Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.
In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.
hunderte von Seiten lang durch die Pariser Vorstädte zurück in Büchners Zeit über Gedichte hinter dem Eisernen Vorhang mitten durch ein Ideen-Gewimmel aus Reiselust einen Blick auf Rom werfen, um wieder bei einer Tasse Tee den Vögeln zu lauschen, Nachbarn in ihrem Kommen und Gehen, auf dem Sofa, das einem die Welt bedeutet
Erschienen ist dieses Gedicht im Literaturmagazin WORTSCHAU # 44 – Selbstgespräche. Hier abgebildet mit freundlicher Genehmigung des Autors.– Ich habe ein anderes Lesen gelernt – eines, das nicht wandert, sondern arbeitet. Daraus ist dieses Antwortgedicht entstanden.
Volkmar Mühleis (Jg. 1972) unterrichtet Philosophie und Ästhetik an der LUCA School of Arts in Brüssel und Gent. Er ist unter anderem Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik und der Gesellschaft für interkulturelle Philosophie. Als Autor und Musiker veröffentlicht er philosophische wie künstlerische Arbeiten. Als Autor hat er Gedichtbände wie Das Recht des Schwächeren und Fête de la Musique vorgelegt, dazu Prosa und Essays – etwa das Brüsseler Tagebuch sowie die Novellen Wasserzeichen und Das Begräbnis des Philosophen. Als Musiker ist er in Projekten wie dem Kollektiv Brussels Cleaning Masters und dem Elektro-Pop-Duo mein Bruder Karin aktiv. Zur Website des Autors.
Die 44. Ausgabe 2025 der WORTSCHAU widmet sich dem Thema Selbstgespräch und fragt nach der künstlerischen Darstellung des eigenen inneren Erlebens. Die Herausgeber Johanna Hansen und Wolfgang Allinger haben aus über 200 Einreichungen eine vielstimmige Auswahl getroffen, die das Selbstgespräch in seinen unterschiedlichsten literarischen Formen erkundet – von lyrischen Reflexionen bis zu autofiktionalen Erzählungen. Hauptautorin…
Über Kathrin Niemelas „pont des arts“ | Kathrin Niemelas Gedicht „pont des arts“ erschien in der Literaturzeitschrift Wortschau in einer Paris-Ausgabe. Es ist ein Text, der sich beim ersten Lesen entzieht – nicht weil er hermetisch wäre, sondern weil er so verdichtet ist, dass man ihn kaum greifen kann. Die Sprache ist präzise, die Klänge…
Maria Arimanys Gedicht trägt einen vielversprechenden Titel: „In den Wald muss man gehen, wenn es noch dunkel ist“. Diese Idee birgt etwas Spannendes, fast Initiatisches – der Gang in die Dunkelheit als bewusste Entscheidung, als Schwelle zu einer anderen Wahrnehmung. Das Gedicht | Das Werk besteht aus zwei Spalten mit teils verrückten Zeilenumbrüchen. Die Autorin…
Der Künstler als Versuchsanordnung und Schaustück? Auf den ersten Blick scheint Annette Hagemanns Gedicht ARTIST ein feines, fast ehrfürchtiges Porträt eines schöpferischen Menschen zu sein – eines, der sich einen Raum erbittet, um seine Arbeit zu tun: „Du hattest um den Geheimnisraum gebeten, das Innere des Turms ein leuchtender Lichthof …“ Ein Bild der Sammlung,…
Manchmal landet man durch Zufall bei einem Lied, das einen nicht mehr loslässt. Bei mir war es eine Recherche zu Grit Lemkes Kinder von Hoy, die mich über den Singeklub Hoyerswerda zu Gundi und schließlich zu ihrer Tochter Linda Gundermann führte. Ihr Lied „Bindungsstil“ ist mir dabei begegnet – und ich höre es seitdem immer…
Die Gedanken sind frei – ein Lied, das zu oft als Beruhigungspille missbraucht wurde. Während Diktaturen Menschen einsperrten, sangen diese von ihrer inneren Freiheit, statt die äußeren Ketten zu sprengen. Diese Ambivalenz macht das Lied gefährlich und kraftvoll zugleich. Die Unzerstörbarkeit als Problem | Das Lied verkörpert eine jahrhundertealte Idee: die Unzerstörbarkeit der Gedanken- und…
Ihr seht mich an und nennt es Schuld. Doch meine Augen sind leer, weil ihr sie mir genommen habt. Ihr habt mich in dieses Gitter gestellt, mich zu eurer Bühne gemacht, mich schweigen lassen, damit ihr in mir sprechen könnt. Euer Blick legt Lasten auf mich, die ich nicht tragen will. Ich bin kein Spiegel…
Schnee knirscht unter Stiefeln Spuren ziehen sich heran Über die weiße Decke eine Linie, geradewegs zum Haus Es kommt jemand Es kommt einer heute unerwartet Er öffnet den Rucksack teilt den heißen Tee aus der Thermosflasche, das Gebäck vom Morgen Sie sitzen auf der eilends gefegten Bank vor ihrer Tür schweigen und lauschen dem fernen…
DIE ALTE FRAU Schnee ist gefallenSchon wird es NachtAuf weißer Decke nicht eineSpur, nicht Vogel nicht KatzeEs kommt kein BesuchEs kommt keiner heutees kommt keiner morgenSie kehrt und kehrtimmer gründlicher kehrt sie denStraßenzugang zu ihrem Haus Annähernd gelesen | Das Gedicht ist schlicht gebaut: kurze, prosanahe Zeilen ohne Reim, ohne übermäßige Interpunktion. Es öffnet mit…
Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…
Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…
Ich bete zu Gott, weil in seiner Hand Mein Sein ist, mein Leib, mein Gefühl, mein Verstand, Mein Hoffen, mein Trachten zu jeglicher Stund Und ohne ihn redet kein Wörtlein mein Mund. Ich bete zu Gott, weil das Firmament Kein Licht und kein Lebendsein ohne ihn kennt; Ohne ihn steigt kein Tag auf den Bergen…
Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht…
LektüreNotizen | Der Titel Atlantis lokalisieren klingt nach poetischem Forschungsauftrag. Dieses ‚Lokalisieren‘ meint weniger eine geografische Suche als einen schöpferischen Akt, der sich in Lyrik, Kunst und jeder anderen Form der Kreation vollzieht – und dessen Scheitern bereits einkalkuliert. Atlantis: ein Ort, der in Legenden existiert, in Spekulationen, in Wunschbildern. Ein Ort, der verschollen ist,…
Ille Chamiers Gedicht Rosestock Holderblüh verdichtet ihre Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zu einer poetischen Collage aus Trauma und Überlebenspoesie. Geboren 1937, erlebte sie die Bombennächte um 1943 – als Sechsjährige – in unmittelbarer existenzieller Bedrohung, wie die Zeilen „horchte ich nach den Bombengeschwadern“ bezeugen. Die Szene der zersplitterten Fenster („Scherben lagen ums Gitterbett“) neben der unverletzten Schwester offenbart…
Das Gedicht als transgenerationale Übersetzungsarbeit? Eine Annäherung | In „margueriten“ rekonstruiert Norbert Hummelt nicht einfach die Erinnerungen seiner Mutter an den Zweiten Weltkrieg – er macht den Prozess der Rekonstruktion selbst zum Thema. Das lyrische Ich (als nachgeborener Sohn) wird zum Archäologen mütterlicher Erfahrungen, die nur fragmenthaft überliefert sind: in abgebrochenen Sätzen, verweigerten Liedern und weggelegten…
Annähernd gelesen | Zwei Ewigkeiten in drei schildert, wie das lyrische Ich „in der Ecke“ steht – nicht orientierungslos, sondern gezwungenermaßen im Dreieck von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Dieser symbolische Dreiklang wird zur Falle: eine „Triangel-Ecke“, in der sich das Ich verunsichert, beschämt und fragmentiert fühlt. Es bewegt sich unsicher zwischen Zuspruch und Urteil…
In anderer Haut hinaus und hören, was die streunenden Wörter erzählen. Aus: Gegenzauber (Strophe 1 Kräfte)
SZu Person und Hintergrund Susanne Stephan wurde 1963 in Aachen geboren und wuchs in Haßmersheim am Neckar auf. Sie ist die Nichte der Kinderbuchillustratorin und -autorin Margret Rettich. Sie studierte Germanistik, Geschichte und Romanistik u. a. in Tübingen und Paris. Während des Studiums arbeitete sie für Verlage und im Literaturarchiv Marbach, später mehrere Jahre als Lektorin im Belser-Verlag. Sie lebt als freie Autorin in Stuttgart.
Sie veröffentlicht Gedichte, Essays, Kurzprosa und Übersetzungen. Gedichte von ihr erschienen u. a. in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Literaturzeitschrift Akzente, in Anthologien und im Jahrbuch der Lyrik. Ihre Essays beschäftigen sich mit Ilse Aichinger, Eduard von Keyserling, Joseph Roth, August Stramm, John Cage, René Descartes und Novalis. Sie übersetzte Texte von Francis Ponge (deutsche Erstübersetzung). Der Gedichtband „Manovra d’autunno“ (übersetzt von Paola Del Zoppo) erschien 2016 im Elliot Verlag Rom.
Auszeichnungen und Stipendien: Thaddäus-Troll-Preis 2007, Kleiner Hertha Koenig-Preis, Jahresstipendium Baden-Württemberg 2005/06, Stipendium Deutsches Studienzentrum Venedig 2009, Casa Baldi in Olevano Romano, Heinrich-Heine-Haus Lüneburg, Gastkünstlerin am CERN Genf 2015.
Veröffentlichungen (Auszug)
Kurzprosa
Schriftlings (1997)
Lyrikbände
Tankstellengedichte. Klöpfer & Meyer, 2003
Gegenzauber. Gedichte. Klöpfer & Meyer, 2008
Drei Zeilen. Haiku. Mit Fotografien von Franz-Josef Kretz. Neuer Kunstverlag Stuttgart, 2013
Haydns Papagei. Gedichte. Klöpfer & Meyer, 2015
Essays und Sachbuch
Nelken. Ein Portrait. Matthes & Seitz Berlin (Reihe Naturkunden), 2018
Der Held und seine Heizung. Brennstoffe der Literatur. Matthes & Seitz Berlin, 2023
In anderer Haut hinaus und hören,was die streunenden Wörter erzählen.Aus: Gegenzauber (Strophe 1 Kräfte) SZu Person und Hintergrund Susanne Stephan wurde 1963 in Aachen geboren und wuchs in Haßmersheim am Neckar auf. Sie ist die Nichte der Kinderbuchillustratorin und -autorin Margret Rettich. Sie studierte Germanistik, Geschichte und Romanistik u. a. in Tübingen und Paris. Während…
Wer nach der Lektüre von Kartographie selbst diese Form der Welterschließung ausprobieren möchte, braucht keine Hightech-Ausstattung. Sike hat zwar digital gearbeitet, aber seine Grundtechnik ist analog: Fotos machen, ausdrucken, mit Tusche drüberzeichnen, ausschneiden, neu zusammensetzen. Der Einstieg ist niedrigschwellig.
Praktische Ansätze zum Ausprobieren:
Dérive praktizieren. Sike nennt das ziellose Stadtdurchstreifen als zentrale Arbeitsmethode: ohne Plan losgehen, fotografieren, Notizen machen. Nicht dokumentieren im journalistischen Sinn, sondern subjektiv sammeln – was fällt auf, was wiederholt sich, welche Orte erzeugen welche Stimmung? Danach: Fotos ausdrucken, nebeneinanderlegen, Verbindungen suchen.
Mit Schichten arbeiten. Transparentpapier über Fotos legen und drüberzeichnen. Oder mehrere Ausdrucke übereinanderlegen, Teile ausschneiden, neu kombinieren. Analoge Collage schärft den Blick dafür, wie Überlagerungen Bedeutung erzeugen.
Sequenzen ohne Text bauen. Drei, fünf, sieben Bilder nebeneinanderlegen und schauen: Entsteht eine Erzählung? Was passiert zwischen den Bildern? Wie verändert die Reihenfolge die Aussage?
Karten als Erzählform nutzen. Nicht geografisch, sondern emotional oder thematisch: eine Karte der eigenen Stadt mit persönlichen Markierungen, eine Karte eines Tages, eine Karte einer Beziehung. Wo sind Knotenpunkte? Wo Leerstellen?
Auch in kleinen Orten funktioniert das Kartografieren – vielleicht sogar interessanter als in der Großstadt. In einer Kleinstadt oder einem Dorf sind die Strukturen überschaubarer, die sozialen Netzwerke dichter, die Wiederholungen deutlicher sichtbar. Man begegnet denselben Menschen an verschiedenen Orten, Wege überkreuzen sich ständig. Das erzeugt andere Muster als in Buenos Aires.
Der Maßstab ändert sich: Statt Viertel kartiert man einzelne Straßenzüge, Plätze, die Verbindungen zwischen Ortskern und eingemeindeten Dörfern. Wo sind die Grenzen? Wo die Übergänge? Zeitlichkeit wird sichtbarer – wie sich Orte über den Tag, die Woche, die Jahreszeit verändern. Der Marktplatz samstags versus dienstags. Der Weg zur Arbeit, der im Winter anders aussieht als im Sommer.
Soziale Karten zeigen: Wer bewegt sich wo? Welche Orte sind für welche Gruppen relevant? Wo überschneiden sich Lebenswelten, wo nicht? In überschaubaren Orten sind diese unsichtbaren Grenzen oft schärfer als in Millionenstädten. Auch Leerstellen werden deutlicher: Was fehlt? Welche Orte gibt es nicht mehr? Welche Verbindungen sind abgerissen?
Die Dérive funktioniert auch hier – nur dass „ziellos umherwandern“ in einem überschaubaren Raum eine andere Qualität bekommt. Man entdeckt nicht Neues durch Zufall, sondern Bekanntes durch neue Perspektiven.
Ergänzende Literatur:
Scott McCloud: Understanding Comics – Der Klassiker. Erklärt, wie visuelle Erzählung funktioniert, wie Bilder Zeit und Raum organisieren.
Lynda Barry: What It Is und Syllabus – Praktische Übungen zum visuellen Denken, spielerisch angelegt.
John Berger: Sehen. Das Bild der Welt in der Bilderwelt – Kein Comic-Buch, aber grundlegend darüber, wie wir visuell wahrnehmen.
Nick Sousanis: Unflattening – Eine Dissertation als Comic über visuelles Denken, selbst experimentell.
Guy Debord: Theorie des Umherschweifens – Kurzer Text über Dérive, die situationistische Praxis des Stadtdurchstreifens.
Das Entscheidende: Anfangen. Mit dem Handy fotografieren, mit Schere und Kleber arbeiten, Dinge nebeneinanderlegen und schauen, was passiert. Visuelles Erzählen lernt man durchs Machen.
Kartographie ist die deutsche Erstveröffentlichung der 2019 in Argentinien erschienenen Graphic Novel Cartográfica des Illustrators und Comic-Künstlers Sike (Übersetzung: Lea Hübner, avant-Verlag, 128 Seiten, Hardcover).
Die Erzählung setzt ein, als ein junger Mann ins Buenos Aires der späten 2010er Jahre kommt – eine Stadt unter Inflationsdruck, geprägt von Protestbewegungen und wachsender sozialer Unsicherheit. Zunächst streift er scheinbar ziellos durch die Straßen, ohne Plan. Die Wanderung entpuppt sich jedoch als Suche nach Orientierung: der Wunsch, Koordinaten zu finden, die ihm helfen könnten, ein Leben zu strukturieren und einen Platz in der urbanen Gesellschaft zu besetzen.
Cover Sike – Kartographie – avant-verlag
Der Protagonist bleibt dabei konturenlos – kein psychologisches Porträt, sondern Wahrnehmungsinstanz. Er trifft Freunde, wird Teil sozialer Proteste, erlebt staatliche Gewalt gegen Demonstrierende, ist Zeuge, wie urbane Räume zu Konfliktzonen werden. Diese Erlebnisse sind als narrative Knotenpunkte angelegt: sie verbinden das Individuum mit gesellschaftlichen Phänomenen – Stadtplanung, digitale Überwachung, Cyberimplantate – und verknüpfen die innere Suche nach Orientierung mit der Materialität und Struktur der Stadt.
Buenos Aires fungiert nicht als Kulisse, sondern als lebendiger Organismus. Sike verortet die Handlung konkret: Viertel wie Abasto, Balvanera, Recoleta werden benannt, Orte wie Catalinas Sur und La Plata erscheinen. Das Straßengeflecht wird zur zweiten Haut der Hauptfigur. Die Stadt spiegelt topografische Komplexität ebenso wie soziale Beziehungen, politische Spannungen und psychische Zustände. Das urbane Gelände wird zur Metapher für innere und äußere Suchbewegungen.
Sike nähert sich den Themen – Identität, Zugehörigkeit, politische Mobilisierung, Überwachung – nicht über klassische Handlungsführung, sondern durch erzählerische Fragmente, essayistische Passagen und experimentelle Bildsequenzen. Traditionelle Panel-Layouts werden gesprengt. Die Panels wirken wie übereinandergelegte Schablonen, oft randlos, manchmal flächig wie Scherenschnitte. Formen überlagern sich, Konturen verschieben sich. Die Bildsprache wechselt zwischen dokumentarischer Genauigkeit und subjektiver Erinnerung – als würde der Protagonist seine eigene Landkarte der Stadt in Echtzeit erstellen.
Im Fokus stehen nicht nur geografische Karten, sondern auch metaphorische „Karten“ persönlicher Erlebnisse und sozialer Beziehungsnetzwerke. Elemente wie digitale Überwachung, politische Mobilisierung, Polizeigewalt oder Cybertechnologien werden ohne futuristische Überhöhung beschrieben – sie erscheinen als gegenwärtige gesellschaftliche Bedingungen, die bereits Teil des Alltags sind.
Kartographie ist autofiktional: eine Mischung aus eigenen Erfahrungen des Künstlers und Erlebnissen aus seinem Umfeld. Sike, der aus Illustration und Animation kommt und Erfahrung mit Straßenausstellungen und besetzten Häusern hat, verknüpft das Politische (Hausbesetzungen, Polizeigewalt, prekäre Arbeitsverhältnisse) mit dem Persönlichen (Freundschaft, Sex, Trauer, Ungewissheit). Das Buch ist kein klassischer Coming-of-Age-Comic, sondern ein soziokulturelles Porträt einer Generation, die sich in urbanen Räumen orientieren muss – inmitten politischer Unruhen und wirtschaftlicher Unsicherheit.
2022 wurde Cartográfica beim argentinischen Festival Crack, Bang, Boom! in der Kategorie „Bestes Werk für Erwachsene“ ausgezeichnet. Die deutsche Fassung wird als literarisch und stilistisch herausfordernd beschrieben – ein essayistisches urbanes Erkundungsprojekt in Bild und Text für Leser, die an komplexen Verknüpfungen von persönlicher Identität, sozialer Dynamik und städtischer Topografie interessiert sind.
Kartographie Text & Zeichnungen: Sike Übersetzung aus dem argentinischen Spanisch von Lea Hübner avant-verlag Veröffentlichung: Dezember 2024 128 Seiten, Hardcover 19 x 27 cm, Sonderfarben ISBN: 978-3-96445-126-2
Wie liest man visuell erzählte Geschichten so, dass sie haften bleiben?
Visuelles Erzählen ist keine Verkürzung von Text, sondern eine eigenständige Form der Welterschließung. Sikes Kartographie nutzt diese Form konsequent: Die Stadt Buenos Aires, ihre sozialen Spannungen, die innere Verfassung des Protagonisten werden nicht beschrieben, sondern gezeigt – in überlagerten Bildschichten, in Scherenschnitt-Kompositionen, in der Art, wie Formen sich verschieben und Konturen verschwimmen.
Gerade bei einem Werk wie Kartographie, das nicht linear erzählt, sondern assoziativ, in Schichten arbeitet, braucht es andere Lesetechniken:
Zeit lassen. Bildschichten erschließen sich nicht im Durchblättern. Eine Seite mehrfach betrachten: erst die Gesamtkomposition erfassen, dann Details entdecken, schließlich verstehen, wie Text und Bild zueinander stehen. Manchmal trägt das Bild allein die Bedeutung, manchmal füllt der Text Lücken, die visuell nicht darstellbar sind – etwa innere Zustände oder zeitliche Sprünge.
Räumlich denken. Sikes Karten-Metapher funktioniert auch als Leseanweisung: Die Seiten sind Terrain, das erkundet werden will. Wo überlagern sich Formen? Was steht im Vordergrund, was im Hintergrund? Welche visuellen Motive kehren wieder – Straßenzüge, Menschenmengen, architektonische Fragmente? Diese Wiederholungen bauen ein visuelles Gedächtnis auf, ähnlich wie man sich in einer Stadt orientiert, indem man Landmarken wiedererkennt.
Das Verhältnis von Bild und Text beobachten. Wo schweigt der Text, spricht das Bild. Wo das Bild fragmentarisch bleibt, ordnet der Text ein. Diese Arbeitsteilung bewusst wahrzunehmen, schärft den Blick: Welche Informationen werden nur visuell vermittelt? Welche Stimmungen entstehen durch Bildkompositionen, unabhängig vom Text? Wann widersprechen sich Bild und Text produktiv?
Wiederholung zulassen. Comics wie Kartographie erschließen sich oft erst beim zweiten Lesen. Beim ersten Durchgang entsteht ein Gesamteindruck, beim zweiten werden Verbindungen sichtbar – visuelle Echos, wiederkehrende Motive, thematische Bögen, die sich über die fragmentarische Erzählweise hinweg spannen.
Visuelles Erzählen fordert eine andere Form der Aufmerksamkeit: nicht linear, sondern assoziativ. Nicht konsumierend, sondern erkundend. Wer sich darauf einlässt, kann Geschichten erleben, die textbasierte Erzählformen nicht leisten können – weil sie zeigen, was sich nicht in Worte fassen lässt.
Ich dachte erst, das sei ein Haiku. Die Kürze, das Naturbild, diese Ruhe – es wirkte wie ein dreizeiliges japanisches Gedicht. Aber etwas stimmte nicht. Die Form passte nicht, und der Name Shōbōgenzō klang nicht nach einem Dichter. Ich habe nachgesehen. Kein Haiku, sondern Zen-Prosa.
Das Shōbōgenzō („Schatzhaus des wahren Dharma-Auges“) ist das Hauptwerk des japanischen Zen-Meisters Dōgen, geschrieben im 13. Jahrhundert. Kein Gedichtband, sondern eine Sammlung von etwa 95 philosophischen Traktaten, Lehrreden, meditativen Texten. Dōgen gründete die Sōtō-Zen-Tradition in Japan. Sein Schreiben ist dicht, metaphorisch, oft paradox. Er arbeitet mit Bildketten, Wortspielen, bewussten Mehrdeutigkeiten.
Ein klassisches Haiku hat eine feste Struktur: 5–7–5 Silben, einen Jahreszeitenbezug (Kigo), eine Schnittstelle (Kireji). Das hier erfüllt nichts davon. Es ist weder metrisch gebunden noch als eigenständiges Gedicht konzipiert. Es ist Zen-Prosa, verdichtetes Lehrbild, vielleicht koan-nah.
Die inhaltliche Nähe zum Haiku ist da: Reduktion, Naturbild, Andeutung statt Erklärung. Aber historisch und funktional gehört der Text in eine andere Tradition. Wenn man es benennen will: poetische Zen-Aphoristik. Bildhafte Lehrrede.
Was die Bilder bedeutenkönnen
Die drei Motive sind keine Naturbeobachtungen, sondern Gleichnisse:
Der Weg vollendet sich – nicht irgendwann am Ende, sondern im Vollzug selbst. Der Weg ist keine Strecke zu einem Ziel, sondern das, was sich im Gehen verwirklicht. Bei Dōgen heißt das: Übung ist nicht Vorbereitung auf Erleuchtung, sondern Erleuchtung im Vollzug.
Der Schnee fällt in tausend Flocken – unendliche Vielheit der Erscheinungen, fortwährendes Geschehen, Vergänglichkeit, die sich nie wiederholt.
Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden – die Welt als Darstellung, als Bild, nicht als festes Sein. Wahrnehmung ist Mit-Herstellung der Welt. Wirklichkeit ist immer schon geformt, perspektivisch, dargestellt.
Das sind keine Beschreibungen. Das sind Vollzüge.
Warum eignet sich das Shōbōgenzō so gut für Epigraphe?
Drei Gründe.
Erstens: Hohe kulturelle Autorität. Zen, Ostasien, Mittelalter, Spiritualität – das erzeugt sofort Tiefe und Ernst.
Zweitens: Bildhafte Sprache. Dōgen schreibt in Metaphern, die auch ohne Kenntnis des Systems wirken: Weg, Schnee, Berge, Zeit, Wasser, Spiegel.
Drittens: Offene Semantik. Viele Sätze sind bewusst mehrdeutig. Sie lassen sich leicht in existenzielle, poetische oder literarische Kontexte übertragen, ohne „falsch“ zu wirken.
Das macht das Shōbōgenzō zu einer idealen Quelle für Epigraphe – aber auch zu einer riskanten. Denn fast jedes Zitat ist aus dem Zusammenhang gerissen. Ein Satz aus dem Shōbōgenzō ist selten eine Aussage. Es ist fast immer eine Denkbewegung.
Was das Epigraph für den Roman leistet
Ich bin bei Kapitel vier. Noch weiß ich nicht, ob die drei Motive – Weg, Schnee, gemalte Berge – im Roman wiederkehren, ob sie sich entfalten, ob sie tragen.
Aber das Epigraph hat schon etwas getan. Es hat eine Lesehaltung gesetzt. Der Roman wird weniger als Handlung gelesen, mehr als Erfahrungsweg. Kontemplativ statt plot-orientiert. Es kündigt an: Hier geht es um Prozess, nicht um Ziel. Um Wahrnehmung, nicht um Fakten. Um Darstellung, nicht um feste Wirklichkeit.
Wenn sich das bewährt, ist das Epigraph ein Schlüssel.
Wenn nicht, war es Dekor.
Fünf Denkfelder, die bei Dōgen immer wiederkehren
Für spätere Epigraphe aus dem Shōbōgenzō halte ich mir fünf Grundthemen vor Augen, die bei Dōgen zentral sind und literarisch gut funktionieren:
Weg als Vollzug, nicht als Ziel. Übung ist nicht Vorbereitung, sondern Vollendung im Vollzug. Literarisch anschlussfähig für Entwicklungsromane ohne klares Ziel, Figuren in Übergangssituationen, Texte über Scheitern, Umwege, Abbrüche.
Zeit als Gegenwart, nicht als Abfolge. Bei Dōgen ist Zeit nicht Vergangenheit–Gegenwart–Zukunft als Linie, sondern jedes Ereignis ist seine eigene Zeit. Gegenwart ist der Ort, an dem Sein geschieht. Fruchtbar für Erinnerungsromane, fragmentarisches Erzählen, nichtlineare Strukturen.
Welt als Darstellung, nicht als feste Realität. Die Welt erscheint immer als Bild, als Perspektive. Wahrnehmung ist Mit-Herstellung. Wichtig für Texte über Erinnerung, unzuverlässige Erzähler, Identitätsromane, Literatur über Wahrnehmung und Illusion.
Sprache als Problem, nicht als Lösung. Dōgen ist radikal sprachskeptisch, obwohl er extrem sprachmächtig schreibt. Sprache zeigt, aber sie verdeckt auch. Begriffe fixieren, was in Bewegung ist. Deshalb arbeitet er mit Paradoxien, Bildketten, absichtlicher Mehrdeutigkeit. Anschlussfähig für selbstreflexive Texte, Romane über Schreiben, Figuren, die an Sprache scheitern.
Übung als Lebensform, nicht als Technik. Jede Handlung ist Übung. Alltag ist der Ort der Erkenntnis. Fruchtbar für Texte über Arbeit, Routine, Wiederholung, unspektakuläre Existenzen, Würde des Alltäglichen.
Das Shōbōgenzō liefert keine Thesen, sondern Denkhaltungen. Deshalb funktionieren seine Sätze als Haltungsangebote, Leseanweisungen, philosophische Untertöne – nicht als Erklärungen.
Ein Dōgen-Epigraph sagt selten: „So ist die Welt.“
Es sagt eher: „So könntest du diesen Text lesen.“
Was ich mir für die nächsten Epigraphe notiere
Wenn ich in Zukunft auf ein Shōbōgenzō-Zitat stoße, werde ich mir drei Dinge notieren:
Welches Grundthema ist hier im Spiel? Weg, Zeit, Wahrnehmung, Sprache, Praxis?
Welche Lesehaltung wird damit nahegelegt? Kontemplativ? Skeptisch? Prozesshaft? Perspektivisch?
Entspricht der Roman dieser Haltung – oder widerspricht er ihr?
So wird das Epigraph nicht religiös ausgelegt, sondern literarisch produktiv gemacht.
Annähernd gelesen | Zwischen Sprache, Ordnung und AuflösungJane Wels‘ Gedicht „Bitte versuchen Sie,“ ist ein Text über die Unmöglichkeit, gefasst zu werden – und zugleich ein Text, der sich selbst beim Versuch des Fassens beobachtet. Es spielt mit der Spannung zwischen Sprache und Identität, zwischen Ordnung und Auflösung, und ist dabei zugleich selbstreflexiv, ironisch und…
Annähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Gelesen habe…
Martin Maurach: Leben auf Geistes Schneide | Annähernd gelesen Fünf Zeilen die nicht als Gedicht nebeneinander stehen, sondern als ausgewählte Fragmente aus einer größeren Sammlung. Martin Maurach hat mir dankenswerterweise zur Entstehung geschrieben: Die Redaktion der „Konzepte“ hat aus seinen Prosafragmenten diese fünf ausgewählt und montiert. Der Text ist damit weniger als geschlossene Einheit zu…
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Ille Chamiers Gedicht Rosestock Holderblüh verdichtet ihre Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zu einer poetischen Collage aus Trauma und Überlebenspoesie. Geboren 1937, erlebte sie die Bombennächte um 1943 – als Sechsjährige – in unmittelbarer existenzieller Bedrohung, wie die Zeilen „horchte ich nach den Bombengeschwadern“ bezeugen. Die Szene der zersplitterten Fenster („Scherben lagen ums Gitterbett“) neben der unverletzten Schwester offenbart…
VON EINEM BUCH ZUM ANDERN WANDERN hunderte von Seiten lang durch die Pariser Vorstädte zurück in Büchners Zeit über Gedichte hinter dem Eisernen Vorhang mitten durch ein Ideen-Gewimmel aus Reiselust einen Blick auf Rom werfen, um wieder bei einer Tasse Tee den Vögeln zu lauschen, Nachbarn in ihrem Kommen und Gehen, auf dem Sofa, das…
In anderer Haut hinaus und hören,was die streunenden Wörter erzählen.Aus: Gegenzauber (Strophe 1 Kräfte) SZu Person und Hintergrund Susanne Stephan wurde 1963 in Aachen geboren und wuchs in Haßmersheim am Neckar auf. Sie ist die Nichte der Kinderbuchillustratorin und -autorin Margret Rettich. Sie studierte Germanistik, Geschichte und Romanistik u. a. in Tübingen und Paris. Während…
Wie kann man selbst visuell erzählen lernen? Wer nach der Lektüre von Kartographie selbst diese Form der Welterschließung ausprobieren möchte, braucht keine Hightech-Ausstattung. Sike hat zwar digital gearbeitet, aber seine Grundtechnik ist analog: Fotos machen, ausdrucken, mit Tusche drüberzeichnen, ausschneiden, neu zusammensetzen. Der Einstieg ist niedrigschwellig. Praktische Ansätze zum Ausprobieren: Dérive praktizieren. Sike nennt das…
Kartographie ist die deutsche Erstveröffentlichung der 2019 in Argentinien erschienenen Graphic Novel Cartográfica des Illustrators und Comic-Künstlers Sike (Übersetzung: Lea Hübner, avant-Verlag, 128 Seiten, Hardcover). Die Erzählung setzt ein, als ein junger Mann ins Buenos Aires der späten 2010er Jahre kommt – eine Stadt unter Inflationsdruck, geprägt von Protestbewegungen und wachsender sozialer Unsicherheit. Zunächst streift…
Wie liest man visuell erzählte Geschichten so, dass sie haften bleiben? Visuelles Erzählen ist keine Verkürzung von Text, sondern eine eigenständige Form der Welterschließung. Sikes Kartographie nutzt diese Form konsequent: Die Stadt Buenos Aires, ihre sozialen Spannungen, die innere Verfassung des Protagonisten werden nicht beschrieben, sondern gezeigt – in überlagerten Bildschichten, in Scherenschnitt-Kompositionen, in der…
„Der Weg vollendet sich. Der Schnee fällt in tausend Flocken. Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.“ – Shōbōgenzō Hansjörg Schertenleib | Der Antiquar Ich dachte erst, das sei ein Haiku. Die Kürze, das Naturbild, diese Ruhe – es wirkte wie ein dreizeiliges japanisches Gedicht. Aber etwas stimmte nicht. Die Form passte nicht, und der…
Hansjörg Schertenleib führt in seiner Erzählung „Der Antiquar“ die Figur des Fabrikanten Hermann Hotz ein, der im Chor singt. Eine Randbemerkung, beiläufig. Dennoch: Zum ersten Mal begegnete mir in einem literarischen Text jemand, der singt – nicht allein, nicht als Solist, sondern in der Gemeinschaft eines Chores. Da ich selbst im Chor singe, habe ich…
Die Erzählung folgt Arthur Dold, einem Antiquar, dessen offenbar ruhiges Leben durch einen Überfall ins Wanken gerät. Getrieben von Erinnerungen an seine Kindheit – als Sohn eines Gärtners, der als Zaungast großbürgerliche Welten beobachtete – beginnt er, den Fäden seiner Vergangenheit nachzuspüren. In diesem Prozess geraten seine innere Welt und sein Alltag zunehmend aus der…
Gesperrte Ablage. Unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945–1989Ines Geipel / Joachim Walther, Lilienfeld Verlag Mit Gesperrte Ablage legen Ines Geipel und Joachim Walther eine Literaturgeschichte vor, die lange nicht erzählt worden ist – und strukturell nicht erzählt werden konnte. Das Buch rekonstruiert jene literarischen Stimmen der DDR, die nicht publiziert, nicht rezipiert, nicht erinnert werden durften.…
1 069 000 Sonnenweiten entferntstrahlt er, der hellste Sternim Sternbild des großen Hundes.16,9 Jahre braucht sein Lichtbis hierher. Vierzehn Sonnenließen sich aus seiner Masse formen. Die Ägypter warteten auf ihn,ungeduldig, denn sein Erscheinenin der Morgendämmerung bedeutete:der Nil wird steigen, der Segen kommt. In Griechenland bezeichnetesein Wiederauftauchen am Osthimmeldie Opora – Obst und Wein reiften,doch Hippokrates…
Eine englische Wallfahrt | W. G. Sebalds 1995 erschienener Prosaband Die Ringe des Saturn entzieht sich von Beginn an einer eindeutigen Gattungszuordnung. Das Buch ist Reisebericht, Essay, Geschichtspanorama, autobiographische Meditation und literarische Montage zugleich. Ausgangspunkt ist eine scheinbar einfache Wanderung des Erzählers durch die ostenglische Grafschaft Suffolk, doch diese äußere Bewegung dient vor allem als…
Nathalie Schmids Gedicht arbeitet mit elementaren Bildern – Erde, Regen, Tag und Nacht – und setzt eine Gewissheit voraus, die es nicht erklärt. Das macht den Text offen und gleichzeitig präzise. Das lyrische Ich beginnt mit einer Feststellung: „es ist alles schon in mir / wonach ich suche / es ist bereits vorhanden“. Der Text…
Atlantis ist einer dieser Orte, die weniger durch Geografie existieren als durch Sprache. Je mehr über ihn gesprochen wurde, desto unauffindbarer wurde er. In der Lyrik taucht Atlantis deshalb selten als Schauplatz auf, sondern als Denkbewegung: als Frage nach Ort, Gewissheit und Verortung überhaupt. Zwei Gedichte – eines von Wisława Szymborska (Atlantis), eines von Nathalie…
„… Um die Dichter steht es schlechter. Ihre Arbeit ist hoffnungslos unfotogen. Da sitzt jemand am Tisch oder liegt auf dem Sofa, starrt unablässig an die Wand oder die Decke, schreibt von Zeit zu Zeit sieben Zeilen, von denen er nach einer Viertelstunde eine streicht, und wieder vergeht eine Stunde, und es geschieht nichts… Welcher…
nach Jane Wels (inspiriert durch ihr Gedicht Lilith – Zwei Versuche weiterzudenken, mir das Gedicht zu erarbeiten.) Wenn alles gesagt istund nichts getan,Worte liegenwie Staub auf den Händen. Erklärt wird,warum nicht gehandelt werden kann. Lilith bellt. Sprache will.Vermitteln.Verhandeln.Den Raum zwischen den Körpern füllen. Das Bellen.Kein Raum davor.Kein Raum danach. Es setzt sich.Es markiert. Kein Rückzug.Ein…
Ein Gedicht von Jane Wels – auf Instagram von ihr geteilt – fragt nach einem Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist. Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine, die Widerstand leistet gegen schnelle Antworten. Eine Annäherung. Die naheliegende Versuchung wäre, das Gedicht inhaltlich aufzulösen – aber bei Jane Wels funktioniert der…
Nachdem seine Frau ihn verlassen hat, lebt ein Schriftsteller um die fünfzig allein in seinem Haus in Irland. Nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch ist er aus seinem bisherigen Arbeits- und Lebensrhythmus gefallen. Körperlich eingeschränkt, verbringt er seine Tage mit Spaziergängen, Beobachtungen und Erinnerungen. In dieser Situation begegnet er Niamh, einer sechzigjährigen Irin, die ihn bittet, zum…
Am Zweig die Feder, klein, wiegt sich. Wildschweinschwärze aus dem Erdreich, beißt in die Nase. Mein weißer Hund im Schnee – fast weg. Foto: Oliver Simon
Hansjörg Schertenleib führt in seiner Erzählung „Der Antiquar“ die Figur des Fabrikanten Hermann Hotz ein, der im Chor singt. Eine Randbemerkung, beiläufig. Dennoch: Zum ersten Mal begegnete mir in einem literarischen Text jemand, der singt – nicht allein, nicht als Solist, sondern in der Gemeinschaft eines Chores. Da ich selbst im Chor singe, habe ich mich gefragt: Spielt Chorsingen in der Literatur überhaupt eine Rolle? Und wenn ja, welche?
Bei der Recherche bin ich auf etwas gestoßen, das mich erschreckt hat: Im deutschsprachigen Raum wird der Chor fast ausschließlich negativ konnotiert. Chorsingen gilt als Disziplinierung, als Gleichschaltung, als nostalgisches Relikt bürgerlicher Selbstformierung. In der Literatur taucht der Chor entweder als Symbol gescheiterter Gemeinschaft auf oder als Groteske – bei Genazino die peinliche Reste-Sinnstiftung, bei Jelinek die entindividualisierte Masse, bei Bernhard der Zwang zur Harmonie als Gewalt.
Das hat mich irritiert. Nicht, weil ich diese historischen Zusammenhänge bestreite – Männergesangvereine, nationale Liederfeste, Gleichschaltung: Das ist dokumentiert, das ist real. Aber es erklärt nicht, was ich erlebe, wenn ich singe.
Ich singe in einem Chor. Seit Jahren. Und nichts von dem, was ich dort erfahre, hat mit Gleichschaltung zu tun. Im Gegenteil.
Die Praxis: Was im Chor geschieht
Chorsingen ist zunächst einmal körperlich. Man atmet. Man steht, manchmal stundenlang. Man spürt, wie der Brustkorb vibriert, wie sich der Kiefer lockern muss, wie die Zunge Raum braucht. Das hat nichts mit Metaphorik zu tun – das ist Technik. Atemstütze, Vokalausgleich, Resonanzräume. Man lernt etwas, man verbessert sich, man scheitert auch.
Aber Chorsingen ist nie nur individuell. Die eigene Stimme existiert nur in Relation zu anderen. Ich höre den Sopran über mir, den Bass neben mir, ich höre, wo jemand zu früh einsetzt, wo die Intonation kippt. Ich passe mich an, ich stütze, ich lasse mich tragen. Manchmal bin ich schwach, und die anderen halten den Klang. Manchmal bin ich präsent, und ich merke, wie sich jemand an meiner Stimme orientiert.
Das ist kein Verschmelzen. Es ist Aushandlung. Permanent.
Der Dirigent gibt eine Geste – aber wie ich sie umsetze, hängt davon ab, was um mich herum klingt. Ein Chor ist kein Befehlssystem. Er ist ein Geflecht aus Angeboten und Reaktionen. Man ist Teil eines Ganzen, aber nicht aufgelöst darin.
Und dann gibt es Momente, in denen es einfach trägt. Wo der Klang größer ist als die Summe der Einzelstimmen. Wo man sich nicht mehr anstrengen muss, sondern einfach drin ist. Das ist keine Euphorie, keine Ekstase. Es ist eher ein Zustand von Präsenz ohne Anstrengung.
Die Leerstelle: Wo ist diese Literatur?
Ich habe gesucht. Nach Romanen, in denen Chöre zentral sind. Nach Texten, die diese Praxis ernst nehmen – nicht als Symbol, nicht als Ideologie, sondern als das, was sie ist: eine soziale und körperliche Erfahrung.
Im deutschsprachigen Raum habe ich fast nichts gefunden.
Christoph Hein lässt in Der fremde Freund eine Figur im Chor singen – aber der Chor ist dort Teil des DDR-Milieus, ein Symptom von Disziplin und innerer Leere. Ernst Augustin verhandelt in Robinsons blaues Haus das Singen als zivilisatorische Geste, aber nicht als konkrete Praxis. Bei Genazino sind Gesangsvereine Orte der Peinlichkeit, bei Jelinek wird der Chor zur chorischen Rede, zur Entindividualisierung.
Überall wird der Chor bedeutet. Nirgendwo wird er einfach beschrieben.
Das ist bemerkenswert. Gerade in einem Land mit einer so reichen Chortradition – Kirchenchöre, Kammerchöre, Arbeiterchöre, Laienchöre. Die soziale Realität ist massiv vorhanden. Die literarische Verarbeitung fehlt.
Vielleicht liegt es an der historischen Belastung. Der Chor im deutschen Kontext ist so sehr mit Nationalismus, Ideologie, bürgerlicher Selbstdisziplinierung verbunden, dass er literarisch nicht mehr unschuldig erzählt werden kann. Man muss ihn brechen, ironisieren, dekonstruieren. Eine ernsthafte, nicht-ironische Auseinandersetzung mit dem Chorsingen als körperlicher und sozialer Praxis scheint nicht möglich.
Oder es liegt daran, dass Schriftsteller:innen selten selbst im Chor singen.
Der andere Blick: Anglo-amerikanische Literatur
Im anglo-amerikanischen Raum sieht es anders aus. Dort gibt es andere Traditionen: Gospel, Spiritual, community singing. Der Chor ist dort weniger historisch kontaminiert. Er kann einfach Chor sein.
Bei Toni Morrison ist der Kirchenchor selbstverständlicher Teil der Erzählwelt. Bei Barbara Kingsolver wird Gesang als soziale Praxis beschrieben, nicht als Ideologie. Ann Patchetts Bel Canto kreist um die Verbindung von Stimme, Körper und sozialer Bindung.
Es gibt dort eine Literatur, die das Singen ernst nimmt – nicht als Symbol, sondern als Erfahrung.
Was (mir) fehlt: Eine Sprache für diese Praxis
Was ich vermisse, ist eine Sprache für das, was im Chor tatsächlich geschieht. Für das Zuhören. Für das Getragensein. Für die Spannung zwischen Individuum und Klangkörper. Für die Hierarchien, die Reibungen, die Momente des Scheiterns und des Gelingens.
Chorsingen ist keine romantische Verschmelzung. Es ist auch kein Disziplinarapparat. Es ist eine Praxis, die funktioniert – körperlich, sozial, musikalisch. Eine Praxis, die Differenz braucht, nicht Gleichklang.
Ich kann nicht sagen, ob diese Literatur noch geschrieben wird. Aber ich kann sagen, dass sie fehlt.
Offene Fragen
Vielleicht liegt die Schwierigkeit darin, dass Chorsingen weder heroisch noch tragisch ist. Es ist eine alltägliche Praxis. Man trifft sich, man singt, man geht wieder. Es gibt keine großen Erzählungen, keine Durchbrüche, keine Katastrophen.
Aber gerade darin könnte die literarische Herausforderung liegen: Wie erzählt man etwas, das so grundnatürlich ist wie gemeinsames Singen? Wie macht man sichtbar, was nebenbei geschieht – das Hören, das Atmen, das Sich-Orientieren an anderen Stimmen?
Wie schreibt man über Gemeinschaft, ohne sie zu verklären oder zu verdächtigen?
Die Erzählung folgt Arthur Dold, einem Antiquar, dessen offenbar ruhiges Leben durch einen Überfall ins Wanken gerät. Getrieben von Erinnerungen an seine Kindheit – als Sohn eines Gärtners, der als Zaungast großbürgerliche Welten beobachtete – beginnt er, den Fäden seiner Vergangenheit nachzuspüren. In diesem Prozess geraten seine innere Welt und sein Alltag zunehmend aus der Balance. Das Buch thematisiert die Macht der Phantasie, die Nachfrage nach existenzieller Bedeutung und das Verhältnis von Erinnerung und Gegenwart.
In der Leser-Community und in bibliografischen Einträgen wird Der Antiquar als erzählerisch solide, aber nicht immer durchweg überzeugend bewertet; die durchschnittlichen Leserbewertungen liegen auf Plattformen wie LovelyBooks/Goodreads moderat. In der literaturkritischen Auseinandersetzung wird das Werk nicht als sein stärkstes, aber als ein frühes, sorgfältig konstruiertes Stück im Œuvre Schertenleibs genannt.
Autor: Hansjörg Schertenleib (*4. November 1957 in Zürich) ist ein Schweizer Schriftsteller und Übersetzer, der seit den frühen 1980er-Jahren Prosa, Gedichte, Theatertexte und Hörspiele veröffentlicht. Er lebt(te) längere Zeit in Irland, den USA und Frankreich und schreibt in einer klaren, nüchternen Sprache, die wiederholt als sachlich und präzise charakterisiert wird. Zu seinen bekanntesten Werken zählt Das Zimmer der Signora.
Roman/Erzählung – Ursprüngliche Veröffentlichung 1991, Taschenbuchausgabe u. a. Aufbau TB, 2007. ca. 188 – 192 Seiten. ISBN-13: 978-3-7466-2397-9 (Aufbau); weitere Ausgaben auch Fischer Taschenbuch ISBN-13: 978-3-596-11494-8.
Titelbild: RoySnyder
Was mir bei der Lektüre auffällt:
Arthur Dold findet in einem Atlas einen Portolan. Es verzeichnet in frühes Bild der afrikanischen Küste. Was ist das? (Seite 10) Eine Portolankarte (ital. portolano, von porto = Hafen) ist ein mittelalterlicher Seekartentyp, der vom 13. bis 16. Jahrhundert vor allem im Mittelmeerraum verwendet wurde. Ihr charakteristisches Merkmal sind dichte Netze aus Rumbenlinien, die von mehreren Kompassrosen ausgehen und die Navigation nach Kursen ermöglichen. Im Gegensatz zu den zeitgenössischen, theologisch geprägten mappae mundi zeigen Portolankarten Küstenlinien mit erstaunlicher geometrischer Präzision, während das Binnenland meist leer bleibt oder nur schematisch angedeutet ist. Bis heute ist ungeklärt, nach welchem Verfahren die Kartographen diese Genauigkeit erreichten – ein Rätsel, das die Forschung seit über einem Jahrhundert beschäftigt. Der Name leitet sich von den schriftlichen Portolani ab, Handbüchern mit Hafenbeschreibungen und Kursangaben, aus denen die Karten vermutlich hervorgingen. Aus der Recherche zu Portolankarten ist ein literarischer Essay entstanden: Portolankarten als literarische Rätsel
In Hansjörg Schertenleibs Erzählung Der Antiquar gibt es eine Stelle, an der der Protagonist als Kind einen See kartiert. Mit eigenen Mitteln, aus eigener Anschauung. Das möchte ich ausprobieren, zunächst im Gelände das ich glaube zu kennen: Karten zeichnen wie früher — ein Versuch
Kapitel 2 – Hansjörg Schertenleib führt in seiner Erzählung „Der Antiquar“ die Figur des Fabrikanten Hermann Hotz ein, der im Chor singt. Eine Randbemerkung, beiläufig. Dennoch: Zum ersten Mal begegnete mir in einem literarischen Text jemand, der singt – nicht allein, nicht als Solist, sondern in der Gemeinschaft eines Chors. Da ich selbst im Chor singe, habe ich mich gefragt: Spielt Chorsingen in der Literatur überhaupt eine Rolle? Und wenn ja, welche? – Eine Recherche.
Gesperrte Ablage. Unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945–1989 Ines Geipel / Joachim Walther, Lilienfeld Verlag
Mit Gesperrte Ablage legen Ines Geipel und Joachim Walther eine Literaturgeschichte vor, die lange nicht erzählt worden ist – und strukturell nicht erzählt werden konnte. Das Buch rekonstruiert jene literarischen Stimmen der DDR, die nicht publiziert, nicht rezipiert, nicht erinnert werden durften. Es geht nicht um Randfiguren, sondern um ein systematisch erzeugtes literarisches Niemandsland: um Texte, Manuskripte und Autorinnen und Autoren, die aus politischen Gründen aus dem öffentlichen Literaturbetrieb ausgeschlossen wurden.
Der Titel ist programmatisch. Die „gesperrte Ablage“ bezeichnet sowohl einen administrativen Vorgang, als auch ein Verfahren kultureller Aussonderung. Literatur, die nicht den ästhetischen und ideologischen Vorgaben entsprach, wurde archiviert, beschlagnahmt oder schlicht zum Verschwinden gebracht. Damit verschwand nicht nur der Text, sondern auch seine Möglichkeit, Wirkung zu entfalten. Gesperrte Ablage macht sichtbar, wie umfassend dieser Mechanismus funktionierte – von den frühen Nachkriegsjahren bis zum Ende der DDR.
Das Buch ist dokumentarisch angelegt. Es verbindet historische Analyse mit biografischen Fallstudien und archivgestützter Recherche. Geipel und Walther greifen auf Stasi-Akten, Nachlässe, unveröffentlichte Manuskripte und Korrespondenzen zurück. Sichtbar wird eine literarische Parallelwelt: experimentelle Prosa, moderne Lyrik, politisch unbequeme Texte, ästhetische Entwürfe jenseits des sozialistischen Realismus. Viele dieser Texte existierten nur im Privaten, in Schubladen, in Abschriften oder als beschlagnahmte Aktenstücke.
Zugleich zeigt das Buch die biografischen Folgen dieser Ausgrenzung. Schreibverbote, Berufsverbote, Überwachung, Haft, erzwungene Anpassung oder innere Emigration prägten die Lebensläufe zahlreicher Autorinnen und Autoren. Literatur erscheint hier nicht als abstrakte Textproduktion, sondern als existenzielle Praxis unter repressiven Bedingungen.
Eine zentrale Stärke von Gesperrte Ablage liegt darin, dass es den etablierten Kanon der DDR-Literatur nicht ergänzt, sondern grundsätzlich infrage stellt. Der bekannte Literaturbetrieb – mit seinen Institutionen, Preisen und „kritischen“ Aushängeschildern – erscheint als selektives System, das Sichtbarkeit regulierte. Das Buch argumentiert implizit: Was wir heute als DDR-Literatur erinnern, ist nur ein genehmigter Ausschnitt. Die unterdrückte Literatur bildet keinen Rand, sondern ein verdrängtes Zentrum.
Besondere Bedeutung kommt dem Nachwort von Ines Geipel zu, das den Blick über die historische Darstellung hinaus öffnet. Hier geht es um die Zeit nach 1989 – und um die Frage, was mit dieser unterdrückten Literatur geschah, als die Zensur formal endete. Geipel macht deutlich, dass Sichtbarkeit nicht automatisch mit politischer Freiheit einsetzt. Viele Texte blieben weiterhin unbeachtet, viele Autorinnen und Autoren fanden kein Publikum, keine Verlage, keine Resonanz.
Exemplarisch verweist Geipel auf die späte Anerkennung von Helga Schubert, die 2020 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt. Diese Auszeichnung markiert keinen individuellen Glücksfall, sondern verweist auf eine verschobene Rezeptionsgeschichte. Jahrzehntelang existierten diese Texte ohne Öffentlichkeit. Geipel formuliert das pointiert: Texte existieren erst dort, wo sie gelesen werden. Schreiben braucht Publikum. Die Unveröffentlichten hatten Texte, aber kein Publikum.
Das Nachwort schärft damit den Blick für Rezeption als historischen Prozess. Es reicht nicht, Archive zu öffnen oder Manuskripte zugänglich zu machen. Literatur muss gelesen, eingeordnet, diskutiert werden. Die „gesperrte Ablage“ wirkt nach – auch im vereinten Deutschland, auch im kulturellen Gedächtnis der Gegenwart. Geipel versteht das Buch deshalb nicht als Abschluss, sondern als Intervention: als Aufforderung, Literaturgeschichte neu zu denken und Verantwortung für das Überlieferte wie für das Verdrängte zu übernehmen.
Diese Haltung spiegelt sich auch in Interviews und Gesprächen, die Geipel zum Projekt geführt hat. Immer wieder betont sie, dass unterdrückte Literatur kein Randphänomen war, sondern ein strukturelles Ergebnis staatlicher Kulturpolitik. Das von ihr und Joachim Walther aufgebaute Archiv unterdrückter Literatur in der DDR bildet die Grundlage dieses Buches – und zugleich einen Arbeitsraum, der bis heute nicht ausgeschöpft ist.
Gesperrte Ablage sehe ich als Gegenentwurf zu einer glatten, versöhnten Erinnerungskultur. Das Buch insistiert darauf, dass Literaturgeschichte nicht nur aus veröffentlichten Texten besteht, sondern auch aus verhinderten, blockierten, zum Schweigen gebrachten Stimmen. Wer sich mit DDR-Literatur, mit Kanonbildung oder mit der politischen Dimension von Öffentlichkeit beschäftigt, kommt an diesem Buch nicht vorbei.
1 069 000 Sonnenweiten entfernt strahlt er, der hellste Stern im Sternbild des großen Hundes. 16,9 Jahre braucht sein Licht bis hierher. Vierzehn Sonnen ließen sich aus seiner Masse formen.
Die Ägypter warteten auf ihn, ungeduldig, denn sein Erscheinen in der Morgendämmerung bedeutete: der Nil wird steigen, der Segen kommt.
In Griechenland bezeichnete sein Wiederauftauchen am Osthimmel die Opora – Obst und Wein reiften, doch Hippokrates wusste auch: Gallenkrankheiten herrschten nun.
Einen Monat, vom 23. Juli bis 23. August. Hundstage.
Im Mittelalter so lästig, dass vielerorts der Gottesdienst ruhte. Gelehrte verlegen noch heute ihre Hauptferien in diese Zeit.
Ob sich bestimmte Krankheiten des Gemüts und des Körpers mit Vorliebe unter dem Zeichen des Hundssterns in uns festsetzen – wer wollte das mit Gewissheit sagen.
Das Wetter richtet sich nicht genau nach dem Kalender. Aber heiße Tage bringt uns jeder Sommer, und ein Bildchen der Schweißnoth schien geeignet, die Sommersaison zu eröffnen.
W.G. Sebald beginnt sein Buch Die Ringe des Saturn mit den Hundstagen, an deren Ausklang er 1992 seine Fußreise durch Suffolk beginnt. Ein Beitrag aus der Illustrierten „Die Gartenlaube“ von 1887 über den Sirius und die historische Bedeutung dieser Tage bot Anlass für diese lyrische Annäherung.
Maria Arimanys Gedicht trägt einen vielversprechenden Titel: „In den Wald muss man gehen, wenn es noch dunkel ist“. Diese Idee birgt etwas Spannendes, fast Initiatisches – der Gang in die Dunkelheit als bewusste Entscheidung, als Schwelle zu einer anderen Wahrnehmung. Das Gedicht | Das Werk besteht aus zwei Spalten mit teils verrückten Zeilenumbrüchen. Die Autorin…
Der Künstler als Versuchsanordnung und Schaustück? Auf den ersten Blick scheint Annette Hagemanns Gedicht ARTIST ein feines, fast ehrfürchtiges Porträt eines schöpferischen Menschen zu sein – eines, der sich einen Raum erbittet, um seine Arbeit zu tun: „Du hattest um den Geheimnisraum gebeten, das Innere des Turms ein leuchtender Lichthof …“ Ein Bild der Sammlung,…
Manchmal landet man durch Zufall bei einem Lied, das einen nicht mehr loslässt. Bei mir war es eine Recherche zu Grit Lemkes Kinder von Hoy, die mich über den Singeklub Hoyerswerda zu Gundi und schließlich zu ihrer Tochter Linda Gundermann führte. Ihr Lied „Bindungsstil“ ist mir dabei begegnet – und ich höre es seitdem immer…
Die Gedanken sind frei – ein Lied, das zu oft als Beruhigungspille missbraucht wurde. Während Diktaturen Menschen einsperrten, sangen diese von ihrer inneren Freiheit, statt die äußeren Ketten zu sprengen. Diese Ambivalenz macht das Lied gefährlich und kraftvoll zugleich. Die Unzerstörbarkeit als Problem | Das Lied verkörpert eine jahrhundertealte Idee: die Unzerstörbarkeit der Gedanken- und…
Ihr seht mich an und nennt es Schuld. Doch meine Augen sind leer, weil ihr sie mir genommen habt. Ihr habt mich in dieses Gitter gestellt, mich zu eurer Bühne gemacht, mich schweigen lassen, damit ihr in mir sprechen könnt. Euer Blick legt Lasten auf mich, die ich nicht tragen will. Ich bin kein Spiegel…
Schnee knirscht unter Stiefeln Spuren ziehen sich heran Über die weiße Decke eine Linie, geradewegs zum Haus Es kommt jemand Es kommt einer heute unerwartet Er öffnet den Rucksack teilt den heißen Tee aus der Thermosflasche, das Gebäck vom Morgen Sie sitzen auf der eilends gefegten Bank vor ihrer Tür schweigen und lauschen dem fernen…
DIE ALTE FRAU Schnee ist gefallenSchon wird es NachtAuf weißer Decke nicht eineSpur, nicht Vogel nicht KatzeEs kommt kein BesuchEs kommt keiner heutees kommt keiner morgenSie kehrt und kehrtimmer gründlicher kehrt sie denStraßenzugang zu ihrem Haus Annähernd gelesen | Das Gedicht ist schlicht gebaut: kurze, prosanahe Zeilen ohne Reim, ohne übermäßige Interpunktion. Es öffnet mit…
Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…
Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…
Ich bete zu Gott, weil in seiner Hand Mein Sein ist, mein Leib, mein Gefühl, mein Verstand, Mein Hoffen, mein Trachten zu jeglicher Stund Und ohne ihn redet kein Wörtlein mein Mund. Ich bete zu Gott, weil das Firmament Kein Licht und kein Lebendsein ohne ihn kennt; Ohne ihn steigt kein Tag auf den Bergen…
Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht…
LektüreNotizen | Der Titel Atlantis lokalisieren klingt nach poetischem Forschungsauftrag. Dieses ‚Lokalisieren‘ meint weniger eine geografische Suche als einen schöpferischen Akt, der sich in Lyrik, Kunst und jeder anderen Form der Kreation vollzieht – und dessen Scheitern bereits einkalkuliert. Atlantis: ein Ort, der in Legenden existiert, in Spekulationen, in Wunschbildern. Ein Ort, der verschollen ist,…
Ille Chamiers Gedicht Rosestock Holderblüh verdichtet ihre Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zu einer poetischen Collage aus Trauma und Überlebenspoesie. Geboren 1937, erlebte sie die Bombennächte um 1943 – als Sechsjährige – in unmittelbarer existenzieller Bedrohung, wie die Zeilen „horchte ich nach den Bombengeschwadern“ bezeugen. Die Szene der zersplitterten Fenster („Scherben lagen ums Gitterbett“) neben der unverletzten Schwester offenbart…
Das Gedicht als transgenerationale Übersetzungsarbeit? Eine Annäherung | In „margueriten“ rekonstruiert Norbert Hummelt nicht einfach die Erinnerungen seiner Mutter an den Zweiten Weltkrieg – er macht den Prozess der Rekonstruktion selbst zum Thema. Das lyrische Ich (als nachgeborener Sohn) wird zum Archäologen mütterlicher Erfahrungen, die nur fragmenthaft überliefert sind: in abgebrochenen Sätzen, verweigerten Liedern und weggelegten…
Annähernd gelesen | Zwei Ewigkeiten in drei schildert, wie das lyrische Ich „in der Ecke“ steht – nicht orientierungslos, sondern gezwungenermaßen im Dreieck von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Dieser symbolische Dreiklang wird zur Falle: eine „Triangel-Ecke“, in der sich das Ich verunsichert, beschämt und fragmentiert fühlt. Es bewegt sich unsicher zwischen Zuspruch und Urteil…
Versuch schulisch zu lesen | Nathalie Schmids Gedicht „die namen der eisheiligen“ ist eine dichte lyrische Miniatur, die existenzielle Verlusterfahrung in einer poetischen Collage aus Stadt- und Naturbildern verarbeitet. In freier Form, ohne Satzzeichen oder konventionelle Struktur, oszilliert das Gedicht zwischen Bewegung und Erstarrung, zwischen Geräuschkulisse und sprachloser Introspektion. Es thematisiert das Ringen um Orientierung…
Interpretation zu Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ ist ein poetischer Erinnerungsraum, der sich mit Vergänglichkeit, Heimatverlust und dem Bewahren des Alltäglichen beschäftigt. In einer fragmentarisch-assoziativen Struktur – typisch für zeitgenössische Lyrik – reiht die Autorin Bilder aneinander, die zwischen Melancholie und stillem Humor oszillieren. Jede Strophe beginnt mit dem Wort „bevor“, wodurch…
Eine englische Wallfahrt | W. G. Sebalds 1995 erschienener Prosaband Die Ringe des Saturn entzieht sich von Beginn an einer eindeutigen Gattungszuordnung. Das Buch ist Reisebericht, Essay, Geschichtspanorama, autobiographische Meditation und literarische Montage zugleich. Ausgangspunkt ist eine scheinbar einfache Wanderung des Erzählers durch die ostenglische Grafschaft Suffolk, doch diese äußere Bewegung dient vor allem als Anlass für eine weitreichende innere und geistige Reise durch Jahrhunderte europäischer Kultur- und Gewaltgeschichte.
Essayistische Erzählweise
Das Buch folgt keiner linearen Handlung im klassischen Sinn. Sebalds Erzähler berichtet von einer Fußwanderung entlang der englischen Küste – von Norwich über Southwold, Dunwich und Somerleyton bis nach Lowestoft. Diese topographischen Stationen bilden jedoch lediglich lose Haltepunkte. Immer wieder schweift der Text ab, folgt Assoziationsketten, Erinnerungsfragmenten und historischen Exkursen, die sich teils weit von Ort und Zeit der Wanderung entfernen.
Charakteristisch ist Sebalds essayistische Erzählweise: Beobachtungen von Landschaften, Gebäuden oder Alltagsgegenständen lösen Reflexionen über historische Ereignisse, vergessene Biografien oder kulturelle Zusammenhänge aus. Diese Übergänge erfolgen oft scheinbar beiläufig, fast traumwandlerisch. Der Erzähler gleitet von der Betrachtung einer Brücke zu kolonialer Ausbeutung, von der Beschreibung eines Seidenraupenzucht-Versuchs zur Geschichte des chinesischen Reiches oder von einem verfallenen Landhaus zur Biographie des Schriftstellers Joseph Conrad.
Zentrale Motive: Verfall, Erinnerung, Gewalt
Ein zentrales Leitmotiv des Buches ist der Verfall – physisch, moralisch und kulturell. Sebald schildert verlassene Küstenorte, zerfallene Herrenhäuser, entvölkerte Landschaften. Diese äußeren Zeichen des Niedergangs spiegeln eine tiefere historische Bewegung: den langsamen, aber unaufhaltsamen Zerfall der europäischen Zivilisation, deren Fortschrittsversprechen immer wieder in Gewalt, Ausbeutung und Vernichtung umschlagen.
Eng damit verbunden ist das Thema der Erinnerung. Die Ringe des Saturn ist ein Buch gegen das Vergessen. Sebald gräbt verschüttete Geschichten aus: vergessene Kriege, marginalisierte Existenzen, Opfer kolonialer und industrieller Prozesse. Dabei geht es weniger um vollständige historische Rekonstruktion als um das Bewahren von Spuren – um das Sichtbarmachen dessen, was aus dem kollektiven Gedächtnis zu verschwinden droht.
Ein besonders bedrückendes Thema ist die allgegenwärtige Gewaltgeschichte, die Sebald nicht auf einzelne Ereignisse beschränkt. Ob es um die belgischen Gräueltaten im Kongo, den Bombenkrieg, die industrielle Vernichtung im Nationalsozialismus oder die Zerstörung von Natur und Tierwelt geht – Gewalt erscheint als strukturelles Prinzip menschlicher Zivilisation. Der Erzähler betrachtet diese Geschichte mit einer melancholischen, fast resignativen Nüchternheit.
Der Titel
Der Titel Die Ringe des Saturn fungiert als vielschichtige Metapher. Saturn ist in der Mythologie der Gott der Zeit und der Melancholie; seine Ringe lassen sich als Sinnbild zyklischer Wiederkehr, aber auch als Trümmerfeld verstehen – als Überreste zerstörter Monde. Sebald selbst deutet an, dass die Ringe aus den Bruchstücken eines einstigen Körpers bestehen könnten. Analog dazu setzt sich das Buch aus Fragmenten einer zerbrochenen Geschichte zusammen.
Zugleich verweist der Titel auf den melancholischen Grundton des Textes. Die Melancholie ist bei Sebald keine private Stimmung, sondern eine erkenntnistheoretische Haltung: ein wacher, trauriger Blick auf die Welt, der Zusammenhänge sieht, wo andere nur isolierte Fakten wahrnehmen.
Bild und Text
Ein weiteres charakteristisches Merkmal sind die eingestreuten Schwarz-Weiß-Fotografien. Sie zeigen Landschaften, Gebäude, historische Dokumente oder Porträts, sind jedoch meist unscharf, rätselhaft oder scheinbar belanglos. Diese Bilder fungieren nicht als Illustration im klassischen Sinn, sondern verstärken die Atmosphäre des Ungewissen und Fragmentarischen. Sie wirken wie Beweisstücke einer Realität, deren Bedeutung sich nie vollständig erschließt.
Stil und Wirkung
Sebalds Stil ist ruhig, präzise und zugleich von großer poetischer Dichte. Die langen, verschachtelten Sätze erzeugen einen Sog, der den Leser in einen Zustand konzentrierter Aufmerksamkeit versetzt. Die scheinbare Sachlichkeit des Tons steht in Spannung zur existenziellen Schwere der Themen.
Die Ringe des Saturn ist kein leicht zugängliches Buch, aber ein zutiefst nachhaltiges. Es fordert Geduld, Offenheit und die Bereitschaft, sich auf Abschweifungen einzulassen. Wer sich darauf einlässt, erlebt Literatur als Erkenntnisform – als ein Denken in Bildern, Erinnerungen und leisen Verbindungen.
LektüreNotizen
W.G. Sebald beginnt sein Buch mit den Hundstagen, an deren Ausklang er 1992 seine Fußreise durch Suffolk beginnt. Ein Beitrag aus der Illustrierten „Die Gartenlaube“ von 1887 über den Sirius und die historische Bedeutung dieser Tage bot Anlass für eine lyrische Annäherung: Sirius / Hundstage.
Otto F. Walters Roman Wie wird Beton zu Gras? (erstmals 1979 erschienen, hier in der Rororo-Taschenbuchausgabe von 1988 vorliegend) wird zur ökologischen Literaturbewegung der späten 1970er Jahre gezählt. Im Zentrum steht der Stadtplaner Viktor B., ein zerrissener Antiheld, der täglich an der Transformation natürlicher Landschaften in betonierte Stadt- und Industrieflächen mitwirkt. Sein Beruf steht im fundamentalen Konflikt mit seinem wachsenden…
Franz Hohler, der Schweizer Meister der leisen Töne, entführt uns in seinem 2017 erschienenen Roman Das Päckchen (Luchterhand Literaturverlag) auf eine Reise durch Zeit und Verantwortung. Die Geschichte ist mehr als nur eine spannende Quest (So bezeichnet von der hiesigen Bibliothekarin im Schulzentrum) – es ist eine Parabel über kulturelles Erbe, historische Schuld und die unerwartete Macht kleiner…
Renate Welsh veröffentlichte ihren Jugendroman „Besuch aus der Vergangenheit“ 1999. Das Buch erschien beim Arena Verlag, später auch in einer Textausgabe mit Unterrichtsmaterialien. Es umfasst etwa 144 Seiten und richtet sich an Leserinnen und Leser ab 12 Jahren. Die Geschichte beginnt mit einer unerwarteten Begegnung: Als Lena nach Hause kommt, steht eine Frau vor der…
David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär…
Den Mund voll ungesagter Dinge | Anne Freytag Die Geschichte ist kurz erzählt: Sophie, 17, kurz vor dem Abitur, lebt bei ihrem Vater. Einem Arzt. Der hat eine neue Lebensgefährtin, die in München lebt. Als ihr Vater im Alleingang beschließt zu dieser zu ziehen, muss Sophie mit. Ihre Mutter hatte sich sehr früh von der…
Nathalie Schmids Gedicht arbeitet mit elementaren Bildern – Erde, Regen, Tag und Nacht – und setzt eine Gewissheit voraus, die es nicht erklärt. Das macht den Text offen und gleichzeitig präzise. Das lyrische Ich beginnt mit einer Feststellung: „es ist alles schon in mir / wonach ich suche / es ist bereits vorhanden“. Der Text positioniert sich damit gegen eine Vorstellung von Mangel. Suche erscheint nicht als Bewegung nach außen, sondern als etwas, das bereits an sein Ende gekommen ist.
Darauf folgt eine Abfolge elementarer Bilder: „die erde ist da / die felder gepflügt / gute erde / nährender boden“. Erde, Felder, Regen, Tag und Nacht bilden keine erzählende Szene, sondern eine Art Grundinventar. Die Welt wird nicht entdeckt, sondern vorausgesetzt. Besonders auffällig ist, dass diese Bilder tätig sind: Felder sind „gepflügt“, der Boden ist „nährend“, der Tag „breitet sich aus“. Das Gedicht beschreibt Bedingungen von Leben, nicht dessen Ereignisse.
Formal arbeitet der Text additiv. Ein Bild folgt dem nächsten, ohne Hierarchie, ohne Steigerung, ohne Bruch. Die Zeilen sind ruhig, gleichmäßig, fast atemhaft. Es gibt keine Fragen, keine Gegenstimmen, keine Korrekturen. Dadurch entsteht ein Ton der Gewissheit, der nicht argumentiert, sondern behauptet.
Der Schluss führt eine Bewegung ein, ohne diese Gewissheit aufzuheben: „da ist die nacht / und sie fließt an unbekannte ufer“. Das Unbekannte erscheint hier nicht als Bedrohung, sondern als offene Fortsetzung. Der Text endet nicht in einem Abschluss, sondern in einem Übergang.
Das Gedicht ist kein Such- oder Erkenntnisgedicht. Es beschreibt ein Verhältnis zur Welt, in dem das Wesentliche vorhanden ist und Bewegung möglich bleibt, ohne dass Sicherheit verloren geht.
Beim erneuten Lesen kam mir die Verortung des Gedichts in Nathalie Schmids Rubrik „Atlantis lokalisieren“ in den Sinn – und ein Gedicht der polnischen Autorin Wisława Szymborska mit dem Titel „Atlantis“. Daraus hat sich eine weitere Lesart ergeben, die ich hier verlinke.
Atlantis ist einer dieser Orte, die weniger durch Geografie existieren als durch Sprache. Je mehr über ihn gesprochen wurde, desto unauffindbarer wurde er. In der Lyrik taucht Atlantis deshalb selten als Schauplatz auf, sondern als Denkbewegung: als Frage nach Ort, Gewissheit und Verortung überhaupt.
Zwei Gedichte – eines von Wisława Szymborska (Atlantis), eines von Nathalie Schmid (es ist alles…) – lassen sich unter diesem Fokus miteinander lesen, obwohl sie sehr unterschiedliche poetische Wege gehen. Gerade darin liegt für mich ihre produktive Spannung.
Szymborskas Gedicht Atlantis zeigt keinen Ort, sondern einen Diskurs. Jede Aussage wird sofort relativiert, jede Behauptung durch eine Gegenbehauptung begleitet. „Sieben Städte gab’s. / Ist das sicher?“ – Geschichte erscheint hier nicht als Überlieferung von Fakten, sondern als fortlaufendes Hin und Her zwischen Wissen, Zweifel und Vermutung. Atlantis existiert nur in diesem Schwebezustand. Es ist kein versunkener Kontinent, sondern ein Effekt des Sprechens über etwas Unbeweisbares.
Auffällig ist, dass das Gedicht nicht versucht, den Mythos zu entlarven oder zu bestätigen. Es baut vielmehr eine Bühne, auf der Behauptung und Rücknahme gleichzeitig stattfinden. Katastrophen werden genannt und sofort wieder negiert, Stimmen tauchen auf und verschwinden. Was bleibt, ist eine poetische Leerstelle: kein Mangel, sondern ein Zustand permanenter Unsicherheit. Atlantis wird hier nicht gesucht, sondern verfehlt – und genau dieses Verfehlen ist der eigentliche Gegenstand des Gedichts.
Stempeldruck – Oliver Simon
Ganz anders verfährt Nathalie Schmid in ihrem Gedicht es ist alles…, das im Kontext der Sammlung Atlantis lokalisieren steht. Hier gibt es keine Zweifel, keine Rückfragen, keine diskursiven Brüche. Der Text setzt mit einer klaren Behauptung ein: „es ist alles schon in mir / wonach ich suche“. Die Suche ist beendet. (Bevor sie beginnt?) Der Ort ist nicht verloren, sondern bereits vorhanden.
Die Bilder, die folgen, sind elementar und produktiv: Erde, Felder, Regen, Tag, Nacht. Sie beschreiben keine mythische Stadt, sondern eine innere Landschaft. Atlantis wird nicht benannt, sondern verkörpert. Es erscheint als Zustand des Daseins, nicht als historisches Rätsel. Auch hier gibt es Bewegung – etwa im Schlussbild der Nacht, die „an unbekannte ufer“ fließt –, doch diese Ungewissheit wird nicht problematisiert. Sie ist Teil eines fortdauernden inneren Prozesses, kein Anlass für Zweifel.
Liest man beide Gedichte zusammen, entsteht kein einheitliches Atlantis-Bild, sondern ein Spannungsfeld. Szymborskas Text zeigt, was geschieht, wenn Atlantis ausschließlich im Außen gesucht wird: Es zerfällt im Sprechen darüber. Schmids Gedicht zeigt eine Gegenbewegung: Die Lokalisierung erfolgt nach innen, jenseits von Beweisfragen und Überlieferung.
Atlantis erscheint so einmal als Ort der Sprache und einmal als Ort des Seins. Einmal als vibrierender Gedanke, der sich jeder Festlegung entzieht, einmal als innere Gewissheit, die keiner Bestätigung bedarf. Beide Texte antworten auf dieselbe Leerstelle – aber in entgegengesetzter Richtung.
Gerade diese Differenz macht sie – in meiner Lesart – anschlussfähig füreinander. Nicht als Varianten desselben Mythos, sondern als zwei poetische Strategien im Umgang mit dem Unverortbaren. Atlantis ist hier weder versunken noch gefunden. Es ist eine Bewegung zwischen Zweifel und Gegenwart, zwischen Diskurs und Erfahrung. Und vielleicht liegt genau darin seine anhaltende literarische Erzählkraft.
„… Um die Dichter steht es schlechter. Ihre Arbeit ist hoffnungslos unfotogen. Da sitzt jemand am Tisch oder liegt auf dem Sofa, starrt unablässig an die Wand oder die Decke, schreibt von Zeit zu Zeit sieben Zeilen, von denen er nach einer Viertelstunde eine streicht, und wieder vergeht eine Stunde, und es geschieht nichts… Welcher Zuschauer hielte es aus, dem zuzusehen? “ – Wisława Szymborska in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Literaturnobelpreises. (Aus dem Polnischen übertragen von Ursula Kiermeier)
Wisława Szymborska (1923–2012) war eine polnische Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin. Sie veröffentlichte ab den 1950er-Jahren zahlreiche Gedichtbände und erhielt 1996 den Literaturnobelpreis. Ihr Werk umfasst Gedichte, Prosatexte und Miniaturen, die sich zwischen Alltag, Beobachtung und existenziellen Fragen bewegen.
Der vorliegende Band ist eine deutschsprachige Gedichtauswahl in einer Brigitte-Edition, erlesen von Elke Heidenreich. Die Auswahl – herausgegeben von Karl Dedecius – vereint Texte aus verschiedenen Schaffensphasen in einem kompakten Sammelband, ohne chronologische Ordnung oder systematische Gliederung.
Obwohl Szymborska weithin bekannt ist (1996 erhielt sie den LiteraturNobelpreis) und viel über sie geschrieben wurde, dienen diese Lektürenotizen nicht der Einordnung oder Bewertung. Sie entstehen aus der direkten Begegnung mit den Gedichten, aus dem aktiven Lesen, Beobachten und Nachspüren von Themen, Motiven und Formexperimenten. Die Notizen dokumentieren, was beim Lesen auffällt, Fragen, Assoziationen und Rechercheanlässe – ein Zugang, der offen bleibt und die Texte in ihrer eigenen Sprache und Wirkung erfahrbar macht.
Wislawa Szymborska – Die Gedichte. Brigitte-Edition Band 12 – 2006 Karl Dedecius (Herausgeber, Übersetzer), Wislawa Szymborska (Autor), Dankesrede zur Verleihung des Literaturnobelpreises aus dem Polnischen übertragen von Ursula Kiermeier
Ein Gedicht von Jane Wels – auf Instagram von ihr geteilt – fragt nach einem Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist. Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine, die Widerstand leistet gegen schnelle Antworten. Eine Annäherung.
Die naheliegende Versuchung wäre, das Gedicht inhaltlich aufzulösen – aber bei Jane Wels funktioniert der Text eher als Denk- und Wahrnehmungsraum denn als verschlüsselte Botschaft. Die Frage ist nicht: Was will sie sagen? Sondern: Welche Spannung richtet sie ein? Welche Erfahrung wird verhandelt?
Gleichzeitigkeit statt Überlagerung
Der Einstieg ist körperlich und irdisch: Ruß, Schritte. Etwas setzt sich ab, verschmutzt Bewegung, Erinnerung, Alltag. Gleichzeitig dringt eine Nachricht aus maximaler Ferne herein: Curiosity fährt über den Mars.
Zunächst scheint das eine Überlagerung zu sein – das Private hier, das Ferne dort, eine fragmentierte Welt. Aber bei genauerer Betrachtung: Beides geschieht im selben Moment der Wahrnehmung. Das Subjekt ist nicht zwischen zwei Polen aufgeteilt, sondern immer schon an mehreren Orten zugleich. Das ist keine technisch vermittelte Erfahrung mehr, die von außen kommt – das ist Erfahrung heute. Keine Überlagerung, sondern Untrennbarkeit.
Tarnung als Strategie, nicht nur als Bedrohung
Die Knochensammlerraupe im Tarngewand evoziert etwas Archaisches, etwas Ungreifbares. Zunächst liegt es nahe, hier eine existenzielle Bedrohungslage zu sehen – Leben, das sich verdeckt, verwertet, sammelt. Etwas Apokalyptisches, das operiert, ohne sich zu zeigen.
Aber diese Raupe trägt ihr Tarngewand. Sie passt sich an, sie behauptet sich. Das ist nicht nur unheimlich – das ist auch eine Überlebensstrategie, eine Form organischer Selbstbehauptung. Die Raupe sammelt, verwertet – aber sie lebt auch. Das Gedicht lässt offen, ob hier Gefahr liegt oder Möglichkeit. Warum sollten wir es vorschnell schließen?
Ein Raum, in dem Sprache nicht gefüllt ist
Der eigentliche Kern liegt im langen Fragesatz:
„gibt es ein vages Terrain, einen leeren Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist“
Das ist eine poetologische Frage, aber auch eine psychische. Gesucht wird ein Ort für das Unsortierbare: Gerümpel in der Herzkammer, Nachtsänger, Dichteschwankung, Schaum.
Zunächst scheint das eine Klage zu sein über Sprache als Überfüllung, als etwas, das Erfahrungen zudeckt, festlegt, kolonisiert. Eine Erschöpfung angesichts totaler Kommunikation, Erklärung, Diskursivität.
Aber die Formulierung ist spezifischer: einen leeren Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist. Das heißt nicht: Es gibt zu viele Worte. Sondern: Kann Sprache selbst leer bleiben? Kann sie existieren, ohne sofort gefüllt zu werden?
Das ist keine Erschöpfung an Sprache – sondern eine Frage nach einer anderen Möglichkeit von Sprache. Nach einem Raum, in dem Sprache nicht identisch ist mit Bedeutung.
Der Void im Irdischen
Der Begriff Void ist entscheidend: nicht einfach Leere, sondern ein offener, nicht besetzter Raum. Die Frage lautet: Gibt es in dieser Welt noch einen Ort, der nicht sofort benannt, verwertet, semantisch geschlossen wird?
Lilith – keine Flucht, sondern eine Frage
Der Schluss kippt ins Mythische:
„oder flieh ich zu den Wüstenhunden, eine Lilith, die bellt.“
Zunächst scheint das eine Fluchtfigur zu sein: Lilith steht für das Ausgestoßene, das Unangepasste, weibliche Autonomie jenseits der Ordnung. Dass sie bellt, nicht spricht, wirkt wie eine Absage an artikulierte Sprache zugunsten eines archaischen, körperlichen Lauts. Eine Bewegung raus aus der Überfüllung, raus aus der Ordnung.
Aber das Gedicht fragt: „oder flieh ich?“ Das ist noch keine vollzogene Bewegung. Es ist eine mögliche Geste, die sich selbst befragt. Und dass Lilith bellt, muss nicht Absage heißen – es könnte auch Erweiterung sein. Ein Laut, der mehr ist als Wort, aber nicht weniger als Sprache.
Denkbewegung statt Festlegung
Das Gedicht verhandelt die Möglichkeit eines nicht besetzten Raums – aber es behauptet nicht, dass es ihn geben muss. Es stellt keine Sehnsucht aus, es verkündet kein Programm. Es beobachtet, es tastet ab, es fragt.
Es zwingt zur Korrektur, zur Verlangsamung. Das ist keine Schwäche der Lektüre, sondern Teil dessen, was der Text tut: Er entzieht sich der schnellen Festlegung. Die Denkbewegung, die er erzeugt, ist selbst schon der gesuchte Raum – ein Terrain, in dem Sprache noch nicht mit Worten angefüllt ist.
Nachdem seine Frau ihn verlassen hat, lebt ein Schriftsteller um die fünfzig allein in seinem Haus in Irland. Nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch ist er aus seinem bisherigen Arbeits- und Lebensrhythmus gefallen. Körperlich eingeschränkt, verbringt er seine Tage mit Spaziergängen, Beobachtungen und Erinnerungen.
In dieser Situation begegnet er Niamh, einer sechzigjährigen Irin, die ihn bittet, zum Chronisten ihres Lebens zu werden. In Gesprächen erzählt sie von ihrer verlorenen Liebe und von einem Irland, das in dieser Form nicht mehr existiert. Daneben prägen Begegnungen mit Freunden und Menschen aus seinem Umfeld den Alltag des Erzählers.
Der Roman bewegt sich zwischen Gegenwart und Rückblick. Erinnerungen an Kindheit, frühere Beziehungen und Lebensentscheidungen stehen neben alltäglichen Situationen sowie Gedanken über den eigenen Körper, das Älterwerden und das Schreiben. Reisen und Ortswechsel strukturieren den Text lose.
Der Roman ist episodisch angelegt und folgt der Wahrnehmung und dem Denken des Erzählers. Er entwickelt sich aus Momenten, Beobachtungen und Gesprächen und verzichtet auf eine durchgehende äußere Handlung.
Dieses Zitat hat der Autor dem Roman vorangestellt:
„You ain’t gonna miss your water until your well runs dry.“ – Bob Marley
Man kann den Satz „You don’t miss your water till your well runs dry“ leicht als Lebensweisheit abtun. Gerade deshalb lohnt es sich, ihn ernst zu nehmen – nicht als Spruch, sondern als Denkfigur. Denn was hier verhandelt wird, ist kein moralischer Appell, sondern eine Erfahrung von Zeit: Bedeutung entsteht verzögert.
In der Lyrik von Wisława Szymborska– sie ist mir dazu in den Sinn gekommen, weil ich derzeit ihre Gedichte lese – lässt sich diese Bewegung präzise beobachten. In Ende und Anfang setzt das Gedicht dort ein, wo das Eigentliche bereits vorbei ist. Der Krieg ist geschehen, die Zerstörung abgeschlossen. Übrig bleibt das Aufräumen. Straßen werden freigeräumt, Trümmer beiseitegeschafft, jemand muss wissen, „wie man einen Körper schiebt“. Das Gedicht verweigert das Ereignis und richtet den Blick auf das Danach. Genau dadurch wird sichtbar, was zuvor selbstverständlich war: Gehen, Wohnen, Ordnung, Alltag. Bedeutung entsteht nicht im Moment der Anwesenheit, sondern im Nachhall ihres Entzugs.
Noch deutlicher wird diese Logik im Gedicht Museum. Hier ist das Leben vollständig abwesend. Übrig geblieben sind Gegenstände: Schuhe, Teller, Schmuck, Alltagsreste. Sie liegen hinter Glas, katalogisiert, konserviert. Was sie bedeuten, entsteht erst dadurch, dass diejenigen fehlen, die sie benutzt haben. Die Dinge tragen plötzlich Gewicht, nicht weil sie besonders wären, sondern weil das Leben, das sie getragen hat, verschwunden ist. Das Museum ist der trockene Brunnen: ein Ort, an dem Bedeutung nur noch als Spur existiert.
Szymborska formuliert diese Einsicht nicht explizit. Sie baut sie. Ihre Gedichte funktionieren wie Versuchsanordnungen, in denen Abwesenheit Wahrnehmung erzwingt. Das unterscheidet sie grundlegend vom Sprichwort, obwohl beide dieselbe Bewegung vollziehen. Das Sprichwort benennt eine Erkenntnis. Das Gedicht erzeugt sie.
Hansjörg Schertenleib stellt diesen Satz an den Anfang seines Romans. Warum? Vielleicht markiert er einen Lesezustand. Nicht: Hier kommt eine Lehre. Sondern: Lies so, als sei etwas bereits verloren. Und prüfe, was dadurch sichtbar wird. Ob der Roman diese Struktur tatsächlich durchhält, ob er mit Verzögerung und Abwesenheit arbeitet – das wird sich zeigen.