Kategorie: Angeregte Dialoge

Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.

In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.

  • Ille Chamier – Rosestock Holderblüh

    Ille Chamier – Rosestock Holderblüh

    Ille Chamiers Gedicht Rosestock Holderblüh verdichtet ihre Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zu einer poetischen Collage aus Trauma und Überlebenspoesie. Geboren 1937, erlebte sie die Bombennächte um 1943 – als Sechsjährige – in unmittelbarer existenzieller Bedrohung, wie die Zeilen „horchte ich nach den Bombengeschwadern“ bezeugen. Die Szene der zersplitterten Fenster („Scherben lagen ums Gitterbett“) neben der unverletzten Schwester offenbart die willkürliche Grausamkeit des Krieges: Dass das Kind „nicht einmal blutete“, wird von der Mutter als „Wunder“ gedeutet – eine für die Zeit typische religiöse Überlebensstrategie, wie Chamier sachlich notiert: „weil wir nötig / ein Wunder brauchten“.

    Magisches Denken durchzieht das Gedicht als Bewältigungsmechanismus: Die wiederkehrenden Spiegelgespräche („ich sprach mit den Spiegeln“) und die halluzinatorischen Lichtvisionen („durchsichtige Schweife des Lichts“) stehen neben kleinen Naturbeobachtungen wie dem Falter auf dem Stein – fragile Inseln der Schönheit in der Zerstörung. Diese mantrahaften Wiederholungen („ich rollte mit den Augen / ich vergaß in den Träumen“) spiegeln dissoziative Zustände, die Traumata der Bombennächte abzuwehren.

    Auffällig ist die Ambivalenz zwischen Idylle und Gewalt: Das Kräutersammeln von „Brennnesseln, Schafsgarbe und Kamille“ wirkt wie ein Heilungsritual, kontrastiert jedoch scharf mit der verstörenden Zeile „in der Zeit, als das Opfer selbst folterte“. Diese Formulierung deutet auf komplexe Schuld- oder Ohnmachtsgefühle hin – vielleicht ein Echo der späteren Erkenntnis, dass auch Deutsche Täter waren. Selbst der scheinbar naive „Tanz im Kindergarten“ wird zur grotesken Geste der Normalität in einer zerbrochenen Welt.

    Die fragmentarische Struktur des Gedichts selbst wird zum Ausdruck des Traumas: Abrupt wechseln Szenen zwischen Spiegelritualen, Bombenterror und Kindheitsalltag. Die Naturbilder (Sonne, Falter, Heilkräuter) dienen als symbolische Gegenwelt zur Gewalt, während die Spiegel für die gespaltene Identität des Kriegskindes stehen – zwischen erzwungener Unschuld und frühem Wissen. Chamier zeigt so die Unmöglichkeit vollständiger Verarbeitung: Das „Vergessen in den Spiegeln“ ist kein Befreiungsakt, sondern Teil eines lebenslangen Ringens mit Erinnerungsfragmenten der deutschen Kriegskindergeneration.

    Foto: Kerstin Riemer | Die Schafgarbe habe ich als Foto gewählt, weil sie für Mut und Schutz steht. Das finde ich passend zum Text.

  • margueriten – Norbert Hummelt

    margueriten – Norbert Hummelt

    Das Gedicht als transgenerationale Übersetzungsarbeit?
    Eine Annäherung | In „margueriten“ rekonstruiert Norbert Hummelt nicht einfach die Erinnerungen seiner Mutter an den Zweiten Weltkrieg – er macht den Prozess der Rekonstruktion selbst zum Thema. Das lyrische Ich (als nachgeborener Sohn) wird zum Archäologen mütterlicher Erfahrungen, die nur fragmenthaft überliefert sind: in abgebrochenen Sätzen, verweigerten Liedern und weggelegten Briefen.

    Die Mutterstimme als lyrisches Palimpsest

    Keine Originalstimme, sondern eine durch den Sohn gebrochene
    Die Zeilen „das Lied […] das ich beim Bügeln summte“ sind keine wörtliche Wiedergabe, sondern eine Rekonstruktion aus zweiter Hand. Hummelt montiert Fundstücke:

    den Brief („auf der Waage recht weit unten“) als physisches Relikt
    das verbotene Volkslied als akustische Spur
    die Margeriten als symbolische Neucodierung

    Rheinische Konkretion
    Die „Flieger“ und der „Alarm“ verweisen auf die Bombardierung Neuss’ 1944/45. Doch Hummelt nennt keine Daten – die Bedrohung steckt in der Alltagssprache („mußten wir immer“), als sei der Luftschutzbunker selbstverständlicher Teil der Kindheit gewesen.

    Kommunikationspathologien des Krieges

    a) Das Trauma im Alltagsritual

    • Bügeln vs. Summen
      Die Mutter bügelt – eine Geste der Ordnung –, aber ihr entgleitet das traurige Lied. Die Abwehr („gefiel ihr nicht“) zeigt: Selbst in scheinbar harmlosen Momenten bricht das Verdrängte durch.
    • Erzwungene Themenwechsel
      Der abrupte Übergang zu „das Rotkehlchen im Apfelbaum“ spiegelt, wie Kriegserfahrung den Dialog deformiert: Naturbilder werden zu Fluchtpunkten vor der eigentlichen Geschichte.

    b) Die doppelte Last der Waage

    Der Brief „auf der Waage recht weit unten“ symbolisiert:

    1. das physische Gewicht des Ungesagten
    2. das moralische Abwägen des Sohnes: Soll er die Erinnerung heben – oder ihr Schweigen respektieren?

    Hummelts poetische Therapie

    a) Form als Spiegel der Zerrüttung

    • Die kleingeschriebenen „u.“ und brüchigen Enjambements („hand-/arbeit“) imitieren verstümmelte Kommunikation.
    • Das Gedicht endet mit einem Naturbild – aber der Apfelbaum wurzelt in bombenverseuchtem Boden.

    b) Säen als Gegenakt

    Die Margeriten sind keine naive Geste:

    • Historisch: Blumen auf Trümmergrundstücken („Trümmerblumen“)
    • Psychologisch: Der Sohn pflanzt, was die Mutter nicht aussprechen konnte

    Schweigen als lyrische Herausforderung

    „margueriten“ zeigt nicht den Krieg, sondern seine sekundären Wirkungen:

    • wie Trauma sich in Alltagsgesten einschreibt
    • wie eine Generation versucht, die Sprachlosigkeit der anderen in Poesie zu übersetzen
    • wie selbst das Schönste (Blumen, Vögel) von der Geschichte kontaminiert bleibt

    Hummelt schreibt kein Gedicht über die Mutter – er schreibt das Gedicht, das sie nie geschreiben hat. Dabei wird jede Zeile zum Kompromiss zwischen ihrem Schweigen und seinem Bedürfnis zu verstehen.

    Ich sehe Hummelts Text als einen, der Erinnerungsverarbeitung ernst nimmt – ohne ihn zum reinen Dokument zu reduzieren.

  • Bekannt trifft Unbekannt – Ed. 2

    Bekannt trifft Unbekannt – Ed. 2

    LektüreNotizen | Aufmerksam geworden bin ich auf diese Reihe durch meine Recherchen, Texte von Ille Chamier zu finden. Daher stehen ihre Lesung und das Gespräch mit Norbert Hummelt – moderiert von Frauke Tomczak – im Vordergrund.

    Aus den Vorwort: Hannes Böhringer über die Sprache

    Hannes Böhringer beginnt sein Vorwort mit einem prägnanten Gegensatz zwischen Mensch und Tier: Zwar sprechen und singen auch Vögel oder Wale, und Krähen sowie Affen nutzen Werkzeuge – doch nur die menschlichen Werkzeuge, Maschinen und die Sprache wachsen uns zunehmend über den Kopf. Diese Unterschiede zwischen Mensch und Tier sind fließend und lassen sich nicht klar abstecken.

    Ein entscheidender Wendepunkt in der menschlichen Entwicklung war die Aufrichtung des Körpers. Durch sie wurden das Becken verschoben, die Geburten komplikationsreicher, die Körperbehaarung weniger, Hände ausgebildet. Neugeborene verloren ihre Fähigkeit, sich im Fell der Mutter festzuhalten – ein Umstand, den Anthropologin Dean Falk beschreibt. Ihre These: Weil Mütter ihre Kinder ablegen mussten, entstand für Sprache und Gesang ein neues Einsatzfeld – die Überbrückung von körperlicher Trennung und Distanz.

    Diese Erfahrung der „Entfernung“ zieht sich als Leitmotiv durch Böhringers Betrachtung: Wir sind entfernte Angehörige der Natur, des einfachen Lebens, uns selbst und sogar Gottes. Unsere Sprache trägt Trennung – und zugleich den Versuch, sie zu überwinden. Der Reiz der Ferne und die paradoxe Hoffnung, sie durch Kommunikation aufzuheben, erzeugen eine eigene Magie – eine Art Telekommunikation in einem weiten Sinn.

    Im zweiten Teil wechselt der Ton: Böhringer beschreibt Schlafgewohnheiten von Kindern – Stofftiere als Trostspender, Mütter singen ihre Kleinen in den Schlaf. Federico García Lorca wird vorgestellt, der in spanischen Wiegenliedern eine besondere Intensität erkennt: Anders als in vielen europäischen Liedern erzeugten sie nicht nur Ruhe, sondern auch Schrecken und eine kathartische Reinigung der Leidenschaften.

    Die „Muttermilch der Sprache“ im Schlaflied – so lässt sich Böhringers Metapher deuten – nährt das Kind sprachlich und emotional. Doch Lorca weist auf zwei gegensätzliche Rhythmen hin: Das Schaukeln und Wiegen kontrastiert mit der fortlaufenden Melodie. Der Text beschreibt das Wiegenlied als Mischung aus Beruhigung und Beunruhigung, das das Kind mit rätselhaften Bildern in ein unabschließbares Geschehen zieht.

    Ein konkretes Beispiel liefert Lorca aus Granada:
    „A la nana, nana, nana / a la nanita de aquel / que llevó el caballo al aqua / y lo dejó sin beber.“
    Enrique Beck übersetzt frei:
    „Schlaf nur, schlafe, schlafe nun… der das Pferd ließ ohne Tränke, als er es zum Wasser bracht.“

    In dieser Bildebene erschließt sich die zentrale Metapher des Textes: Das Kind sieht aus der Ferne einen, der das Pferd an den Trunk führt – ohne dass es trinken darf. Der Reiz, die Verlockung und die Frustration liegen nahe beieinander. Es entsteht eine Lücke, ein Rätsel ohne Lösung, eine unerreichbare Ferne.

    Sprache schenkt uns Bilder und Bedeutung – wir saugen sie wie Milch auf –, und doch bleibt der Zugang zur „Tränke“ versperrt: Das Erleben, das wirkliche Verstehen – es bleibt verborgen. Die „Milch“ reicht, um uns zu nähren, nie jedoch, um uns vollständig zu sättigen.

    Aktuelle Lektüre. Notizen folgen.

    Frauke Tomzcak eröffnet das Gespräch mit der Nebeneinanderstellung zweier Gedichte: margueriten (Norbert Hummelt) und Rosenstock Holderblüh (Ille Chamier). Zwei unterschiedliche Generationen sprechen über den 2. Weltkrieg. Hummelt (*1962) spricht durch die rekonstruierte Stimme seiner Mutter und Chamier (*1937) aus eigener – reflektierter – Erinnerung. ToDo: Beide Gedichte annähernd lesen und vergleichend interpretieren.

    Annähernd gelesen: margueriten
    Annähernd gelesen: Rosestock Holderblüh

    Informationen zu Hannes Böhringer:
    Hannes Böhringer, geboren 1948 in Hilden, ist ein deutscher Philosoph und Autor, dessen Werk sich schwerpunktmäßig mit Ästhetik, Kunsttheorie und der Philosophie der Technik auseinandersetzt.
    Böhringer studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Germanistik und wurde 1980 an der Universität Marburg promoviert. Er lehrte an verschiedenen Hochschulen, darunter an der Hochschule der Künste Berlin (heute UdK Berlin) und der Hochschule für Gestaltung Offenbach.
    Sein Denken zeichnet sich durch eine kritische Auseinandersetzung mit der modernen Gesellschaft und ihren Technologien aus. Er hinterfragt gängige Vorstellungen von Fortschritt und Kreativität und widmet sich intensiv der Beziehung zwischen Mensch, Kunst und Technik. Dabei spielt oft der Begriff des „Handwerks“ eine zentrale Rolle, den er als Gegenentwurf zur rein industriellen oder digitalen Produktion versteht.
    Zu seinen bekanntesten Werken zählen unter anderem:
    „Das Parkett, das keinen Boden berührt. Über die Kunst und das Handwerk“
    „Der entfesselte Prometheus: Eine kleine Geschichte der Technik“
    „Die Rückkehr der Dinge“
    Hannes Böhringer ist bekannt für seinen prägnanten Stil und seine Fähigkeit, komplexe philosophische Gedanken anschaulich zu vermitteln.

    Titelfoto: Marc Roederer

  • Zeilen und Klänge

    Zeilen und Klänge

    Eine Handreichung zum Finden von Musik zu Gedichten. Für alle, die glauben, dass ein Gedicht klingen kann – auch nach außen hin.

    1. Nicht die Playlist, sondern das Echo suchen

    Ein Gedicht wie herbrig ist keine Liedvorlage und kein Musikvideo. Es ist ein „Echo-Raum“, der nach Resonanz sucht. Wer dazu Musik finden möchte, beginnt am besten nicht mit einer Streamingplattform, sondern mit dem Gedicht selbst: mit dem Hören, Lesen, Wiederholen.

    2. Annäherung: Lesen, notieren, erinnern

    Vor jeder musikalischen Suche steht die Auseinandersetzung mit dem Gedicht:

    • Welche Stimmung herrscht vor? Kühl oder warm, leicht oder schwer?
    • Welche Bewegung ist spürbar? Bleibt das Gedicht stehen oder strebt es irgendwohin?
    • Welche Bilder fordern eine klangliche Antwort heraus (z. B. „Jesus im Regen“, „leerer Keller“, „der Hund heißt Elvis“)?
    • Welches Tempo ist spürbar: fließend, stockend, tröpfelnd, schreitend?

    Diese Eindrücke können notiert werden. Sie bilden ein inneres „Moodboard“ und geben Impulse für die musikalische Auswahl.

    3. Zwei Wege zur passenden Musik

    A. Suchen über digitale Plattformen

    Plattformen wie Spotify, Apple Music oder YouTube können eine Hilfe sein, sofern man sie gegen ihre eigene Logik nutzt.

    Statt nach Genres zu suchen, kann mit poetischen oder emotionalen Begriffen gearbeitet werden:

    „nachdenkliche Kammermusik“
    „melancholischer Jazz“
    „minimalistisches Klavierstück“
    „atmosphärische Cellomusik“

    Beginnt man mit einem bereits bekannten Stück, das zur Stimmung passt, können automatische Vorschläge weiterführen. Dennoch empfiehlt es sich, die Auswahl gezielt zu treffen und nicht nur durchzuhören. (Mir persönlich dauert dieser Weg durch die eher allgemein gehaltenen Keywords zu lange.)

    B. Musik entdecken über Sprache: der Umweg über Musikkritiken

    Wer sich nicht auf die oft oberflächlichen Schlagwörter von Streamingdiensten verlassen möchte, kann gezielt nach sprachlichen Beschreibungen von Musik suchen – in Musikkritiken, Rezensionen oder Labeltexten. Sie arbeiten mit dichter Sprache, oft voller Bilder, die klangliche Qualitäten beschreibbar machen.

    Diese Texte sind keine technischen Analysen, sondern poetische Annäherungen: Wenn eine Rezensentin ein Stück als „eine Erinnerung, die durchs Morgengrauen tropft“ beschreibt oder als „still gestaffelte Schatten in Moll“, dann können solche Formulierungen ein Türöffner sein – auch ohne Kenntnis der Komponistin oder Stilrichtung.

    Empfehlenswerte Quellen:

    • Feuilletons deutschsprachiger Tageszeitungen (z. B. NZZ, SZ, FAZ, ZEIT)
    • Radiosender mit Musikarchiven (z. B. DLF Kultur, SWR2, BR Klassik)
    • Labeltexte unabhängiger Musikverlage (z. B. ECM, Erased Tapes, Deutsche Grammophon)

    Wer so vorgeht, entwickelt mit der Zeit auch ein Gespür für jene Sprache, die Klang übersetzt – und findet darüber auch zu Musikstücken, die außerhalb des Algorithmus liegen.

    4. Klanglich kuratieren – nicht sammeln, sondern abgleichen

    Hat man eine Auswahl getroffen, lohnt sich die gezielte Verbindung zur Lektüre:

    • Passt dieses Musikstück zu einer bestimmten Strophe?
    • Verändert es die Wahrnehmung des Textes?
    • Eröffnet es neue Ebenen oder stört es eher?

    Es geht nicht um eine vollständige musikalische Vertonung, sondern um Resonanz und atmosphärische Stimmigkeit.

    5. Erweiterte Perspektiven: Stille, Geräusche, Feldaufnahmen

    Manchmal braucht ein Gedicht keine komponierte Musik, sondern Raum:

    • Naturgeräusche: Regen, Wind, Glocken, Schritte auf Kies
    • Soundwalks: Draußen lesen, im eigenen Rhythmus, mit offener Wahrnehmung
    • Archivaufnahmen: Alte Radiosendungen, Stimmen, Rauschen

    Solche Klangquellen können vor allem Gedichten, die in Erinnerung, Landschaft und Zeit verankert sind, eine besondere Tiefe verleihen.

    6. Erfahrungswissen – was sich im Tun aufbaut

    Die bewusste Verbindung von Lyrik und Musik führt mit der Zeit zu einem besonderen, nicht quantifizierbaren Wissen: Erfahrungswissen.

    • Es fördert die Sensibilität für Nuancen in Sprache und Klang.
    • Es schafft ein inneres Archiv an Stimmungen, Texturen, Atmosphären.
    • Es stärkt das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und die Offenheit für neue Verbindungen.

    Dieses Wissen entsteht langsam und organisch. Es basiert nicht auf Fakten, sondern auf Resonanz, Wiederholung und Aufmerksamkeit. Es hilft, Gedichte nicht nur zu interpretieren, sondern sie wirklich zu hören. Und Musik nicht nur zu genießen, sondern sie als möglichen Resonanzraum für Sprache zu begreifen.

    Diese Handreichung versteht sich als Einladung: zum bewussteren Hören, Lesen und Entdecken. Sie kann als Begleitung für den Unterricht, das literarische Schreiben, für Lesekreise oder die persönliche Lektüre genutzt werden.

  • Im Dialog mit Gedichten – Eine Einladung

    Im Dialog mit Gedichten – Eine Einladung

    Ich sitze vor einem Gedicht und verstehe es nicht. Oder: Ich verstehe es vielleicht, aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Die klassische Herangehensweise wäre jetzt: Stilmittel finden, Metaphern deuten, eine Interpretation formulieren. Aber genau das fühlt sich falsch an – als würde ich dem Gedicht etwas überstülpen, statt wirklich mit ihm in Kontakt zu kommen.

    Was, wenn wir Gedichte nicht sezieren, sondern mit ihnen sprechen?

    Diese Frage hat mich in den letzten Monaten beschäftigt. Nicht aus theoretischem Interesse, sondern aus praktischer Not: Manche Gedichte lassen sich nicht durch Analyse erschließen. Sie brauchen eine andere Art der Begegnung – eine, die dem Text Raum gibt, zurückzusprechen, die eigene Unsicherheiten zulässt und das Ungesagte ernst nimmt.

    Drei Wege des Gesprächs

    Ich habe drei Methoden ausprobiert, die ich hier vorstellen möchte. Keine davon ist neu oder originell – aber sie haben mir geholfen, Gedichte anders zu lesen. Weniger als Objekte der Deutung, mehr als Gesprächspartner, die etwas von mir wollen.

    1. Das Rollengespräch: Dem Text widersprechen dürfen

    Die erste Methode behandelt das Gedicht nicht als stummes Objekt, sondern als jemanden, der eine eigene Meinung hat. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber der Trick ist einfach: Ich formuliere eine steile These zu einem Bild oder Motiv – und lasse dann das Gedicht in seiner eigenen Bildsprache widersprechen.

    Ein Beispiel: Ich sage: „Dieser Wind in deinem Gedicht – das ist doch Sehnsucht nach Veränderung?“ Das Gedicht antwortet: „Nein. Der Wind trägt Reste fort. Er nimmt, er bringt nichts.“

    Natürlich spricht das Gedicht nicht wirklich. Aber indem ich ihm eine Stimme gebe, zwinge ich mich, genauer hinzuhören. Ich kann nicht einfach meine Deutung durchdrücken – ich muss auf die Bilder achten, auf das, was der Text tatsächlich sagt (und was er verschweigt).

    Diese Methode verhindert vorschnelle Interpretationen. Sie macht sichtbar, wo ich dem Gedicht meine eigenen Wünsche unterschiebe – und wo der Text sich dagegen wehrt.

    2. Fragmentarische Re-Inszenierung: Mit fremden Worten antworten

    Die zweite Methode ist weniger Interpretation als Übersetzung. Statt über das Gedicht zu schreiben, schreibe ich aus ihm heraus. Ich entnehme dem Original einzelne Wörter und Wendungen und füge sie zu einem neuen, kürzeren Text zusammen – wie ein Musiker, der ein Thema variiert.

    Die Technik:

    • Ich wähle 7-8 Schlüsselwörter aus dem Gedicht
    • Ich baue sie in einen eigenen Text von etwa 6 Zeilen ein
    • Ich halte mich an die rhythmische und sprachliche Struktur des Originals

    Das Ergebnis ist kein neues Gedicht, sondern eine Art Echo. Es geht nicht darum, das Original zu verbessern oder zu ersetzen, sondern seine emotionale Struktur körperlich spürbar zu machen. Wenn ich die Wörter eines Gedichts durch meine eigenen Hände gehen lasse, verstehe ich etwas, das keine Analyse mir zeigen kann: den Rhythmus der Bilder, die Logik der Sprünge, die Dichte der Auslassungen.

    3. Der Brief ans Ungesagte: Empathie als Erkenntnisweg

    Die dritte Methode richtet sich an die Leerstellen des Gedichts. Ich schreibe Briefe an das, was im Text fehlt oder nur angedeutet wird: an die namenlos bleibenden Figuren, an die abgebrochenen Bewegungen, an das, was verloren gegangen ist.

    Ein Beispiel: „Liebes ‚was noch zart und ohne worte war‘, wo bist du jetzt? Bist du das Rauschen unter den Schritten? Oder bist du längst fort, vom Wind getragen?“

    Diese Briefe sind keine Analyse. Sie sind Versuche, das Ungesagte anzusprechen – nicht um es zu füllen, sondern um seine Abwesenheit präsent zu machen. Gedichte leben oft von dem, was sie verschweigen. Ein Brief ans Ungesagte ist eine Möglichkeit, diesem Schweigen zu begegnen, ohne es zu zerstören.

    Warum dialogisch lesen?

    Diese drei Methoden haben einen gemeinsamen Kern: Sie behandeln Gedichte nicht als fertige Bedeutungsträger, sondern als offene Gesprächsangebote. Paul Celan nannte Lyrik ein „Gegenwort“, das erwidert werden will. Gedichte sind grundsätzlich unabgeschlossen – sie warten auf Antwort.

    Der praktische Nutzen liegt auf der Hand: Dialogisches Lesen beugt der Versuchung vor, dem Text von außen eine Bedeutung überzustülpen. Es hält mich näher am Material und macht mich aufmerksamer für die Eigenart des jeweiligen Gedichts.

    Aber es gibt noch einen anderen Grund: Diese Art des Lesens macht Spaß. Sie ist spielerisch, riskant, manchmal unbeholfen – aber sie bringt mich in Bewegung. Statt vor dem Gedicht zu sitzen und nach der „richtigen“ Deutung zu suchen, kann ich ins Gespräch kommen, Thesen ausprobieren, scheitern, neu ansetzen.

    Ein einfacher Test

    Ich lese meine Antwort auf ein Gedicht laut vor. Wenn sie eine produktive Stille öffnet, statt nur zu erklären, bin ich auf dem richtigen Weg. Echter Dialog gibt dem Gedicht das letzte Wort – auch wenn es schweigt.

  • Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen

    Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen

    Versuch schulisch zu lesen | Nathalie Schmids Gedicht „die namen der eisheiligen“ ist eine dichte lyrische Miniatur, die existenzielle Verlusterfahrung in einer poetischen Collage aus Stadt- und Naturbildern verarbeitet. In freier Form, ohne Satzzeichen oder konventionelle Struktur, oszilliert das Gedicht zwischen Bewegung und Erstarrung, zwischen Geräuschkulisse und sprachloser Introspektion. Es thematisiert das Ringen um Orientierung in einem emotional zerrissenen Raum und erzeugt durch seine Fragmentarität einen Zustand der Schwebe – zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Nähe und Entfremdung, Erkenntnis und Verdrängung.

    Wind und Verbindung: Verlust als Bewegung ins Unbestimmte

    Schon die Eingangsverse „auf der terrasse treibt der wind / blätter und kleine reste einer seilbahn“ etablieren den Wind als Symbol für Vergänglichkeit, als ungerichtete Kraft, die Spuren der Vergangenheit fortträgt. Doch besonders die „kleinen reste einer seilbahn“ sind ein aufschlussreiches Bild: Seilbahnen überwinden Distanzen, ermöglichen Verbindung – hier bleiben nur Fragmente, Zeichen einer gescheiterten Überbrückung. Der Wind trägt sie weiter „in unbestimmte ferne und an kalte geländer“ – eine Bewegung in Richtung Entfremdung. Die „kalten Geländer“ stehen sinnbildlich für eine Welt, die zwar Halt bietet, aber keine Wärme – Sicherheit ohne Geborgenheit, Struktur ohne Empathie.

    Körperliche Erinnerung: Bitterkeit der Nähe

    In der Zeile „an deinen fingerspitzen der bittere geschmack / von tabak“ wird Verlust körperlich spürbar. Der Geschmack an den Fingerspitzen verweist auf Intimität und Gewohnheit, aber auch auf etwas, das verbleibt, obwohl es vergangen ist – wie der Geruch von Rauch, der nach dem Verlassen eines Raumes noch in der Kleidung haftet. Der „bittere Geschmack“ ist Rückstand einer Verbindung, die nicht mehr existiert. Im Kontrast dazu steht der „geöffnete Mohn“, der – wie von beiden Interpretationen betont – gleichzeitig Schönheit und Vergänglichkeit, aber auch Vergessen symbolisiert. Doch das Gedicht scheint diesen Trost zu verweigern: Das lyrische Ich erlebt die Vergänglichkeit nicht als Befreiung, sondern als quälendes Erinnern.

    Die Eisheiligen: Verlorene Ordnung, bleibende Kälte

    Der Titel des Gedichts, „die namen der eisheiligen“, entfaltet seine ganze Bedeutung in den Versen „und die eisheiligen sich dunkel / verzogen haben“. Die Eisheiligen markieren normalerweise das Ende einer frostigen Periode im Frühling – ein Hoffnungsmoment. Doch hier verzieht sich die Kälte nur „dunkel“, bleibt spürbar als unsichtbare Bedrohung. Die ersehnte Erneuerung bleibt aus, die emotionale Starre bleibt bestehen. Diesem Zustand steht die Welt der Kinder gegenüber: „es rufen sie die kinder / ihre stimmen hell und noch in strophen“. Das Adverb „noch“ ist entscheidend – es zeigt, dass auch diese Ordnung, dieses spielerisch-rezitierende Erfassen der Welt, vergänglich ist. Die Erwachsenenwelt hingegen ist fragmentiert, zerfallen in Geräusche und Bedeutungsreste.

    Kaffeesatz, Licht und Lärm: Die Unmöglichkeit der Deutung

    Mit der Zeile „kaffeesatz in deinen gedanken“ verdichtet sich die existenzielle Krise: Das lyrische Ich sucht Sinn im Undeutbaren, wie eine Wahrsagerin im Kaffeesatz. Die Frage „warum wachsen diese stauden nicht“ wirkt beinahe verzweifelt – das Leben verweigert sein Wachstum, Hoffnung bleibt aus. Dies verstärkt sich im klimaktischen Bild:

    „warum bricht / das festgebrannte licht das rauschen der / strasse das rauschen der häfen das / trampeln auf pfaden das donnern nicht“

    Hier treffen sich zwei Deutungsebenen: Einerseits ist das „festgebrannte Licht“ gescheiterte Erkenntnis, die die unaufhörliche Geräuschkulisse der Welt nicht durchdringen kann. Andererseits kann das Licht auch als starrer Schmerz gelesen werden, eine bleibende Präsenz, die das Ich lähmt. In beiden Fällen bleibt das „rauschen“ – der Lärm der Außenwelt, der Trubel des Lebens – ungebrochen, als Zeichen einer Welt, in der sich innerer Stillstand und äußere Bewegung unvereinbar gegenüberstehen.

    Schlussbild: Schuld, Sprachlosigkeit und das Unausgesprochene

    Im letzten Abschnitt des Gedichts kulminieren die zuvor entwickelten Motive:

    „bitter auch dein letzter streit und / wie du hast fortwehen lassen was / noch zart und ohne worte war“

    Der letzte Streit ist wie der Tabak bitter – Erinnerung an Nähe, die in Konflikt mündete. Die Wendung „hast fortwehen lassen“ zeigt Verantwortung, vielleicht Schuld: Das Ich hat nicht gehalten, was „zart und ohne worte“ war – eine Verbindung, noch unausgesprochen, noch werdend. Es ist der Verlust eines Potenzials, das nicht zur Sprache kam, nicht zur Reife. Hier verbinden sich zwei Sichtweisen: Das bewusste Loslassen (Versagen) trifft auf das Tragische des Ungesagten (Verlust durch Sprachlosigkeit). Die Kälte war nicht nur von außen, sondern Teil des eigenen Handelns.

    Die Poetik des Fragmentarischen

    Wie beide Interpretationen betonen, lebt Schmids Gedicht von seiner Andeutung, seiner Struktur des Fragments. Es spricht nicht „aus“, sondern „an“ – es tastet sich an Bedeutungen heran, bleibt offen, elliptisch, zögernd. Der „Rest einer Seilbahn“ wird so zum poetologischen Symbol: Eine zerbrochene Verbindung, deren Fragmente noch durch den Text treiben, wie Blätter im Wind.

    Die Eisheiligen stehen in diesem Kontext nicht nur für die letzten kalten Tage des Frühlings, sondern für alle Ordnungen und Namen, auf die wir hoffen – seien es Liebesbeziehungen, Erinnerungen, Neubeginne – und deren Versprechen im „dunklen Verzug“ der Realität zerbrechen. Was bleibt, ist das Rauschen, der bittere Nachgeschmack vergangener Nähe – und die Trauer um das, was hätte werden können.

  • Nathalie Schmid – herbrig

    Nathalie Schmid – herbrig

    Interpretation zu Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“

    Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ ist ein poetischer Erinnerungsraum, der sich mit Vergänglichkeit, Heimatverlust und dem Bewahren des Alltäglichen beschäftigt. In einer fragmentarisch-assoziativen Struktur – typisch für zeitgenössische Lyrik – reiht die Autorin Bilder aneinander, die zwischen Melancholie und stillem Humor oszillieren. Jede Strophe beginnt mit dem Wort „bevor“, wodurch sich eine stetige Dringlichkeit aufbaut: Der Moment des Jetzt muss gewürdigt werden, ehe er unwiederbringlich verloren geht.

    Bereits die erste Strophe gibt das Thema des Gedichts vor:

    „bevor die weissen geranien welken / und die wehmut einkehrt / solange alles noch steht / muss ich es preisen“
    Die weißen Geranien symbolisieren Schönheit und Vergänglichkeit, die „Wehmut“ kündigt den nahenden Abschied an. Das lyrische Ich erkennt die Notwendigkeit, das Bestehende zu preisen – als Geste des Festhaltens und der Wertschätzung des Gegenwärtigen, bevor es im Erinnern verblasst.

    In der zweiten Strophe trifft Sakrales auf Profanes:

    „bevor jemand am betonkreuz / auf dem hügel jesus abmontiert / im regen zwischen linden und / schafen hängt er gut“
    Ein Betonkreuz mit Christusfigur auf einem Hügel verbindet religiöse Symbolik mit moderner Tristesse. Die Vorstellung, dass Jesus „abmontiert“ werden könnte, verweist auf den drohenden Verlust traditioneller Sinnbilder. Doch noch „hängt er gut“ – in einer fast idyllischen Szenerie zwischen Schafen und Linden. Der Regen deutet bereits an, dass dieses fragile Gleichgewicht ins Wanken geraten könnte – als Vorzeichen einer entzauberten Welt.

    Die dritte Strophe lenkt den Blick auf Szenen aus dem ländlichen Alltag:

    „sieht verkehrsschilder kommen / und gehen erste augustfeuer / massen kleiner mädchen auf dem weg / ins schwimmbad“
    Die Christusfigur oder das lyrische Ich beobachten hier das Kommen und Gehen menschlicher Ordnungssysteme, repräsentiert durch Verkehrsschilder. Die „ersten Augustfeuer“ verweisen auf den Schweizer Nationalfeiertag – ein kollektives Ritual, das für Heimat und Tradition steht. Die „kleinen Mädchen auf dem Weg ins Schwimmbad“ symbolisieren Unschuld, Sommer und flüchtige Lebensfreude. Diese Szene wirkt wie eine Momentaufnahme im Übergang, eingebettet in einen kulturellen Kontext, der sich gleichzeitig festlich und brüchig zeigt.

    In der vierten Strophe wird der Blick intimer und biografischer:

    „bevor im keller der eltern / keine schachteln mehr stehn / und sie müde den garten ausräumen“
    Hier wird der Keller zum Sinnbild eines Archivs privater Erinnerung. Mit dem Verschwinden der Schachteln endet auch ein Teil gelebter Geschichte. Die müden Eltern, die ihren Garten ausräumen, stehen für den Rückzug einer Generation. Die Strophe markiert einen Punkt, an dem familiäre Kontinuität zerfällt – leise, aber unausweichlich.

    Die abschließende Strophe bringt das Gedicht auf eine persönliche, fast skurrile Ebene:

    „muss ich noch einmal / mit den haflingern die auffahrt / nehmen mich mahnen: verlier zum tor / die fernbedienung nicht und nenn / den hund der nachbarn elvis“
    Die Haflinger – Pferde aus dem Alpenraum – stehen für ländliche Kindheitserinnerung. Die „Auffahrt“ wird zur letzten Fahrt ins Erinnerte, zur rituellen Heimkehr. Die Mahnung, die Fernbedienung nicht zu verlieren, wirkt absurd banal – doch gerade darin liegt ihre Kraft: Im Kontrast zu existenziellen Themen wird das Alltägliche zum festen Anker. Auch der Hundename „Elvis“ ist eine skurrile, aber liebevolle Geste der Vertrautheit, die Nachbarschaft und Erinnerung miteinander verknüpft.

    Der Titel „herbrig“ bleibt bewusst offen: Er könnte ein Eigenname, ein Ortsname oder eine Neuschöpfung sein – in jedem Fall verweist er auf einen konkreten Schauplatz des Erinnerns – so meine Wahrnehmung. Die lyrische Stimme fungiert als Chronistin des Verschwindenden. Mit Sensibilität benennt sie, was im Alltag übersehen wird, und macht es dadurch bedeutungsvoll.

    Das Gedicht wird so zu einem lyrischen Memento mori der Gegenwart. Es kämpft mit Sprache gegen das Verblassen dreier Sphären:

    • Natur (welkende Geranien, Schafe),
    • Tradition (Betonkreuz, Augustfeuer),
    • Privatheit (Elternhaus, Nachbarschaft).

    Die Spannung zwischen Sakralem und Profanem – etwa zwischen Jesus und Verkehrsschildern – wird zum Bild für eine Welt, die ihre symbolischen Ordnungen verliert. Doch im Banalen – der Fernbedienung, dem Hund „Elvis“ – liegt eine stille Würde: Das Benennen wird zum poetischen Akt der Rettung.

    In ihrer zurückhaltenden, fragmentarischen Sprache gelingt es Nathalie Schmid, die Tiefe familiärer, kultureller und persönlicher Brüche sichtbar zu machen, ohne in Klage zu verfallen. Vielmehr ist „herbrig“ ein liebevoller, leicht melancholischer Versuch, das zu preisen, was noch da ist – im Wissen darum, dass es bald verschwunden sein wird. Es ist ein Ritual des Bewahrens, ein poetisches Innehalten im Fluss der Zeit.


    Die Musik zum Gedicht
    „herbrig“ entfaltet für mich eine stille, filmische Kraft – wie eine Abfolge zarter Bilder im Übergang. Dazu ist mir eine Auswahl von Musikstücken eingefallen, die das Gedicht atmosphärisch begleiten – eine Art persönlicher Soundtrack.

    Arvo Pärt – „Spiegel im Spiegel“
    Minimalistisch, meditativ, voller Leere und Weite.
    Passt hervorragend zur ruhigen, kontemplativen Grundstimmung des Gedichts.
    Die Einfachheit der Musik spiegelt das stille „Preisen“ wider.

    Gustav Mahler – Adagietto aus der 5. Sinfonie
    Ausdruck tiefer Melancholie, aber mit einem leisen Hoffnungsschimmer.
    Thematisch passend zum Abschied von Elternhaus, Kindheit und Tradition.

    Franz Schubert – „Im Abendrot“ (aus den Liedern nach Rellstab)
    Eine romantische Vertonung von Vergänglichkeit und Naturerleben.
    Besonders geeignet, wenn du die Naturbilder (Geranien, Schafe, Regen) hervorheben willst.

    Claude Debussy – „Rêverie“ oder „Clair de Lune“
    Träumerisch, leicht entrückt, mit zartem Humor.
    Könnte gut zu den skurrileren Momenten passen („Hund der Nachbarn heißt Elvis“).

    Bill Evans – „Peace Piece“
    Ein ruhiges, fast meditatives Klavierstück.
    Ideal als musikalischer Spiegel für Erinnerung, Zerbrechlichkeit und Innenwelten.

    Keith Jarrett – „The Köln Concert“ (v.a. der erste Teil)
    Improvisation als Form des Erinnerns.
    Weich, fließend, teilweise hymnisch, dann wieder zurückgenommen – wie das Gedicht selbst.

    Miles Davis – „Blue in Green“ (aus Kind of Blue)
    Melancholie trifft auf Eleganz.
    Sanft und introspektiv, perfekt für die Stimmung von „herbrig“.

    Jan Garbarek – „In Praise of Dreams“
    Eine Mischung aus Jazz, Klassik und nordischer Klanglandschaft.
    Atmosphärisch, entrückt, gleichzeitig sehr konkret – wie ein Soundtrack zu verlorenen Orten.

  • Wurde das Wasser gebogen?

    Wurde das Wasser gebogen?

    Annähernd gelesen 2 | Das Gedicht o. T. – beginnend mit der Strophe  „Ich habe das Wasser gebogen“ – entfaltet sich als dichte, bildgewaltige Parabel über Macht, Ohnmacht und die Grenzen menschlicher Kontrolle. Je nach Lesart lassen sich naturmythische, psychologische, existenzielle und sogar politische Ebenen erschließen. Im Zentrum steht das Scheitern des lyrischen Ichs im Kampf gegen das Wasser – ein Symbol für das Unbeherrschbare, sei es Natur, Emotion, Zeit oder soziale Kräfte.

    Das Gedicht inszeniert einen archaischen Machtkampf zwischen Mensch und Natur. Das Wasser wird personifiziert: Es „schlüpft“, „frisst“, „lächelt“ und „röchelt“ – mal listig, mal gewaltsam.

    • Stufe 1: Sanfte Kontrolle („biegen“) → Das Wasser entweicht wie Fische.
    • Stufe 2: Gewalt („schlagen“) → Das Wasser verschlingt den Stock und zeigt sich überlegen („runder Rücken“ als Welle + spöttisches Lächeln).
    • Stufe 3: Technologische Zähmung („kochen“) → Das Wasser revoltiert als Dampf, Wolkenbruch und Hagel.

    Deutung: Die Natur lässt sich nicht bezwingen. Jeder Eingriff führt zur Eskalation – bis zur Vernichtung des Menschen („mehliger Staub“). Das Gedicht erinnert an mythologische Strafen (wie die Sintflut) oder ökologische Warnungen: Hybris wird bestraft.

    Das Wasser steht für unkontrollierbare Emotionen (Liebe, Wut, Trauma), die das Ich zu bändigen versucht – und scheitert.

    • „Biegen“: Verdrängung oder Manipulation von Gefühlen → Sie entgleiten.
    • „Schlagen“: Unterdrückung (z. B. Wut) → Die Emotion schlägt zurück („fraß den Stock“).
    • „Kochen“: Verzweifelter Versuch, Gefühle „auszulöschen“ → Sie explodieren („Hagel“) und zerstören das Ich.

    Katastrophe: Am Ende ist das Ich entpersonalisiert („dachte nicht, dass ich Körper sei“) und verliert sogar die Erinnerung an Zärtlichkeit („Kinn in deiner Hand“). Dies könnte auf psychische Zerrüttung hinweisen: Wer Gefühle gewaltsam unterdrückt, riskiert Selbstverlust.

    Das Wasser symbolisiert hier die Zeit oder das Schicksal – unaufhaltsam und vernichtend.

    • „Zermahlene Zeiten“: Alle Versuche, Zeit zu „biegen“ (Jugend zu erhalten, Tod abzuwenden) scheitern.
    • Staub: Symbol für Sterblichkeit („Asche zu Asche“). Das Ich wird zum Nichts, vergisst sogar seine eigene Körperlichkeit.
    • Verlust der Erinnerung: Die letzte Zeile deutet auf entmenschlichte Vergänglichkeit hin – als sei selbst die Liebe nur ein flüchtiger Moment in der zermahlenen Zeit.

    Das Wasser könnte für soziale Kräfte stehen (das Volk, unterdrückte Gruppen), das sich gegen Gewaltherrschaft wehrt.

    • „Biegen“: Propaganda oder „Formung“ der Massen → Sie entziehen sich.
    • „Schlagen“: Brutale Unterdrückung → Das Wasser „frisst den Stock“ (Revolution?).
    • „Kochen“: Versuch der totalen Kontrolle (Diktatur) → Systemzusammenbruch („Hagel“ als Strafe).

    Staub als Warnung: Am Ende bleibt nur die Asche der Geschichte („wie alle zermahlenen Zeiten“). Die letzte Zeile könnte auf verlorene Solidarität hindeuten: Der Unterdrücker erinnert sich nicht einmal mehr an menschliche Nähe.

    Alle Lesarten verbindet das Motiv des scheiternden Machtanspruchs:

    • Gegen die Natur → Ökologische Selbstzerstörung.
    • Gegen die eigenen Emotionen → Psychischer Kollaps.
    • Gegen die Zeit → Existenzielle Vergeblichkeit.
    • Gegen soziale Kräfte → Historische Nemesis.

    Das Wasser ist dabei mehrdeutig lebendig: mal listig, mal grausam, mal gleichgültig. Sein „Lächeln“ in Strophe 2 könnte Arroganz des Stärkeren zeigen – oder die Indifferenz des Universums gegenüber menschlichem Leiden.

    Das Ende ist radikal: Nicht nur der Körper, auch die Erinnerung an Liebe wird ausgelöscht. Damit wird jede Lesart zur Tragödie: Egal, wogegen das Ich kämpft – es verliert am Ende sich selbst.


    Das Gedicht ist wie ein prismatischer Kristall – je nach Lichteinfall zeigt es neue Facetten. Ob Naturgewalt, seelischer Abgrund oder politische Allegorie: Es fordert Demut angesichts des Unkontrollierbaren. Die einzige Gewissheit ist die eigene Vergänglichkeit – staubfein und ohne Echo.

    Hier meine erste Lesart des Gedichts.

  • Diese Bildsprache flutet mich

    Diese Bildsprache flutet mich

    Annähernd gelesen 1 | Diese Gedicht ohne Titel – „Ich habe das Wasser gebogen“  – beschreibt in meiner Wahrnehmung einen Machtkampf bzw. eine wechselhafte Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und dem Element Wasser. Wobei ich denke, dass das Wasser Platzhalter ist. 

    Eine Annäherung an die einzelnen Bilder:

    „Ich habe das Wasser gebogen / da schlüpfte es fort / wie ein Schwarm kleiner Fische“

    • Das Wasser scheint zunächst etwas Formbares, fast Beherrschbares („gebogen“), doch es entzieht sich leicht und spielerisch („schlüpfte fort“).
    • Der Vergleich mit einem „Schwarm kleiner Fische“ unterstreicht die Flüchtigkeit und Lebendigkeit des Wassers – es lässt sich nicht wirklich fassen.

    „Ich habe das Wasser geschlagen / da fraß es mir den Stock aus der Hand / und lächelte sich einen runden Rücken“

    • Gewalt („geschlagen“) führt zu einer Gegenreaktion: Das Wasser wird aggressiv („fraß den Stock“) oder verschlingt das Werkzeug des Angriffs.
    • Das „Lächeln“ und der „runde Rücken“ könnten Wellen darstellen – das Wasser zeigt sich selbstbewusst, fast spöttisch, und formt sich neu.

    „Ich habe das Wasser gekocht / da röchelte es in meinen Töpfen / und zischte mir aus dem steilen Fenster / stürzte platzend aus allen Wolken / und hagelte auf mich ein“

    • Der Versuch, das Wasser zu beherrschen (durch Kochen), führt zu einer explosiven Reaktion: Es entweicht als Dampf, wird zu Regen, Hagel – eine Naturgewalt, die zurückschlägt.
    • Die Bilder erinnern an eine Art Strafe oder Vernichtung: Das Wasser wird unkontrollierbar und überwältigend.

    „da wurd ich ein Haufen mehliger Staub / wie alle zermahlenen Zeiten / und dachte nicht mal dass ich Körper sei / und mein Kinn je ruhte in deiner Hand“

    • Das lyrische Ich wird zu Staub – ein Symbol für Vergänglichkeit und Ohnmacht.
    • Der Vergleich mit „zermahlenen Zeiten“ deutet auf eine allgemeine menschliche Erfahrung hin: Der Kampf gegen Naturgewalten (oder vielleicht auch gegen Emotionen?) ist sinnlos.
    • Die letzten beiden Zeilen wirken melancholisch: Selbst die Erinnerung an Zärtlichkeit („Kinn in deiner Hand“) scheint in der Vernichtung verloren.

    Mögliche Interpretationen:

    1. Natur vs. Mensch: Ein Kampf gegen die Natur (Wasser als lebendiges, unbezwingbares Element), der scheitert.
    2. Emotionen: Wasser könnte für Gefühle stehen – man versucht, sie zu kontrollieren, doch sie brechen sich gewaltsam Bahn.
    3. Existenzielle Erfahrung: Das Gedicht könnte von menschlicher Hybris handeln und davon, wie die Natur den Menschen demütigt.

    Was bedeutetdas Wasser biegen„?

    Die Redewendung „das Wasser biegen“ wirkt auf den ersten Blick absurd, denn Wasser ist von Natur aus fließend und ungreifbar. Das Verb „biegen“ suggeriert eine gewaltsame, aktive Geste – man verformt etwas, übt Kontrolle aus. Doch wie lässt sich etwas Biegen, das sich jedem Zugriff entzieht? Schon hier offenbart sich ein fast magischer Widerspruch: Der Versuch, das Unkontrollierbare zu bezwingen.

    Doch dieser anfängliche „Erfolg“ ist trügerisch. Das Wasser „schlüpft fort“, als wäre es ein lebendiges Wesen – es entzieht sich mit spielerischer Leichtigkeit. Der Vergleich mit einem „Schwarm kleiner Fische“ unterstreicht diese Unfassbarkeit: Fische sind schnell, bewegen sich im Kollektiv und entgleiten den Händen. Genauso wenig wie man Wasser dauerhaft halten kann, lässt sich die Natur – oder vielleicht auch das Emotionale, das das Wasser symbolisiert – wirklich bändigen.

    Das lyrische Ich glaubt zunächst an seine Macht („ich habe…“), doch schnell wird klar, dass es sich einer Illusion hingibt. Die vermeintliche Kontrolle ist nur vorübergehend, und das vermeintlich Gebändigte reagiert mit List. Interessant ist, wie sich die Gewalt steigert: Zunächst wird das Wasser gebogen, doch es entweicht harmlos. Beim Schlagen beißt es zurück, und im Kochen wird es sogar zur tödlichen Bedrohung. Der anfängliche Triumph erweist sich als Fallstrick – er nährt die trügerische Hoffnung, Herr der Lage zu sein, bevor alles eskaliert.

    Am Ende bleibt die Erkenntnis: Der Mensch mag glauben, er könne die Natur oder seine eigenen Gefühle beherrschen, doch beides entzieht sich ihm – mal sanft, mal mit unerbittlicher Konsequenz.


    Die starken, fast mythologischen Bilder erinnern an alte Sagen (etwa den Kampf gegen Flut oder Sturm). Gleichzeitig könnte es auch eine Metapher für eine gescheiterte Liebe oder eine übermächtige emotionale Erfahrung sein. – Ich werde dieses Gedicht noch öfter lesen müssen.

    Erstveröffentlichung in „Gezinktes Licht“ – Handedition Textille, 2003 (Fehlt noch in meinem Bestand.). Entnommen aus: Bekannt trifft Unbekannt | Eine Lyrikreihe mit Gesprächen im onomato. Herausgegeben und kuratiert von Frauke Tomczak.

  • Heil

    Heil

    Annähernd gelesen | Ilse Chamiers Gedicht reflektiert ihre Erfahrungen als Kindergartenkind im nationalsozialistischen Deutschland. Dabei verbindet sie Erinnerungen an Rituale, religiöse Erziehung und Kriegsrealität zu einer erschütternden Collage – ruhig im Ton, aber tiefgründig in der Aussage. Die sprachliche Einfachheit kontrastiert mit der Komplexität des Erlebten.

    Politische und religiöse Rituale – Spiegelungen von Macht

    Schon zu Beginn thematisiert Chamier die Koexistenz und später den Austausch von religiösen und politischen Symbolen:

    „wir mußten alle den Arm heben, Heil Hitler / die Nonnen im Kindergarten lobten vorher / und nachher den Jesus Christ, der beide / Arme hob“

    Der Hitlergruß – Symbol des politischen Gehorsams – wird mit der Geste Jesu am Kreuz verglichen. In der kindlichen Wahrnehmung verschwimmen religiöse und politische Rituale. Beide fordern Glauben, Ergebenheit, körperlichen Ausdruck. Das zeigt, wie autoritäre Systeme religiöse Muster imitieren, um emotionale Bindung und Gehorsam zu erzeugen.

    „Auch eine Haltung, in der man / erstarrt, die gestreckte Rechte“

    Diese Zeile verstärkt die Kritik: Die Geste, egal ob religiös oder politisch, führt zur Erstarrung – zur inneren und äußeren Unfreiheit.


    Die Rolle der Kirche – Anpassung statt Widerstand

    Chamier schildert, wie die religiösen Erzieherinnen den Übergang zum NS-Regime mitvollziehen, ohne zu hinterfragen:

    „die Nonnen im Kindergarten lobten vorher / und nachher den Jesus Christ“

    Diese Zeilen legen eine beunruhigende Kontinuität nahe – als habe man nur den Namen gewechselt, nicht die Haltung. Die Kirche scheint weder Schutzraum noch Widerstandskraft zu bieten – vielmehr wirkt sie als Mitläuferin, die sich dem neuen System anpasst, statt es zu hinterfragen.

    „das Kruzifix / wurde abgehängt“

    Das Abhängen des Kreuzes steht symbolisch für die Entfernung christlicher Werte – und zugleich für die Austauschbarkeit der Symbole. Wo einst Jesus war, steht nun Hitler im Zentrum der Verehrung.


    Kriegserfahrung und kindliche Wahrnehmung

    Chamier arbeitet bewusst mit Kontrasten: Der kindliche Alltag mit Fleißkärtchen und Kinderreimen („da zankten sich fünf Hühnerchen…“) trifft auf Kriegsbilder:

    „da flogen die ersten Geschwader / zum Großangriff über Kleve nach Düsseldorf Essen“

    Die Fleißkärtchen stehen für Belohnung und Kontrolle, für das Belohnungssystem von Gehorsam – harmlos im Kindergartensetting, aber symptomatisch für eine Gesellschaft, die Leistung und Unterordnung belohnt. Die Ironie: Während das Kind Kärtchen sammelt, beginnt der Krieg.


    Die „Schlusspointe“ – Identitätsverweigerung

    Das Gedicht endet mit einer rhetorischen, beinahe ratlosen Frage:

    „wie kam es / daß ich nie Heiliger Hitler sagte, und nie / Heil Herz Jesu“

    Hier wird das ganze Gedicht auf eine innere Abgrenzung zugespitzt: Trotz der allgegenwärtigen Rituale, trotz religiöser und politischer Erziehung, hat die Sprecherin nie diese beiden Formeln der Anbetung übernommen. Die doppelte Verweigerung ist entscheidend – sie verehrt weder Hitler noch Jesus. Das zeigt, dass die Erzählerin als Kind (oder rückblickend als Erwachsene) einen inneren Abstand bewahrt hat.

    Diese Schlussfrage ist gleichzeitig ein stiller Akt des Widerstands – kein heldenhafter, aber ein sehr menschlicher, intimer.

    Ilse Chamiers Gedicht ist eine subtile, eindringliche Analyse des Alltags im Nationalsozialismus – gesehen durch die Augen eines Kindes, aber mit dem Wissen einer Erwachsenen. Die Stärke des Gedichts liegt in seiner leisen Ironie, der Verweigerung eindeutiger Anklagen und in der Verbindung von Religion und Politik als Machtinstrumente.

    Chamier entlarvt beide Systeme als potenziell autoritär, wenn sie den Einzelnen zur blinden Unterwerfung drängen – ob unter dem Kreuz oder dem Hakenkreuz.

    Titelfoto: Brittany Clark via unsplash

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      Vom Jagen zum Lesen

      Über das Arbeiten mit aufgegebenen Autoren Es beginnt meist mit einem Zufallsfund: ein Name in einer Fußnote, ein Gedicht in einer Anthologie, ein Hinweis in einem Antiquariatskatalog. Man liest, ist berührt, will mehr – und stellt fest: Es gibt kaum etwas. Keine Neuauflagen, keine Sekundärliteratur, oft nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag. Was folgt, ist die Jagd.…

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      Es ist unbefriedigend, etwas teilen zu wollen, was man nicht direkt zeigen kann. Wie in diesem Fall: „Schief gewickelt, wie ich bin!“ Frottage mit Zeichnung von Ille Chamier. Daher habe ich versucht festzuhalten was ich dem Bild entlockt habe: Falsche Schritte? Sie steht da, ein Knoten aus Linien und Schatten,geformt aus Plänen, die nie so…

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      Setz dich hin und lächle. Tanztheater von Pina Bausch

      Der Band „Setz dich hin und lächle. Tanztheater von Pina Bausch“ erschien 1979 im Prometh-Verlag in Köln. Auf 112 Seiten vereint er Schwarz-Weiß-Fotografien von Ulli Weiss mit Texten von Ille Chamier. Die Veröffentlichung fällt in eine Phase, in der Pina Bausch das Tanztheater Wuppertal bereits seit sechs Jahren leitete und ihre Arbeiten international wahrgenommen wurden.…

    • Arien

      Arien

      Eine Annäherung basierend auf Ille Chamiers Text zum Stück. (s.u.) „Arien“ ist ein abendfüllendes Tanztheaterwerk von Pina Bausch, das 1979 uraufgeführt wurde. Grundlage war eine intensive Probenphase, in der das Ensemble über Improvisationen, spontane Szenenentwicklungen und das Kombinieren scheinbar unverbundener Elemente arbeitete.Ille Chamier, Autorin auch des Programmhefttextes, dokumentierte nicht nur die Fakten zur Produktion, sondern…

    • starr vor glück

      starr vor glück

      Annähernd gelesen | Dieses Gedicht hat Ille Chamier bei der Poetischen Begegnung (12) mit Hans Thill zum Abschluss vorgetragen. Abgedruckt wurde es in Tagtexte und Bekannt trifft Unbekannt – Ed. 2 1. „ich wurde wach“ Das Gedicht beginnt mit dem Erwachen – also ein Moment zwischen Schlaf und Wachsein. Kein normales „Ich wachte auf“, sondern:…

    • Zwei Sekunden europäisches Schweigen

      Zwei Sekunden europäisches Schweigen

      Annähernd gelesen | Ille Chamiers Gedicht „mit den andern am Meer“ aus Tegtexte. Das Gedicht mag in erster Linie eine sehr private Momentaufnahme sein,; dennoch lässt sich die Metapher vom ‚europäischen Schweigen‘ über die rein persönliche Ebene hinaus interpretieren. Indem ich die nationalen und historischen Hintergründe der vermuteten Protagonisten – die deutsche Autorin, ein Mensch…

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      setz dich hin und lächle

      Setz dich hin und lächle. Tanztheater von Pina Bausch bietet einen dokumentarischen Einblick in das bahnbrechende Werk von Pina Bausch aus den 1970er Jahren. Es erschien 1979 im Prometh-Verlag in Köln und ist mit seinen 112 Seiten nicht nur ein Fotobuch, sondern ein visuelles Zeugnis der frühen Schaffensphase des Tanztheater Wuppertal. Herausgegeben zu einer Zeit,…

    • O.T. – Geschlossene Bücher

      O.T. – Geschlossene Bücher

      Der Text beschäftigt sich mit geschlossenen Büchern und vergleicht sie mit der Nacht. Er zeigt, dass die Worte in den Büchern – ähnlich wie Dinge in der Dunkelheit – nicht sichtbar sind, bis Licht auf sie fällt. Erst wenn eine Hand das Buch öffnet, die Seiten aufschlägt und Augen die Schrift betrachten, können die Worte…

  • Pina

    Pina

    Annähernd gelesen | Dieser Tagtext von Ille Chamier, die 3 Jahre dramaturgische Mitarbeiterin am Tanztheater Pina Bausch in Wuppertal war, vermittelt eine bemerkenswert intime und vielschichtige Perspektive auf die berühmte Choreografin und Tänzerin. Die Zeile „ich komme nicht gegen die Pina an“ drückt eine tiefe Anerkennung von Bauschs unbestreitbarer Dominanz und Einzigartigkeit aus. Sie spricht für ihre kreative Kraft und unverwechselbare Präsenz, der sich Chamier als Künstlerin nicht entziehen konnte, geschweige denn mit der sie sich messen möchte.

    Die Beschreibungen, wie Pina „die Hände in der Luft [hat] und Möwen fliegen lässt“ , oder dass „auf ihren Schultern Spatzen [springen], höckrige Wölkchen bläst sie herüber„, vermitteln mir ein Gefühl der Flüchtigkeit und des Mysteriums, das gut zu Pina Bauschs avantgardistischen und oft abstrakten Inszenierungen passt. Diese ätherischen Bilder spiegeln die unkonventionelle und schwer fassbare Natur ihrer Kunst wider.

    Die darauf folgende Strophe „sie winkt, ich soll weggehn / ein bißchen zur Seite / ich setze mich, so dünn ich kann“ vermittelt eine komplexe Mischung aus Distanz und gleichzeitigem, fast demütigen (?) Näherkommen. Pinas Geste des Wegschickens wird von Chamiers Handlung, sich „so dünn ich kann“ zu setzen, beantwortet – ein Ausdruck des Wunsches, präsent zu sein, ohne aufdringlich zu wirken, oder sich angesichts der starken Persönlichkeit Pinas klein zu machen. Es ist ein stetiger Balanceakt zwischen Nähe und Respekt in der Interaktion mit einer solch dominanten Persönlichkeit zu finden.

    Erst in der nächsten Strophe kommt die direkte Berührung ins Spiel: „auf ihrer Wange / ist kein ungeküßter Fleck mehr frei / schimpft einer, der sie / gerne küßt“. Zeilen, die die Popularität und Anziehungskraft Pinas nochmals verdeutlichen, die viele bewundern und lieben. (Ob sie privat auch so war?) Der „schimpfende“ Verehrer könnte dabei die Eifersucht oder den Wunsch nach Exklusivität angesichts Pinas breiter Beliebtheit und Anziehungskraft zum Ausdruck bringen. 
    Das Gedicht selbst, mit seinen lebendigen und teils surrealen Bildern, scheint von Bauschs künstlerischer Herangehensweise inspiriert zu sein und unterstreicht die tiefe Verbundenheit zwischen Chamier und Bauschs künstlerischem Schaffen. Und die herrliche, bildhafte Darstellung von Pina in der letzten Strophe, die „lacht wie trockenes Brot“ , „listig wie ein Fisch“ und „faul wie ein Bilderbuch“ ist, erzeugt ein – in diesem Sinne – bewegtes Kopfkino.

    • morgens früh

      morgens früh

      Der Text beschreibt eine frühmorgendliche Szene, in der das lyrische Ich zwischen Schlaf und Wachsein, Träumen und Realität oszilliert. Es thematisiert körperliche Empfindungen (Schweiß, Enge), surreale Bilder (Tiere, Tunnel aus Licht) und eine dörfliche Umgebung (Bauernhäuser, Wiesen, Kirchturm). Die Stimmung ist geprägt von Schwere, Unruhe und einer eigenwilligen Wahrnehmung der Umwelt. Was mir beim Lesen…

    • Werk & Leben – Eine Dokumentation

      Werk & Leben – Eine Dokumentation

      „Viele Begabungen, viele Ansätze, viele Orte, viele Kinder – wohin man bei man bei Ille Chamier blickt, ist Fülle.“ (Lore Schaumann) Die biografischen Informationen zu Ille Chamier sind begrenzt. Diese Seite dokumentiert, was aus Publikationen, Autorenporträts und ihren eigenen Texten bekannt ist. Biografische Eckdaten 1937 – Geboren in Uedem am Niederrhein. Vater: Landarzt, schrieb „im…

    • Ille Chamier – Rosestock Holderblüh

      Ille Chamier – Rosestock Holderblüh

      Ille Chamiers Gedicht Rosestock Holderblüh verdichtet ihre Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zu einer poetischen Collage aus Trauma und Überlebenspoesie. Geboren 1937, erlebte sie die Bombennächte um 1943 – als Sechsjährige – in unmittelbarer existenzieller Bedrohung, wie die Zeilen „horchte ich nach den Bombengeschwadern“ bezeugen. Die Szene der zersplitterten Fenster („Scherben lagen ums Gitterbett“) neben der unverletzten Schwester offenbart…

    • margueriten – Norbert Hummelt

      margueriten – Norbert Hummelt

      Das Gedicht als transgenerationale Übersetzungsarbeit? Eine Annäherung | In „margueriten“ rekonstruiert Norbert Hummelt nicht einfach die Erinnerungen seiner Mutter an den Zweiten Weltkrieg – er macht den Prozess der Rekonstruktion selbst zum Thema. Das lyrische Ich (als nachgeborener Sohn) wird zum Archäologen mütterlicher Erfahrungen, die nur fragmenthaft überliefert sind: in abgebrochenen Sätzen, verweigerten Liedern und weggelegten…

    • Bekannt trifft Unbekannt – Ed. 2

      Bekannt trifft Unbekannt – Ed. 2

      LektüreNotizen | Aufmerksam geworden bin ich auf diese Reihe durch meine Recherchen, Texte von Ille Chamier zu finden. Daher stehen ihre Lesung und das Gespräch mit Norbert Hummelt – moderiert von Frauke Tomczak – im Vordergrund. Klappentext: Bei der Edition handelt es sich um einen Tonmitschnitt der vierteiligen Lyrikreihe BEKANNT TRIFFT UNBEKANNT, die vom Dezember…

    • Wurde das Wasser gebogen?

      Wurde das Wasser gebogen?

      Annähernd gelesen 2 | Das Gedicht o. T. – beginnend mit der Strophe  „Ich habe das Wasser gebogen“ – entfaltet sich als dichte, bildgewaltige Parabel über Macht, Ohnmacht und die Grenzen menschlicher Kontrolle. Je nach Lesart lassen sich naturmythische, psychologische, existenzielle und sogar politische Ebenen erschließen. Im Zentrum steht das Scheitern des lyrischen Ichs im Kampf gegen das Wasser –…

    • Diese Bildsprache flutet mich

      Diese Bildsprache flutet mich

      Annähernd gelesen 1 | Diese Gedicht ohne Titel – „Ich habe das Wasser gebogen“  – beschreibt in meiner Wahrnehmung einen Machtkampf bzw. eine wechselhafte Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und dem Element Wasser. Wobei ich denke, dass das Wasser Platzhalter ist.  Eine Annäherung an die einzelnen Bilder: 1. Strophe: Das „Biegen“ des Wassers „Ich habe…

    • Heil

      Heil

      Annähernd gelesen | Ilse Chamiers Gedicht reflektiert ihre Erfahrungen als Kindergartenkind im nationalsozialistischen Deutschland. Dabei verbindet sie Erinnerungen an Rituale, religiöse Erziehung und Kriegsrealität zu einer erschütternden Collage – ruhig im Ton, aber tiefgründig in der Aussage. Die sprachliche Einfachheit kontrastiert mit der Komplexität des Erlebten. Politische und religiöse Rituale – Spiegelungen von Macht Schon…

    • Pina

      Pina

      Annähernd gelesen | Dieser Tagtext von Ille Chamier, die 3 Jahre dramaturgische Mitarbeiterin am Tanztheater Pina Bausch in Wuppertal war, vermittelt eine bemerkenswert intime und vielschichtige Perspektive auf die berühmte Choreografin und Tänzerin. Die Zeile „ich komme nicht gegen die Pina an“ drückt eine tiefe Anerkennung von Bauschs unbestreitbarer Dominanz und Einzigartigkeit aus. Sie spricht…

  • Abzeichen

    Abzeichen

    In diesem Fall habe ich versucht, mir Ille Chamiers Gedicht „Heil“ über Erzählungen aus der eigenen Familie zu erarbeiten. Daraus ist eine Art Gedicht entstanden:

    ich war fünf, als mein Bruder das Abzeichen bekam
    goldenes Hakenkreuz auf rotem Grund
    er steckte es sich ans Hemd wie ein Versprechen
    die Mutter sagte: sei stolz

    im Schulflur hing der neue Plan
    alle Stunden begannen mit dem Schwur
    die Fahne wurde gehisst
    über uns die Stimme des Führers aus dem Radio

    wir malten Bilder vom Erntedank
    eine Bäuerin, ein Soldat
    ein Apfel, ein Gewehr
    beides für das Vaterland

    der Kaplan trug Schwarz
    sprach von der Seele, die rein sein müsse
    ich verstand: sauber wie die Schuhe zur Parade
    sonntags beteten wir für den Sieg

    später wurde die Kirche halb zerstört
    das Kruzifix blieb heil, nur der Kopf fehlte
    mein Bruder kam nie zurück
    sein Abzeichen fand ich in der Schublade

    wie kommt es,
    daß ich nie „mein Führer“ sagte
    und nie
    „dein Wille geschehe“

    In Erinnerung an Kalla.

  • Weg in die Wische – bewegend gelesen

    Weg in die Wische – bewegend gelesen

    Die Wische ist eine einzigartige Landschaft im Nordosten der Altmark in Sachsen-Anhalt, die von ihrer Geschichte als ehemaliges Überflutungsgebiet der Elbe geprägt ist. Sie ist bekannt für ihre weiten, flachen Flächen, die besonders in den nassen Jahreszeiten eine Herausforderung für Reisende darstellen können. Adolf Endler beschreibt in seinem Text aus dem Jahr 1958 eindrücklich die Eigenheiten dieser Region, die auch heute noch relevant sind.

    Darf ich vorstellen: Die Wische

    Die Wische, deren Name vom niederdeutschen Wort für „Wiese“ abstammt, ist eine weite, platten Landschaft, die sich bis zu den Elbdeichen erstreckt. Endler beschreibt sie als ein Gebiet, das an den Niederrhein erinnert: „eine weite platte Fläche mit ganz kleinen Wäldchen — als Kinder nannten wir sie »Büschchen« —, mit vielen Zäunen und Hecken, mit Weiden und Wassergräben.“ Diese Beschreibung unterstreicht den ländlichen und naturnahen Charakter der Wische.

    Erdgeschichtlich betrachtet nimmt die Wische eine Sonderstellung in der Altmark ein: Sie entstand vor rund 130.000 Jahren in der Endphase des Saale-Komplexes als Rest eines 275 Quadratkilometer großen eiszeitlichen Schmelzwassersees des Berlin-Hamburger Urstromtals. Die hier durch Ablagerungen des Elbwassers entstandenen feinkörnigen Tone machen das Gebiet außerordentlich fruchtbar.

    Dieser fruchtbare Boden bringt jedoch auch seine Herausforderungen mit sich. Besonders prägnant ist die Bodenbeschaffenheit, die Endler humorvoll als „Wischedreck“ bezeichnet – ein zäher, unlöslicher Schlamm, der im Herbst und Winter die Wege unpassierbar macht. Im Sommer hingegen wird derselbe Boden „hart wie Stein“, was die Bewohner veranlasst, vom „Sommerfrost“ zu sprechen. Dies zeigt die extremen Bedingungen, denen die Landwirtschaft und die Menschen in der Wische ausgesetzt sind. Der Hinweis, dass „die Kinder schon mit Stiefeln an den Beinen geboren werden“, und der Rat, als Erstes Gummistiefel zu kaufen, sind nicht nur amüsant, sondern auch ein praktischer Hinweis auf die Notwendigkeit robuster Kleidung in dieser Region. Es ist ein Land, in dem Ackergeräte nach frischem Regen häufig im Schlick hängenbleiben, und wo bis ins 20. Jahrhundert hinein sogar spezielle „Wischeschlitten“ – Schlammrutschen aus Bohlen – zum Lastentransport eingesetzt wurden, weil Pferde oft nicht ausreichten. Dies verdeutlicht die Härte der Feldarbeit, die teilweise von Menschen verrichtet werden musste, und erklärt den langen Einsatz von Dampfpflügen zur Vorbereitung des tiefen Bodens, insbesondere für den Zuckerrübenanbau.

    Die Wische ist ein ebenes Gebiet, das von zahlreichen Gräben durchzogen ist und tiefer als der mittlere Hochwasserspiegel der Elbe liegt. Das führt dazu, dass der Fluss Aland bei Elbhochwasser rückwärts fließt. Ein Teil der Wische gehört zur Verbandsgemeinde Seehausen (Altmark), und eine ihrer Mitgliedsgemeinden trägt passenderweise den Namen Altmärkische Wische. Die meisten Dörfer in dieser Region sind charakteristische Marschhufendörfer, eine Siedlungsform, die sich an die Entwässerungs- und Nutzungsstrukturen des Marschlandes anpasst.

    Bereits ab 1150 bauten Holländer zwischen Altenzaun und Beuster einen Deich, der die Elbe von der Wische trennte und dort Ackerbau ermöglichte – ein früher Beleg für die menschliche Gestaltung dieser Landschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte Arbeitskräftemangel zu verschlammten Gräben, was von 1958 bis 1962 in einem Jugendobjekt der FDJ behoben wurde, parallel zur Einführung von Viehzuchtprojekten zur Risikominimierung im Ackerbau.

    Die geografische Lage der Wische, „zwischen zwei kleinen Kreisstädten Seehausen und Osterburg“ und „jenseits der Eisenbahnlinie Wittenberge-Stendal“, macht sie zu einem scheinbar abgelegenen Gebiet. Endler betont, dass ein „weiter Bogen der Elbe es nach Norden und Osten abschließt“, was die natürliche Isolation der Region zusätzlich verstärkt. Mit rund 17.000 Einwohnern und 30.182 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche ist die Wische ein vorwiegend agrarisch geprägtes Gebiet, das von Touristen oft gemieden wird, obwohl es „eins der merkwürdigsten landschaftlichen Gebiete“ ist.

    Die landschaftlichen Kontraste, die Endler beschreibt, sind faszinierend. Während die Wische selbst „wie ein trübes Auge“ wirken kann, liegt im Rücken der „Höhe“ – der Arendseer Hochfläche – eine „schön gewellte Hügellandschaft“, die später in die Lüneburger Heide übergeht. Jenseits der Elbe erhebt sich der Dom von Havelberg, umgeben von Kiefernwäldern und Seen, die ein völlig anderes Landschaftsbild bieten. Diese Gegenüberstellung von „Höhe“ und „Wische“ verdeutlicht die Vielfalt der angrenzenden Regionen. Trotz der Herausforderungen ist die Wische auch ein Lebensraum für viele Tiere; hier leben zahlreiche Falken und Weißstörche, die das Landschaftsbild prägen.

    Reiseplan für eine Erkundungstour in der Wische

    Basierend auf Adolf Endlers Beschreibungen und den Besonderheiten der Wische lässt sich ein spannender Reiseplan für eine Erkundungstour erstellen, die besonders für jemanden aus der niedersächsischen Elbtalaue interessant sein dürfte, da sie vergleichbare Naturphänomene aufweist.

    Wichtiger Hinweis vorab: Endlers Bericht stammt aus dem Jahr 1958. Die Infrastruktur hat sich seitdem partiell verbessert, aber die grundsätzliche Natur der Wische mit ihren Bodeneigenschaften und der potenziellen Abgeschiedenheit bleibt bestehen. Gummistiefel sind nach wie vor ein absolutes Muss, besonders in den nassen Monaten!

    Vorbereitung und Anreise

    • Beste Reisezeit: Ende des Frühjahrs oder im Spätsommer/Frühherbst, wenn der „Wischedreck“ nicht zu extrem ist und die Wege noch passierbar sind. Endler beschreibt die widrigen Bedingungen im Tauwetter, die Sie vermeiden sollten.
    • Ausrüstung:
      • Unbedingt Gummistiefel! Oder andere wasserdichte, robuste Schuhe, die schmutzig werden dürfen.
      • Robuste, wetterfeste Kleidung.
      • Eine detaillierte Karte der Region (digitale Karten mit Offline-Funktion sind empfehlenswert, da der Empfang lückenhaft sein kann).
      • Powerbank für elektronische Geräte.
      • Verpflegung und ausreichend Getränke, da die Infrastruktur dünn sein kann.
      • Ein Fahrrad kann eine Option sein, aber seien Sie auf Schiebepassagen und „Wischdrecks“-Herausforderungen gefasst, wie Endler sie beschreibt. Ein Mountainbike mit breiten Reifen wäre hier vorteilhafter als ein Rennrad.
    • Anreise:
      • Mit dem Auto ist die Wische über die Landstraße zwischen Seehausen und Osterburg oder die B107 von Wittenberge aus erreichbar.
      • Die nächste größere Bahnstation ist Stendal oder Wittenberge. Von dort aus kann man öffentliche Verkehrsmittel oder ein Taxi nutzen, um in die Region zu gelangen.

    Erkundungstour: Den Spuren Endlers folgen

    Die Tour konzentriert sich auf die Erfahrungen, die Endler gemacht hat, und die Eigenheiten der Wische.

    • Startpunkt: Seehausen (Altmark) oder Osterburg (Altmark). Diese beiden Kleinstädte bilden die „Kreisstädte“ Endlers und sind gute Ausgangspunkte.
    • Fokus: Die Suche nach Wegen und Brücken.
      • Endlers Rat: „Du musst dich immer nach den Brücken richten!“ Nehmen Sie diese Empfehlung ernst. Erkunden Sie die kleinen Wege und Feldwege, die von den Hauptstraßen abzweigen. Achten Sie auf die kleinen Brücken und Stege, die Endler als Orientierungspunkte nutzte. Diese könnten immer noch die besten Indikatoren für passierbare Abschnitte sein.
      • Erleben Sie den „Wischedreck“: Suchen Sie gezielt Wege abseits der asphaltierten Straßen. Es ist wichtig, Endlers Beschreibung des Bodens selbst zu erleben, um die Besonderheit der Wische wirklich zu erfassen. Planen Sie ein, dass Sie Ihr Fahrrad eventuell schieben oder tragen müssen, so wie Endler es tat.
      • Die „verschluckten“ Wege: Halten Sie Ausschau nach Stellen, wo Wege abrupt enden oder in matschigem Gelände verschwinden. Dies verdeutlicht Endlers Schilderung der „verschwundenen“ Wege.
    • Entdeckung der „Büschchen“ und Wassergräben:
      • Wandern oder fahren Sie durch die offene Landschaft, um die kleinen Wäldchen („Büschchen“), Hecken und Weiden zu entdecken, die die weite Ebene gliedern.
      • Achten Sie auf die zahlreichen Entwässerungsgräben, die die Landschaft durchziehen und deren Wasser „grau“ sein kann, wie Endler bemerkt. Diese Gräben sind entscheidend für die Entwässerung des ehemaligen Überschwemmungsgebietes.
    • Kontrast zur „Höhe“:
      • Fahren Sie, wenn möglich, in Richtung der Arendseer Hochfläche („Höhe“). Dies ermöglicht es Ihnen, den landschaftlichen Gegensatz zwischen der flachen Wische und der „schön gewellten Hügellandschaft“ zu erleben, die später in die Lüneburger Heide übergeht. Der Arendsee selbst ist, wie Endler erwähnt, ein lohnendes Ziel für eine kurze Rast.
    • Der Blick zur Elbe und nach Havelberg:
      • Fahren Sie in Richtung der Elbdeiche, etwa 20 Kilometer von der Wische entfernt. Hier können Sie die Weite der Elbe erleben.
      • Wenn die Zeit und das Interesse es zulassen, nehmen Sie die Fähre bei Werben über die Elbe, um den Blick auf den Dom von Havelberg zu genießen, der „seine burgähnliche Stirn hoch“ hebt. Dies bietet einen faszinierenden Kontrast zu der flachen Wische und einen Einblick in die angrenzende Region des Havellandes.

    Reflexion und Anpassung

    • Planänderungen akzeptieren: Endler musste seine Verabredung vergessen und sein Fahrrad tragen. Seien Sie bereit, Ihren Zeitplan anzupassen und unvorhergesehene Hindernisse als Teil des Erlebnisses zu sehen. Die Wische lehrt Gelassenheit und Anpassungsfähigkeit.
    • Begegnungen mit Einheimischen: Wenn sich die Gelegenheit bietet, sprechen Sie mit den Menschen vor Ort. Sie können Ihnen sicherlich Geschichten über den „Wischedreck“ und das Leben in dieser besonderen Landschaft erzählen, ähnlich dem erfahrenen Traktoristen, den Endler zitiert.

    Diese Erkundungstour der Wische wird Ihnen nicht nur die Landschaft näherbringen, sondern auch ein tieferes Verständnis für Adolf Endlers eindringliche Beschreibung dieser einzigartigen Region vermitteln.

    Sind Sie bereit, sich dieser Herausforderung zu stellen und die Wische auf Ihre eigene Weise zu entdecken?

  • Das älteste deutsche Buch: Die Abrogans-Handschrift der Stiftsbibliothek St. Gallen

    Das älteste deutsche Buch: Die Abrogans-Handschrift der Stiftsbibliothek St. Gallen

    Das älteste deutsche Buch ist die «Abrogans»-Handschrift (Codex 910), die sich im Besitz der Stiftsbibliothek St. Gallen befindet. Sie entstand vor etwa 1200 Jahren im alemannischen Raum und ist nach dem ersten lateinischen Wort ihres Textes benannt.

    Bedeutung und Inhalt:

    • Es handelt sich um das früheste und vollständigste Exemplar eines lateinisch-althochdeutschen Wörterbuchs, das von A bis Z angeordnet ist.
    • Es sind 3239 althochdeutsche Wörter überliefert, die Übersetzungen lateinischer Synonyme darstellen.
    • Ein lateinischer Traktat wird gefolgt vom althochdeutschen Vaterunser und dem Glaubensbekenntnis, die hier zum ersten Mal schriftlich festgehalten wurden.
    • Die Handschrift wird als eine Art Enzyklopädie bedeutungsmäßig interessanter und erklärungsbedürftiger Wörter aus profaner und sakraler, später auch christlicher Kultur beschrieben.

    Historischer Hintergrund und Stand der Forschung:

    • Die Herkunft der Handschrift konnte bisher nicht vollständig geklärt werden. Msgr. Professor Johannes Duft aus St. Gallen vermutet jedoch, dass der «Abrogans» im ersten Buchkatalog des Klosters St. Gallen, dem Breviarium librorum de coenobio Sancii Galli (nach 850 n. Chr.), unter den „Libri glosarum Volumina VIII“ verzeichnet ist.
    • Im Jahr 1977 erschien eine Faksimileausgabe der Handschrift, herausgegeben vom Fachverlag Zollikofer in St. Gallen.
    • Ein Kommentarband begleitete die Faksimileausgabe. Professor Bernhard Bischoff aus München und Msgr. Professor Johannes Duft beleuchteten darin Geschichte, Anlage, Schrift und Ausstattung der Handschrift.
    • Professor Stefan Sonderegger aus Zürich widmete sich im zweiten Teil des Kommentarbandes der germanistischen Bedeutung und Einordnung des «Abrogans», einschließlich Sprachstand und Inhalt. Er redigierte auch die Transkriptionen des lateinisch-althochdeutschen Glossars und des althochdeutschen Anhangs (Paternoster und Credo).
    • Bereits seit 1844 sind Transkriptionen für auswärtige Leser über den Verlag Scheitlin und Zollikofer in St. Gallen verfügbar.

    Quellen: Das älteste deutsche Buch. Die ‚Abrogans‘- Handschrift der Stiftsbibliothek St. Gallen (vollständig in 2 Bänden). Im Facsimile herausgegeben und beschrieben von Bernhard Bischoff, Johannes Duft und Stefan Sonderegger. Mit Transkription des Glossars und des althochdeutschen Anhangs von Stefan Sonderegger.
    Band 1: Facsimile; Band 2: Textband.
    Herausgeber: Bernhard Bischoff, Johannes Duft und Stefan Sonderegger
    Verlag: St. Gallen: Zollikofer Fachverlag, 1977


    Librarium : Zeitschrift der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft

  • Abrogans  Ernst und Mönch Haimo

    Abrogans Ernst und Mönch Haimo

    LektüreNotizen – Franz Hohler „Das Päckchen“

    Kapitel 5 – Jacqueline (Ernst Ehefrau) liest im Zug das Buch „Leidenschaft“ von Irène Némirovsky. Die Autorin und das Schicksal ihres Werks faszinieren sie besonders: Némirovsky wurde im KZ Auschwitz ermordet, und ihr Texte wurde erst 60 Jahre später wiederentdeckt. „Leidenschaft“ gehörte zu den Manuskripten, die ihre Töchter als Kinder während der deutschen Besatzung Frankreichs retten konnten. Während die Töchter dank Vorbereitungen der Mutter der Deportation entgingen, wurde Némirovsky mit nur 39 Jahren Opfer des Holocaust.

    Informationen zu Irène Némirovsky:

    Nachlass: Ihre Töchter bewahrten ihre Manuskripte jahrzehntelang auf, bevor sie veröffentlicht wurden. Ihr Werk erlebte posthum internationale Anerkennung.
    Geboren: 11. Februar 1903 in Kiew (Ukraine, damals Russisches Reich)
    Gestorben: 17. August 1942 in Auschwitz (ermordet)
    Hintergrund: Jüdische Schriftstellerin, floh mit ihrer Familie vor der Russischen Revolution nach Frankreich.
    Berühmtes Werk„Suite française“ (posthum veröffentlicht, 2004), ein unvollendeter Roman über die deutsche Besatzung Frankreichs.
    Schicksal: Trotz Konversion zum Katholizismus wurde sie 1942 als Jüdin verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo sie kurz darauf starb.

    Stiftsbibliothek st. Gallen – https://www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/csg/0911

  • Reto Zumbach, Journalist & befangen

    Reto Zumbach, Journalist & befangen

    Ein Papierfabrikant begeht ein Verbrechen. Der Jornalist Reto Zumbach will die Tat und seine Umstände nachzeichnen und begibt sich auf eine Reise zum Anwesen des verurteilten und inhaftierten Unternehmers im Norden Irlands.

    Lesetagebuch: Der Papierkönig | Hansjörg Schertenleib

    Mich reizt der Rahmen der Geschichte: Ein Journalist auf Recherchereise, der zugleich in die Story verwickelt ist.Einige Gedanken dazu.

  • Der Papierkönig | Hansjörg Schertenleib

    Der Papierkönig | Hansjörg Schertenleib

    Hansjörg Schertenleibs Roman „Der Papierkönig“ (erschienen 2008) arbeitet mit mehreren Ebenen: Die Brüche und Abgründe des Journalismus sowie die fragile Identität eines Mannes erkundet, der zwischen beruflicher Pflicht und persönlicher Krise schwankt. Protagonist Viktor Kessler, ein alternder Kulturjournalist, sieht sich mit der Auflösung seiner Ehe, dem Druck der Medienbranche und der Frage konfrontiert, was von seinem Leben bleibt, wenn die Fassade bröckelt.

    Der Autor und seine Inspiration
    Schertenleib, 1957 in der Schweiz geboren, blickt auf eine eigene Karriere als Journalist und Schriftsteller zurück. Seine Erfahrungen prägen den Roman: Ich wollte die Ambivalenz des Journalismus zeigen – einerseits die Macht der Worte, andererseits die Ohnmacht des Einzelnen in einem System, das immer schneller, oberflächlicher wird, erklärte er in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung. Der Autor verwebt autobiografische Elemente mit fiktionalen Erzählsträngen, etwa die Kritik an der Medienlandschaft, die er als „Papierkönigreich“ beschreibt – eine Welt, die „mit Worten Schlachten schlägt, aber selten die Wahrheit trifft“.

    Die Idee zum Roman reifte über Jahre. Schertenleib notierte zunächst Fragmente aus dem Redaktionsalltag, die später zur Grundlage der Handlung wurden. „Viktor Kessler ist keine reale Person, aber seine Zweifel sind die aller Journalisten, die spüren, dass sie Teil des Spektakels werden, über das sie berichten“, so der Autor. Rezensenten lobten die präzise Sprache und die melancholische Tiefe des Werks. Die Süddeutsche Zeitung schrieb: „Schertenleib gelingt ein schonungsloses Porträt der Medienwelt, das zugleich ein Stück Zeitgeschichte ist.

    Journalisten als Teil der Geschichte:
    Der Roman spiegelt reale Phänomene wider, bei denen Journalisten selbst zu Akteuren der Geschichten werden, die sie erzählen. Einige markante Beispiele:

    1. Der Fall Claas Relotius (2018): Der Spiegel-Reporter fälschte zahlreiche Artikel und konstruierte Figuren, um dramatische Geschichten zu erfinden. Der Skandal offenbarte, wie Journalisten durch ihre eigene Gier nach Aufmerksamkeit Teil einer Lügengeschichte wurden – ähnlich wie Schertenleibs Protagonist, der im Roman mit der Frage der Authentizität ringt.
    2. Günter Wallraffs Undercover-Recherchen: Der Investigativjournalist tauchte in den 1970er- und 1980er-Jahren unter, um Missstände aufzudecken (z.B. in „Ganz unten“). Hier wurde der Reporter zum Protagonisten, der die Grenzen zwischen Beobachter und Betroffenem bewusst verwischte.
    3. Die Spiegel-Affäre (1962): Als der Spiegel über Verteidigungsmängel der Bundeswehr berichtete, wurden Redakteure unter Hochverratsverdacht festgenommen. Der Fall zeigte, wie Journalisten durch ihre Enthüllungen selbst zur Zielscheibe staatlicher Macht wurden – ein Thema, das auch in „Der Papierkönig“ anklingt, wo Viktor mit Zensur und moralischen Dilemmata kämpft.

    Fazit
    Der Papierkönig“ ist auch ein Medienroman – er ist in erster Linie eine Studie über die Zerbrechlichkeit von Wahrheit und Identität. Schertenleib gelingt es, „die Einsamkeit des modernen Menschen in einer Welt voller Papiertiger zu porträtieren“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung).

  • Hansjörg Schertenleib – Zwischen Lesen und Schreiben

    Hansjörg Schertenleib – Zwischen Lesen und Schreiben

    „Am Anfang meiner Existenz als Schriftsteller hat mich die Frage ‹wer bin ich› kaum interessiert. Ich wollte eher wissen, ‹wer könnte ich sein›. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Ich bin mir schreibend auch selber auf der Spur. Bleibt die Frage: Ist es gut, zu wissen, wer man ist?“
    Hansjörg Schertenleib (tagblatt.ch)

    Der Konjunktiv bleibt bei mir hängen: als Arbeitszustand meines eigenen Lesens und Schreibens. Wer könnte ich sein ist hier keine Frage nach Identität, sondern nach Möglichkeiten. Nach Bewegung. Nach einer offenen Entwicklung.

    Lesen und Schreiben gehören – für mich – in diesem Zusammenhang zusammen. Lesen als Annäherung. Schreiben als Versuch, dem Gelesenen standzuhalten. In diesem Blog geht es um beides: um Texte und um das, was sie im Lesen auslösen, verschieben, offenhalten.

    Mein eigener Zugang zu Hansjörg Schertenleib ist genau so entstanden. Nicht aus einer abgeschlossenen Lektüre, nicht aus einem Überblick über ein Werk, sondern aus einem ersten Buch: Der Papierkönig. Danach kamen Palast der Stille und Regenorchester hinzu. Alle angelesen, unterschiedlich weit. Keines zu Ende geführt. Noch nicht.

    Neben der eigenen Lektüre ist der Begleitton des Literaturbetriebs präsent. Rezensionen, Porträts, Preise und Zuschreibungen bündeln sich zu wiederkehrenden Formeln: lakonisch, genau, leise, präzise. Schertenleib wird darin als Chronist der Zwischentöne gelesen, als Beobachter unspektakulärer Existenzen. Diese Zuschreibungen strukturieren die Wahrnehmung, sie stehen im Raum, noch bevor man selbst liest. Sie geben Orientierung, ersetzen aber nicht die eigene Annäherung.

    Es gibt wenige Autorinnen und Autoren, bei denen sich beim Lesen immer wieder derselbe Gedanke einstellt: So eine Geschichte hätte ich auch gern erzählt. Unabhängig von Länge oder Form. Bei Hansjörg Schertenleib ist das der Fall. Und bei Olga Tokarczuk. Texte, die diesen Effekt auslösen, erzeugen eine besondere Nähe: sie wirken weniger wie abgeschlossene Erzählungen. Eher wie Möglichkeiten, die man lesend, schreibend betritt und in ihnen weiterleben möchte.

    Während der Lektüre aufgenommen.

    Mich interessiert übrigens weniger, wer Schertenleib ist, als das, was seine Texte ermöglichen. Was sich mit ihnen anfangen lässt, lesend, weiterdenkend, schreibend. Seine Bücher wirken wie offene Flächen, nicht wie abgeschlossene Behauptungen. Man kann sie betreten, wieder verlassen, an ihnen hängen bleiben.

    Vielleicht ist genau das der produktive Ort: nicht zu wissen, wer man ist, nicht einmal genau zu wissen, was man liest, sondern sich schreibend und lesend auf der Spur zu bleiben. Ohne Zielmarke. Ohne Abschluss. Mit der offenen Frage, ob Wissen über sich selbst überhaupt das ist, worauf es ankommt.

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