Kategorie: Angeregte Dialoge

Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.

In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.

  • WORTSCHAU 43 – Es hört nie auf

    WORTSCHAU 43 – Es hört nie auf

    Diese Ausgabe des Literaturmagazins WORTSCHAU präsentiert sich als besonders lyrik-fokussierte Publikation mit Thomas Kunst als Hauptautor. Feridun Zaimoglu charakterisierte Kunst in seiner Kleist-Preis-Begründung als den „sprachbesessensten und herzverrücktesten deutschen Dichter unserer Zeit“ – eine durchaus plakative Zuschreibung, die der Leser selbst überprüfen kann.

    Kleine Einblicke in Thomas Kunsts Gedankenwelt | Der beigefügte Fragebogen gibt Einblicke in die Persönlichkeit des Hauptautors. Kunsts Fantasie wird von Bildern wie „Frau Holle, das Nilpferd Eolin, die Londoner Schweiz“ angeregt, während er die Welt als „sinnlos vermögend und untergangsverliebt“ beschreibt. Sein Lieblingswort ist „Fürderhin“, während er eine Abneigung gegen „Reisemotto“ äußert.

    Auf die Frage nach seinem Schreibmotiv antwortet Kunst: „Weil ich täglich eine Gegenwelt brauche, um nicht müde zu werden.“ Seine Bewunderung gilt dem uruguayischen Ex-Präsidenten Pepe Mujica („Weil ich ihn liebe und seine humanistische Intelligenz verehre“) sowie Tommaso Landolfi, dem er den Literaturnobelpreis zusprechen würde.

    WORTSCHAU Verlag – WORTSCHAU #43 – Erschienen im März 2024 | ISBN: 978-3-944286-44-0

    Bild und Text in Verbindung

    Die Ausgabe verbindet die Gedichte mit den Zeichnungen von Jörn-Peter Budesheim. Dessen Arbeiten bewegen sich zwischen Realismus und Abstraktion und loten das Thema Mensch in verschiedenen Schattierungen von Schwarz aus. Das Zitat „Nur manchmal / Wenn du außer dir bist / Kommst du zu dir“ verdeutlicht die Verbindung zu Kunsts Lyrik.

    Die internationale Dimension bringt Wolfgang Schiffer ein, der als Übersetzer aus dem Isländischen Gedichte von Sjón und Eybór Arnason für diese Ausgabe auswählte und ins Deutsche übertrug.

    Aus über zweihundert Einreichungen entstand eine Zusammenstellung von Texten folgender Autorinnen und Autoren: Marion Gay, Rumiana Ebert, Jane Wels, Matthias Schramm, Christoph Danne, Ulrich Koch, Frank Milautzcki, Marina Büttner, Kathrin Schadt, Kathrin Niemela, Stefan Hölscher, Elke Engelhardt, Werner Weimar-Mazur, Eline Menke und Annette Hagemann.

    Die Herausgeber Johanna Hansen und Wolfgang Allinger beschreiben den „so lustvoll wie differenzierten Umgang mit Sprache“ als das, was sie begeistert und ihr Motor ist weiterzumachen. Der Titel „Es hört nie auf“ erinnert mich dabei an ein Perpetuum Mobile – ein kreativer Kreislauf, in dem eins zum nächsten führt und die Energie der Sprachbeschäftigung kontinuierlich weiterträgt.

    Jörn Peter Budesheim - WORTSCHAU 43 -LR
    Jörn Peter Budesheim – WORTSCHAU 43 -LR
    Jörn Peter Budesheim - WORTSCHAU 43 -234
    Jörn Peter Budesheim – WORTSCHAU 43 -234

  • Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

    Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

    Es ist unbefriedigend, etwas teilen zu wollen, was man nicht direkt zeigen kann. Wie in diesem Fall: „Schief gewickelt, wie ich bin!“ Frottage mit Zeichnung von Ille Chamier. Daher habe ich versucht festzuhalten was ich dem Bild entlockt habe:

    Falsche Schritte?

    Sie steht da, ein Knoten aus Linien und Schatten,
    geformt aus Plänen, die nie so aufgingen, wie gedacht.
    Die Bänder um sie – keine echten Fesseln,
    sondern die Reste von Erwartungen,
    in denen sie sich selbst verheddert hat.

    Die Schuhe – schwer und unpassend für den Tanz,
    wie Überbleibsel einer Reise,
    die nicht zu der Bühne führte, die sie sich ausgemalt hatte.
    Und doch schwingt das linke Bein,
    als könne man aus falschen Schritten neue Takte bauen.

    Der Zylinder, leicht schief,
    trägt den Humor eines Menschen,
    der sich eingesteht: „Ich habe mich geirrt.“
    Aber er trägt ihn wie eine Krone, nicht wie eine Last.

    Denn der Irrtum stoppt sie nicht.
    Er ist Teil der Choreografie geworden –
    ein Umweg, der sich im Rhythmus verliert.
    Sie tanzt nicht, um Recht zu haben.
    Sie tanzt, weil die Musik weitergeht.

    Ein Zwinkern

    Sie steht da, eingehüllt in Linien und Schatten,
    wie in Tücher gewickelt, die nicht wärmen, sondern festhalten.
    Die Schuhe zu groß, zu schwer für Pirouetten,
    und doch schwingt das linke Bein, als könne es jeden Moment abheben.

    Der Zylinder auf dem Kopf – ein Gruß an die Bühne,
    vielleicht auch ein Schutzschild gegen den Blick der Welt.
    Die Hände, ineinander verschränkt,
    halten etwas zurück, das in ihr längst begonnen hat:
    eine Bewegung, die nicht fragt, ob sie darf.

    Es ist kein klassisches Ballett,
    keine strenge Choreografie,
    sondern ein Tanz, der sich selbst erfindet
    zwischen Schwere und Leichtigkeit.

    Das „schief gewickelt“ ist keine Entschuldigung,
    sondern ein Zwinkern –
    denn sie weiß: Auch mit klobigen Schuhen
    kann man tanzen,
    wenn die Musik im Inneren klar genug ist.


    Zum Abschluss eine verschränkte Version, in der Bewegung, Selbstironie, und Irrtum gleichzeitig mitschwingen:

    Eine Pointe

    Sie steht da, eingehüllt in Schatten und Strukturen,
    als habe sie sich selbst mit den Resten alter Pläne umwickelt.
    Die Wickel sind weich, sie schneiden nicht ein –
    und doch halten sie sie länger fest, als nötig wäre.

    Die Schuhe sind zu klobig für Pirouetten,
    als wollte sie sich absichtlich beschweren,
    damit sie nicht ganz vom Boden abhebt.
    Vielleicht aus Angst.
    Vielleicht, weil sie sich einmal sicher war,
    wohin der Weg führt –
    und sich darin geirrt hat.

    Der Irrtum hat Spuren hinterlassen:
    Linien, die quer durch den Körper laufen,
    wie Notizen einer Geschichte,
    die nicht so verlief wie geplant.

    Aber der Körper ist nicht starr.
    Das angewinkelte Bein, die Drehung im Oberkörper,
    der leicht geneigte Kopf –
    alles erzählt von einer Bewegung,
    die in ihr längst begonnen hat.

    Das „schief gewickelt“ ist kein Schuldspruch.
    Es ist eine Pointe,
    ein Zwinkern an sich selbst:
    „Ja, ich habe mich vertan. Und jetzt tanze ich trotzdem.“

    Denn selbst falsche Schritte
    können Teil einer Choreografie werden,
    wenn man sie im richtigen Takt setzt.

    Foto: Kristina Tochilko

  • Setz dich hin und lächle. Tanztheater von Pina Bausch

    Setz dich hin und lächle. Tanztheater von Pina Bausch

    Der Band „Setz dich hin und lächle. Tanztheater von Pina Bausch“ erschien 1979 im Prometh-Verlag in Köln. Auf 112 Seiten vereint er Schwarz-Weiß-Fotografien von Ulli Weiss mit Texten von Ille Chamier. Die Veröffentlichung fällt in eine Phase, in der Pina Bausch das Tanztheater Wuppertal bereits seit sechs Jahren leitete und ihre Arbeiten international wahrgenommen wurden.

    Der Titel des Buches – „Setz dich hin und lächle“ – stammt aus dem Begleittext zu Kontakthof. Er verweist auf einen Moment aus Bauschs Bühnenarbeit und spiegelt zugleich die Verbindung von Bewegung, Gestus und atmosphärischem Ausdruck, die viele ihrer Stücke prägt.

    In einem Interview beschrieb Ille Chamier das Buch als „keine Dokumentation, sondern künstlerisch umgesetzte Erfahrung“. Entsprechend werden Szenen aus Bauschs Produktionen nicht nur abgebildet, sondern in eine eigenständige visuelle und sprachliche Form übertragen. Die Fotografien von Ulli Weiss zeigen Aufführungsmomente in statischer Form, während die Texte von Ille Chamier diese Bilder mit Kontext und assoziativen Reflexionen verbinden.

    Das Buch enthält Szenen aus folgenden Stücken:

    • Die sieben Todsünden (Brecht/Weill)
    • Die sieben Todsünden der Kleinbürger
    • Fürchtet euch nicht (1976)
    • Blaubart – beim Anhören einer Tonbandaufnahme von Béla Bartóks Oper „Herzog Blaubarts Burg“ (1977)
    • Komm tanz mit mir – unter Verwendung alter Volkslieder (1977)
    • Renate wandert aus – Operette von Pina Bausch (1977)
    • Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloss, die anderen folgen – Macbeth-Bearbeitung (1978, Schauspielhaus Bochum mit den Wuppertaler Bühnen)
    • Kontakthof – mit Tangos und sogenannter „leichter Musik“ (1978)
    • Café Müller (1978)

    Bei allen aufgeführten Produktionen arbeitete Pina Bausch mit Rolf Borzik zusammen, der für Bühne, Kostüm, Maske sowie für fotografische und videografische Arbeiten verantwortlich war.

    „Setz dich hin und lächle“ verbindet so fotografische und sprachliche Gestaltung zu einer eigenen Form, die die Bühnenarbeiten nicht lediglich dokumentiert, sondern als künstlerische Erfahrung neu interpretiert.

    Buchinformationen:
    PINA BAUSCH. ULLI WEISS (FOTOS). ILLE CHAMIER (TEXT)
    SETZ DICH HIN UND LÄCHLE. TANZTHEATER VON PINA BAUSCH.
    Verlag: PROMETH, Köln
    Einband: Paperback
    Aus den Inszenierungen: KOMM TANZ MIT MIR. BLAUBART. RENATE WANDERT AUS. DIE SIEBEN TODSÜNDEN. KONTAKTHOF. CAFÉ MÜLLER. ER NIMMT SIE AN DER HAND UND FÜHRT SIE IN DAS SCHLOSS, DIE ANDERN FOLGEN.
    Antiquarisch erhältlich

    • Ille Chamier & Karen Roßki

      Ille Chamier & Karen Roßki

      DAS ZÜNDBLÄTTCHEN – Heft 21 LektüreNotizen | Das Heft beinhaltet acht Gedichte der in Düsseldorf lebenden Autorin Ille Chamier und vier Bleistiftzeichnungen der Dresdner Künstlerin Karen Roßki. Stammabschnitte von Bäumen, die, obwohl blattlos, für mich die Energie der vier Jahreszeiten vermitteln. Details von Ästen, , markante Jungbäume, Totholz(?). Die Zeichnungen erinnern teils an Fabelwesen, so…

    • Ille Chamier – Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…

      Ille Chamier – Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…

      Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen: Die Last der unsichtbaren Arbeit Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:…

    • Ille Chamier – Werk und Wege

      Ille Chamier – Werk und Wege

      Ille Chamiers Werk bewegt sich zwischen Tanz, Lyrik und bildender Kunst. Geboren 1937 am Niederrhein, begann sie ihr Studium 1956 mit Tanz an der Folkwangschule in Essen – gemeinsam mit Pina Bausch (Tanztheater Wuppertal). Nach einem Studium der Germanistik und Romanistik in München bis 1962 kehrte sie nach Düsseldorf zurück. Dort verbrachte sie Anfang der…

  • Arien

    Arien

    Eine Annäherung basierend auf Ille Chamiers Text zum Stück. (s.u.) „Arien“ ist ein abendfüllendes Tanztheaterwerk von Pina Bausch, das 1979 uraufgeführt wurde. Grundlage war eine intensive Probenphase, in der das Ensemble über Improvisationen, spontane Szenenentwicklungen und das Kombinieren scheinbar unverbundener Elemente arbeitete.
    Ille Chamier, Autorin auch des Programmhefttextes, dokumentierte nicht nur die Fakten zur Produktion, sondern auch atmosphärische Beschreibungen, Assoziationen und Beobachtungen aus dem Probenprozess. – Auf mich wirkt dies wie ein Auszug aus einem Kollektaneebuch.

    Titel: „Arien“ – Uraufführung am Wuppertaler Tanztheater, 1979
    Konzept, Inszenierung, Choreographie: Pina Bausch
    Mitarbeit: Marion Cito, Hans Pop
    Bühne & Kostüme: Ralf Borzik
    Premiere: 12. Mai 1979, Wuppertaler Bühnen
    Spieldauer: ca. 2 ¾ Stunden, eine Pause

    Die Arbeit folgte Bauschs charakteristischem Verfahren: Fragen, Improvisationen und Erinnerungen der Tänzerinnen und Tänzer führten zu einer Sammlung von Szenen, die miteinander verwoben wurden. Dabei entstanden wiederkehrende Themen: Nähe und Distanz zwischen Menschen, kindliche Spiele, Rollentausch, gesellschaftliche Rituale, absurde und poetische Alltagsmomente.

    Szenische Motive:

    Wasser als zentrales Bühnenelement: Die Bühne ist teilweise geflutet; Figuren bewegen sich darin, sitzen oder liegen im Wasser. Es steht für Erinnerung, Zeitfluss und emotionale Räume.
    Tierassoziationen: Bilder von toten oder imaginären Tieren (Frosch, Rochen, Krebsscheren) tauchen in kindlich inszenierten „Fundstück“-Szenen auf.
    Nähe und Distanz: Umarmungen, getragen werden, Hilflosigkeit, Weggehen; Rollenwechsel zwischen Männern und Frauen.
    Rituale und Spiele: Hochzeits- und Balzrituale, Wettläufe, Gesellschaftstänze, Spiele mit festen Regeln; Lachen als Abwehr oder Machtdemonstration.
    Verkleidungen: Absurd arrangierte Kostüme aus Alltagsgegenständen, groteske und poetische Verwandlungen.
    Arien als dramaturgische Inseln: Klassische Opernfragmente unterbrechen oder begleiten Szenen und stehen im Kontrast zu stillen, physischen Handlungen.

    Eingebettetes Gedicht im Programmheft:
    Mitten zwischen Probenbeobachtungen und Szenenbeschreibungen erscheint im Programmheft ein kurzes Gedicht:

    und da, wo du liegst
    stieg aus der Erde
    das Wasser, es weinte
    das Land, ein Tier
    trieb vorüber, im Nachtrauch
    schwärmen die Fliegen
    wo fließt dein Haar
    deinen Bauch
    trat ich mit Füßen
    ach und dein Herz
    trinkt niemand mehr aus

    Ille Chamier

    Dieses Gedicht greift zentrale Motive der Inszenierung auf – Wasser, Körper, Natur, Tier, Verfall – und verdichtet sie zu einer lyrischen Szene. Es steht nicht abseits, sondern ist Teil derselben Bild- und Themenwelt wie das Bühnengeschehen.
    Einige Besonderheiten:
    Keine lineare Handlung; Szenenfolge basiert auf assoziativer Montage.
    Verbindung von Tanz, Schauspiel, Musik, Alltagsbewegungen und Sprachfragmenten.
    Wechsel zwischen poetischen, humorvollen und melancholischen Momenten.
    Programmheft von Ille Chamier dokumentiert den Entstehungsprozess, listet thematische und szenische Elemente und enthält Texte, die sowohl beschreibend als auch eigenständig künstlerisch gestaltet sind.

    Szenische und thematische Elemente
    Bewegungsmaterial und Bilder: Umarmungen, Wettläufe, Stillstehen, gemeinsames und einsames Sitzen, Stürze, kleine Gesten, Wasser auf der Bühne, Verkleidungen, Gesellschaftstänze, Balzrituale, spielerische Handlungen und wiederkehrende Motive wie „erstarrte Paare“.
    Bühnenbild: Die Bühne war teils mit Wasser gefüllt, was Bewegungen verlangsamte und symbolisch für Erinnerung, Zeitfluss und emotionale Tiefe stand.
    Musik: Mischung aus klassischer und populärer Musik, u.a. Beethoven (Mondscheinsonate), Mozart (Eine kleine Nachtmusik), Rachmaninow (Préludes), Schumann (Kinderszenen), Opernarien von Beniamino Gigli, sowie Musik der Comedian Harmonists.

    Textpassagen und Beobachtungen | Chamiers Text im Programmheft verbindet Beschreibungen der szenischen Eindrücke mit fragmentarischen Gedanken, Dialogfetzen und improvisierten Erzählungen aus der Probenzeit.
    Figuren wirken oft wie zwischen Kindheit und Erwachsenenalter gefangen.
    Wiederkehrendes Motiv: Menschen in ritualisierten Handlungen, zwischen Heiterkeit und Melancholie.
    Spiele als Metapher für Zeitvertreib, soziale Regeln und Machtverhältnisse.
    Wasser als Bühnen- und Erinnerungselement: es wird nicht nur visuell, sondern auch klanglich und symbolisch genutzt.
    Arien als Ausdruck von Trauer, Sehnsucht oder Übersteigerung von Gefühlen; eine Umfrage unter Mitwirkenden zeigt unterschiedliche persönliche Assoziationen dazu.

    Künstlerische Handschrift | Das Werk steht exemplarisch für Pina Bauschs Arbeitsweise:
    Szenen entstehen aus biografischen und imaginären Antworten der Mitwirkenden.
    Alltagshandlungen, Tanz, Theater und Musik werden verflochten.
    Humor und Absurdität existieren neben existenziellen Themen wie Liebe, Vergänglichkeit, Angst oder Erinnerung.

    Ille Chamier gelingt es in ihrem Text, den Entstehungsprozess, die Atmosphäre der Proben und die ästhetische Wirkung der Aufführung nicht nur zu dokumentieren, sondern auch literarisch zu spiegeln. Ihr Programmheftbeitrag ist sowohl Werkbeschreibung als auch eigenständiges künstlerisches Stück Prosa.

    Titelbild:  Yassine Ait Tahit

  • Guido Zernatto || Gebet

    Guido Zernatto || Gebet

    Ich bete zu Gott, weil in seiner Hand
    Mein Sein ist, mein Leib, mein Gefühl, mein Verstand,
    Mein Hoffen, mein Trachten zu jeglicher Stund
    Und ohne ihn redet kein Wörtlein mein Mund.

    Ich bete zu Gott, weil das Firmament
    Kein Licht und kein Lebendsein ohne ihn kennt;
    Ohne ihn steigt kein Tag auf den Bergen ins Licht,
    Ohne ihn ist kein Mittag und Abendzeit nicht.

    Ich bete zu Gott, weil ich dasteh und schau
    Und begreif und andächtig den Boden bebau,
    Weil ich weiß, daß ich ohne sein Gnad und Gewähr
    Nicht Licht hätt und tot wie ein Ackerstein wär.

    1930er Jahre

    Guido Zernatto (* 21. Juni 1903 in Treffen; † 8. Februar 1943 in New York City, USA) war ein österreichischer Schriftsteller und Politiker.

    Annähernd gelesen | Das Gedicht von Guido Zernatto (1930er Jahre) beschreibt die völlige Abhängigkeit des lyrischen Ichs von Gott.

    • Strophe 1: Alles Persönliche – Körper, Gefühle, Verstand, Hoffnung, Handeln, Sprache – wird als in Gottes Hand liegend beschrieben.
    • Strophe 2: Auch die Natur – Himmel, Licht, Tageszeiten – existiert nicht ohne Gott.
    • Strophe 3: Der Mensch kann nur sehen, verstehen, arbeiten und leben, weil Gott ihm Gnade gibt; ohne ihn wäre er leblos wie ein Stein.

    Aus dem Gedicht spricht eine Sicht, in der Gott Ursprung, Erhalter und Garant allen Seins ist – sowohl individuell als auch kosmisch.

    Christlich-theologische Perspektive
    In der christlichen Tradition gilt Gott als jemand, der in Beziehung zu den Menschen treten will. Gebet ist erwünscht, nicht weil Gott es „braucht“, sondern weil es Ausdruck von Liebe, Vertrauen und Gemeinschaft ist. Es wird als Antwort des Menschen auf Gottes Handeln verstanden und als Teil einer lebendigen Beziehung.

    Philosophisch-neutrale Perspektive
    Aus rein vernunftgeleiteter Sicht könnte ein vollkommenes Wesen weder Bedürfnis noch Mangel haben, also auch kein Gebet „brauchen“. Gebet wäre dann vor allem für den Menschen selbst wirksam – als Mittel zur Selbstbesinnung, moralischen Ausrichtung oder inneren Ruhe – unabhängig davon, ob ein Gott es hört oder will.

    Fragen zur Selbstklärung
    Die eigene Position hängt von Grundannahmen über Gottes Natur, vom Verständnis von Gebet und seiner Wirkung sowie von der Einschätzung ab, ob und warum Gott menschliche Zuwendung „wollen“ könnte. Der Fragenkatalog oben hilft, zwischen einer beziehungsorientierten und einer menschenzentrierten Sicht einzuordnen, wo man selbst steht.

    Fragenkatalog zur eigenen Position

    A. Grundannahmen über Gott

    • Glaube ich an einen Gott?
    • Wenn ja, wie stelle ich ihn mir vor – persönlich, unpersönlich, Schöpfer, Energie, etwas anderes?
    • Wenn Gott vollkommen ist – könnte er überhaupt etwas „brauchen“ oder „wollen“?

    B. Gebet und Beziehung

    • Sehe ich Gebet als Gespräch mit jemandem oder als inneren Monolog?
    • Ist Gebet für mich eher eine Pflicht, ein Bedürfnis, oder eine spontane Regung?
    • Brauche ich es, dass Gott mich „hört“, oder reicht es mir, dass ich selbst innerlich spreche/denke?

    C. Sinn und Wirkung

    • Erwarte ich, dass Gebet etwas in der Welt verändert, oder eher mich selbst?
    • Gibt mir Gebet Orientierung, Ruhe oder Kraft – auch unabhängig von einer Antwort?
    • Ist Anbetung für mich Ausdruck von Dankbarkeit oder eher von Unterordnung?

    D. Gottes Wille

    • Wenn ich glaube, dass Gott Gebet will: warum?
    • Wenn nicht: warum nicht – und was heißt das für mein eigenes Beten oder Nicht-Beten?

    Seit Anfang 2025 setze ich mich eher mit einer Zen- bzw. buddhistischen Perspektive auseinander. Der Blick auf das Gedicht und das Thema „Gott will Gebet“ sieht dann ganz anders aus, weil zentrale Begriffe und Annahmen dort nicht vorkommen oder völlig anders gefüllt werden.

    Grundlagen im Buddhismus / Zen

    • Kein personaler Gott: Im klassischen Buddhismus gibt es keine Schöpfergottheit, die die Welt gemacht oder erhält.
    • Ziel: Erwachen (Erkenntnis der Wirklichkeit, Überwindung von Leid), nicht Beziehung zu einem Gott.
    • Praxis: Meditation, Achtsamkeit, ethisches Handeln – nicht als Dienst an einer Gottheit, sondern zur Befreiung des Geistes.

    Bezug zum Gedicht

    Abhängigkeit: Das Gedicht schreibt alles – Körper, Natur, Leben – einem Gott zu. Im Buddhismus würde man diese Abhängigkeit eher als wechselseitige Bedingtheit (Interdependenz) sehen: Alles existiert nur in Verbindung mit allem anderen, nicht durch den Willen eines einzelnen Wesens.

    • Dankbarkeit: Auch im Zen gibt es Dankbarkeit für das Leben, aber nicht als Gebet an eine Gottheit, sondern als achtsames Erleben des Augenblicks und Respekt vor allen Erscheinungen.
    • „Ohne ihn wäre ich wie ein Stein“: Buddhistisch gedacht wäre ein Stein nicht „tot“, sondern einfach eine andere Form von Existenz, die genauso Teil des Ganzen ist.

    Zen-Perspektive auf Gebet

    • Kein Bitten an eine Instanz: Stattdessen Sitzen in Stille (Zazen), um Illusionen und Ich-Bindung zu durchschauen.
    • „Wollen“ entfällt: Die Frage, ob ein Gott etwas „will“, stellt sich nicht – weil kein personaler Gott vorausgesetzt wird.
    • Richtung nach innen: Was im Theismus Gebet ist, ist im Zen eher eine Form innerer Einkehr und Loslassen – ohne Adressaten.

    Kurz gesagt:

    • In der christlichen Sicht ist Gebet Beziehung zu einem personalen Gott.
    • In der philosophischen Sicht ist Gebet vor allem eine menschliche Praxis, unabhängig von Gott.
    • In der Zen-/buddhistischen Sicht gibt es keinen Adressaten wie im Gedicht; spirituelle Praxis dient dem Erwachen und nicht dem Erfüllen eines göttlichen Willens.

    Aus dieser Position heraus habe ich mich in einem „Gegenentwurf“ versucht: nicht lyrisch „betend“, sondern in der Haltung des Zen-Diskurses:
    Keine Zuschreibung an einen personalen Schöpfer, sondern Bedingtes Entstehen (Pratītyasamutpāda)
    Keine Hierarchie Mensch–Gott–Natur, sondern gegenseitige Verbundenheit
    Dankbarkeit ohne Adressat – Achtsamkeit und Akzeptanz statt Lob oder Bitte

    „Sitzen in der Leere“

    Ich sitze still,
    nicht weil ein Gott mich trägt,
    sondern weil dieser Atem
    aus unzähligen Ursachen hervorgegangen ist:
    Luft, Sonne, Nahrung, Eltern, Erde, Regen.

    Ich sehe den Himmel,
    nicht als Werk einer Hand,
    sondern als Spiegel der unendlichen Wandlungen.
    Die Berge erheben sich nicht für mich,
    die Sonne geht nicht für mich auf –
    und doch bin ich mit ihnen verbunden.

    Ich gehe über den Boden,
    nicht um ihn zu beherrschen,
    sondern um zu erkennen,
    dass ich selbst Boden bin.
    Stein, Baum, Wasser, Haut –
    alle aus demselben Stoff,
    alle vergehend, alle werdend.

    Darum danke ich nicht jemandem,
    sondern übe,
    jede Erscheinung
    ohne Festhalten zu sehen.

  • Ursula Mattheuer-Neustädt und Wolfgang Mattheuer Stiftung

    Ursula Mattheuer-Neustädt und Wolfgang Mattheuer Stiftung

    Die Ursula Mattheuer-Neustädt und Wolfgang Mattheuer Stiftung wurde 2006 von der Künstlerin Ursula Mattheuer-Neustädt ins Leben gerufen, um das künstlerische Erbe ihres verstorbenen Ehemannes, des renommierten Malers und Grafikers Wolfgang Mattheuer, zu bewahren. Die Stiftung hat ihren Sitz in Leipzig, im ehemaligen Wohn- und Arbeitshaus des Künstlerpaares in der Hauptmannstraße 1.

    Ziel der Stiftung ist es, die Werke beider Künstler wissenschaftlich zu erforschen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein besonderer Fokus liegt auf Wolfgang Mattheuers Tätigkeit als akademischer Lehrer und seinem prägenden Einfluss auf nachfolgende Künstlergenerationen. Die Stiftung sammelt, pflegt und verwaltet zahlreiche Gemälde, Plastiken, Zeichnungen und grafische Arbeiten sowie den schriftlichen Nachlass und publizistische Arbeiten beider Künstler. Darüber hinaus unterstützt sie wissenschaftliche Forschungen und Studien über ihr Werk.

    Um zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler zu fördern, die in der Tradition der gegenständlichen Kunst arbeiten, vergibt die Stiftung den „Ursula Mattheuer-Neustädt und Wolfgang Mattheuer Preis für gegenständliche Bildkunst“. Dieser Preis würdigt Künstler, die in ihrer Arbeit eine ähnliche kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und existenziellen Themen pflegen, wie es insbesondere Wolfgang Mattheuer tat.

    Ursula Mattheuer-Neustädt (1926–2021) wirkte als talentierte Zeichnerin, Grafikerin und Buchillustratorin. Sie studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und war sowohl als freie Künstlerin als auch als Lehrerin tätig. Ihre Buchgestaltungen wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Prädikat „Schönste Bücher“.

    Wolfgang Mattheuer (1927–2004) war einer der bedeutendsten Vertreter der Leipziger Schule. Seine Werke zeichnen sich durch eine symbolhafte Bildsprache und eine tiefgründige Reflexion über die menschliche Existenz aus. Mit seiner Kunst setzte er sich kritisch mit gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander und hinterfragte Normen und Ideologien.

    Durch die Gründung der Stiftung hat Ursula Mattheuer-Neustädt eine Institution geschaffen, die nicht nur das Erbe ihres Mannes und ihr eigenes bewahrt, sondern auch den künstlerischen Diskurs weiterführt. Sie ermöglicht es kommenden Generationen, sich mit den Werken dieser beiden Künstler auseinanderzusetzen und deren Einfluss auf die Kunstgeschichte lebendig zu halten.

    • Wolfgang Mattheuers Gedicht „August 1968″ zum Prager Frühling

      Wolfgang Mattheuers Gedicht „August 1968″ zum Prager Frühling

      26. August 1968 | An diesem Tag unterschreibt Alexander Dubček in Moskau unter massivem Druck das Protokoll, das die Niederschlagung des Prager Frühlings besiegelt. Die Panzer sind bereits fünf Tage zuvor einmarschiert, aber erst jetzt, an diesem Dienstag im August, wird die Kapitulation offiziell. Die Hoffnung auf einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ ist Geschichte. An…

    • Ein Zimmer für sich allein

      Ein Zimmer für sich allein

      Eine Begegnung mit Virginia Woolf über Umwege – Ausgangspunkt: Eine Lithographie von Wolfgang Mattheuer Manchmal führen merkwürdige Wege zu einem Text. In meinem Fall begann es mit einer Lithographie des DDR-Künstlers Wolfgang Mattheuer in dem Band „Äußerungen“. Zu finden ist der Druck vor dem ersten Texteintrag, trägt den Titel „Abendliches Studium“ und stammt aus dem…

    • Wolfgang Mattheuer als Erzählanlass – Werkstattbericht

      Wolfgang Mattheuer als Erzählanlass – Werkstattbericht

      Warum ich zögere | Ich lese Wolfgang Mattheuers Buch Äußerungen und zögere – immer wieder. Nicht, weil mich seine Bilder kalt lassen – im Gegenteil. Sie ziehen mich an, sie reizen mich, sie erzählen mir Geschichten, bevor ich selbst anfange zu schreiben. Aber genau da beginnt mein Zögern: Darf ich das überhaupt? Darf ich als…

    • Wolfgang Mattheuer – Äußerungen

      Wolfgang Mattheuer – Äußerungen

      Das Buch versammelt verschiedene Texte und Grafiken von Wolfgang Mattheuer. Titel und Gestaltung deuten an, dass es sich um eine Kombination von visuellen und verbalen Äußerungen handelt – Bild und Wort werden nebeneinander gestellt, zum Teil korrespondierend. Die Grafiken spiegeln das typisches Œuvre Mattheuers wider: Arbeiten auf Papier, Druckgrafiken, Holzschnitte / Linolschnitte / Lithographien. Die…

    • Ursula Mattheuer-Neustädt und Wolfgang Mattheuer Stiftung

      Ursula Mattheuer-Neustädt und Wolfgang Mattheuer Stiftung

      Die Ursula Mattheuer-Neustädt und Wolfgang Mattheuer Stiftung wurde 2006 von der Künstlerin Ursula Mattheuer-Neustädt ins Leben gerufen, um das künstlerische Erbe ihres verstorbenen Ehemannes, des renommierten Malers und Grafikers Wolfgang Mattheuer, zu bewahren. Die Stiftung hat ihren Sitz in Leipzig, im ehemaligen Wohn- und Arbeitshaus des Künstlerpaares in der Hauptmannstraße 1. Ziel der Stiftung ist…

  • Safiye Can – Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung

    Safiye Can – Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung

    Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):
    „Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“

    Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021

    Was steht da?
    Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In kurzen, imperativischen Zeilen fordert sie sie auf:

    • Solidarisch zu handeln („kauft von Frauen“, „steht zueinander“),
    • Sich zu organisieren („schließt euch zusammen“, „bildet eine Faust“),
    • Ihre Macht zu erkennen („erkennt eure Kraft“).
      Das wiederholte „Frauen“ wirkt wie ein Aufruf zur kollektiven Identität. Das Ziel ist explizit: eine radikale Veränderung („Die Welt muss lila werden“).

    Wie sagt sie es?

    • Form: Kein Reim, keine Metaphern – die Sprache ist knapp, fast manifestartig.
    • Ton: Dringlich, aber nicht wütend; der Fokus liegt auf Empowerment, nicht auf Anklage.
    • Symbolik: „Lila“ als Farbe des Feminismus steht für die utopische Vision.

    Was fehlt?
    Männer werden nicht erwähnt – weder als Gegner noch als Verbündete. Das Gedicht kreist ausschließlich um weibliche Selbstermächtigung.

    Aufbau des Gedichts

    Safiye Can - Poesie und PANDEMIE -Wallstein Verlag
    Safiye Can – Poesie und PANDEMIE -Wallstein Verlag
    • Wiederholung: Das Wort „Frauen“ beginnt jede Strophe – wie ein Ruf, der sich steigert.
    • Kurze Sätze: Keine Ausschweifungen, nur klare Aufforderungen („kauft von Frauen!“, „werdet laut!“).
    • Keine Geschichte: Es erzählt nichts, sondern handelt – wie ein Aufruf zur Tat.

    Sprache

    • Befehlsform: Überall steht, was getan werden soll („lest!“, „steht zueinander!“).
    • Bilder:
    • „Bildet eine Faust“ → Nicht wörtlich gemeint, sondern: Werdet stark gemeinsam.
    • „Lila Welt“ → Kein realer Ort, sondern ein Traum von Gleichberechtigung.
    • Einfache Worte: Keine komplizierten Begriffe – alles soll sofort verstanden werden.

    Wer spricht – und zu wem?

    • Eine Frau (oder Gruppe) zu anderen Frauen:
    • Männer werden nicht genannt, aber auch nicht beschimpft.
    • Es geht darum, unter sich Kraft zu sammeln.

    Wirkung

    • Motivierend: Soll Energie geben („erkennt eure Macht!“).
    • Provozierend: Die Ausschlusshaltung kann irritieren – aber das ist wohl Absicht.

    Vergleich mit anderen Texten

    Ähnlich wie:

    • Protestplakate („Streik!“) → Kurz, laut, fordernd.
    • Liedtexte von Aktivist*innen (z. B. *„Sister“* von P!nk) → Gemeinschaftsgefühl wecken.

    Was ich mitnehme

    1. Das Gedicht will etwas bewegen – nicht schön sein.
    2. Es ist kein Angriff, sondern ein Selbststärkungs-Tool für Frauen.
    3. Die Kraft liegt in der Einfachheit: Kein Rätselraten, nur Klartext.

    Fragen zum Weiterdenken:

    • Würde der Text schwächer wirken, wenn er „Alle“ statt „Frauen“ sagen würde?
    • Kann Kunst, Literatur auch dann wertvoll sein, wenn sie bestimmte Menschen ausschließt?

    Aus der Lektüre des Gedichtes sind diese Texte entstanden:

    • Safiye Can – Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung

      Safiye Can – Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung

      Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021 Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In…

    • Wie liest man ein Gedicht, das einen nicht meint?

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    • Die Farbe Lila

      Die Farbe Lila

      Die Verbindung zwischen der Farbe Lila im Gedicht Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung von Safiye Can und Die Farbe Lila (Buch/Film) von Alice Walker ist eher indirekt. Dennoch gibt es Überschneidungen in der Symbolik:   Alice Walkers Roman Die Farbe Lila (1982) & Film (1985) erzählt vom Überleben und Empowerment/Ermächtigung einer schwarzen Frau (Celie) – heute…

  • Atlantis lokalisieren – Nathalie Schmid

    Atlantis lokalisieren – Nathalie Schmid

    LektüreNotizen | Der Titel Atlantis lokalisieren klingt nach poetischem Forschungsauftrag. Dieses ‚Lokalisieren‘ meint weniger eine geografische Suche als einen schöpferischen Akt, der sich in Lyrik, Kunst und jeder anderen Form der Kreation vollzieht – und dessen Scheitern bereits einkalkuliert.
    Atlantis: ein Ort, der in Legenden existiert, in Spekulationen, in Wunschbildern. Ein Ort, der verschollen ist, weil er vielleicht nie da war. Und doch bleibt er verlockend konkret: eine Stadt, eine Insel, eine Zivilisation – untergegangen, vergessen, verdichtet im Bild einer Utopie. Ihn zu „lokalisieren“ heißt also mehr, als ihn auf einer Karte zu finden. Es heißt, ihn zu deuten, zu befragen, vielleicht sogar herzustellen.

    Nathalie Schmid hat die Gedichte dieser Sammlung in verschiedenen Rubriken untergebracht. Diesen sind jeweils Zitate vorangestellt. (Einige wenige Gedichte werden auch so eingeleitet) Bei der Überlegung, wie diese umschreiben möchte, habe ich einen Begriff gefunden, der passender ist, als Motto oder Epigraph: Exergue. Ursprünglich der leere Raum auf einer Münze oder Medaille unterhalb des Hauptbildes, der für Inschriften genutzt wurde. Im übertragenen Sinne bezeichnet es eine einem Buch oder Kapitel vorangestellte Inschrift oder ein Motto/Epigraph.

    Diese Spannung – zwischen Fakt und Fiktion, zwischen Ort und Idee – eröffnet einen vielschichtigen Zugang zum Gedichtband. Der Titel lädt dazu ein, sich Atlantis nicht geographisch, sondern metaphorisch, künstlerisch, emotional oder sprachlich zu nähern. Wer Atlantis lokalisiert, sucht nicht nur ein Versunkenes – er schreibt auch seine eigene Karte. Und: sich der literarischen Herangehensweise Nathalie Schmids zu bedienen.

    Zunächst ließe sich Atlantis als Bild für das Verlorene begreifen: für Erinnerung, für Identität, für Kindheit, für eine Welt, die nicht mehr da ist oder nie da war. Es steht dann für jene inneren Landschaften, die wir bewohnen, aber nicht genau benennen können. Wer diesen Ort sucht, begibt sich auf eine Reise ins Unbestimmbare. Man könnte sagen: Das Lokalisieren selbst wird zum poetischen Akt – zur Vermessung eines Vagen, zum Versuch, dem Flüchtigen Gestalt zu geben.

    Künstlerisch ließe sich dieser Impuls in unterschiedlichste Formen übersetzen. Man könnte sich eine „Karte des Verlorenen“ vorstellen – ein topographisches Werk, das keine festen Orte kennt, sondern nur Andeutungen: „Zweifelshügel“, „Meer der Erinnerung“, „Schattenwald“, „Verlassene Promenade“. Atlantis wäre nicht als Punkt verzeichnet – sondern als Ahnung, als Stille zwischen Koordinaten. Es würde durch Abwesenheit sprechen, durch Leerstellen.

    Auch literarisch bietet sich ein Spiel mit dieser Leerstelle an. Vielleicht in Form eines Expeditionstagebuchs: Eine Stimme berichtet von der Suche nach Atlantis, doch je näher sie dem Ziel kommt, desto mehr verwischen sich die Grenzen zwischen außen und innen, zwischen Welt und Ich. Die Berichte werden bruchstückhafter, poetischer – schließlich ist unklar, ob überhaupt ein Ort gesucht wird oder vielmehr ein Zustand, ein verlorenes Gefühl, ein versunkenes Selbst.

    Eine weitere Möglichkeit wäre, Atlantis als Zustand zu denken: als Schwebezustand zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Wunsch und Verlust. In diesem Sinne wäre „Lokalisieren“ nicht das Finden, sondern das fortwährende Suchen. Eine poetische Praxis, die sich dem Eindeutigen verweigert. Jedes Gedicht würde zu einer Koordinate – nicht einer Lösung, sondern einer neuen Frage.

    Auch performativ oder installativ ließe sich dieser Prozess begreifen: etwa durch eine Klanginstallation, in der Funksignale, Meeresrauschen, Stimmenfragmente durch einen Raum treiben – nie greifbar, aber gegenwärtig. Oder durch eine begehbare „Ruine“, in der Besucher*innen selbst zu Suchenden werden. Atlantis läge dann im Nebel, in den Zwischenräumen, im Klang des Unausgesprochenen.

    Selbst digital wäre eine Annäherung denkbar: etwa in Form einer interaktiven Karte, die sich je nach Eingabe verändert – Atlantis erscheint, verschwindet, verwandelt sich. Eine Art poetisches Interface, das nicht auf ein Ziel hinausläuft, sondern auf ein fortwährendes Anderswerden.

    Nach Süden ausgelegte Kartendarstellung von Atlantis aus Athanasius Kirchers Mundus Subterraneus von 1665 (Lage der Insel Atlantis, die einst vom Meer verschlungen wurde, nach der Vorstellung der Ägypter und der Beschreibung Platons – freie Übersetzung der lat. Tafelbeschriftung oben links) – Quelle wikipedia.

    Buchinformationen
    Verlag‏ : ‎ 
    Wolfbach Verlag Zürich
    DIE REIHE – Nr. 3
    Ersrveröffentlichung : 2011
    Auflage ‏ : ‎ 1
    Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 82 Seiten
    ISBN-10 ‏ : ‎ 3905910152
    ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3905910155

    Bisher entstandene Beiträge zur Lektüre

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      Nathalie Schmid – herbrig

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    • Nathalie Schmid – Zwischen Libellen und Gletschern

      Nathalie Schmid – Zwischen Libellen und Gletschern

      Nathalie Schmid, geboren 1974 in Aarau, ist eine der eigenwilligsten und zugleich feinfühligsten Stimmen der zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik. Ihre Texte sind wie filigrane Landschaften – durchzogen von Melancholie, staunender Beobachtung und leiser Ironie. Sie schreibt mit einem Blick, der das Alltägliche poetisch auffächert, ohne es zu verklären. Ihre Sprache tastet, beobachtet, horcht – immer auf…

    Andrew Wulf – Titelfoto

  • Jörn Peter Budesheim

    Jörn Peter Budesheim

    In der WORTSCHAU 43 bin ich auf Arbeiten von Jörn Peter Budesheim gestoßen. Besonders auffällig ist dabei, wie er in seinen Zeichnungen mit verschiedenen Ebenen arbeitet. Sie erschließen sich nicht sofort, sondern fordern dazu auf, gelesen zu werden – Schicht für Schicht. Und das passt gut zu diesen Gedichten.

    1960 in Marburg geboren, arbeitete Budesheim zunächst als freier Maler und studierte Freie Kunst und Malerei bei Rolf Lobeck an der Kunsthochschule Kassel. Kurz nach seinem Abschluss erhielt er als einer der ersten den Kulturpreis der Stadt Kassel. Von 2016 bis 2022 war er im Vorstand des documenta-Forums. Er ist Mitglied der Produzentengalerie Kunstbalkon in Kassel, in der er gemeinsam mit weiteren Künstlern Ausstellungen regionaler und überregionaler Positionen organisiert. Seit 2019 arbeitet er im Team des Hugenottenhauses, einem Ausstellungsort in Kassel.

    Über seine künstlerische Arbeit sagt Jörn Peter Budesheim selbst:

    Titelbild: Zwei Illustrationen aus der WORTSCHAU 43 – Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers Jörn Peter Budesheim.

    Quellen:

    Wikipedia: Jörn Peter Budesheim
    Kunstbalkon Kassel: Sieben Fragen an Jörn Budesheim
    Google Sites: Vita und Werk Budesheim
    Eulengasse Frankfurt: Künstlerseite Budesheim
    ZKM Karlsruhe: Wanzke/Steger/Budesheim-Projekt
    Wingedmoon: Budesheim im Kontext „Naturkunde“
    Die Webseiten des Künstlers: https://sites.google.com/view/budesheim/2025?authuser=0 und
    https://joern-budesheim.blogspot.com
    https://wortschau.com/produkt/wortschau-nr-43

  • starr vor glück

    starr vor glück

    Annähernd gelesen | Dieses Gedicht hat Ille Chamier bei der Poetischen Begegnung (12) mit Hans Thill zum Abschluss vorgetragen. Abgedruckt wurde es in Tagtexte und Bekannt trifft Unbekannt – Ed. 2

    1. „ich wurde wach“

    Das Gedicht beginnt mit dem Erwachen – also ein Moment zwischen Schlaf und Wachsein. Kein normales „Ich wachte auf“, sondern: „Ich wurde wach“ – passiv, als wäre es geschehen, nicht getan. Vielleicht ein besonders zarter, bedeutungsvoller Moment.

    2. „der Tag lag hinter mir.“

    Jetzt wird’s verwirrend – eigentlich müsste der Tag vor einem liegen, wenn man gerade aufwacht. Aber hier liegt er hinter der Sprecherin – vielleicht meint sie nicht das Aufwachen am Morgen, sondern ein inneres, bewusstes Erwachen nach einem langen Tag. Also ein Erwachen aus dem Erleben, nicht aus dem Schlaf. Oder es ist ein Tagtraum, eine Erinnerung. Das bleibt offen – aber spannend.

    3. „floß mir vom Kopf wie eine Schleppe“

    Der Tag als Kleidungsstück, das ihr hinten am Kopf herunterfließt. Elegant, vielleicht schwer, bildlich sehr weiblich, fast königlich. Der vergangene Tag hängt noch an ihr, aber er fließt ab – das klingt nach Loslassen. Oder bleibt er in der textilen Struktur gefangen, wird aufgehalten?

    4. „viele Dinge standen darauf, liebe Menschen / winzig die ich kannte, Häuser mit lichtblinkenden / Fenstern, ein Wald, sehr dunkel“

    In der Schleppe, also im „Nachhall“ des Tages, stecken Erinnerungen: Menschen, kleine Dinge, Häuser, Natur. All das ist klein, zart – fast wie ein Spielzeug- oder Modellwelt. Und geheimnisvoll: Ein dunkler Wald gehört dazu. Die Perspektive ist distanziert – sie schaut auf den Tag wie auf eine Miniatur. Vielleicht ein Gefühl von Überforderung oder Überwältigung? Im Kopf habe eine Szenerie wie im Miniatur Wunderland.

    5. „ich rührte mich nicht, setzte mich nicht auf / würde ich den Kopf rücken“

    Jetzt wird es sehr ruhig, fast wie Erstarrung. Sie liegt da – bewegungslos. Und wenn sie nur den Kopf bewegen würde, dann würde etwas passieren. Da spürt man eine große Spannung, als hielte sie einen ganz besonderen, empfindlichen Moment fest.

    6. „wußte ich / alles sanft gezogen / müßte fallen“

    Hier ist das emotionale Zentrum: Sie weiß (instinktiv), dass alles, was sie da gerade „hält“, sofort fallen würde, wenn sie sich bewegt. Alles ist „sanft gezogen“ – wie ein feines Tuch, das lose gespannt ist. Das Glück (aus dem Titel!) ist vielleicht genau dieser fragile Moment: ein Gleichgewicht aus Stille, Erinnerung und Empfindung, das nur hält, solange sie sich nicht bewegt.

    Was könnte das bedeuten?

    Das Gedicht beschreibt wahrscheinlich einen privaten Moment innerer Klarheit oder Ruhe – ein Zustand, in dem jemand still daliegt, rückblickt auf Erlebtes (vielleicht einen ganzen Tag oder ein ganzes Leben), und diesen Moment des Bewusstseins nicht stören will.

    Der Titel „starr vor Glück“ bringt das wohl auf den Punkt:
    Nicht „überschwänglich“ oder „jubelnd“ vor Glück.
    Sondern: still, unbewegt, fast ehrfürchtig.
    Vielleicht ist das Glück hier nicht laut – sondern leise und verletzlich.

    Was geschieht nach der Starre?

    Direkt ausgesprochen: nichts.
    Das Gedicht bricht dort ab, wo eine Entscheidung hätte fallen können. Es bleibt im Moment davor. Aber gerade diese Grenze, dieser nicht vollzogene Übergang, ist vielleicht der spannendste Punkt des Textes.

    Gibt es Hinweise oder Andeutungen?
    Ja – aber sie sind flüchtig. Schauen wir auf zwei Dinge:

    1. „müßte fallen“

    Die letzte Zeile trägt eine doppelte Spannung:
    „müßte“ ist ein Konjunktiv, also ein Möglichkeitsmodus. Das bedeutet: Es ist nicht gefallen – aber es würde, wenn sie sich bewegt hätte.
    Das zeigt: Sie steht vor einer Entscheidung. Bewegung bedeutet Verlust, Veränderung. Stillstand bedeutet Bewahrung, aber auch Festhalten. Diese Spannung ist noch nicht aufgelöst – und das lässt Raum für das, was danach kommt. Vielleicht wird sie sich doch bewegen. Vielleicht bleibt sie noch.

    2. Die Sprache des Vergehens

    Der Tag fließt ab, der Moment ist flüchtig. Das Gedicht vermittelt: Alles ist im Übergang. Auch wenn sie sich noch nicht bewegt hat – alles um sie herum tut es bereits.
    Der Tag „floss“, die Bilder „standen“ auf ihm, aber nur „winzig“. Der Wald ist „sehr dunkel“ – vielleicht ein Symbol für das Unbekannte, das vor ihr liegt. Diese Worte tragen leise mit sich: Etwas wird sich verändern müssen. Die Starre ist kein Zustand für immer. Eher ein kurzes Innehalten.

    Das Glück, vor dem man starr wird, will ja nicht immer bleiben – sondern gelebt oder verloren werden. Ich bin lieber zufrieden als glücklich. Wie der Moment dann wohl aussähe?

  • Der russische Zauberer Evgeni Shmarlovski

    Der russische Zauberer Evgeni Shmarlovski

    Das Gedicht „Der russische Zauberer, Zirkus Barum Nov. 2002“ von Ilse Chamier beschreibt eine faszinierende Zirkusszene: Ein Magier verwandelt einen luxuriösen Pelzmantel plötzlich in ein Gewimmel lebendiger Tiere. Diese ungewöhnliche Darstellung weckte meine Neugier – gab es diesen Künstler wirklich, oder war es reine Fiktion?

    Nach längerer Recherche stieß ich auf Evgeni Kuzmich Shmarlovski (Es finden sich diverse Schreibweisen dieses Namens.), einen russischen Magier, dessen bekannteste Nummer exakt diesem Bild entspricht. Tatsächlich existieren sogar Aufnahmen seiner Auftritte, die Chamiers literarische Beschreibung erstaunlich genau widerspiegeln. Dieser Beitrag stellt Shmarlovski vor – den Mann hinter der poetischen Illusion – und beleuchtet sein Werk zwischen Tierdressur und magischer Verwandlung.

    Evgeni Shmarlovski – Ein Magier und seine Tierillusionen

    Evgeni Kuzmich Shmarlovski ist ein Magier, der durch eine Mischung aus klassischer Zauberei, Tierdressur und humorvollen Elementen bekannt wurde. Seine berühmteste Nummer beginnt scheinbar harmlos: Eine elegante, blonde Frau betritt die Manege, und Shmarlovski legt ihr einen Pelzmantel um. Doch plötzlich entpuppt sich der Mantel als lebendig – Mäuse und andere Nagetiere krabbeln über die Frau. (Es gibt unterschiedliche Varianten bei dieser Nummer.) Der Effekt ist überraschend und sorgt beim Publikum für Schrecken und Faszination zugleich. Shmarlovski betont, dass die Tiere gut trainiert sind und sicher zurück in ihren Käfig kommen. Kritiker zweifeln jedoch daran, ob solche Auftritte immer kontrollierbar sind.

    Webfund – nachgebaut. Ob es sich bei der Schilderung um diesen Aufführungort geht, weiß ich natürlich nicht.

    Unklar bleibt, ob die Frau in der Nummer eine ahnungslose Zuschauerin oder Shmarlovskis Ehefrau Elena war, die selbst als Tiertrainerin arbeitet und oft mit ihm auftritt.

    Neben dieser Illusion arbeitet Shmarlovski seit Jahren mit verschiedenen Tieren wie Füchsen, Eseln, Tauben und Kaninchen. Seit den 2000er-Jahren spezialisierte er sich jedoch zunehmend auf Papageiendressur. Kleinere Vögel wie Agaporniden führten Kunststücke wie Wippen oder Rutschen vor, während große Aras im Freiflug beeindruckten. Der Wechsel zu Vögeln hing auch mit strengeren Tierschutzgesetzen in Europa zusammen, die das Reisen mit größeren Säugetieren erschwerten. Daher konzentriert sich Shmarlovski heute vor allem auf gefiederte Artisten. Die Familie lebt übrigens laut seines facebook-Profils in Asbach.

    Titelfoto: Uwe P. Frischmuth

  • Zwei Sekunden europäisches Schweigen

    Zwei Sekunden europäisches Schweigen

    Annähernd gelesen | Ille Chamiers Gedicht „mit den andern am Meer“ aus Tegtexte.

    Das Gedicht mag in erster Linie eine sehr private Momentaufnahme sein,; dennoch lässt sich die Metapher vom ‚europäischen Schweigen‘ über die rein persönliche Ebene hinaus interpretieren. Indem ich die nationalen und historischen Hintergründe der vermuteten Protagonisten – die deutsche Autorin, ein Mensch mit pommersch-polnischer Familiengeschichte – sowie den Ort der Handlung in den Niederlanden einbeziehe, versuche ich, die politisch-kulturellen Schichten freizulegen, die in diesem scheinbar intimen Schweigen mitschwingen.“


    … mit gut zwei europäischen Sekunden Schweigen zwischen dir und mir. – Diese zwei Zeilen wirken wie ein seismographischer Nadelstich. Sie messen nicht Lärm, sondern Stille – eine Stille, die Europa in sich trägt. Geschrieben von einer deutschen Dichterin, die mit ihrem Mann, dessen Familie einst aus dem pommersch-polnischen Grenzland vertrieben wurde, am holländischen Strand liegt, wird dieses Schweigen zum Schlüsselloch, durch das wir auf den ganzen Kontinent blicken.

    Hat dieses Cover etwas mit dem Gedicht zutun?

    Strandbild mit Wunden:
    Man sieht sie fast vor sich: erschöpfte Körper im Sand, Körnchen in den Schuhen, Haut grau und „sonnlichtfahl“. Um sie herum das Geräusch vorbeigehender Füße, ein aufholländisch gezähltes Lachen. Doch zwischen diesen beiden Menschen – der Deutschen und dem Nachkommen Vertriebener – klafft etwas anderes: kein Leerraum, sondern eine Stille voller Geschichte(n). Diese „zwei Sekunden“ sind kein Versehen, sie sind die Mitte des Gedichts, sein schmerzhaft-poetisches Herzstück.

    Warum ist dieses Schweigen „europäisch“?
    Weil es mehr umfasst als zwei Menschen. Es ist ein stummer Dialog der Erinnerungen:

    Deutsche Gegenwart: Die Autorin (& Protagonistin ?), Erbin einer Tätergeschichte, die selbst am Meer nicht abgewaschen wird.
    Polnisch-pommersche Vergangenheit: Das Schicksal des Mitmenschen – Heimatverlust, Entwurzelung, das Schweigen der Vertriebenen.
    Niederländischer Boden: Der Strand als neutraler, aber symbolträchtiger Ort – ein Land, das deutsche Besatzung erlitt, nun Schauplatz stiller Versöhnung wird.

    Was geschieht in diesen zwei Sekunden?
    Es ist kein Verstummen aus Gleichgültigkeit. Es ist ein kollektives Einatmen des Kontinents:

    Schweigen als Anerkennung: Das Unausgesprochene zwischen Deutschen und Polen, zwischen Schuld und Verlust, wird nicht ignoriert, sondern gemeinsam ausgehalten.

    Schweigen als Versöhnungsakt: Auf niederländischem Sand – fern der umkämpften Heimat Pommerns – entsteht ein flüchtiger Raum des Friedens. Nicht durch Verträge, sondern durch geteilte Stille.

    Schweigen als Widerstand: Gegen das laute Vergessen. Gegen das Vereinfachen komplexer Geschichte. Diese Sekunden bewahren, was Worte oft zerstören: die Mehrdeutigkeit der Erinnerung.

    Sandkörner der Zeit

    Wie die „Körnchen“ in den Schuhen der Figuren bleibt auch dieses europäische Schweigen haften – klein, fast unsichtbar, aber spürbar. Es erinnert daran, dass Europas Einheit nicht nur in Parlamenten entsteht, sondern in solchen Mikromomenten der Menschlichkeit. Der Strand wird zur Bühne: Das Lachen der anderen („einer lacht, ich seh es„) kontrastiert scharf mit der Intensität der Stille zwischen den Liegenden. Europa zeigt sich hier nicht als politisches Projekt, sondern als geteiltes Empfinden im Angesicht einer verstörenden Geschichte.

    Die Poesie des Unausgesprochenen
    Die Größe dieses Gedichts liegt nicht in pathetischen Worten, sondern im Mut zur Stille. „Zwei Sekunden europäisches Schweigen“ sind ein poetisches Denkmal für all das, was zwischen Völkern ungesagt bleibt – und doch verstanden wird. Es ist eine Einladung, Europas Identität nicht nur in Debatten zu suchen, sondern auch in diesen stillen Intervallen, in denen die Wellen des Vergangenen an den Strand der Gegenwart schlagen.
    Denn manchmal sagt ein Schweigen zwischen dir und mir mehr über Europa aus als alle Reden.

  • Der andere Mensch

    Der andere Mensch

    Ille Chamier beschreibt Pina Bausch in SETZ DICH HIN UND LÄCHLE (1979) als jemand, „der bei sich selber bleibt und sich dabei rückhaltlos verausgabt“ – sie ist ganz bei sich und zugleich vollkommen offen für andere. Ihr Publikum sieht sie nicht als bloße Zuschauer, sondern als „der andere Mensch“, als Teil eines gemeinsamen Menschseins. Auch sich selbst versteht sie als „eine aus dem Publikum“.

    Ihr künstlerischer Ansatz ist radikal persönlich: Sie besucht so viele ihrer Aufführungen wie möglich, um das Geschehen immer neu zu erleben – „sie sieht den Tänzern zu“, als wäre sie selbst nicht Schöpferin, sondern Betrachterin des Geschehens. Was auf der Bühne erscheint, ist das, was sie sieht und empfindet. Es geht ihr um das reale emotionale Erleben, nicht um Ästhetik im klassischen Sinn.

    Bausch zeigt auf der Bühne das Scheitern menschlicher Kommunikation – die Unfähigkeit, einander zu erreichen trotz „Sehnsucht, Trauer“, das Verwechseln von Gier mit Liebe, die Ambivalenz von Gewalt und Zärtlichkeit. Die Menschen in ihren Stücken sind verletzlich, unvollkommen, aber „voller Leben“, mit einem Stolz, der auch „Mut und kindhafte Freude“ bedeutet.

    Ihr künstlerischer Stil lässt sich keiner bestimmten Kategorie zuordnen – weder klassisches Ballett noch reines Schauspiel oder Bewegungstheater. Sie mischt Elemente aus Zirkus, Varieté, Tiefenpsychologie oder Comic – was Kritiker irritiert, sie selbst aber „mit einem Achselzucken“ quittiert. Ihr Ziel ist nicht Form, sondern Ausdruck, Menschlichkeit. Denn: „Sie verweigert, den Menschen in eine Form zu stilisieren.“

    Chamier beschreibt Bauschs Sprache als sparsam, aber klar. Ihre Tänzer verstehen sie „nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Körper“. Diese Verbindung von Denken und Fühlen erzeugt eine tiefe emotionale Wirkung. Ihre Arbeiten berühren das Unbewusste, zeigen das Rätselhafte und Unerklärliche menschlichen Verhaltens.

    Im Zentrum ihrer Kunst steht die Beziehung – zwischen Menschen, zwischen Darsteller und Zuschauer. Diese Beziehung ist intim, oft verstörend. „Wir sitzen im Zuschauerraum wie vor einem Spiegel“, heißt es, in dem wir uns selbst erkennen – mit all unseren Unsicherheiten, Ängsten, Abgründen.

    Ihre Tänzer verkörpern das Echte, das Unperfekte, das Zweifelnde – sie sind schön „auf ihre eigene Weise“. Sie dürfen scheitern, sie dürfen suchen. Ihr Tanz ist ein Tasten, ein Zupacken, das auch verletzen kann. Doch sie geben dabei „nichts von sich weg“, sondern wachsen im Ausdruck.

    Bausch selbst ist überall da zu Hause, „wo sie mit Menschen umgeht, in ihrer Arbeit“. Ihre Kunst entsteht in der Begegnung – und ihre Werke zeigen das Menschsein in all seiner Widersprüchlichkeit, Tiefe und Unbegreiflichkeit.

  • Was ist Dramaturgie beim Tanztheater?

    Was ist Dramaturgie beim Tanztheater?

    Was bedeutet Dramaturgie im Tanztheater? Im weitesten Sinn bezeichnet Dramaturgie die Denk-, Ordnungs- und Arbeitsprinzipien, die ein Bühnenereignis strukturieren. Sie umfasst die grundlegenden Fragen: Welche Idee trägt das Stück? Welche Mittel kommunizieren diese Idee – Bewegung, Bild, Text, Musik, Raum? Und wie wird im Probenprozess Material erzeugt, ausgewählt und zu einer künstlerischen Aussage verdichtet? In der Tanzpraxis umfasst Dramaturgie damit sowohl die Konzeption (Themen, Fragen, Perspektive), die Komposition (Struktur, Rhythmus, Wiederkehr, Übergänge) als auch die Kommunikation (Kontext, Lektüren, Vermittlung).

    Im Tanztheater – einem Feld, das szenische, reale und emotionale Situationen ebenso wichtig nimmt wie „reine“ Bewegung – ist Dramaturgie besonders sichtbar: Nicht nur Schritte, sondern Bilder, Räume, Texte, Musikmontagen, Kostüme, Requisiten und Performer-Identitäten werden als dramaturgische Elemente begriffen und in komplexe Beziehungen zueinander gesetzt.

    Pina Bausch: Die Erfindung einer neuen Dramaturgie

    Vom Erzählen zur Befragung des Lebens

    Pina Bausch revolutionierte die Dramaturgie des Tanzes, indem sie sie vom Nacherzählen einer linearen Handlung zu einem Fragen an das Leben selbst verschob. Ihr Probenprozess wurde zum Herzstück einer völlig neuen Arbeitsweise: Sie gab den Tänzerinnen und Tänzern Aufgaben und offene Fragen („Mach mal etwas ganz Kleines…“, „Etwas Gefährliches mit einem niedlichen Gegenstand…“) und sammelte die entstehenden Improvisationen. Aus einer großen Materialmenge – ein Großteil wurde wieder verworfen – kondensierte sie Bilder, Situationen und Handlungskeime. Das Ergebnis waren Collagen und Montagen, die nicht linear verliefen, sondern einer inneren Logik, einem Bewusstseinsstrom folgten.

    Prozessdramaturgie: „Von innen nach außen“

    Bausch beschrieb ihre Stücke als „von innen nach außen“ wachsend – die Reihenfolge der Szenen blieb oft bis sehr spät im Entstehungsprozess offen. Diese Prozesshaftigkeit – das kontinuierliche Proben, Aufführen und Nachbesprechen – war integraler Bestandteil ihrer Dramaturgie und sorgte für die fortlaufende Präzisierung von Geste, Timing und Blick. Jeden Abend nach einer Aufführung wurden die Ergebnisse besprochen, was zu einem Kreislauf von Probe, Aufführung und Reflexion führte.

    Wiederholung als Erkenntnisinstrument

    Ein typisches Element von Bauschs Dramaturgie war die Wiederholung als Mittel der Erkenntnis. Durch das Wiederholen wurden Abweichungen hör- und sichtbar – und so Bedeutungen verschoben. Parallel geführte Aktionen und „Bilderketten“ erzeugten eine vielstimmige Wahrnehmung, in der komisches und tragisches Material nebeneinanderstehen konnte. Diese Verfahren prägten die Rezeptionshaltung entscheidend: Zuschauerinnen und Zuschauer wurden zu aktiven Lesern der Bühne.

    Die Schlüsselpartnerschaft: Peter Pabst und die Dramaturgie des Bildraums

    Die Zusammenarbeit zwischen Pina Bausch und dem Bühnenbildner Peter Pabst formte eine der ikonischsten Bilddramaturgien des zeitgenössischen Theaters. 1980 entwarf Peter Pabst sein erstes Bühnenbild für ein Stück von Pina Bausch. Damit begann eine außergewöhnlich enge künstlerische und menschliche Beziehung, eine geradezu symbiotische Zusammenarbeit, die bis zum Tod der großen Choreografin im Jahr 2009 andauerte. In diesen Jahren schuf der Bühnenbildner 25 Spiel-Räume für die Stücke von Pina Bausch.

    Erde („Das Frühlingsopfer“), Wasserfälle und Fluten, Felsen, Nelkenfelder, Stuhl-Labyrinthe („Café Müller“) – diese Räume wurden zu dramaturgischen Partnern, die Bewegung, Risiko, Nähe und Distanz, Verletzlichkeit und Ritual strukturierten. Pabst sprach explizit von Material, das Affekte und Widerstände erzeugt, bis hin zu schwimmenden Inseln, Schlacke und Wasserflächen. Die Bühnenelemente waren nie nur Dekoration, sondern aktive Mitspieler, die den Körpern der Tänzer bestimmte Bewegungsqualitäten aufzwangen und emotionale Zustände hervorriefen.

    Musik- und Textdramaturgie: Die Kunst der assoziativen Montage

    Bauschs Musiken waren assoziativ montiert – vom Barock bis Pop, von Volksmusik bis zu Geräuschflächen. Texte erschienen als Fragmente, Einwürfe, Listen. So entstand eine polyfone Dramaturgie, in der Klang, Sprache, Körper und Raum einander antworteten, statt einander zu illustrieren. Beispielhaft dokumentiert ist dies unter anderem in „Viktor“ (1986) mit minutiösen Listen der verwendeten Musiken und beteiligten Gewerke.

    Der Dramaturg als Mitdenker: Raimund Hoghe

    Von 1980 bis 1990 arbeitete er als Dramaturg für das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, über das er auch zwei Bücher schrieb. Zwischen 1979/80 und 1989/90 arbeitete Raimund Hoghe als Dramaturg und Chronist am Tanztheater Wuppertal. Seine Probenjournale, insbesondere „Bandoneon. Working with Pina Bausch“, zeigen, wie Dramaturgie im Probenraum als Sichten, Ordnen und Kontrastieren von Antworten, Motiven und Fundstücken geschieht – und wie eng Dramaturgie, Archiv und Erinnerung ineinandergreifen.

    Bandoneon: Working with Pina Bausch is a new translation of Raimund Hoghe’s original rehearsal diary that documented the legendary Tanztheater Wuppertal’s work on Bandoneon (1980), illustrated with photos of the production by Ulli Weiss, and personal images and notes from the dancers. This unique book records the method Pina Bausch developed and used, as seen by one of her close collaborators, der als einer ihrer engsten Mitarbeiter ein Jahrzehnt lang die Entstehung der Stücke dokumentierte.

    Dramaturgie der Authentizität

    Zentrales Ziel von Bauschs Dramaturgie war nicht ein klassischer „Plot“, sondern Wahrhaftigkeit: Bausch suchte „noch nie Gesehenes“, das emotional wahr wirkte. Darum trieb sie eine radikale Auswahl- und Streichdramaturgie voran, begleitet von täglichen Nachbesprechungen der Aufführungen – ein kontinuierlicher Kreislauf von Probe, Aufführung und Reflexion.

    Exemplarische Werke und ihre dramaturgischen Strategien

    „Café Müller“ (1978): Körper navigieren blind durch einen Raum aus Stühlen – ein Bildraum, der Nähe, Verletzbarkeit und Fürsorge choreografisch erzwingt. Die Dramaturgie entsteht aus dem Risiko der Konstellation, nicht aus einer vorgegebenen Geschichte.

    „Das Frühlingsopfer“ (Sacre): Erde als Material schreibt der Bewegung ein Schwere- und Opfer-Narrativ ein. Studien analysieren die Einstudierungs- und Übertragungspraxis als „Treue zur Form“ und zugleich als lebendige Übersetzung.

    „Vollmond“ (2006): Wasser und ein Felsen strukturieren Episoden von Begehren, Spiel und Ritual – eine visuelle, elementare Dramaturgie, die weiterhin weltweit rezipiert wird.

    Das Erbe: Dramaturgie als Praxis des Übersetzens und Bewahrens

    Nach Bauschs Tod im Jahr 2009 arbeitet die Pina Bausch Foundation an der Dokumentation und Weitergabe der Stücke – unter anderem als Praxis des Übersetzens von Material, Gesten und Blicken auf neue Körper und Generationen. Auch die künstlerische Leitung unter Boris Charmatz verhandelt das Verhältnis von Archiv und Erneuerung – dramaturgisch eine Gratwanderung zwischen Treue und Weiterdenken.

    Eine neue Definition von Theaterdramaturgie

    Pina Bauschs Ansatz revolutionierte nicht nur das Tanztheater, sondern die Dramaturgie als solche. Sie transformierte sie von einem literarisch-narrativen Konzept zu einem multimedialen, prozesshaften und zutiefst körperlichen Verfahren. Ihre Dramaturgie entsteht aus Fragen statt aus Antworten, aus Fragmenten statt aus Geschichten, aus der Materialität der Körper, Räume und Klänge statt aus Worten allein. Damit schuf sie ein Modell, das bis heute wegweisend für experimentelles Theater und zeitgenössischen Tanz ist.

  • setz dich hin und lächle

    setz dich hin und lächle

    Setz dich hin und lächle. Tanztheater von Pina Bausch bietet einen dokumentarischen Einblick in das bahnbrechende Werk von Pina Bausch aus den 1970er Jahren. Es erschien 1979 im Prometh-Verlag in Köln und ist mit seinen 112 Seiten nicht nur ein Fotobuch, sondern ein visuelles Zeugnis der frühen Schaffensphase des Tanztheater Wuppertal.

    Herausgegeben zu einer Zeit, als Pina Bausch international bereits etabliert war, fängt der Band die ästhetische Welt ihrer Aufführungen ein. Die eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotografien stammen von Ulli Weiss, während die Autorin Ille Chamier durch ihre begleitenden Texte den Stücken eine narrative Struktur und einen reflektierenden Kontext verleiht. Der Titel des Buches selbst ist dem Begleittext zu Bauschs Stück „Kontakthof“ entnommen.

    Setz dich hin und lächle. Tanztheater von Pina Bausch. Ille Chamier - Texte
    Cover – Prometh Verlag 1979

    Das Werk dokumentiert Produktionen, die zwischen 1976 und 1978 entstanden sind und die den unverwechselbaren Stil des Tanztheaters von Pina Bausch prägten. Dazu gehören unter anderem „Die sieben Todsünden der Kleinbürger“, „Blaubart – beim Anhören einer Tonbandaufnahme von Béla Bartóks Oper ‘Herzog Blaubarts Burg’“, „Komm tanz mit mir“, „Café Müller“ und „Kontakthof“. Eine Besonderheit ist die Erwähnung der Macbeth-Adaption „Er nimmt sie an der Hand und führt sie in das Schloß, die anderen folgen“, die in Zusammenarbeit mit den Wuppertaler Bühnen am Schauspielhaus Bochum entstand.

    Alle in diesem Band dokumentierten Wuppertaler Produktionen zeichnen sich durch die enge Zusammenarbeit von Pina Bausch mit Rolf Borzik aus, der für Bühne, Kostüme und Maske verantwortlich war. Borzik prägte maßgeblich die visuelle Identität dieser Stücke.

    Das Buch vermittelt durch die kraftvollen s/w-Bilder von Ulli Weiss und die klugen Texte von Ille Chamier die emotionale Essenz, Körperlichkeit und poetische Kraft von Pina Bauschs Aufführungen. Es stellt damit ein relevantes Abbild des modernen Tanzes dar. Diese Einschätzung stammt übrigens nicht von mir, da ich zu wenig vom Tanztheater verstehe. Sie wurde mir (auf Nachfrage) von Herrn Brömmer – Portier eines Hotels im Taunus – anvertraut, den ich sehr schätze und der mich vor Jahren zur Ballettaufführung einer amerikanischen Choreografin eingeladen hat.

  • O.T. – Geschlossene Bücher

    O.T. – Geschlossene Bücher

    Der Text beschäftigt sich mit geschlossenen Büchern und vergleicht sie mit der Nacht. Er zeigt, dass die Worte in den Büchern – ähnlich wie Dinge in der Dunkelheit – nicht sichtbar sind, bis Licht auf sie fällt. Erst wenn eine Hand das Buch öffnet, die Seiten aufschlägt und Augen die Schrift betrachten, können die Worte verstanden werden. Dann wird klar, dass die Texte eigentlich von „dir und mir“ handeln, auch wenn die Bücher in der Stille der Nacht geschlossen bleiben.

    Was mir beim Lesen auffällt:

    Der Text verwendet einfache, klare Bilder (Nacht, Licht, Hand, Augen).

    Es gibt keine strengen Satzstrukturen, die Zeilen sind kurz und wirken fast wie Gedankenstücke.

    Die Idee, dass Bücher erst durch das Lesen zum Leben erwachen und eine Verbindung zum Leser herstellen, bestätigt sich mit immer wieder.

    Am Ende dann eine überraschende Wendung: Die Bücher erzählen eigentlich von „dir und mir“, also von uns selbst.

    Dieses Gedicht ohne Titel (Absicht?) ist veröffentlicht in Tagtexte.

  • morgens früh

    morgens früh

    Der Text beschreibt eine frühmorgendliche Szene, in der das lyrische Ich zwischen Schlaf und Wachsein, Träumen und Realität oszilliert. Es thematisiert körperliche Empfindungen (Schweiß, Enge), surreale Bilder (Tiere, Tunnel aus Licht) und eine dörfliche Umgebung (Bauernhäuser, Wiesen, Kirchturm). Die Stimmung ist geprägt von Schwere, Unruhe und einer eigenwilligen Wahrnehmung der Umwelt.

    Was mir beim Lesen auffällt:

    Bildsprache: Drastische Vergleiche („platt wie eine Wanze“, „Schultern schwarz voller Fliegen“) und surreale Elemente (z. B. „Tunnel kriechen mit Nachtlast“).

    Rhythmus: Ungleichmäßige Zeilenlängen und Enjambements erzeugen einen ruckartigen, atmenden Fluss.

    Perspektive: Körperliche und räumliche Wahrnehmung verschmelzen (z. B. „Bauernhäuser zittern, wenn ich mit dem Kopf nicke“).

    Düstere Stimmung: Trotz Morgenszene dominiert eine bedrückende, fast groteske Atmosphäre.

    Der Text erinnert an expressionistische Lyrik mit seiner verzerrten Sinnlichkeit und subjektiven Weltsicht. – Annähernd gelesen – folgt

  • Werk & Leben – Eine Dokumentation

    Werk & Leben – Eine Dokumentation

    „Viele Begabungen, viele Ansätze, viele Orte, viele Kinder – wohin man bei man bei Ille Chamier blickt, ist Fülle.“ (Lore Schaumann)

    Die biografischen Informationen zu Ille Chamier sind begrenzt. Diese Seite dokumentiert, was aus Publikationen, Autorenporträts und ihren eigenen Texten bekannt ist.

    Biografische Eckdaten

    1937 – Geboren in Uedem am Niederrhein. Vater: Landarzt, schrieb „im Verborgenen“ Literatur.
    1947 – Erste eigene Gedichte (mit 10 Jahren).
    1956-1962 – Studium Tanz an der Folkwangschule Essen (gemeinsam mit Pina Bausch), danach Germanistik und Romanistik in München.

    Anfang 1970er – Gaststudium an der Kunstakademie Düsseldorf.
    1977-1980 – Mitarbeit als Dramaturgin am Tanztheater Wuppertal (Pina Bausch).
    1979 – Publikation Setz dich hin und lächle (gemeinsam mit Fotografin Ulli Weiss), eine Text-Bild-Dokumentation über Pina Bauschs Tanztheater.
    1980 – Publikation Tagtexte (Lyrik und Prosaminiaturen). Ab diesem Jahr: Soloabende mit szenischen Lesungen in Düsseldorf und Umgebung.
    Ab 1980 – Mitarbeit bei der Essener Zeitschrift jeder art (Lyrik, Prosa, Grafik). Beteiligung an diversen Ausstellungen (Malerei, Frottagen).
    Ab 1983 – Dozentin für Deutsch für Migranten, später (ab 2005) in der Düsseldorfer Sprachwerkstatt „Sage und schreibe“.
    2006Tu vois – Bildlegenden (Handedition Textille): Frottagen mit Texten.
    2011 – Lesung in der Reihe Bekannt trifft Unbekannt im Literaturhaus Köln (gemeinsam mit Norbert Hummelt).
    2017 – Ehrenlesung und Ausstellung zum 80. Geburtstag im Onomato Künstlerverein, Düsseldorf.
    2018 – Lesung im Kulturcafé Solaris 53, Düsseldorf.
    2025Poetische Begegnungen mit Hans Thill (onomato künstlerverein, YouTube-Aufzeichnung verfügbar).

    Lebt in Düsseldorf.

    10.11.2018 Lesung im Kulturcafé Solaris 53 e.V. – Düsseldorf – angekündigt mit einem Bild aus Frottage + ausformulierter Zeichnung und dem Titel Schief gewickelt wie ich bin!Externer Link zur Bildquelle; die Seite läuft ohne https und kann daher eine Browser-Warnmeldung bringen. Versuch einer Bildbeschreibung unter Berücksichtigung des möglichen Wortspiels eine ausführliche Variante:

    Schief gewickelt, Traum verrannt,
    doch tanzt sie weiter, unverdrossen.
    Aus falschen Schritten wächst ein Takt,
    der nie so war – und doch der ihre ist.

    Schief gewickelt, schwer beschuht,
    tanzt sie doch im eigenen Takt.
    Was hemmt, wird Teil der Choreografie,
    und jeder Schritt bricht leise frei.


    Entwicklung

    Frühe Phase: Lyrik und Tanz
    Chamiers erste Gedichte entstanden in der Kindheit. Ihr Studium an der Folkwangschule prägte ihre spätere Verbindung von Bewegung und Sprache. Die Texte aus dieser Zeit sind nicht öffentlich zugänglich.

    Tanztheater-Phase (1977-1980)
    Die Zusammenarbeit mit Pina Bausch markiert einen zentralen Abschnitt. Chamier verfasste nicht nur den Text für Setz dich hin und lächle (1979), sondern auch Programmhefttexte zu Bausch-Inszenierungen wie Arien. Ihre Texte sind keine klassische Theaterkritik, sondern poetische Reflexionen über Bewegung, Körper und Bühnensprache.

    Lyrik und Prosa (ab 1980)
    Tagtexte (1980) ist ihr bekanntester Lyrikband. Die Texte sind verdichtet, bildstark, oft autobiografisch grundiert. Chamier selbst beschrieb sie als „Beobachtungen und Träume, Geschehnisse und Geschichten“ (zit. nach Lore Schaumann).

    Weitere Texte erschienen in Magazinen (jeder art, fiftyfifty D’dorf, Allerlei Frau) und als Selbstverlag-Publikationen (Gezinktes Licht, Hu Hu – I can fly and you?), die nicht öffentlich zugänglich sind (Zumindest konnte ich bisher keine Quelle ausfindig machen.).

    Bildende Kunst: Frottagen und Illustrationen
    Chamier illustrierte ihre Texte häufig selbst. Ihre Frottagen – etwa in Tu vois (2006) oder Schief gewickelt, wie ich bin! (2018) – verbinden Text und Bild zu eigenständigen Kunstwerken. Die Arbeiten zirkulierten vorwiegend in kleinen Auflagen und künstlerischen Netzwerken.

    Autobiografische Spuren in den Texten

    Chamier schreibt häufig aus eigenem Erleben. Folgende Texte lassen biografische Bezüge erkennen:

    Kindheit und Krieg

    Mutterschaft und Sorgearbeit

    • „Lied 76“ – Patriarchale Erwartungen, unmögliche Aufträge
    • „Am Tag, als ich hinfuhr zum Treffen schreibender Frauen…“ (1979) – Vereinbarkeit von Schreiben und Fürsorge

    Pina Bausch

    • „Pina“ – Persönliches Porträt der Choreografin
    • „Der andere Mensch“ – Philosophische Reflexion über das Tanztheater

    Alltag und Verdichtung

    Quellenangaben

    Hauptquellen

    Düsseldorf schreibt: 22 Autorenporträts von Lore Schaumann – Düsseldorf, Triltsch Verlag 1981
    Ille Chamier: Ein Gran hexenhaften Hintersinns

    Bekannt trifft Unbekannt – Edition 2 – Eine Lyrikreihe mit Gesprächen im onomato
    Herausgegeben und kuratiert von Dr. Frauke Tomczak (Auch eine Wegbegleiterin ‚Ille Chamiers.)

    Die Autoreninformation in den jeweiligen Publikationen (wie DAS ZUENDBLÄTTCHEN, jeder art, etc.)

    Randquellen

    WDR 5 Privat-Radio 28.03.2012 | Marie von Chamier und das Geheimnis des vierten Königs (via yumpu)
    ….tbc.

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