Kategorie: Angeregte Dialoge

Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.

In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.

  • lonesome journalist

    lonesome journalist

    Eine literarische Spurensuche | Als Kultur- und Literaturblogger begegne ich immer wieder Romanen, die mehr sind als nur fiktive Geschichten – sie sind Spiegel der Medienrealität und zugleich Sehnsuchtsorte für das, was der Journalismus verloren zu haben scheint. Hansjörg Schertenleibs Roman „Der Papierkönig“ ist ein solches Werk: eine literarische Meditation über die Einsamkeit des recherchierenden Journalisten, die gleichzeitig eine scharfe Kritik an der heutigen Team-orientierten, durchorganisierten Medienlandschaft darstellt.

    Die Romanfigur als Archetyp

    Der Journalist Reto Zumbach versucht in Schertenleibs Roman, einen Mordfall zu rekonstruieren: Daniel Kienast, Torhüter der Schweizer Fußballnationalmannschaft, ist während einer Urlaubsreise durch Irland ums Leben gekommen. Zumbach wiederholt die Reise des Paares, fährt von Schauplatz zu Schauplatz und versucht, die Tragödie nachzuempfinden, aus der er ein Buch machen möchte.

    Diese Konstellation ist mehr als nur Romanhandlung – sie ist ein Manifest des Solo-Journalismus, wie er heute kaum noch existiert. Zumbach verkörpert den Typus des einsamen Rechercheurs, der sich ohne Redaktionsteam, ohne Fact-Checker und ohne die Sicherheit einer institutionellen Anbindung auf die Suche nach der Wahrheit macht. Seine Methode ist die der immersiven, fast obsessiven Recherche: Er begibt sich physisch an die Schauplätze, versucht die Perspektive der Protagonisten einzunehmen, lässt sich auf eine emotionale Reise ein, die weit über das hinausgeht, was heute als „professionelle Distanz“ gilt.

    Die Sehnsucht nach der authentischen Stimme

    In einer Zeit, in der Reportagen zunehmend von Teams recherchiert, von Datenanalysten unterstützt und von Rechtsabteilungen abgesegnet werden, wirkt Zumbachs Vorgehen wie aus einer anderen Zeit. Und tatsächlich ist es das – es erinnert an die großen Solo-Reporter der Vergangenheit, an Männer wie Egon Erwin Kisch oder später an Hunter S. Thompson, die ihre Subjektivität nicht versteckten, sondern als Instrument der Erkenntnis einsetzten.

    Zumbachs Spurensuche gerät ihm bald zur „schmerzlichen Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit“ – ein Prozess, der in der heutigen Medienlandschaft als unprofessionell gelten würde, aber gleichzeitig der Schlüssel zu einer authentischeren Form der Berichterstattung sein könnte.

    Constantin Schreiber und die Grenzen der institutionellen Neutralität

    Die Problematik des persönlich involvierten Journalisten zeigt sich exemplarisch bei Constantin Schreiber, dem „Tagesschau“-Sprecher, der nach körperlichen Angriffen aufgrund seiner Islam-Recherchen entschied, sich nicht mehr öffentlich zu diesem Thema zu äußern. „Es ist ja jedem Menschen selbst überlassen, über welche Themen er reden möchte. Und in meinem Fall ist es schwierig, ein polarisierendes Thema wie den Islam als ‚Tagesschau‘-Sprecher zu besetzen“, so Schreiber gegenüber der Welt.

    Hier zeigt sich der fundamentale Unterschied zwischen dem institutionell gebundenen Journalisten und dem einsamen Rechercheur à la Zumbach: Während Schreiber seine journalistische Neugier der institutionellen Rolle opfern muss, kann der Solo-Reporter seine persönliche Betroffenheit als Erkenntnismotor nutzen – allerdings um den Preis der Isolation und der fehlenden institutionellen Absicherung.

    Erwin Koch: Das Paradigma der literarischen Reportage

    Der Schweizer Reporter Erwin Koch verkörpert vielleicht am besten das, was Schertenleib in seinem Roman literarisch durchspielt. Kochs Arbeitsweise folgt genau jenem Muster, das auch Zumbach praktiziert: die radikale Hingabe an das Thema, gefolgt von der bewussten Distanzierung beim Schreibprozess.

    „Ich höre zu, ich beobachte. Ich will verstehen, nicht urteilen“, beschreibt Koch seine Methode. Und dann der entscheidende Satz: „In diesem Moment verliebe ich mich in sie.“ Doch beim Schreiben vollzieht sich die notwendige Transformation: „Beim Schreiben entliebe ich mich.“

    Diese Dialektik von Nähe und Distanz, von Empathie und Objektivität, ist das Herzstück der authentischen Reportage – und sie funktioniert nur, wenn der Reporter die Freiheit hat, sich vollständig auf sein Thema einzulassen, ohne sich vor Vorgesetzten rechtfertigen zu müssen.

    Die Meta-Ebene: Wenn der Journalist zur Romanfigur wird

    Schertenleibs „Der Papierkönig“ funktioniert auch als Meta-Kommentar über das Geschichtenerzählen selbst. Ein Teil der Handlung spielt in der irischen Wahlheimat des Autors, was die Grenzen zwischen Autor, Erzähler und Romanfigur verschwimmen lässt. Schertenleib, selbst zwischen Irland und der Schweiz pendelnd, projiziert seine eigenen Erfahrungen des Ortswechsels und der kulturellen Grenzüberschreitung auf seinen Protagonisten.

    Diese Verschränkung ist symptomatisch für einen Journalismus, der sich nicht mehr scheut, die eigene Position transparent zu machen. Zumbach ist kein neutraler Beobachter – er ist ein suchender, zweifelnder, von seiner eigenen Vergangenheit getriebener Mensch. Und gerade diese Subjektivität macht ihn zu einem glaubwürdigeren Zeugen als der angeblich objektive Team-Journalist.

    Der Selfie-Journalismus als Gegenbild

    Das Gegenteil der authentischen Solo-Reportage ist das, was kritisch als „Selfie-Journalismus“ bezeichnet wird – die Selbstinszenierung von Journalisten, die ihre Nähe zu Machtträgern zur Schau stellen. Während Zumbach seine persönliche Involvierung als Instrument der Erkenntnis nutzt, instrumentalisieren Selfie-Journalisten ihre vermeintliche Nähe zur Macht für die eigene Profilierung.

    Der Unterschied ist fundamental: Der einsame Rechercheur riskiert sich für die Geschichte, der Selfie-Journalist nutzt die Geschichte für sich. Zumbach begibt sich in Gefahr, um zu verstehen; der Selfie-Journalist inszeniert Gefahr, um zu gefallen.

    Marie Colvin und die Ethik des Risikos

    Die verstorbene Kriegsreporterin Marie Colvin verkörpert das Ideal des einsamen Rechercheurs in seiner extremsten Form. „Unsere Aufgabe ist es, die Wahrheit so neutral wie möglich zu berichten, aber wir sind keine Roboter. Wenn man das Leid sieht, bleibt man nicht unberührt“, so Colvin über die emotionale Dimension ihrer Arbeit.

    Dieser Satz könnte auch von Zumbach stammen – er beschreibt genau jene Balance zwischen professioneller Verpflichtung und menschlicher Empathie, die den authentischen Reporter ausmacht. Colvin starb 2012 bei einem Bombenangriff in Syrien – ein Opfer ihrer Überzeugung, dass wichtige Geschichten nur durch persönliche Präsenz erzählt werden können.

    Vom Roman zur Reportage – Ein methodischer Dreischritt

    „Der Papierkönig“ endet tragisch – Zumbach begreift „viel zu spät“ die Konsequenzen seiner Involvierung. Doch diese literarische Katastrophe sollte nicht davon abhalten, die im Roman verhandelte Arbeitsweise als methodische Inspiration zu verstehen.

    Der Weg vom Roman zur eigenen Reportage folgt einem bewährten Dreischritt: Erstens die aufmerksame Lektüre, die gesellschaftliche Phänomene hinter der Fiktion erkennt. Zweitens die Übertragung der literarischen Erkenntnisse auf reale Verhältnisse – wo gibt es heute Journalisten, die wie Zumbach arbeiten? Welche Geschichten harren der Aufarbeitung durch den einsamen Rechercheur? Drittens schließlich die eigene journalistische Spurensuche, bei der die im Roman beschriebenen Methoden praktisch erprobt werden.

    Dieser Ansatz erfordert Mut zur Subjektivität und die Bereitschaft, literarische Sensibilität mit journalistischer Präzision zu verbinden. Er macht den Kulturjournalisten zum Seismographen gesellschaftlicher Spannungen, die in der Belletristik oft früher sichtbar werden als in der Tagesberichterstattung.

    Die Solo-Reportage ist nicht tot – sie wartet darauf, durch aktive Lektüre wiederentdeckt zu werden. Hansjörg Schertenleibs Roman zeigt uns, wie dieser Weg aussehen könnte – auch jenseits der irischen Landschaften, in denen Zumbachs Geschichte spielt. Jeder Roman kann der Anfang einer neuen Recherche sein, jede Lektüre der Beginn einer journalistischen Spurensuche.

    Titelfoto: Kaspars Eglitis

    • Hansjörg Schertenleib – Palast der Stille

      Hansjörg Schertenleib – Palast der Stille

      In Palast der Stille begleitet man zwei Menschen, die – auf unterschiedliche Weise entwurzelt – eine Reise unternehmen, die sie an den Walden Pond in Massachusetts führt, jenen Ort, an dem Henry David Thoreau Mitte des 19. Jahrhunderts sein berühmtes Experiment der Einfachheit und Selbstgenügsamkeit begann. Von dieser symbolischen Landschaft aus entfaltet sich eine vielschichtige…

    • Sarah Kirschs Gedichte verstehen – Eine Annäherung

      Sarah Kirschs Gedichte verstehen – Eine Annäherung

      Wer zum ersten Mal ein Gedicht von Sarah Kirsch liest, steht oft vor einem Rätsel. Da ist die Rede von Bäumen und Vögeln, von Wetter und Landschaften – aber irgendwie schwingt da mehr mit, als man auf den ersten Blick sieht. Wie kann man sich dieser eigenwilligen Dichterin nähern, die aus der DDR stammte und…

    • lonesome journalist

      lonesome journalist

      Eine literarische Spurensuche | Als Kultur- und Literaturblogger begegne ich immer wieder Romanen, die mehr sind als nur fiktive Geschichten – sie sind Spiegel der Medienrealität und zugleich Sehnsuchtsorte für das, was der Journalismus verloren zu haben scheint. Hansjörg Schertenleibs Roman „Der Papierkönig“ ist ein solches Werk: eine literarische Meditation über die Einsamkeit des recherchierenden…

    • Atmen, Handeln, Lesen: Michael Fehr und das bewegte Lesen

      Atmen, Handeln, Lesen: Michael Fehr und das bewegte Lesen

      Laut gedacht | Ein Plädoyer für das körperliche Erleben von Literatur Der Atem gehört zum Erzählen «In der Schriftkultur haben wir völlig vergessen, dass der eigentliche Inhalt von Erzählung der Atem ist», sagt der Schweizer Autor Michael Fehr. Das klingt erst mal seltsam. Aber Fehr hat einen Punkt: Geschichten kommen aus dem Körper. Aus Atem,…

    • Aktiv/Bewegt Lesen – Bücher als Pool für eigene Ideen

      Aktiv/Bewegt Lesen – Bücher als Pool für eigene Ideen

      Was ist bewegt lesen? Bewegt lesen – so nenne ich meinen Ansatz zum aktiven Lesen – bedeutet, Bücher nicht nur zu konsumieren, sondern bewusst mit ihnen zu arbeiten. Der Begriff passt perfekt, weil Bücher mich tatsächlich in Bewegung setzen: vom Sofa zum Zeichentisch, vom Text zur Tat, von der Fiktion in die Realität. Statt passiv…

    • Lithopoesie – Steine Geschichten erzählen lassen

      Lithopoesie – Steine Geschichten erzählen lassen

      Steine zu sammeln ist fast alltäglich für mich. Meistens sind diese Fundstücke mehr als Dekorationsobjekte. Irgendwann bin ich auf die Lithopoesie – zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern lithos (Stein) und poiesis (Dichtung) – gestoßen. Sie macht Steine zu literarischen Partnern: Geologie und Imagination, Fundort und Fiktion verbinden sich dabei. Die Idee ist einfach: Jeder gefundene…

    • Lesen nach Hélène Cixous

      Lesen nach Hélène Cixous

      Ich greife nach Kafkas Verwandlung,der Einband, vertraut,schon wissend: Gregor, Käfer, Entfremdung. Doch heute steht die erste Zeilewie ein Fremder an der Tür. „Als Gregor Samsa eines Morgens …“ Ich stehe am Rand meines Wissens,warte einen Moment–überschreite dann über die Linie,die ersten bekannten Bilder kippen,der Text arbeitet. Ich lese mit dem Herzen eines Menschen,der noch keinen…

    • Die Kunst des Gesprächs mit dem Gedicht

      Die Kunst des Gesprächs mit dem Gedicht

      Eine persönliche Annäherung | Das Lesen von Gedichten ist oft eine intime, manchmal sogar mystische Erfahrung. Anders als ein Roman, der uns über hunderte Seiten in eine Welt entführt, begegnet uns ein Gedicht oft als Blitzlicht, als komprimiertes Universum in wenigen Zeilen. Und genau diese Eigenart macht das Gespräch über Lyrik so reizvoll und herausfordernd.…

    • Zeilen und Klänge

      Zeilen und Klänge

      Eine Handreichung zum Finden von Musik zu Gedichten. Für alle, die glauben, dass ein Gedicht klingen kann – auch nach außen hin. 1. Nicht die Playlist, sondern das Echo suchen Ein Gedicht wie „herbrig„ ist keine Liedvorlage und kein Musikvideo. Es ist ein „Echo-Raum“, der nach Resonanz sucht. Wer dazu Musik finden möchte, beginnt am…

    • Im Dialog mit Gedichten – Eine Einladung

      Im Dialog mit Gedichten – Eine Einladung

      Ich sitze vor einem Gedicht und verstehe es nicht. Oder: Ich verstehe es vielleicht, aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Die klassische Herangehensweise wäre jetzt: Stilmittel finden, Metaphern deuten, eine Interpretation formulieren. Aber genau das fühlt sich falsch an – als würde ich dem Gedicht etwas überstülpen, statt wirklich mit ihm in…

    • Reto Zumbach, Journalist & befangen

      Reto Zumbach, Journalist & befangen

      Ein Papierfabrikant begeht ein Verbrechen. Der Jornalist Reto Zumbach will die Tat und seine Umstände nachzeichnen und begibt sich auf eine Reise zum Anwesen des verurteilten und inhaftierten Unternehmers im Norden Irlands. Lesetagebuch: Der Papierkönig | Hansjörg Schertenleib Mich reizt der Rahmen der Geschichte: Ein Journalist auf Recherchereise, der zugleich in die Story verwickelt ist.…

    • Der Papierkönig | Hansjörg Schertenleib

      Der Papierkönig | Hansjörg Schertenleib

      Hansjörg Schertenleibs Roman „Der Papierkönig“ (erschienen 2008) arbeitet mit mehreren Ebenen: Die Brüche und Abgründe des Journalismus sowie die fragile Identität eines Mannes erkundet, der zwischen beruflicher Pflicht und persönlicher Krise schwankt. Protagonist Viktor Kessler, ein alternder Kulturjournalist, sieht sich mit der Auflösung seiner Ehe, dem Druck der Medienbranche und der Frage konfrontiert, was von…

    • Hansjörg Schertenleib – Zwischen Lesen und Schreiben

      Hansjörg Schertenleib – Zwischen Lesen und Schreiben

      „Am Anfang meiner Existenz als Schriftsteller hat mich die Frage ‹wer bin ich› kaum interessiert. Ich wollte eher wissen, ‹wer könnte ich sein›. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Ich bin mir schreibend auch selber auf der Spur. Bleibt die Frage: Ist es gut, zu wissen, wer man ist?“Hansjörg Schertenleib (tagblatt.ch) Der Konjunktiv…

    • Weibliche Perspektiven in der Literatur

      Weibliche Perspektiven in der Literatur

      In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen. Hier…

  • Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

    Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

    Manchmal landet man durch Zufall bei einem Lied, das einen nicht mehr loslässt. Bei mir war es eine Recherche zu Grit Lemkes Kinder von Hoy, die mich über den Singeklub Hoyerswerda zu Gundi und schließlich zu ihrer Tochter Linda Gundermann führte. Ihr Lied „Bindungsstil“ ist mir dabei begegnet – und ich höre es seitdem immer wieder.

    „Baby du passt nicht zu mein’m Bindungsstil“

    Dieser Satz fasst zusammen, was an dem Lied so besonders ist: Hier spricht eine Frau über das Scheitern ihrer Beziehung nicht nur mit Gefühl, sondern mit dem Vokabular der Psychologie. „Bindungsstil“ – ein Begriff aus der Therapie, aus Ratgebern, aus Instagram-Grafiken über toxische Beziehungen. Und genau diese Vermischung macht etwas sichtbar: Wie wir heute über Liebe sprechen, hat sich verändert. Wir analysieren, wir benennen Muster, wir versuchen zu verstehen, was schiefgelaufen ist.

    Aber hilft uns das wirklich? Oder steht uns diese ganze psychologische Sprache manchmal im Weg, wenn wir eigentlich einfach nur traurig sind?

    Kreisende Gedanken und volle Windeln

    Linda Gundermann beginnt mit einer Szene, die jede:r kennt, der schon mal eine Trennung durchgemacht hat: „Ich tanze in Kreisen im Gedankenfieber“. Diese nächtlichen Gedankenschleifen, in denen man immer wieder dasselbe durchkaut, ohne weiterzukommen. Und dann dieser Bruch: Vom psychologischen Fachbegriff („Bindungsstil“) zu „du scheißt dir die Hosen voll“.

    Das ist keine schöne Metapher, das ist brutal direkt. Und genau so fühlt sich eine gescheiterte Beziehung oft an: Auf der einen Seite die Erkenntnis, dass man vielleicht einfach nicht zusammengepasst hat. Auf der anderen Seite die Wut darüber, dass der andere bei jeder echten Nähe die Flucht ergriffen hat.

    Was mich besonders berührt, ist die zweite Strophe. Da wird es konkret: Siebzehn Liebesbriefe in alten Fotokisten. Ein gemeinsames Kind, das „FlowerPowerHippieLiebesKind“. Plötzlich geht es nicht mehr nur um die eigene Trauer, sondern um ein Kind, das beide Eltern im Gesicht trägt. „Die Familie, die wir nicht mehr sind“ – in diesem einen Satz steckt die ganze Schwere.

    Die Last der richtigen Worte

    Was passiert, wenn eine Mutter vor diesen Fotokisten sitzt, während das Kind im Nebenzimmer schläft? Sie versucht zu verstehen. Sie sucht nach Gründen. Und die Sprache, die ihr zur Verfügung steht, ist eben diese psychologische: Bindungsstil, Kompatibilität, Muster.

    Der Refrain wiederholt diese Erkenntnis wie eine Beschwörung: „Baby du passt nicht zu mein’m Bindungsstil“. Als müsste sie es sich selbst immer wieder sagen, damit es wahr wird. Damit es weniger wehtut. Aber in dem fast entschuldigenden Satz „Ich dacht ja echt zur Liebe gehört Qual“ blitzt etwas anderes auf: Die Ahnung, dass sie vielleicht zu lange in einer Beziehung ausgeharrt hat, die ihr nicht gutgetan hat.

    Der Wunsch nach dem Gegenteil

    Im letzten Teil des Liedes entwirft sie ein Gegenbild: „Und wenn sie ja sagt, dann sagt sie sogar wann“. Diese Zukunftsvision einer Beziehung, in der jemand klar kommuniziert, verlässlich ist, sich nicht wegduckt. Die Wiederholung dieser Wünsche wirkt fast beschwörend – als könnte sie sich durch das Aussprechen eine andere, bessere Liebe herbeireden.

    Zwischendurch bricht sie ab: „Gezeter bis: Wo war ich nochmal?“ Diese Momente zeigen die Zerrissenheit. Man verliert den Faden. Man springt zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Trauer und Hoffnung, zwischen dem Kind, das versorgt werden muss, und der eigenen Sehnsucht nach einer funktionierenden Partnerschaft.

    Was bleibt

    Linda Gundermanns „Bindungsstil“ ist ein Lied aus der Perspektive einer Frau, die beides sein muss: Mutter und Liebende. Die nach einer Trennung nicht einfach weiterleben kann, sondern Verantwortung trägt. Die verstehen will, was schiefgegangen ist – und dabei merkt, dass alle psychologischen Begriffe der Welt den Schmerz nicht kleiner machen.

    Wir sprechen heute anders über Liebe als frühere Generationen. Wir haben mehr Worte, mehr Konzepte, mehr Erklärungen. Aber ob das die Trauer leichter macht? Das bleibt offen. Vielleicht hilft die Psychologie, Ordnung ins Chaos zu bringen. Vielleicht steht sie aber auch manchmal nur im Weg, wenn wir eigentlich einfach nur fühlen müssten.

    Linda Gundermann ist die Tochter des Liedermachers Gerhard Gundermann (1955–1998), der als Baggerfahrer im Lausitzer Braunkohlerevier arbeitete und zu einer Symbolfigur des Ostens wurde. Grit Lemke beschreibt in ihrem dokumentarischen Roman „Kinder von Hoy“ (2021) die Kulturszene um den Singeklub Hoyerswerda, zu der auch Gerhard Gundermann gehörte.

    Die Website der Band: http://langeleitung.com

    • Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es…

    • Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung: Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich…

    • Nathalie Schmid: der geschmack von kartoffeln

      Nathalie Schmid: der geschmack von kartoffeln

      Nathalie Schmids Gedicht „der geschmack von kartoffeln“ porträtiert „einen schlag von frauen“ durch eine Collage körperlicher und alltäglicher Details, die auf den ersten Blick schlicht dokumentarisch wirken. Doch zwischen den Zeilen entfaltet sie eine Dichte, die mich bekümmert: ein Leben, das nur noch rückblickend Bedeutung hat. Verschlossene Innenwelten Die Frauen des Gedichts zeigen sich in…

    • Ein Zimmer für sich allein

      Ein Zimmer für sich allein

      Eine Begegnung mit Virginia Woolf über Umwege – Ausgangspunkt: Eine Lithographie von Wolfgang Mattheuer Manchmal führen merkwürdige Wege zu einem Text. In meinem Fall begann es mit einer Lithographie des DDR-Künstlers Wolfgang Mattheuer in dem Band „Äußerungen“. Zu finden ist der Druck vor dem ersten Texteintrag, trägt den Titel „Abendliches Studium“ und stammt aus dem…

    • Den Mund über Wasser halten

      Den Mund über Wasser halten

      Ein Essay über männliche Verantwortung im Angesicht von Femiziden I. Das Gedicht als Warnsignal Kathrin Niemelas Gedicht „Beckenendlage“ beginnt mit einem medizinischen Begriff – einer riskanten Geburtslage – und endet im Ertränkungsbecken. Es verbindet die Hinrichtung verurteilter „Hexen“ im isländischen Drekkingarhylur mit Agnes Bernauer in der Donau und mit den ertrinkenden Frauen im Mittelmeer. Der…

    • Rachel Cusks „Outline“ – Die Kunst des Verschwindens

      Rachel Cusks „Outline“ – Die Kunst des Verschwindens

      Rachel Cusks „Outline“ (2014, dt. „Outline – Von der Freiheit, ich zu sagen“) markiert einen radikalen Neuanfang in ihrem Werk. Nach zwei autobiografischen Büchern über Scheidung und Mutterschaft, die ihr heftige Kritik einbrachten, entwickelt die britische Autorin (*1967) eine völlig neue Erzählform: Sie lässt ihre Ich-Erzählerin beinahe verschwinden. Eine Erzählerin ohne Geschichte Eine namenlose Schriftstellerin…

    • Gioconda Bellis Maurenlegende. Moderne Version

      Gioconda Bellis Maurenlegende. Moderne Version

      Ich sehe von fern das Land, das ich verließ. Ich beweine als Frau, was ich als Mann nicht zu verteidigen wusste. Die historische Vorlage: Der Seufzer des Mauren Dieses kurze, aber kraftvolle Gedicht von Gioconda Belli nimmt Bezug auf eine der bekanntesten Erzählungen der spanischen Geschichte: die Legende vom „Seufzer des Mauren“ (el suspiro del…

    • Himbeeren – Valerie Zichy

      Himbeeren – Valerie Zichy

      HIMBEEREN das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über-all die…

    • Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

      Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

      Manchmal landet man durch Zufall bei einem Lied, das einen nicht mehr loslässt. Bei mir war es eine Recherche zu Grit Lemkes Kinder von Hoy, die mich über den Singeklub Hoyerswerda zu Gundi und schließlich zu ihrer Tochter Linda Gundermann führte. Ihr Lied „Bindungsstil“ ist mir dabei begegnet – und ich höre es seitdem immer…

    • Jane Wels‘ Sandrine

      Jane Wels‘ Sandrine

      Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…

    • Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…

    • BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…

    • Safiye Can – Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung

      Safiye Can – Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung

      Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021 Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In…

    • Ille Chamier – Lied 76

      Ille Chamier – Lied 76

      Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…

    • Weibliche Perspektiven in der Literatur

      Weibliche Perspektiven in der Literatur

      In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen. Hier…

    • Fünf Teller. / Fünf Hemden. / Fünf Sätze. / Keiner ganz.

      Fünf Teller. / Fünf Hemden. / Fünf Sätze. / Keiner ganz.

      Ille Chamiers Stil ist schwer zu imitieren – weil er nicht nur Technik, sondern eine Haltung ist. Ihre Sprache wirkt wie gehämmertes Geröll: kantig, verdichtet, mit plötzlichen Bildsprüngen. Ein Gedicht zum Thema „Sorgearbeit und Schreiben“ hätte bei ihr möglicherweise so geklungen: Mögliche Stilmerkmale (rekonstruiert aus ihren Texten): Lakonische Präzision:Nicht:„Die Last der unendlichen Pflichten drückt mich…

    • Ille Chamier – Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…

      Ille Chamier – Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…

      Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen: Die Last der unsichtbaren Arbeit Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:…

    • Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

      Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

      Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…

  • Atmen, Handeln, Lesen: Michael Fehr und das bewegte Lesen

    Atmen, Handeln, Lesen: Michael Fehr und das bewegte Lesen

    Der Atem gehört zum Erzählen

    «In der Schriftkultur haben wir völlig vergessen, dass der eigentliche Inhalt von Erzählung der Atem ist», sagt der Schweizer Autor Michael Fehr. Das klingt erst mal seltsam. Aber Fehr hat einen Punkt: Geschichten kommen aus dem Körper. Aus Atem, Stimme, Rhythmus.
    Wir lesen heute stumm vom Bildschirm oder aus dem Buch. Dabei vergessen wir: Texte entstehen durch Menschen, die atmen. Fehr denkt an Sufis, die ihre Verse rezitieren: «die Atemtechnik, wie sie Luft holen, wie viel Luft sie ausstossen, ist fast präsenter als die eigentliche Artikulation.»

    Was der Atem uns erzählt

    Fehr geht noch weiter: «Er berichtet von der Existenz, über dein fundamentales Wesen. In dem Moment, in dem du zu atmen aufhörst, gibt es dich nicht mehr.» Das ist keine esoterische Spinnerei. Jeder Autor hat seinen eigenen Atemrhythmus – und der prägt seine Sätze.
    Denk an Bernhard: Diese endlosen, atemraubenden Satzschlangen, die sich über Seiten hinziehen. Oder an Hemingway: Kurz, präzise, wie kontrollierte Atemstöße. Bei Proust verlierst du dich in mäandernden Atembögen, die Erinnerung werden.

    Vom Hören zum stummen Lesen

    Jahrtausende lang wurden Geschichten erzählt, gesungen, rezitiert. Der Rhapsode in der Antike, der Märchenerzähler am Lagerfeuer, der Minnesänger am Hof – sie alle arbeiteten mit ihrem Körper. Ihre Geschichten lebten vom Atem, von Pausen, von Beschleunigung und Verlangsamung.
    Das stumme Lesen ist historisch gesehen ein Neuling. Noch Augustinus wunderte sich im 4. Jahrhundert über Ambrosius von Mailand, der Texte las, ohne die Lippen zu bewegen. Heute ist das selbstverständlich – aber haben wir dabei etwas Wichtiges verloren?
    Fehr meint: «Alles!» Der Atem verbindet uns mit dem ursprünglichen Kern des Erzählens. Mit der Zeit, in der Geschichten noch Ereignisse waren, nicht nur Information.

    Praktische Übung: Der Atem-Text

    Probier es aus: Nimm einen Text zur Hand. Lies ihn erst still. Dann laut – und achte dabei auf deinen Atem:

    • Wo musst du Luft holen?
    • Welche Sätze fordern dich heraus, welche fließen leicht?
    • Wie atmet der Autor? Kurze, hektische Sätze oder lange, ruhige Bögen?

    Der Text wird körperlich erfahrbar. Kafka atmet anders als Handke. Virginia Woolf anders als Hemingway.

    Handlung oder Zustand: Ein Lese-Werkzeug

    Fehr sagt klar: «Die Literatur sollte sich darauf beschränken, Handlungen zu beschreiben, statt Zuständen.» Er kritisiert «Befindlichkeitsliteratur» – das mag provokant sein, aber es gibt uns ein nützliches Werkzeug.

    Der Handlung-Zustand-Test

    Beim nächsten Roman, den du liest, markiere oder notiere:

    • Grün: Passagen, die Veränderung, Bewegung, Handlung beschreiben
    • Rot: Passagen, die in Stimmungen, Befindlichkeiten, statischen Beschreibungen verharren

    Du wirst sehen, welche Muster da sind. Manche Autoren arbeiten mit der Spannung zwischen beidem. Andere versacken wirklich in endlosen Zustandsbeschreibungen.

    Deinen eigenen Lese-Rhythmus finden

    «Jede Person hat ihre Geschwindigkeit», sagt Fehr. Das gilt auch fürs Lesen. Lass dich nicht von fremden Tempo-Vorgaben drängen. Finde heraus, wie du am besten liest:

    • Manche Texte will man schnell verschlingen
    • Andere brauchen Zeit, Pausen, mehrmaliges Lesen
    • Wieder andere entfalten sich nur im langsamen Durchgehen

    Versuch mal: Lies dasselbe Gedicht in verschiedenen Geschwindigkeiten. Was passiert mit der Bedeutung? Mit deinem Verstehen? Mit dem Gefühl dabei?

    Zusammen lesen macht mehr Sinn

    Fehr will eine Kultur des Teilens: «Wenn ich dir mein Talent zur Verfügung stelle und du mir deins, kommen wir gemeinsam weiter.» Das lässt sich direkt aufs Lesen übertragen:

    • Lesekreise, die über oberflächliches Gerede hinausgehen
    • Gemeinsam laut lesen – verschiedene Stimmen hören verschiedene Textebenen
    • Notizen teilen: Deine Fragen, Eindrücke, Zweifel mit anderen Lesenden teilen

    Was Texte über uns Menschen erzählen

    Fehr redet von «Fundamentalem» – nicht im religiösen Sinn, sondern als Grundlagen menschlicher Erfahrung. Aktives Lesen kann heißen, in jedem Text danach zu suchen:

    • Was sagt dieser Roman über das Menschsein?
    • Welche Ur-Erfahrungen werden hier behandelt?
    • Wie verändert mich diese Lektüre?

    Unbekannte Bücher lesen

    Am Ende des Interviews sagt Fehr: «ich plädiere dafür, dass mehr Leute in Züge steigen, von denen sie nicht wissen, wo sie ankommen.»
    Das können wir aufs Lesen übertragen. Statt immer nur Bewährtes zu lesen, Bestseller zu verfolgen oder Algorithmen zu vertrauen: Nimm unbekannte Bücher zur Hand. Lass dich von Atem, Rhythmus und unerwarteten Geschichten tragen.

    Literatur wird dann wieder zu dem, was sie mal war: eine lebendige, körperliche Erfahrung, die dich verändert.

  • Michael Fehr und sein „Simeliberg“

    Michael Fehr und sein „Simeliberg“

    In der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur gibt es Autoren, die nicht nur durch ihre Texte, sondern durch ihre gesamte künstlerische Präsenz beeindrucken. Michael Fehr ist einer von ihnen. Der 1982 in Bern geborene Schweizer Autor hat sich als Erzähler, Performer und Kulturvermittler einen Namen gemacht – und das auf eine ganz besondere Art und Weise.

    Ein Autor zwischen den Genres

    Michael Fehr ist Schriftsteller und Darsteller: Weil er sehbehindert ist, lässt er sich seine eigenen Texte von einem Abspielgerät ins Ohr sprechen, um sie dann laut vorzutragen. Mit Gitarre, Trommel und seiner Stimme haucht er seinen bildstarken Geschichten Leben ein und unterstreicht deren Musikalität. Diese performative Herangehensweise macht seine Lesungen zu einzigartigen Erlebnissen, bei denen Text und Klang eine untrennbare Einheit bilden.

    Nach seinem Studium am Schweizerischen Literaturinstitut Biel und am Y Institut der Hochschule der Künste Bern hat sich Fehr nicht nur als Autor etabliert, sondern auch als Schweizer Projektleiter für „Babelsprech“ zur Förderung junger deutschsprachiger Dichtung engagiert. Seine literarische Arbeit wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Kelag-Preis am Ingeborg-Bachmann-Preis und 2018 mit einem Schweizer Literaturpreis.

    „Simeliberg“ – Eine Schweiz ohne Klischees

    2015 erschien mit „Simeliberg“ Fehrs zweites Buch nach „Kurz vor der Erlösung“ (2013). Bereits der Titel weckt Assoziationen: Er erinnert sowohl an das gleichnamige Grimmsche Märchen als auch an das melancholische Volkslied „Vreneli ab em Guggisberg“. Diese Bezüge schaffen eine Verbindung zur schweizerischen Kultur und Folklore, verleihen dem Werk aber auch eine märchenhafte und zugleich melancholische Grundstimmung.

    Doch was Fehr hier präsentiert, ist alles andere als eine romantische Verklärung der Schweiz. „Simeliberg“ ist ein abgelegener Ort, an dem der Autor die dunkel verschatteten Herzen der Schweizer ausleuchtet. Es ist zum einen ein Krimi, zum anderen ein düsteres Sittenbild der gar nicht heilen Schweiz – eine Schweiz ohne Klischees.

    Zwischen den Fronten

    Im Zentrum der Erzählung steht ein rätselhafter Kriminalfall, der verschiedene Figuren in seinen Bann zieht. Da sind die Menschen Weiss und Wyss droben, der Bauer Schwarz drunten, und dazwischen der Grenzgänger Griese, der je länger, desto stärker zwischen alle Fronten und in die Mühlen der Behörden gerät. Der Gemeindsverwalter Anatol Griese stolpert nicht nur unversehens in diesen Kriminalfall hinein – er wird zu einer Figur, die exemplarisch für die existenzielle Verwirrung und Vereinsamung steht, die Fehr in seinem Werk thematisiert.

    Eine karge, aber liebevolle Sprache

    Was „Simeliberg“ besonders auszeichnet, ist Fehrs einzigartige Erzähltechnik. Er erzählt in einer so kargen wie liebevollen Sprache, die ohne Punkt und Komma auskommt und dadurch einen fließenden, fast hypnotischen Rhythmus entwickelt. „Der schwarze Matsch unten im Krachen, das weissliche Licht der Behörden, die roten Fantasien vom Mars“ – solche Textpassagen zeigen, wie Fehr mit Farbsymbolik und suggestiven Bildern arbeitet, um eine Atmosphäre von existenzieller Wucht zu schaffen.

    Literatur als Gesamtkunstwerk

    „Simeliberg“ ist nicht nur Roman – es ist ein vielschichtiges Werk, das durch seine besondere Erzähltechnik, seine poetische Sprache und seine kritische Auseinandersetzung mit der schweizerischen Gesellschaft besticht. Michael Fehr bricht traditionelle Erzählformen auf und beschreitet durch seine performative Herangehensweise neue Wege der Literaturvermittlung.

    In einer Zeit, in der Literatur oft in Kategorien gepresst wird, steht Michael Fehr für eine Kunst, die sich dem widersetzt – zwischen Schrift und Klang, zwischen Krimi und Gesellschaftskritik, zwischen Märchen und Realismus. „Simeliberg“ ist ein Buch, das man nicht nur lesen, sondern erleben sollte – am besten in einer von Fehrs eindringlichen Performances, wo Text und Musik zu einer unverwechselbaren literarischen Erfahrung verschmelzen.

    Bibliografische Angaben
    Michael Fehr: Simeliberg
    Verlag: Der gesunde Menschenversand
    Erscheinungsjahr: 2015
    Genre: Roman/Krimi

    Weitere Werke von Michael Fehr:
    Kurz vor der Erlösung (2013)
    Glanz und Schatten (für das er 2018 den Schweizer Literaturpreis erhielt)

    Auszeichnungen:
    Kelag-Preis am Ingeborg-Bachmann-Preis für „Simeliberg“
    Schweizer Literaturpreis 2018 für „Glanz und Schatten“

    Titelbild: Piero Di Maria

  • Über die Kunst des dialogischen Lesens mit Jane Wels‘ „Sandrine“

    Über die Kunst des dialogischen Lesens mit Jane Wels‘ „Sandrine“

    Eine Ergänzung zur literarischen Analyse – von der Theorie zur Praxis des aktiven Lesens

    Was geschieht, wenn wir einen Text wie „Sandrine“ nicht nur lesen, sondern ihm antworten? Wenn wir die fragmentarischen Erinnerungen nicht als abgeschlossenes Kunstwerk betrachten, sondern als Einladung zu einem Dialog verstehen?
    Diese Frage entstand aus einem intensiven Gespräch über Jane Wels‘ Text und führte zu einer grundlegenden Überlegung: Literatur ist nichts Feststehendes, sondern dem Prozess des Lesens und Reflektierens ausgesetzt.

    Die Einladung annehmen

    „Sandrine könnte eine jede sein“ – dieser Satz aus dem Text ist mehr als nur eine Beobachtung. Er ist eine explizite Öffnung, eine Aufforderung an uns Lesende: Du könntest Sandrine sein. Du könntest ihre Erinnerungen mit deinen eigenen füllen.
    Die bewusst gesetzten Leerstellen im Text – die Sprünge zwischen Paris und Germersheim, die unvollständigen Dialogfetzen („You are so funny! Stay like this.“), die körperlichen Metaphern ohne eindeutige Zuordnung – sind nicht Schwächen, sondern designierte Plätze für unsere eigene Interpretation.

    Was bedeutet „aktives Lesen“ konkret?

    1. Die innere Resonanz zulassen
    Statt nach der „richtigen“ Bedeutung zu suchen, können wir fragen: Welche eigenen Erinnerungen werden durch „Zeit ist ein Hüpfspiel“ wach? Was löst „feucht vermalte Erstarrung“ in mir aus?
    Der Text wird dadurch nicht beliebig interpretierbar, sondern individuell vervollständigt.

    2. Den Assoziationsraum erkunden
    Die geografischen Sprünge (Paris – London – Germersheim) laden dazu ein, die emotionale Landkarte nachzuzeichnen. Sind das Orte der Liebe? Des Verlustes? Der Transformation? Jede Leserin bringt ihre eigene Erfahrung mit Orten mit und erschafft damit ihre Version von Sandrines Erinnerungsraum.

    3. Die Körperlichkeit ernst nehmen
    „Wie ein Fresko legt es sich auf ihre Haut. Schicht um Schicht…“ – hier spricht nicht nur ein Bewusstsein über Erinnerung, sondern ein Körper erinnert sich. Diese somatische Dimension können wir nur verstehen, wenn wir unsere eigenen körperlichen Erinnerungen aktivieren.

    Der Text in der Öffentlichkeit: Warum die WORTSCHAU wichtig ist

    Dass „Sandrine“ in einem Literaturmagazin erscheint, verändert den Charakter der Einladung fundamental. Es ist nicht mehr nur Jane Wels, die uns zum Dialog einlädt – die Redaktion der WORTSCHAU tut es mit.
    Das bedeutet: Dieser Text ist es wert, dass wir uns die Mühe machen. Er ist Teil eines größeren kulturellen Gesprächs über zeitgenössische Literatur, über neue Formen des Erzählens, über weibliche Stimmen in der Gegenwartsliteratur.

    Möglichkeiten der Antwort

    Die Einladung zum Dialog kann auf verschiedenen Ebenen angenommen werden:
    Interpretativ: Wir können die Fragmentkarten zu einem eigenen Bild zusammenlegen und diese Deutung teilen – in Gesprächen, in Rezensionen, in Diskussionen.
    Kreativ: Wir können auf den Text mit eigenen Fragmenten antworten, seine Struktur übernehmen und mit unserem Material füllen. (Wie bereits in der Fortsetzung „Er“ geschehen.)
    Kuratorisch: Wir können den Text weiterempfehlen, auf ihn aufmerksam machen, ihn in neue Kontexte stellen.
    Kritisch: Wir können ihn in die literarischen Diskurse unserer Zeit einordnen und seine Bedeutung für die Entwicklung experimenteller Prosa diskutieren.

    Die Furcht vor dem „Entwerten“

    Oft zögern wir, einen poetischen Text zu analysieren oder zu interpretieren, aus Angst, ihn dadurch zu „zerstören“. Doch das Gegenteil ist der Fall: Nur durch aktive Auseinandersetzung wird ein Text lebendig.

    „Sandrine“ einfach nur „schön zu finden“ und dabei zu belassen, wäre die eigentliche Entwertung. Es würde bedeuten, die sorgfältig konstruierte Einladung der Autorin zu ignorieren und den Text als passiv zu konsumierendes Objekt zu behandeln.

    Ein praktischer Vorschlag

    Wer mit „Sandrine“ weiterarbeiten möchte, könnte zum Beispiel:

    • Die eigenen Assoziationsketten zu den Orten und Bildern im Text aufschreiben
    • Eigene fragmentarische Erinnerungen in ähnlicher Struktur verfassen
    • Die Körpermetaphern sammeln und mit eigenen ergänzen
    • Den Text mit anderen lesen und die verschiedenen Interpretationen vergleichen

    Jede dieser Aktivitäten ist eine Form des Respekts vor dem Kunstwerk – und eine Art, die Einladung anzunehmen, die Jane Wels uns mit „Sandrine“ ausgesprochen hat.

  • Das Licht

    Das Licht

    oliver simon | 2023

  • Jürgen Völkert-Marten – KLARSTELLUNG

    Jürgen Völkert-Marten – KLARSTELLUNG

    Das Gedicht „Klarstellung“ konfrontiert das lyrische Ich mit einer beschädigten Puppe und zwingt es in eine vielschichtige Reflexion über Schuld, Verantwortung und Wahrnehmung. Die zentrale Metaphorik kreist um das verstörende und mehrdeutige Bild der Puppe mit den „leeren Augenhöhlen“. Puppen sind traditionell Kinderspielzeug, Objekte der Fürsorge und Projektion – hier aber ist sie beschädigt, ihrer „Augen“ beraubt. Diese Verletzung macht sie paradoxerweise zu etwas, das „sieht“ – nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Blindheit.

    Die räumliche Gefangenschaft des „Laufstalls“ evoziert Kindheit und Schutz, wird aber zur Gefängnismetapher. Das „Netz“ mit „vergitterter Einsicht“ suggeriert sowohl physische Einschränkung als auch begrenzte Erkenntnis, wobei eine interessante Doppeldeutigkeit entsteht: Wer ist hier eigentlich gefangen – die Puppe oder das beobachtende Ich? Der anklagende Blick der „vorwurfsvollen“ leeren Augenhöhlen schafft ein Paradox, denn wie kann etwas ohne Augen anklagend blicken? Diese Unmöglichkeit verstärkt die psychologische Wirkung, da der „vorwurfsvolle“ Blick nicht von außen kommt, sondern aus dem Inneren des Betrachters zu entspringen scheint.

    Warum auf mich?

    Die abschließenden Zeilen offenbaren eine defensive Haltung: „Warum auf mich?“ und „Mich trifft keine Schuld“. Diese Abwehr wirkt fast zu vehement für eine harmlose Puppenbegegnung und lässt vermuten, dass hier tieferliegende Schuldgefühle angesprochen werden. Das Gedicht thematisiert dabei den Akt des Sehens selbst: „Umgeben von lauter Sehenden“ – alle können sehen, nur die Puppe nicht. Doch gerade sie scheint am intensivsten zu „schauen“ und kehrt damit normale Machtverhältnisse um, indem sie den Sehenden zum Objekt des blinden Blicks macht.

    Bei genauerer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass die Puppe tatsächlich das Objekt einer Projektion ist. Sie wird instrumentalisiert und muss als Stellvertreter herhalten für etwas, was eigentlich nichts mit ihr zu tun hat. Die Puppe ist bereits beschädigt und wird nun auch noch mit fremder Schuld beladen. Das lyrische Ich projiziert seine Schuldgefühle auf dieses hilflose Objekt, das sich nicht wehren kann, und macht es zum stummen Ankläger, obwohl sie selbst das Opfer ist. Diese doppelte Viktimisierung zeigt sich darin, dass der Puppe erst ihre ursprüngliche Funktion genommen wird und sie dann für etwas verantwortlich gemacht wird, wofür sie gar nichts kann. Die Umkehrung der Verantwortung wird besonders deutlich in der Art, wie das lyrische Ich die Rollen vertauscht: Statt die eigene Projektion zu erkennen, macht es die Puppe zum aktiven Ankläger und weist Schuld von sich, die es selbst der Puppe zugeschrieben hat.

    Diese Perspektivumkehrung würde die Machtstrukturen des Gedichts komplett aufbrechen und der stummen, instrumentalisierten Puppe eine eigene Stimme geben. Die Emanzipation des Objekts würde mehrere Dinge leisten: Die Puppe erhielte Agency und würde vom stummen Objekt zum sprechenden Subjekt, sie könnte die Projektion zurückweisen und die wahren Machtverhältnisse benennen, der ursprüngliche Täter-Opfer-Mechanismus würde entlarvt und die Puppe könnte ihre eigene Beschädigung thematisieren, statt fremde Schuld zu tragen.

    Dieser Ansatz wäre eine sehr zeitgemäße, fast postkoloniale Lesart, in der das zum Schweigen gebrachte Objekt seine Stimme gegen die erhebt, die es für ihre psychologischen Bedürfnisse missbrauchen. Ein solches Antwortgedicht aus der Perspektive der Puppe würde sie von der Projektionsfläche zur Kritikerin ihrer eigenen Instrumentalisierung werden lassen und damit eine machtvolle literarische Intervention darstellen.

    KLARSTELLUNG der Puppe.

  • KLARSTELLUNG DER PUPPE

    KLARSTELLUNG DER PUPPE

    Ihr seht mich an
    und nennt es Schuld.
    Doch meine Augen sind leer,
    weil ihr sie mir genommen habt.

    Ihr habt mich in dieses Gitter gestellt,
    mich zu eurer Bühne gemacht,
    mich schweigen lassen,
    damit ihr in mir sprechen könnt.

    Euer Blick legt Lasten auf mich,
    die ich nicht tragen will.
    Ich bin kein Spiegel
    für eure Schatten,
    kein Gefäß
    für eure Ängste.

    Ich bin Stoff, Bruchstück,
    ein Spielzeug ohne Stimme –
    doch heute spreche ich:

    Nicht ich klage euch an,
    ihr seid es, die mich benutzen.
    Nicht ich trage Schuld,
    sondern eure Hände,
    die mir Augen nahmen
    und doch noch mehr verlangten.

    Ich verweigere mich.
    Ich werfe euren Blick zurück.
    Seht euch selbst –
    ich bin nicht euer Richter.

    Titelbild: Aniket Ganguly

  • Jane Wels‘ Sandrine

    Jane Wels‘ Sandrine

    Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen.
    „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden. Orte wechseln abrupt: Paris – London – Germersheim. Rückwärts, vorwärts, zurückspulen.
    Sandrine „könnte eine jede sein“. Ihre Identität bleibt offen, verwoben mit Räumen, Erinnerungen, Körperbildern. Ein Fresko, „Schicht um Schicht“ aufgetragen, bei dem Umrisse verschwimmen und neue Konturen erscheinen.
    Dieser fragmentarische Text entzieht sich eindeutiger Deutung. Stattdessen verstehe ich ihn als Aufforderung, Einladung, als (männlicher) Leser mitzugehen, eigene Linien zu ziehen, das Schweifen, Springen und Sich-Verlieren mitzuvollziehen.

    Dieser kurze Text – veröffentlicht im LiteraturMagazin WORTSCHAU Heft 43 – ist wie folgt eingeleitet:

    Dieser Text ist ein Auszug aus ihrem aktuellen Projekt fragmentarischer, nicht-linearer Erinnerungen eines weiblichen Ichs.


    Entlang einiger Fragen versuche ich, mich dem Text anzunähern – aus der Perspektive eines männlichen Lesers.

    Was ist „das Weibliche“ hier?

    Das Weibliche zeigt sich nicht als festgelegtes „Wesen“, sondern eher als ein Fließen, ein Auflösen von Konturen.
    Körperlichkeit: Haut, Atem, Mitte, Schichten – der Text bindet Erinnerungen eng an körperliche Wahrnehmungen.
    Zeitlichkeit: Es geht nicht um lineare Chronologie, sondern um ein nicht-lineares, assoziatives „Hüpfen“ zwischen Orten und Momenten. Dieses „fragmentarische“ Erinnern wirkt wie ein spezifischer Zugang zur Welt – nicht unbedingt nur weiblich, aber hier wird es aus der Perspektive eines weiblichen Ichs erzählt.
    Verschmelzung von Innen und Außen: Räume, Städte, Landschaften gehen in den Körper über („Eine Vorgebirgszone legt sich vor ihr aus, während ihre Mitte sich ins Freie wölbt“).

    Das Weibliche könnte also in diesem Text verstanden werden als: Verwobenheit von Körper, Raum und Zeit, als eine andere Form der Orientierung – nicht streng linear, sondern schichtend, atmend, tastend.

    Ist mit dem Text eine Kritik verbunden?

    Eine explizite Kritik klingt – für mich – nicht durch. Aber unterschwellig könnte man sagen:
    Kritik an Linearität: Der Text wehrt sich gegen lineare Zeit, gegen klare Umrisse und Eindeutigkeit. Er zeigt Brüche, Risse, Wiederholungen.
    Kritik an Identitätsfestschreibungen: „Sandrine könnte eine jede sein.“ – die Figur bleibt offen, nicht fixiert. Das wirkt wie ein Aufbegehren gegen die Reduktion auf ein klar umrissenes Ich.

    Die Kritik ist also eher poetisch als politisch: eine Infragestellung von Klarheit, Festlegung, Chronologie.

    Wo setze ich bei diesem Text an? Wie verorte ich ihn?

    Literarisch: Er steht in einer Tradition fragmentarischer, experimenteller Texte – etwa im Umfeld moderner Lyrik oder Prosa, die sich von linearer Erzählweise entfernt (assoziativ, collageartig).
    Thematisch: Es geht um Erinnerung, Identität, Weiblichkeit, Räume.
    Als Leser (m): Ich setze bei den Bildern (Gänsedaunen, Fresko, Hüpfspiel) an, dann bei den Sprüngen zwischen Orten (Paris – Main – London – Germersheim).

    Man verortet ihn also zwischen Erinnerungsliteratur, poetischer Prosa und feministischer Schreibpraxis, die das „Ich“ fragmentiert, um es nicht in feste Formen zu pressen.

    Gibt es etwas, das beim aktiven Lesen abholt, einlädt?

    Ja:
    Das Fragmentarische: Du kannst selbst Linien ziehen, Zusammenhänge herstellen – oder auch bewusst unverbunden stehen lassen.
    Die Bildlichkeit: Fresko, Vorgebirgszone, Schafe, Hüpfspiel – sie laden ein, deine eigenen Bilder dazu zu setzen.
    Die Zeitsprünge: Du kannst selbst mitdenken: warum von Paris nach Germersheim, warum dieses Rückspulen, Vorspulen? Es fordert dein aktives, kreatives Mitspielen.

    Das heißt: der Text ist kein abgeschlossener Monolith, sondern eher eine Projektionsfläche – ich fühle mich eingeladen, zu verweben, weiterzuspinnen, vielleicht sogar meine eigenen „Sandrine-Fragmente“ zu entwerfen.

    Das Weibliche hier ist kein festes Wesen, sondern eine offene, körperlich-zeitliche Erfahrungsweise. Kritik steckt eher in der Verweigerung linearer, klarer Identitäts- und Erzählformen. Als Leser kann ich den Text nicht einfach „konsumieren“, sondern muss mitarbeiten: Bilder aufnehmen, eigene Linien ziehen, Brüche aushalten. Genau da liegt die Einladung zum aktiven, kreativen Lesen.

    Aus dieser Lektüre ist eine Art Fortführung des Textes entstanden – aus männlicher Perspektive.

    Bisher hat Jane Wels folgende Lyrikbände veröffentlicht:

    Schwankende Lupinen
    Hardcover mit SU, 80 S., 19,00 €
    ISBN 9783759721150
    edition offenes feld, Dortmund 2024

    Das Es reiten
    Mit einem Grußwort von José F.A. Oliver
    Hardcover mit SU, 92 S., 19,00 €
    ISBN 9783842384149
    edition offenes feld, Dortmund 2025

  • Der Besucher

    Der Besucher

    Schnee knirscht unter Stiefeln
    Spuren ziehen sich heran
    Über die weiße Decke eine
    Linie, geradewegs zum Haus
    Es kommt jemand
    Es kommt einer heute
    unerwartet

    Er öffnet den Rucksack
    teilt den heißen Tee aus
    der Thermosflasche, das Gebäck
    vom Morgen Sie sitzen
    auf der eilends gefegten
    Bank vor ihrer Tür
    schweigen und lauschen
    dem fernen Ruf eines Vogels
    der Stille zwischen den Bäumen

    Bevor er aufsteht
    die Spuren zurückgeht
    fragt er leise darf ich
    wiederkommen
    mit meiner Tochter
    Sie schaut ihm nach
    Sie kehrt und glüht

    • Annette Hagemann: ARTIST

      Annette Hagemann: ARTIST

      Der Künstler als Versuchsanordnung und Schaustück? Auf den ersten Blick scheint Annette Hagemanns Gedicht ARTIST ein feines, fast ehrfürchtiges Porträt eines schöpferischen Menschen zu sein – eines, der sich einen Raum erbittet, um seine Arbeit zu tun: „Du hattest um den Geheimnisraum gebeten, das Innere des Turms ein leuchtender Lichthof …“ Ein Bild der Sammlung,…

    • Der Besucher

      Der Besucher

      Schnee knirscht unter Stiefeln Spuren ziehen sich heran Über die weiße Decke eine Linie, geradewegs zum Haus Es kommt jemand Es kommt einer heute unerwartet Er öffnet den Rucksack teilt den heißen Tee aus der Thermosflasche, das Gebäck vom Morgen Sie sitzen auf der eilends gefegten Bank vor ihrer Tür schweigen und lauschen dem fernen…

    • Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      DIE ALTE FRAU Schnee ist gefallenSchon wird es NachtAuf weißer Decke nicht eineSpur, nicht Vogel nicht KatzeEs kommt kein BesuchEs kommt keiner heutees kommt keiner morgenSie kehrt und kehrtimmer gründlicher kehrt sie denStraßenzugang zu ihrem Haus Annähernd gelesen | Das Gedicht ist schlicht gebaut: kurze, prosanahe Zeilen ohne Reim, ohne übermäßige Interpunktion. Es öffnet mit…

    • WORTSCHAU – Magazin für Gegenwartsliteratur

      WORTSCHAU – Magazin für Gegenwartsliteratur

      Geschichte und Gründung | Das Literaturmagazin WORTSCHAU wurde 2007 von Wolfgang Allinger und Peter Reuter gegründet. Die Ursprungsidee war ungewöhnlich: Literatur sollte dorthin gebracht werden, wo sie niemand vermutet – in Bäckereien, Blumenhandlungen, Gärtnereien, Einzelhandelsgeschäfte und Confiserien. Zunächst wurden wöchentlich gefaltete DIN-A4-Flyer mit Texten befreundeter Autorinnen und Autoren in diesen Geschäften ausgelegt, die nach einer…

    • Annette Hagemann – MEINE ERBSCHAFT IST DIESE

      Annette Hagemann – MEINE ERBSCHAFT IST DIESE

      Annette Hagemanns Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ setzt sich behutsam mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung auseinander. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt – die spezifische Röte der Wangen der Mutter, eine deformierte Jazzplatte aus New York, ein unscheinbarer Koi des Vaters –, erscheinen zunächst als marginale Alltagsfragmente. Doch…

    • WORTSCHAU 31 Menschen:Bilder

      WORTSCHAU 31 Menschen:Bilder

      Die Ausgabe 31 der WORTSCHAU trägt den Titel „Menschen:Bilder“ und umfasst 66 Seiten. Die Herausgeber Johanna Hansen und Wolfgang Allinger beschreiben sie als ungewöhnlich umfangreich. Das Konzept: Dichtung trifft Fotografie Die Ausgabe hebt zwei Hauptakteurinnen besonders hervor: Annette Hagemann als Dichterin und Li Erben als Fotografin. Li Erben lernte Johanna Hansen während des Lindauer Literaturfrühlings…

    • Angelica Seithe

      Angelica Seithe

      Die Lyrikerin, Psychotherapeutin und Dozentin Angelica Seithe (geb. 1945 in Bad Lauterberg im Harz) verbindet in ihrem Lebenswerk zwei Welten, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen: die Sprache der Poesie und die Sprache der Psychotherapie. In beiden Feldern ist sie seit Jahrzehnten gleichermaßen schöpferisch tätig und schöpft aus ihrer reichen Erfahrung ein Werk, das…

  • Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

    Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

    DIE ALTE FRAU

    Schnee ist gefallen
    Schon wird es Nacht
    Auf weißer Decke nicht eine
    Spur, nicht Vogel nicht Katze
    Es kommt kein Besuch
    Es kommt keiner heute
    es kommt keiner morgen
    Sie kehrt und kehrt
    immer gründlicher kehrt sie den
    Straßenzugang zu ihrem Haus

    Annähernd gelesen | Das Gedicht ist schlicht gebaut: kurze, prosanahe Zeilen ohne Reim, ohne übermäßige Interpunktion. Es öffnet mit einer Feststellung: „Schnee ist gefallen“. Kälte, Jahreszeit, eine weiße Welt. Gleich darauf die Zeitbewegung: „Schon wird es Nacht“. Eine weiße Decke liegt unberührt da, ohne jede Spur, „nicht Vogel nicht Katze“. Die doppelte Verneinung verstärkt die Abwesenheit von Lebendigem.

    Die Wiederholung folgt als Herzstück: „Es kommt kein Besuch / Es kommt keiner heute / es kommt keiner morgen“. Die dreifache Variation des Nicht-Kommens baut eine Steigerung auf – von der allgemeinen Feststellung über das konkrete Heute bis zur resignierenden Gewissheit des Morgen. Diese Kargheit der Sprache legt das Gewicht ganz auf das Ausbleiben.

    Dann die Wendung zur Gestalt selbst: „Sie kehrt und kehrt / immer gründlicher kehrt sie den / Straßenzugang zu ihrem Haus“. Die Wiederholung des Kehrens wird zur obsessiven Bewegung, die sich steigert. Der Straßenzugang – dieser schmale Übergang zwischen privatem und öffentlichem Raum – wird zum Fokus ihrer Aufmerksamkeit, obwohl oder gerade weil niemand mehr kommt.

    Das Bild des Alterns

    Die Situation der alten Frau verdichtet eine weitverbreitete Erfahrung des Alterns: Das soziale Netz dünnt sich aus. Kinder führen ihr eigenes Leben in anderen Städten, Freunde werden krank oder sterben, Bekannte verschwinden nach und nach. Was bleibt, sind die kleinen Routinen, die den Tag strukturieren und das Verstreichen der Zeit auffangen.

    Das Kehren wird zur Metapher für diese Versuche, Ordnung und Verbindung aufrechtzuerhalten. Es ist mehr als nur Reinigung – es ist ein Ritual der Bereitschaft, des Offenhaltens einer Möglichkeit, die sich nicht mehr erfüllen wird. Der gekehrte Weg bleibt Zeichen einer Hoffnung, die sich selbst überlebt hat.

    Literarisches Altern

    In der Literatur kehrt diese Konstellation häufig wieder. Bei Thomas Bernhard finden sich ältere Figuren, abgeschieden in ihren Häusern, kreisend in endlosen Monologen über Verlust und Vergänglichkeit. Samuel Becketts „Warten auf Godot“ wird zum archetypischen Bild des Erwartens, das sich nicht erfüllt – das Warten als Grundzustand menschlicher Existenz.

    Marlen Haushofers „Die Wand“ zeigt eine Frau, die durch eine unsichtbare Wand von der Welt getrennt ist und sich durch alltägliche Verrichtungen am Leben hält – ähnlich der alten Frau mit ihrem beharrlichen Kehren. Mascha Kaléko schrieb in ihren späten Gedichten über das Verstummen vertrauter Stimmen, über Freunde, die nicht mehr da sind, in einer Sprache von ähnlicher Knappheit und Unsentimentalität.

    Auch in autobiografischen Texten wird diese Erfahrung reflektiert. Elias Canetti notierte, wie im Alter das Zählen der Verluste beginnt – jeden Tag wird die Liste der Lebenden kürzer. Simone de Beauvoir beschrieb in „Das Alter“ nüchtern die gesellschaftlichen Mechanismen, die zur Vereinsamung beitragen. Jean Améry sprach in „Über das Altern“ von der Entfremdung, die entsteht, wenn man sich plötzlich in einer Welt wiederfindet, die ohne einen weiterläuft.

    Die Poetik der kleinen Gesten

    Das Gedicht wählt bewusst nicht das große Drama, sondern die kleine, wiederholte Handlung. Darin liegt seine Stärke: Es zeigt, wie sich Einsamkeit nicht in spektakulären Momenten offenbart, sondern in der Intensivierung alltäglicher Verrichtungen. Das „immer gründlicher“ verrät die Steigerung, die ins Zwanghafte kippen kann – wenn die Tätigkeit nicht mehr Mittel zum Zweck ist, sondern sich selbst genügt.

    Die weiße Decke des Schnees wird zur Projektionsfläche für Abwesenheit. Auf ihr hätten sich Spuren zeigen können – Pfotenabdrücke, Fußstapfen von Besuchern. Stattdessen bleibt sie unberührt, ein Spiegel der Isolation. Das Gedicht endet mit der wiederholten Bewegung des Kehrens, die sich endlos fortsetzt, während draußen der Schnee liegt und niemand kommt.

    Dieses Gedicht hat mich berührt und wollte es – für mich – nicht so stehen lassen, daher habe ich so etwas wie eine Antwort darauf verfasst: Der Besucher

    Titelfoto: Jill Wellington

    • Der Besucher

      Der Besucher

      Schnee knirscht unter Stiefeln Spuren ziehen sich heran Über die weiße Decke eine Linie, geradewegs zum Haus Es kommt jemand Es kommt einer heute unerwartet Er öffnet den Rucksack teilt den heißen Tee aus der Thermosflasche, das Gebäck vom Morgen Sie sitzen auf der eilends gefegten Bank vor ihrer Tür schweigen und lauschen dem fernen…

    • Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      DIE ALTE FRAU Schnee ist gefallenSchon wird es NachtAuf weißer Decke nicht eineSpur, nicht Vogel nicht KatzeEs kommt kein BesuchEs kommt keiner heutees kommt keiner morgenSie kehrt und kehrtimmer gründlicher kehrt sie denStraßenzugang zu ihrem Haus Annähernd gelesen | Das Gedicht ist schlicht gebaut: kurze, prosanahe Zeilen ohne Reim, ohne übermäßige Interpunktion. Es öffnet mit…

    • Angelica Seithe

      Angelica Seithe

      Die Lyrikerin, Psychotherapeutin und Dozentin Angelica Seithe (geb. 1945 in Bad Lauterberg im Harz) verbindet in ihrem Lebenswerk zwei Welten, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen: die Sprache der Poesie und die Sprache der Psychotherapie. In beiden Feldern ist sie seit Jahrzehnten gleichermaßen schöpferisch tätig und schöpft aus ihrer reichen Erfahrung ein Werk, das…

  • Ille Chamier und Stella Avni

    Ille Chamier und Stella Avni

    Im Zentrum von Ille Chamiers Gedicht steht die Figur der Schauspielerin Stella Avni – eine heute nahezu vergessene Künstlerin, deren Lebensspuren sich nur rudimentär rekonstruieren lassen. Gesichert ist: Sie wurde 1921 im damals rumänischen Czernowitz (Bukowina) geboren, jener multikulturellen Stadt, aus der auch Paul Celan und Rose Ausländer hervorgingen. Stella Avni war jüdischer Herkunft und schlug nach den Verwerfungen von Exil und Nachkriegszeit eine Schauspielkarriere ein.

    Quellen belegen ihre künstlerische Tätigkeit in Tel Aviv: In den 1960er Jahren wirkte sie an israelischen Filmproduktionen mit und war auch im Theater präsent. Später tritt sie im deutschsprachigen Raum in Erscheinung, etwa am Düsseldorfer Schauspielhaus in den 1980er Jahren, wo Besetzungslisten ihren Namen führen.

    Dass Chamier sie in einem Pariser Kontext – im „Hotel du Parc Montsouris“ – aufruft, verknüpft die Biographie Avnis mit der Erinnerungskultur um Celan und Ausländer. Damit erscheint sie nicht nur als Schauspielerin, sondern zugleich als lebendige Zeugin einer Generation von Exil- und Nachkriegskünstler*innen, deren Herkunft aus der Bukowina und deren jüdische Identität eng mit der literarischen Topographie der deutsch-jüdischen Moderne verbunden ist.

    Randbemerkung: Der Maler und Lyriker Hans Günther Cremers malte die Schauspielerin, die einige Jahre in der Bilker Straße in Düsseldorf lebte. Das Gemälde befindet sich heute im Heinrich-Heine-Institut, welches den schriftlichen Nachlass Cremers‘ betreut. (Quelle: NRZ online vom 15.04.2010)

    Stella Avni - KI-Fotografie nach einem Gemälde von Günther Cremer

    Stella Avni,
    Jüdin aus Bukowina, vor der Lesung
    von Paul Celan und Rose Ausländer
    im Maison Heinrich Heine – November 2002

    Strophe 1 – Einleitung (?) des Gedichtes

    Annähernd gelesen | In Paris, im Hotel du Parc Montsouris, schläft eine alte Frau mit großen dunklen Augen schlecht. Schon das kleinste Hindernis löst bei ihr einen Hustenanfall aus. Sie reagiert auf die Vorstellung des ewigen, jungen Todes mit den Worten „Gewiss, gewiss“, doch statt des Todes tritt ein Morgen mit nieselndem Regen ein. Sie hebt eine mahnende Hand, als wollte sie etwas abwenden oder schützen, und damit hat sie nichts mehr laut fluchend zu klagen.

    In einer Geste des Alltäglichen und zugleich Symbolischen trinkt sie demütig bitteren Kaffee, raucht eine Zigarette und klebt sich den Judenstern auf die Wange. Nach einer langen Schweigephase wendet sie sich schließlich direkt an die Erzählinstanz: „Bitte geh und ruf mir das Taxi zu Vater und Mutter zur Muttersprache.“

    Diese Worte lassen sich als Hinweis auf eine Entfernung von der Herkunft verstehen, nicht nur räumlich, sondern auch innerlich. Die Frau ist in Paris, weit entfernt von ihrer Heimat Bukowina, und die Bezugnahme auf die Eltern und die Muttersprache kann zugleich eine innere Rückverbindung zu ihren Wurzeln darstellen. In diesem Zusammenhang wirkt der Ruf nach dem Taxi wie eine Bewegung zurück zu den Anfängen des eigenen Lebens, zu vertrauten Orten und Erfahrungen, die nun nur noch in Erinnerung oder Vorstellung erreichbar sind. Zugleich kann diese Bezugnahme auf Vater, Mutter und Muttersprache als eine symbolische Nähe zu Endlichkeit oder Tod gelesen werden: Die Frau richtet sich auf das, was ihr existenziell nahe war, als könnte dies ein letzter Halt oder Anker sein, während der Tod als „ewig jung“ nur angedeutet bleibt. Auf diese Weise wird sowohl die räumliche als auch die innere Distanz der Frau zur eigenen Herkunft deutlich.

  • Unbeirrt subjektiv sein

    Unbeirrt subjektiv sein

    Ein literarischer Essay zu Kurt Martis Subjektivität

    Was soll das heißen – „unbeirrt subjektiv sein“? Ist Subjektivität nicht genau das, was wir in rationalen Diskursen zu überwinden suchen? Je länger ich über Martis Worte nachdenke, desto klarer wird mir, dass hier ein fundamentaler Widerstand formuliert wird – einer, der sich in der Literatur immer wieder spiegelt.

    Marti spielt mit einem Spannungsverhältnis: „objektive Notwendigkeit“ versus „subjektiv sein“. Mit „objektiver Notwendigkeit“ meint er das, was als unvermeidlich, logisch, rational und von übergeordneter Autorität hergeleitet dargestellt wird – politische Entscheidungen, Kriegshandlungen, Unterdrückung, Gewalt, die mit Sachzwängen oder angeblich „höherer Vernunft“ begründet werden. „Terror“ steht hier nicht nur für physische Gewalt, sondern allgemein für Handlungen, die anderen Schaden zufügen und sich gleichzeitig durch eine scheinbar unanfechtbare Begründung rechtfertigen: „Wir mussten so handeln.“

    Diese behauptete Objektivität soll Kritik von vornherein delegitimieren. Wer sich widersetzt, stellt sich vermeintlich gegen die Vernunft selbst. Genau hier setzt Martis Gegenmittel an: die „unbeirrte Subjektivität“. Sie bedeutet nicht Willkür oder Egoismus, sondern das Beharren auf der eigenen Wahrnehmung, dem eigenen Gewissen und der persönlichen Verantwortung.

    Die innere Haltung als Fundament

    Martis Satz ist zunächst eine innere Haltung, eine Art ethische Selbstverortung. „Unbeirrt subjektiv sein“ bedeutet, sich nicht von großen, scheinbar unanfechtbaren Begründungen einschüchtern zu lassen, sondern den eigenen inneren Kompass nicht zu verlieren. Es ist wie ein stilles „Ich glaube nicht alles, nur weil es als notwendig dargestellt wird“.

    Diese Subjektivität kann das „Objektive“ hinterfragen: Stimmt es wirklich, dass diese Handlung notwendig ist? Wer profitiert davon? Wer leidet? Sie bringt das Leid einzelner ins Blickfeld, denn Zahlen und Notwendigkeiten können Menschen unsichtbar machen – Subjektivität gibt ihnen Gesicht und Stimme.

    Die Betonung liegt auf dem „unbeirrt“ – also darauf, sich nicht verunsichern zu lassen. Das ist zunächst eine Frage der eigenen geistigen Unabhängigkeit und Klarheit. Diese innere Haltung ist die Voraussetzung für alles weitere. Denn wer innerlich bereits der Illusion der „alternativlosen Objektivität“ erlegen ist, kann kaum noch authentischen Widerstand leisten.

    Literarische Spiegelungen: Von Antigone zu Dürrenmatt

    Ein klassisches literarisches Beispiel, das Martis Gedanken illustriert, ist Sophokles‘ „Antigone“. König Kreon hat nach einem Bürgerkrieg befohlen, dass der gefallene Polyneikes nicht bestattet werden darf. Er begründet das mit Staatsräson – es sei notwendig, den Verräter zu bestrafen, um Ordnung und Sicherheit im Staat zu wahren. Das ist seine „objektive Notwendigkeit“: Gesetz, Macht, Vernunft der Herrschaft.

    Antigone widersetzt sich diesem Befehl. Sie sagt: Meine Pflicht gegenüber dem Bruder und den göttlichen Gesetzen steht höher als dieses Menschengebot. Sie bestattet ihn trotzdem und nimmt den Tod in Kauf. Kreon argumentiert mit Logik und Staatsinteresse (scheinbar objektiv), Antigone dagegen mit innerem Maßstab: Pietät, Familie, göttliche Ordnung, die nicht messbar ist.

    Diese subjektive Haltung wirkt wie ein Spiegel: Sie macht sichtbar, dass das, was Kreon als „notwendig“ ausgibt, auch grausam, unrecht und begrenzt sein kann. Antigones Tat ist zunächst kein öffentlicher Diskurs, sondern eine private Gewissensentscheidung, die später aber politisch wird.

    Ein modernes Beispiel, das Martis Gedanken noch schärfer spiegelt, ist Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“. Die Milliardärin Claire Zachanassian bietet ihrer verarmten Heimatstadt eine riesige Geldsumme an – aber nur unter der Bedingung, dass die Bürger ihren ehemaligen Liebhaber Alfred Ill töten. Anfangs sind alle empört: „Man kann doch keinen Menschen für Geld töten!“ Doch je mehr die Notwendigkeit des Geldes betont wird („Wir brauchen es für die Zukunft unserer Kinder, es ist objektiv das Beste für alle“), desto mehr kippt die Stimmung.

    Dürrenmatt zeigt, wie leicht sich Menschen hinter scheinbar neutralen oder objektiven Gründen verstecken, um Grausames zu rechtfertigen. Die Bürger sehen sich nicht als Täter, sondern als Handelnde im Dienst des Gemeinwohls. Sie geben der Tat ein Mäntelchen der Logik: „Wir tun es für die Allgemeinheit.“

    Herta Müllers „Atemschaukel“

    Ein weniger mainstream gewordenes, aber nicht minder eindringliches Beispiel finde ich in Herta Müllers „Atemschaukel“. Müller erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der in sowjetische Arbeitslager deportiert wird. Die Deportation wird mit „objektiver Notwendigkeit“ begründet – Wiederaufbau, historische Gerechtigkeit, staatliche Ordnung. Doch Müller lässt ihren Protagonisten mit einer unbeirrt subjektiven Stimme erzählen: von Hunger, Kälte, von der Sehnsucht nach einem Löffel Suppe, von kleinen Momenten der Menschlichkeit.

    Diese subjektive Erzählweise wird zum Widerstand gegen die große politische Erzählung. Sie macht das Leid sichtbar, das hinter den objektiven Notwendigkeiten verschwindet. Der Protagonist widersteht nicht durch lauten Protest, sondern durch das Beharren auf seiner eigenen Wahrnehmung, seinem eigenen Erleben – und gerade dadurch entlarvt er die Unmenschlichkeit des Systems.

    Von innen nach außen

    Was mich an Martis Gedanken besonders fasziniert: Diese Subjektivität muss nicht unbedingt laut sein, aber sie muss standhaft bleiben. Es kann durchaus Wirkung nach außen haben – wenn diese subjektive Haltung stark ist, führt sie oft irgendwann zu äußerem Handeln, sei es in Form von Fragen, Diskussionen, Widerspruch oder auch einfach dadurch, dass man Entscheidungen anders trifft.

    Viele Menschen, die im Dritten Reich Juden versteckten, leisteten keinen lauten Protest. Sie folgten „nur“ ihrem Gewissen, also einer inneren Subjektivität – und genau diese persönliche Haltung war das Gegengewicht zur angeblich „objektiv notwendigen“ Verfolgungspolitik.

    Das Literarische als Raum des Subjektiven

    Vielleicht ist das auch der Grund, warum mich Literatur abstößt und anzieht: Sie ist ein Raum, in dem Subjektivität nicht als Schwäche gilt, sondern als Erkenntnisweg. Literatur zeigt uns immer wieder, dass hinter den großen objektiven Wahrheiten Menschen stehen – mit ihren Ängsten, Hoffnungen, ihrer Verletzlichkeit. Sie mahnt uns, nicht alles zu glauben, nur weil es als rational und notwendig verkauft wird.

    Dieser Essay entstand aus dem Wunsch heraus, Literatur nicht nur zu konsumieren, sondern sie als Denkraum zu nutzen – als Ort, wo sich zeigt, was es bedeutet, unbeirrt subjektiv zu sein.

  • Die Kunst des mündlichen Erzählens

    Die Kunst des mündlichen Erzählens

    Am Anfang war das Wort – nicht geschrieben, sondern gesprochen. Lange bevor Gutenbergs Druckerpresse die Welt veränderte, lebten Geschichten in der Stimme, im Gedächtnis, in der unmittelbaren Begegnung zwischen Erzähler und Zuhörer. Das mündliche Erzählen ist die Urform aller Literatur, der Ausgangspunkt jeder kulturellen Überlieferung. Doch in einer Zeit, in der das gedruckte Wort dominiert und digitale Medien den Alltag bestimmen, scheint diese archaische Kunst ins Abseits gedrängt – zu Unrecht, wie ein Blick auf die lebendige Erzähltradition zeigt. (Bei der Recherche konzentriere ich mich auf mein aktuelles Wohnumfeld.)

    Der lange Schatten der Nachkriegszeit

    Nach 1945 herrschte in der deutschen Literatur zunächst ein anderer Ton vor. Die sogenannte Trümmer- oder Kahlschlagliteratur, geprägt von Autoren wie Wolfgang Borchert oder Heinrich Böll, suchte mit nüchterner, reduzierter Sprache die Ruinenlandschaften der Seele zu vermessen. Märchen und mündliche Erzählformen galten als überholt, als romantische Verklärung einer Vergangenheit, die man hinter sich lassen wollte. Die neue Zeit verlangte nach schonungsloser Wahrhaftigkeit, nicht nach verzauberten Welten.

    Doch während sich die Hochliteratur von der oralen Tradition abwandte, blieb diese in ländlichen Regionen wie der Lüneburger Heide, dem Wendland oder Mecklenburg-Vorpommern lebendig. In den Spinnstuben der Heidmark widmete man sich weiterhin dem überlieferten Sagen- und Liedgut – eine eigenständige Form des mündlichen Erzählens, die fernab des literarischen Kanons ihre Vitalität behielt.

    Renaissance des Erzählens in der Region

    Heute erlebt das mündliche Erzählen eine bemerkenswerte Renaissance. In der Lüneburger Heide dokumentieren Sammlungen wie Günter Petschels „Sagen und Märchen aus der Lüneburger Heide“ und Matthias Ricklings „Sagenhafte Lüneburger Heide“ diese lebendige Tradition. Doch es bleibt nicht bei der Konservierung: Die bekannte Schauspielerin Janette Rauch, die durch ihre Rollen in „Rote Rosen“ und „Bei mir liegen Sie richtig“ einem größeren Publikum bekannt wurde, hat sich ganz dem mündlichen Erzählen verschrieben. Mit ihrem „Märchenkosmos“ verzaubert sie regelmäßig im Barfußpark Egestorf ihre Zuhörer – unter freiem Himmel, bei knisterndem Lagerfeuer, mit Geschichten aus der Region.

    „Märchen sind ein so kraftvoller Weg, sich in eine andere Welt entführen zu lassen“, erklärt Rauch ihre Motivation. Ihre Märchenabende richten sich bewusst auch an Erwachsene, denn sie weiß: „Es ist Zeit, sich wieder berühren zu lassen.“ In ihren Programmen verbindet sie Sagen und Märchen aus der Lüneburger Heide mit kleinen Musikeinspielern, erzählt von Riesen, die einst in der Heide hausten, von Zwergen, seltsamen Geistern und dem Raubritter Hans Eidig.

    Im benachbarten Wendland arbeitet der Wendländische Märchenkreis mit Erzählerinnen wie Maria Kassuhn, Petra Kallen, Angelika Brandt, Irma Weigel und Helga Felski, die „Märchen, Mythen und Legenden frei erzählen“ und dabei „Helden, Hexen und Zauberer, Arme und Reiche, Riesen und Trolle“ aus verschiedenen Kulturen der Welt lebendig werden lassen.

    In Mecklenburg-Vorpommern hat sich seit 2008 die Sagen- und Märchenstraße etabliert, die Orte, Museen und Veranstaltungen entlang einer Route verbindet und regionalmythische Erzähltraditionen sichtbar macht. Der Kulturverein Sagenland M-V organisiert Sagensteine, -pfade, Publikationen und Aktionen für Schulen und bringt so das mündliche Erbe in die Öffentlichkeit.

    Das Dilemma der Märchenschublade

    Trotz dieser lebendigen Szene haben Geschichtenerzähler heute mit einem Imageproblem zu kämpfen. Sie werden oft automatisch mit Märchen gleichgesetzt – und Märchen gelten in unserer auf Rationalität bedachten Zeit nicht als seriös. Diese Einschätzung ist jedoch zu kurz gedacht. Die Qualität einer Erzählung macht den Unterschied, nicht ihr Genre. In poetischer Tiefe, regionaler Verwurzelung und der unmittelbaren Präsenz einer lebendigen Stimme liegt der Reichtum des mündlichen Erzählens.

    War das früher anders? Historisch betrachtet genossen Geschichtenerzähler durchaus gesellschaftliches Ansehen. Die Sänger der Antike, die mittelalterlichen Minnesänger oder die Märchensammler der Romantik standen nicht am Rand der Gesellschaft, sondern waren anerkannte Kulturvermittler. Erst die Dominanz der Schriftkultur und später die elektronischen Medien drängten das mündliche Erzählen an den Rand.

    Die einzigartige Kraft der lebendigen Stimme

    Dabei besitzt das mündliche Erzählen Qualitäten, die kein geschriebenes Wort erreichen kann. Es ist sichtbar, hörbar, gemeinschaftsstiftend. Die Stimme trägt Emotionen, die auf dem Papier verloren gehen. Der Erzähler kann auf sein Publikum reagieren, den Rhythmus der Geschichte dem Atem der Zuhörer anpassen, mit Blicken und Gesten die Spannung modulieren. „Erzählen wirkt Wunder, schenkt Freude, verbindet Menschen, lässt staunen, öffnet Welten, weckt Phantasie“ – so beschreibt es der Wendländische Märchenkreis treffend.

    Diese unmittelbare, leibliche Präsenz macht Erzählungen oft berührender als geschriebene Texte. Sie schaffen eine Intimität, die in unserer digitalisierten Welt kostbar geworden ist. Wenn Janette Rauch im Barfußpark von den Geheimnissen der Heide erzählt oder die Erzählerinnen des Wendländischen Märchenkreises ihre Zuhörer in fremde Welten entführen, dann entsteht etwas, was kein Buch, kein E-Reader, keine Hörbuch-App bieten kann: die magische Verbindung zwischen Erzähler und Publikum in einem gemeinsam geteilten Moment.

    Zukunftsperspektiven

    Das Engagement von Erzählerinnen wie Janette Rauch, von Vereinen wie dem Wendländischen Märchenkreis oder von Kulturprojekten wie der Sagen- und Märchenstraße in Mecklenburg-Vorpommern zeigt: Das mündliche Erzählen ist keineswegs tot. Es findet neue Formen, neue Räume, neue Zuhörer. Die Corona-Pandemie hat paradoxerweise diese Entwicklung noch verstärkt – plötzlich suchten Menschen wieder nach authentischen, unmittelbaren Erfahrungen.

    Die Rückbesinnung auf mündliche Erzählformen könnte die Kulturvermittlung bereichern – lokal und persönlich, verwurzelt in der Region und doch universal in ihrer Ausstrahlung. Geschichtenerzähler verdienen dieselbe Anerkennung wie Buchautoren, denn sie bewahren nicht nur kulturelles Erbe, sondern schaffen auch neue, lebendige Kunst.

    Am Ende kehrt alles zum Ursprung zurück: zum gesprochenen Wort, zur geteilten Geschichte, zur Gemeinschaft der Zuhörenden. In einer Zeit der Vereinzelung und digitalen Überreizung könnte die alte Kunst des Erzählens aktueller sein denn je. Sie erinnert uns daran, dass Literatur ursprünglich nicht gelesen, sondern gehört wurde – und dass in dieser Urform eine Kraft liegt, die kein technischer Fortschritt ersetzen kann.

    Quellen und weiterführende Literatur

    Titelbild: Willgard Krause

  • WORTSCHAU Nr. 43

    WORTSCHAU Nr. 43

    Gedanken zur „WORTSCHAU“ #43 (Es hört nie auf) – oder: Warum ich beim Lesen ins Stolpern kam
    Beim Lesen dieser Ausgabe drängte sich mir eine Frage auf: Für wen sind diese Texte eigentlich gedacht? Nicht, weil die Sprache unzugänglich wäre – im Gegenteil, Satzbau und Wortwahl sind oft klar –, sondern weil viele Gedichte in einer Dichte von Metaphern, Anspielungen und intertextuellen Bezügen arbeiten, die ohne erhebliches Vorwissen kaum zu entschlüsseln sind.

    Ich schätze Lyrik, die herausfordert und gewohnte Denkbahnen verlässt. Doch hier stand ich oft vor einem unsichtbaren Zaun: Wer die Referenzen nicht kennt, bleibt vor verschlossenen Toren. Besonders irritierend ist das Fehlen jeder Kontextualisierung – kein Vorwort, keine Anmerkungen. So entsteht leicht der Eindruck, es gehe nicht nur um ästhetische Erfahrung, sondern auch um eine implizite Prüfung: „Wer das nicht versteht, gehört nicht dazu.“

    Dabei könnte selbst hermetische Lyrik Brücken bauen – ohne ihren Anspruch aufzugeben. Ein kurzes Nachwort, das Themen oder Traditionen andeutet? Ein Gespräch mit Autoren und Autorinnen über ihre Quellen? Oder, als Experiment: Ein Gedicht mit und ohne Erläuterungen abdrucken, um zu zeigen, wie Wissen die Lektüre prägt?

    Mich würde interessieren: Geht es anderen Lesern Leserinnen ähnlich? Gibt es bereits interne Debatten oder eine bewusste Haltung der Redaktion zu dieser Spannung zwischen Hermetik und Zugänglichkeit? Oder ist das ein Tabu – die Angst, ’schwierige‘ Lyrik zu erklären, könnte sie banalisieren?

    Meine Fragen an die Redaktion Johanna Hansen & Wolfgang Allinger und Autoren und Autorinnen:

    Zaun oder Tür? Ist die Hermetik bewusstes Programm – oder gäbe es Wege, den Zaun mit einer Tür zu versehen, die Neugierigen offensteht?
    Kuration & Haltung: Nach welchen Kriterien werden die Gedichte ausgewählt? Welche Leserschaft stellt ihr euch vor?
    Kontext als Angebot: Wie ließe sich das Spannungsfeld zwischen Tiefe und Zugänglichkeit produktiv denken?

    Ich schreibe das nicht aus Frust, sondern aus Neugier: Wie halten Sie es mit dieser Balance? 

    Ich könnte einzelne Zeilen zitieren, um meine Irritation zu belegen – doch das würde dem Anspruch der Gedichte kaum gerecht. Mein Punkt ist strukturell: Wenn Lyrik so dicht referiert, aber keine Leser-/Leserinnenführung anbietet, bleibt sie in meiner Lesart ein Monolog. Und das finde ich schade.

    Beiträge, die aus der Lektüre entstanden sind:

    • Marina Büttner – Notizen, Selbstgespräche

      Marina Büttner – Notizen, Selbstgespräche

      In der WORTSCHAU #44 bin ich auf ein Selbstgespräch von Marina Büttner gestoßen: „In einem vorherigen Leben war ich eine Reisende.“ Reflektierende Notizen um das Reisen – das innere wie das räumliche, um Bewegung und Stillstand, um Erinnerung und Verlust. Etwas in diesem Satz resonierte, ohne dass ich sofort hätte sagen können, warum. Eine erste…

    • Marina Büttner – Jüdischer Friedhof Weißensee

      Marina Büttner – Jüdischer Friedhof Weißensee

      Annähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Gelesen habe…

    • WORTSCHAU Nr. 44 – Selbstgespräch

      WORTSCHAU Nr. 44 – Selbstgespräch

      Die 44. Ausgabe 2025 der WORTSCHAU widmet sich dem Thema Selbstgespräch und fragt nach der künstlerischen Darstellung des eigenen inneren Erlebens. Die Herausgeber Johanna Hansen und Wolfgang Allinger haben aus über 200 Einreichungen eine vielstimmige Auswahl getroffen, die das Selbstgespräch in seinen unterschiedlichsten literarischen Formen erkundet – von lyrischen Reflexionen bis zu autofiktionalen Erzählungen. Hauptautorin…

    • Dialog über Hermetik und Zugänglichkeit in der Lyrik

      Dialog über Hermetik und Zugänglichkeit in der Lyrik

      Ein Nachtrag zur WORTSCHAU Nr. 43 | Mein kritischer Beitrag zur WORTSCHAU Nr. 43 hat auf Facebook eine bemerkenswert konstruktive Diskussion ausgelöst. Dass sich Herausgeber, Autorinnen und Autoren die Zeit genommen haben, auf meine Fragen einzugehen, freut mich sehr – und zeigt, dass die Spannung zwischen Hermetik und Zugänglichkeit keine einseitige Irritation ist, sondern ein…

    • Jane Wels‘ Sandrine

      Jane Wels‘ Sandrine

      Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…

    • Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      DIE ALTE FRAU Schnee ist gefallenSchon wird es NachtAuf weißer Decke nicht eineSpur, nicht Vogel nicht KatzeEs kommt kein BesuchEs kommt keiner heutees kommt keiner morgenSie kehrt und kehrtimmer gründlicher kehrt sie denStraßenzugang zu ihrem Haus Annähernd gelesen | Das Gedicht ist schlicht gebaut: kurze, prosanahe Zeilen ohne Reim, ohne übermäßige Interpunktion. Es öffnet mit…

    • WORTSCHAU Nr. 43

      WORTSCHAU Nr. 43

      Gedanken zur „WORTSCHAU“ #43 (Es hört nie auf) – oder: Warum ich beim Lesen ins Stolpern kam Beim Lesen dieser Ausgabe drängte sich mir eine Frage auf: Für wen sind diese Texte eigentlich gedacht? Nicht, weil die Sprache unzugänglich wäre – im Gegenteil, Satzbau und Wortwahl sind oft klar –, sondern weil viele Gedichte in…

    • BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…

    • WORTSCHAU 43 – Es hört nie auf

      WORTSCHAU 43 – Es hört nie auf

      Diese Ausgabe des Literaturmagazins WORTSCHAU präsentiert sich als besonders lyrik-fokussierte Publikation mit Thomas Kunst als Hauptautor. Feridun Zaimoglu charakterisierte Kunst in seiner Kleist-Preis-Begründung als den „sprachbesessensten und herzverrücktesten deutschen Dichter unserer Zeit“ – eine durchaus plakative Zuschreibung, die der Leser selbst überprüfen kann. Kleine Einblicke in Thomas Kunsts Gedankenwelt | Der beigefügte Fragebogen gibt Einblicke…

    • Jörn Peter Budesheim

      Jörn Peter Budesheim

      In der WORTSCHAU 43 bin ich auf Arbeiten von Jörn Peter Budesheim gestoßen. Besonders auffällig ist dabei, wie er in seinen Zeichnungen mit verschiedenen Ebenen arbeitet. Sie erschließen sich nicht sofort, sondern fordern dazu auf, gelesen zu werden – Schicht für Schicht. Und das passt gut zu diesen Gedichten. 1960 in Marburg geboren, arbeitete Budesheim…

  • Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

    Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

    Abstammung bedeutet nicht nur
    von Männern über Männer zu Männern.
    Abstammung bedeutet auch
    meine Gewalt
    gegen mich eine Hetze.
    Abstammung: Immer noch
    aus Sternenstaub gemacht. Immer noch
    sehr komplex. Immer noch
    auf die Spur kommend.
    Abstammung im Sinne von:
    Ring um den Hals eher auf Schulterhöhe
    ein loser Reifen. Ein Reifen
    den man fallen lassen kann
    aus ihm hinaustreten und sagen:
    Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.
    Das ist mein Alltag. So spreche ich.


    © Nathalie Schmid – Aus: Ein anderes Wort für einverstanden

    Eine Annäherung in zwei Anläufen

    Das Gedicht beginnt mit einem Widerhall – „Abstammung bedeutet nicht nur“ – und reißt eine Tür auf: Nicht nur Männerlinien, nicht nur Blut. Es klingt, als wolle es eine Ader freilegen, die tiefer liegt als Gene, eine Art Erbe, das schmerzt. „Meine Gewalt / gegen mich eine Hetze“ – hier vibriert etwas Zerrendes. Ist das die Stimme einer Generation, die in den Krallen patriarchaler Erzählungen steckt und gleichzeitig gegen sie anschreit? Die Hetze, der innere Lärm, der sagt: Du bist, was aus dir gemacht wurde – und doch…

    Dann der Sprung ins Kosmische: „Immer noch / aus Sternenstaub gemacht.“ Ein Hauch von Carl Sagan, ein Trost im Universellen. Wir sind alle nur Staub, aber dieser Staub funkelt. Hier schimmert eine paradoxe Schönheit: Abstammung als Gefängnis und als Sternenmysterium. Die Zeilen atmen Widerspruch – „sehr komplex“, „auf die Spur kommend“ – als würde das Ich sich selbst wie ein fremder Planet kartografieren.

    Der Bruch: Ein „Ring um den Hals“, locker, fast dekorativ. Keine Fessel, die würgt, sondern ein Reifen, den man fallen lassen kann. Wie eine Schlange, die ihre Haut abstreift. Das Bild ist voller sanfter Revolte: Aussteigen aus dem Kreis, der vielleicht Tradition, Erwartung oder Sprache hieß. Und dann der befreiende Akt – „Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.“ Hier kippt das Gedicht ins Manifestartige. Es ist, als hole das Ich Luft nach Jahrhunderten des Schweigens und spreche sich selbst frei.

    Was sagt mir der Text?
    Er fühlt sich an wie ein Ritual. Zuerst das Benennen der Wunde (Abstammung als Gewalt), dann das Erinnern an die eigene Magie (Sternenstaub), schließlich die Geste des Abstreifens. Der „lose Reifen“ könnte alles sein: Geschlecht, Herkunft, Sprache – Dinge, die formen, aber nicht besitzen dürfen. Das Gedicht wirft Fragen auf, ohne Antworten zu geben: Wie viel von mir ist Erbe, wie viel Eigenes? Und wann wird der Reifen zur Last, statt zum Schmuck?

    Die letzten Zeilen lesen sich wie ein Zauber – eine Selbstermächtigung, die nicht laut poltert, sondern leise, aber entschlossen, den eigenen Raum markiert. Vielleicht ist Abstammung am Ende kein Schicksal, sondern ein Material, das man umschmelzen kann. Aus Sternenstaub und alten Ketten baut das Ich etwas Neues: einen Satz, einen Blick, einen Alltag. Und das klingt nach Freiheit.


    Was mich besonders anspricht, ist die Einladung, die eigene Identität als etwas Lebendiges und ständig Im-Werden zu begreifen. Es geht nicht um das starre Festhalten an einem unveränderlichen Erbe, sondern um das ständige Neuaushandeln der eigenen Geschichte und Rolle in der Welt. In einer Welt, in der Tradition und Moderne oft in Widerspruch stehen, schlägt das Gedicht vor, dass es – ähnlich wie der Mensch – immer in Bewegung ist, sich wandelt und dabei immer wieder über sich hinauswächst.

    Insgesamt wirkt der Text erfrischend unkonventionell und lässt Raum für persönliche Assoziationen. Er erinnert daran, dass Abstammung und Identität nicht als vorgegebene Schicksalslinie betrachtet werden müssen, sondern als etwas, das man aktiv und selbstbestimmt gestaltet. Diese Leichtigkeit im Umgang mit schwerwiegenden Themen ist es, was mir an diesem Gedicht so sympathisch und befreiend erscheint.

    Im ersten Durchgang hatte ich – muss ich gestehen, nicht darauf geachtet, wer dieses Gedicht geschrieben hat. ALs ich dann nach Informationen zur Urheberschaft suchte, realisierte ich, dass es sich um die Autorin Nathalie Schmid handelt. Im zweiten Durchgang habe ich versucht, das Gedicht aus der Perspektive Mann-Frau zu lesen. Macht es einen Unterschied in der Leasart, wenn ich weiß, dass das Gedicht aus feministischer, weiblicher Perspektive geschrieben wurde? Und wenn ja, in welcher Form?

    Ja, auf eine Weise, die den Text nicht verengt, sondern ihn weiter öffnet.

    Der Autorin-Hintergrund wirkt wie ein zusätzliches Fenster, durch das man schaut. Hier einige Gedankenfäden:

    Die Körperlichkeit der Abstammung
    Wenn eine Frau über „Abstammung von Männern“ schreibt, klingt das nach einer existenziellen Spannung: Blutlinien, die oft über männliche Namen weitergegeben werden, Geburtsurkunden, die Väter als erste Zeugen nennen. Die Zeile „von Männern über Männer zu Männern“ wird dann zur konkreten Anklage gegen ein System, das mütterliche Linien unsichtbar macht. Die „Hetze“ könnte hier auch den gesellschaftlichen Druck meinen, sich in diese Linie einzufügen – oder aus ihr auszubrechen.

    Der Ring als Symbol weiblicher Zugehörigkeit?
    Der „Ring um den Hals“ – lose, aber präsent – könnte Assoziationen wecken: das Halsband der Ehe, das Korsett der Rollenerwartungen, sogar den Reif der Venus. Wenn eine Frau ihn ablegt, bekommt das Geste des Abstreifens historisches Gewicht: Jahrhunderte, in denen Frauen „Schmuck“ trugen, der zugleich Fessel war. Der Satz „So spreche ich“ klingt dann wie ein Echo von Autorinnen, die lange um ihre Stimme kämpfen mussten.

    Sternenstaub vs. Patriarchale Schwerkraft
    Das kosmische Bild („Sternenstaub“) steht im Kontrast zur irdischen „Abstammung“. Wenn die Autorin eine Frau ist, könnte dieser Gegensatz auch den Zwiespalt zwischen biologischer Bestimmung („Abstammung als Schicksal“) und dem Wunsch nach Entgrenzung spiegeln. Der Sternenstaub – universell, geschlechtslos – wird zur Gegenwehr gegen die Enge genealogischer Zuschreibungen.

    Die Gewalt als internalisierte Macht
    „Meine Gewalt / gegen mich eine Hetze“: Wenn die Sprecherin weiblich gelesen wird, könnte dies auf internalisierte Misogynie verweisen – die Selbstkritik, die entsteht, wenn man in Strukturen aufwächst, die Weiblichkeit abwerten. Die „Hetze“ wäre dann der innere Lärm einer Kultur, die Frauen lehrt, sich selbst zu misstrauen.


    All das sind Möglichkeiten – keine Fakten. Das Gedicht bleibt vieldeutig. Wichtig ist: Die Autorin als Frau zu kennen, verleiht bestimmten Bildern historische Resonanz, aber es sollte den Text nicht auf eine „weibliche Erfahrung“ reduzieren. Vielleicht geht es hier gar nicht primär um Geschlecht, sondern um Machtstrukturen generell – die Autorin bringt nur eine spezifische Perspektive ein.

    Letztlich verändert es die Lesart insoweit, als es den Kampf um Selbstdefinition konkreter macht. Wenn eine Frau sagt: „Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit“, klingt das nach einem Bruch mit jahrhundertealten Schweigegeboten. Der „lose Reifen“ wird dann zum Symbol für alles, was Frauen angelegt wurde – und der Mut, ihn abzustreifen, ohne zu wissen, was darunter liegt.

    Doch das Gedicht atmet auch universelle Sehnsucht: Wer bin ich jenseits dessen, was mir auferlegt wurde? Die Antwort liegt vielleicht im Sternenstaub – und im Mut, den eigenen Alltag zu benennen.

  • BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

    BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

    Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken.

    Drekkingarhylur: Ein Ort der Gewalt

    Das isländische Wort „Drekkingarhylur“ bedeutet wörtlich „Ertränkungsbecken“. Bis ins 18. Jahrhundert wurden dort Frauen hingerichtet, die man der „Unzucht“ oder Hexerei bezichtigte. Männer, die ähnlicher Vergehen beschuldigt wurden, erhielten meist mildere Strafen – oft Enthauptung statt Ertränkung. Die Wahl der Hinrichtungsmethode war keine technische, sondern eine symbolische Entscheidung: Wasser als Reinigung, als Auslöschung, als Rückkehr ins Nichts.

    Das Gedicht beschwört diesen Ort herauf mit einer Sprache, die zwischen dokumentarischer Nüchternheit und physischer Dringlichkeit schwankt. Wellen lecken am Grund der Schuld – aber wessen Schuld ist gemeint? Die der verurteilten Frauen oder die Schuld einer Gesellschaft, die ihre Gewalt an Frauenkörpern vollstreckt und „Reinigung“ nennt?

    Agnes Bernauer: Von der Donau zur Torte

    Eine weitere Frau taucht auf, über Jahrhunderte und Länder hinweg: Agnes Bernauer. Sie war die Geliebte des bayerischen Herzogs Albrecht III. und wurde 1435 in der Donau ertränkt – angeblich der Hexerei schuldig, tatsächlich politisch unbequem. Heute erinnert in Augsburg eine Torte an sie: die „Agnes-Bernauer-Torte“ aus Buttercreme und Baiser.

    Das Gedicht nennt diese makabre Verwandlung beim Namen: „verewigt in buttercreme und baiser“. Was geschieht, wenn eine gewaltsame Hinrichtung zu lokalem Brauchtum wird, zu etwas Essbarem, Süßem, Harmlosem? Die Tote verschwindet hinter ihrer Verzuckerung. Ihre Geschichte wird geschmacklich.

    Gegenwart: Das Mittelmeer als Massengrab

    Dann vollzieht das Gedicht einen Zeitsprung nach vorn. Von den historischen Hexenverbrennungen und Ertränkungen zur „kenternden Mutter im Mittelmeer“. Zu Frauen, die auf der Flucht ertrinken, schwanger oder mit Kindern, während Europa wegschaut oder Rettungsschiffe kriminalisiert.

    Die Verbindung ist brutal und präzise zugleich: Damals wie heute werden Frauenkörper zu Orten erklärt, an denen sich Schuld materialisiert – sei es die erfundene Schuld der Hexerei, sei es die konstruierte Schuld der „illegalen Migration“. Damals wie heute geschieht das Sterben im Wasser, und damals wie heute gibt es Zeugen, die zusehen oder wegsehen.

    Das „Mädchen, das ins Wasser geht“ – ist es Suizid? Flucht? Bestrafung? Das Gedicht lässt die Grenzen verschwimmen und macht damit sichtbar, wie dünn die Linie zwischen erzwungenem und gewähltem Tod oft ist.

    Den Mund über Wasser halten, den Mund halten

    Das Gedicht endet mit einer sprachlichen Verdichtung, die körperlich schmerzt: „den mund über wasser zu halten, den mund zu halten“. Der Überlebenskampf im Wasser wird zur Metapher für das erzwungene Schweigen von Frauen. Wer spricht, geht unter. Wer schweigt, bleibt vielleicht am Leben – aber um welchen Preis?

    Diese Doppelbewegung – physisches Ertrinken und symbolisches Verstummen – durchzieht die gesamte Geschichte der Gewalt an Frauen. Die verurteilten „Hexen“ durften sich nicht verteidigen. Agnes Bernauer hatte keine Stimme vor Gericht. Die Ertrunkenen im Mittelmeer werden zu Statistiken, zu Nummern ohne Namen, ohne Geschichten.

    Widerstand – damals und heute

    Die Frage bleibt: Welchen Widerstand gab es gegen diese Gewalt? Historisch ist er schwer zu greifen – wer gegen Hexenprozesse protestierte, geriet selbst unter Verdacht. Vereinzelt gab es Theologen und Juristen, die die Prozesse kritisierten, doch sie blieben Ausnahmen. Die meisten Gemeinden schwiegen oder beteiligten sich aktiv.

    Heute gibt es feministische Bewegungen, die Femizide sichtbar machen, die Namen nennen, die Statistiken führen. Es gibt Initiativen zur Seenotrettung, juristische Kämpfe gegen Gewalt an Frauen, Gedenktage und Demonstrationen. Doch die Gewalt geht weiter – strukturell, alltäglich, tödlich.

    Niemelas Gedicht vollzieht keinen Trost. Es zwingt zur Konfrontation: mit der Kontinuität der Gewalt über Jahrhunderte hinweg, mit unserer eigenen Rolle als Zeugen, mit der Frage, wie viel wir wirklich sehen wollen. Der Titel „Beckenendlage“ erweist sich als bittere Ironie – es geht nicht um die Rettung eines Kindes, sondern um die wiederholte Tötung von Frauen, die nie die Chance hatten, den Kopf über Wasser zu halten. Ich habe mich gefragt, ob es damals und welchen Widerstand es heute gegen Femizide gibt.

    Titelfoto: Alexander Pixa

  • Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

    Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

    Sandrine, dein Atem ist Gänsedaunen. Meiner stockt beim Lesen, wird zu Stein in der Brust. Während du die kommenden Verheerungen spürst, taste ich mich an bereits vergangene heran. Deine Zeit friert in stehenden Gewässern – meine fließt linear fort, Datum für Datum, wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Vielleicht ist das der Unterschied.

    Du schreibst von Schichten, die sich auf deine Haut legen, feucht vermalte Erstarrung. Ich kenne andere Schichten: die sich täglich neu bilden, unsichtbar, aus Schweigen und Nicht-Berühren. Deine Mitte wölbt sich ins Freie, führt ein Eigenleben. Meine Mitte ist ein Knoten, fest verschnürt, der sich selten löst.

    Paris. London. Germersheim. Deine Orte schweben, verflüssigen sich in der Erinnerung. Meine bleiben stehen wie Wegweiser: hier war ich, dort nicht, dazwischen Strecken, die sich messen lassen. Du spulst vor und zurück, spielst Himmel und Erde. Ich gehe meist geradeaus, auch wenn der Weg krumm ist.

    „You are so funny! Stay like this.“ Jemand hat das zu dir gesagt. Wie oft habe ich ähnliche Worte gehört und nicht gewusst, ob sie Gefängnis oder Geschenk waren. Du weidest Schafe, mischst dich offenporig in den Raum. Ich baue Zäune, auch wenn ich sie selbst nicht sehe.

    Körperlos schreibst du. Ich lese das mit einem Körper, der sich schwer anfühlt, der Raum einnimmt, der nicht verschwindet. Vielleicht ist Körperlosigkeit eine andere Form der Schwere. Vielleicht ist sie Befreiung.

    Sandrine könnte eine jede sein, schreibst du. Ich könnte ein jeder sein – aber bin es nicht. Deine Wochentage verschleifen. Meine haben Namen, die ich abhake. Dein Tagwerk rutscht ins Monochrome. Meines hat Kanten, Ecken, Termine.

    Zeit ist ein Hüpfspiel für dich. Für mich eher ein langer Gang mit vielen Türen, die meisten verschlossen. Aber manchmal, beim Lesen deiner Worte, öffnet sich eine. Dahinter liegt etwas, das ich nicht benennen kann, das aber vertraut riecht nach Gänsedaunen und stehenden Gewässern.

    Dazwischen Störstellen, schreibst du zum Schluss.

    Ja. Dazwischen immer diese Störstellen.

    Dies ist eine Fortführung der Kurzprosa Sandrine von Jane Wels.

    • Über die Kunst des dialogischen Lesens mit Jane Wels‘ „Sandrine“

      Über die Kunst des dialogischen Lesens mit Jane Wels‘ „Sandrine“

      Eine Ergänzung zur literarischen Analyse – von der Theorie zur Praxis des aktiven Lesens Was geschieht, wenn wir einen Text wie „Sandrine“ nicht nur lesen, sondern ihm antworten? Wenn wir die fragmentarischen Erinnerungen nicht als abgeschlossenes Kunstwerk betrachten, sondern als Einladung zu einem Dialog verstehen? Diese Frage entstand aus einem intensiven Gespräch über Jane Wels‘…

    • Jane Wels‘ Sandrine

      Jane Wels‘ Sandrine

      Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…

    • Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Sandrine, dein Atem ist Gänsedaunen. Meiner stockt beim Lesen, wird zu Stein in der Brust. Während du die kommenden Verheerungen spürst, taste ich mich an bereits vergangene heran. Deine Zeit friert in stehenden Gewässern – meine fließt linear fort, Datum für Datum, wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Vielleicht ist das der Unterschied. Du schreibst…

    • Jane Wels

      Jane Wels

      Keiner meiner Tage läuft ab. […] lasse ich Strukturen einfach ineinander verlaufen. Schaue ihnen zu, wie einem Aquarell, welches seinen Goldenen Schnitt selbst formt. Jane Wels beschreibt ihr Leben nach dem Ende ihrer therapeutischen Praxis als bewusste Entscheidung für das Fließende, das Unstrukturierte. 1955 in Mannheim geboren, lebt und schreibt die Lyrikerin heute im Nordschwarzwald…

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