Kategorie: Angeregte Dialoge

Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.

In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.

  • Günter Abramowski – Wer ist Wir

    Günter Abramowski – Wer ist Wir

    Günter Abramowskis Gedichtband „wer ist wir – neokontemplative gedichte“ wurde im August 2024 vom Verlag Königshausen & Neumann veröffentlicht. In diesem Werk setzt sich der Autor mit der Frage nach dem „Wir“ auseinander und lädt zur Reflexion über Identität und Gemeinschaft ein. Die Gedichte thematisieren Momente der Besinnung und ermutigen dazu, im „aufmerkenden Untätig-Sein“ den eigenen Standort zu erkennen, frei von den Zwängen des Handelns und Denkens, die oft durch gesellschaftliche Erwartungen geprägt sind. Abramowski betont die Bedeutung des Miteinanders und warnt davor, im Materiellen zu vergehen, wenn wir nicht aus unserem Geist heraus eine menschenwürdige Zukunft für unsere Welt schaffen.

    Eine Rezension im Mona Lisa Blog hebt die melancholische Note des Bandes hervor, die sich in Kindheitserinnerungen zeigt. Krankenhauserlebnisse, die „vom Verstande ignoriert“ wurden, tauchen im Alter wieder auf und werden lyrisch verarbeitet. Abramowski erkundet in seinen Gedichten die „Tiefen des Lebens“ und erkennt, dass das Alter die Welt nach innen nimmt, wo sie am intimsten ist, und nach Fundstücken, Bildern und Szenen sucht, die sie widerspiegeln.

    Der Gedichtband „wer ist wir“ lädt dazu ein, innezuhalten und über die eigene Position in der Welt nachzudenken. Er fordert auf, sich von äußeren Zwängen zu lösen und die eigene Identität sowie die Beziehung zur Gemeinschaft zu reflektieren. Abramowskis Gedichte bieten dabei eine tiefgründige und kontemplative Auseinandersetzung mit dem Selbst und dem Anderen.

    Meine LektüreNotizen

    • Frauke Tomczak – Zwei Ewigkeiten in drei

      Frauke Tomczak – Zwei Ewigkeiten in drei

      Annähernd gelesen | Zwei Ewigkeiten in drei schildert, wie das lyrische Ich „in der Ecke“ steht – nicht orientierungslos, sondern gezwungenermaßen im Dreieck von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Dieser symbolische Dreiklang wird zur Falle: eine „Triangel-Ecke“, in der sich das Ich verunsichert, beschämt und fragmentiert fühlt. Es bewegt sich unsicher zwischen Zuspruch und Urteil…

    • Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen

      Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen

      Versuch schulisch zu lesen | Nathalie Schmids Gedicht „die namen der eisheiligen“ ist eine dichte lyrische Miniatur, die existenzielle Verlusterfahrung in einer poetischen Collage aus Stadt- und Naturbildern verarbeitet. In freier Form, ohne Satzzeichen oder konventionelle Struktur, oszilliert das Gedicht zwischen Bewegung und Erstarrung, zwischen Geräuschkulisse und sprachloser Introspektion. Es thematisiert das Ringen um Orientierung…

    • Nathalie Schmid – herbrig

      Nathalie Schmid – herbrig

      Interpretation zu Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ ist ein poetischer Erinnerungsraum, der sich mit Vergänglichkeit, Heimatverlust und dem Bewahren des Alltäglichen beschäftigt. In einer fragmentarisch-assoziativen Struktur – typisch für zeitgenössische Lyrik – reiht die Autorin Bilder aneinander, die zwischen Melancholie und stillem Humor oszillieren. Jede Strophe beginnt mit dem Wort „bevor“, wodurch…

    • Abzeichen

      Abzeichen

      In diesem Fall habe ich versucht, mir Ille Chamiers Gedicht „Heil“ über Erzählungen aus der eigenen Familie zu erarbeiten. Daraus ist eine Art Gedicht entstanden: ich war fünf, als mein Bruder das Abzeichen bekamgoldenes Hakenkreuz auf rotem Grunder steckte es sich ans Hemd wie ein Versprechendie Mutter sagte: sei stolz im Schulflur hing der neue…

    • Valérys Platane: Ein Baum, der mehr ist als nur Holz und Blätter

      Valérys Platane: Ein Baum, der mehr ist als nur Holz und Blätter

      Paul Valérys Gedicht „An die Platane“ ist im Grunde eine tiefe Nachdenklichkeit über das Leben, unsere Grenzen und das, wonach wir uns sehnen. Er nimmt die Platane als Beispiel, um uns etwas über uns selbst zu erzählen. Am Anfang steht die Platane da, nackt und weiß, wie ein junger Mensch. Aber sie ist nicht ganz…

    • siebenunddreißig geboren

      siebenunddreißig geboren

      Annähernd gelesen | Das Gedicht verdichtet die existenzielle Erfahrung eines Kindes, das 1937 in eine vom Krieg geprägte Welt geboren wird. Schon die nüchterne Eröffnung „siebenunddreißig geboren“ verankert die Verse historisch – eine Generation, deren Kindheit von Bombennächten und Bunkern überschattet war. Die wiederholte Betonung „ich kam auf die Welt“ unterstreicht nicht nur das Wunder des Lebens, sondern auch…

    • aber das kaputte Salzfaß

      aber das kaputte Salzfaß

      Eine Annäherung | Dieses Gedicht erzählt eine Geschichte, die von einem rätselhaften Bild lebt: dem kaputten Salzfass. Es ist zerbrochen, hält nichts mehr, und doch wird es immer wieder gefüllt. Salz selbst ist ja seit jeher ein Symbol für das Lebensnotwendige – es würzt unser Essen, konserviert, und die Redewendung vom „Salz der Erde“ spricht…

    • Ille Chamier – Lied 76

      Ille Chamier – Lied 76

      Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…

    • Frühling | Christoph Kuhn

      Frühling | Christoph Kuhn

      Das Gedicht von Christoph Kuhn spielt mit ungewöhnlichen Perspektiven auf den Frühling und nutzt dabei Sprachbilder, die Bewegung und Veränderung betonen. Meine Annäherung an den Text: „die bäume ausgebrochen über nacht“– Das Bild des „Ausbruchs“ suggeriert eine plötzliche, fast revolutionäre Veränderung. Der Frühling kommt nicht allmählich, sondern scheint explosionsartig zu geschehen. Es erinnert an das…

    • Øyvind Berg – Schwärze, was ist das?

      Øyvind Berg – Schwärze, was ist das?

      Øyvind Bergs Gedicht „Schwärze, was ist das? / Licht in einem ungeöffneten Buch. / Gebärmutterlicht.“ verdichtet in drei Zeilen eine tiefgründige Reflexion über das Verborgene, das Potenzial und den Ursprung von Existenz. Hier meine Annäherung an diesen Text: Schwärze als paradoxer Träger von Licht:Die Frage „Schwärze, was ist das?“ setzt ein, indem sie das scheinbar…

    • Tagtexte – Ille Chamier

      Tagtexte – Ille Chamier

      LektüreNotizen | Knappe biografische Angaben zur Autorin, ansonsten: kein Klappentext, kein Marketingsprech, kein Inhaltsverzeichnis. Lesende sind mit sich und den Texten allein. Das ist gut. Die Tagtexte sind in Lyrikform ; wobei ich nicht weiß, ob der Einzeiler am Anfang bereits ein Gedicht ist. Jedenfalls ist er der Einstieg in eine (zu erzählende) Geschichte. „das…

    • Adolf Endlers Gedicht „Dies Sirren“

      Adolf Endlers Gedicht „Dies Sirren“

      Adolf Endlers Gedicht „Dies Sirren“ aus dem Jahr 1971 wirkt auf den ersten Blick wie ein surrealistisches Rätsel. Doch hinter der grotesken Szenerie dieser nur vier Zeilen verbirgt sich eine vielschichtige Auseinandersetzung mit historischen Traumata und politischer Ohnmacht. Basierend auf biografischen und literaturkritischen Quellen, bietet es Einblicke in ein rätselhaftes Meisterwerk, das zu den Schlüsseltexten…

    • Gegenentwürfe zur Ratlosigkeit: Wiederaufbruch

      Gegenentwürfe zur Ratlosigkeit: Wiederaufbruch

      Meine Entwürfe beziehen sich auf das Gedicht RATLOS von Jürgen Völkert-Marten. Im Dunkel der Nacht, dieses bodenlose Schwarz, wo Fragen wie Schatten wuchsen, ungreifbar, und die Stille selbst nach einer Antwort schrie, einer wirklichen, da begann es, dieses zaghafte Flimmern. Nicht laut, kein Donner, der zerbricht, nicht grell, kein Blitz, der blendet, sondern wie ein…

    • Ille Chamier & Karen Roßki

      Ille Chamier & Karen Roßki

      DAS ZÜNDBLÄTTCHEN – Heft 21 LektüreNotizen | Das Heft beinhaltet acht Gedichte der in Düsseldorf lebenden Autorin Ille Chamier und vier Bleistiftzeichnungen der Dresdner Künstlerin Karen Roßki. Stammabschnitte von Bäumen, die, obwohl blattlos, für mich die Energie der vier Jahreszeiten vermitteln. Details von Ästen, , markante Jungbäume, Totholz(?). Die Zeichnungen erinnern teils an Fabelwesen, so…

    • Das tierische Gebet

      Das tierische Gebet

      Ich preise Dich Herr, / Darum hüpfe ich | Drutmar Cremer Tiere beten in Dur heiter beschwingt schlitzohrig – so lautet der Untertitel dieses Buches. Und ja, ungewöhnliche Gebete sind das, die der Benedektiner Drutmar Cremer da verfasst hat. Charakteristisch für das lyrische Werk des Dichters, Verlegers & Theologen Drutmar Cremer ist sein sparsames Vokabular,…

    • Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

      Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

      Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…

    • Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

      Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

      Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…

    • Kurt Schumacher – Fallender

      Kurt Schumacher – Fallender

      Der Bildhauer Kurt Schumacher (1905-1942) schuf eine männliche Figur im Moment des Falls. (Im Stil des Expressionismus?) aufgerichtet und die Arme emporreißend, zeigt die Skulptur eine tiefe Wunde in Herzhöhe. Aus ihr strömt Blut, das sich wie ein stilisiertes Gewand um die Hüften legt, die Scham des nackten Körpers bedeckt und an den Beinen hinunterfließt.…

    • Deutsche Lyrik aus zwölf Jahrhunderten

      Deutsche Lyrik aus zwölf Jahrhunderten

      LektüreNotizen | Aus der Nachbemerkung des Herausgebers Walter Urbanek: Diese Sammlung soll der Freude am Gedicht dienen. Bei der Auswahl waren daher künstlerische, nicht textkritische Gesichtspunkte maßgeblich. Einige ältere Gedichte werden hier gekürzt wiedergegeben in der Absicht, zeitgebundene Schwächen wie Längen oder Wiederholungen zu beseitigen und so das Kunstwerk dem heutigen Leser näherzubringen.Sehr geehrter Herr…

    • Stephen Crane – In the desert

      Stephen Crane – In the desert

      Über ein Gedicht, über Ausgrenzung. Dieser 1895 erstmalig veröffentlichte Text hat dazu geführt, dass mir von Gott berufenen Menschen (nach eigenen Aussagen) die Freundschaft gekündigt haben und seitdem jeden Kontakt ablehnen. Ihr Kommentar: Wer so etwas veröffentlicht, der ist vom Teufel geleitet. In the desertI saw a creature, naked, bestial, Who, squatting upon the ground, Held his…

    • Was es bedeuten soll. Neue hebräische Gedichte in Deutschland

      Was es bedeuten soll. Neue hebräische Gedichte in Deutschland

      Die Anthologie Was es bedeuten soll. Neue hebräische Dichtung in Deutschland erschien 2019 im Verlag Parasitenpresse und rückt eine bislang wenig beachtete literarische Stimme in den Fokus: In Deutschland lebende israelische und deutsche Dichterinnen und Dichter, die auf Hebräisch schreiben. Herausgegeben und übersetzt wurde die zweisprachige Sammlung von Gundula Schiffer und Adrian Kasnitz, die mit…

    • Loulou Omer – EINS UND NOCH EINS

      Loulou Omer – EINS UND NOCH EINS

      Loulou Omers Gedicht „EINS UND NOCH EINS“ aus dem Band Was es bedeuten soll. Neue hebräische Gedichte in Deutschland (parasitenpresse 2019, S.100) verbindet introspektive Reflexion mit metaphorischer Sprache, um zentrale Themen wie Identität, menschliche Verbindungen und die Suche nach Authentizität zu erkunden. Formal bricht das Gedicht mit Konventionen: Auf den mathematisch-nüchternen Titel, der Wiederholung oder…

    • Renatus Deckert – Plötzensee

      Renatus Deckert – Plötzensee

      Das Gedicht beschreibt den Besuch eines Ortes, der als Hinrichtungsstätte diente. Der Raum wird sachlich geschildert: Unter der Decke sind Haken und ein schwarzer Balken sichtbar. Die kahlen, grauen Wände umschließen eine leere Stille, in die man vorsichtig hineintritt. Diese Stille wird als drückend beschrieben – wie Steine auf der Zunge oder ein einhüllender Rauch.…

    • Im Silberdistelwald

      Im Silberdistelwald

      Als hätten sich György Kurtág, Johann Sebastian Bach und Oskar Loerke am Hubertussee getroffen. Der SilberdistelwaldMein Haus, es steht nun mittenIm Silberdistelwald.Pan ist vorbeigeschritten.Was stritt, hat ausgestrittenIn seiner Nachtgestalt. Die bleichen Disteln starrenIm Schwarz, ein wilder Putz.Verborgne Wurzeln knarren:Wenn wir Pans Schlaf verscharren,Nimmt niemand ihn in Schutz. Vielleicht, dass eine BlüteZu tiefer KommunionIhm nachfiel und…

    • wir ich & du & du

      wir ich & du & du

      Das Gedicht aus Günter Abramowskis Band Wer ist wir lotet das Spannungsfeld zwischen kollektiver Identität und individueller Selbstbestimmung aus. Zentrale Motive und Strukturen möchte ich wie folgt deuten: Wir vs. Ich & DuDie Wiederholung von „wir ich & du & du“ am Anfang und Ende verweist auf ein dialektisches Verhältnis: Das Kollektiv („wir“) besteht aus…

    • wer ist wir | Eine Annäherung

      wer ist wir | Eine Annäherung

      Das titelgebende Gedicht „wer ist wir“ von Günter Abramowski erforscht die Dynamik zwischenmenschlicher Beziehungen, Identität und existenzieller Unsicherheit durch fragmentarische Sprache und metaphorische Verdichtung. Hier eine strukturelle und thematische Analyse: Form und Struktur Thematische Schichten Sprachliche Besonderheiten Symbolik Zusammenfassung Das Gedicht inszeniert eine existenzielle Krise zwischenmenschlicher Bindung: Die Suche nach Nähe führt zu Verletzung und…

    • Im Dialog zum Wir

      Im Dialog zum Wir

      Drei Varianten – mit surrealem Schlag. Jede nutzt die Titel auf andere Weise, um das „Wer ist wir?“ zu erkunden. Ich habe die Dialogform gewählt, das es um das Wir geht. Die kursiven Passagen sind immer Originaltitel aus dem Inhaltsverzeichnis: 1. Variante: „Die Gleichschaltungsbeauftragte“ – Ein dystopisches Triptychon Ort: „In der Halle des Volkes“ –…

    • Eduard Assadow || Ich werde dich lieben, darf ich?

      Eduard Assadow || Ich werde dich lieben, darf ich?

      Ich werde in deinen Augen ertrinken, darf ich? Denn in deinen Augen zu ertrinken, ist Glück.Ich komme zu dir und sage: „Guten Tag!Ich liebe dich sehr.“ Ist das schwer?Nein, das ist nicht schwer, sondern mühsam.Es ist sehr mühsam, zu lieben. Glaubst du mir das? Ich gehe auf eine steile Klippe,ich werde fallen, fang mich! Schaffst…

    • Über die Frage: Wer ist „Wir“?

      Über die Frage: Wer ist „Wir“?

      Angeregt durch Günter Abramowskis Gedichtband „wer ist wir„. Ausgangspunkt sind Titel der enzhaltenen Gedichte. Die Reihenfolge der Titel lädt zu einer Reise ein, die sich wie ein intellektueller und emotionaler Pfad lesen lässt. Die Frage „wer ist wir“ bildet dabei den Ausgangspunkt einer tiefen Reflexion über Identität, Gemeinschaft und das Selbst. In einer Welt, in…

    • was wir einander

      was wir einander

      LektüreNotizen: Günter Abramowski | wer ist wir Dieser Band besteht aus achzig – wenn ich richtig gezählt habe – Gedichten. Der Autor empfiehlt im Inhaltsverzeichnis, die Gedichte in der Reihenfolge zu lesen, wie gedruckt. Beim Lesen der Titel fiel mir eine Zusammengehörigkeit auf und ich habe versucht daraus einen eigenständigen Text abzuleiten. Die Titel lesen…

    • Günter Abramowski – Wer ist Wir

      Günter Abramowski – Wer ist Wir

      Günter Abramowskis Gedichtband „wer ist wir – neokontemplative gedichte“ wurde im August 2024 vom Verlag Königshausen & Neumann veröffentlicht. In diesem Werk setzt sich der Autor mit der Frage nach dem „Wir“ auseinander und lädt zur Reflexion über Identität und Gemeinschaft ein. Die Gedichte thematisieren Momente der Besinnung und ermutigen dazu, im „aufmerkenden Untätig-Sein“ den…

    • Jürgen Völkert-Marten – Wege – Lyrik

      Jürgen Völkert-Marten – Wege – Lyrik

      „Wege“ führt uns durch einen merkwürdigen Wechsel der Perspektiven: Erst sind wir mittendrin im Matsch und Regen, dann schauen wir von oben auf eine Landkarte. Diese Bewegung von der körperlichen Erfahrung zur abstrakten Betrachtung durchzieht das ganze Gedicht wie ein roter Faden. Unterwegs im Regen Die erste Strophe lässt uns förmlich die nassen Füße spüren.…

  • Angeregte Dialoge

    Angeregte Dialoge

    Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.

    In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.

    Günter Abramowski – Lyriker

    Günter Abramowski

    wer ist wir (2024)

    zu sein / das haus / auf dem weg (2022)

    Der Autor

  • Kathrin Niemela

    Kathrin Niemela

    „kriegen kinder von / fremden Gedichten“ – dieser Satz aus einem Gedichtzyklus ‚die süße unterm marmeladenschimmel‘ in wenn ich asche bin,lerne ich kanji hat sich mir eingebrannt. Er wurde zum Ausgangspunkt meiner Beschäftigung mit ihren Texten. Kathrin Niemela wurde 1973 in Regensburg geboren. Nach Studien in Romanistik, Politologie und Jura absolvierte sie ein betriebswirtschaftliches Studium in Regensburg mit einem Auslandssemester in Paris. Beruflich arbeitet sie in der Medizintechnik, unter anderem im Bereich Hautkrebserkennung. Neben mehreren europäischen Sprachen lernte sie während ihrer Reisen auch Japanisch.

    Ihre literarische Ausbildung vertiefte Niemela an der Leondinger Literaturakademie. Seit 2019 erscheinen ihre Gedichte in Literaturzeitschriften wie Wortschau, Lichtungen, Ostragehege, Versnetze und im Jahrbuch der Lyrik. 2019 stand sie auf der Shortlist für den Gertrud-Kolmar-Preis, 2020 im Finale des Irseer Pegasus. 2021 erhielt sie den Jurypreis des 23. Irseer Pegasus für ihren Gedichtzyklus die süße unterm marmeladenschimmel.

    Im selben Jahr erschien ihr Debütband wenn ich asche bin, lerne ich kanji bei der parasitenpresse. Die Gedichte sind in fünf Kapitel gegliedert und bewegen sich zwischen verschiedenen Orten – Tokio, Paris, Buenos Aires, Santiago de Chile, Riga. Der Titel stammt aus dem Gedicht bad in shibuya, in dem urbane, vor Werbung für Weltmarken überbordende Welten mit Menschenmassen und Anonymität zusammenprallen.

    Niemela arbeitet mit Wortschöpfungen wie „überherbsten“ (ein heute völlig ungebräuchliches Wort), Verdrehungen wie „ein leben hat hier sieben katzen“ und Zusammenziehungen wie „kälte greift, nadelt durch haut und jacken“. Ihre Texte kreisen um Reisen, Fremdheit, familiäre Bindungen und Vergänglichkeit.

    Im mit dem Irseer Pegasus ausgezeichneten Zyklus die süße unterm marmeladenschimmel erzählt sie vom Beginn und Scheitern einer Liebe. Zeit ist ein wichtiges Element: „da haben wir den / moment aus dem eis geholt“ heißt es am Anfang, bald schon: „als es vorbei war, / die nächte wiederkamen“. Die „familie“ wird zur „verwaltungseinheit“, schließlich wird Geschirr und Hund verteilt. Das Ende des Zyklus verbindet Naturbeobachtung mit Wortspiel: „gewiss fliegen die vögel / auch in diesem jahr nach süden – / ich überherbste in krumen“.

    Ein weiterer Zyklus, kuckuckswunden, widmet sich ihren Wurzeln in einer aus Ostpreußen stammenden Familie: „die fehlenden wurzeln laufen hier zusammen“. Sie schreibt über die Terroranschläge in Paris, über Digitalisierung und Herkunft. Antje Weber schrieb in der Süddeutschen Zeitung: „Global denken und dichten – Kathrin Niemela lebt in Passau, Regensburg – und der ganzen Welt.“ Die Lyrikerin Ulrike Almut Sandig bezeichnete sie als „Kosmopoetin“.

    „..kriegen kinder von / fremden Gedichten..“ | In dieser Zeile verdichtet sich, was Lesen im Kern für mich ausmacht: eine Begegnung, die produktiv wird. Wir empfangen Texte, lassen uns von ihnen berühren, überwältigen – und bringen zugleich etwas Eigenes hervor. Aus der Lektüre entsteht Neues, das sich vom Original löst, eigenständig wird, in die Welt geht. Das „Fremde“ der Gedichte bleibt dabei bewahrt: Sie gehören uns nie ganz, und gerade deshalb können sie in uns weiterwirken, sich fortpflanzen, Spuren hinterlassen. Lesen als Zeugungsakt – passiv und aktiv zugleich, empfangend und schöpferisch.

    Aus den Gedichten

    In die süße unterm marmeladenschimmel verbindet Niemela Alltägliches mit existenziellen Fragen. Die Beziehung wird zum bürokratischen Vorgang, während die Sprache zwischen Banalität und Reflexion pendelt:

    „(wir) … erwarteten kastanien und
    dass was zusammenkam, das konsequenzen hat
    etwas klares mit nichtblauäugigkeit und häutigkeiten,
    abrufbar im wohnzimmerglanz, monumental,
    so schienen wir, jeder mit sich selbst bewaffnet“

    Im Ostpreußen-Zyklus kuckuckswunden setzt sie sich mit Kant auseinander. Der kategorische Imperativ wird zur persönlichen Standortbestimmung, philosophische Begriffe treffen auf konkrete Orte:

    „selbstverschuldet ist diese unmündigkeit, am zentralplatz
    macht sich das luftschloss breit, immerzu ahnen und die
    einsicht, dass die wurzel von allem nicht im mangel des
    verstandes, sondern der entschließung und des mutes liegt“

    Ich hoffe, der Name der Autorin ist so richtig zu Kanji übersetzt.

    Aus der Lektüre entstandene Beiträge

  • Jane Wels

    Jane Wels

    Keiner meiner Tage läuft ab. […] lasse ich Strukturen einfach ineinander verlaufen. Schaue ihnen zu, wie einem Aquarell, welches seinen Goldenen Schnitt selbst formt. Jane Wels beschreibt ihr Leben nach dem Ende ihrer therapeutischen Praxis als bewusste Entscheidung für das Fließende, das Unstrukturierte. 1955 in Mannheim geboren, lebt und schreibt die Lyrikerin heute im Nordschwarzwald und gewährt in einem aktuellen Interview Einblick in ihren Weg zur späten literarischen Berufung.

    Jane Wels‘ Biografie liest sich wie eine Erkundungsreise durch verschiedene Schaffensbereiche. Nach einer Ausbildung zur Grafischen Zeichnerin und Werbefachfrau arbeitete sie als Art-Buyerin, FFF-Producerin und Studio-Managerin in Werbeagenturen, Ton- und Fotostudios. Später gründete sie die erste Casting-Agentur in NRW.

    Eine grundlegende Wendung brachte ihr Magister-Studium der Erwachsenenpädagogik, Entwicklungspsychologie und Medienwissenschaften sowie die Ausbildung zur Sozialtherapeutin und Sexualpädagogin. Sie leitete eine Konfliktberatungsstelle für Schwangere und ihre Familien und arbeitete zuletzt in freier Praxis als Heilpraktikerin für Psychotherapie mit Schwerpunkt Sexualberatung. Ihr ehrenamtliches Engagement bei der Telefonseelsorge und in der Sterbebegleitung prägte diese Zeit.

    Das literarische Spätdebüt

    Bereits 1989 begann Jane Wels damit, experimentelle Texte zu schreiben, die jedoch nur einem engen Kreis von Künstlerfreund:Innen zugänglich blieben. Während ihrer Berufsjahre schrieb sie überwiegend Fachtexte. Erst 2024 erschien daher ihr Debütband „Schwankende Lupinen“ in der eof, edition offenes feld, herausgegeben von Jürgen Brôcan. Ein zweiter Band erscheint 2025 ebendort.

    Die Schutzumschläge beider Bände gestaltete die Malerin, Dichterin und Herausgeberin Johanna Hansen als eigenständige Kunstwerke. Dieses Zusammenwirken der Künste bezeichnet Wels als „Glücksfall“.

    Leben in offenen Strukturen

    Seit ihrem Ausstieg aus der Praxis hat sich Wels‘ Tagesablauf grundlegend gewandelt: „Keiner meiner Tage läuft ab. […] lasse ich Strukturen einfach ineinander verlaufen. Schaue ihnen zu, wie einem Aquarell, welches seinen Goldenen Schnitt selbst formt.“

    Ihre lyrische Arbeit besteht aus „vielen Farben und Schattierungen, aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, aus Eigenem und noch mehr Fremden.“ Im Zentrum steht die „dichterische Annäherung an das Unbekannte“, ein Vorgang, der „den ganzen Mut“ braucht. Zu ihrer Arbeit zählt sie Lesen, Denken, Kritzeln, Träumen und künstlerischen Austausch gleichermaßen.

    Gesellschaftskritik und literarische Mission

    Mit knapp siebzig Jahren zeigt Wels eine veränderte Perspektive: „Früher wäre ich sicher vollmundiger gewesen.“ Dennoch formuliert sie klare Positionen. Sie wünscht sich „mehr Solidarität statt Konkurrenz und verstärkten Einsatz gegen den Ausschluss marginalisierter Gruppen“ – wozu sie ausdrücklich „gealterte Autor:Innen“ zählt.

    Als „gealterte“ Autorin ohne literaturwissenschaftlichen Hintergrund musste sie „eine Menge Ressentiments überwinden.“ Die Zusammenarbeit mit Herausgeber Jürgen Brôcan, der sich „rein am Text orientiert,“ war dafür entscheidend.

    Die Aufgabe der Kunst sieht sie darin, „Oberflächenbetrachtungen aufzurauen, um Bewegung zu ermöglichen, die weiterführt.“ Ihr kraftvoller Appell lautet: „Packt euer Stück Leben am Schopf! Es gehört euch.“

    Aktuelle Projekte und Inspirationen

    Wels arbeitet an einem „fragmentarischen Text, der sich keiner literarischen Form fügen mag. Er ist ein bisschen, wie ich.“

    Ihre aktuelle Lektüre ist Johann Königs „Der Blinde Galerist“, aus dem sie zitiert: „Die Bilder, die im Kopf entstehen, sind genauso wichtig, wie die Bilder an der Wand.“ Das Buch motivierte sie vor ihrem Debüt zum Schreiben.

    Ein Beispiel für ihren lyrischen Stil (aus besagtem Interview):

    „Dieser Morgen fühlt, / fühlt sich an, / wie ein Kind. / Die Welt fliegt, / fliegt hoch, / streut sich aus, / wie ein Vogelschwarm im Bauch.“


    Bisher hat Jane Wels folgende Lyrikbände veröffentlicht:

    Jane Wels:
    Schwankende Lupinen
    Hardcover mit SU, 80 S., 19,00 €
    ISBN 9783759721150
    edition offenes feld, Dortmund 2024

    Jane Wels:
    Das Es reiten
    Mit einem Grußwort von José F.A. Oliver
    Hardcover mit SU, 92 S., 19,00 €
    ISBN 9783842384149
    edition offenes feld, Dortmund 2025

    Jane Wels ist Mitglied im Netzwerk Lyrik, in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. (GZL) und im Verband deutscher Schriftstellerinnen Baden-Württemberg.
    Biografische und bibliografische Angaben zu Jane Wels auch im Literaturport

    • Jane Wels – Lilith

      Jane Wels – Lilith

      Ein Gedicht von Jane Wels – auf Instagram von ihr geteilt – fragt nach einem Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist. Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine, die Widerstand leistet gegen schnelle Antworten. Eine Annäherung. Die naheliegende Versuchung wäre, das Gedicht inhaltlich aufzulösen – aber bei Jane Wels funktioniert der…

    • Jane Wels – Bitte versuchen sie, …

      Jane Wels – Bitte versuchen sie, …

      Annähernd gelesen | Zwischen Sprache, Ordnung und AuflösungJane Wels‘ Gedicht „Bitte versuchen Sie,“ ist ein Text über die Unmöglichkeit, gefasst zu werden – und zugleich ein Text, der sich selbst beim Versuch des Fassens beobachtet. Es spielt mit der Spannung zwischen Sprache und Identität, zwischen Ordnung und Auflösung, und ist dabei zugleich selbstreflexiv, ironisch und…

    • Jane Wels – Und doch

      Jane Wels – Und doch

      Meine Annäherung an ein Gedicht, welches ich im Signaturen-Magazin entdeckt habe: Jane Wels schreibt über die verborgene Magie der Realität, eine Feier der unerwarteten Wunder im scheinbar Gewöhnlichen und Wissenschaftlichen. Die zentrale Idee: „Auf Wunder angewiesen“Der letzte Vers ist der Schlüssel: „bin ich auf Wunder angewiesen.“ Aber das Gedicht definiert „Wunder“ nicht im religiösen oder…

    • Über die Kunst des dialogischen Lesens mit Jane Wels‘ „Sandrine“

      Über die Kunst des dialogischen Lesens mit Jane Wels‘ „Sandrine“

      Eine Ergänzung zur literarischen Analyse – von der Theorie zur Praxis des aktiven Lesens Was geschieht, wenn wir einen Text wie „Sandrine“ nicht nur lesen, sondern ihm antworten? Wenn wir die fragmentarischen Erinnerungen nicht als abgeschlossenes Kunstwerk betrachten, sondern als Einladung zu einem Dialog verstehen? Diese Frage entstand aus einem intensiven Gespräch über Jane Wels‘…

    • Jane Wels‘ Sandrine

      Jane Wels‘ Sandrine

      Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…

    • Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Sandrine, dein Atem ist Gänsedaunen. Meiner stockt beim Lesen, wird zu Stein in der Brust. Während du die kommenden Verheerungen spürst, taste ich mich an bereits vergangene heran. Deine Zeit friert in stehenden Gewässern – meine fließt linear fort, Datum für Datum, wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Vielleicht ist das der Unterschied. Du schreibst…

    • Jane Wels

      Jane Wels

      Keiner meiner Tage läuft ab. […] lasse ich Strukturen einfach ineinander verlaufen. Schaue ihnen zu, wie einem Aquarell, welches seinen Goldenen Schnitt selbst formt. Jane Wels beschreibt ihr Leben nach dem Ende ihrer therapeutischen Praxis als bewusste Entscheidung für das Fließende, das Unstrukturierte. 1955 in Mannheim geboren, lebt und schreibt die Lyrikerin heute im Nordschwarzwald…

  • Widerstand gegen Femizide: Von historischen Gegenstimmen zu aktuellen Bewegungen

    Widerstand gegen Femizide: Von historischen Gegenstimmen zu aktuellen Bewegungen

    Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Ausgangspunkt ist das Gedicht BECKENENDLAGE von Kathrin Niemela.

    Drekkingarhylur, Island

    Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt, in Säcke gesteckt und mit Stöcken unter Wasser gedrückt.

    Mangelnde Erinnerungskultur: Am Drekkingarhylur gibt es heute noch nicht einmal eine Gedenktafel für die Opfer.

    Agnes Bernauer, Bayern

    Am 12. Oktober 1435 wurde Agnes Bernauer auf Befehl von Herzog Ernst von Bayern von der Straubinger Brücke in die Donau gestürzt. Sie war die Geliebte und möglicherweise heimliche Ehefrau von Albrecht III. und wurde der Hexerei beschuldigt, um die politisch unbequeme Verbindung zu beenden.

    Historischer Widerstand

    Frühe Kritiker der Hexenverfolgung (Zwei Beispiele.)

    Friedrich Spee von Langenfeld (1591-1635)

    • Jesuit aus Westfalen, Verfasser der „Cautio Criminalis“ (1631)
    • Als Beichtvater von verurteilten „Hexen“ erlebte er deren Unschuld direkt
    • Seine Schrift war eine der ersten systematischen Kritiken an Folter und Hexenprozessen

    Anton Praetorius (1560-1613)

    • Reformierter Pfarrer, kritisierte in „Von Zauberey und Zauberern“ (1602) die Folter
    • Setzte sich öffentlich gegen die Hexenverfolgung ein

    Aktuelle Widerstandsbewegungen

    Ni Una Menos – Internationale Dimension

    Die Bewegung entstand im Juni 2015 in Argentinien und verbreitete sich über soziale Netzwerke in ganz Lateinamerika und Teilen Europas. Seit dem ersten Protest 2015 haben sich über 200 feministische Organisationen zusammengeschlossen und große Erfolge erzielt.

    Entstehung: Der auslösende Tweet stammt von Marcela Ojeda am 11. Mai 2015 nach dem Femizid an Chiara Páez.

    Deutschland: Aktuelle feministische Bewegungen gegen Femizide

    Dokumentierte Initiativen:

    • Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff): Führt Statistiken zu Femiziden und koordiniert Präventionsarbeit
    • Frauen gegen Gewalt e.V.: Netzwerk mit über 160 Mitgliedsorganisationen
    • Jeden dritten Tag: Initiative, die jeden Femizid in Deutschland dokumentiert und auf Social Media sichtbar macht

    Social Media Aktivismus:

    • #KeineMehr: Deutsche Variante von #NiUnaMenos
    • #JedenDrittenTag: Hashtag, der die Statistik „alle drei Tage wird eine Frau von ihrem (Ex-)Partner getötet“ sichtbar macht
    • Instagram-Accounts wie @frauen_gegen_gewalt, @terre_des_femmes_menschenrechte dokumentieren aktuelle Fälle und Proteste

    Internationale Vernetzung

    Lateinamerika umfasst 5 der 12 Länder mit den höchsten Femizid-Raten weltweit, weshalb die Bewegung dort besonders stark ist, aber internationale Solidarität aufbaut.

    Widerstand gegen das Schweigen

    Historisch: Das Brechen des Schweigens

    • Chronisten wie Andreas von Regensburg dokumentierten kritisch die Hinrichtung der Agnes Bernauer
    • Literatur als Widerstand: Friedrich Hebbels Drama „Agnes Bernauer“ (1852) hinterfragte die Gewalt kritisch

    Aktuell: Digitaler Feminismus

    Strategien gegen das „Mund halten“:

    • Naming and Shaming: Öffentliche Benennung von Tätern und Strukturen
    • Storytelling: Opfer bekommen Namen und Geschichten statt nur Statistiken zu bleiben
    • Intersektionale Ansätze: Verbindung von Rassismus, Klassismus und Sexismus in der Gewaltanalyse

    Besondere deutsche Kontexte

    Seenotrettung als feministischer Akt

    Die erwähnte Seebrücke-Bewegung hat auch explizit feministische Dimensionen:

    • Frauen und Kinder sind überproportional von Flucht betroffen
    • Schwangere Frauen ertrinken im Mittelmeer – direkter Bezug zum Gedicht
    • Mission Lifeline (Dresden) und andere deutsche NGOs setzen sich gezielt für diese Gruppe ein

    Gedenkkulturen

    Positive Entwicklungen:

    • Gedenkstätten für Hexenverfolgung entstehen (z.B. in Würzburg, Bamberg)
    • Straßenumbenennungen nach weiblichen Opfern historischer Gewalt
    • Stolpersteine auch für Frauen, die Opfer geschlechtsspezifischer Verfolgung wurden

    Problematische Romantisierung:

    • Agnes-Bernauer-Festspiele in Straubing: Verklärung als „Liebestragödie“ statt Kritik an Femizid
    • Ähnlich der im Gedicht erwähnten „Buttercreme und Baiser“-Metapher

    Ein vorläufiges Fazit

    Das Gedicht verbindet drei Zeitebenen von Widerstand:

    1. Vereinzelte historische Stimmen gegen Hexenwahn und Gewalt an Frauen
    2. Ziviler Widerstand heute gegen das Ertrinkenlassen im Mittelmeer
    3. Feministische Bewegungen, die das Schweigen über Femizide brechen

    Die Kunst liegt darin, diese Verbindungen sichtbar zu machen, ohne die Gewalt zu romantisieren – genau das, was auch die zeitgenössische feministische Bewegung versucht. – Wie kann es jetzt weitergehen?

    • Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es…

    • Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung: Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich…

    • Nathalie Schmid: der geschmack von kartoffeln

      Nathalie Schmid: der geschmack von kartoffeln

      Nathalie Schmids Gedicht „der geschmack von kartoffeln“ porträtiert „einen schlag von frauen“ durch eine Collage körperlicher und alltäglicher Details, die auf den ersten Blick schlicht dokumentarisch wirken. Doch zwischen den Zeilen entfaltet sie eine Dichte, die mich bekümmert: ein Leben, das nur noch rückblickend Bedeutung hat. Verschlossene Innenwelten Die Frauen des Gedichts zeigen sich in…

    • Ein Zimmer für sich allein

      Ein Zimmer für sich allein

      Eine Begegnung mit Virginia Woolf über Umwege – Ausgangspunkt: Eine Lithographie von Wolfgang Mattheuer Manchmal führen merkwürdige Wege zu einem Text. In meinem Fall begann es mit einer Lithographie des DDR-Künstlers Wolfgang Mattheuer in dem Band „Äußerungen“. Zu finden ist der Druck vor dem ersten Texteintrag, trägt den Titel „Abendliches Studium“ und stammt aus dem…

    • Exkurs: Weiterarbeiten mit „pont des art“

      Exkurs: Weiterarbeiten mit „pont des art“

      Fünf Ansätze für aktives Lesen | Nach der Lektüre von Niemelas „pont des arts“ stellte sich mir die Frage: Gibt es einen sinnvollen Ansatzpunkt, mit dem man nach dem Lesen weiterarbeiten kann? Im Sinne des aktiven Lesens – nicht nur verstehen, sondern nachvollziehen, selbst ausprobieren? Hier sind fünf Möglichkeiten, die sich für mich aus dem…

    • Wenn Sprache Bilder erzeugt, ohne Bilder zu sein

      Wenn Sprache Bilder erzeugt, ohne Bilder zu sein

      Über Kathrin Niemelas „pont des arts“ | Kathrin Niemelas Gedicht „pont des arts“ erschien in der Literaturzeitschrift Wortschau in einer Paris-Ausgabe. Es ist ein Text, der sich beim ersten Lesen entzieht – nicht weil er hermetisch wäre, sondern weil er so verdichtet ist, dass man ihn kaum greifen kann. Die Sprache ist präzise, die Klänge…

    • Den Mund über Wasser halten

      Den Mund über Wasser halten

      Ein Essay über männliche Verantwortung im Angesicht von Femiziden I. Das Gedicht als Warnsignal Kathrin Niemelas Gedicht „Beckenendlage“ beginnt mit einem medizinischen Begriff – einer riskanten Geburtslage – und endet im Ertränkungsbecken. Es verbindet die Hinrichtung verurteilter „Hexen“ im isländischen Drekkingarhylur mit Agnes Bernauer in der Donau und mit den ertrinkenden Frauen im Mittelmeer. Der…

    • Rachel Cusks „Outline“ – Die Kunst des Verschwindens

      Rachel Cusks „Outline“ – Die Kunst des Verschwindens

      Rachel Cusks „Outline“ (2014, dt. „Outline – Von der Freiheit, ich zu sagen“) markiert einen radikalen Neuanfang in ihrem Werk. Nach zwei autobiografischen Büchern über Scheidung und Mutterschaft, die ihr heftige Kritik einbrachten, entwickelt die britische Autorin (*1967) eine völlig neue Erzählform: Sie lässt ihre Ich-Erzählerin beinahe verschwinden. Eine Erzählerin ohne Geschichte Eine namenlose Schriftstellerin…

    • Gioconda Bellis Maurenlegende. Moderne Version

      Gioconda Bellis Maurenlegende. Moderne Version

      Ich sehe von fern das Land, das ich verließ. Ich beweine als Frau, was ich als Mann nicht zu verteidigen wusste. Die historische Vorlage: Der Seufzer des Mauren Dieses kurze, aber kraftvolle Gedicht von Gioconda Belli nimmt Bezug auf eine der bekanntesten Erzählungen der spanischen Geschichte: die Legende vom „Seufzer des Mauren“ (el suspiro del…

    • Himbeeren – Valerie Zichy

      Himbeeren – Valerie Zichy

      HIMBEEREN das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über-all die…

    • Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

      Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

      Manchmal landet man durch Zufall bei einem Lied, das einen nicht mehr loslässt. Bei mir war es eine Recherche zu Grit Lemkes Kinder von Hoy, die mich über den Singeklub Hoyerswerda zu Gundi und schließlich zu ihrer Tochter Linda Gundermann führte. Ihr Lied „Bindungsstil“ ist mir dabei begegnet – und ich höre es seitdem immer…

    • Jane Wels‘ Sandrine

      Jane Wels‘ Sandrine

      Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…

  • Marina Büttner

    Marina Büttner

    „So bin ich die Unruhe der Zurückgebliebenen.“ – Dieser Satz steht am Ende eines Gedichts aus der WORTSCHAU #44, und er zeigt, wie Marina Büttner schreibt: ohne Umschweife, mit einer Direktheit, die sich erst Tage später ganz entfaltet. Ihre Texte sind keine sanften Landschaftsbeschreibungen – sie sind Selbstgespräche, die an die Oberfläche drängen, handgeschrieben, getuscht, fragmentarisch.

    Geboren 1967, lebt Büttner in Berlin. Über ein Viertel Jahrhundert arbeitete sie als Buchhändlerin in Ost- und West-Berliner Buchhandlungen – eine Biografie, die zwei literarische Welten umfasst, die Wende, verschiedene Buchkulturen. Seit einigen Jahren hat sie die Seiten gewechselt: von der Verkäuferin zur Produzentin. Sie schreibt Lyrik, malt, tuscht, bloggt auf literaturleuchtet über Literatur und zeigt ihre bildnerischen Arbeiten auf myartofblue.

    Handschrift als Form

    Büttners Serie „Notizen, Selbstgespräche“ verbindet handschriftliche Gedanken mit Tuschearbeiten. Das ist kein Zufall: Die Handschrift wird hier zum Gestaltungselement, die Tusche zur Erweiterung des Geschriebenen. 2025 erschien ihr zweites schmales Bändchen „Notizen, Nachtnotate“ im Selbstverlag – bewusst unabhängig gedruckt, um maximale Freiheit der Gestaltung zu haben. Es sind Texte, die nachts entstanden, aus der Handschrift abgetippt, kombiniert mit aktuelleren Tuschearbeiten.

    Was in dieser Arbeitsweise aufscheint, ist eine Form der Unmittelbarkeit. Büttners Texte wirken nicht durchkomponiert im klassischen Sinn – sie wirken festgehalten, bevor sie sich auflösen. Themen wie Vergänglichkeit, Tod und die schöpferische Kraft ziehen sich als wiederkehrende Motive durch ihr Werk.

    Orte der Erschütterung

    Ihr Gedicht Jüdischer Friedhof Weißensee (WORTSCHAU #43) verdichtet eine Momentaufnahme zu starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt der Text die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Es ist diese Fähigkeit, Orte nicht nur zu beschreiben, sondern ihre emotionale Ladung sichtbar zu machen, die Büttners Lyrik auszeichnet.

    2019 gewann sie den SternenBlick-Lyrikpreis mit dem Gedicht ich baue ein haus aus licht – ein Text über das Schreiben selbst, über das Sammeln von Worten auf Abraumhalden, über Vorstellungskraft als Baumaterial. Ihre Texte erscheinen regelmäßig in Literaturzeitschriften und Anthologien wie Versnetze, Mosaik, Sachen mit Wörtern, WORTSCHAU und auf Plattformen wie fixpoetry. Sie hat ein Grundstudium in Kunsttherapie und Poesietherapie abgeschlossen, was sich in der therapeutischen Qualität ihrer Arbeit spiegelt – nicht im Sinne von Heilung, sondern im Sinne eines genauen Hinsehens auf das, was schmerzt.

    Ohne festen Fahrplan

    Büttners künstlerische Arbeit folgt keinem festen Tagesablauf. Inspiration findet sie in kulturellen Veranstaltungen wie Ausstellungen, Lesungen, Theater- und Kinobesuchen sowie in spontanen Begegnungen. Das klingt nach Zufall, ist aber eine Haltung: Offenheit gegenüber dem, was kommt.

    Ihre Texte lassen sich nicht in eine eindeutige Tradition einordnen. Sie sind zu konkret für hermetische Lyrik, zu fragmentarisch für narrative Dichtung. Sie bewegen sich in einem Zwischenraum – zwischen Notiz und Gedicht, zwischen Bild und Text, zwischen Festhalten und Loslassen.

    Weiterlesen

    Wer mehr von Marina Büttner lesen möchte, findet auf ihrem Blog literaturleuchtet nicht nur Buchrezensionen, sondern auch eigene Texte. Die Serie „Notizen, Selbstgespräche“ ist in gedruckter Form direkt bei ihr erhältlich. In der aktuellen WORTSCHAU #44 zum Thema „Selbstgespräch“ ist ihr Text Notizen, Selbstgespräche abgedruckt – ein guter Einstieg in eine Stimme, die sich nicht anbiedert, sondern ihre eigene Unruhe ernst nimmt.

    Entdeckt habe ich die Autorin in der Ausgabe #43 der Literaturzeitschrift WORTSCHAU: Jüdischer Friedhof Weißensee.

    Quellen
    SternenBlick.org
    marinabuettner.de
    literaturleuchtet.wordpress.com

    • Volkmar Mühleis – VON EINEM BUCH  ZUM ANDERN  WANDERN

      Volkmar Mühleis – VON EINEM BUCH ZUM ANDERN WANDERN

      VON EINEM BUCH ZUM ANDERN WANDERN hunderte von Seiten lang durch die Pariser Vorstädte zurück in Büchners Zeit über Gedichte hinter dem Eisernen Vorhang mitten durch ein Ideen-Gewimmel aus Reiselust einen Blick auf Rom werfen, um wieder bei einer Tasse Tee den Vögeln zu lauschen, Nachbarn in ihrem Kommen und Gehen, auf dem Sofa, das…

    • Marina Büttner – Notizen, Selbstgespräche

      Marina Büttner – Notizen, Selbstgespräche

      In der WORTSCHAU #44 bin ich auf ein Selbstgespräch von Marina Büttner gestoßen: „In einem vorherigen Leben war ich eine Reisende.“ Reflektierende Notizen um das Reisen – das innere wie das räumliche, um Bewegung und Stillstand, um Erinnerung und Verlust. Etwas in diesem Satz resonierte, ohne dass ich sofort hätte sagen können, warum. Eine erste…

    • Katia Tangians Barsik

      Katia Tangians Barsik

      Katia Tangians Cover für diese Ausgabe zeigt ein Foto aus den Achtzigern: ein Mann, der grimassiert, im Hintergrund Teile einer Stereoanlage. Ein Schnappschuss, wie es ihn tausendfach gibt. Der Text, der das Bild umfließt, erzählt von Barsik – einem Kater, der in der Nachbarschaft als bösartiges Mistvieh galt und ständig mit den anderen Katern auf…

    • Jane Wels – Bitte versuchen sie, …

      Jane Wels – Bitte versuchen sie, …

      Annähernd gelesen | Zwischen Sprache, Ordnung und AuflösungJane Wels‘ Gedicht „Bitte versuchen Sie,“ ist ein Text über die Unmöglichkeit, gefasst zu werden – und zugleich ein Text, der sich selbst beim Versuch des Fassens beobachtet. Es spielt mit der Spannung zwischen Sprache und Identität, zwischen Ordnung und Auflösung, und ist dabei zugleich selbstreflexiv, ironisch und…

    • Marina Büttner – Jüdischer Friedhof Weißensee

      Marina Büttner – Jüdischer Friedhof Weißensee

      Annähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Gelesen habe…

    • WORTSCHAU Nr. 44 – Selbstgespräch

      WORTSCHAU Nr. 44 – Selbstgespräch

      Die 44. Ausgabe 2025 der WORTSCHAU widmet sich dem Thema Selbstgespräch und fragt nach der künstlerischen Darstellung des eigenen inneren Erlebens. Die Herausgeber Johanna Hansen und Wolfgang Allinger haben aus über 200 Einreichungen eine vielstimmige Auswahl getroffen, die das Selbstgespräch in seinen unterschiedlichsten literarischen Formen erkundet – von lyrischen Reflexionen bis zu autofiktionalen Erzählungen. Hauptautorin…

    • Dialog über Hermetik und Zugänglichkeit in der Lyrik

      Dialog über Hermetik und Zugänglichkeit in der Lyrik

      Ein Nachtrag zur WORTSCHAU Nr. 43 | Mein kritischer Beitrag zur WORTSCHAU Nr. 43 hat auf Facebook eine bemerkenswert konstruktive Diskussion ausgelöst. Dass sich Herausgeber, Autorinnen und Autoren die Zeit genommen haben, auf meine Fragen einzugehen, freut mich sehr – und zeigt, dass die Spannung zwischen Hermetik und Zugänglichkeit keine einseitige Irritation ist, sondern ein…

    • Jane Wels‘ Sandrine

      Jane Wels‘ Sandrine

      Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…

    • WORTSCHAU Nr. 43

      WORTSCHAU Nr. 43

      Gedanken zur „WORTSCHAU“ #43 (Es hört nie auf) – oder: Warum ich beim Lesen ins Stolpern kam Beim Lesen dieser Ausgabe drängte sich mir eine Frage auf: Für wen sind diese Texte eigentlich gedacht? Nicht, weil die Sprache unzugänglich wäre – im Gegenteil, Satzbau und Wortwahl sind oft klar –, sondern weil viele Gedichte in…

    • BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…

    • WORTSCHAU 43 – Es hört nie auf

      WORTSCHAU 43 – Es hört nie auf

      Diese Ausgabe des Literaturmagazins WORTSCHAU präsentiert sich als besonders lyrik-fokussierte Publikation mit Thomas Kunst als Hauptautor. Feridun Zaimoglu charakterisierte Kunst in seiner Kleist-Preis-Begründung als den „sprachbesessensten und herzverrücktesten deutschen Dichter unserer Zeit“ – eine durchaus plakative Zuschreibung, die der Leser selbst überprüfen kann. Kleine Einblicke in Thomas Kunsts Gedankenwelt | Der beigefügte Fragebogen gibt Einblicke…

    • Jörn Peter Budesheim

      Jörn Peter Budesheim

      In der WORTSCHAU 43 bin ich auf Arbeiten von Jörn Peter Budesheim gestoßen. Besonders auffällig ist dabei, wie er in seinen Zeichnungen mit verschiedenen Ebenen arbeitet. Sie erschließen sich nicht sofort, sondern fordern dazu auf, gelesen zu werden – Schicht für Schicht. Und das passt gut zu diesen Gedichten. 1960 in Marburg geboren, arbeitete Budesheim…

    • WORTSCHAU – Magazin für Gegenwartsliteratur

      WORTSCHAU – Magazin für Gegenwartsliteratur

      Geschichte und Gründung | Das Literaturmagazin WORTSCHAU wurde 2007 von Wolfgang Allinger und Peter Reuter gegründet. Die Ursprungsidee war ungewöhnlich: Literatur sollte dorthin gebracht werden, wo sie niemand vermutet – in Bäckereien, Blumenhandlungen, Gärtnereien, Einzelhandelsgeschäfte und Confiserien. Zunächst wurden wöchentlich gefaltete DIN-A4-Flyer mit Texten befreundeter Autorinnen und Autoren in diesen Geschäften ausgelegt, die nach einer…

  • PROMETHEUS – Jürgen Völkert-Marten

    PROMETHEUS – Jürgen Völkert-Marten

    Das Gedicht „Prometheus“ arbeitet mit einer besonderen Erzählsituation: Ein Sprecher wendet sich direkt an den mythischen Titanen selbst. Durch die durchgehende Du-Ansprache entsteht der Eindruck einer unmittelbaren Konfrontation mit der prometheus’schen Figur, die hier nicht nur als literarische Metapher fungiert, sondern als konkreter Gesprächspartner angesprochen wird.

    Die Umdeutung des Mythos

    Der Text nimmt eine interessante Verschiebung der bekannten Prometheus-Erzählung vor: Statt des gestohlenen Feuers als technischer Errungenschaft bringt dieser Prometheus emotionale Wärme zu den Menschen – „dem Feuer Zuneigung“. Diese Neuinterpretation verleiht dem antiken Stoff eine zeitgenössische, psychologische Dimension. Der Titan wird zum Archetyp des selbstlos Liebenden, der aus eigenem inneren Feuer anderen geben möchte.

    Doch diese Gabe stößt auf eine dreifache Steigerung der Ablehnung: „Unverständnis, Undank, Haß“. Die Progression zeigt, wie aus mangelndem Verstehen aktive Feindseligkeit wird – eine bittere Erkenntnis für jeden, der bedingungslos zu geben versucht.

    Die zyklische Struktur des Leidens

    Das Gedicht entwickelt eine präzise Zeitstruktur zwischen regenerativer Nacht und zermürbenden Tagen. In der nächtlichen Einsamkeit schöpft Prometheus Kraft, die der folgende Tag wieder aufzehren wird. Der zentrale Vergleich nutzt das mythologische Bild des Adlers, der jedoch zum Symbol für den alltäglichen Raubzug der Erschöpfung wird: Der Tag lässt sich „wie ein Adler, der seine Beute schlägt“ auf dem Protagonisten nieder.

    Diese Metapher verbindet geschickt die mythische Bestrafung – den Adler, der täglich Prometheus‘ Leber frisst – mit der modernen Erfahrung existenzieller Erschöpfung. Die „Tortur“ wird zur unausweichlichen Lebenserfahrung dessen, der anderen geben möchte, ohne selbst Unterstützung zu erhalten.

    Die Sprache der Kontraste

    Das Gedicht arbeitet durchgehend mit starken Gegensatzpaaren: Wärme und Kälte, Geben und Ernten, Tag und Nacht, Kraftschöpfung und Zermürbung. Diese Polaritäten verstärken das Gefühl einer unüberbrückbaren Kluft zwischen dem Wollen des Prometheus und der Realität seiner Erfahrung.

    Der Schlusssatz „reicht dir niemand die Hand“ bringt die völlige Isolation auf den Punkt und schließt den Kreis zur anfänglichen Kälte. Es ist ein Bild radikaler Einsamkeit, das die prometheus’sche Tragödie in ihrer ganzen Schärfe erfasst.

    Die Frage nach dem Sprecher

    Wer aber wendet sich hier so direkt an Prometheus? Die intensive Du-Ansprache legt verschiedene Deutungen nahe: Spricht hier ein Beobachter, der die Vergeblichkeit des prometheus’schen Opfers schonungslos benennt? Ist es die Stimme einer harten Erkenntnis, die dem Titanen die Augen öffnen will? Oder hören wir die innere Stimme des Prometheus selbst, der sich seiner eigenen Situation bewusst wird?

    Diese Mehrdeutigkeit der Sprechsituation verleiht dem Text seine besondere Intensität und macht ihn zu mehr als nur einer modernen Prometheus-Variation – zu einer direkten Auseinandersetzung mit der Frage, was es bedeutet, in einer kalten Welt Wärme geben zu wollen.

    Eine bildliche Entsprechung

    Interessant ist – für mich – auch die Frage, ob die Kunst eine visuelle Entsprechung für diesen emotionalen Prometheus kennt. Die klassischen Prometheus-Darstellungen – etwa Rubens‘ „Prometheus Bound“ oder Thomas Coles gleichnamiges Werk – folgen der traditionellen mythologischen Erzählung der körperlichen Bestrafung durch den Adler. Sie zeigen den gefesselten Titanen, aber nicht die subtile psychologische Dimension der unverstandenen Zuneigung.

    Die emotionale Landschaft des Gedichts findet sich eher in den Werken der Romantik, besonders bei Caspar David Friedrich. Seine berühmten „Rückenfiguren“ – einsame, kontemplative Gestalten, die der Natur gegenüberstehen – könnten der visuellen Entsprechung dieses gedichteten Prometheus sehr nahekommen. Der „Wanderer über dem Nebelmeer“ etwa zeigt eine einzelne Figur in unwirtlicher Weite, „Der einsame Baum“ (1822) oder „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ erfassen dieselbe existenzielle Melancholie: das Gefühl, allein mit der eigenen Wärme und Sehnsucht der Kälte der Welt gegenüberzustehen.

    Diese romantischen Landschaften mit ihren isolierten Figuren treffen genau den Ton des Gedichts – Menschen, die ihre innere Glut in eine indifferente oder feindselige Umgebung tragen, ohne dass „jemand die Hand reicht“. Eine direkte bildliche Umsetzung dieses spezifischen Prometheus-Verständnisses scheint es jedoch nicht zu geben, was den literarischen Text umso eigenständiger macht.

  • Angelica Seithe

    Angelica Seithe

    Die Lyrikerin, Psychotherapeutin und Dozentin Angelica Seithe (geb. 1945 in Bad Lauterberg im Harz) verbindet in ihrem Lebenswerk zwei Welten, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen: die Sprache der Poesie und die Sprache der Psychotherapie. In beiden Feldern ist sie seit Jahrzehnten gleichermaßen schöpferisch tätig und schöpft aus ihrer reichen Erfahrung ein Werk, das von großer innerer Klarheit und Sensibilität geprägt ist.

    Nach dem Studium der Psychologie an der Universität Münster und einer tiefenpsychologischen Ausbildung am Psychoanalytischen Institut Gießen leitete sie von 1973 bis 2010 das Berthold-Martin-Haus in Gießen, ein Wohnheim für Jugendliche und junge Erwachsene mit psychotherapeutischem Schwerpunkt. Parallel dazu baute sie ihre Tätigkeit als Psychotherapeutin mit eigener Praxis aus, in der sie sich insbesondere auf neurotische Störungen und Essstörungen spezialisierte. Seit den frühen 1980er Jahren ist sie zudem als Dozentin und Lehrtherapeutin aktiv und lehrte unter anderem an verschiedenen Instituten für Imaginative Psychotherapie.

    Ihre Leidenschaft für die Lyrik entdeckte Seithe bereits in der Jugend, als sie ein Gedicht von Rainer Maria Rilke nachhaltig beeindruckte. Schreiben wurde für sie zur Konstante, auch wenn berufliche Verpflichtungen die kreative Arbeit zeitweise in den Hintergrund drängten. Nach ihrer Pensionierung intensivierte sie das literarische Schaffen. In ihren Gedichten verbindet sie Naturbeobachtungen, präzise sprachliche Verdichtung und ein feines Gespür für das Unausgesprochene. Ihre Texte sind häufig kurz, von großer Lakonie und konzentrierter Bildkraft – oft in Formen wie Haiku oder Tanka.

    Zu ihren Veröffentlichungen zählen zahlreiche Gedichtbände wie Schilflichtung (1981), Wenn die Treppen aus den Fenstern steigen (1988), Über der strömenden Zeit (2009) und Regenlicht (2013). Besonders hervorzuheben ist der Band Im Schatten der Äpfel (2016), der ausgewählte Gedichte aus mehr als dreißig Jahren versammelt. Hier entfaltet sich eine Sprache, die von Abschied und Vergänglichkeit, Freude und Entdeckung erzählt – in Bildern, die zwischen Natur und innerer Erfahrung schwingen.

    Die Verbindung von Psychotherapie und Lyrik ist in Seithes Werk stets präsent: Ihre poetischen Bilder wirken wie Spiegelungen seelischer Prozesse, während ihre psychologische Arbeit durch den sensiblen Umgang mit Sprache und Symbolen bereichert wird. Diese doppelte Kompetenz macht ihr Schaffen einzigartig und verleiht ihren Texten eine stille, aber eindringliche Tiefe.

    Ihre lyrische Arbeit wurde vielfach gewürdigt, unter anderem mit dem Sonderpreis Lyrik beim Nordhessischen Autorenpreis (2009), dem Jurypreis beim Hildesheimer Lyrikwettbewerb (2012 und 2014) sowie dem 1. Preis beim Literaturpreis Harz (2018). Gedichte von ihr erschienen in bekannten Literaturzeitschriften wie Am Erker, Das Gedicht, Sinn und Form, Signum sowie in Anthologien und im Rundfunk.

    Angelica Seithes Texte sind leise und zugleich kraftvoll: Poesie aus dem Inneren, die ohne Pathos auskommt und in der Sprache Räume der Stille eröffnet. In ihrer Lyrik wie auch in ihrer therapeutischen Tätigkeit geht es ihr stets darum, innere Landschaften sichtbar zu machen – als Einladung, dem eigenen Erleben in all seiner Tiefe zu begegnen.

    Bibliografie (Auszug)
    2025        Herbstlichtung
    2020        Solange wir bleiben im Licht. Neue Gedichte
    2016        Im Schatten der Äpfel. Ausgewählte Gedichte
    2013        Berührungen. Kurzgeschichten
    2013        Regenlicht. Gedichte
    2009       Über der strömenden Zeit. Gedichte
    2005       Brombeerhimmel. Gedichte
    1997        Manchmal rote Dächer. Gedichte und Erzählungen
    1993        Licht bei geschlossenen Augen. Gedichte
    1992        inner courtyards / innenhöfe
    1990       Wenn die Treppen aus den Fenstern steigen. Gedichte (erweiterte Auflage)
    1988       Wenn die Treppen aus den Fenstern steigen. Gedichte
    1981        Schilflichtung. Gedichte

    Annähernd gelesen habe ich von ihr bisher: DIE ALTE FRAU (Erschienen in: WORTSCHAU 31 Menschen:Bilder)

    Aktueller Lyrikband:
    Herbstlichtung
    Hardcover mit SU, 112 S., 19,50 €
    ISBN 9783819227066
    edition offenes feld, Dortmund 2025

    • Der Besucher

      Der Besucher

      Schnee knirscht unter Stiefeln Spuren ziehen sich heran Über die weiße Decke eine Linie, geradewegs zum Haus Es kommt jemand Es kommt einer heute unerwartet Er öffnet den Rucksack teilt den heißen Tee aus der Thermosflasche, das Gebäck vom Morgen Sie sitzen auf der eilends gefegten Bank vor ihrer Tür schweigen und lauschen dem fernen…

    • Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      DIE ALTE FRAU Schnee ist gefallenSchon wird es NachtAuf weißer Decke nicht eineSpur, nicht Vogel nicht KatzeEs kommt kein BesuchEs kommt keiner heutees kommt keiner morgenSie kehrt und kehrtimmer gründlicher kehrt sie denStraßenzugang zu ihrem Haus Annähernd gelesen | Das Gedicht ist schlicht gebaut: kurze, prosanahe Zeilen ohne Reim, ohne übermäßige Interpunktion. Es öffnet mit…

    • Angelica Seithe

      Angelica Seithe

      Die Lyrikerin, Psychotherapeutin und Dozentin Angelica Seithe (geb. 1945 in Bad Lauterberg im Harz) verbindet in ihrem Lebenswerk zwei Welten, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen: die Sprache der Poesie und die Sprache der Psychotherapie. In beiden Feldern ist sie seit Jahrzehnten gleichermaßen schöpferisch tätig und schöpft aus ihrer reichen Erfahrung ein Werk, das…

  • Peter Gehrisch – Fragmentierte Annäherung

    Peter Gehrisch – Fragmentierte Annäherung

    ein Name im Heft zwischen anderen Namen zündet – kein Denkmal eher ein Gerücht aus Papier

    // Kindheit? Trümmerfeld, ein Federorakel, Karneval ohne Kostüm // Sprache? verloren, zurückgeholt wie ein verkohltes Blatt, noch lesbar am Rand // Herkunft? ein Fluss, der zwei Länder trennt und nur in der Mitte verbindet // Suche? nicht Linie, nicht Ziel, sondern Tunnelgänge durch Schatten mit schimmernden Wänden

    übersetzen = die Wunde in eine zweite Stimme legen lesen = mitfiebern, wo die Wörter auf etwas deuten, das sie nicht besitzen

    ein Grenzgänger? vielleicht nur einer, der nicht aufhört zu fragen, ob das Wort Heimat jemals stillstehen darf

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    Clara Zetkin Pädagogische Hochschule / später Abendgymnasium nach der Wende (wer unterrichtet Literatur in Zeiten des Umbruchs? wer erklärt den Schülern, was plötzlich erlaubt ist zu lesen?)

    1983 Union, Sonntag / 1990 DIE ZEIT sieben Jahre zwischen Regionalpresse und großer Welt // Zeit des Wartens oder Zeit des Reifens?

    Dresden – Bieletal – Dresden wieder Kreisbewegung oder Spirale? die Stadt, die sich zweimal vernichten ließ und dreimal wiederaufstand

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    Lwówek Śląski macht ihn zum Ehrenbürger (was muss ein Deutscher in Polen geben, um als Sohn adoptiert zu werden?)

    Orpheus versammelt die Geister seit 1999 aber welche Geister? die der Übersetzung? die zwischen den Sprachen wandern mit zerrissenen Pässen?

    polnische Ehefrau / deutsche Wörter leben zwischen Görlitz und Schlesien = nirgends ganz zu Hause = überall ein bisschen fremd

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    „Der glimmende Ring meiner Lichtwissenschaft“ wer spricht so über sein eigenes Schreiben? als wäre Poesie eine Physik des Unsichtbaren als ginge es um Experimente mit Dunkelheit

    Das Federnorakel / Hans-Theodors Karneval Titel wie Zauberformeln die mehr verschweigen als sie verraten (Schelm oder Wahrsager? beides?)

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    Cyprian Kamil Norwid übertragen tote polnische Stimmen ins Deutsche holen = Nekromantie der Literatur = den Schatten eine zweite Chance geben

    wer baut solche Brücken zwischen den Kulturen? wer glaubt noch, dass Wörter Grenzen überwinden? wer sammelt die Splitter zerbrochener Sprachen und fügt sie zu neuen Mustern?

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    Verdienstorden des Freistaates Sachsen 2006 „Goldener Ring mit Adler“ 2018 Ehrungen für einen, der Ehre nicht sucht sondern Verbindungen

    und ich, blättere weiter, verweile bei den Funken, den Zündblättchen, die mehr versprechen als sie erklären

    Peter Gehrisch – ein Gerücht, das zur Gewissheit wird: dass Literatur dort entsteht, wo die Fragen nicht aufhören zu brennen

  • Jürgen Völkert-Marten – Wege – Lyrik

    Jürgen Völkert-Marten – Wege – Lyrik

    „Wege“ führt uns durch einen merkwürdigen Wechsel der Perspektiven: Erst sind wir mittendrin im Matsch und Regen, dann schauen wir von oben auf eine Landkarte. Diese Bewegung von der körperlichen Erfahrung zur abstrakten Betrachtung durchzieht das ganze Gedicht wie ein roter Faden.

    Unterwegs im Regen

    Die erste Strophe lässt uns förmlich die nassen Füße spüren. Da sind Wasserpfützen vom „letzten Aprilregen“, verschmutzte Schuhe, Wege die sich biegen und verlaufen. Das „metallisch glänzende Wasser“ verleiht der Szenerie etwas Unwirkliches – als würde man durch eine fremde, fast artifizielle Landschaft wandern.

    Besonders der „Schritteton verschmutzter Schuhe“ fällt auf: Hier wird das Gehen nicht nur sichtbar und fühlbar, sondern auch hörbar. Die Schritte werden zu einem Rhythmus, der mit dem dreckigen Weg verschmilzt. Man denkt unwillkürlich an Samuel Becketts „Warten auf Godot“, wo das endlose Gehen und Warten ähnlich physisch präsent wird.

    Der Blick von oben

    Dann erfolgt ein radikaler Schnitt. Plötzlich betrachten wir dasselbe aus der Vogelperspektive einer Landkarte. Die mühsam begangenen Wege „ziehen sich zusammen und verschwinden im Nichts“. Was eben noch konkrete, körperliche Erfahrung war, wird zu abstrakten Linien reduziert.

    Diese Wendung erinnert an Jorge Luis Borges‘ berühmte Erzählung über die Karte, die so detailliert ist wie die Landschaft selbst – nur hier läuft es umgekehrt: Die gelebte Realität schrumpft zur vereinfachten Darstellung zusammen. Der Zusatz „ohne sich sträuben zu können“ verleiht diesem Vorgang etwas Gewaltsames, als würde die Individualität der Erfahrung gegen ihren Willen abstrahiert.

    Literarische Verwandtschaften

    Das Thema des Weges als Metapher für das Leben hat eine lange Tradition. Bei Antonio Machado heißt es: „Caminante, no hay camino, se hace camino al andar“ – Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg entsteht beim Gehen. Unser Gedicht dreht diese Perspektive um: Hier verschwindet der Weg gerade durch das Gehen, oder besser gesagt durch die nachträgliche Betrachtung.

    Auch Robert Frost’s „The Road Not Taken“ arbeitet mit der Spannung zwischen konkreter Wegewahl und deren späterer Interpretation. Während Frost jedoch die Bedeutung individueller Entscheidungen betont, scheint unser Gedicht eher deren letztendliche Belanglosigkeit zu thematisieren.

    Form und Inhalt

    Die ungebundene Form des Gedichts unterstützt seine Aussage. Die langen, sich windenden Sätze der ersten Strophe imitieren das Mäandern der Wege. Dann kommt die abrupte Verknappung: „Auf der Landkarte dann“ – ein harter Schnitt, der den Perspektivwechsel auch sprachlich vollzieht.

    Die Enjambements, besonders „verschmutzt werden / Schuhe“, schaffen ein Stolpern im Lesefluss, das das mühsame Gehen nachahmt. Gleichzeitig entsteht durch die fortlaufenden Sätze ein Sog, der einen unaufhaltsam vorwärts zieht – genau wie die beschriebenen Wege, die „nicht enden wollen“.

    Das große Ganze

    Der Schluss bringt eine eigentümliche Beruhigung. „Alles verschmilzt und ergibt ein Ganzes. Ohne Widerspruch nimmt die Natur es hin.“ Diese Natur ist nicht mehr die konkrete, nasse Landschaft des Beginns, sondern eine Art übergeordnete Instanz, die gleichgültig oder weise – je nach Lesart – über den Dingen steht.

    Man könnte darin eine tröstliche Botschaft sehen: Alle individuellen Mühen fügen sich letztendlich in ein größeres Muster. Oder man liest es als melancholische Erkenntnis über die Bedeutungslosigkeit persönlicher Anstrengungen. Das Gedicht lässt beide Deutungen zu und gewinnt gerade dadurch seine Kraft.

    Ein zeitgenössischer Ton

    Was „Wege“ von klassischen Weggedichten unterscheidet, ist seine moderne Nüchternheit. Hier wird nicht pathetisch über Lebenspfade philosophiert, sondern mit fast dokumentarischer Genauigkeit eine doppelte Perspektive entwickelt. Die Spannung zwischen Erleben und Erfassen, zwischen Subjektivität und Objektivierung durchzieht unsere Zeit in vielfacher Weise – von der Digitalisierung des Alltags bis zur wissenschaftlichen Vermessung der Welt.

    In dieser Hinsicht ist „Wege“ ein sehr gegenwärtiges Gedicht, auch wenn es mit einfachsten Mitteln arbeitet: nasse Schuhe, eine Landkarte und der ewige Widerspruch zwischen dem, was wir erleben, und dem, was davon übrig bleibt, wenn wir es zu verstehen suchen.

    • Jürgen Völkert-Marten – KLARSTELLUNG

      Jürgen Völkert-Marten – KLARSTELLUNG

      Das Gedicht „Klarstellung“ konfrontiert das lyrische Ich mit einer beschädigten Puppe und zwingt es in eine vielschichtige Reflexion über Schuld, Verantwortung und Wahrnehmung. Die zentrale Metaphorik kreist um das verstörende und mehrdeutige Bild der Puppe mit den „leeren Augenhöhlen“. Puppen sind traditionell Kinderspielzeug, Objekte der Fürsorge und Projektion – hier aber ist sie beschädigt, ihrer…

    • KLARSTELLUNG DER PUPPE

      KLARSTELLUNG DER PUPPE

      Ihr seht mich an und nennt es Schuld. Doch meine Augen sind leer, weil ihr sie mir genommen habt. Ihr habt mich in dieses Gitter gestellt, mich zu eurer Bühne gemacht, mich schweigen lassen, damit ihr in mir sprechen könnt. Euer Blick legt Lasten auf mich, die ich nicht tragen will. Ich bin kein Spiegel…

    • Gründe – Jürgen Völkert-Marten

      Gründe – Jürgen Völkert-Marten

      Jürgen Völkert-Marten konstruiert in diesem Gedicht einen Zirkel aus Flucht und Rückkehr. Das lyrische Ich denkt an seine „Ingo-Zahl“ – einen Begriff, der rätselhaft bleibt, aber offenbar eine Art Bewertung oder Messung seiner selbst darstellt. Diese Beschäftigung mit der eigenen Vermessung führt ihn zu einer Erkenntnis: Wichtigeres existiert, doch dieses Wichtigere entzieht sich seinem Zugriff.…

    • Jürgen Völkert-Marten – NOSTALGIE

      Jürgen Völkert-Marten – NOSTALGIE

      Dieses Gedicht ist ein einziger Atemzug. Zwar gliedern Kommata den Text und ein Punkt beschließt ihn, doch syntaktisch bleibt es ein langer, fließender Satz. Die Interpunktion ordnet, ohne zu zerhacken – die Kommata schaffen Pausen wie beim Sprechen, wenn man Luft holt, ohne den Gedankenfluss zu unterbrechen. Die wiederholten Konjunktionen „und“ schaffen Rhythmus und Vorwärtsdrang…

    • Jürgen Völkert-Marten – Ratlos

      Jürgen Völkert-Marten – Ratlos

      Es ist das erste Gedicht, dass mir auffällt, als ich nach dem abgedruckten Holzschnitt von Heinz Stein suche. Ich überlege, ob ich das Heft gleich wieder schließe. Manchmal trifft man auf Texte, die so gar nicht, nicht mehr zu eigenen Lebenssituation passen. Also, ich habe es dennoch gelesen und hier ist meine – auf Abstand…

    • Jürgen Völkert-Marten UNSER FORTGESETZTER WUNSCH NACH OPTIMISMUS

      Jürgen Völkert-Marten UNSER FORTGESETZTER WUNSCH NACH OPTIMISMUS

      Jürgen Völkert-Marten entdeckte ich durch Zufall, auf der Suche nach Texten von Ille Chamier. Auf einer Verkaufsplattform bot der Autor verschiedene Ausgaben der Zeitschrift „jeder art“ an – und mit ihnen diesen schmalen Lyrikband aus dem Jahr 1977. Ergänzt durch einen Holzschnitt von Heinz Stein erwies sich der Fund als gedeihliche Entdeckung. Völkert-Marten stellt mit…

    • Jürgen Völkert-Marten

      Jürgen Völkert-Marten

      Jürgen Völkert-Marten (*23. Mai 1949 in Gelsenkirchen) ist ein deutscher Schriftsteller, der in erster Linie durch seine Lyrik bekannt wurde. Sein Debüt gab er 1974 mit dem Gedichtband Keine Zeit für Träumer. In den folgenden Jahrzehnten veröffentlichte er zahlreiche weitere Werke und etablierte sich als eine markante Stimme der deutschsprachigen Gegenwartslyrik. Der Autor lebt in…

    • Jürgen Völkert-Marten – Wege – Anders gelesen

      Jürgen Völkert-Marten – Wege – Anders gelesen

      Das Gedicht zeigt eine Spannung zwischen der Erfahrung von Wegen in der Natur und ihrer abstrakten Darstellung durch den Menschen. Während die Wege „inmitten metallisch glänzender Wasser“ scheinbar „nicht enden wollen“, sondern sich „biegen und den Ausgang finden“, werden sie in der kartografischen Abbildung „zusammengezogen“ und „verschwinden im Nichts“. Damit wird deutlich, dass Wege in…

    • PROMETHEUS – Jürgen Völkert-Marten

      PROMETHEUS – Jürgen Völkert-Marten

      Das Gedicht „Prometheus“ arbeitet mit einer besonderen Erzählsituation: Ein Sprecher wendet sich direkt an den mythischen Titanen selbst. Durch die durchgehende Du-Ansprache entsteht der Eindruck einer unmittelbaren Konfrontation mit der prometheus’schen Figur, die hier nicht nur als literarische Metapher fungiert, sondern als konkreter Gesprächspartner angesprochen wird. Die Umdeutung des Mythos Der Text nimmt eine interessante…

    • Jürgen Völkert-Marten – Wege – Lyrik

      Jürgen Völkert-Marten – Wege – Lyrik

      „Wege“ führt uns durch einen merkwürdigen Wechsel der Perspektiven: Erst sind wir mittendrin im Matsch und Regen, dann schauen wir von oben auf eine Landkarte. Diese Bewegung von der körperlichen Erfahrung zur abstrakten Betrachtung durchzieht das ganze Gedicht wie ein roter Faden. Unterwegs im Regen Die erste Strophe lässt uns förmlich die nassen Füße spüren.…

  • David Szalays „Was ein Mann ist“

    David Szalays „Was ein Mann ist“

    David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär in Portugal. Dazwischen: ein korrupter Journalist, ein gescheiterter Gigolo, ein Banker, der alles verliert.

    Neun Monate, neun Städte, neun Leben

    Szalay ordnet sein Buch streng: Jede Geschichte spielt in einem anderen Monat zwischen April und Dezember, in einer anderen europäischen Stadt, mit einem Protagonisten, der jeweils um einige Jahre gealtert ist. Von Kopenhagen nach Budapest, von Dänemark nach Ungarn – die Schauplätze wechseln, die Themen bleiben: Männer, die um Status ringen, um Anerkennung kämpfen, an Erwartungen scheitern.

    Dabei geht es Szalay nicht um große Dramen. Seine Figuren stolpern durch Alltägliches: Ein Mann verliert seinen Job, ein anderer seine Selbstachtung beim Versuch, eine Frau zu beeindrucken. Ein Londoner Gigolo merkt plötzlich: „Er fühlte sich, als wäre er durch sein ganzes Leben gerast, ohne es jemals wirklich zu berühren.“

    Der Titel spielt mit uns

    Im Original heißt das Buch „All That Man Is“ – und „man“ bedeutet im Englischen schlicht „Mensch“. Die deutsche Übersetzung macht daraus bewusst etwas Doppeldeutiges. Szalay selbst findet das gelungen: Diese Mehrdeutigkeit durchzieht sein ganzes Werk. Es geht ihm weniger um Männer als Geschlecht, sondern um Menschen in ihrer Verletzlichkeit.

    Ein Bankier, der sein Vermögen verspielt hat, erkennt: „Alles, wofür er gearbeitet hatte, war nur Luft. Er selbst war nur Luft.“ Diese Momente – wenn die Fassade bröckelt und der Mensch darunter zum Vorschein kommt – interessieren Szalay.

    Warum dieses Buch noch immer wichtig ist

    Der Guardian nannte Szalay einen „modernen Flaubert“ und lobte seine präzise Beobachtungsgabe. Die Zeit schrieb: „Szalay zeigt, dass die Midlife-Crisis kein Geschlecht kennt, nur die panische Erkenntnis der eigenen Endlichkeit.“

    Genau das macht die Stärke des Buches aus: Es gibt keine durchgehende Handlung, keine Hauptfigur, der man folgt – und doch entsteht durch die Montage der Geschichten ein Sog. Man erkennt sich wieder in diesen Männern, egal welches Geschlecht man hat. Ihre Krisen sind universell: die Angst vor dem Scheitern, die Sehnsucht nach Bedeutung, die Erkenntnis, dass die Zeit verrinnt.

    Eine weibliche Gegenstimme: Rachel Cusk

    Wer nach einer Ergänzung zu Szalays nüchternem Blick sucht, sollte Rachel Cusks „Outline“ (2014) lesen. Auch Cusk arbeitet mit Fragmenten, auch sie interessiert sich für Menschen in Übergangsphasen. Doch während Szalay seine Protagonisten von außen beobachtet, lässt Cusk ihre Erzählerin fast verschwinden – sie wird zur Zuhörerin, zum Spiegel für andere.

    In einem Essay für den New Yorker schreibt Cusk über das Schreiben nach persönlichen Krisen: „Ich wollte eine Form finden, die nicht auf dem Ich besteht, sondern Raum lässt für das, was zwischen Menschen geschieht.“ Diese Haltung ergänzt Szalays Ansatz perfekt: Wo er männliche Archetypen entromantisiert, löst Cusk das erzählende Subjekt selbst auf.

    Beide Autoren zeigen: Das Leben ist flüchtig, tragikomisch, oft sinnlos – und gerade deshalb erzählenswert.


    Zum Autor: David Szalay wurde in Montreal geboren und wuchs in London auf. In seinen früheren Werken wie „London and the South-East“ beschäftigte er sich bereits mit Arbeitswelten und brüchigen Identitäten. Seine Geschichten erscheinen in Zeitschriften wie dem New Yorker und der Paris Review.

    • Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es…

    • Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung: Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich…

    • Nathalie Schmid: der geschmack von kartoffeln

      Nathalie Schmid: der geschmack von kartoffeln

      Nathalie Schmids Gedicht „der geschmack von kartoffeln“ porträtiert „einen schlag von frauen“ durch eine Collage körperlicher und alltäglicher Details, die auf den ersten Blick schlicht dokumentarisch wirken. Doch zwischen den Zeilen entfaltet sie eine Dichte, die mich bekümmert: ein Leben, das nur noch rückblickend Bedeutung hat. Verschlossene Innenwelten Die Frauen des Gedichts zeigen sich in…

    • Ein Zimmer für sich allein

      Ein Zimmer für sich allein

      Eine Begegnung mit Virginia Woolf über Umwege – Ausgangspunkt: Eine Lithographie von Wolfgang Mattheuer Manchmal führen merkwürdige Wege zu einem Text. In meinem Fall begann es mit einer Lithographie des DDR-Künstlers Wolfgang Mattheuer in dem Band „Äußerungen“. Zu finden ist der Druck vor dem ersten Texteintrag, trägt den Titel „Abendliches Studium“ und stammt aus dem…

    • Den Mund über Wasser halten

      Den Mund über Wasser halten

      Ein Essay über männliche Verantwortung im Angesicht von Femiziden I. Das Gedicht als Warnsignal Kathrin Niemelas Gedicht „Beckenendlage“ beginnt mit einem medizinischen Begriff – einer riskanten Geburtslage – und endet im Ertränkungsbecken. Es verbindet die Hinrichtung verurteilter „Hexen“ im isländischen Drekkingarhylur mit Agnes Bernauer in der Donau und mit den ertrinkenden Frauen im Mittelmeer. Der…

    • Rachel Cusks „Outline“ – Die Kunst des Verschwindens

      Rachel Cusks „Outline“ – Die Kunst des Verschwindens

      Rachel Cusks „Outline“ (2014, dt. „Outline – Von der Freiheit, ich zu sagen“) markiert einen radikalen Neuanfang in ihrem Werk. Nach zwei autobiografischen Büchern über Scheidung und Mutterschaft, die ihr heftige Kritik einbrachten, entwickelt die britische Autorin (*1967) eine völlig neue Erzählform: Sie lässt ihre Ich-Erzählerin beinahe verschwinden. Eine Erzählerin ohne Geschichte Eine namenlose Schriftstellerin…

    • Gioconda Bellis Maurenlegende. Moderne Version

      Gioconda Bellis Maurenlegende. Moderne Version

      Ich sehe von fern das Land, das ich verließ. Ich beweine als Frau, was ich als Mann nicht zu verteidigen wusste. Die historische Vorlage: Der Seufzer des Mauren Dieses kurze, aber kraftvolle Gedicht von Gioconda Belli nimmt Bezug auf eine der bekanntesten Erzählungen der spanischen Geschichte: die Legende vom „Seufzer des Mauren“ (el suspiro del…

    • Himbeeren – Valerie Zichy

      Himbeeren – Valerie Zichy

      HIMBEEREN das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über-all die…

    • Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

      Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

      Manchmal landet man durch Zufall bei einem Lied, das einen nicht mehr loslässt. Bei mir war es eine Recherche zu Grit Lemkes Kinder von Hoy, die mich über den Singeklub Hoyerswerda zu Gundi und schließlich zu ihrer Tochter Linda Gundermann führte. Ihr Lied „Bindungsstil“ ist mir dabei begegnet – und ich höre es seitdem immer…

    • Jane Wels‘ Sandrine

      Jane Wels‘ Sandrine

      Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…

    • Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…

    • BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…

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