Kategorie: Angeregte Dialoge
Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.
In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.
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Einblicke in den Alltag einer schottischen DorfBuchhandlung
1–2 MinutenEinblicke in den Alltag einer Buchhandlung: Shaun Bythells „Tagebuch eines Buchhändlers“ Shaun Bythells „Tagebuch eines Buchhändlers“ gewährt Lesenden einen ungewöhnlichen Zugang in die Welt des Einzelhandels mit Büchern. Auf den Seiten dieses Buches entfaltet sich ein chronologischer Bericht über ein Jahr im Leben einer Antiquariatsbuchhandlung in Wigtown, Schottland. Die Einträge, datiert und oft von lakonischem…
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Körper als Archiv
2–3 MinutenIn Annette Hagemanns „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ offenbart sich der Körper als ein vielschichtiges Archiv, in dem die Spuren der Herkunft auf ebenso subtile wie prägnante Weise gespeichert sind. Vordergründig scheinen die Erbschaften des lyrischen Ichs in ihrer Konkretheit begrenzt: die spezifische „Form der Röte auf den Wangen“, ein genetisches Vermächtnis der Mutter, das den…
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Annette Hagemann – MEINE ERBSCHAFT IST DIESE
Annette Hagemanns Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ setzt sich behutsam mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung auseinander. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt – die spezifische Röte der Wangen der Mutter, eine deformierte Jazzplatte aus New York, ein unscheinbarer Koi des Vaters –, erscheinen zunächst als marginale Alltagsfragmente. Doch…
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Wäre ich ein Algorithmus, der eure Sehnsucht füttert…
2–3 Minuten/ Nach Paul Klee, für das 21. Jahrhundert Wäre ich ein Algorithmus, der eure Sehnsucht füttert,ich würde zitternd scrollen – so viele Bitten, so viel Zorn.„Lösch die Hasskommentare!“, „Zeig mir nur, was mich nicht stört!“Doch das Gute braucht den Streit, sonst wär’s ein ödes Like nach Schema. Ich könnte euch die Timeline fluten mit Fakten,…
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Wäre ich ein Polit-Unternehmer, der die Welt regiert…
2–3 Minuten/ Nach Paul Klee, für das Zeitalter der Public-Private-Power-Plays Wäre ich ein Polit-Unternehmer, der die Welt regiert,ich würde Milliardengewinne „nachhaltig“ verwalten –den Regenwald retten, aber nur als CO₂-Zertifikat,und Flüchtlingsboote stoppen … mit Drohnen, die mein Start-up baut. „Gemeinwohl“ wär mein Hashtag, doch der Deal macht mich zum Gott:Ich spreng‘ die Steuertöpfe, nenn‘s „Innovationsfonds“,und wenn die…
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Paul Klee | Wäre ich ein Gott, zu dem man betet
4–6 MinutenWäre ich ein Gott, zu dem man betet,ich käme in die größte Verlegenheit,von einem Tonfall des Bittenden irgendwo gerührt zu werden.Sobald das Bessere nur leise anklänge,würde ich gleich Ja sagen,«stärkend das Bessere mit einem Tropfen von meinem Tau».Somit würde von mir ein Teilchen gewährt,und immer wieder nur ein Teilchen,denn ich weiß ja sehr wohl,daß das…
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Jürgen Völkert-Marten – Wege – Anders gelesen
3–5 MinutenDas Gedicht zeigt eine Spannung zwischen der Erfahrung von Wegen in der Natur und ihrer abstrakten Darstellung durch den Menschen. Während die Wege „inmitten metallisch glänzender Wasser“ scheinbar „nicht enden wollen“, sondern sich „biegen und den Ausgang finden“, werden sie in der kartografischen Abbildung „zusammengezogen“ und „verschwinden im Nichts“. Damit wird deutlich, dass Wege in…
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Renatus Deckert
Renatus Deckert (*1. Mai 1977 in Dresden) ist ein deutscher Autor, Herausgeber und Literaturwissenschaftler. Er studierte Literatur und Philosophie in Hamburg, Berlin und Paris. 2009 promovierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit über das Motiv des zerstörten Dresden im Werk der Dichter Volker Braun, Heinz Czechowski und Durs Grünbein. Von 1997 bis…
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Adolf Endlers Welten entdecken
2–3 MinutenIch besuchte einen Schreibworkshop von Renatus Deckert im Lüneburger Literaturhaus. Dabei erwähnte er seine Arbeit als Herausgeber. Als regelmäßiger Leser seines Newsletters ‚Wolken und Kastanien‘ schätze ich seine Texte und suchte daher nach seinen Büchern. So fand ich ‚Dies Sirren‘: Gespräche mit Adolf Endler. Dieser Autor, ist mir völlig fremd. Beim Lesen des Klappentextes entstand…
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Vom Roman zur eigenen Spurensuche
2–3 MinutenIch möchte Franz Hohlers Roman „Das Päckchen“ zum Sprungbrett für eigene, reale Entdeckungen machen. Also: Ein literarisches Abenteuer in die Praxis übertragen. Ein erster – unausgereifter – Plan: I. Dem „Abrogans“ auf der Spur: Historische Grundlagen erforschen II. Bibliothekare als Detektive: Berufsbilder und reale Fälle III. Vom Text zum Objekt: Praktische Erkundungen IV. Literarische Spurensuche: Romane…
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Das Päckchen – Franz Hohler
3–4 MinutenFranz Hohler, der Schweizer Meister der leisen Töne, entführt uns in seinem 2017 erschienenen Roman Das Päckchen (Luchterhand Literaturverlag) auf eine Reise durch Zeit und Verantwortung. Die Geschichte ist mehr als nur eine spannende Quest (So bezeichnet von der hiesigen Bibliothekarin im Schulzentrum) – es ist eine Parabel über kulturelles Erbe, historische Schuld und die unerwartete Macht kleiner…
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Die Lücke im Gedicht
3–4 MinutenVom Kritisieren zum Handeln: Die Lücke im Gedicht und unser aktiver Beitrag Das Gedicht, das wir gemeinsam betrachtet haben – ich denke – , zeichnet ein scharfes Bild einer Welt, in der der Mensch zu einem bloßen Objekt wird, verwaltet und optimiert von einem anonymen „Wir“. Es ist eine Anklage, ein Weckruf, der uns vor…
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ich denke – Günter Abramowski
Eine Annäherung | Dieses Gedicht – eigentlich ohne Titel – steht auf dem Buchdeckel des Bandes zu / das haus / auf dem weg und scheint eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zur Zeit, zur Welt und zum eigenen Ich zu sein. Den ersten Teil, „auch bin ich was ich weiß / trotz dem /…
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Besuch aus der Vergangenheit – Renate Welsh
3–4 MinutenRenate Welsh veröffentlichte ihren Jugendroman „Besuch aus der Vergangenheit“ 1999. Das Buch erschien beim Arena Verlag, später auch in einer Textausgabe mit Unterrichtsmaterialien. Es umfasst etwa 144 Seiten und richtet sich an Leserinnen und Leser ab 12 Jahren. Die Geschichte beginnt mit einer unerwarteten Begegnung: Als Lena nach Hause kommt, steht eine Frau vor der…
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Die Geschichte von den drei Steinen (anders erzählt)
1–2 MinutenDiese kurze Geschichte ist ein tastender Gegenvorschlag. Wenn man den leisen Verlust am Ende von Peter Bichsels Erzählung umkehrt und stattdessen eine leise Bereicherung (klingt besser als Gewinn) imaginiert, ergibt sich eine alternative, aber im Geist verwandte Geschichte – sanft, zart, fast beiläufig, und dennoch mit existenzieller Tiefe. Ich versuche sie so zu erzählen, wie…
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Das sind ja nur drei Steine!
4–6 MinutenIn Peter Bichsels Kurzgeschichte „Die Geschichte von den drei Steinen“ steht die Bedeutung sprachlicher Benennung im Zentrum. Ein Mann findet drei gewöhnliche Steine, hebt sie auf und gibt ihnen Namen: „Ich nannte den einen Herrn Babel, den zweiten Herrn Bohm und den dritten Herrn Buht.“ Durch die Namensgebung unterscheidet er sie voneinander und verleiht ihnen…
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Peter Bichsel – Die Geschichte von den drei Steinen
1–2 MinutenEin Mann findet drei gewöhnliche Steine und beschließt, ihnen eigene Namen zu geben. Er nennt sie „Herr Babel, „Herr Bohm und „Herr Buht“. Für ihn sind diese Steine ab sofort nicht mehr bloß Steine, sondern Individuen mit bestimmten Eigenschaften, über die er nachdenkt, spricht und sich freut. Er zeigt sie auch einem Kind und bringt…
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Wasserglaslesung
1–2 MinutenEin Glas Wasser stehtzwischen mir und dem Satz.Ich trinke –die Worte versickern in der Kehle,bevor sie sich formen. Sprechen ist Ausatmen,Trinken: Rückkehr. Der Text will klar seinwie Wasser im Glas,doch der Rand bricht das Licht,und zwischen Lippen und Ohrverwischt Bedeutung. Ich sehe dichdurch die gewölbte Wand,du hörst michdurch den Dunst der Sprache. Wir trinken.Wir sprechen.Und…
