Frühling | Christoph Kuhn

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1–2 Minuten

Das Gedicht von Christoph Kuhn spielt mit ungewöhnlichen Perspektiven auf den Frühling und nutzt dabei Sprachbilder, die Bewegung und Veränderung betonen. Meine Annäherung an den Text:

„die bäume ausgebrochen über nacht“
– Das Bild des „Ausbruchs“ suggeriert eine plötzliche, fast revolutionäre Veränderung. Der Frühling kommt nicht allmählich, sondern scheint explosionsartig zu geschehen. Es erinnert an das plötzliche Ergrünen nach dem Winter.

„lernen in der baumschule resistenz“
– Wortspiel mit „Baumschule“ als Ort der Anzucht, aber auch im übertragenen Sinne als Schule für die Natur. „Resistenz“- ein Bild für gezielte Anpassung an menschengemachte Herausforderungen wie Urbanisierung oder Umweltzerstörung.

„besetzen die baumlose magistrale“
– Bäume als Akteure, die aktiv werden. Die Magistrale (eine große Straße oder Verkehrsachse) ist baumlos, aber die Bäume „besetzen“ sie – eine Art ökologischer Protest oder natürliche Rückeroberung urbaner Räume?

„spielen bäumchen wechsle dich“
– Anspielung auf das Kinderspiel, was Dynamik und Wandel unterstreicht. Vielleicht eine ironische Bemerkung zur Stadtplanung, wo Bäume oft umgesetzt oder gefällt werden.

„tanzen zum vogelkonzert“
– Ein verspieltes, musikalisches Bild, das die Lebendigkeit des Frühlings feiert. Natur als rhythmisches Zusammenspiel von Bäumen und Vögeln.


Dieser Frühling hat für mich eine moderne, fast surreale Qualität. Christoph Kuhn nutzt dynamische Verben und Wortspiele, um Naturprozesse auf eine lebendige und unerwartete Weise zu schildern. Im erweiterten Sinne ein Naturgedicht, vermeidet es aber romantische Idylle zugunsten eines sozialkritischen Untertons (Stadt/Natur-Gegensatz) und einer spielerischer Sprache.

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    Am Zweig

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