Kategorie: Angeregte Dialoge

Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.

In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.

  • Kulturelle Verluste durch Vertreibung

    Kulturelle Verluste durch Vertreibung

    Die Nationalsozialisten verfolgten während ihrer Diktatur eine aggressive Expansionspolitik, die auch zur Vertreibung zahlreicher Tschechen aus dem Sudetenland führte. Die Grundlage hierfür bildete das sogenannte Münchner Abkommen.

    Das Münchner Abkommen

    Das Münchner Abkommen wurde am 30. September 1938 in München zwischen Deutschland (Adolf Hitler), dem Vereinigten Königreich (Neville Chamberlain), Frankreich (Édouard Daladier) und Italien (Benito Mussolini) unterzeichnet. Die Tschechoslowakei selbst, deren Territorium hier verhandelt wurde, war nicht an den Verhandlungen beteiligt und wurde vor vollendete Tatsachen gestellt (Quelle: Historisches Lexikon Bayerns).

    Kernpunkt des Abkommens war die Abtretung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich. Die deutsche Besetzung dieses Gebiets sollte vom 1. bis 10. Oktober 1938 erfolgen. Im Gegenzug garantierten Großbritannien und Frankreich den Bestand des tschechoslowakischen Reststaats (Quelle: DHM LeMO Zeitstrahl). Das Münchner Abkommen gilt als Höhepunkt der britischen und französischen „Appeasement-Politik“, also einer Beschwichtigungspolitik gegenüber Hitler, um einen Krieg zu verhindern. Winston Churchill bezeichnete das Abkommen später als „Verrat“ (Quelle: bpb.de).

    Warum wollten die Nazis das Sudetenland?

    Die Gründe für das Interesse der Nationalsozialisten am Sudetenland waren vielfältig und untrennbar mit ihrer ideologischen und territorialen Expansionspolitik verbunden:

    „Heim ins Reich“-Ideologie: Das Sudetenland war Siedlungsgebiet einer großen deutschsprachigen Minderheit (rund 3 Millionen Sudetendeutsche). Die NS-Propaganda instrumentalisierte deren Forderungen nach Autonomie und Selbstbestimmung, um die Annexion als „Heimkehr ins Reich“ zu legitimieren und das sogenannte Selbstbestimmungsrecht der Völker vorzuschieben (Quelle: StudySmarter, bpb.de). Tatsächlich ging es Hitler von Anfang an um die Zerschlagung der gesamten Tschechoslowakei (Quelle: Historisches Lexikon Bayerns).

    Strategische Bedeutung: Die Tschechoslowakei besaß eine wichtige strategische Lage in Mitteleuropa und verfügte über eine gut ausgebaute Rüstungsindustrie (Skoda-Werke) und Grenzbefestigungen. Die Einnahme des Sudetenlandes schwächte die Tschechoslowakei militärisch erheblich und ebnete den Weg für die spätere vollständige Besetzung des Landes.

    Ressourcen und Industrie: Das Sudetenland war industriell entwickelt und reich an Bodenschätzen, was für die Kriegsökonomie des Deutschen Reiches von Interesse war.

    Lebensraum-Ideologie: Die Annexion des Sudetenlandes war ein erster Schritt in der nationalsozialistischen Eroberungspolitik in Mittel- und Osteuropa, die auf die Schaffung von „Lebensraum im Osten“ abzielte.

    Die Besetzung des Sudetenlandes 1938 und später die Zerschlagung der „Rest-Tschechei“ 1939 durch die Nationalsozialisten führten zur Verfolgung und Vertreibung zahlreicher tschechischer (und auch jüdischer) Intellektueller, Künstler und Kulturschaffender, insbesondere jener, die sich gegen das Regime aussprachen oder als „rassisch unerwünscht“ galten. Es war ein Bruch mit der multiethnischen und demokratischen Tradition der Ersten Tschechoslowakischen Republik.

    Es ist zu beachten, dass die Kategorisierung „aus dem Sudetenland vertrieben“ für tschechische Kulturschaffende etwas komplexer sein kann als für sudetendeutsche Antifaschisten. Die Tschechoslowakei als Ganzes wurde von den Nazis besetzt, und die Verfolgung erstreckte sich über das gesamte Protektorat Böhmen und Mähren. Viele tschechische Intellektuelle flohen ins Ausland oder wurden inhaftiert. Die Verfolgung zielte nicht nur auf die Bevölkerung im Sudetenland, sondern auf alle, die sich dem Regime widersetzten oder als Feinde galten, unabhängig davon, ob sie im Sudetenland, in Prag oder anderswo in Böhmen und Mähren lebten.

    Dennoch gab es auch in den ans Deutschland angeschlossenen sudetendeutschen Gebieten eine tschechische Minderheit und tschechische Kulturschaffende, die betroffen waren.

    Hier sind einige Beispiele für tschechische oder jüdisch-tschechische Kulturschaffende, die unter der nationalsozialistischen Besetzung litten und oft vertrieben oder inhaftiert wurden:

    Autoren und Dichter

    Helena Dvořáková (geb. 1913): Eine tschechische Schriftstellerin und Journalistin. Ihre Werke, die sich oft mit sozialen Themen und dem Leben der einfachen Leute befassten, waren in der Zeit der Besatzung kritisch und wurden zensiert. Obwohl sie nicht direkt aus dem Sudetenland vertrieben wurde, war ihre Freiheit der Meinungsäußerung stark eingeschränkt.

    Werkbeispiel: Romane, die das Alltagsleben in der Tschechoslowakei vor und während des Krieges schildern.


    Josef Čapek (1887-1945): Maler, Schriftsteller, Dichter und Bruder von Karel Čapek. Er war ein prominenter Intellektueller und Kritiker des Nationalsozialismus. Er wurde 1939 verhaftet und in verschiedene Konzentrationslager deportiert, wo er 1945 kurz vor Kriegsende im KZ Bergen-Belsen starb. Seine Werke umfassen nicht nur Malerei, sondern auch Bücher für Kinder, Dramen und politische Schriften.

    Werkbeispiel: Kulhavý poutník (Der hinkende Pilger), seine posthum veröffentlichten philosophischen und poetischen Reflexionen aus der Haft. Viele seiner Gemälde, die er im KZ schuf, sind auch ein Zeugnis seiner Verfolgung.


    Anna Grusová (1912–1996): Eine jüdisch-tschechische Dichterin und Schriftstellerin, die das Holocaust überlebte. Ihre Werke sind oft tief von ihren Erfahrungen in den Konzentrationslagern geprägt. Sie wurde aus ihrer Heimat deportiert und verbrachte Zeit in Theresienstadt und Auschwitz.

    Werkbeispiel: Ihre Gedichte und Prosa, die die Traumata der Verfolgung und des Verlusts verarbeiten.


    Franz Peter Kien (1919-1944): Ein jüdisch-tschechischer Maler und Dichter, geboren in Varnsdorf (Sudetenland). Er studierte in Prag und wurde 1941 nach Theresienstadt deportiert, wo er künstlerisch tätig war und auch für Propagandazwecke arbeiten musste. Später wurde er in Auschwitz ermordet. Seine Werke aus Theresienstadt sind wichtige Dokumente des Lebens im Ghetto.

    Werkbeispiel: Zahlreiche Zeichnungen und Gemälde aus dem Ghetto Theresienstadt, die das Leben dort dokumentieren. Es sind rund 2000 Zeichnungen und Hunderte von Gemälden sowie literarische Werke von ihm erhalten.


    Norbert Frýd (1913-1976): Ein tschechischer Schriftsteller jüdischer Herkunft. Er wurde im Sudetenland geboren (Česká Lípa, Böhmisch Leipa) und war während des Zweiten Weltkriegs in Konzentrationslagern, darunter Theresienstadt, Auschwitz und Dachau. Seine Erlebnisse verarbeitete er in seinen Werken.

    Werkbeispiel: Krabice živých (Die Kiste der Lebenden), ein Roman über seine Erfahrungen in Konzentrationslagern.


    Vítězslav Nezval (1900-1958): Einer der wichtigsten tschechischen Avantgarde-Dichter und Schriftsteller. Obwohl er nicht direkt aus dem Sudetenland vertrieben wurde, war er als prominenter Intellektueller und Kritiker des Nationalsozialismus von der Verfolgung bedroht und seine Werke unterlagen der Zensur. Er war eine wichtige Stimme des Widerstands.

    Werkbeispiel: Seine späteren Gedichte reflektieren oft die Schrecken des Krieges und der Besatzung, auch wenn er formal nicht „vertrieben“ wurde, so doch aus der Öffentlichkeit und freier Entfaltung gedrängt.

    Maler und Bildhauer

    Josef Lada (1887-1957): Berühmter tschechischer Maler, Illustrator und Schriftsteller. Obwohl er nicht direkt aus dem Sudetenland vertrieben wurde, war sein Werk als Ausdruck tschechischer Kultur und Identität während der Besatzung gefährdet. Er war eine Symbolfigur der tschechischen Landschaft und des tschechischen Lebens, was von den Nazis unterdrückt wurde. Seine Werke waren subtile Akte des Widerstands.

    Werkbeispiel: Seine idyllischen Darstellungen des ländlichen Lebens in Böhmen und der Figur des braven Soldaten Schwejk.


    Toyen (Marie Čermínová) (1902–1980): Eine der bedeutendsten tschechischen surrealistischen Künstlerinnen. Sie war eine der Hauptfiguren der tschechischen Avantgarde. Während der Besatzung lebte sie in Prag und zog sich mit ihrem Künstlerkollegen Jindřich Štyrský in den Untergrund zurück, da ihre Kunst als „entartet“ galt und ihre politische Haltung dem Regime zuwiderlief. Nach dem Krieg verließ sie die Tschechoslowakei und ging 1947 nach Paris, wo sie zu einer wichtigen Figur des internationalen Surrealismus wurde. Ihre Entscheidung zur Emigration war auch eine Reaktion auf die politische Entwicklung in der Tschechoslowakei nach dem Krieg.

    Werkbeispiel: Ihre surrealistischen Gemälde wie „Spící“ (Die Schlafende, 1937) oder „Mythos der Gegenwart“ (1940) sind oft beunruhigend und visionär und spiegeln auch die Ängste und Spannungen der Zeit wider.


    Věra Jicínská (1914–2003): Eine tschechische Malerin und Grafikerin. Sie war eine Vertreterin des tschechischen Expressionismus und Symbolismus. Als die Nazis die Tschechoslowakei besetzten, geriet sie wie viele andere Künstler mit ihrer modernen Kunst in Konflikt mit dem Regime. Sie war keine direkte „Vertriebene“ aus dem Sudetenland im Sinne einer physischen Umsiedlung, aber ihre künstlerische Freiheit und ihr Leben waren unterdrückt. Viele moderne Künstlerinnen und Künstler wurden während der Besatzung mit Berufsverboten belegt oder mussten im Untergrund arbeiten.

    Werkbeispiel: Ihre Porträts und Landschaftsbilder, die oft eine melancholische oder introspektive Stimmung haben.


    Emil Filla (1882-1953): Ein führender tschechischer kubistischer Maler und Bildhauer. Er war ein engagierter Antifaschist und wurde nach der Besetzung der Tschechoslowakei verhaftet und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Er überlebte, litt aber gesundheitlich stark unter der Haft.

    Werkbeispiel: Obwohl er während der Haft nicht frei arbeiten konnte, sind seine Werke vor und nach der Verhaftung ein Zeugnis seiner künstlerischen und politischen Haltung. Seine kubistischen Arbeiten der Zwischenkriegszeit sind ikonisch.


    František Mořic Nágl (1889-1944): Tschechischer Maler jüdischer Herkunft, der in Theresienstadt inhaftiert war und in Auschwitz ermordet wurde. Ähnlich wie Kien schuf er im Ghetto Theresienstadt bedeutende Kunstwerke, die das Leben der Gefangenen dokumentierten.

    Werkbeispiel: Seine Zeichnungen und Gemälde aus Theresienstadt sind wichtige historische Dokumente.

    Hier sind weitere Vertriebene:

    Franz Werfel (1890-1945): Ein bedeutender österreichisch-böhmischer Schriftsteller jüdischer Herkunft. Er war bereits früh ein Kritiker des Nationalsozialismus und musste 1938 nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich aus Wien fliehen. Seine Werke wurden in Deutschland verboten und verbrannt.
    Beispielwerke:
    Die vierzig Tage des Musa Dagh (Roman, 1933) – ein Epos über den Widerstand der Armenier gegen den Genozid, das auch als Warnung vor dem aufkommenden Faschismus gelesen werden kann.
    Das Lied von Bernadette (Roman, 1941)


    Ludwig Winder (1889-1946): Ein sudetendeutscher Schriftsteller und Literaturkritiker, der in Teplitz-Schönau geboren wurde. Als Jude und Antifaschist floh er 1938 nach England.
    Beispielwerk:
    Die Pflicht (Roman, 1943) – ein Roman über einen tschechischen Beamten, der sich dem Widerstand gegen die Besatzung stellt.

    Johannes Urzidil (1896-1970): Ein deutschsprachiger Prager Schriftsteller, der ebenfalls 1938 ins Exil gehen musste, zunächst nach London, dann in die USA. Er war ein enger Freund und Biograph von Franz Kafka.
    Beispielwerke:
    Goethe in Böhmen (Biografie, 1932)
    Die verlorene Geliebte (Erzählungen, 1956)


    Egon Erwin Kisch (1885-1948): Der „rasende Reporter“ aus Prag. Als Kommunist und Jude musste er bereits 1933, nach dem Reichstagsbrand, aus Deutschland fliehen. Er lebte im Exil in Prag, Wien, Paris und Mexiko.
    Beispielwerke:
    Der rasende Reporter (Reportagen, 1924)
    Marktplatz der Sensationen (Reportagen, 1942)


    Hanna Demetz (geb. 1936): Eine sudetendeutsche Schriftstellerin, die als Kind die Kriegsjahre und die Vertreibung miterlebte. Ihre Werke sind oft von diesen Erfahrungen geprägt. Obwohl sie nicht 1938 fliehen musste, da sie zu jung war, sind ihre Werke relevant für die Thematik der Vertreibung.
    Beispielwerk:
    Das Bild des Protektorats Böhmen und Mähren in der deutschen Literatur aus den Böhmischen Ländern (eine wissenschaftliche Arbeit, die sich auch mit ihrem Werk auseinandersetzt, hier wird ihr Werk als Beispiel für die Thematik der Vertreibung nach 1938/1945 genannt) (Quelle: library.upol.cz)


    Gerade die Situation der Autorinnen ist oft unterrepräsentiert, daher möchte ich hierauf einen besonderen Fokus legen:

    Lenka Reinerová (1916-2008):
    Hintergrund: Sie war eine deutschsprachige Prager Schriftstellerin und Journalistin jüdischer Herkunft, die als „die letzte Prager Deutsche“ bekannt wurde. Nach dem Münchner Abkommen musste sie 1939 aus der Tschechoslowakei fliehen und fand über Frankreich und Marokko schließlich in Mexiko Zuflucht. Nach dem Krieg kehrte sie in die Tschechoslowakei zurück, wurde aber später im Rahmen der stalinistischen Schauprozesse verhaftet und inhaftiert.

    Beispielwerke:
    Das Hotel zum Löwen: Geschichten aus Prag (1998)
    Das Geheimnis der siebten Saite (2000)

    Bedeutung: Ihre Werke sind eine wichtige Quelle für das Verständnis der multikulturellen Prager Identität und des Schicksals der deutschen Juden in der Tschechoslowakei.


    Grete Weiskopf (geb. Reiner, 1905-1966) – Pseudonym Alex Wedding:
    Hintergrund: Sie war eine deutsche Kinderbuchautorin und Kommunistin, die seit 1933 im Prager Exil lebte. Nach dem Münchner Abkommen musste sie 1938 die Tschechoslowakei verlassen und floh über Frankreich in die USA, später nach China und schließlich in die DDR. Sie ist zwar keine direkte „Sudetendeutsche“ im engeren Sinne, aber ihr Exil in Prag und die Flucht von dort machen sie relevant für diesen Kontext.

    Beispielwerke:
    Ede und Unku (1931) – ein bekanntes Jugendbuch, das das Leben von Roma-Kindern thematisiert und bereits vor der NS-Zeit ein wichtiges Zeichen gegen Diskriminierung setzte.
    Das Eismeer ruft (1936)


    Anna Seghers (1900-1983):
    Hintergrund: Eine der bedeutendsten deutschen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Obwohl sie nicht aus dem Sudetenland stammte, lebte sie nach 1933 als Kommunistin und Jüdin im französischen Exil und wurde nach dem Fall Frankreichs 1940 zur Flucht gezwungen. Ihr Schicksal steht exemplarisch für viele, die in der Tschechoslowakei gehofft hatten, sicher zu sein, und dann erneut fliehen mussten. Ihre Werke sind eng mit dem Exil und dem Kampf gegen den Faschismus verbunden.

    Beispielwerke:
    Transit (1944) – ein Roman, der die Verzweiflung und Odyssee von Flüchtlingen in Marseille während des Zweiten Weltkriegs eindringlich schildert und autobiografische Züge trägt.
    Das siebte Kreuz (1942)

    Weitere Autoren:

    F.C. Weiskopf (1900-1955):
    Hintergrund: Ein tschechoslowakischer Schriftsteller und Journalist jüdischer Herkunft, der in Prag lebte und aus dem deutschsprachigen Kreis Prags stammte. Er musste 1939 vor den Nationalsozialisten fliehen, nachdem das Münchener Abkommen die Lage für jüdische und politisch unliebsame Intellektuelle in der Tschechoslowakei verschärft hatte. Er emigrierte in die USA.

    Beispielwerke:
    Die Versuchung (1937)
    Abschied vom Frieden (1946)

    Ernst Weiss (1882-1940):
    Hintergrund: Ein österreichischer Arzt und Schriftsteller, der ebenfalls zu den Prager Deutschen zählte und ein Freund Kafkas war. Er lebte seit 1934 im Pariser Exil. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs beging er 1940 Selbstmord, um der Verhaftung durch die Gestapo zu entgehen. Sein Schicksal verdeutlicht die extreme Gefahr, der Exilanten ausgesetzt waren.

    Beispielwerk:
    Der Augenzeuge (1963, posthum erschienen) – ein Roman, der sich mit der Psychologie Hitlers auseinandersetzt und als frühe „Hitler-Roman“ gilt.

    Otfried Preußler (1923-2013):
    Hintergrund: Der bekannte Kinderbuchautor wurde im Sudetenland (Reichenberg, heute Liberec) geboren. Obwohl er nicht vor 1938 fliehen musste, prägten die Erfahrungen des Krieges und der anschließenden Vertreibung der Sudetendeutschen nach 1945 (die eine direkte Folge der Ereignisse von 1938 und des Zweiten Weltkriegs war) sein Leben und teilweise auch sein literarisches Werk. Er verarbeitete seine Herkunft und die Vertreibungserfahrungen indirekt in seinen Geschichten, die oft von Heimat, Abenteuer und der Suche nach einem Platz in der Welt handeln.

    Beispielwerke, die auch im Kontext seiner Herkunft gelesen werden können:
    Der Räuber Hotzenplotz (1962)
    Krabat (1971) – hier können sich Motive von Heimatverlust, Flucht und Neuorientierung finden, auch wenn es ein fantastischer Roman ist. (Quelle: Deutschlandfunk Kultur, „Tschechien und seine Deutschen – was ist geblieben?“, erwähnt Preußler im Kontext seiner sudetendeutschen Heimat)


    Autoren, die das Thema Vertreibung aus einer späteren Perspektive aufgreifen:

    Markéta Zinnerová (geb. 1942): Obwohl sie erst nach dem Krieg geboren wurde, ist es wichtig zu erwähnen, dass die literarische Aufarbeitung der Vertreibung und des Holocaust durch tschechische Frauen auch in späteren Generationen fortgesetzt wurde. Zinnerová hat in ihren Werken (oft Drehbücher und Kinderbücher) auch historische Themen aufgegriffen, die die komplexen Verhältnisse der Region spiegeln. Sie ist ein Beispiel dafür, wie die Nachkriegsgenerationen die Wunden der Vergangenheit behandeln.

    Reinhard Jirgl (geb. 1953): Obwohl selbst nicht direkt vertrieben, hat er in seinem Roman „Die Unvollendeten“ die Familiengeschichte seiner sudetendeutschen Großmutter aus Komotau/Chomutov aufgearbeitet und damit das Thema der Vertreibung in die Gegenwart getragen.

    Kateřina Tučková (geb. 1980): Eine tschechische Autorin, die mit ihrem Roman „Gerta. Das deutsche Mädchen“ (Originaltitel: „Vyhnání Gerty Schnirch“) die Vertreibung aus tschechischer Perspektive beleuchtet und dabei auch die Erfahrungen der deutschen Minderheit in Brno (Brünn) thematisiert.

    „Künste im Exil“ (Exil Archiv der Deutschen Nationalbibliothek): Eine hervorragende Ressource, die viele der genannten Personen und deren Schicksale im Kontext des Exils beleuchtet.

    „Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder“: Ein umfassendes Werk, das sich mit der deutschsprachigen Literatur dieser Region befasst und auch die Exilautoren berücksichtigt.

    Collegium Carolinum, München: Forschungseinrichtung für die Geschichte Tschechiens und der Slowakei, bietet zahlreiche Publikationen zur Geschichte der Sudetendeutschen und des Exils.

    Adalbert Stifter Verein: Fördert die Kultur der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Schlesien und hat ebenfalls Publikationen zu Schriftstellern dieser Herkunft.


    Die Flucht und Vertreibung der Schriftsteller und Intellektuellen aus dem Sudetenland und der gesamten Tschechoslowakei war ein immenser Verlust für die mitteleuropäische Kulturlandschaft und ein tragisches Kapitel in der Geschichte dieser Region. Ihre Werke, die oft im Exil entstanden, sind aufschlussreiche Zeugnisse dieser Zeit.

  • Tagtexte – Ille Chamier

    Tagtexte – Ille Chamier

    LektüreNotizen | Knappe biografische Angaben zur Autorin, ansonsten: kein Klappentext, kein Marketingsprech, kein Inhaltsverzeichnis. Lesende sind mit sich und den Texten allein. Das ist gut. Die Tagtexte sind in Lyrikform ; wobei ich nicht weiß, ob der Einzeiler am Anfang bereits ein Gedicht ist. Jedenfalls ist er der Einstieg in eine (zu erzählende) Geschichte.

    „das kaputte Salzfaß wird behandelt wie ein heiliger Topf“

    Überraschung: Auf ‚Seite 31‘ wird das kaputte Salzfaß wieder angefasst. Und diesmal als Gedicht erkennbar mit ausdauerndem Wenn und Aber.

    siebenunddreißig geboren. Es ist das reale Geburtsjahr der Autorin und das des lyrischen Ichs. Dieses Gedicht hat mich mitgenommen; emotional. Auch weil es mir nicht leicht fällt, die verschiedenen Ebenen des Textes zu erfassen.

    Ille Chamier - Tagtexte - PROMETH VERLAG köln

    Der Buchumschlag | Das Schwarzweiß-Foto – in pixeliger Auflösung mit überzeichneten, grellen Kontrasten – wirkt wie eine eigenständige Erzählung. Es stammt von Rolf Borzik (1944–1980), Kostüm- und Bühnenbildner sowie Lebenspartner von Pina Bausch. Die beiden lernten sich während ihres Studiums an der Folkwang-Hochschule kennen. Ab 1973, als Bausch die Leitung des Wuppertaler Tanztheaters übernahm, schuf Borzik die Bühnen- und Kostümbilder für ihre Produktionen. In ihrer siebenjährigen Zusammenarbeit entwickelte er sich zu einem essenziellen Mitdenker, der die Stücke „von innen her“ mitgestaltete. (Ille Chamier arbeite von 1977 – 1980 als Dramaturgin am Tanztheater.) Borzik starb 1980 im Alter von nur 35 Jahren an Leukämie. [Sechs Monate später lernte Pina Bausch auf einer Chile-Tournee den chilenischen Dichter und Literaturprofessor Ronald Kay kennen, mit dem sie 1981 den Sohn Rolf-Salomon bekam – benannt nach Borzik.]

    Alle bisher angeregten Dialoge

    • Vom Jagen zum Lesen

      Vom Jagen zum Lesen

      Über das Arbeiten mit aufgegebenen Autoren Es beginnt meist mit einem Zufallsfund: ein Name in einer Fußnote, ein Gedicht in einer Anthologie, ein Hinweis in einem Antiquariatskatalog. Man liest, ist berührt, will mehr – und stellt fest: Es gibt kaum etwas. Keine Neuauflagen, keine Sekundärliteratur, oft nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag. Was folgt, ist die Jagd.…

    • Ille Chamier und Stella Avni

      Ille Chamier und Stella Avni

      Im Zentrum von Ille Chamiers Gedicht steht die Figur der Schauspielerin Stella Avni – eine heute nahezu vergessene Künstlerin, deren Lebensspuren sich nur rudimentär rekonstruieren lassen. Gesichert ist: Sie wurde 1921 im damals rumänischen Czernowitz (Bukowina) geboren, jener multikulturellen Stadt, aus der auch Paul Celan und Rose Ausländer hervorgingen. Stella Avni war jüdischer Herkunft und…

    • Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

      Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

      Es ist unbefriedigend, etwas teilen zu wollen, was man nicht direkt zeigen kann. Wie in diesem Fall: „Schief gewickelt, wie ich bin!“ Frottage mit Zeichnung von Ille Chamier. Daher habe ich versucht festzuhalten was ich dem Bild entlockt habe: Falsche Schritte? Sie steht da, ein Knoten aus Linien und Schatten,geformt aus Plänen, die nie so…

    • Setz dich hin und lächle. Tanztheater von Pina Bausch

      Setz dich hin und lächle. Tanztheater von Pina Bausch

      Der Band „Setz dich hin und lächle. Tanztheater von Pina Bausch“ erschien 1979 im Prometh-Verlag in Köln. Auf 112 Seiten vereint er Schwarz-Weiß-Fotografien von Ulli Weiss mit Texten von Ille Chamier. Die Veröffentlichung fällt in eine Phase, in der Pina Bausch das Tanztheater Wuppertal bereits seit sechs Jahren leitete und ihre Arbeiten international wahrgenommen wurden.…

    • Arien

      Arien

      Eine Annäherung basierend auf Ille Chamiers Text zum Stück. (s.u.) „Arien“ ist ein abendfüllendes Tanztheaterwerk von Pina Bausch, das 1979 uraufgeführt wurde. Grundlage war eine intensive Probenphase, in der das Ensemble über Improvisationen, spontane Szenenentwicklungen und das Kombinieren scheinbar unverbundener Elemente arbeitete.Ille Chamier, Autorin auch des Programmhefttextes, dokumentierte nicht nur die Fakten zur Produktion, sondern…

    • starr vor glück

      starr vor glück

      Annähernd gelesen | Dieses Gedicht hat Ille Chamier bei der Poetischen Begegnung (12) mit Hans Thill zum Abschluss vorgetragen. Abgedruckt wurde es in Tagtexte und Bekannt trifft Unbekannt – Ed. 2 1. „ich wurde wach“ Das Gedicht beginnt mit dem Erwachen – also ein Moment zwischen Schlaf und Wachsein. Kein normales „Ich wachte auf“, sondern:…

    • Zwei Sekunden europäisches Schweigen

      Zwei Sekunden europäisches Schweigen

      Annähernd gelesen | Ille Chamiers Gedicht „mit den andern am Meer“ aus Tegtexte. Das Gedicht mag in erster Linie eine sehr private Momentaufnahme sein,; dennoch lässt sich die Metapher vom ‚europäischen Schweigen‘ über die rein persönliche Ebene hinaus interpretieren. Indem ich die nationalen und historischen Hintergründe der vermuteten Protagonisten – die deutsche Autorin, ein Mensch…

    • setz dich hin und lächle

      setz dich hin und lächle

      Setz dich hin und lächle. Tanztheater von Pina Bausch bietet einen dokumentarischen Einblick in das bahnbrechende Werk von Pina Bausch aus den 1970er Jahren. Es erschien 1979 im Prometh-Verlag in Köln und ist mit seinen 112 Seiten nicht nur ein Fotobuch, sondern ein visuelles Zeugnis der frühen Schaffensphase des Tanztheater Wuppertal. Herausgegeben zu einer Zeit,…

    • O.T. – Geschlossene Bücher

      O.T. – Geschlossene Bücher

      Der Text beschäftigt sich mit geschlossenen Büchern und vergleicht sie mit der Nacht. Er zeigt, dass die Worte in den Büchern – ähnlich wie Dinge in der Dunkelheit – nicht sichtbar sind, bis Licht auf sie fällt. Erst wenn eine Hand das Buch öffnet, die Seiten aufschlägt und Augen die Schrift betrachten, können die Worte…

    • morgens früh

      morgens früh

      Der Text beschreibt eine frühmorgendliche Szene, in der das lyrische Ich zwischen Schlaf und Wachsein, Träumen und Realität oszilliert. Es thematisiert körperliche Empfindungen (Schweiß, Enge), surreale Bilder (Tiere, Tunnel aus Licht) und eine dörfliche Umgebung (Bauernhäuser, Wiesen, Kirchturm). Die Stimmung ist geprägt von Schwere, Unruhe und einer eigenwilligen Wahrnehmung der Umwelt. Was mir beim Lesen…

  • Werke von Ille Chamier – Eine Bibliografie im Aufbau

    Werke von Ille Chamier – Eine Bibliografie im Aufbau

    Der erste Teil dieser Zusammenstellung bezieht sich auf Ausgaben mit Texten von Ille Chamier, die in meinem Bestand sind. Im zweiten Teil habe ich aufgeführt, welche Ausgaben ich aktiv suche. Ich freue mich über jeden Hinweis, wo weitere Texte, Illustrationen, Bilder zu finden, zu erhalten sind.

    DAS ZÜNDBLÄTTCHEN – Heft 21 – Text – weiterlesen
    EDITION DREIZEICHEN – 2007 – Hg. Else Gold und WEH (Wolfgang E. Herbst Silesius)

    DAS ZÜNDBLÄTTCHEN – Heft 32 – Frottagen – weiterlesen
    EDITION DREIZEICHEN – 2009 – Hg. Else Gold und WEH (Wolfgang E. Herbst)

    Tagtexte – PROMETH Verlag Köln – 1980

    Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“, erschienen 1979 in der „Courage – Berliner Frauenzeitung“ ist vollständig online auf den Seiten der Friedrich-Ebert-stiftung zu lesen. (Online hier einsehbar). Annähernd gelesen.
    Ergänzender Beitrag: Treffen schreibender Frauen – Juni 78 in Bremen, Reisebericht. Veröffentlicht in: Allerlei Frau | Gedichte Geschichten Erträumtes aus den Gruppen Schreibender Frauen. Zusammengestellt und herausgegeben von Elfi Hartenstein und Denny Hirschbach – SCHREIBEN Frauenliteraturverlag, Bremen – 1. Auflage 1980

    Düsseldorf schreibt: 22 Autorenporträts. – Düsseldorfer Autoren und Autorinnen, mit Textproben und Abbildungen. Vorgestellt von Lore Schaumann. – Triltsch Verlag Düsseldorf, 1981
    Ille Chamier: Ein Gran hexenhaften Hintersinns

    Bekannt trifft Unbekannt – Edition 2
    Ille Chamier, Kurt Drawert, Nora Gomringer, Pamela Granderath, Norbert Hummelt, Barbara Köhler, Achim Raven, Niklas Stiller
    Bei dieser Edition handelt es sich um einen Tonmitschnitt der vierteiligen Lyrikreihe Bekannt trifft Unbekannt, die von Dezember 2014 bis Anfang März 2015 in den Räumen der Künstlergruppe ONOMATO stattfand. Das Konzept der Lyrikreihe – die Kombination einer bekannten Poetin, eines bekannten Poeten mit einer weniger bekannten Lyrikerin, einem weniger bekannten Lyriker aus Düsseldorf und das sich jeweils anschließende ausführliche Gespräch – kennzeichnen auch die Reihe. Die Abschriften der Gespräche sind in Auszügen im Beibuch abgedruckt. Die Edition besteht aus dem Buch und einer MP3-CD mit Aufnahmen der Lesungen und Gespräche. – Gefördert vom Kulturamt der Stadt Düsseldorf und der Kunststiftung NRW.

    Darin vorgetragene, abgedruckte Gedichte: Rosenstock Holderblüh – An der Tür – Heil Pinastarr vor Glück – Zwerg – Erwachsensein – O.T. (Wasser gebogen) – Stella Avni, – Aufklärung – Meine Lupe – O.T. (geschlossene Bücher) – Bettgeschichten 1 – Maurischer Pavillon – Siebenzeilenstiefel.

    PINA-BAUSCH-ulli-weiss-foto-ille-chamier+SETZ-DICH-HIN-UND-LÄCHLE-Tanztheater-von-Pina-Bausch
    bekannt-trifft-unbekannt-edition-2 - 9783944891620

    Allerlei Frau – SCHREIBEN FrauenLiteraturVerlag, Bremen – 1980
    2 Beiträge: Das Gedicht „Lied 76“ und der Reisebericht „Treffen Schreibender Frauen, Juni 1978

    Setz dich hin und lächle. (Fotografiert von Ulli Weiss. Text: Ille Chamier) Das Tanztheater von Pina Bausch – Prometh Verlag, 1979

    Weitere Veröffentlichungen – Nicht im Bestand:

    Veröffentlichungen der Handedition Testille/Privatdrucke:
    Siebenzeilenstiefel – Handedition Textille, 2011
    liebäugeln mit den auguren – Auswahl – Handedition Textille, 2010/2011
    TurandotHandedition Textille, 2007
    Gezinktes Licht – Handedition Textille, 2003
    Sagte die Nacht – Handedition Textille, 1996/1997
    Gedichte. Salz des Hörens – Privatdruck, Düssedorf, 1997

    Buchunikate:
    Schneckensäge
    , 2016
    Eintagsfliege, 2014
    Meister der fünf Augenblicke, 2012
    Luftnixen und Lückenbüßer – Auswahl, 2017


    ? Hu Hu – I can fly and you? (2007) ?

    Diese Zusammenstellung ist entnommen:
    Bekannt trifft Unbekannt – Edition 2
    Herausgegeben von Dr. Frauke Tomzcak – onomato verlag

    Sowie: Stiftung Lyrik Kabinett und verschiedene Online-Antiquariate


    Bisherige LektüreNotizen:

  • Warum Adolf Endler lesen?

    Warum Adolf Endler lesen?

    Adolf Endler (1930-2009) war eine singuläre Erscheinung in der deutschsprachigen Literatur, ein Dichter, Essayist und Prosaist, dessen Werk sich der Kategorisierung oft entzieht. Gerade der Gesprächsabend „dies sirren“ mit Renatus Deckert, benannt nach einem seiner zentralen Gedichte, ist ein guter Ansatzpunkt, um sich ihm zu nähern, denn Endler war ein Meister des Gesprächs, der Anekdote und des intellektuellen Schlagabtauschs.

    Was hat er uns heute noch zu sagen? Was kann man, außer der üblichen, rückschauenden und historisierenden Betrachtung, von seinem Werk mitnehmen, was wirkt aktuell, und wie lassen sich seine Texte weiterentwickeln?

    Was Endler uns heute noch zu sagen hat – Aktuelle Relevanz seiner Texte:

    Skeptische Distanz und „Hohnlachen“: Endler war ein überzeugter Kommunist, der in die DDR übersiedelte, aber schnell zu einem scharfen Kritiker des Systems wurde. Sein „Hohnlachen“, wie ein Gedicht von 1972 betitelt ist, war seine ästhetisch raffinierte Antwort auf die Zumutungen von außen und innen. Diese Haltung einer kritischen Distanz, auch gegenüber ideologischen Verheißungen und gesellschaftlichen Normen, ist heute aktueller denn je. In einer Welt, die von Polarisierung und einfachen Wahrheiten geprägt ist, lehrt Endler die Kunst des genauen Hinsehens, des Zweifels und des komplexen Denkens. Er entlarvt die Absurditäten von Macht und Ideologie mit scharfem Witz und intellektueller Präzision.

    Die Selbstbefragung des Künstlers und die Rolle der Literatur: Endler hat sich immer wieder mit der Rolle des Dichters und der Funktion der Literatur in der Gesellschaft auseinandergesetzt. Seine Texte sind oft meta-literarisch, sie reflektieren den Akt des Schreibens selbst, seine Schwierigkeiten, seine Fallstricke und seine Notwendigkeit. In einer Zeit, in der die Rolle der Kunst und Kultur oft infrage gestellt wird, bietet Endlers Werk eine eindringliche Verteidigung der Autonomie und des Widerstandspotenzials der Literatur. Seine Auseinandersetzung mit der „Akte Endler“ und der Stasi-Überwachung zeigt, wie Literatur als subversive Kraft gegen staatliche Kontrolle wirken kann.

    Sprachliche Virtuosität und Formbewusstsein: Endler war ein Sprachkünstler par excellence. Seine Gedichte und Prosatexte sind voller Überraschungen, Bizarrem, Komik und gleichzeitig von einer wohlüberlegten Form getragen. Er jonglierte raffiniert mit lyrischen Formen, verband Klopstock mit Brecht und schuf eine einzigartige Mischung aus Sub- und Hochliteratur. In einer Zeit, in der die Sprache oft vereinfacht und trivialisiert wird, erinnert uns Endler an die Macht und Schönheit sprachlicher Präzision und Experimentierfreude. Seine Texte sind eine Schule des genauen Hinhörens und Hinsehens, des bewussten Umgangs mit Worten.

    Umgang mit Brüchen und Wandel: Endlers Biografie und Werk sind geprägt von Brüchen und Wandlungen – vom überzeugten Kommunisten zum Systemkritiker, vom West- zum Ost-Autor und wieder zur gesamtdeutschen Figur. Sein Werk spiegelt die Komplexität der deutschen Geschichte wider, insbesondere die der DDR, ohne in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. Diese Fähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten und Brüche produktiv zu machen, ist auch für unsere heutige Gesellschaft, die mit vielen Umbrüchen konfrontiert ist, von großer Bedeutung.

    Der „Tarzan am Prenzlauer Berg“ als archetypische Figur: Seine Tagebuchaufzeichnungen „Tarzan am Prenzlauer Berg“ machten ihn nach der Wende einem breiten Publikum bekannt. Diese Figur des Intellektuellen, der sich in den Wirren des Alltags und der Bürokratie behaupten muss, bleibt eine archetypische Figur, die auch heute noch Resonanz findet. Es geht um das individuelle Überleben und die Behauptung der eigenen Integrität in widrigen Umständen.

    Was man über die retrospektive Betrachtung hinaus mitnehmen kann:

    Die Kunst des essayistischen Denkens: Endlers Essays und kritische Texte sind nicht nur Literaturkritik, sondern eigenständige Kunstwerke. Sie zeigen, wie man intellektuell scharf, humorvoll und persönlich zugleich denken und schreiben kann. Man kann von Endler lernen, wie man Themen von verschiedenen Seiten beleuchtet, Widersprüche aufzeigt und zu überraschenden Erkenntnissen kommt.

    Die Bedeutung des Eigen-Sinns und der Eigensinnigkeit: Endler war ein Eigensinniger, der sich nie ganz einordnen ließ. Er stand für eine Art von Nonkonformismus, die nicht auf plumpe Provokation aus war, sondern auf intellektuellem Tiefgang und sprachlicher Raffinesse beruhte. Diese Haltung kann als Inspiration dienen, den eigenen Denk- und Schreibweg zu finden und zu verteidigen.

    Humor als Erkenntnismittel: Endlers Humor ist oft schwarz, ironisch, manchmal absurd. Er ist aber nie Selbstzweck, sondern immer Mittel zur Erkenntnis, zur Entlarvung von Heuchelei und zur Verarbeitung von Leid. Man kann von ihm lernen, wie Humor auch in ernsten Kontexten eingesetzt werden kann, um neue Perspektiven zu eröffnen.

    Die Wertschätzung des Details und des Alltäglichen: Endler hatte ein unglaubliches Gespür für die kleinen, oft übersehenen Details des Alltags, die er mit poetischer Präzision zu neuen Bedeutungen erhob. „Dies Sirren“ ist ein perfektes Beispiel dafür. Diese Aufmerksamkeit für das scheinbar Banale kann uns lehren, die Welt um uns herum bewusster wahrzunehmen und darin Poesie zu entdecken.

    Wie lassen sich seine Texte weiterentwickeln?

    Die „Weiterentwicklung“ von Texten eines verstorbenen Autors kann auf verschiedene Weisen verstanden werden:

    Rezeption und Interpretation in neuen Kontexten: Endlers Texte können und sollten immer wieder neu gelesen und in Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklungen gesetzt werden. Was sagen sie uns über autoritäre Tendenzen heute? Welche Parallelen lassen sich zwischen seiner Kritik an der DDR und heutigen Debatten ziehen? Wie verhalten sich seine sprachlichen Experimente zu zeitgenössischen literarischen Strömungen?

    Künstlerische Adaption und Transformation: Seine Texte könnten als Ausgangspunkt für neue künstlerische Arbeiten dienen. Man könnte sich vorstellen:

    Theater- oder Hörspieladaptionen: Endlers Dialogwitz und seine skurrilen Figuren (wie Bubi Blazezak und Bobbi Bumke Bergermann) böten sich hervorragend für die Bühne oder das Hörspiel an.

    Musikalische Vertonungen: Seine Lyrik könnte Komponisten inspirieren, neue musikalische Werke zu schaffen, die die Sprachrhythmen und Stimmungen Endlers aufgreifen.

    Visuelle Kunst: Illustrationen, Kurzfilme oder andere visuelle Interpretationen könnten die oft surrealen und bildstarken Metaphern Endlers aufgreifen.

    Interaktive Formate: In Zeiten digitaler Medien könnten Textfragmente Endlers in interaktive Formate überführt werden, die Leser*innen auf neue Weise mit seinem Werk in Kontakt bringen.

    Wissenschaftliche Forschung und kritische Editionen: Die fortgesetzte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit seinem Werk, inklusive historisch-kritischer Ausgaben, kann dazu beitragen, Endlers Texte noch tiefer zu erschließen und ihre Bedeutung für die Literaturgeschichte und darüber hinaus zu beleuchten. Die umfassende Werkausgabe seiner Gedichte (herausgegeben von Robert Gillett und Astrid Köhler) ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

    Inspiration für junge Autoren und Autorinnen: Endlers Eigensinn, seine formale Freiheit und sein kritischer Geist können eine wichtige Inspirationsquelle für junge Schriftsteller*innen sein. Sie können von ihm lernen, wie man eine eigene Stimme entwickelt und sich den Zumutungen der Zeit auf künstlerische Weise widersetzt.

    Adolf Endler ist kein Autor, dessen Werk lediglich museal betrachtet werden sollte. Seine Fähigkeit, Komplexität zu erfassen, seine sprachliche Virtuosität und sein unbestechlicher Blick auf die Gesellschaft machen ihn zu einer Stimme, die auch heute noch relevant ist und vielfältige Impulse für das Denken und Schaffen geben kann. Das „Sirren“ in seinen Texten ist das anhaltende Echo einer einzigartigen Intelligenz und eines unverwechselbaren Geistes.

  • Kultur im deutschen Programm des Radio London während der NS-Zeit

    Kultur im deutschen Programm des Radio London während der NS-Zeit

    Adolf Endler beschreibt in seinem ersten Kapitel „Frühe Kindheit“ eindrücklich das heimliche Hören ausländischer Sender, wobei ihn besonders Radio London faszinierte. Die BBC hatte bereits früh mit fremdsprachigen Sendungen begonnen: Der erste Dienst startete am 3. Januar 1938 auf Arabisch. Ab dem 27. September 1938 folgten Sendungen auf Deutsch, Italienisch und Französisch, die in der kritischen Phase vor dem Münchner Abkommen über britische Friedensbemühungen berichteten. Bis Ende 1942 baute die BBC ihr Programm auf alle wichtigen europäischen Sprachen aus. Organisatorisch wurden diese Auslandsdienste (administrativ „Externe Dienste der BBC“) nicht durch Rundfunkgebühren, sondern durch staatliche Zuschüsse des britischen Außenministeriums finanziert. Aus dem 1932 gegründeten Empire Service entstand im November 1939 der BBC Overseas Service, der ab 1941 durch einen eigenständigen BBC European Service ergänzt wurde.

    Während des Zweiten Weltkriegs verfolgten die deutschsprachigen Sendungen des Londoner Rundfunks vorrangig das Ziel, mit Aufklärung und Propaganda gegen die NS-Herrschaft zu wirken – auch wenn man anfangs von begrenzter Wirkung ausging. Doch neben politischen Nachrichten und Kampagnen gab es ein bedeutendes kulturelles Angebot, insbesondere Literaturprogramme. Diese waren eng mit dem Konzept der „Feindsender“ verbunden, deren Empfang im nationalsozialistischen Deutschland streng verboten und mit schweren Strafen belegt war. Ziel war es, die deutsche Bevölkerung zu informieren, zu desillusionieren und zum Widerstand zu ermutigen – oft durch die Stimmen prominenter deutscher Emigranten.

    Literatur als Waffe im Ätherkrieg: Zwei herausragende Beispiele

    Thomas Manns moralische Appelle: „Deutsche Hörer!“
    Das prominenteste Beispiel sind die 55 Radioansprachen von Thomas Mann, die zwischen Oktober 1940 und Mai 1945 im deutschen Programm der BBC ausgestrahlt wurden. Unter dem Titel „Deutsche Hörer!“ wandte sich der Literaturnobelpreisträger aus seinem amerikanischen Exil direkt an sein Volk. Seine Reden waren sprachlich meisterhaft und von tiefem moralischem Ernst geprägt. Es handelte sich weniger um Nachrichten als um essayistische Appelle, die die Lügen der NS-Propaganda entlarvten, über die Verbrechen des Regimes (inklusive des Holocaust) aufklärten und die moralische Verantwortung der Deutschen betonten. Seine Stimme wurde aus den USA nach London übertragen. Die Ansprachen wurden bereits 1942 in Stockholm erstmals als Buch veröffentlicht (Bermann Fischer Verlag) und erlebten seither zahlreiche Neuauflagen, zuletzt 2025 beim S. Fischer Verlag mit einem Vorwort von Mely Kiyak. Sie gelten als zentrale zeithistorische Dokumente des humanistischen Widerstands.

    Satire an der Front: Robert Lucas‘ „Briefe des Gefreiten Hirnschal“
    Ein weiteres Schlüsselwerk war die äußerst populäre Serie „Briefe des Gefreiten Adolf Hirnschal an seine Frau in Zwieselsdorf“ von Robert Lucas (eigentlich Robert Ehrenzweig, 1904-1984). Der aus Wien emigrierte jüdische Schriftsteller und Journalist schuf ab Dezember 1940 die Figur des scheinbar naiven Soldaten Hirnschal, angelehnt an Hašeks „braven Soldaten Schwejk“. In 100 Briefen (bis Mai 1945 gesendet) schilderte Hirnschal (gesprochen vom Wiener Schauspieler Fritz Schrecker) in einfachem, oft dialektgefärbtem Deutsch den trostlosen Alltag an der Front – knappe Verpflegung, sinnlose Befehle, hohe Verluste. Durch scheinbare Naivität und wörtliches Aufgreifen von NS-Parolen entlarvte die Satire brillant die Diskrepanz zwischen Propaganda und Realität. Die Serie erreichte Schätzungen zufolge im letzten Kriegsjahr bis zu 10 Millionen heimliche Hörer in Deutschland und den besetzten Gebieten. Sie untergrub die Moral, säte Zweifel am Regime und bot durch gemeinsames Lachen über dessen Absurdität psychologische Entlastung. Lucas, der bis 1967 für die BBC arbeitete und mit dem Order of the British Empire ausgezeichnet wurde, veröffentlichte die Briefe später auch als Buch.

    Weitere Stimmen des Widerstands
    Neben Mann und Lucas wirkten weitere Emigranten wie Thomas Manns Tochter Erika Mann (als Korrespondentin) oder Satiriker Bruno Adler (mit „Frau Wernicke“) im deutschen Dienst der BBC. Ihre literarisch und intellektuell geprägten Beiträge waren integraler Bestandteil der psychologischen Kriegsführung.

    Das Risiko des Hörens
    Adolf Endlers Bericht erinnert eindringlich an die Gefahr, der sich Hörer aussetzten: Die Nationalsozialisten versuchten mit Störsendern und Störgeräuschen, den Empfang unerträglich zu machen. Dieser verzweifelte Kampf gegen den „Feindsender“ unterstreicht dessen Bedeutung. Die heutige Selbstverständlichkeit, jederzeit frei auf Informationen zugreifen zu können, steht in scharfem Kontrast zu dieser historischen Realität, die unsere Vorstellungskraft fast sprengt.

  • Adolf Endlers Gedicht „Dies Sirren“

    Adolf Endlers Gedicht „Dies Sirren“

    Adolf Endlers Gedicht „Dies Sirren“ aus dem Jahr 1971 wirkt auf den ersten Blick wie ein surrealistisches Rätsel. Doch hinter der grotesken Szenerie dieser nur vier Zeilen verbirgt sich eine vielschichtige Auseinandersetzung mit historischen Traumata und politischer Ohnmacht. Basierend auf biografischen und literaturkritischen Quellen, bietet es Einblicke in ein rätselhaftes Meisterwerk, das zu den Schlüsseltexten der DDR-Literatur zählt und sogar als Titelgeber des 2010 bei Wallstein erschienenen Gesprächsbandes „Dies Sirren“, herausgegeben von Renatus Deckert, diente.

    Die düstere Klangwelt

    Das Gedicht beginnt mit der Zeile „Und wieder dies Sirren am Abend. Es gilt ihnen scheint es für Singen / Ich boxe den Fensterladen auf und rufe He laßt mich nicht raten“. Das Sirren – Leitmotiv und akustischer Albtraum – entpuppt sich als tief verwurzelte Kriegserinnerung. Wie Katja Lange-Müller in ihrer Analyse betont, verarbeitet Endler hier seine Kindheit im bombardierten Rheinland. Das „Sirren der Bombergeschwader“ wird zur Chiffre für unauslöschliche Gewalterfahrung. Die Ironie, dass dieses Geräusch für die Verursacher („ihnen“) wie „Singen“ klingt, entlarvt die Pervertierung von Propaganda. Die heftige Geste des Aufboxens spiegelt Endlers poetischen Widerstandsakt wider – ein Aufbegehren gegen das Schweigen.

    Die grotesken Akteure

    Die zweite Zeile, „Ihr seid es Liliputaner das greise Zwergenpaar van der Klompen“, führt die grotesken Akteure ein: die Liliputaner van der Klompen. Diese Bezeichnung, wobei „Klompen“ niederländisch für Holzschuhe steht, sind mehr als bizarre Fantasiefiguren. Sie symbolisieren auf vielschichtige Weise die entmachtete Macht, indem sie als „greises Zwergenpaar“ die DDR-Stasi oder die „SED-Gerontokratie“ karikieren – Walter Ulbricht war 1971, als das Gedicht entstand, 77 Jahre alt. Zugleich spiegeln sie Endlers eigene Isolation wider; die aus Belgien stammende Mutter des Autors wurde von den Nazis verfolgt, was seine lebenslange Distanz zu autoritären Systemen prägte. Endler selbst nannte seinen Stil eine „phantasmagorische, schwarzhumorige Verdrehtheit“ – eine Ästhetik des Unterlaufens und surrealistischer Rebellion.

    Die Kernfrage

    Die letzte Zeile des Gedichts, „Cui bono ihr lieben Alterchen mit der Zirpstimm im Dunkel cui bono“, stellt die existenzielle Anklage dar. Das lateinische „Cui bono?“ („Wem nützt es?“) wird zum Ausdruck von Endlers Verzweiflung. 1971 stand er unter massivem Druck: nach der Lyrikdebatte in Sinn und Form und vor seinem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband (1979). Er fragt eindringlich, wem das „Singen“ der Staatsdoktrin nützt, wem das Schweigen der „Zirpstimm im Dunkel“ dient und wem die sinnentleerte Bürokratie des „real existierenden Sozialismus“ wirklich zugutekommt. Die scheinbar ironische Anrede „liebe Alterchen“ unterstreicht die Bitterkeit dieser Systemkritik.

    Biografischer Schlüssel und poetologische Bedeutung

    Endlers rheinische Herkunft, geboren 1930 in Düsseldorf, und seine Übersiedlung in die DDR 1955 prägten das Gedicht maßgeblich. Das Sirren kehrte in seinem Spätwerk wieder, als er unter Tinnitus litt, beschrieben mit den Worten: „Es ist so ein Sirren, mal höher, mal tiefer, mal lauter, mal leiser, aber immer da“. Sein „Boxen“ gegen Fensterläden entspricht seiner realen Haltung: Als Mentor der Prenzlauer-Berg-Dichter förderte er nonkonforme Kunst, während offizielle Publikationsmöglichkeiten versiegten.

    „Dies Sirren“ gilt als „Sandkorn der Endler’schen Poetik“ – ein Werk, das seine Methode kondensiert. Es zeichnet sich durch barocke Allegorik aus, indem Endler, wie Peter Geist zeigt, Gewaltbilder („abgeschnittene Zungen“, „Messerstiche“) als moderne Trauerspiele nutzt. Die rhythmische Wucht des freien Verses mit abrupten Enjambements („Klompen / Cui bono“) imitiert das Sirren akustisch. Durch politische Phantastik, indem er Repression als Zwergentheater verfremdet, entzieht Endler sie der Vereinnahmung.

    Zum Weiterlesen

    Für eine tiefere Auseinandersetzung mit Adolf Endlers Werk empfiehlt sich sein Gesprächsband „Dies Sirren“ (Wallstein, 2010) sowie Katja Lange-Müllers Essay in TEXT+KRITIK 238 (2023). Das Gedicht „Das Sandkorn“ (1967) bietet zudem einen weiteren poetologischen Schlüssel zum Verständnis seiner Arbeit. „Cui bono?“ bleibt die Frage, die Endler in seinen Gedanken als diejenige bezeichnete, die jeden Staat prüft, der Kunst fürchtet – ein Nachhall, der über jedem Literaturblog stehen könnte und dessen Sirren weiter hallt.

  • Nathalie Schmid – Zwischen Libellen und Gletschern

    Nathalie Schmid – Zwischen Libellen und Gletschern

    Nathalie Schmid, geboren 1974 in Aarau, ist eine der eigenwilligsten und zugleich feinfühligsten Stimmen der zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik. Ihre Texte sind wie filigrane Landschaften – durchzogen von Melancholie, staunender Beobachtung und leiser Ironie. Sie schreibt mit einem Blick, der das Alltägliche poetisch auffächert, ohne es zu verklären. Ihre Sprache tastet, beobachtet, horcht – immer auf der Suche nach dem, was unter der Oberfläche liegt.

    Ihr Weg in die Literatur führte sie an einen traditionsreichen Ort: Von 1998 bis 2003 studierte Schmid am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Dort, wo die Sprache gleichsam seziert und zum Glühen gebracht wird, fand sie ihren literarischen Ton – tastend und präzise zugleich. Bereits ihr Debütband Die Kindheit ist eine Libelle (2005) machte sie zu einer bemerkenswerten Stimme im Feld der deutschsprachigen Lyrik. Es folgten Atlantis lokalisieren (2011), ein poetischer Versuch, Verschwundenes greifbar zu machen, und Gletscherstück (2019), ein Band, der mit karger Schönheit die Landschaften des inneren und äußeren Wandels durchmisst.

    Doch Schmid bleibt nicht bei der Lyrik stehen. 2023 wagt sie den Schritt zur Prosa – mit dem Roman Lass es gut sein, erschienen im Geparden Verlag. In zurückhaltender, verdichteter Sprache erzählt sie darin von Abschieden, von der Brüchigkeit zwischenmenschlicher Beziehungen, aber auch vom Weitergehen – poetisch und schnörkellos zugleich.

    Für ihr Schaffen wurde Schmid mehrfach ausgezeichnet. Der Lyrikpreis des Autoren Verbandes der Schweiz ehrt ihr besonderes Gespür für sprachliche Nuancen. 2019 erhielt sie zudem einen Werkbeitrag des Aargauer Kuratoriums für Auszüge aus ihrem damals noch unveröffentlichten Lyrikmanuskript Ein anderes Wort für einverstanden – ein Beweis für ihre konstante Weiterentwicklung und das Vertrauen, das ihr die literarische Öffentlichkeit entgegenbringt.

    Nathalie Schmid ist keine Autorin der großen Gesten. Ihre Texte sind leise, aber eindringlich – sie stellen keine Behauptungen auf, sondern öffnen Räume. Wer sich auf ihre Sprache einlässt, merkt schnell: Hier schreibt jemand, die genau hinsieht. Und deren Worte lange nachklingen.

    Neuzugänge August 2025

    • Nathalie Schmid – es ist alles

      Nathalie Schmid – es ist alles

      Nathalie Schmids Gedicht arbeitet mit elementaren Bildern – Erde, Regen, Tag und Nacht – und setzt eine Gewissheit voraus, die es nicht erklärt. Das macht den Text offen und gleichzeitig präzise. Das lyrische Ich beginnt mit einer Feststellung: „es ist alles schon in mir / wonach ich suche / es ist bereits vorhanden“. Der Text…

    • Zwei Wege, Atlantis zu lesen? Wisława Szymborska trifft Nathalie Schmid

      Zwei Wege, Atlantis zu lesen? Wisława Szymborska trifft Nathalie Schmid

      Atlantis ist einer dieser Orte, die weniger durch Geografie existieren als durch Sprache. Je mehr über ihn gesprochen wurde, desto unauffindbarer wurde er. In der Lyrik taucht Atlantis deshalb selten als Schauplatz auf, sondern als Denkbewegung: als Frage nach Ort, Gewissheit und Verortung überhaupt. Zwei Gedichte – eines von Wisława Szymborska (Atlantis), eines von Nathalie…

    • Fragmentarische Re-Inszenierung – Mit fremden Worten antworten

      Fragmentarische Re-Inszenierung – Mit fremden Worten antworten

      Nathalie Schmid: „die namen der eisheiligen“ Aus: Atlantis lokalisieren (Gedichte), Wolfbach Verlag, Zürich 2011 Es gibt Gedichte, bei denen reicht es nicht, über sie zu sprechen. Man muss durch sie hindurch. Man muss ihre Wörter durch die eigenen Hände gehen lassen, sie neu zusammensetzen, ihren Rhythmus im eigenen Körper spüren. Die fragmentarische Re-Inszenierung ist keine…

    • Das Rollengespräch – Wenn das Gedicht widerspricht

      Das Rollengespräch – Wenn das Gedicht widerspricht

      Nathalie Schmid: „die namen der eisheiligen“ Aus: Atlantis lokalisieren (Gedichte), Wolfbach Verlag, Zürich 2011 Ich beginne mit dem Titel. „Die namen der eisheiligen“ – kein Artikel, alles kleingeschrieben. Die Eisheiligen kennen wir: Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius, die Kalte Sophie. Heilige, die im Mai für Kälte stehen, für letzte Fröste, bevor der Frühling wirklich kommt.Aber das…

    • Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…

    • Atlantis lokalisieren – Nathalie Schmid

      Atlantis lokalisieren – Nathalie Schmid

      LektüreNotizen | Der Titel Atlantis lokalisieren klingt nach poetischem Forschungsauftrag. Dieses ‚Lokalisieren‘ meint weniger eine geografische Suche als einen schöpferischen Akt, der sich in Lyrik, Kunst und jeder anderen Form der Kreation vollzieht – und dessen Scheitern bereits einkalkuliert. Atlantis: ein Ort, der in Legenden existiert, in Spekulationen, in Wunschbildern. Ein Ort, der verschollen ist,…

    • Zeilen und Klänge

      Zeilen und Klänge

      Eine Handreichung zum Finden von Musik zu Gedichten. Für alle, die glauben, dass ein Gedicht klingen kann – auch nach außen hin. 1. Nicht die Playlist, sondern das Echo suchen Ein Gedicht wie „herbrig„ ist keine Liedvorlage und kein Musikvideo. Es ist ein „Echo-Raum“, der nach Resonanz sucht. Wer dazu Musik finden möchte, beginnt am…

    • Im Dialog mit Gedichten – Eine Einladung

      Im Dialog mit Gedichten – Eine Einladung

      Ich sitze vor einem Gedicht und verstehe es nicht. Oder: Ich verstehe es vielleicht, aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Die klassische Herangehensweise wäre jetzt: Stilmittel finden, Metaphern deuten, eine Interpretation formulieren. Aber genau das fühlt sich falsch an – als würde ich dem Gedicht etwas überstülpen, statt wirklich mit ihm in…

    • Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen

      Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen

      Versuch schulisch zu lesen | Nathalie Schmids Gedicht „die namen der eisheiligen“ ist eine dichte lyrische Miniatur, die existenzielle Verlusterfahrung in einer poetischen Collage aus Stadt- und Naturbildern verarbeitet. In freier Form, ohne Satzzeichen oder konventionelle Struktur, oszilliert das Gedicht zwischen Bewegung und Erstarrung, zwischen Geräuschkulisse und sprachloser Introspektion. Es thematisiert das Ringen um Orientierung…

  • Das Espressoskop

    Das Espressoskop

    Viele Jahre habe ich Fotos von Espressoschaum gemacht und gesammelt. Irgendwann ist es dann in Vergessenheit geraten; ich trinke inzwischen hauptsächlich Tee. Beim Lesen des Gedichts Espresso von Sarah Kirsch, kam die Erinnerung wieder; es geht dort u.a. um den Verlust von Orientierung am Alltag, im vermeintlich Vertrauten (Meine Lesart) – und das brachte mich zum Thema Espressoskop, bei dem wir uns mit Vergnügen, die Gestalt des Schaums als eine Art Orakel zu sehen; ähnlich dem Kaffeesatzlesen. Hier einige erhaltene Fotografien:

  • Jürgen Völkert-Marten – NOSTALGIE

    Jürgen Völkert-Marten – NOSTALGIE

    Dieses Gedicht ist ein einziger Atemzug. Zwar gliedern Kommata den Text und ein Punkt beschließt ihn, doch syntaktisch bleibt es ein langer, fließender Satz. Die Interpunktion ordnet, ohne zu zerhacken – die Kommata schaffen Pausen wie beim Sprechen, wenn man Luft holt, ohne den Gedankenfluss zu unterbrechen. Die wiederholten Konjunktionen „und“ schaffen Rhythmus und Vorwärtsdrang zugleich, als würde die Erinnerung selbst sprechen, ungefiltert, wie sie kommt.

    „Mitte der Sechziger zwischen elf und zwölf Uhr nachts“ – so präzise, als könnte man die Zeit noch riechen, die Spannung in der Luft. Die Art, wie die Erinnerungsfetzen aneinandergereiht werden – „wie“, „und bei“, „und wissen“ – lässt alles ineinanderfließen, sprungweise, aber ohne Unterbrechung.

    BFBS, der britische Soldatensender. Für deutsche Jugendliche ein Fenster in eine andere Welt, aber auch ein Risiko. Die Angst vor den „Alten im Schlafzimmer nebenan“ macht aus dem Musikhören einen Akt der Rebellion, heimlich und kostbar zugleich. Das Radio wird zum Komplizen, die Lautstärke zur Waffe gegen die Ordnung der Erwachsenen.
    Dann dieser Moment: „Ferry cross the Mersey“ und das „sanfte, wunderschöne Kopfhautkribbeln“. Hier wird Musik körperlich, wird zu etwas, das die Haut berührt, nicht nur die Ohren. Gerry and the Pacemakers – eine Band aus Liverpool, wie die Beatles, aber sanfter, melancholischer. Das Lied erzählt vom Übersetzen über den Mersey-Fluss, von Heimkehr und Sehnsucht. Für den Jugendlichen im Gedicht wird es zur körperlichen Erfahrung, zu etwas, das ihn verändert.

    „Auf die alten Songs abfahren, wie man jetzt sagt“ – hier bricht die Zeitebene auf. Der Erzähler ist nicht mehr der Jugendliche von damals, sondern ein Erwachsener, der zurückblickt. Das „wie man jetzt sagt“ markiert die Distanz, aber auch die Kontinuität des Gefühls. Die Sprache wandelt sich, die Erfahrung bleibt.
    Am Ende die Gewissheit: ein Mädchen wartet, nichts scheint kompliziert. Diese Schlichtheit ist das Gegenteil von Naivität – sie ist das Ergebnis einer Klarheit, die nur die Jugend kennt. Bevor die Welt ihre Komplikationen zeigt, bevor Liebe schwierig wird, bevor Musik zur Nostalgie erstarrt.

    Der Effekt des einen Atemzugs verstärkt das Gefühl der Unmittelbarkeit: Als würde der Sprecher diese Nacht noch einmal durchleben, in einem Zug, ohne die analytischen Pausen, die Reflexion mit sich bringen würde. Die Erinnerung rollt ab, wie sie damals erlebt wurde – als zusammenhängende Erfahrung einer einzigen Nacht.
    Das Gedicht trägt seinen Titel zu Recht. Nostalgie ist nicht nur süße Erinnerung, sondern – wie eine Definition sagt – eine „vom Unbehagen an der Gegenwart ausgelöste Sehnsucht“. Was damals selbstverständlich war – die Musik, das Mädchen, die Einfachheit –, erscheint aus heutiger Sicht wie ein verlorenes Paradies.

    Die Literatur der Zeit kannte solche Momente. Rolf Dieter Brinkmann machte aus Alltagserfahrungen und Popkultur Poesie, allerdings lauter, fragmentierter. Die jungen DDR-Lyriker von „Sonnenpferde und Astronauten“ fingen ähnliche Zeitgefühle ein, aber politischer, kollektiver. Karl-Heinz Bittel erinnerte sich prosäisch an die Beatzeit, Anneliese Albrecht an die Magie des Radios.
    Alle diese Texte verbindet die Erkenntnis: Musik war damals mehr als Unterhaltung. Sie war Identitätsstiftung, Abgrenzung, ein Versprechen von Freiheit. Das Radio brachte die große Welt ins Kinderzimmer, machte aus dem heimlichen Zuhörer einen Weltbürger der Popkultur.

    Heute klingt das nostalgisch – nicht weil es vergangen ist, sondern weil die Gegenwart diese Unmittelbarkeit vermissen lässt. Streaming und Algorithmen haben die Zufälle des Radios ersetzt, die großen Gesten der Popmusik sind kleinteiliger geworden. Was bleibt, ist die Erinnerung an Momente, in denen ein Lied zum Ereignis wurde, in denen Musik die Haut berührte und nichts kompliziert schien.
    Das Gedicht erzählt davon ohne Sentimentalität, ohne Verklärung. Es ist einfach da, wie die Erinnerung selbst – präzise, körperlich, unwiderruflich.

    Weitergelesen

    Diese Art von Rückblick, der Musik, Alltag und Erinnerung verschränkt, begegnet uns auch an anderen Orten der Literatur. Eine Zusammenfassung der im Text erwähnten Literatur:

    • Rolf Dieter Brinkmann, „Vanille“ (1969): Alltagsprosa, Songzitate, Sprachsplitter. Auch hier wird der Moment zur Bühne. Brinkmann ist lauter, fragmentarischer, greller – aber die Nähe zur Popkultur verbindet ihn mit dem Nostalgie-Gedicht.
    • „Sonnenpferde und Astronauten“ (1964): Eine Anthologie junger DDR-Lyriker, die Alltagsbilder und jugendliche Erfahrungen literarisch verdichten. Politischer, kollektiver, während das Gedicht von persönlicher Intimität lebt.
    • Karl-Heinz Bittel: Singen – ein Anfang: Prosaerinnerung an die Beatmusik und das Aufbegehren der Jugend in den 60ern. Dokumentarisch, detailreich, weniger poetisch – aber in der Erfahrung des Radios als Tor zur Welt dem Gedicht sehr nah.
    • Anneliese Albrecht: Wo steckt der Mann im Radio?: Kindliche Erinnerung an Radiosendungen, in denen eine neue Welt aufscheint. Nüchterner, sachlicher, ohne körperliche Sinnlichkeit, doch ebenso geprägt vom Zauber des Hörens.

    Allen gemeinsam ist die Ahnung, dass Musik mehr war als Klang: Sie war ein Versprechen. Ein Stück Identität, Abgrenzung, Freiheit.

    Quellen


    Im Dialog mit der NOSTALGIE

    • Jürgen Völkert-Marten – KLARSTELLUNG

      Jürgen Völkert-Marten – KLARSTELLUNG

      Das Gedicht „Klarstellung“ konfrontiert das lyrische Ich mit einer beschädigten Puppe und zwingt es in eine vielschichtige Reflexion über Schuld, Verantwortung und Wahrnehmung. Die zentrale Metaphorik kreist um das verstörende und mehrdeutige Bild der Puppe mit den „leeren Augenhöhlen“. Puppen sind traditionell Kinderspielzeug, Objekte der Fürsorge und Projektion – hier aber ist sie beschädigt, ihrer…

    • KLARSTELLUNG DER PUPPE

      KLARSTELLUNG DER PUPPE

      Ihr seht mich an und nennt es Schuld. Doch meine Augen sind leer, weil ihr sie mir genommen habt. Ihr habt mich in dieses Gitter gestellt, mich zu eurer Bühne gemacht, mich schweigen lassen, damit ihr in mir sprechen könnt. Euer Blick legt Lasten auf mich, die ich nicht tragen will. Ich bin kein Spiegel…

    • Gründe – Jürgen Völkert-Marten

      Gründe – Jürgen Völkert-Marten

      Jürgen Völkert-Marten konstruiert in diesem Gedicht einen Zirkel aus Flucht und Rückkehr. Das lyrische Ich denkt an seine „Ingo-Zahl“ – einen Begriff, der rätselhaft bleibt, aber offenbar eine Art Bewertung oder Messung seiner selbst darstellt. Diese Beschäftigung mit der eigenen Vermessung führt ihn zu einer Erkenntnis: Wichtigeres existiert, doch dieses Wichtigere entzieht sich seinem Zugriff.…

    • Jürgen Völkert-Marten – NOSTALGIE

      Jürgen Völkert-Marten – NOSTALGIE

      Dieses Gedicht ist ein einziger Atemzug. Zwar gliedern Kommata den Text und ein Punkt beschließt ihn, doch syntaktisch bleibt es ein langer, fließender Satz. Die Interpunktion ordnet, ohne zu zerhacken – die Kommata schaffen Pausen wie beim Sprechen, wenn man Luft holt, ohne den Gedankenfluss zu unterbrechen. Die wiederholten Konjunktionen „und“ schaffen Rhythmus und Vorwärtsdrang…

    • Top Twenty & Panzeralarm

      Top Twenty & Panzeralarm

      Ein persönlicher Rückblick auf den BFBS in NRW Wie eine ferne Radiowelle schwingt sie noch heute durch das Gedächtnis – die Erinnerung an Nächte mit dem BFBS, dem „British Forces Broadcasting Service“, der in den 1960er- und 70er-Jahren vielen Jugendlichen in Westdeutschland die musikalische Welt öffnete. Im Gedicht „NOSTALGIE“ von Jürgen Völkert-Marten klingen warme Töne…

    • Gegenentwürfe zur Ratlosigkeit: Wiederaufbruch

      Gegenentwürfe zur Ratlosigkeit: Wiederaufbruch

      Meine Entwürfe beziehen sich auf das Gedicht RATLOS von Jürgen Völkert-Marten. Im Dunkel der Nacht, dieses bodenlose Schwarz, wo Fragen wie Schatten wuchsen, ungreifbar, und die Stille selbst nach einer Antwort schrie, einer wirklichen, da begann es, dieses zaghafte Flimmern. Nicht laut, kein Donner, der zerbricht, nicht grell, kein Blitz, der blendet, sondern wie ein…

    • Wenn die Hände denken.

      Wenn die Hände denken.

      Du musst deinem Leben Hände geben. Das Gedicht „RATLOS„von Jürgen Völkert-Marten schlägt mir entgegen wie eine kalte Wand. Eine Litanei des Erstickens: Strick. Pistole. Schlaftabletten. Eine Aufzählung von Auswegen, die keine sind, sondern Sackgassen, Abgründe. Ausreißen. Neu anfangen. Schluß machen. Leben fortwerfen. Die Verzweiflung ist greifbar in ihrer sprachlichen Kargheit. Keine Bilder, nur nackte Substantive, Verben des Endens oder…

    • Jürgen Völkert-Marten – Ratlos

      Jürgen Völkert-Marten – Ratlos

      Es ist das erste Gedicht, dass mir auffällt, als ich nach dem abgedruckten Holzschnitt von Heinz Stein suche. Ich überlege, ob ich das Heft gleich wieder schließe. Manchmal trifft man auf Texte, die so gar nicht, nicht mehr zu eigenen Lebenssituation passen. Also, ich habe es dennoch gelesen und hier ist meine – auf Abstand…

    • Jürgen Völkert-Marten UNSER FORTGESETZTER WUNSCH NACH OPTIMISMUS

      Jürgen Völkert-Marten UNSER FORTGESETZTER WUNSCH NACH OPTIMISMUS

      Jürgen Völkert-Marten entdeckte ich durch Zufall, auf der Suche nach Texten von Ille Chamier. Auf einer Verkaufsplattform bot der Autor verschiedene Ausgaben der Zeitschrift „jeder art“ an – und mit ihnen diesen schmalen Lyrikband aus dem Jahr 1977. Ergänzt durch einen Holzschnitt von Heinz Stein erwies sich der Fund als gedeihliche Entdeckung. Völkert-Marten stellt mit…

    • Jürgen Völkert-Marten

      Jürgen Völkert-Marten

      Jürgen Völkert-Marten (*23. Mai 1949 in Gelsenkirchen) ist ein deutscher Schriftsteller, der in erster Linie durch seine Lyrik bekannt wurde. Sein Debüt gab er 1974 mit dem Gedichtband Keine Zeit für Träumer. In den folgenden Jahrzehnten veröffentlichte er zahlreiche weitere Werke und etablierte sich als eine markante Stimme der deutschsprachigen Gegenwartslyrik. Der Autor lebt in…

  • Top Twenty & Panzeralarm

    Top Twenty & Panzeralarm

    Ein persönlicher Rückblick auf den BFBS in NRW

    Wie eine ferne Radiowelle schwingt sie noch heute durch das Gedächtnis – die Erinnerung an Nächte mit dem BFBS, dem „British Forces Broadcasting Service“, der in den 1960er- und 70er-Jahren vielen Jugendlichen in Westdeutschland die musikalische Welt öffnete. Im Gedicht „NOSTALGIE“ von Jürgen Völkert-Marten klingen warme Töne an: das heimliche Lauschen zur späten Stunde, das Kribbeln bei „Ferry Cross the Mersey“, und die Angst, dass die Eltern das Radio zu laut finden könnten.

    Auch ich erinnere mich. Ich stand nicht mit klopfendem Herzen am Radio, aus Angst erwischt zu werden. In meinem Zimmer war ich ungestört, doch die Spannung war dennoch da – eine andere Art von elektrischer Erwartung. Der BFBS klang einfach aufregender, weltoffener, lebendiger als der oft steife deutsche Radiobetrieb. Er war ein akustisches Fenster in eine fremde, pulsierende Kultur.

    Der BFBS Germany war für britische Soldaten und deren Familien gedacht, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen der alliierten Stationierung in Deutschland lebten – insbesondere in Nordrhein-Westfalen, das eine der am stärksten besetzten Regionen war. Churchill Barracks im Nachbarort – ein geläufiger Name. Von dort kamen viele der Soldaten, die man im Alltag in Uniform sah.

    Einmal – es war während eines Manövers – geriet ich in eine Szene, die man heute fast filmisch nennen würde: Ein britischer Panzer fuhr durch unsere Wohnstraße und feuerte mit Übungsmunition auf mich. Es war ein kontrollierter Schuss, aber dennoch: Es knallte, es blitzte, wenige Meter neben mir auf der Straße. Der Schock war groß, die Faust gestreckt und dennoch: Ich hörte weiter BFBS.

    Die Verbindung zur britischen Präsenz war in jenen Jahren alltäglich und doch surreal: Ein paar Jahre später stürzte ein Kampfjet der Royal Air Force in der Nähe unseres Wohnorts auf ein Feld. Der Pilot konnte sich rechtzeitig mit dem Schleudersitz retten – ein Ereignis, das sich ins kollektive Gedächtnis der Region eingebrannt hat. Und dennoch: Die britischen Soldaten wirkten nie fremd. Sie waren einfach da. Im Alltag. Auf der Straße. Auf dem Radio.

    Der BFBS war nicht nur Sender, sondern eine Art geheimes Band. Er verband – auf Englisch gesungen – deutsche Jugendliche mit einer Welt jenseits der Provinz. Die „Top Twenty“, ausgestrahlt zwischen elf und zwölf Uhr nachts, waren mehr als nur eine Chartshow. Sie waren ein Lebensgefühl.

    Und heute? Da scheint alles komplizierter. Damals, so fühlt es sich an, wartete einfach ein Mädchen auf mich, und nichts, nichts schien kompliziert.

  • Gegenentwürfe zur Ratlosigkeit: Wiederaufbruch

    Gegenentwürfe zur Ratlosigkeit: Wiederaufbruch

    Meine Entwürfe beziehen sich auf das Gedicht RATLOS von Jürgen Völkert-Marten.

    Im Dunkel der Nacht,
    dieses bodenlose Schwarz,
    wo Fragen wie Schatten wuchsen, ungreifbar,
    und die Stille selbst
    nach einer Antwort schrie, einer wirklichen,
    da begann es,
    dieses zaghafte Flimmern.

    Nicht laut, kein Donner, der zerbricht,
    nicht grell, kein Blitz, der blendet,
    sondern wie ein Stern,
    der sich durch den Nebel müht,
    ganz langsam,
    doch unbeirrbar.

    Es ist kein Plan, keine feste Karte,
    kein fertiger Weg, der schon liegt,
    sondern nur dieser Schritt,
    dieser eine Schritt
    ins Ungewisse,
    ein Atemzug, ein winziger,
    ein Augenblick, in dem du entscheidest.

    Die Last der Zweifel,
    ja, sie drückt auf die Brust,
    schwer wie ein Stein, der dich fesseln will,
    doch der Wille,
    noch einmal zu suchen,
    er ist da,
    und er ist stärker.

    Nicht alles wird klar,
    manchmal bleibt es nebelverhangen,
    nicht alles wird leicht,
    nichts ist wirklich leicht,
    aber der Blick,
    er richtet sich nach vorn,
    auf das, was kommen kann,
    auf das, was sein könnte.

    Und so beginnt der Aufbruch, nicht mit einem lauten Knall, der alles zerreißt, sondern mit einem leisen Ja, einem Ja zu diesem nächsten Schritt, zu diesem nächsten Morgen, der sich auftut. Also entsorge Deine Waffen denn es geht weiter. – (Hier habe ich mich an der Ausdrucksform von Hilde Domin versucht.)


    Wiederaufbruch

    Im Dunkel der Nacht, ja, es war diese Nacht,
    wo Fragen wie Schatten wucherten und die Stille
    schrie nach einer Antwort, die nicht kam,
    begann dies, was ich nicht nenne,
    ein Flimmern nur, kaum wahrnehmbar,
    wie ein Stern, der sich mühte,
    durch den dichten Nebel zu dringen.
    Nicht grell, nein, niemals grell,
    eher zögerlich, wie mein eigener Herzschlag,
    der sich kaum noch traute.

    Es war kein Plan, wissen Sie,
    kein fertiger Weg, den man gehen könnte,
    sondern ein Schritt, dieser eine,
    ein Atemzug, der mir die Brust schnürte,
    ein Moment nur, der alles entschied.
    Die Last der Zweifel, sie lag da,
    schwer wie ein Stein auf meinem Herzen,
    doch dann, dieser Wille,
    noch einmal zu suchen,
    er war stärker, überraschend.

    Nicht alles wurde klar,
    wie sollte es auch?
    Nicht alles wurde leicht, das wusste ich,
    aber der Blick, ja, dieser Blick,
    er richtete sich nach vorn,
    auf das, was kommen könnte,
    vielleicht.
    Und so begann der Aufbruch,
    nicht mit einem Knall, der erschreckt,
    sondern mit einem leisen Ja,
    einem Ja zum nächsten Schritt,
    zum nächsten Morgen, der dann kam.

    – (Hier habe ich mich an der Ausdrucksform von Marie Luise Kaschnitz versucht.)

  • Wenn die Hände denken.

    Wenn die Hände denken.

    Du musst deinem Leben Hände geben.

    Das Gedicht „RATLOS„von Jürgen Völkert-Marten schlägt mir entgegen wie eine kalte Wand. Eine Litanei des Erstickens: Strick. Pistole. Schlaftabletten. Eine Aufzählung von Auswegen, die keine sind, sondern Sackgassen, Abgründe. Ausreißen. Neu anfangen. Schluß machen. Leben fortwerfen. Die Verzweiflung ist greifbar in ihrer sprachlichen Kargheit. Keine Bilder, nur nackte Substantive, Verben des Endens oder der Ohnmacht: resignieren aufgeben. Suicid. ein Ende machen. Selbst das vermeintlich Tröstliche – weiter hoffen, weiter suchen, auf das Gute hoffen, beten – wirkt wie abgenutzte Münzen in der Hand eines Verhungernden, kraftlos gegen die erdrückende Last der Leere. Es endet mit der ratlosen, in den Raum geworfenen Frage: Was? Eine Frage, die kein Echo findet, sondern im Vakuum der eigenen Gedanken verhallt.

    Diese Ratlosigkeit ist ein Gefängnis. Und das Gefängnis ist der Kopf. Das Gedicht zeigt es unerbittlich: Es ist ein Dokument des Grübelns, des kreisenden, nagenden, sich selbst verzehrenden Denkens. Ein Versuch, mit dem Verstand etwas zu lösen, was der Verstand allein nicht lösen kann – weil er selbst Teil der Falle ist. Jedes Wort darin ist ein Gedankenstein, gewälzt, gedreht, umsonst. Der Kopf sucht nach Lösungen, findet aber nur Endpunkte oder leere Versprechen. Er wird zum Ort der Qual, in dem sich die gleichen Wege immer wieder ablaufen: Strick, Tablette, Hoffen, Verzweifeln. Fragezeichen.

    Aber ich sitze hier. Und in meinen Händen liegt ein Klumpen Ton. Kühl, feucht, erdig. Widerständig und doch formbar. Oder da ist die Linolplatte, glatt und bereit, unter dem Schnitzmesser Spuren zu empfangen. Oder das raue Papier, das auf den Strich des Stiftes wartet. In der Ergotherapie habe ich gelernt: Es gibt einen Ausweg aus dem Gedankengefängnis. Er führt nicht durch eine weitere Tür im Kopf, sondern hinaus – in die Welt der Hände, des Materials, des Machens.

    Während der Kopf in „RATLOS“ nach radikalen Schnitten sucht (Schluß machen, Leben fortwerfen), vollziehe ich einen anderen Schnitt: Ich schneide Linol. Nicht durch Gedanken, sondern durch eine widerständige Platte. Das Messer erfordert Aufmerksamkeit, Kraftdosierung, Führung. Es ist ein physischer Dialog. Jeder Schnitt ist eine Entscheidung, die sichtbar wird, die das Material unwiderruflich verändert. Und mit jedem Schnitt, mit jedem Druck des Werkzeugs, verliere ich den Zugriff auf das Sinnieren. Das kreisende „Was?“ des Gedichts wird übertönt vom rhythmischen Kratz-Schab des Messers, vom Knirschen des Materials. Der Kopf, so besetzt mit der Führung der Hand, dem Lesen der Linie, der Antizipation des Drucks, findet keine Kapazität mehr für die alte, lähmende Litanei. Er wird still. Nicht durch Willensakt, sondern durch die Notwendigkeit der Handlung.

    Oder der Ton. Dieses urtümliche Material, das nach Erde riecht, das unter den Fingern nachgibt und doch seinen eigenen Willen behält. „Leben fortwerfen“ – ja, manchmal werfe ich tatsächlich einen missratenen Ansatz fort. Aber nicht ins Nichts. Zurück in die Masse. Um ihn neu zu kneten, neu zu beginnen. „Neu anfangen“ – das geschieht hier nicht als großer, beängstigender Entschluss, sondern als selbstverständlicher Akt des Arbeitens. Der Ton verzeiht. Er lädt ein zum Probieren, zum Verwerfen, zum Wiederaufnehmen. In der Berührung, im Druck, im Ziehen und Formen mit den Händen, kommt vieles von sich aus wieder in Fluss. Nicht das große Leben sofort. Aber ein kleiner Strom: Der Rhythmus des Knetens. Die Freude über eine gelungene Rundung. Die Konzentration auf das Hier und Jetzt des Materials. Die Gedanken, die eben noch wie gefangene Vögel gegen die Schädeldecke schlugen, setzen sich leise. Sie beobachten vielleicht noch, aber sie herrschen nicht mehr. Sie haben keine Macht mehr in diesem Raum, der vom Tun der Hände definiert wird.

    Es ist kein Eskapismus. Es ist eine andere Form des Seins, des Denkens sogar. Ein Denken, das nicht in Begriffen gefangen ist (Strick, Ende, Hoffnung), sondern in Bewegungen, Widerständen, Temperaturen, Formen. Die Hände „denken“ das Material. Sie erfahren Lösungen nicht abstrakt, sondern haptisch. Sie lernen Geduld nicht als Konzept, sondern als Notwendigkeit beim Trocknen des Tons oder beim präzisen Schnitt. Sie erfahren „weiter machen“ nicht als leere Pflicht, sondern als natürliche Folge des begonnenen Werks. Das Material stellt Fragen, die der Kopf so nicht stellen kann: Wie viel Druck vertrage ich? Wohin willst du mich führen? Was bin ich im Kern?

    Und das „beten“ aus dem Gedicht? Manchmal, wenn ich tief im Schaffensfluss bin, wenn Hand und Material eins werden und der grübelnde Verstand schweigt, kommt etwas in der Nähe davon. Eine Stille, die nicht leer, sondern erfüllt ist. Eine Hingabe an den Prozess. Vielleicht ist das Gebet der Hände kein Flehen ins Leere, sondern ein Gespräch mit dem Stoff des Lebens selbst – ein Gespräch, das Antworten gibt, nicht in Worten, sondern in Formen, in Spuren, im Gefühl des Geschaffenen unter den Fingern.

    Ratlos? Ja, das Gedicht spricht eine Wahrheit aus. Der Kopf allein, in seiner endlosen Schleife des Analysierens und Urteilens, führt oft genau dorthin: in die Lähmung, in die radikale Verzweiflung oder in die resignative Leere. Aber „RATLOS“ zeigt nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist der Tonklumpen, die Linolplatte, der Stift. Sie sind die Einladung, das Gefängnis des reinen Denkens zu verlassen. Nicht um das Denken zu verleugnen, sondern um ihm einen Partner zu geben: die Intelligenz der Hände, die Weisheit des Materials, die Poesie des Machens.

    Die Antwort auf das „Was?“ des Gedichts liegt vielleicht nicht in einer großen Erklärung, sondern in einer einfachen, tiefen Handlung: Greifen. Formen. Schneiden. Spuren hinterlassen. Die Ratlosigkeit löst sich nicht im Kopf auf. Sie löst sich auf im Fluss des Tuns, im Dialog zwischen Hand und Material. Dort, wo das Leben nicht fortgeworfen, sondern geformt wird. Ein Klumpen nach dem anderen. Ein Schnitt nach dem anderen. Bis das „Was?“ verstummt und nur noch das Machen spricht.

  • Jürgen Völkert-Marten – Ratlos

    Jürgen Völkert-Marten – Ratlos

    Es ist das erste Gedicht, dass mir auffällt, als ich nach dem abgedruckten Holzschnitt von Heinz Stein suche. Ich überlege, ob ich das Heft gleich wieder schließe. Manchmal trifft man auf Texte, die so gar nicht, nicht mehr zu eigenen Lebenssituation passen. Also, ich habe es dennoch gelesen und hier ist meine – auf Abstand bedachte – Annäherung an den Text:

    Inhaltliche Annäherung:

    Zentrales Thema: Existenzielle Verzweiflung, Suizidgedanken und der innere Kampf zwischen Selbstzerstörung und Lebenswillen.

    Entwicklung:

    RATLOS (Überschrift): Setzt sofort den Ton der Orientierungslosigkeit und Hoffnungslosigkeit.

    Konkrete Suizidmethoden (Z. 2-4): „Strick“, „Pistole“, „Schlaftabletten“, „Rauschmittel“ listen direkt und schonungslos Mittel zur Selbsttötung auf. Die Kürze verstärkt die Bedrohlichkeit.

    Ambivalenz und Wendepunkt (Z. 4): „ausreißen neu anfangen“ – Dieser Bruch ist entscheidend. „Ausreißen“ kann Flucht (von den Methoden? vom Leben?) oder ein gewaltsames Entfernen bedeuten. „Neu anfangen“ ist der erste, noch vage Hoffnungsschimmer oder Wunsch nach radikaler Veränderung.

    Chaotischer Gedankenstrom (Z. 5): Die Zeile verdichtet den inneren Konflikt:

    Selbstzerstörung: „Schluß machen“, „Leben fortwerfen“, „aufgeben“, „Suicid“, „ein Ende machen“.

    Lebenswillen / Suche nach Alternativen: „weiter hoffen“, „weiter suchen“, „auf das Gute hoffen“, „beten“.

    Resignation: „resignieren“.

    Abruptes Ende (Z. 5): Das Gedicht schließt mit der ratlosen, fast verzweifelten Frage „Was?“. Sie fasst die gesamte existenzielle Unsicherheit und Ausweglosigkeit des Sprechers zusammen. Es gibt keine Antwort, nur die quälende Frage.

    Grundstimmung: Überwältigende Verzweiflung, tiefe Ratlosigkeit, lähmende Ambivalenz und ein intensiver innerer Kampf zwischen Todessehnsucht und dem (wenn auch schwachen) Wunsch nach Rettung, Hoffnung oder spirituellem Trost („beten“, „auf das Gute hoffen“).

    Formale Annäherung:

    Struktur & Form:

    Fragmente & Aufzählung: Das Gedicht besteht fast ausschließlich aus Einzelwörtern oder kurzen Phrasen, die wie ein innerer Monolog oder Gedankensturm wirken. Es fehlt eine traditionelle Strophenform oder ein geregeltes Versmaß.

    Enjambement / Zeilenbruch: Die vierte Zeile „Rauschmittel ausreißen neu anfangen“ nutzt den Zeilenumbruch für eine überraschende semantische Wende. Die letzte Zeile ist ein einziges langes, ununterbrochenes Gedankenkonglomerat.

    Sprache & Stilmittel:

    Parataxe: Aneinanderreihung von Hauptsätzen bzw. Satzfragmenten ohne Unterordnung („Strick Pistole Schlaftabletten… weiter hoffen weiter suchen resignieren aufgeben…“). Dies spiegelt das Chaos und die Überforderung im Kopf des Sprechers wider.

    Ellipse: Auslassungen sind das prägende Stilmittel. Es gibt keine vollständigen Sätze, keine erklärenden Verbindungen, nur die nackten Kernbegriffe.

    Kontrast / Antithese: Der scharfe Gegensatz zwischen den Todeswünschen („Suicid“, „aufgeben“) und den Lebens-/Hoffnungsimpulsen („neu anfangen“, „weiter hoffen“, „beten“) bildet das strukturelle und inhaltliche Rückgrat des Gedichts, besonders in der letzten Zeile.

    Wiederholung (Anapher): „weiter hoffen weiter suchen“ und die Wiederholung des Hoffens („weiter hoffen“, „auf das Gute hoffen“) betonen den mühsamen Kampf gegen die Verzweiflung.

    Ausruf / Frage: Die Überschrift „RATLOS“ wirkt wie ein verzweifelter Ausruf. Das Gedicht endet mit der offenen, ratlosen Frage „Was?“.

    Orthografie & Typografie:

    Großschreibung: Wichtige, emotionale oder handlungsweisende Begriffe sind großgeschrieben (RATLOS, Strick, Pistole, Schlaftabletten, Schluß, Leben, Suicid, Ende, Gute, Was?). Dies verleiht ihnen besonderes Gewicht und Intensität.

    Keine Interpunktion: Das völlige Fehlen von Satzzeichen (außer dem Fragezeichen am Ende) verstärkt den Eindruck des Gedankenstroms, der Atemlosigkeit und des Kontrollverlusts.

    Bildlichkeit: Die Sprache ist weitgehend konkret und direkt („Strick“, „Pistole“) oder abstrakt-reflexiv („hoffon“, „suchen“, „resignieren“). Die einzige potentielle Metapher ist „ausreißen“ (Flucht? gewaltsame Befreiung?) und „Leben fortwerfen“ (als Objekt behandeln, wegwerfen).

    Und nun?

    Als gelegentlicher „Gegenbeispielsortierer“ möchte ich die formale Struktur des Fragmentarischen, Aufzählenden und Ambivalenten beibehalten, aber den inhaltlichen Fokus vom passiven Verzweifeln auf aktives Suchen, Entscheiden und Handeln lenken – ohne die Tiefe der Krise zu leugnen. Das Ziel ist (m)ein Gedicht, das die Verzweiflung anerkennt, aber den Lesenden (und den Sprecher im Gedicht) implizit oder explizit in Richtung konstruktiver Schritte führt. – Einfach, weil ich solch einen Text für mich nicht so stehen lassen mag.


  • Jürgen Völkert-Marten UNSER FORTGESETZTER WUNSCH NACH OPTIMISMUS

    Jürgen Völkert-Marten UNSER FORTGESETZTER WUNSCH NACH OPTIMISMUS

    Jürgen Völkert-Marten entdeckte ich durch Zufall, auf der Suche nach Texten von Ille Chamier. Auf einer Verkaufsplattform bot der Autor verschiedene Ausgaben der Zeitschrift „jeder art“ an – und mit ihnen diesen schmalen Lyrikband aus dem Jahr 1977. Ergänzt durch einen Holzschnitt von Heinz Stein erwies sich der Fund als gedeihliche Entdeckung.
    Völkert-Marten stellt mit 19 teils provokanten Gedichten eine existenzielle Frage: Soll diese oberflächliche Form von Leben bejaht werden? Für ihn bedeutet wahrer Optimismus nicht blinde Lebensbejahung, sondern Konzentration auf intensives Leben und Erleben – eine Demaskierung des Oberflächlichen. Zwischen den Titeln seiner Gedichte entfaltet sich ein Erkenntnisprozess, der mich zu einer lyrischen Verarbeitung inspirierte, einem annähernden Lesen:

    Es gibt Wege die nicht führen nur umkreisen was wir meiden

    Eine Frage ans Vogelhäuschen: Wer bewohnt noch die leeren Räume unserer Hoffnungen?

    Wir sind Prometheus geworden aber das Feuer das wir stahlen brennt nur noch in Bildschirmen An jedem Sonntagmorgen für Ingrid derselbe Kaffee dieselbe Zeitung dieselbe Frage: Wie weiter?

    Ratlos stehen wir vor dem Spiegel der uns täglich anlügt Ein Käfer versteht mehr vom Leben als wir mit all unseren Theorien

    Zeit für eine Klarstellung: Am Samstagmorgen im März fällt Schnee wie Wahrheiten die niemand hören will

    Sonntag Nachts Träume und nachmittags Blicke zwischen Schlaf und Wachsein hängen wir fest

    Die irren Lacher von nebenan kennen alle Gründe warum das Leben schön sein soll Wir haben sie verloren irgendwo zwischen Geburt und heute

    Streitflucht nennen wir es wenn wir vor der Wahrheit davonlaufen Erkenntnis tut weh deshalb wählen wir Nostalgie den süßen Schmerz des Gestern

    Am Ende bleibt das Paradox: Dass wir den Optimismus brauchen den wir durchschaut haben Dass wir weiterleben obwohl wir wissen wie oberflächlich unsere Gründe sind

    Dies ist keine Wiedergabe der Originaltexte, sondern eine lyrische Verarbeitung der Gedichttitel aus Völkert-Martens Band. Seine Verse können erschüttern – beim Gedicht „RATLOS“ musste ich innehalten, während „WEGE“ bei mehrmaliger Lektüre zu völlig verschiedenen Interpretationen führte.

    Besonders faszinierte mich sein Wortbild: Schritteton beschmutzter Schuhe – eine Metapher, die Völkert-Martens poetische Kraft verdichtet zeigt. Seine Lyrik ist kein Trost, sondern Konfrontation: mit unseren Ausflüchten, unseren oberflächlichen Gewissheiten, unserem fortgesetzten Wunsch nach einem Optimismus, den wir längst durchschaut haben.

    Die Wahrheit, so scheint es, liegt nicht in der Bejahung oder Verneinung des Lebens, sondern in der Intensität, mit der wir uns seiner Widersprüche stellen.

  • Jürgen Völkert-Marten

    Jürgen Völkert-Marten

    Jürgen Völkert-Marten (*23. Mai 1949 in Gelsenkirchen) ist ein deutscher Schriftsteller, der in erster Linie durch seine Lyrik bekannt wurde. Sein Debüt gab er 1974 mit dem Gedichtband Keine Zeit für Träumer. In den folgenden Jahrzehnten veröffentlichte er zahlreiche weitere Werke und etablierte sich als eine markante Stimme der deutschsprachigen Gegenwartslyrik.
    Der Autor lebt in seiner Geburtsstadt und war in den 1970er Jahren Teil der Alternativszene, die von Hans Otfried Dittmer in seiner Verlagsedition Dittmer zusammengeführt wurde .

    Völkert-Marten bezieht klar Stellung zur Veröffentlichungspraxis im Literaturbetrieb, insbesondere zur Rolle von Bezahl-Anthologien. In einem Interview mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung sagte er:

    „Sie werden meine Arbeiten nie in einer gekauften Anthologie finden. Mir ist es wichtig, dass ein Herausgeber eine Auswahl trifft. Sonst werden die Publikationen so beliebig.“
    (WAZ, 28.10.2017)

    Diese Aussage fiel im Kontext einer Würdigung seiner Aufnahme in die Anthologie Versnetze zehn, herausgegeben von Axel Kutsch. Der Lyriker verwies dabei ausdrücklich auf den Wert redaktionell kuratierter Publikationen, bei denen Qualität und Auswahl im Vordergrund stehen. Der Band Versnetze zehn (Verlag Ralf Liebe, 2017) versammelt zeitgenössische deutschsprachige Lyrik und gilt als relevante Standortbestimmung moderner Poesie.

    Sein literarisches Schaffen umfasst:
    LyrikProsaTexte für KinderHörspiele
    Seine Werke sind nicht nur auf Deutsch erschienen, sondern auch in englischer und französischer Sprache.

    Literarisches Werk und Publikationen

    Völkert-Marten hat ein beeindruckendes Œuvre geschaffen:

    Rund dreißig Einzeltitel
    Veröffentlichungen in über 200 Anthologien und Literaturzeitschriften
    Seine Texte finden sich in vielen Schulbüchern im In- und Ausland, darunter in der Schweiz, Dänemark, Österreich, England, Russland und weiteren Ländern.

    Eine kleine Auswahl seiner Einzeltitel umfasst:

    Cinema (1978)
    Hoffnung wie Schnee (1978)
    Vorläufiges Fazit (1994)
    Meer und nicht weniger (1999)
    So liegen, so lieben (2003)
    Flugzeuge über Flugenten (2005)
    Als das Verwünschen noch geholfen hat (2009)
    Schwere.Los.Sein. Gedichte (2016)
    Das Glück. Gedichte (2020)

    Herausgebertätigkeit und Mitgliedschaften

    Jürgen Völkert-Marten war bis 1976 Mitherausgeber der Literaturzeitschrift »Pages«. Von 1976 bis 2011 war er Mitglied der angesehenen Autorenvereinigung »Kogge«. Zudem verlegte er von 1984 bis 1990 die »edition prima vista«.

    Auszeichnungen und Stipendien
    Der Schriftsteller hat zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien erhalten, die seine literarische Qualität unterstreichen:
    1976: Künstlerstipendium der Stadt Gelsenkirchen
    1978: Arbeitsstipendium des Landes NRW
    1980: Auslandsstipendium des Auswärtigen Amts (Griechenland)
    1982: Verdiensturkunde der Universita delle Arti
    1987: Kogge-Förderpreis der Stadt Minden
    1989: 3. Preis des Hafiz-Literaturpreises in der Sparte Lyrik
    1998: Gewinn des Lyrikwettbewerbs des 28. Deutschen Evangelischen Kirchentags 2011: Inge-Czernik-Förderpreis

    Jürgen Völkert-Marten, arbeit seit Jahrzehnten auch grafisch: dem möchte ich mich in Bälde widmen. Er arbeitete z.B. mit HAP Grießhaber zusammen an literarisch-grafischen Blättern.

    Aktuell in meinem Bestand:

    UNSER FORTGESETZTER WUNSCH NACH OPTIMISMUS

  • Dies Sirren – Adolf Endler im Gespräch mit Renatus Deckert

    Dies Sirren – Adolf Endler im Gespräch mit Renatus Deckert

    LektüreNotizen | Eingeleitet ist dieser Gesprächsband mit dem Abdruck einer handschriftlichen Version seines titelgebenden Gedichts aus dem Jahre 1971:

    Dies Sirren

    Und wieder dies Sirren am Abend. Es gilt ihnen scheint es für Singen
    Ich boxe den Fensterladen auf und rufe He laßt mich nicht raten
    Ihr seid es Liliputaner das greise Zwergenpaar van der Klompen
    Cui bono ihr lieben Alterchen mit der Zirpstimm im Dunkel cui bono

    Dies Sirren ist kein chronologischer Lebensbericht, sondern eine assoziative, aspekteorientierte Rückschau auf Endlers Kindheit, literarische Prägung und künstlerische Positionen. Renatus Deckert führt prägnant durch Themenblöcke – Krieg, Familie, Literatur, DDR‑Erfahrungen und poetische Identität –, angereichert mit Originalzitaten, geschärften Reflexionen und einem starken biografischen Umfeld. Der Band endet als Endlers letztes autorisiertes literarisches Zeugnis – selbstbeobachtend, fragmentarisch, poetisch.

    Kapitel 1 „Frühe Kindheit“

    Gegen Ende des Kapitels spricht Endler über das heimliche Hören ausländischer Sender; besonders Radio London hatte es ihm angetan. – Dazu habe ich ein wenig recherchiert.

    Ich nutze die Gelegenheit mein Schulwissen aufzufrischen, was es mit dem Sudetenland auf sich hat, wie es zur deutschen Besatzung kam – aber auch was die Vertreibung der Tschechen bedeutete, insbesondere an kulturellen Verlusten. – weiterlesen

    ? „sehr nazistisch geprägt“: Diese Formulierung ist pointiert. Historisch korrekt ist, dass die NSDAP und die sudetendeutsche Partei Konrad Henleins (SdP) im Sudetenland sehr großen Zuspruch hatten und eine aggressive Germanisierungspolitik betrieben. Es gab jedoch auch Widerstand und tschechische Bevölkerung.

  • Ille Chamier & Karen Roßki

    Ille Chamier & Karen Roßki

    DAS ZÜNDBLÄTTCHEN – Heft 21

    LektüreNotizen | Das Heft beinhaltet acht Gedichte der in Düsseldorf lebenden Autorin Ille Chamier und vier Bleistiftzeichnungen der Dresdner Künstlerin Karen Roßki. Stammabschnitte von Bäumen, die, obwohl blattlos, für mich die Energie der vier Jahreszeiten vermitteln. Details von Ästen, , markante Jungbäume, Totholz(?). Die Zeichnungen erinnern teils an Fabelwesen, so dass sie sich gut von den Gedichten Ille Chamiers lösen lassen und eigene kleine Geschichten entspinnen (können). Das gefällt mir.

    Eines fällt mir auf: Der Lyrikerin sind Bewegung, Licht und der Kreislauf des Lebens Herzensthemen; möglichst im Einklang zu sein. Und wenn ich das richtig sehe, greift Karen Rosski dies auf und hält dies auf ihre Weise mit Bleistift fest. Gleich der ersten Zeichnung habe ich versucht Leben einzuhauchen.

    Die Texte im Einzelnen – nicht wenige der Gedichte sind ohne Titel; hier habe ich die erste Zeile notiert:

    Nur schrittweise
    Zirkus, Jongleuse
    wie prächtig sie tanzt
    Nur ein Schritt
    Der russische Zauberer, Zirkus Barum Nov. 2002 (Kleine Recherche zu diesem Zauberer.)
    Stella, die Schauspielein aus der Bukowina
    Von der Liebe
    Herbst

    Heftinformationen
    DAS ZÜNDBLÄTTCHEN – Heft 21
    EDITION DREIZEICHEN MEISSEN- 2007
    Hg. Else Gold und WEH (Wolfgang E. Herbst Silesius)
    Größe: 16°
    Seitenzahl: je 16 S., mit Illustrationen von Karen Roßki
    Einband: Klammerheftung

    Gedruckt auf HP LaserJet P2055d | Arial
    Auflage 300 Exemplare | erweitert auf 500

    Bisher entstandene Dialoge

    Titelfoto: brisch27 via pixabay

  • Fünf Teller. / Fünf Hemden. / Fünf Sätze. / Keiner ganz.

    Fünf Teller. / Fünf Hemden. / Fünf Sätze. / Keiner ganz.

    Ille Chamiers Stil ist schwer zu imitieren – weil er nicht nur Technik, sondern eine Haltung ist. Ihre Sprache wirkt wie gehämmertes Geröll: kantig, verdichtet, mit plötzlichen Bildsprüngen. Ein Gedicht zum Thema „Sorgearbeit und Schreiben“ hätte bei ihr möglicherweise so geklungen:

    Mögliche Stilmerkmale (rekonstruiert aus ihren Texten):

    Lakonische Präzision:
    Nicht:
    „Die Last der unendlichen Pflichten drückt mich nieder“
    Sondern:

    Fünf Teller. / Fünf Hemden. / Fünf Sätze. / Keiner ganz.

    Körperliche Metaphorik:
    Nicht:
    „Ich bin müde vom vielen Arbeiten“
    Sondern:

    Die Wirbelsäule / ein Fragezeichen / das nach der Decke sticht.

    Gebrochene Syntax:
    Sie zersplittert Sätze, um den Gedankenabbruch durch Alltagsunterbrechungen zu spiegeln:

    Schreib ich – (Milch kocht über) – / das Wort erstickt / im Dampf.

    Ironische Selbstbefragung:
    Chamier stellt sich selbst infrage – ohne Pathos:

    Lächeln? / (Ja.) / Weinen? / (Später.) / Fliegen? / (Hu Hu.)
    (Anspielung auf ihren Buchtitel „Hu Hu – I can fly and you?“)

    Minimalistische Wut:
    Ihre Empörung schimmert durch Kargheit:

    Stille. / Nur die Feder / kratzt / gegen die Wand / aus Zeit.


    Auch wenn mein Versuch gescheitert ist; lehrreich ist er allemal.

    Chamiers Stil entzieht sich bewusst der „Glättung“. Ihre Texte wirken auf mich oft wie Notizen unter Hochdruck:

    Enjambements brechen Rhythmen („sie hat die Hände / in der Luft“),
    Alltagsvokabular wird durch unerwartete Kombinationen aufgeladen („gezinktes Licht“ = manipuliertes Licht?),
    Kindersprache („Hu Hu“) kollidiert mit existenziellen Fragen.

    Vielleicht finde ich noch ein Gedicht von ihr, das sich mit „Sorgearbeit/Care-Arbeit und Schreiben“ beschäftigt.

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