Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

Über „Wegen der Inseln“ von Susanne Neuffer, Merkur Nr. 905, 2024 | Dieser Text hat mehrere Fäden, denen man folgen könnte. Ich habe mich für einen entschieden.

Susanne Neuffers Kurzgeschichte, Miniatur erzählt von einer Schulklasse, die in Trauer verfällt. Oder so etwas Ähnlichem wie Trauer. Ausgelöst von einem neuen Mädchen namens Marsha, das eines Tages in schwarzer Kleidung erscheint — und bald zieht fast die halbe Schule nach.

Der entscheidende Moment kommt früh. Die Lehrerin geht auf Marsha zu, will fragen. Bevor sie es tut, sagt Marsha: „Frau Wendelin, es ist wegen der Inseln …“ — und geht weg. Satz abgebrochen. Keine Erklärung. Keine Einladung.

Was folgt, ist aufschlussreich: Die Lehrerin füllt die Lücke sofort. Marshallinseln. Namensähnlichkeit. Vielleicht die Pippi-Langstrumpf-Nummer. Sie deutet, ohne zu fragen. Und schläft danach eine Nacht lang Dokumentarfilme — holt also nach, was sie zuerst hätte tun sollen.

Das ist die eigentliche Frage, die der Text stellt: Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet?

Die Kinder handeln, ohne zu erklären. Schwarze Kleider — still, körperlich, kollektiv. Eine sehr archaische Form von Trauer und Protest gleichzeitig. Die Erwachsenen reagieren mit Worten: einhegen, stoppen, ausreden. Der Konflikt ist auch ein formaler.

Marsha selbst bleibt ungreifbar. Sie bricht Sätze ab. Sie erscheint und verschwindet. Am Ende zieht sie mit ihrem Vater in die Niederlande — und die Mutter? Die Trauer, die sie ausgelöst hat, gehört ihr, bevor sie irgendjemand anderem gehört. Neuffer gibt sie nicht preis.

Und dann der letzte Satz. Die Container der Grundschule nebenan sind im Regen weggesackt, das Wasser steht im Hof, eine vierte Klasse drängt sich ins Klassenzimmer. Die Lehrerin schaut aus dem Fenster und denkt: „Sie fanden doch immer eine.“

Ein erschöpfter Satz. Die Verwaltung übernimmt, wo das Denken aufhört.

Das Wasser steht übrigens schon im Keller.

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