Shōbōgenzō bei Hansjörg Schertenleib

„Der Weg vollendet sich. Der Schnee fällt in tausend Flocken. Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.“ – Shōbōgenzō

Hansjörg Schertenleib | Der Antiquar

Ich dachte erst, das sei ein Haiku. Die Kürze, das Naturbild, diese Ruhe – es wirkte wie ein dreizeiliges japanisches Gedicht. Aber etwas stimmte nicht. Die Form passte nicht, und der Name Shōbōgenzō klang nicht nach einem Dichter. Ich habe nachgesehen. Kein Haiku, sondern Zen-Prosa.

Das Shōbōgenzō („Schatzhaus des wahren Dharma-Auges“) ist das Hauptwerk des japanischen Zen-Meisters Dōgen, geschrieben im 13. Jahrhundert. Kein Gedichtband, sondern eine Sammlung von etwa 95 philosophischen Traktaten, Lehrreden, meditativen Texten. Dōgen gründete die Sōtō-Zen-Tradition in Japan. Sein Schreiben ist dicht, metaphorisch, oft paradox. Er arbeitet mit Bildketten, Wortspielen, bewussten Mehrdeutigkeiten.

Ein klassisches Haiku hat eine feste Struktur: 5–7–5 Silben, einen Jahreszeitenbezug (Kigo), eine Schnittstelle (Kireji). Das hier erfüllt nichts davon. Es ist weder metrisch gebunden noch als eigenständiges Gedicht konzipiert. Es ist Zen-Prosa, verdichtetes Lehrbild, vielleicht koan-nah.

Die inhaltliche Nähe zum Haiku ist da: Reduktion, Naturbild, Andeutung statt Erklärung. Aber historisch und funktional gehört der Text in eine andere Tradition. Wenn man es benennen will: poetische Zen-Aphoristik. Bildhafte Lehrrede.

Was die Bilder bedeuten können

Die drei Motive sind keine Naturbeobachtungen, sondern Gleichnisse:

Der Weg vollendet sich – nicht irgendwann am Ende, sondern im Vollzug selbst. Der Weg ist keine Strecke zu einem Ziel, sondern das, was sich im Gehen verwirklicht. Bei Dōgen heißt das: Übung ist nicht Vorbereitung auf Erleuchtung, sondern Erleuchtung im Vollzug.

Der Schnee fällt in tausend Flocken – unendliche Vielheit der Erscheinungen, fortwährendes Geschehen, Vergänglichkeit, die sich nie wiederholt.

Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden – die Welt als Darstellung, als Bild, nicht als festes Sein. Wahrnehmung ist Mit-Herstellung der Welt. Wirklichkeit ist immer schon geformt, perspektivisch, dargestellt.

Das sind keine Beschreibungen. Das sind Vollzüge.

Warum eignet sich das Shōbōgenzō so gut für Epigraphe?

Drei Gründe.

Erstens: Hohe kulturelle Autorität. Zen, Ostasien, Mittelalter, Spiritualität – das erzeugt sofort Tiefe und Ernst.

Zweitens: Bildhafte Sprache. Dōgen schreibt in Metaphern, die auch ohne Kenntnis des Systems wirken: Weg, Schnee, Berge, Zeit, Wasser, Spiegel.

Drittens: Offene Semantik. Viele Sätze sind bewusst mehrdeutig. Sie lassen sich leicht in existenzielle, poetische oder literarische Kontexte übertragen, ohne „falsch“ zu wirken.

Das macht das Shōbōgenzō zu einer idealen Quelle für Epigraphe – aber auch zu einer riskanten. Denn fast jedes Zitat ist aus dem Zusammenhang gerissen. Ein Satz aus dem Shōbōgenzō ist selten eine Aussage. Es ist fast immer eine Denkbewegung.

Was das Epigraph für den Roman leistet

Ich bin bei Kapitel vier. Noch weiß ich nicht, ob die drei Motive – Weg, Schnee, gemalte Berge – im Roman wiederkehren, ob sie sich entfalten, ob sie tragen.

Aber das Epigraph hat schon etwas getan. Es hat eine Lesehaltung gesetzt. Der Roman wird weniger als Handlung gelesen, mehr als Erfahrungsweg. Kontemplativ statt plot-orientiert. Es kündigt an: Hier geht es um Prozess, nicht um Ziel. Um Wahrnehmung, nicht um Fakten. Um Darstellung, nicht um feste Wirklichkeit.

Wenn sich das bewährt, ist das Epigraph ein Schlüssel.

Wenn nicht, war es Dekor.

Fünf Denkfelder, die bei Dōgen immer wiederkehren

Für spätere Epigraphe aus dem Shōbōgenzō halte ich mir fünf Grundthemen vor Augen, die bei Dōgen zentral sind und literarisch gut funktionieren:

Weg als Vollzug, nicht als Ziel. Übung ist nicht Vorbereitung, sondern Vollendung im Vollzug. Literarisch anschlussfähig für Entwicklungsromane ohne klares Ziel, Figuren in Übergangssituationen, Texte über Scheitern, Umwege, Abbrüche.

Zeit als Gegenwart, nicht als Abfolge. Bei Dōgen ist Zeit nicht Vergangenheit–Gegenwart–Zukunft als Linie, sondern jedes Ereignis ist seine eigene Zeit. Gegenwart ist der Ort, an dem Sein geschieht. Fruchtbar für Erinnerungsromane, fragmentarisches Erzählen, nichtlineare Strukturen.

Welt als Darstellung, nicht als feste Realität. Die Welt erscheint immer als Bild, als Perspektive. Wahrnehmung ist Mit-Herstellung. Wichtig für Texte über Erinnerung, unzuverlässige Erzähler, Identitätsromane, Literatur über Wahrnehmung und Illusion.

Sprache als Problem, nicht als Lösung. Dōgen ist radikal sprachskeptisch, obwohl er extrem sprachmächtig schreibt. Sprache zeigt, aber sie verdeckt auch. Begriffe fixieren, was in Bewegung ist. Deshalb arbeitet er mit Paradoxien, Bildketten, absichtlicher Mehrdeutigkeit. Anschlussfähig für selbstreflexive Texte, Romane über Schreiben, Figuren, die an Sprache scheitern.

Übung als Lebensform, nicht als Technik. Jede Handlung ist Übung. Alltag ist der Ort der Erkenntnis. Fruchtbar für Texte über Arbeit, Routine, Wiederholung, unspektakuläre Existenzen, Würde des Alltäglichen.

Das Shōbōgenzō liefert keine Thesen, sondern Denkhaltungen. Deshalb funktionieren seine Sätze als Haltungsangebote, Leseanweisungen, philosophische Untertöne – nicht als Erklärungen.

Ein Dōgen-Epigraph sagt selten: „So ist die Welt.“

Es sagt eher: „So könntest du diesen Text lesen.“

Was ich mir für die nächsten Epigraphe notiere

Wenn ich in Zukunft auf ein Shōbōgenzō-Zitat stoße, werde ich mir drei Dinge notieren:

Welches Grundthema ist hier im Spiel? Weg, Zeit, Wahrnehmung, Sprache, Praxis?

Welche Lesehaltung wird damit nahegelegt? Kontemplativ? Skeptisch? Prozesshaft? Perspektivisch?

Entspricht der Roman dieser Haltung – oder widerspricht er ihr?

So wird das Epigraph nicht religiös ausgelegt, sondern literarisch produktiv gemacht.

Hansjörg Schertenleib – Der Antiquar

  • Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen

    Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen

    Versuch schulisch zu lesen | Nathalie Schmids Gedicht „die namen der eisheiligen“ ist eine dichte lyrische Miniatur, die existenzielle Verlusterfahrung in einer poetischen Collage aus Stadt- und Naturbildern verarbeitet. In freier Form, ohne Satzzeichen oder konventionelle Struktur, oszilliert das Gedicht zwischen Bewegung und Erstarrung, zwischen Geräuschkulisse und sprachloser Introspektion. Es thematisiert das Ringen um Orientierung…

  • Nathalie Schmid – herbrig

    Nathalie Schmid – herbrig

    in ,
    4–6 Minuten

    Interpretation zu Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ ist ein poetischer Erinnerungsraum, der sich mit Vergänglichkeit, Heimatverlust und dem Bewahren des Alltäglichen beschäftigt. In einer fragmentarisch-assoziativen Struktur – typisch für zeitgenössische Lyrik – reiht die Autorin Bilder aneinander, die zwischen Melancholie und stillem Humor oszillieren. Jede Strophe beginnt mit dem Wort „bevor“, wodurch…

  • Abzeichen

    Abzeichen

    in ,
    1–2 Minuten

    In diesem Fall habe ich versucht, mir Ille Chamiers Gedicht „Heil“ über Erzählungen aus der eigenen Familie zu erarbeiten. Daraus ist eine Art Gedicht entstanden: ich war fünf, als mein Bruder das Abzeichen bekamgoldenes Hakenkreuz auf rotem Grunder steckte es sich ans Hemd wie ein Versprechendie Mutter sagte: sei stolz im Schulflur hing der neue…

  • Valérys Platane: Ein Baum, der mehr ist als nur Holz und Blätter

    Valérys Platane: Ein Baum, der mehr ist als nur Holz und Blätter

    in
    5–7 Minuten

    Paul Valérys Gedicht „An die Platane“ ist im Grunde eine tiefe Nachdenklichkeit über das Leben, unsere Grenzen und das, wonach wir uns sehnen. Er nimmt die Platane als Beispiel, um uns etwas über uns selbst zu erzählen. Am Anfang steht die Platane da, nackt und weiß, wie ein junger Mensch. Aber sie ist nicht ganz…

  • siebenunddreißig geboren

    siebenunddreißig geboren

    in ,
    3–5 Minuten

    Annähernd gelesen | Das Gedicht verdichtet die existenzielle Erfahrung eines Kindes, das 1937 in eine vom Krieg geprägte Welt geboren wird. Schon die nüchterne Eröffnung „siebenunddreißig geboren“ verankert die Verse historisch – eine Generation, deren Kindheit von Bombennächten und Bunkern überschattet war. Die wiederholte Betonung „ich kam auf die Welt“ unterstreicht nicht nur das Wunder des Lebens, sondern auch…

  • aber das kaputte Salzfaß

    aber das kaputte Salzfaß

    in ,
    2–3 Minuten

    Eine Annäherung | Dieses Gedicht erzählt eine Geschichte, die von einem rätselhaften Bild lebt: dem kaputten Salzfass. Es ist zerbrochen, hält nichts mehr, und doch wird es immer wieder gefüllt. Salz selbst ist ja seit jeher ein Symbol für das Lebensnotwendige – es würzt unser Essen, konserviert, und die Redewendung vom „Salz der Erde“ spricht…

  • Ille Chamier – Lied 76

    Ille Chamier – Lied 76

    Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…

  • Frühling | Christoph Kuhn

    Frühling | Christoph Kuhn

    in ,
    1–2 Minuten

    Das Gedicht von Christoph Kuhn spielt mit ungewöhnlichen Perspektiven auf den Frühling und nutzt dabei Sprachbilder, die Bewegung und Veränderung betonen. Meine Annäherung an den Text: „die bäume ausgebrochen über nacht“– Das Bild des „Ausbruchs“ suggeriert eine plötzliche, fast revolutionäre Veränderung. Der Frühling kommt nicht allmählich, sondern scheint explosionsartig zu geschehen. Es erinnert an das…

  • Øyvind Berg – Schwärze, was ist das?

    Øyvind Berg – Schwärze, was ist das?

    in
    2–3 Minuten

    Øyvind Bergs Gedicht „Schwärze, was ist das? / Licht in einem ungeöffneten Buch. / Gebärmutterlicht.“ verdichtet in drei Zeilen eine tiefgründige Reflexion über das Verborgene, das Potenzial und den Ursprung von Existenz. Hier meine Annäherung an diesen Text: Schwärze als paradoxer Träger von Licht:Die Frage „Schwärze, was ist das?“ setzt ein, indem sie das scheinbar…

  • Tagtexte – Ille Chamier

    Tagtexte – Ille Chamier

    LektüreNotizen | Knappe biografische Angaben zur Autorin, ansonsten: kein Klappentext, kein Marketingsprech, kein Inhaltsverzeichnis. Lesende sind mit sich und den Texten allein. Das ist gut. Die Tagtexte sind in Lyrikform ; wobei ich nicht weiß, ob der Einzeiler am Anfang bereits ein Gedicht ist. Jedenfalls ist er der Einstieg in eine (zu erzählende) Geschichte. „das…

  • Adolf Endlers Gedicht „Dies Sirren“

    Adolf Endlers Gedicht „Dies Sirren“

    Adolf Endlers Gedicht „Dies Sirren“ aus dem Jahr 1971 wirkt auf den ersten Blick wie ein surrealistisches Rätsel. Doch hinter der grotesken Szenerie dieser nur vier Zeilen verbirgt sich eine vielschichtige Auseinandersetzung mit historischen Traumata und politischer Ohnmacht. Basierend auf biografischen und literaturkritischen Quellen, bietet es Einblicke in ein rätselhaftes Meisterwerk, das zu den Schlüsseltexten…

  • Gegenentwürfe zur Ratlosigkeit: Wiederaufbruch

    Gegenentwürfe zur Ratlosigkeit: Wiederaufbruch

    Meine Entwürfe beziehen sich auf das Gedicht RATLOS von Jürgen Völkert-Marten. Im Dunkel der Nacht, dieses bodenlose Schwarz, wo Fragen wie Schatten wuchsen, ungreifbar, und die Stille selbst nach einer Antwort schrie, einer wirklichen, da begann es, dieses zaghafte Flimmern. Nicht laut, kein Donner, der zerbricht, nicht grell, kein Blitz, der blendet, sondern wie ein…

  • Ille Chamier & Karen Roßki

    Ille Chamier & Karen Roßki

    DAS ZÜNDBLÄTTCHEN – Heft 21 LektüreNotizen | Das Heft beinhaltet acht Gedichte der in Düsseldorf lebenden Autorin Ille Chamier und vier Bleistiftzeichnungen der Dresdner Künstlerin Karen Roßki. Stammabschnitte von Bäumen, die, obwohl blattlos, für mich die Energie der vier Jahreszeiten vermitteln. Details von Ästen, , markante Jungbäume, Totholz(?). Die Zeichnungen erinnern teils an Fabelwesen, so…

  • Das tierische Gebet

    Das tierische Gebet

    in
    3–4 Minuten

    Ich preise Dich Herr, / Darum hüpfe ich | Drutmar Cremer Tiere beten in Dur heiter beschwingt schlitzohrig – so lautet der Untertitel dieses Buches. Und ja, ungewöhnliche Gebete sind das, die der Benedektiner Drutmar Cremer da verfasst hat. Charakteristisch für das lyrische Werk des Dichters, Verlegers & Theologen Drutmar Cremer ist sein sparsames Vokabular,…

  • Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

    Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

    Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…

  • Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

    Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

    Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…

  • Kurt Schumacher – Fallender

    Kurt Schumacher – Fallender

    in , ,
    6–8 Minuten

    Der Bildhauer Kurt Schumacher (1905-1942) schuf eine männliche Figur im Moment des Falls. (Im Stil des Expressionismus?) aufgerichtet und die Arme emporreißend, zeigt die Skulptur eine tiefe Wunde in Herzhöhe. Aus ihr strömt Blut, das sich wie ein stilisiertes Gewand um die Hüften legt, die Scham des nackten Körpers bedeckt und an den Beinen hinunterfließt.…

  • Deutsche Lyrik aus zwölf Jahrhunderten

    Deutsche Lyrik aus zwölf Jahrhunderten

    in
    2–3 Minuten

    LektüreNotizen | Aus der Nachbemerkung des Herausgebers Walter Urbanek: Diese Sammlung soll der Freude am Gedicht dienen. Bei der Auswahl waren daher künstlerische, nicht textkritische Gesichtspunkte maßgeblich. Einige ältere Gedichte werden hier gekürzt wiedergegeben in der Absicht, zeitgebundene Schwächen wie Längen oder Wiederholungen zu beseitigen und so das Kunstwerk dem heutigen Leser näherzubringen.Sehr geehrter Herr…

  • Shōbōgenzō bei Hansjörg Schertenleib

    Shōbōgenzō bei Hansjörg Schertenleib

    „Der Weg vollendet sich. Der Schnee fällt in tausend Flocken. Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.“ – Shōbōgenzō Hansjörg Schertenleib | Der Antiquar Ich dachte erst, das sei ein Haiku. Die Kürze, das Naturbild, diese Ruhe – es wirkte wie ein dreizeiliges japanisches Gedicht. Aber etwas stimmte nicht. Die Form passte nicht, und der…

Diesen Beitrag teilen:

error: Content is protected !!