHEUS – Jürgen Völkert-Marten

      Das Gedicht „Prometheus“ arbeitet mit einer besonderen Erzählsituation: Ein Sprecher wendet sich direkt an den mythischen Titanen selbst. Durch die durchgehende Du-Ansprache entsteht der Eindruck einer unmittelbaren Konfrontation mit der prometheus’schen Figur, die hier nicht nur als literarische Metapher fungiert, sondern als konkreter Gesprächspartner angesprochen wird. Die Umdeutung des Mythos Der Text nimmt eine interessante…

    • Jürgen Völkert-Marten – Wege – Lyrik

      Jürgen Völkert-Marten – Wege – Lyrik

      „Wege“ führt uns durch einen merkwürdigen Wechsel der Perspektiven: Erst sind wir mittendrin im Matsch und Regen, dann schauen wir von oben auf eine Landkarte. Diese Bewegung von der körperlichen Erfahrung zur abstrakten Betrachtung durchzieht das ganze Gedicht wie ein roter Faden. Unterwegs im Regen Die erste Strophe lässt uns förmlich die nassen Füße spüren.…

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