In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen.
Hier geht es nicht um „typisch weiblich“, sondern um das Reflektieren sozial geprägter Erfahrungsräume. Um Perspektiven, die im literarischen Kanon lange marginalisiert und oft aktiv verdrängt wurden und heute einen anderen Blick auf Beziehungen, Körper, Macht und Sprache selbst eröffnen. Rachel Cusk lässt ihre Erzählerin verschwinden, um Raum für andere Stimmen zu schaffen. Gioconda Belli dreht historische Narrative um. Kathrin Niemela verbindet Hexenverbrennungen mit ertrinkenden Geflüchteten im Mittelmeer.
Weibliche Perspektiven in der Literatur ist ein Leseprojekt aus männlicher Perspektive: Wie verändert sich mein Verstehen, wenn ich mich auf Erfahrungen einlasse, die nicht meine eigenen sind? Wo höre ich zu, statt zu bewerten? Welche blinden Flecken werden sichtbar – nicht um sie zu rechtfertigen, sondern um sie anzuerkennen? Es geht nicht darum, alles gutzufinden, sondern darum, andere Lebensrealitäten als gleichwertig stehen zu lassen.“
Diese Rubrik lebt vom Austausch: Wenn du Texte kennst, die hier fehlen, oder anders über das Gelesene denkst – wenn Sie Texte kennen, die hier fehlen oder anders über das Gelesene denken: ich freue mich über Hinweise, Widerspruch und Empfehlungen.
Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es brav, leise und unauffällig zu sein habe, „wie ein Postpaket“ einfach mitläuft. Die Sätze tragen sich selbst, bis sie sich fast im Kreis drehen: weil es so ist, warum.
Die Sprache bleibt nüchtern. Keine Empörung, kein Kommentar. Gerade dadurch entsteht Widerstand. Der Text ist kein Selbstgespräch. Er stellt ein Bild aus – und überlässt es den Lesenden, darauf zu reagieren. Man spürt den Stillstand, das Vorgegebene, die Erwartungen, die sich nicht erklären, nur auflisten lassen.
Heute, mit zeitlichem Abstand, wirkt dieses Bild auf neue Weise. Die 1960er Jahre liegen weit zurück, und Menschen, die damals Kinder waren, haben begonnen, ihre Erfahrungen aufzuschreiben. Erinnerungen berichten von kleinen Freiheiten, vom Mitlaufen, von Anpassung und von dem, was im Schweigen blieb. Viele Kinder sollten funktionieren, Gehorsam war selbstverständlich, eigene Wünsche hatten kaum Raum. Wer damals widersprach, riskierte Sanktionen – ein stummer Spiegel von gesellschaftlicher Norm und autoritärer Erziehung.
Auch heute klingt der Text noch nach – und doch ist Kindheit anders geworden. Wer ihn liest, spürt vielleicht die Regeln, die einst selbstverständlich waren: leise sein, sich einfügen, keinen eigenen Willen zeigen. Damals liefen Kinder mit, sie passten sich an, sprachen nicht, wo man Schweigen erwartete. Erinnerungen von Menschen, die in dieser Zeit aufwuchsen, erzählen von kleinen Freiheiten, von Anpassung und vom stillen Mitlaufen. Für heutige Leserinnen und Leser entsteht daraus ein leiser Spiegel: Ein Bild von Kindheit, das überraschend fremd wirkt, und doch auch Fragen weckt – wie war es bei dir? Welche stummen Regeln hast du gespürt, welche Freiheiten entdeckt? Die Stimmen der Vergangenheit schwingen nach, öffnen den Raum für Erinnerung und Reflexion, ohne dass irgendjemand etwas beweisen muss.
Vielleicht erklärt sich von hier aus auch die Bedeutung literarischer Kinderfiguren, die sich diesem Bild entziehen. Figuren wie Pippi Langstrumpf oder die rote Zora entschuldigen sich nicht für ihre Existenz, sie widersprechen, sie gehen eigene Wege. Max und Moritz markieren auf ihre Weise die Grenzen dessen, was erlaubt war, während Michel, Ronja oder Madita zeigen, dass Kindheit immer auch ein Raum für Einspruch sein kann. Diese Figuren widerlegen den beschriebenen Zustand nicht. Sie markieren nur, was im normativen Bild keinen Platz hatte: den Einspruch, die Freiheit, die Stimme des Kindes.
Der Text von Elisabeth Wesuls bleibt Ausgangspunkt und verdichtet, ohne zu erklären. Die literarischen Figuren antworten ihm auf ihre Weise, die Erinnerungen aus Biografien sprechen zurück. Und vielleicht ist genau darin die Stärke: Lesen heißt dann nicht nur verstehen, sondern weiterdenken, nachfragen, zuhören – still, aber aktiv.
Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960 (Eine Miniatur) Erschienen in: Blassgrau wie Tauben | Miniaturen von 1979 bis 2022 Mit 8 Zeichnungen von Sabine Peuckert Molokko Print 166 | 2023 ISBN 978-3-948750-71-8
Ich sehe von fern das Land, das ich verließ. Ich beweine als Frau, was ich als Mann nicht zu verteidigen wusste. Die historische Vorlage: Der Seufzer des Mauren Dieses kurze, aber kraftvolle Gedicht von Gioconda Belli nimmt Bezug auf eine der bekanntesten Erzählungen der spanischen Geschichte: die Legende vom „Seufzer des Mauren“ (el suspiro del…
HIMBEEREN das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über-all die…
Manchmal landet man durch Zufall bei einem Lied, das einen nicht mehr loslässt. Bei mir war es eine Recherche zu Grit Lemkes Kinder von Hoy, die mich über den Singeklub Hoyerswerda zu Gundi und schließlich zu ihrer Tochter Linda Gundermann führte. Ihr Lied „Bindungsstil“ ist mir dabei begegnet – und ich höre es seitdem immer…
Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…
Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…
Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…
Sandrine, dein Atem ist Gänsedaunen. Meiner stockt beim Lesen, wird zu Stein in der Brust. Während du die kommenden Verheerungen spürst, taste ich mich an bereits vergangene heran. Deine Zeit friert in stehenden Gewässern – meine fließt linear fort, Datum für Datum, wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Vielleicht ist das der Unterschied. Du schreibst…
Es ist unbefriedigend, etwas teilen zu wollen, was man nicht direkt zeigen kann. Wie in diesem Fall: „Schief gewickelt, wie ich bin!“ Frottage mit Zeichnung von Ille Chamier. Daher habe ich versucht festzuhalten was ich dem Bild entlockt habe: Falsche Schritte? Sie steht da, ein Knoten aus Linien und Schatten,geformt aus Plänen, die nie so…
Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht…
Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021 Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In…
Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…
In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen. Hier…
Ille Chamiers Stil ist schwer zu imitieren – weil er nicht nur Technik, sondern eine Haltung ist. Ihre Sprache wirkt wie gehämmertes Geröll: kantig, verdichtet, mit plötzlichen Bildsprüngen. Ein Gedicht zum Thema „Sorgearbeit und Schreiben“ hätte bei ihr möglicherweise so geklungen: Mögliche Stilmerkmale (rekonstruiert aus ihren Texten): Lakonische Präzision:Nicht:„Die Last der unendlichen Pflichten drückt mich…
Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen: Die Last der unsichtbaren Arbeit Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:…
Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…
Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…
In Annette Hagemanns „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ offenbart sich der Körper als ein vielschichtiges Archiv, in dem die Spuren der Herkunft auf ebenso subtile wie prägnante Weise gespeichert sind. Vordergründig scheinen die Erbschaften des lyrischen Ichs in ihrer Konkretheit begrenzt: die spezifische „Form der Röte auf den Wangen“, ein genetisches Vermächtnis der Mutter, das den…
Annette Hagemanns Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ setzt sich behutsam mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung auseinander. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt – die spezifische Röte der Wangen der Mutter, eine deformierte Jazzplatte aus New York, ein unscheinbarer Koi des Vaters –, erscheinen zunächst als marginale Alltagsfragmente. Doch…
ich bin im wald, stehe vor einem innerwald. nach einer intensiven forsternte bildeten sich so viele junge bäume, dass — von außen betrachtet — ein wald im wald entstanden ist. die bäumchen scheinen sich gegenseitig licht und raum zu nehmen, alles grau, trocken und dunkel. es gilt sich zu konzentrieren, denn hier geht es durch,…
Über „Wegen der Inseln“ von Susanne Neuffer, Merkur Nr. 905, 2024 | Dieser Text hat mehrere Fäden, denen man folgen könnte. Ich habe mich für einen entschieden. Susanne Neuffers Kurzgeschichte, Miniatur erzählt von einer Schulklasse, die in Trauer verfällt. Oder so etwas Ähnlichem wie Trauer. Ausgelöst von einem neuen Mädchen namens Marsha, das eines Tages…
Ich war auf der Suche nach Büchern. Gefunden habe ich ein Foto. Es lag auf dem Sandboden einer Bushaltestelle, die hier im Wendland als öffentlicher Bücherschrank fungiert. Ein Abzug, eingerissen, mit Rostflecken – vermutlich von einer Pinnadel. Jemand hatte ihn irgendwann aufgehängt, er gehörte zu etwas. Dann nicht mehr. Auf der Rückseite, handschriftlich: Liesel Mansfeld…
Der Titel selbst setzt schon den Ton. „Roggenmuhme“ klingt nach Volksüberlieferung, nach Figur zwischen Märchen und bäuerlicher Mythologie. Bei Lindemann wird daraus aber kein folkloristisches Spiel. Diese Figuren stehen eher am Rand des Sagbaren – sie markieren, wie stark Landschaft und Imagination ineinandergreifen. Roggenfeld, Wind, Jahreszeiten: Das ist keine Kulisse, sondern ein Wahrnehmungsraum, in dem…
Über Epigraphen und die Kunst, sie zu überlesen – oder zu nutzen. | Hansjörg Schertenleib, Der Antiquar. Ich blättere die erste Seite auf, und da steht: „Der Weg vollendet sich. Der Schnee fällt in tausend Flocken. Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.“ – Shōbōgenzō Mein erster Gedanke: Das ist ein Haiku. Die Kürze, das…
Gesperrte Ablage. Unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945–1989Ines Geipel / Joachim Walther, Lilienfeld Verlag Mit Gesperrte Ablage legen Ines Geipel und Joachim Walther eine Literaturgeschichte vor, die lange nicht erzählt worden ist – und strukturell nicht erzählt werden konnte. Das Buch rekonstruiert jene literarischen Stimmen der DDR, die nicht publiziert, nicht rezipiert, nicht erinnert werden durften.…
Drei Miniaturen zu einer Zeichnung: Nichts bleibt für sich. Linien steigen auf, andere sinken zurück. Was sich verdichtet, gibt ab. Was aufragt, ist nicht getrennt vom Grund. Bewegung geht in beide Richtungen. Austausch heißt hier nicht Ausgleich. Es ist ein fortwährendes Weitergeben von Spannung. Linien gehen nach oben und kommen zurück. Der Grund bleibt beteiligt.…
Nichts greift hier ineinander. Von oben drängt etwas Fremdes ins Bild, faserig, hart gesetzt. Unten arbeitet eine andere Bewegung, schwer, erdig, unruhig. Die Farben mischen sich nicht, sie stoßen. Was durchdringt, verbindet nicht. Es verschiebt, verdrängt, reibt sich fest. Der Raum hält das aus, aber er schließt sich nicht. Nähe entsteht hier nicht aus Übergang,…
Es gibt keine Linie, an der das Sehen zur Ruhe kommt.Flächen schieben sich übereinander, als hätten sie Zeit gesammelt.Das Dunkle trägt, das Helle setzt an.Nichts öffnet sich nach außen, alles breitet sich aus.Bewegung ohne Richtung, Dichte ohne Schwere.Zwischen den Schichten bleibt kein leerer Ort, nur Übergang.Was wie Tiefe aussieht, ist Nähe.Was weit scheint, hält fest.…
Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es…
Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung: Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich…
Tarnung, Enttarnung und das Unheimliche der Kontinuität. Annähernd gelesen | Beim ersten Lesen von Elisabeth Wesuls Miniatur gibt es diesen Moment des Innehaltens. Fast eine Schrecksekunde. Nicht wegen der historischen Kulisse, nicht wegen der Ideologie. Sondern wegen eines Namens. Zunächst bleibt alles im Bereich des Hörensagens. „Man erzählt“, „manche sagen“, „die Leute, die das erzählen“.…
Klaus Johannes Thies‘ Prosatext schildert die Hörspielabteilung von Radio Bremen als einen Ort des Wartens und Dämmerns. Schauspieler in Schlafanzügen lagern in langen, leeren Fluren einer vergessenen Abteilung, die bei einem Umzug einfach nicht mitgenommen wurde. Die Synchronisation von Gina Lollobrigida steht an, aber es gibt nur Männer – man behilft sich mit einer Sekretärin.…
Beim ersten Lesen von Klaus Johannes Thies Text „Im Schwimmbad mit Derrida“ stellt sich eine eigentümliche Ratlosigkeit ein. Was ist das? Ein Traumbericht? Eine philosophische Reflexion? Eine Alltagsbeobachtung? Der Text entzieht sich jeder eindeutigen Zuordnung – und genau darin liegt sein Geheimnis. Denn Thies schreibt nicht über Derridas Dekonstruktivismus, er vollzieht ihn. Das Verschwimmen der…
Annähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Gelesen habe…
Entdeckt habe ich Elisabeth Wesuls in einer alten Ausgabe der ndl – neue deutsche literatur. In Heft 1 von 1981 fand sich ein Essay von ihr mit dem Titel „Sich einlassen auf das Langwierige“ über den Prozess des Schreibens sowie einige Gedichte. Ihre Metaphern fand ich interessant und wollte mehr lesen. So stieß ich auf…
Was übt man, wenn man das Unsichtbare übt? – Kennen Sie das Gefühl, wenn eine solche Frage nicht einfach im Raum steht, sondern etwas in Ihnen in Bewegung setzt? Klaus Johannes Thies, 1950 in Wuppertal geboren, schreibt genau solche Literatur. Seine Texte sind weniger Geschichten als vielmehr Gedankenräume, Einladungen zu mentalen Expeditionen, die der Leser…
Tätigkeit als Autorin | Olga Benario verfasste 1929 in Moskau die Schrift „Berlinskaja komsomolija“ (Der Berliner kommunistische Jugendverband), die auf Russisch erschien. 2023 erschien dieser Text erstmals auf Deutsch unter dem Titel „Berliner Kommunistische Jugend“ in deutscher Übersetzung von Kristine Listau beim Verbrecher Verlag. Das Werk beschreibt den Alltag der Kommunistischen Jugend in Berlin-Neukölln mit…
Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung:
Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich verkleinert. Das ist kein symbolischer Akt, sondern eine körperliche Tatsache, die man akzeptiert, weil man etwas will.
Was sie mitbringt, wirkt wie aus verschiedenen Leben zusammengeklaubt. Ein junger Hund. Erdbeeren, schon matschig. Ein Strumpfband, früher schön. Nichts davon gehört hierher, und genau deshalb wird es gezeigt. Nicht als Beweis, sondern als Versuch, eine andere Ordnung ins Spiel zu bringen. Etwas Lebendiges. Etwas Vergängliches. Etwas Intimes. Der Text sagt nicht, wofür das steht. Er zeigt nur, dass es keine Wirkung hat.
Der Mann versteht sie. Das sagt er zumindest. Und das ist vielleicht der grausamste Satz. Verstehen ohne Handeln ist die perfekte Form der Abwehr. Alles bleibt höflich, glatt, abgeschlossen. Hilfe wäre eine Grenzüberschreitung. Also bleibt man beim Verstehen.
Die Erzählerin wägt ab, bleibt oder geht, rechts oder links. Diese Geste ist wichtig: Sie tut so, als hätte sie eine Wahl. Höflichkeit wird zur Technik, um die eigene Ohnmacht auszuhalten. Das „nächste Mal“ ist kein Plan, sondern Selbstberuhigung. Ein Satz, den man braucht, um nicht stehenzubleiben.
Dass der Mann früher ein Öltanker war oder ein Schulterblatt eines Hirsches, verschiebt ihn endgültig ins Unmenschliche. Er hat Geschichte, aber keine Biografie. Er ist Masse, Funktion, Körper ohne Beziehung. Und trotzdem öffnet er die Tür. Mehr nicht.
Draußen hüpft sie nach Hause. Nicht erleichtert, nicht zerstört. Beweglich. Fast leicht. Die Sonne blinkt. Das Ritual ist vorbei, das Leben geht weiter. Und dann dieser Satz: „Was sind wir doch für ein seltsames Paar.“ Kein Spott, kein Urteil. Eine nüchterne Feststellung. Sie gehören zusammen in diesem Moment. Ohne ihn kein Bitten. Ohne sie kein Amt. Zwei Figuren, die sich nur in dieser Konstellation berühren können.
Der Text verweigert Trost und Anklage gleichermaßen. Hohe Klinken ist ein Bild dafür, wie man sich beugt, ohne gebrochen zu sein. Wie man geht, ohne etwas bekommen zu haben. Und wie man weiterlebt. Trotzdem.
Hohe Klinken ist eine Miniatur von Elisabeth Wesuls Erschienen in: Blassgrau wie Tauben | Miniaturen von 1979 bis 2022 Mit 8 Zeichnungen von Sabine Peuckert Molokko Print 166 | 2023 ISBN 978-3-948750-71-8
Nathalie Schmids Gedicht „der geschmack von kartoffeln“ porträtiert „einen schlag von frauen“ durch eine Collage körperlicher und alltäglicher Details, die auf den ersten Blick schlicht dokumentarisch wirken. Doch zwischen den Zeilen entfaltet sie eine Dichte, die mich bekümmert: ein Leben, das nur noch rückblickend Bedeutung hat.
Verschlossene Innenwelten
Die Frauen des Gedichts zeigen sich in ihrer äußeren Erscheinung gepflegt – die Haare gut frisiert -, während ihre Zähne „sich zeigen / in ihrer urnform wie altes gestein“. Doch die stärkste Metapher findet Schmid für das, was unsichtbar bleibt: Die „kleinen beulen“ am Hinterkopf bergen „gesammelte bilder / eingeschlossen in marmeladengäser / die mit dem löffel nicht zu öffnen sind“. Diese Erinnerungen, diese inneren Welten, sind unzugänglich geworden – vielleicht weil niemand fragt, vielleicht weil die Frauen selbst den Zugang verloren haben.
So singen sie „nachts ins kopfkissen alte lieder / von blumen die bestandteil ihrer aussteuer waren“. Das Kopfkissen als einziger Zuhörer ist ein Bild der Einsamkeit, das nachwirkt. Was einmal Hoffnung war, wird nur noch im Privaten, im Verborgenen erinnert.
Eine durchsichtige Gegenwart
Das Gedicht steht grammatisch im Präsens, doch die emotionale Zeitebene ist vollständig rückwärtsgewandt. Die Gegenwart selbst besteht nur aus Routine: „ihre tage zerteilen in berührtes material / in den geschmack von kartoffeln über alten feuerstellen“. Das Leben reduziert sich auf das Handgreifliche, Notwendige, Wiederholbare. Die Uhren schlagen „im dreivierteltakt“ – ein Rhythmus, dem etwas fehlt, der nicht ganz vollständig ist.
Alles, was an Lebendigkeit oder Sinnlichkeit im Text erscheint, liegt in der Vergangenheit. Die Gegenwart ist durchsichtig geworden, hat keine eigene Qualität mehr. Sie ist nur noch das Abarbeiten von Notwendigkeiten, das Funktionieren.
Der verlorene Geruch
Der Schluss des Gedichts verstärkt diese Begrenztheit noch einmal: „den verlorenen geruch von himbeerstauden / geplänzt am ersten tag“. Nicht die Stauden selbst sind verloren, sondern ihr Geruch – also die sinnliche, lebendige Erfahrung. Etwas wurde am Anfang angelegt, Möglichkeiten vielleicht, Hoffnungen, aber was blieb, ist nur die Erinnerung an einen Verlust.
Ein Blick nach vorn existiert nicht. Keine Erwartung, keine Hoffnung, keine Zukunft. Das Präsens vermittelt hier nicht „Jetzt bin ich lebendig“, sondern eher „So ist es, so läuft es“ – eine eingefrorene Gegenwart ohne Bewegung.
Begrenztheit ohne Wertung
Schmid bleibt in ihrem Text streng beobachtend, ohne zu werten. Sie lässt offen, ob diese Begrenztheit selbstgewählt, gesellschaftlich auferlegt oder dem Leben als solchem geschuldet ist. Doch spürbar ist sie in jeder Zeile: in den verschlossenen Marmeladengläsern, im monotonen Geschmack der Kartoffeln, in den Liedern, die niemand mehr hört. Es ist ein Text über Leben, die gelebt wurden, aber vielleicht nie ganz zum Klingen kamen.
Eine Antwort?
Doch was folgt aus solch einer Beobachtung? Das Gedicht dokumentiert etwas, das aus dem realen Leben gegriffen ist – und damit stellt es auch Fragen an unsere Gegenwart, vielleicht sogar an unser Morgen.
Gibt es diese Einsamkeit heute noch, diese Leben, die sich nur in „berührtes Material“ zerteilen? Vermutlich ja, in anderen Formen, anderen Kontexten. Und dann müssen wir fragen: Wie entsteht so etwas? Welche Strukturen, welche fehlenden Räume führen dazu, dass die Marmeladengläser verschlossen bleiben, dass nur noch ins Kopfkissen gesungen wird?
Hier auf dem Land gibt es eine Initiative in der Kirchengemeinde: Menschen hören alten Menschen zu und halten deren Lebenserinnerungen schriftlich fest. Das ist wertvoll – aber es wirft auch Fragen auf. Möchten die Menschen das überhaupt? In welcher Form? Und vor allem: Ist das Erinnern genug?
Denn vielleicht braucht es noch eine andere, dringendere Frage: Gibt es etwas, das du aktuell vermisst? Etwas, das wir ermöglichen können? Nicht die Vergangenheit dokumentieren, sondern die Gegenwart gestalten. Nicht: Was war dein Leben? Sondern: Was brauchst du jetzt?
Es muss nicht das Große sein. Es erinnert an jene Initiativen, die todkranken Menschen letzte Wünsche erfüllen – nochmal das Meer sehen, in die Heimatstadt zurückkehren, einen bestimmten Geruch wiederfinden. Oft sind es sinnliche, konkrete Dinge. Das Erleben im Jetzt, nicht nur das Erinnern.
Was wäre gewesen, wenn jemand den Frauen in Schmids Gedicht nicht nur zugehört, sondern gefragt hätte: Was möchtest du jetzt noch erleben? Vielleicht wäre der Geruch der Himbeerstauden nicht verloren geblieben. Vielleicht hätte es einen Blick nach vorn gegeben, nicht nur zurück.
Das Gedicht zeigt was war. Eine Antwort darauf könnte sein: Was jetzt möglich ist.
LektüreNotizen | Der Titel Atlantis lokalisieren klingt nach poetischem Forschungsauftrag. Dieses ‚Lokalisieren‘ meint weniger eine geografische Suche als einen schöpferischen Akt, der sich in Lyrik, Kunst und jeder anderen Form der Kreation vollzieht – und dessen Scheitern bereits einkalkuliert. Atlantis: ein Ort, der in Legenden existiert, in Spekulationen, in Wunschbildern. Ein Ort, der verschollen ist,…
Eine Handreichung zum Finden von Musik zu Gedichten. Für alle, die glauben, dass ein Gedicht klingen kann – auch nach außen hin. 1. Nicht die Playlist, sondern das Echo suchen Ein Gedicht wie „herbrig„ ist keine Liedvorlage und kein Musikvideo. Es ist ein „Echo-Raum“, der nach Resonanz sucht. Wer dazu Musik finden möchte, beginnt am…
Ich sitze vor einem Gedicht und verstehe es nicht. Oder: Ich verstehe es vielleicht, aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Die klassische Herangehensweise wäre jetzt: Stilmittel finden, Metaphern deuten, eine Interpretation formulieren. Aber genau das fühlt sich falsch an – als würde ich dem Gedicht etwas überstülpen, statt wirklich mit ihm in…
Versuch schulisch zu lesen | Nathalie Schmids Gedicht „die namen der eisheiligen“ ist eine dichte lyrische Miniatur, die existenzielle Verlusterfahrung in einer poetischen Collage aus Stadt- und Naturbildern verarbeitet. In freier Form, ohne Satzzeichen oder konventionelle Struktur, oszilliert das Gedicht zwischen Bewegung und Erstarrung, zwischen Geräuschkulisse und sprachloser Introspektion. Es thematisiert das Ringen um Orientierung…
Interpretation zu Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ ist ein poetischer Erinnerungsraum, der sich mit Vergänglichkeit, Heimatverlust und dem Bewahren des Alltäglichen beschäftigt. In einer fragmentarisch-assoziativen Struktur – typisch für zeitgenössische Lyrik – reiht die Autorin Bilder aneinander, die zwischen Melancholie und stillem Humor oszillieren. Jede Strophe beginnt mit dem Wort „bevor“, wodurch…
Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…
In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen. Hier…
Nathalie Schmid, geboren 1974 in Aarau, ist eine der eigenwilligsten und zugleich feinfühligsten Stimmen der zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik. Ihre Texte sind wie filigrane Landschaften – durchzogen von Melancholie, staunender Beobachtung und leiser Ironie. Sie schreibt mit einem Blick, der das Alltägliche poetisch auffächert, ohne es zu verklären. Ihre Sprache tastet, beobachtet, horcht – immer auf…
Ille Chamiers Stil ist schwer zu imitieren – weil er nicht nur Technik, sondern eine Haltung ist. Ihre Sprache wirkt wie gehämmertes Geröll: kantig, verdichtet, mit plötzlichen Bildsprüngen. Ein Gedicht zum Thema „Sorgearbeit und Schreiben“ hätte bei ihr möglicherweise so geklungen: Mögliche Stilmerkmale (rekonstruiert aus ihren Texten): Lakonische Präzision:Nicht:„Die Last der unendlichen Pflichten drückt mich…
Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen: Die Last der unsichtbaren Arbeit Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:…
Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…
Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…
In Annette Hagemanns „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ offenbart sich der Körper als ein vielschichtiges Archiv, in dem die Spuren der Herkunft auf ebenso subtile wie prägnante Weise gespeichert sind. Vordergründig scheinen die Erbschaften des lyrischen Ichs in ihrer Konkretheit begrenzt: die spezifische „Form der Röte auf den Wangen“, ein genetisches Vermächtnis der Mutter, das den…
Annette Hagemanns Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ setzt sich behutsam mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung auseinander. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt – die spezifische Röte der Wangen der Mutter, eine deformierte Jazzplatte aus New York, ein unscheinbarer Koi des Vaters –, erscheinen zunächst als marginale Alltagsfragmente. Doch…
Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Ausgangspunkt ist das Gedicht BECKENENDLAGE von Kathrin Niemela. Drekkingarhylur, Island Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt,…
David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär…
Eine Begegnung mit Virginia Woolf über Umwege – Ausgangspunkt: Eine Lithographie von Wolfgang Mattheuer
Manchmal führen merkwürdige Wege zu einem Text. In meinem Fall begann es mit einer Lithographie des DDR-Künstlers Wolfgang Mattheuer in dem Band „Äußerungen“. Zu finden ist der Druck vor dem ersten Texteintrag, trägt den Titel „Abendliches Studium“ und stammt aus dem Jahr 1958. Die Darstellung ist schlicht: Eine Frau sitzt an einem Tisch und blättert in einem Buch – so jedenfalls sehe ich es.
Über diese Druckgraphik selbst habe ich bisher nichts weiter herausfinden können. Was hatte er im Sinn, als er diese Szene schuf? Welche Bedeutung sollte das abendliche Studium dieser Frau haben – in der DDR der späten 1950er Jahre, in einer Zeit des Aufbaus, der ideologischen Auseinandersetzungen, der neuen gesellschaftlichen Rollen?
Ich weiß es nicht. Und gerade weil mir der ursprüngliche Kontext verborgen bleibt, erlaube ich mir, frei zu assoziieren.
Der Sprung zu Virginia Woolf
Von dieser lesenden, studierenden Frau war es gedanklich nicht weit zu Virginia Woolfs berühmtem Essay „Ein Zimmer für sich allein“ von 1929. Woolf stellt darin eine ebenso einfache wie radikale Forderung auf: Eine Frau brauche Geld und ein eigenes Zimmer, wenn sie schreiben wolle. Es geht ihr um die materiellen Voraussetzungen geistiger Arbeit, um Raum, Zeit und ökonomische Unabhängigkeit.
In Mattheuers Lithographie sitzt eine Frau für sich, vertieft in ein Buch. Sie hat offenbar diesen Moment für sich – einen Raum, eine Abendstunde, die Möglichkeit zu studieren. Natürlich hinkt der Vergleich: Mattheuer arbeitete in einem völlig anderen historischen und politischen Kontext als Woolf. Die DDR proklamierte die Gleichberechtigung der Frau, förderte Bildung und Berufstätigkeit von Frauen – wenn auch unter anderen Vorzeichen als die feministische Bewegung im Westen. Trotzdem bleibt die Frage: Hatte diese Frau wirklich ein „eigenes Zimmer“ im Woolfschen Sinne? Oder war es ein Studium im Dienst anderer Ziele, eingebettet in kollektive Strukturen?
Ich maße mir keine Antwort an. Aber die Lithographie hat mich zu Woolfs Text geführt.
Eine Lesung in Lüneburg
Parallel zu meiner Beschäftigung mit Woolfs Essay erinnerte ich mich an eine Lesung mit Antje Rávik Strubel im Literaturhaus Lüneburg. Strubel, selbst Schriftstellerin und mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, erzählte damals von ihrer Arbeit an Woolf-Texten. Es war das erste Mal, dass ich davon hörte – dass sie 2019 „Ein Zimmer für sich allein“ neu ins Deutsche übersetzt hatte, erschienen beim Kampa Verlag.
Strubel sprach darüber, wie sie versuchte, Woolfs Ton zu treffen: die Leichtigkeit, den Witz, die Ironie, mit der Woolf patriarchale Strukturen unterläuft. Woolf schreibt keineswegs trocken oder akademisch, sondern literarisch, mit Eleganz und Raffinesse. Ältere Übersetzungen hatten diese Qualität teilweise verloren, waren zu ernst, zu bildungsbürgerlich geworden. Strubel wollte den Text als das lesbar machen, was er ist: ein Essay, der zugleich Kunstwerk ist.
Diese Lesung hatte sich mir eingeprägt, ohne dass ich damals schon den Essay selbst gelesen hätte. Nun, beim Nachdenken über Mattheuers Lithographie, fiel sie mir wieder ein.
Freie Assoziationen
Ich bin mir bewusst, dass Wolfgang Mattheuer 1958 wahrscheinlich etwas ganz anderes im Sinn hatte, als er seine Lithographie schuf. Vielleicht ging es um Bildung im sozialistischen Staat, um den neuen Menschen, um die arbeitende Frau, die sich weiterbildet. Vielleicht war es eine ganz persönliche Szene ohne programmatischen Anspruch. Vielleicht etwas Drittes.
Da mir dieser ursprüngliche Zusammenhang bisher verborgen geblieben ist, nehme ich mir die Freiheit, das Bild in einen anderen Kontext zu stellen: in den von Woolfs Essay. Die lesende, studierende Frau am Tisch – hat sie ein Zimmer für sich allein? Hat sie Zeit, die ihr gehört? Welche Bücher liest sie, und für wen oder für was liest sie?
Diese Fragen stellte Woolf 1929. Sie stellen sich noch heute. Und sie stellten sich vermutlich auch 1958 in der DDR, wenn auch unter völlig anderen Bedingungen und mit anderen Antworten.
Drei Fäden zusammengeführt
So sind drei Stränge zusammengekommen: eine Lithographie aus der frühen DDR, ein feministischer Essay aus dem England der Zwischenkriegszeit und eine zeitgenössische Neuübersetzung, vorgestellt in einer Lesung in Norddeutschland. Sie gehören nicht natürlicherweise zusammen. Aber manchmal entstehen gerade aus solchen zufälligen Verbindungen interessante Gedanken.
Mattheuers „Abendliches Studium“ zeigt eine Frau mit einem Buch. Virginia Woolf fragt danach, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit Frauen nicht nur lesen, sondern auch schreiben können. Antje Rávik Strubel hat diese Frage ins Heute übersetzt – sprachlich und inhaltlich. Und ich betrachte ein altes Bild und denke über Räume nach, über Zeit, über die Möglichkeit, für sich zu sein.
Was Mattheuer wirklich sagen wollte, weiß ich nicht. Aber sein Bild hat mich auf einen Weg gebracht, der zu Woolf führte. Und das ist vielleicht mehr, als man von einer Lithographie erwarten kann. – Randbemerkung: Eine Reproduktion des Bildes ist mir bisher nur im genannten Band ‚Äußerungen‘ begegnet, nicht aber frei zugänglich im Internet.
Bibliografische Angaben „meiner“ Ausgabe Ein Zimmer für sich allein Virginia Woolf | Antje Rávik Strubel Übersetzung ISBN 978-3-311-22003-9 Kampa Verlag Reihe Gatsby Erschienen 2019 192 Seiten
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Ein Essay über männliche Verantwortung im Angesicht von Femiziden
I. Das Gedicht als Warnsignal
Kathrin Niemelas Gedicht „Beckenendlage“ beginnt mit einem medizinischen Begriff – einer riskanten Geburtslage – und endet im Ertränkungsbecken. Es verbindet die Hinrichtung verurteilter „Hexen“ im isländischen Drekkingarhylur mit Agnes Bernauer in der Donau und mit den ertrinkenden Frauen im Mittelmeer. Der letzte Vers spaltet sich: „den mund über wasser zu halten, den mund zu halten“. Physisches Überleben und erzwungenes Schweigen werden eins.
Als Mann, der dieses Gedicht liest, kann ich die Ästhetik bewundern, die sprachliche Verdichtung, die historische Recherche. Ich kann nicken und sagen: Ja, schrecklich, was Frauen angetan wurde. Aber das Gedicht duldet diese Distanz nicht. Es ist keine Geschichtsstunde. Es ist eine Anklage, die bis in die Gegenwart reicht. Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Das sind keine mittelalterlichen Hexenprozesse. Das geschieht jetzt, hier, in Nachbarwohnungen, in meiner Stadt.
Die Frage ist nicht, ob ich als Mann betroffen sein sollte. Die Frage ist: Was mache ich mit dieser Betroffenheit?
II. Die Schwierigkeit des Erkennens
Gewalt gegen Frauen beginnt selten mit einem Mord. Sie beginnt mit Kontrolle. Mit Eifersucht, die als Liebe getarnt ist. Mit der schleichenden Isolation einer Frau von ihren Freunden und ihrer Familie. Mit abwertenden Kommentaren, die später als „Spaß“ bezeichnet werden. Mit der ersten Ohrfeige, nach der er weint und schwört, es nie wieder zu tun.
Als Mann, der nicht in dieser Dynamik lebt, sehe ich meist nur Momentaufnahmen. Ein Paar streitet auf der Straße – ist das eine normale Auseinandersetzung oder etwas Gefährlicheres? Ein Kollege macht einen abwertenden Witz über seine Partnerin – ist das sein Humor oder ein Warnsignal? Eine Nachbarin wirkt zurückgezogen und trägt im Sommer lange Ärmel – oder projiziere ich da etwas hinein?
Die Unsicherheit ist real. Ich habe Angst, mich zu irren. Angst, jemanden zu Unrecht zu verdächtigen. Angst, mich lächerlich zu machen. Diese Angst ist verständlich – aber sie darf nicht zur Ausrede werden. Denn während ich abwäge und zweifle, findet Gewalt statt. Jeden Tag. In der Wohnung nebenan, im Büro, im Bus.
III. Worauf achten? Die Muster erkennen
Ich muss lernen, die Muster zu sehen, nicht nur die spektakulären Ausbrüche. Gewalt gegen Frauen folgt oft erkennbaren Eskalationsstufen:
Kontrolle und Isolation: Er bestimmt, was sie anzieht. Er will ihre Handy-Codes kennen. Er kritisiert ihre Freunde, bis sie sich zurückzieht. Er kontrolliert ihr Geld. Diese Signale sind subtil, aber sie sind Gewalt – psychische Gewalt, die den Boden für Schlimmeres bereitet.
Abwertung und Demütigung: Er macht sie vor anderen lächerlich. Er beschimpft sie. Er droht ihr. Er macht ihr Angst. Manchmal geschieht das hinter verschlossenen Türen, manchmal halböffentlich – in einem Ton, der noch als „rauer Umgang“ durchgehen könnte.
Physische Gewalt: Sie beginnt oft mit „kleinen“ Übergriffen – ein Schubser, ein zu festes Zupacken am Arm, eine Ohrfeige. Die Schwelle ist überschritten. Ab hier steigt das Risiko exponentiell.
Trennung als gefährlichster Moment: Die meisten Femizide geschehen nicht in intakten Beziehungen, sondern nach der Trennung oder bei Trennungsabsicht. Wenn eine Frau geht oder gehen will, verliert der Mann die Kontrolle – und versucht verzweifelt oder wütend, sie zurückzugewinnen.
Als Mann kann ich auf diese Muster achten. Nicht paranoid, nicht denunziatorisch, aber aufmerksam.
IV. Einmischen – aber wie?
Die schwierigste Frage: Was tue ich, wenn ich etwas bemerke?
Im unmittelbaren Moment: Wenn ich auf der Straße, in der Bahn, im Hausflur einen Konflikt beobachte, der eskaliert, kann ich präsent sein. Ich muss nicht den Helden spielen. Oft reicht es, stehenzubleiben, hinzusehen, vielleicht eine harmlose Frage zu stellen: „Entschuldigung, wie spät ist es?“ oder „Alles in Ordnung?“. Meine Anwesenheit kann deeskalieren. Ich kann anderen Zeichen geben, auch stehenzubleiben. Ich kann die Polizei rufen. Wichtig: Ich gefährde mich nicht unnötig, aber ich schaue nicht weg.
Im sozialen Umfeld: Wenn ein Freund, Kollege oder Bekannter sich abwertend oder kontrollierend über seine Partnerin äußert, kann ich widersprechen. Nicht moralisch überlegen, nicht belehrend, aber klar: „Das klingt nicht gut, wie du über sie sprichst.“ Oder: „Findest du nicht, dass das zu weit geht?“ Diese Gespräche sind unbequem. Sie kosten mich etwas. Aber sie sind notwendig. Gewalt gedeiht im Schweigen der anderen Männer.
Bei konkretem Verdacht: Wenn ich als Nachbar, Kollege oder Freund mitbekomme, dass eine Frau in meinem Umfeld möglicherweise Gewalt erfährt – durch Blutergüsse, durch ihr Verhalten, durch Andeutungen – dann ist die Situation kompliziert. Ich kann sie nicht einfach darauf ansprechen, ohne sie möglicherweise in größere Gefahr zu bringen. Aber ich kann:
Signale senden, dass ich ansprechbar bin: „Wenn du mal reden möchtest, ich bin da.“
Informationen bereithalten über Hilfstelefone (08000 116 016 – das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen), Beratungsstellen, Frauenhäuser.
Im Notfall die Polizei rufen. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.
Mich selbst beraten lassen – anonym, bei Beratungsstellen, bei der Polizei.
V. Die Angst vor dem falschen Verdacht
Ich habe Angst, jemanden zu Unrecht zu verdächtigen. Diese Angst ist nicht unbegründet. Ein falscher Verdacht kann Leben zerstören. Aber ich muss diese Angst in Relation setzen: Jeden dritten Tag stirbt eine Frau durch Partnergewalt in Deutschland. Wie viele dieser Frauen hatten Nachbarn, Kollegen, Freunde, die etwas geahnt haben – und geschwiegen haben aus Angst, sich zu irren?
Ich muss nicht zum Detektiv werden. Ich muss nicht Beweise sammeln. Aber ich kann aufmerksam sein und im Zweifelsfall professionelle Hilfe hinzuziehen. Beratungsstellen können einschätzen, ob mein Verdacht begründet ist und was zu tun ist. Die Polizei kann Gefährdungslagen bewerten. Ich muss nicht allein entscheiden.
Und ja, ich kann falsch liegen. Ich kann eine Situation missdeuten. Aber schweigen aus Angst vor einem Irrtum heißt im Zweifelsfall: Eine Frau stirbt, weil niemand etwas gesagt hat.
VI. Die unbequeme Wahrheit: Täter sind keine Monster
Die schwerste Erkenntnis für mich als Mann ist: Die Täter sind keine Monster. Sie sind Männer wie ich. Sie haben Freunde, die sagen: „Er ist doch ein guter Kerl.“ Sie haben Kollegen, die überrascht sind. Sie haben Familien, die nicht glauben wollen, was geschehen ist.
Gewalt gegen Frauen ist nicht allein ein Problem von psychisch kranken Außenseitern. Es ist ein gesellschaftliches Problem, das in der Mitte der Gesellschaft stattfindet. In allen Schichten, allen Bildungsniveaus, allen Milieus. Und das bedeutet: Ich muss mich fragen, was in meinem eigenen Umfeld, in meiner eigenen Sozialisation, in meiner eigenen Art, Männlichkeit zu leben, gewaltfördernd ist.
Wie spreche ich über Frauen? Wie reagiere ich, wenn andere Männer abwertend über Frauen sprechen? Wie gehe ich mit Zurückweisung um? Wie definiere ich Kontrolle und Liebe? Wie rechtfertige ich Eifersucht?
VII. Den Mund nicht halten
Niemelas Gedicht endet mit der Aufforderung, den Mund zu halten – als wäre Schweigen der Preis fürs Überleben. Aber genau das ist die Falle. Gewalt gegen Frauen überlebt durch Schweigen. Das Schweigen der Opfer, die sich nicht trauen zu sprechen. Das Schweigen der Nachbarn, die nichts gehört haben wollen. Das Schweigen der Freunde, die nicht glauben wollen. Das Schweigen der Männer, die wegschauen.
Als Mann habe ich eine Verantwortung, dieses Schweigen zu brechen. Nicht mit großen Gesten, nicht mit Selbstgerechtigkeit, sondern im Kleinen:
Ich spreche mit anderen Männern über Beziehungen, über Konflikte, über Emotionen. Ich biete Räume an, in denen Schwäche keine Schande ist.
Ich widerspreche sexistischen Witzen, abwertenden Kommentaren, Besitzdenken.
Ich höre zu, wenn Frauen von ihren Erfahrungen erzählen – ohne zu relativieren, ohne zu verteidigen, ohne mich angegriffen zu fühlen.
Ich bin aufmerksam. Ich schaue hin. Ich greife ein, wenn ich kann.
Ich hole mir Hilfe, wenn ich überfordert bin.
VIII. Eine Frage der Menschlichkeit
Am Ende ist es keine Frage des Geschlechts, sondern der Menschlichkeit. Wenn jemand in Gefahr ist, schaue ich nicht weg – egal, ob es ein Mann ist, der zusammengeschlagen wird, ein Kind, das misshandelt wird, oder eine Frau, die bedroht wird. Aber ich muss anerkennen, dass Gewalt gegen Frauen ein spezifisches Muster hat, eine spezifische Häufigkeit, eine spezifische Tödlichkeit. Und ich muss anerkennen, dass ich als Mann in einer Gesellschaft lebe, die diese Gewalt strukturell ermöglicht.
Kathrin Niemelas Gedicht hält mir einen Spiegel vor. Die Frauen im Ertränkungsbecken, Agnes Bernauer in der Donau, die Mütter im Mittelmeer, die Frau in der Nachbarwohnung – sie alle teilen das Wasser, in dem sie untergehen, während andere zusehen. Das Gedicht fragt mich: Zu welcher Gruppe gehörst du? Zu denen, die ertränken? Zu denen, die zusehen? Oder zu denen, die den Mund über Wasser halten helfen?
Ich habe keine einfachen Antworten. Aber ich habe die Verpflichtung, die Frage auszuhalten und nach Antworten zu suchen. Jeden Tag neu.
Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…
Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…
Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021 Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In…
Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…
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Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…
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„kriegen kinder von / fremden Gedichten“ – dieser Satz aus einem Gedichtzyklus ‚die süße unterm marmeladenschimmel‘ in wenn ich asche bin,lerne ich kanji hat sich mir eingebrannt. Er wurde zum Ausgangspunkt meiner Beschäftigung mit ihren Texten. Kathrin Niemela wurde 1973 in Regensburg geboren. Nach Studien in Romanistik, Politologie und Jura absolvierte sie ein betriebswirtschaftliches Studium…
Rachel Cusks „Outline“ (2014, dt. „Outline – Von der Freiheit, ich zu sagen“) markiert einen radikalen Neuanfang in ihrem Werk. Nach zwei autobiografischen Büchern über Scheidung und Mutterschaft, die ihr heftige Kritik einbrachten, entwickelt die britische Autorin (*1967) eine völlig neue Erzählform: Sie lässt ihre Ich-Erzählerin beinahe verschwinden.
Eine Erzählerin ohne Geschichte
Eine namenlose Schriftstellerin fliegt nach Athen, um einen Sommerkurs zu unterrichten. Während der Reise und in den Tagen danach führt sie Gespräche – mit ihrem Sitznachbarn im Flugzeug, mit Kollegen, Studenten, einem Babysitter. Sie selbst sagt kaum etwas über sich. Stattdessen hört sie zu, stellt Fragen, gibt den anderen Raum, ihre Geschichten zu erzählen.
Das klingt passiv, ist es aber nicht. Cusk erschafft eine Erzählerin, die durch ihre scheinbare Abwesenheit präsent wird – wie eine Umrisslinie (outline), die erst durch das Negative sichtbar wird. „Ich wollte eine Form finden“, schreibt Cusk, „in der das Ich nicht im Mittelpunkt steht, sondern die Zwischenräume zwischen Menschen.“
Die Macht des Zuhörens
Die Gespräche in „Outline“ sind keine Nebensache – sie sind der Kern des Buches. Ein geschiedener Mann erzählt stundenlang von seinen gescheiterten Ehen. Eine Nachbarin berichtet von ihrer lärmenden Nachbarschaft und den Grenzen der Toleranz. Ein junger Dichter reflektiert über Erfolg und Scheitern.
Durch diese Geschichten zeichnet Cusk ein Porträt der Erzählerin, ohne dass diese jemals direkt von sich spricht. Wir erfahren, dass sie geschieden ist, Kinder hat, dass ihr Leben in Trümmern liegt – aber all das nur indirekt, durch das, was sie auslässt, durch die Art, wie sie zuhört.
Diese Technik hat Cusk von klassischen Vorbildern übernommen: „Ich dachte an die platonischen Dialoge“, sagt sie in Interviews, „an Sokrates, der durch Fragen die Wahrheit freilegt.“ Aber auch an modernere Texte wie W.G. Sebalds „Die Ringe des Saturn“, wo der Erzähler ebenfalls mehr Wanderer als Held ist.
Schreiben nach der Krise
„Outline“ entstand aus einer existenziellen Notwendigkeit. Nach ihrer Scheidung hatte Cusk zwei Memoirs veröffentlicht – „A Life’s Work“ (über Mutterschaft) und „Aftermath“ (über die Scheidung). Beide Bücher waren schonungslos ehrlich und provozierten teils hasserfüllte Reaktionen. Kritiker warfen ihr vor, zu persönlich zu sein, ihre Kinder zu instrumentalisieren, den Ex-Mann bloßzustellen.
In einem Essay für den Guardian beschreibt Cusk diese Phase: „Ich hatte das Gefühl, dass mein Ich verbraucht war, dass ich nicht mehr in der ersten Person schreiben konnte. Ich musste eine Form finden, die mich schützt und gleichzeitig die Wahrheit sagt.“
Das Ergebnis ist eine literarische Innovation: eine Autobiografie, die sich als Dialog tarnt. „Outline“ erzählt von Verlust, Neuanfang und der Frage, wie man weiterlebt, nachdem das alte Leben zusammengebrochen ist – aber ohne sentimentale Bekenntnisse, ohne Selbstmitleid.
Eine Trilogie
„Outline“ ist der erste Teil einer Trilogie, gefolgt von „Transit“ (2016) und „Kudos“ (2018). In allen drei Büchern bleibt die Erzählerin dieselbe: eine Schriftstellerin, die sich durch Gespräche bewegt wie durch Räume. In „Transit“ renoviert sie ein heruntergekommenes Haus in London – eine Metapher für den Wiederaufbau des eigenen Lebens. In „Kudos“ reist sie zu Literaturfestivals und merkt, wie sie wieder sichtbar wird, ob sie will oder nicht.
Die Trilogie wurde als eine der wichtigsten literarischen Leistungen der 2010er Jahre gefeiert. Deborah Levy schrieb: „Cusk hat eine neue Sprache gefunden für die Erfahrung, eine Frau zu sein – nicht als Opfer, nicht als Heldin, sondern als Beobachterin ihrer selbst und der Welt.“
Warum Cusk und Szalay zusammengehören
Wo David Szalay seine Männer von außen porträtiert – präzise, kühl, fast entomologisch –, schafft Cusk einen Innenraum, der paradoxerweise durch Leerstellen entsteht. Beide interessieren sich für Menschen in Übergangsphasen, für Momente der Desorientierung.
Aber während Szalays Figuren oft in ihren Rollen gefangen bleiben (der gescheiterte Geschäftsmann, der alternde Casanova), zeigt Cusk die Möglichkeit, diese Rollen abzulegen. Ihre Erzählerin hat keine feste Identität mehr – und darin liegt ihre Freiheit.
In einem Interview sagte Cusk: „Das Ich ist eine Fiktion, die wir uns erzählen. Wenn diese Fiktion zusammenbricht, ist das zunächst furchtbar. Aber dann – vielleicht – kann man neu anfangen.“
Stil und Wirkung
Cusks Prosa ist kristallklar, fast schmucklos. Keine Metaphern, die sich selbst feiern, keine poetischen Ausschweifungen. Sie schreibt, als würde sie protokollieren – und gerade deshalb sind ihre Sätze von verstörender Präzision.
Ein Beispiel: „Er sagte, nach der Scheidung habe er gemerkt, dass er sein ganzes Leben lang die falsche Person gespielt hatte. Aber er wusste nicht, wer die richtige Person war.“
Dieser Satz könnte auch von Szalay stammen. Aber bei Cusk schwingt noch etwas anderes mit: die Frage, ob es überhaupt eine „richtige Person“ gibt – oder ob wir alle nur Entwürfe sind, outlines unserer selbst.
Zum Weiterlesen
Neben der Outline-Trilogie sind besonders Cusks Essays lesenswert:
„Aftermath“ (2012) – über ihre Scheidung, eines der ehrlichsten Bücher über das Ende einer Ehe
Die Essays in „Coventry“ (2019) – über Mutterschaft, Schreiben und weibliche Autorschaft
Wer sich für Cusks literarische Technik interessiert, sollte auch Deborah Levys autobiografische Trilogie lesen („The Cost of Living“, „Real Estate“) – beide Autorinnen verbindet die Suche nach neuen Formen für weibliche Lebenserfahrung jenseits traditioneller Narrative.
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Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Ausgangspunkt ist das Gedicht BECKENENDLAGE von Kathrin Niemela. Drekkingarhylur, Island Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt,…
David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär…
Ich sehe von fern das Land, das ich verließ. Ich beweine als Frau, was ich als Mann nicht zu verteidigen wusste.
Die historische Vorlage: Der Seufzer des Mauren
Dieses kurze, aber kraftvolle Gedicht von Gioconda Belli nimmt Bezug auf eine der bekanntesten Erzählungen der spanischen Geschichte: die Legende vom „Seufzer des Mauren“ (el suspiro del moro). Die ursprüngliche Überlieferung erzählt von Boabdil, dem letzten maurischen König von Granada, der 1492 beim Verlassen seiner eroberten Stadt zu weinen begann. An jener Stelle, heute „Suspiro del Moro“ genannt, soll seine Mutter Aixa la Horra ihn getadelt haben: „Weine nicht wie eine Frau um das, was du nicht wie ein Mann zu verteidigen wusstest.“
Jenseits der Legende: Die historische Aixa und die Frauen Granadas
Die historische Aixa war jedoch weit mehr als die unerbittliche Mutterstimme der Legende. Als Frau aus dem Nasriden-Geschlecht spielte sie eine zentrale Rolle in den Machtkämpfen am Hof, setzte ihren Sohn gegen seinen Vater durch und führte politische Intrigen. Dass in der Erinnerung nur jener eine tadelnde Satz überlebte, zeigt bereits, wie stark die Geschichtsschreibung weibliche Handlungsmacht zur Pointe reduziert hat. Auch andere Frauen im Granada des 15. Jahrhunderts beteiligten sich aktiv an der Verteidigung während Belagerungen und bewahrten nach der Kapitulation durch die Weitergabe von Sprache, Religion und Bräuchen das kulturelle Erbe.
Bellis poetische Umkehrung: Vom Tadel zur Würde
Belli dreht diese jahrhundertelang tradierte Geschlechterordnung in ihrer „Modernen Version“ um. Das lyrische Ich spricht als Frau, die sich zu ihren Tränen bekennt – „Ich beweine als Frau“ – und damit eine Würde beansprucht, die in der ursprünglichen Legende verweigert wurde. Gleichzeitig verschränkt die Dichterin die Rollen: „was ich als Mann nicht zu verteidigen wusste“ übernimmt die männlich konnotierte Dimension der Verantwortung.
Eine Gegenerzählung?
Die nicaraguanische Autorin und ehemalige Sandinistin öffnet einen poetischen Zwischenraum, in dem sich die tradierte Zuschreibung von Stärke (Mann) und Schwäche (Frau) auflöst. Sie ersetzt die Härte der legendären Aixa durch die Würde der Trauer und zeigt, dass Weinen nicht Schwäche bedeutet, sondern eine Form von Stärke und Verantwortung. Indem sie die Legende neu schreibt, gibt Belli zugleich den marginalisierten Frauen von Granada ihre Stimme zurück und schafft eine poetische Gegenerzählung, die sowohl als feministischer Kommentar zur Überlieferung als auch als Meditation über Exil und Verlust funktioniert.
Entnommen dem Band: Ich bin Sehnsucht – verkleidet als Frau Übersetzung der Gedichte aus dem Spanischen von Angelica Ammar und Dagmar Ploetz Peter Hammer Verlag – 2003
das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über- all die schuhe aus. das ich schreibt. das ich schreibt über das ich. das ich hat angst vor der klimakrise. das ich ist careerar- beiterin ohne dafür bezahlt zu werden. das ich ist nicht fik- tiv. das ich lächelt. das ich hätte gerne eine katze. das ich weint. das ich sitzt am liebsten am boden. das ich tut mei- stens so als ob. das ich wohnt in einem text. das ich wohnt in einem zimmer in das manchmal die sonne scheint. das ich mag keine veränderungen. das ich mag keine binaritäten. das ich ist meistens überfordert mit der welt, manchmal mit sich selbst. das ich trinkt auch im sommer tee. das ich hier ist autofiktion. das ich ist nicht hier das ich verlässt diesen text. das ich ist immer woanders.
Der Text wurde zuerst 2023 im Magazin DUM NR. 107 veröffentlicht – Hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Annähernd gelesen
„HIMBEEREN“ präsentiert sich als experimentelle Autofiktion, die in einem fortlaufenden, fast mantra-artigen Duktus die Grenzen zwischen realem und fiktivem Ich auslotet. Die Autorin arbeitet mit der repetitiven Formel „das ich“, wodurch eine distanzierende Objektivierung der eigenen Subjektivität entsteht.
Der Text oszilliert zwischen alltäglichen, körperlichen Details (Himbeeren essen, Regelschmerzen, heiße Schokolade trinken) und existenziellen Reflexionen über Identität und Authentizität. Dabei entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem „ich ist ich“ und „das ich ist nicht ich“, das die grundsätzliche Frage nach der Darstellbarkeit von Selbst in der Literatur aufwirft.
Besonders bemerkenswert ist die selbstreflexive Dimension: Das schreibende Ich thematisiert explizit seine eigene Textualität („das ich wohnt in einem text“) und seine Vergänglichkeit („das ich verlässt diesen text“). Die Enumeration persönlicher Eigenschaften und Gewohnheiten – von konkreten Tätigkeiten bis hin zu emotionalen Zuständen wie Weltüberforderung und Klimaangst – zeichnet ein fragmentiertes Porträt zeitgenössischer Subjektivität.
Der Text endet mit einer paradoxen Bewegung: Das textuelle Ich, das zunächst als „hier“ und als „autofiktion“ etabliert wird, erklärt sich schließlich als „nicht hier“ und „immer woanders“ – ein poetisches Statement über die Flüchtigkeit und Ungreifbarkeit von Identität in der literarischen Darstellung. Die Autorin Valerie Zichy.
Die Idee: Ein Fragentext, der aus „Himbeeren“ heraus entwickelt hat – Fragen, die der Text selbst aufwirft, aber bewusst unbeantwortet bleiben. Die Leerstellen werden zum eigentlichen Dialog. Es gibt keine richtigen Antworten, sondern als weitere Stimmen im Gespräch.
FRAGEN AN EIN ICH, DAS IMMER WOANDERS IST
Ein Nicht-Interview zu „Himbeeren“
Wenn das Ich hinter dem Text gerne Himbeeren isst – schmecken die fiktiven Himbeeren anders als die realen? Haben sie Kerne? Lassen sie Flecken auf den Fingern?
Du schreibst „das ich ist ich und das ich ist nicht ich“ – wo genau verläuft die Grenze? Oder gibt es gar keine? Ist es eher eine durchlässige Membran, ein Übergangsbereich, wo das eine ins andere sickert?
Das schlechte Gewissen und die Regelschmerzen – welches davon ist fiktiver? Oder sind Körperschmerzen die einzige Gewissheit, dass etwas real ist?
Wenn du überall die Schuhe ausziehst – ist das eine Geste der Ankunft oder der Fluchtbereitschaft? Barfuß ist man verwundbarer, aber auch freier. Was überwiegt?
„Das ich schreibt über das ich“ – ist das Mise en abyme oder Selbstgespräch? Oder ist jedes Schreiben über sich selbst immer schon beides?
Die Careerarbeit ohne Bezahlung – ist das die Care-Arbeit, die du meinst? Oder eine andere Form von Arbeit, die unsichtbar bleibt, weil sie nicht ins ökonomische Raster passt?
Du lächelst – aber wer sieht das Lächeln, wenn das Ich im Text wohnt?
„Das ich hätte gerne eine katze“ – Konjunktiv. Warum nicht „das ich will eine katze“ oder „das ich holt sich eine katze“? Was hält das Ich im Hätte-gerne fest?
Warum sitzt du am liebsten am boden? Ist das näher an etwas oder weiter weg von etwas?
„Das ich tut meistens so als ob“ – als ob was? Als ob es existiert? Als ob es nicht existiert? Als ob es wüsste, wer es ist?
Das Zimmer, in das manchmal die Sonne scheint – nur manchmal. Was ist mit den anderen Zeiten? Wohnst du dann trotzdem dort, oder wanderst du mit der Sonne?
Keine Veränderungen mögen, keine Binaritäten mögen – ist das nicht ein Widerspruch? Oder gerade die Auflösung des Widerspruchs?
Die Überforderung mit der Welt, mit sich selbst – was ist schwieriger? Oder ist es dieselbe Überforderung, nur anders benannt?
Auch im Sommer Tee – ist das Beharren auf Wärme, wenn die Welt ohnehin warm ist? Eine Art Selbstfürsorge gegen die Erwartung?
„Das ich ist nicht hier“ – aber der Text ist hier. Wo bist du dann? In der Lücke zwischen Buchstaben? Im Weißraum?
Wenn du diesen Text verlässt – gehst du dann in einen anderen Text? Oder gibt es auch ein Außerhalb-der-Texte, in dem du existierst?
„Das ich ist immer woanders“ – ist das Flucht oder Freiheit? Oder ist es die einzige ehrliche Beschreibung dessen, was ein Ich sein kann?
Hinweis für die Lesenden:
Diese Fragen suchen keine Antworten von der Autorin. Sie sind Versuche, mit dem Text weiterzudenken, ihm nachzugehen in seinem Woanders-Sein. Wer eigene Antworten auf eine dieser Fragen hat – oder selbst eine eigene Frage stellen möchte – kann diese gern in die Kommentare schreiben. Bitte nicht um den Text zu erklären, sondern um das Gespräch fortzusetzen.
Manchmal landet man durch Zufall bei einem Lied, das einen nicht mehr loslässt. Bei mir war es eine Recherche zu Grit Lemkes Kinder von Hoy, die mich über den Singeklub Hoyerswerda zu Gundi und schließlich zu ihrer Tochter Linda Gundermann führte. Ihr Lied „Bindungsstil“ ist mir dabei begegnet – und ich höre es seitdem immer wieder.
„Baby du passt nicht zu mein’m Bindungsstil“
Dieser Satz fasst zusammen, was an dem Lied so besonders ist: Hier spricht eine Frau über das Scheitern ihrer Beziehung nicht nur mit Gefühl, sondern mit dem Vokabular der Psychologie. „Bindungsstil“ – ein Begriff aus der Therapie, aus Ratgebern, aus Instagram-Grafiken über toxische Beziehungen. Und genau diese Vermischung macht etwas sichtbar: Wie wir heute über Liebe sprechen, hat sich verändert. Wir analysieren, wir benennen Muster, wir versuchen zu verstehen, was schiefgelaufen ist.
Aber hilft uns das wirklich? Oder steht uns diese ganze psychologische Sprache manchmal im Weg, wenn wir eigentlich einfach nur traurig sind?
Kreisende Gedanken und volle Windeln
Linda Gundermann beginnt mit einer Szene, die jede:r kennt, der schon mal eine Trennung durchgemacht hat: „Ich tanze in Kreisen im Gedankenfieber“. Diese nächtlichen Gedankenschleifen, in denen man immer wieder dasselbe durchkaut, ohne weiterzukommen. Und dann dieser Bruch: Vom psychologischen Fachbegriff („Bindungsstil“) zu „du scheißt dir die Hosen voll“.
Das ist keine schöne Metapher, das ist brutal direkt. Und genau so fühlt sich eine gescheiterte Beziehung oft an: Auf der einen Seite die Erkenntnis, dass man vielleicht einfach nicht zusammengepasst hat. Auf der anderen Seite die Wut darüber, dass der andere bei jeder echten Nähe die Flucht ergriffen hat.
Was mich besonders berührt, ist die zweite Strophe. Da wird es konkret: Siebzehn Liebesbriefe in alten Fotokisten. Ein gemeinsames Kind, das „FlowerPowerHippieLiebesKind“. Plötzlich geht es nicht mehr nur um die eigene Trauer, sondern um ein Kind, das beide Eltern im Gesicht trägt. „Die Familie, die wir nicht mehr sind“ – in diesem einen Satz steckt die ganze Schwere.
Die Last der richtigen Worte
Was passiert, wenn eine Mutter vor diesen Fotokisten sitzt, während das Kind im Nebenzimmer schläft? Sie versucht zu verstehen. Sie sucht nach Gründen. Und die Sprache, die ihr zur Verfügung steht, ist eben diese psychologische: Bindungsstil, Kompatibilität, Muster.
Der Refrain wiederholt diese Erkenntnis wie eine Beschwörung: „Baby du passt nicht zu mein’m Bindungsstil“. Als müsste sie es sich selbst immer wieder sagen, damit es wahr wird. Damit es weniger wehtut. Aber in dem fast entschuldigenden Satz „Ich dacht ja echt zur Liebe gehört Qual“ blitzt etwas anderes auf: Die Ahnung, dass sie vielleicht zu lange in einer Beziehung ausgeharrt hat, die ihr nicht gutgetan hat.
Der Wunsch nach dem Gegenteil
Im letzten Teil des Liedes entwirft sie ein Gegenbild: „Und wenn sie ja sagt, dann sagt sie sogar wann“. Diese Zukunftsvision einer Beziehung, in der jemand klar kommuniziert, verlässlich ist, sich nicht wegduckt. Die Wiederholung dieser Wünsche wirkt fast beschwörend – als könnte sie sich durch das Aussprechen eine andere, bessere Liebe herbeireden.
Zwischendurch bricht sie ab: „Gezeter bis: Wo war ich nochmal?“ Diese Momente zeigen die Zerrissenheit. Man verliert den Faden. Man springt zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Trauer und Hoffnung, zwischen dem Kind, das versorgt werden muss, und der eigenen Sehnsucht nach einer funktionierenden Partnerschaft.
Was bleibt
Linda Gundermanns „Bindungsstil“ ist ein Lied aus der Perspektive einer Frau, die beides sein muss: Mutter und Liebende. Die nach einer Trennung nicht einfach weiterleben kann, sondern Verantwortung trägt. Die verstehen will, was schiefgegangen ist – und dabei merkt, dass alle psychologischen Begriffe der Welt den Schmerz nicht kleiner machen.
Wir sprechen heute anders über Liebe als frühere Generationen. Wir haben mehr Worte, mehr Konzepte, mehr Erklärungen. Aber ob das die Trauer leichter macht? Das bleibt offen. Vielleicht hilft die Psychologie, Ordnung ins Chaos zu bringen. Vielleicht steht sie aber auch manchmal nur im Weg, wenn wir eigentlich einfach nur fühlen müssten.
Linda Gundermann ist die Tochter des Liedermachers Gerhard Gundermann (1955–1998), der als Baggerfahrer im Lausitzer Braunkohlerevier arbeitete und zu einer Symbolfigur des Ostens wurde. Grit Lemke beschreibt in ihrem dokumentarischen Roman „Kinder von Hoy“ (2021) die Kulturszene um den Singeklub Hoyerswerda, zu der auch Gerhard Gundermann gehörte.
Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…
In Annette Hagemanns „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ offenbart sich der Körper als ein vielschichtiges Archiv, in dem die Spuren der Herkunft auf ebenso subtile wie prägnante Weise gespeichert sind. Vordergründig scheinen die Erbschaften des lyrischen Ichs in ihrer Konkretheit begrenzt: die spezifische „Form der Röte auf den Wangen“, ein genetisches Vermächtnis der Mutter, das den…
Annette Hagemanns Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ setzt sich behutsam mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung auseinander. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt – die spezifische Röte der Wangen der Mutter, eine deformierte Jazzplatte aus New York, ein unscheinbarer Koi des Vaters –, erscheinen zunächst als marginale Alltagsfragmente. Doch…
Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Ausgangspunkt ist das Gedicht BECKENENDLAGE von Kathrin Niemela. Drekkingarhylur, Island Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt,…
David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär…
Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden. Orte wechseln abrupt: Paris – London – Germersheim. Rückwärts, vorwärts, zurückspulen. Sandrine „könnte eine jede sein“. Ihre Identität bleibt offen, verwoben mit Räumen, Erinnerungen, Körperbildern. Ein Fresko, „Schicht um Schicht“ aufgetragen, bei dem Umrisse verschwimmen und neue Konturen erscheinen. Dieser fragmentarische Text entzieht sich eindeutiger Deutung. Stattdessen verstehe ich ihn als Aufforderung, Einladung, als (männlicher) Leser mitzugehen, eigene Linien zu ziehen, das Schweifen, Springen und Sich-Verlieren mitzuvollziehen.
Dieser kurze Text – veröffentlicht im LiteraturMagazin WORTSCHAU Heft 43 – ist wie folgt eingeleitet:
Dieser Text ist ein Auszug aus ihrem aktuellen Projekt fragmentarischer, nicht-linearer Erinnerungen eines weiblichen Ichs.
Entlang einiger Fragen versuche ich, mich dem Text anzunähern – aus der Perspektive eines männlichen Lesers.
Was ist „das Weibliche“ hier?
Das Weibliche zeigt sich nicht als festgelegtes „Wesen“, sondern eher als ein Fließen, ein Auflösen von Konturen. Körperlichkeit: Haut, Atem, Mitte, Schichten – der Text bindet Erinnerungen eng an körperliche Wahrnehmungen. Zeitlichkeit: Es geht nicht um lineare Chronologie, sondern um ein nicht-lineares, assoziatives „Hüpfen“ zwischen Orten und Momenten. Dieses „fragmentarische“ Erinnern wirkt wie ein spezifischer Zugang zur Welt – nicht unbedingt nur weiblich, aber hier wird es aus der Perspektive eines weiblichen Ichs erzählt. Verschmelzung von Innen und Außen: Räume, Städte, Landschaften gehen in den Körper über („Eine Vorgebirgszone legt sich vor ihr aus, während ihre Mitte sich ins Freie wölbt“).
Das Weibliche könnte also in diesem Text verstanden werden als: Verwobenheit von Körper, Raum und Zeit, als eine andere Form der Orientierung – nicht streng linear, sondern schichtend, atmend, tastend.
Ist mit dem Text eine Kritik verbunden?
Eine explizite Kritik klingt – für mich – nicht durch. Aber unterschwellig könnte man sagen: Kritik an Linearität: Der Text wehrt sich gegen lineare Zeit, gegen klare Umrisse und Eindeutigkeit. Er zeigt Brüche, Risse, Wiederholungen. Kritik an Identitätsfestschreibungen: „Sandrine könnte eine jede sein.“ – die Figur bleibt offen, nicht fixiert. Das wirkt wie ein Aufbegehren gegen die Reduktion auf ein klar umrissenes Ich.
Die Kritik ist also eher poetisch als politisch: eine Infragestellung von Klarheit, Festlegung, Chronologie.
Wo setze ich bei diesem Text an? Wie verorte ich ihn?
Literarisch: Er steht in einer Tradition fragmentarischer, experimenteller Texte – etwa im Umfeld moderner Lyrik oder Prosa, die sich von linearer Erzählweise entfernt (assoziativ, collageartig). Thematisch: Es geht um Erinnerung, Identität, Weiblichkeit, Räume. Als Leser (m): Ich setze bei den Bildern (Gänsedaunen, Fresko, Hüpfspiel) an, dann bei den Sprüngen zwischen Orten (Paris – Main – London – Germersheim).
Man verortet ihn also zwischen Erinnerungsliteratur, poetischer Prosa und feministischer Schreibpraxis, die das „Ich“ fragmentiert, um es nicht in feste Formen zu pressen.
Gibt es etwas, das beim aktiven Lesen abholt, einlädt?
Ja: Das Fragmentarische: Du kannst selbst Linien ziehen, Zusammenhänge herstellen – oder auch bewusst unverbunden stehen lassen. Die Bildlichkeit: Fresko, Vorgebirgszone, Schafe, Hüpfspiel – sie laden ein, deine eigenen Bilder dazu zu setzen. Die Zeitsprünge: Du kannst selbst mitdenken: warum von Paris nach Germersheim, warum dieses Rückspulen, Vorspulen? Es fordert dein aktives, kreatives Mitspielen.
Das heißt: der Text ist kein abgeschlossener Monolith, sondern eher eine Projektionsfläche – ich fühle mich eingeladen, zu verweben, weiterzuspinnen, vielleicht sogar meine eigenen „Sandrine-Fragmente“ zu entwerfen.
Das Weibliche hier ist kein festes Wesen, sondern eine offene, körperlich-zeitliche Erfahrungsweise. Kritik steckt eher in der Verweigerung linearer, klarer Identitäts- und Erzählformen. Als Leser kann ich den Text nicht einfach „konsumieren“, sondern muss mitarbeiten: Bilder aufnehmen, eigene Linien ziehen, Brüche aushalten. Genau da liegt die Einladung zum aktiven, kreativen Lesen.
Die Autorin Jane Wels studierte Pädagogik, Psychologie und Medienwissenschaften (M.A.). Sie lebt und arbeitet im Schwarzwald. (Die AutorinnenInfo ist der WORTSCHAU entnommen.)Hier ein erweitertes Autorenporträt.
Bisher hat Jane Wels folgende Lyrikbände veröffentlicht:
Schwankende Lupinen Hardcover mit SU, 80 S., 19,00 € ISBN 9783759721150 edition offenes feld, Dortmund 2024
Das Es reiten Mit einem Grußwort von José F.A. Oliver Hardcover mit SU, 92 S., 19,00 € ISBN 9783842384149 edition offenes feld, Dortmund 2025
Abstammung bedeutet nicht nur von Männern über Männer zu Männern. Abstammung bedeutet auch meine Gewalt gegen mich eine Hetze. Abstammung: Immer noch aus Sternenstaub gemacht. Immer noch sehr komplex. Immer noch auf die Spur kommend. Abstammung im Sinne von: Ring um den Hals eher auf Schulterhöhe ein loser Reifen. Ein Reifen den man fallen lassen kann aus ihm hinaustreten und sagen: Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit. Das ist mein Alltag. So spreche ich.
Das Gedicht beginnt mit einem Widerhall – „Abstammung bedeutet nicht nur“ – und reißt eine Tür auf: Nicht nur Männerlinien, nicht nur Blut. Es klingt, als wolle es eine Ader freilegen, die tiefer liegt als Gene, eine Art Erbe, das schmerzt. „Meine Gewalt / gegen mich eine Hetze“ – hier vibriert etwas Zerrendes. Ist das die Stimme einer Generation, die in den Krallen patriarchaler Erzählungen steckt und gleichzeitig gegen sie anschreit? Die Hetze, der innere Lärm, der sagt: Du bist, was aus dir gemacht wurde – und doch…
Dann der Sprung ins Kosmische: „Immer noch / aus Sternenstaub gemacht.“ Ein Hauch von Carl Sagan, ein Trost im Universellen. Wir sind alle nur Staub, aber dieser Staub funkelt. Hier schimmert eine paradoxe Schönheit: Abstammung als Gefängnis und als Sternenmysterium. Die Zeilen atmen Widerspruch – „sehr komplex“, „auf die Spur kommend“ – als würde das Ich sich selbst wie ein fremder Planet kartografieren.
Der Bruch: Ein „Ring um den Hals“, locker, fast dekorativ. Keine Fessel, die würgt, sondern ein Reifen, den man fallen lassen kann. Wie eine Schlange, die ihre Haut abstreift. Das Bild ist voller sanfter Revolte: Aussteigen aus dem Kreis, der vielleicht Tradition, Erwartung oder Sprache hieß. Und dann der befreiende Akt – „Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.“ Hier kippt das Gedicht ins Manifestartige. Es ist, als hole das Ich Luft nach Jahrhunderten des Schweigens und spreche sich selbst frei.
Was sagt mir der Text? Er fühlt sich an wie ein Ritual. Zuerst das Benennen der Wunde (Abstammung als Gewalt), dann das Erinnern an die eigene Magie (Sternenstaub), schließlich die Geste des Abstreifens. Der „lose Reifen“ könnte alles sein: Geschlecht, Herkunft, Sprache – Dinge, die formen, aber nicht besitzen dürfen. Das Gedicht wirft Fragen auf, ohne Antworten zu geben: Wie viel von mir ist Erbe, wie viel Eigenes? Und wann wird der Reifen zur Last, statt zum Schmuck?
Die letzten Zeilen lesen sich wie ein Zauber – eine Selbstermächtigung, die nicht laut poltert, sondern leise, aber entschlossen, den eigenen Raum markiert. Vielleicht ist Abstammung am Ende kein Schicksal, sondern ein Material, das man umschmelzen kann. Aus Sternenstaub und alten Ketten baut das Ich etwas Neues: einen Satz, einen Blick, einen Alltag. Und das klingt nach Freiheit.
Was mich besonders anspricht, ist die Einladung, die eigene Identität als etwas Lebendiges und ständig Im-Werden zu begreifen. Es geht nicht um das starre Festhalten an einem unveränderlichen Erbe, sondern um das ständige Neuaushandeln der eigenen Geschichte und Rolle in der Welt. In einer Welt, in der Tradition und Moderne oft in Widerspruch stehen, schlägt das Gedicht vor, dass es – ähnlich wie der Mensch – immer in Bewegung ist, sich wandelt und dabei immer wieder über sich hinauswächst.
Insgesamt wirkt der Text erfrischend unkonventionell und lässt Raum für persönliche Assoziationen. Er erinnert daran, dass Abstammung und Identität nicht als vorgegebene Schicksalslinie betrachtet werden müssen, sondern als etwas, das man aktiv und selbstbestimmt gestaltet. Diese Leichtigkeit im Umgang mit schwerwiegenden Themen ist es, was mir an diesem Gedicht so sympathisch und befreiend erscheint.
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Im ersten Durchgang hatte ich – muss ich gestehen, nicht darauf geachtet, wer dieses Gedicht geschrieben hat. ALs ich dann nach Informationen zur Urheberschaft suchte, realisierte ich, dass es sich um die Autorin Nathalie Schmid handelt. Im zweiten Durchgang habe ich versucht, das Gedicht aus der Perspektive Mann-Frau zu lesen. Macht es einen Unterschied in der Leasart, wenn ich weiß, dass das Gedicht aus feministischer, weiblicher Perspektive geschrieben wurde? Und wenn ja, in welcher Form?
Ja, auf eine Weise, die den Text nicht verengt, sondern ihn weiter öffnet.
Der Autorin-Hintergrund wirkt wie ein zusätzliches Fenster, durch das man schaut. Hier einige Gedankenfäden:
Die Körperlichkeit der Abstammung Wenn eine Frau über „Abstammung von Männern“ schreibt, klingt das nach einer existenziellen Spannung: Blutlinien, die oft über männliche Namen weitergegeben werden, Geburtsurkunden, die Väter als erste Zeugen nennen. Die Zeile „von Männern über Männer zu Männern“ wird dann zur konkreten Anklage gegen ein System, das mütterliche Linien unsichtbar macht. Die „Hetze“ könnte hier auch den gesellschaftlichen Druck meinen, sich in diese Linie einzufügen – oder aus ihr auszubrechen.
Der Ring als Symbol weiblicher Zugehörigkeit? Der „Ring um den Hals“ – lose, aber präsent – könnte Assoziationen wecken: das Halsband der Ehe, das Korsett der Rollenerwartungen, sogar den Reif der Venus. Wenn eine Frau ihn ablegt, bekommt das Geste des Abstreifens historisches Gewicht: Jahrhunderte, in denen Frauen „Schmuck“ trugen, der zugleich Fessel war. Der Satz „So spreche ich“ klingt dann wie ein Echo von Autorinnen, die lange um ihre Stimme kämpfen mussten.
Sternenstaub vs. Patriarchale Schwerkraft Das kosmische Bild („Sternenstaub“) steht im Kontrast zur irdischen „Abstammung“. Wenn die Autorin eine Frau ist, könnte dieser Gegensatz auch den Zwiespalt zwischen biologischer Bestimmung („Abstammung als Schicksal“) und dem Wunsch nach Entgrenzung spiegeln. Der Sternenstaub – universell, geschlechtslos – wird zur Gegenwehr gegen die Enge genealogischer Zuschreibungen.
Die Gewalt als internalisierte Macht „Meine Gewalt / gegen mich eine Hetze“: Wenn die Sprecherin weiblich gelesen wird, könnte dies auf internalisierte Misogynie verweisen – die Selbstkritik, die entsteht, wenn man in Strukturen aufwächst, die Weiblichkeit abwerten. Die „Hetze“ wäre dann der innere Lärm einer Kultur, die Frauen lehrt, sich selbst zu misstrauen.
All das sind Möglichkeiten – keine Fakten. Das Gedicht bleibt vieldeutig. Wichtig ist: Die Autorin als Frau zu kennen, verleiht bestimmten Bildern historische Resonanz, aber es sollte den Text nicht auf eine „weibliche Erfahrung“ reduzieren. Vielleicht geht es hier gar nicht primär um Geschlecht, sondern um Machtstrukturen generell – die Autorin bringt nur eine spezifische Perspektive ein.
Letztlich verändert es die Lesart insoweit, als es den Kampf um Selbstdefinition konkreter macht. Wenn eine Frau sagt: „Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit“, klingt das nach einem Bruch mit jahrhundertealten Schweigegeboten. Der „lose Reifen“ wird dann zum Symbol für alles, was Frauen angelegt wurde – und der Mut, ihn abzustreifen, ohne zu wissen, was darunter liegt.
Doch das Gedicht atmet auch universelle Sehnsucht: Wer bin ich jenseits dessen, was mir auferlegt wurde? Die Antwort liegt vielleicht im Sternenstaub – und im Mut, den eigenen Alltag zu benennen.
Buchinformationen Nathalie Schmid Ein anderes Wort für einverstanden Lyrik Gans Verlag, Berlin – (externer Link zum Verlag) ET: 5. März 2025 Hardcover, Fadenbindung 128 Seiten | 18 x 13 cm 22,00 Euro [D] | 22,70 Euro [A] ISBN: 978-3-946392-56-9 Die Website der Autorin: https://naschmid.ch/
Noch nicht im Bestand. Gefunden habe ich das Gedicht auf der Website von Birgit Böllinger (Büro für Text und Literatur). Im Bestand: Eine Auswahl ihrer Gedichte in der Ausgabe #171 Junge Lyrik der Zeitschrift für Literatur TEXT+KRITIK. ausgewählt von Norbert Hummelt. (Details folgen.)
Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken.
Drekkingarhylur: Ein Ort der Gewalt
Das isländische Wort „Drekkingarhylur“ bedeutet wörtlich „Ertränkungsbecken“. Bis ins 18. Jahrhundert wurden dort Frauen hingerichtet, die man der „Unzucht“ oder Hexerei bezichtigte. Männer, die ähnlicher Vergehen beschuldigt wurden, erhielten meist mildere Strafen – oft Enthauptung statt Ertränkung. Die Wahl der Hinrichtungsmethode war keine technische, sondern eine symbolische Entscheidung: Wasser als Reinigung, als Auslöschung, als Rückkehr ins Nichts.
Das Gedicht beschwört diesen Ort herauf mit einer Sprache, die zwischen dokumentarischer Nüchternheit und physischer Dringlichkeit schwankt. Wellen lecken am Grund der Schuld – aber wessen Schuld ist gemeint? Die der verurteilten Frauen oder die Schuld einer Gesellschaft, die ihre Gewalt an Frauenkörpern vollstreckt und „Reinigung“ nennt?
Agnes Bernauer: Von der Donau zur Torte
Eine weitere Frau taucht auf, über Jahrhunderte und Länder hinweg: Agnes Bernauer. Sie war die Geliebte des bayerischen Herzogs Albrecht III. und wurde 1435 in der Donau ertränkt – angeblich der Hexerei schuldig, tatsächlich politisch unbequem. Heute erinnert in Augsburg eine Torte an sie: die „Agnes-Bernauer-Torte“ aus Buttercreme und Baiser.
Das Gedicht nennt diese makabre Verwandlung beim Namen: „verewigt in buttercreme und baiser“. Was geschieht, wenn eine gewaltsame Hinrichtung zu lokalem Brauchtum wird, zu etwas Essbarem, Süßem, Harmlosem? Die Tote verschwindet hinter ihrer Verzuckerung. Ihre Geschichte wird geschmacklich.
Gegenwart: Das Mittelmeer als Massengrab
Dann vollzieht das Gedicht einen Zeitsprung nach vorn. Von den historischen Hexenverbrennungen und Ertränkungen zur „kenternden Mutter im Mittelmeer“. Zu Frauen, die auf der Flucht ertrinken, schwanger oder mit Kindern, während Europa wegschaut oder Rettungsschiffe kriminalisiert.
Die Verbindung ist brutal und präzise zugleich: Damals wie heute werden Frauenkörper zu Orten erklärt, an denen sich Schuld materialisiert – sei es die erfundene Schuld der Hexerei, sei es die konstruierte Schuld der „illegalen Migration“. Damals wie heute geschieht das Sterben im Wasser, und damals wie heute gibt es Zeugen, die zusehen oder wegsehen.
Das „Mädchen, das ins Wasser geht“ – ist es Suizid? Flucht? Bestrafung? Das Gedicht lässt die Grenzen verschwimmen und macht damit sichtbar, wie dünn die Linie zwischen erzwungenem und gewähltem Tod oft ist.
Den Mund über Wasser halten, den Mund halten
Das Gedicht endet mit einer sprachlichen Verdichtung, die körperlich schmerzt: „den mund über wasser zu halten, den mund zu halten“. Der Überlebenskampf im Wasser wird zur Metapher für das erzwungene Schweigen von Frauen. Wer spricht, geht unter. Wer schweigt, bleibt vielleicht am Leben – aber um welchen Preis?
Diese Doppelbewegung – physisches Ertrinken und symbolisches Verstummen – durchzieht die gesamte Geschichte der Gewalt an Frauen. Die verurteilten „Hexen“ durften sich nicht verteidigen. Agnes Bernauer hatte keine Stimme vor Gericht. Die Ertrunkenen im Mittelmeer werden zu Statistiken, zu Nummern ohne Namen, ohne Geschichten.
Widerstand – damals und heute
Die Frage bleibt: Welchen Widerstand gab es gegen diese Gewalt? Historisch ist er schwer zu greifen – wer gegen Hexenprozesse protestierte, geriet selbst unter Verdacht. Vereinzelt gab es Theologen und Juristen, die die Prozesse kritisierten, doch sie blieben Ausnahmen. Die meisten Gemeinden schwiegen oder beteiligten sich aktiv.
Heute gibt es feministische Bewegungen, die Femizide sichtbar machen, die Namen nennen, die Statistiken führen. Es gibt Initiativen zur Seenotrettung, juristische Kämpfe gegen Gewalt an Frauen, Gedenktage und Demonstrationen. Doch die Gewalt geht weiter – strukturell, alltäglich, tödlich.
Niemelas Gedicht vollzieht keinen Trost. Es zwingt zur Konfrontation: mit der Kontinuität der Gewalt über Jahrhunderte hinweg, mit unserer eigenen Rolle als Zeugen, mit der Frage, wie viel wir wirklich sehen wollen. Der Titel „Beckenendlage“ erweist sich als bittere Ironie – es geht nicht um die Rettung eines Kindes, sondern um die wiederholte Tötung von Frauen, die nie die Chance hatten, den Kopf über Wasser zu halten. Ich habe mich gefragt, ob es damals und welchen Widerstand es heute gegen Femizide gibt.
Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021 Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In…
Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…
In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen. Hier…
Ille Chamiers Stil ist schwer zu imitieren – weil er nicht nur Technik, sondern eine Haltung ist. Ihre Sprache wirkt wie gehämmertes Geröll: kantig, verdichtet, mit plötzlichen Bildsprüngen. Ein Gedicht zum Thema „Sorgearbeit und Schreiben“ hätte bei ihr möglicherweise so geklungen: Mögliche Stilmerkmale (rekonstruiert aus ihren Texten): Lakonische Präzision:Nicht:„Die Last der unendlichen Pflichten drückt mich…
Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen: Die Last der unsichtbaren Arbeit Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:…
Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…
Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…
In Annette Hagemanns „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ offenbart sich der Körper als ein vielschichtiges Archiv, in dem die Spuren der Herkunft auf ebenso subtile wie prägnante Weise gespeichert sind. Vordergründig scheinen die Erbschaften des lyrischen Ichs in ihrer Konkretheit begrenzt: die spezifische „Form der Röte auf den Wangen“, ein genetisches Vermächtnis der Mutter, das den…
Annette Hagemanns Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ setzt sich behutsam mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung auseinander. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt – die spezifische Röte der Wangen der Mutter, eine deformierte Jazzplatte aus New York, ein unscheinbarer Koi des Vaters –, erscheinen zunächst als marginale Alltagsfragmente. Doch…
Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Ausgangspunkt ist das Gedicht BECKENENDLAGE von Kathrin Niemela. Drekkingarhylur, Island Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt,…
David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär…
Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt): „Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“
Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021
Was steht da? Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In kurzen, imperativischen Zeilen fordert sie sie auf:
Solidarisch zu handeln („kauft von Frauen“, „steht zueinander“),
Sich zu organisieren („schließt euch zusammen“, „bildet eine Faust“),
Ihre Macht zu erkennen („erkennt eure Kraft“). Das wiederholte „Frauen“ wirkt wie ein Aufruf zur kollektiven Identität. Das Ziel ist explizit: eine radikale Veränderung („Die Welt muss lila werden“).
Wie sagt sie es?
Form: Kein Reim, keine Metaphern – die Sprache ist knapp, fast manifestartig.
Ton: Dringlich, aber nicht wütend; der Fokus liegt auf Empowerment, nicht auf Anklage.
Symbolik: „Lila“ als Farbe des Feminismus steht für die utopische Vision.
Was fehlt? Männer werden nicht erwähnt – weder als Gegner noch als Verbündete. Das Gedicht kreist ausschließlich um weibliche Selbstermächtigung.
Textanalyse – ohne Fachjargon
Aufbau des Gedichts
Safiye Can – Poesie und PANDEMIE -Wallstein Verlag
Wiederholung: Das Wort „Frauen“ beginnt jede Strophe – wie ein Ruf, der sich steigert.
Kurze Sätze: Keine Ausschweifungen, nur klare Aufforderungen („kauft von Frauen!“, „werdet laut!“).
Keine Geschichte: Es erzählt nichts, sondern handelt – wie ein Aufruf zur Tat.
Sprache
Befehlsform: Überall steht, was getan werden soll („lest!“, „steht zueinander!“).
Bilder:
„Bildet eine Faust“ → Nicht wörtlich gemeint, sondern: Werdet stark gemeinsam.
„Lila Welt“ → Kein realer Ort, sondern ein Traum von Gleichberechtigung.
Einfache Worte: Keine komplizierten Begriffe – alles soll sofort verstanden werden.
Wer spricht – und zu wem?
Eine Frau (oder Gruppe) zu anderen Frauen:
Männer werden nicht genannt, aber auch nicht beschimpft.
Es geht darum, unter sich Kraft zu sammeln.
Wirkung
Motivierend: Soll Energie geben („erkennt eure Macht!“).
Provozierend: Die Ausschlusshaltung kann irritieren – aber das ist wohl Absicht.
Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021 Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In…
Konkret geht es um dieses Gedicht von Safiye Can: Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen.…
Die Verbindung zwischen der Farbe Lila im Gedicht Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung von Safiye Can und Die Farbe Lila (Buch/Film) von Alice Walker ist eher indirekt. Dennoch gibt es Überschneidungen in der Symbolik: Alice Walkers Roman Die Farbe Lila (1982) & Film (1985) erzählt vom Überleben und Empowerment/Ermächtigung einer schwarzen Frau (Celie) – heute…
Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier keine magische Rettung: „weiß doch selber, daß ichs nicht kann“, gesteht sie resigniert. Während der Mann mit autoritärem Gestus verschwindet („fort geht mein Mann / groß wird sein Wort“), wird die Natur zum Spiegel ihrer Verzweiflung. Die Dämmerung führt ihr handlungsunfähig die Hand, und in der nächtlichen Kammer lacht sie der Mond aus – ein Symbol entfremdeter Weiblichkeit. Am Ende kehrt sie das Märchenmotiv um: Statt Stroh zu Gold zu spinnen, „weinte ich Gold zu Stroh“. Diese Tränen werden zum Sinnbild vergeblicher Anstrengung, innerer Ressourcen, die für fremde Ansprüche vergeudet werden.
Allerlei Frau – Ille Chamier – SCHREIBEN Frauen Literatur Verlag 1980
Zeitgeschichtlich wurzelt das Gedicht tief in den Debatten der westdeutschen Frauenbewegung der 1970er Jahre. Die Stroh-zu-Gold-Forderung spiegelt die Doppelbelastung von Beruf und Haushalt, die Feministinnen wie Alice Schwarzer anprangerten. Wirtschaftliche Krisen (Ölpreisschock 1973) unterfüttern die Existenzangst hinter Zeilen wie „das Stroh wird nicht zu Geld“. Chamier nutzt dabei eine bewusst archaisierende Sprache („ward davon froh“), um patriarchale Strukturen als zeitloses Phänomen zu entlarven – eine subversive Strategie im Kontext der „Neuen Subjektivität“, die persönliche Erfahrungen politisch rahmte.
Als das Gedicht 1980 in der Anthologie „Allerlei Frau“ erschien, erhielt es eine neue Resonanz. Unter dem Motto „Gedichte, Geschichten, Geträumtes von Frauen aus Schreibgruppen“ wurde es zum Teil eines kollektiven weiblichen Erzählens. Was auf den ersten Blick wie naive Märchenlyrik wirkt, entpuppt sich als präziser Kommentar: Die scheinbar private Klage enthüllt, wie traditionelle Machtverhältnisse in modernen Ehen fortwirken. Die Naturbilder – das „Sonnenrad“, das anderen Glück bringt, während die Sprecherin in der „Kammer der Nacht“ gefangen bleibt – verdeutlichen diese soziale Isolation.
Literarische Schwesterwerke Chamiers Text korrespondiert mit Schlüsselwerken des feministischen Aufbruchs:
„Ich bin eine Frau. Und das ist das Problem.“ — Verena Stefan, Häutungen (1975)
Wie Stefan beschreibt Chamier den Körper als Ort der Entfremdung: Der Mond als Symbol weiblicher Zyklen wird zum Peiniger. Die „Kammer der Nacht“ erinnert an die „Beklemmungsräume“ in Sarah Kirschs Gedichtzyklus Zaubersprüche (1973). Doch Chamier geht weiter: Ihr „Sonnenrad“ – ein traditionelles Lebenssymbol – dient anderen zur Freude („mancher ward davon froh“), während die Sprecherin ausgeschlossen bleibt.
Die Pointe für heute Als das Gedicht 1980 in der Anthologie Allerlei Frau erschien, wurde es als „geträumtes“ Dokument weiblicher Innerlichkeit gelesen. Doch die Neubetrachtung zeigt: Es ist kein Traum, sondern eine Anklage in Märchengewand. Chamier nutzt die scheinbar naive Form, um fundamentale Machtungleichheiten zu entlarven. Ihr Schlussvers – „da weinte ich Gold zu Stroh“ – antizipiert heutige Debatten um emotionale Arbeit und Burnout bei Frauen.
Ille Chamiers Stil ist schwer zu imitieren – weil er nicht nur Technik, sondern eine Haltung ist. Ihre Sprache wirkt wie gehämmertes Geröll: kantig, verdichtet, mit plötzlichen Bildsprüngen. Ein Gedicht zum Thema „Sorgearbeit und Schreiben“ hätte bei ihr möglicherweise so geklungen:
Mögliche Stilmerkmale (rekonstruiert aus ihren Texten):
Lakonische Präzision: Nicht: „Die Last der unendlichen Pflichten drückt mich nieder“ Sondern:
Fünf Teller. / Fünf Hemden. / Fünf Sätze. / Keiner ganz.
Körperliche Metaphorik: Nicht: „Ich bin müde vom vielen Arbeiten“ Sondern:
Die Wirbelsäule / ein Fragezeichen / das nach der Decke sticht.
Gebrochene Syntax: Sie zersplittert Sätze, um den Gedankenabbruch durch Alltagsunterbrechungen zu spiegeln:
Schreib ich – (Milch kocht über) – / das Wort erstickt / im Dampf.
Ironische Selbstbefragung: Chamier stellt sich selbst infrage – ohne Pathos:
Lächeln? / (Ja.) / Weinen? / (Später.) / Fliegen? / (Hu Hu.) (Anspielung auf ihren Buchtitel „Hu Hu – I can fly and you?“)
Minimalistische Wut: Ihre Empörung schimmert durch Kargheit:
Stille. / Nur die Feder / kratzt / gegen die Wand / aus Zeit.
Auch wenn mein Versuch gescheitert ist; lehrreich ist er allemal.
Chamiers Stil entzieht sich bewusst der „Glättung“. Ihre Texte wirken auf mich oft wie Notizen unter Hochdruck:
Enjambements brechen Rhythmen („sie hat die Hände / in der Luft“), Alltagsvokabular wird durch unerwartete Kombinationen aufgeladen („gezinktes Licht“ = manipuliertes Licht?), Kindersprache („Hu Hu“) kollidiert mit existenziellen Fragen.
Vielleicht finde ich noch ein Gedicht von ihr, das sich mit „Sorgearbeit/Care-Arbeit und Schreiben“ beschäftigt.
Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen:
Die Last der unsichtbaren Arbeit
Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:
„Ich rufe bei vier Frauen an, bevor ich eine finde, die die Kinder nehmen kann. […] Ich koche vor, räume auf, wasche Wäsche, bügle Hemden.“ Die physische und mentale Erschöpfung durch diese „Sorgearbeit“ (ein damals neu geprägter Begriff der Frauenbewegung) wird zum zentralen Konflikt: Selbst auf der Zugfahrt zum Treffen denkt sie an vergessene Haushaltspflichten.
Kritik an männlich dominierten Literaturstrukturen
Das „Treffen schreibender Frauen“ fungiert als Gegenmodell zu etablierten (männlich geprägten) Literaturzirkeln. Chamier karikiert implizit die Selbstinszenierung männlicher Autoren:
„Bei Männertreffen geht es um ‚Werke‘, um ‚Positionen‘. Hier reden wir darüber, wie wir den Alltag meistern und trotzdem schreiben.“ Die Dekonstruktion des „Genie-Mythos“ ist eindeutig: Kreativität entsteht nicht im elitär abgeschirmten Raum, sondern im Kampf mit realen Lebensbedingungen.
Sprache als Werkzeug der Selbstermächtigung
Chamiers Protagonistin nutzt Schreiben zur Verarbeitung unterdrückter Wut. In einer Schlüsselszene notiert sie während des Treffens:
„Ich schreibe: Ich hasse es, dass ich immer lächeln muss. Ich hasse es, dass ich dankbar sein soll. […] Das Blatt fülle ich mit großen, zornigen Buchstaben.“ Hier wird das Schreiben zur politischen Geste: Es bricht das Tabu des „liebenswürdigen“ Frauseins und transformiert unterdrückte Emotionen in sichtbaren Protest.
Ambivalenz der Solidarität
Trotz der utopischen Hoffnung auf Verbündete zeigt Chamier auch Spannungen unter Frauen:
Die Protagonistin fühlt sich zwischen Akademikerinnen und Arbeiterfrauen fremd, Sie kritisiert vereinfachende Lösungsmodelle („Manche sagen: Dann lass doch den Haushalt liegen!“), Die ökonomische Ungleichheit unter Frauen wird benannt: Nicht alle können sich Betreuung leisten oder haben „einen Mann, der zahlt“. Damit vermeidet sie romantisierende Sisterhood-Narrative.
Der Körper als Ort der Unterdrückung
Auffällig ist die dichte körperliche Metaphorik:
„Mein Nacken ist verspannt“ (nach Hausarbeit), „Ich beiße mich fest“ (beim Unterdrücken von Wut), „Mein Magen zieht sich zusammen“ (vor Konflikten). Die physischen Symptome materialisieren die psychische Belastung – ein frühes Aufgreifen somatischer Gewaltfolgen.
Historische Verortung & Bedeutung
Zeitkontext: 1979 war die zweite Frauenbewegung in der BRD auf ihrem Höhepunkt. Chamier greift Debatten um Lohn für Hausarbeit (vgl. Silvia Federici) und „Frauenliteratur“ auf.
Provokation: Die Erzählung entstand parallel zu ihrem Buch „Setz dich hin und lächle“ – der Titel wirkt wie eine ironische Brechung des darin thematisierten Anpassungsdrucks.
Stil: Chamier kombiniert dokumentarische Präzision (Listen von Arbeiten) mit poetischer Verdichtung („zerknittertes Gesicht“). Das erinnert an Maxie Wanders „Guten Morgen, du Schöne“ (1977), vermeidet aber deren Reportageton.
Meine offenen Fragen an den Text
Warum bleibt die Protagonistin namenlos? (Verallgemeinerungsstrategie?) Wieso endet der Text vor dem Treffen? (Scheitern der Utopie?) Wie verhält sich diese radikale Position zu Chamiers späterer Rückzug ins Private (Selbstverlag)?
Haben Sie eigene Leseerfahrungen mit diesem Text? Mir fehlt der Kontext – wurde er in (feministischen Kreisen) besprochen? Gab es Reaktionen?
Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte von Stimmen, die sich Gehör verschafften, als das literarische Feld noch weitgehend männlich dominiert war.
Dieser Text bietet einen historischen Überblick – von Ingeborg Bachmann bis Safiye Can. In den folgenden Beiträgen schaue ich mir einzelne Gedichte genauer an: Wie wird Gewalt gegen Frauen durch die Jahrhunderte tradiert? Was bedeutet es, zwischen Sprachen und Kulturen zu schreiben? Und warum beschäftige ich mich als Mann überhaupt mit feministischer Lyrik?
In den ersten Nachkriegsjahrzehnten war feministische Lyrik noch nicht als solche benannt, aber die Grundsteine wurden gelegt. Dichterinnen wie Ingeborg Bachmann prägten mit ihrer präzisen, oft schmerzhaften Sprache einen Ton, der später als spezifisch weiblich gelesen wurde. Bachmanns Zeilen aus „Anrufung des Großen Bären“ von 1956 – „Ich weiß keine bessere Welt“ – artikulierten eine Sehnsucht nach Veränderung, die über das Private hinausreichte.
Bachmann suchte nach einem Raum zum Schreiben, zum Denken – eine Suche, die Virginia Woolf bereits 1929 in ihrem Essay „A Room of One’s Own“ formuliert hatte. Wie ich auf Woolf stieß? Über eine Lithographie von Wolfgang Mattheuer in einem DDR-Kunstband. Ein merkwürdiger Umweg – nachzulesen hier: „Ein Zimmer für sich allein“. Parallel dazu entwickelte sich in der DDR eine andere Tradition. Dichterinnen wie Sarah Kirsch oder Christa Wolf suchten in ihren Texten nach Möglichkeitsräumen jenseits der offiziellen Ideologie. Ihre Lyrik war zwar nicht explizit feministisch, schuf aber sprachliche Freiräume, die späteren Generationen den Weg bahnen sollten.
Die radikalen Siebziger: Sprache als Kampfmittel
Mit der Studentenbewegung von 1968 und der sich formierenden Neuen Frauenbewegung veränderte sich die literarische Landschaft grundlegend. Verena Stefans autobiografischer Roman „Häutungen“ (1975) wurde zum Manifest einer Generation, die das Private zum Politischen erklärte. Stefan schrieb: „Wir schrieben nicht für die Literaturgeschichte, sondern für die Frauen, die uns zuhörten.“ Diese Haltung prägte auch die Lyrik der Zeit. In Frauenzeitschriften wie „Courage“ oder „Emma“ erschienen kurze, agitatorische Gedichte, die als Flugblätter funktionierten. Die Texte waren oft rau, ungeschliffen – bewusst fernab literarischer Konventionen. Sie sollten nicht gefallen, sondern aufrütteln. Eine Stimme, die aus dieser Zeit herausragt, ist die der 2021 verstorbenen Karin Kiwus. In ihrem Gedicht „Von beiden Seiten der Gegenwart“ (1976) schreibt sie:
„Ich sammle Gründe warum eine Frau schreit und merke ich sammle mich“
Kiwus verdichtetet hier die Erfahrung einer ganzen Generation von Frauen, die begannen, ihre eigenen Stimmen zu finden. Ihre Lyrik bewegte sich zwischen Privatem und Politischem, ohne die Grenzen zu respektieren, die die Literaturkritik gerne gezogen hätte.
Differenz und Vielfalt in den Achtzigern
Die 1980er Jahre brachten neue Komplexität in die feministische Literatur. Der Differenzfeminismus betonte bewusst weibliche Räume und Erfahrungen. Gleichzeitig entstanden erste Texte, die Mehrfachzugehörigkeiten thematisierten – ein Vorgriff auf das, was später Intersektionalität genannt werden sollte. Eine wegweisende Figur dieser Zeit war Elfriede Jelinek, die 1983 mit „Die Liebhaberinnen“ eine radikale Sprachkritik vorlegte. Ihre späteren lyrischen Texte zerlegten systematisch die Strukturen männlicher Sprache und Macht. Jelinek schrieb: „Die Sprache ist das Haus, in dem wir wohnen müssen, aber wir können es umbauen.“ Parallel dazu entwickelte sich in der feministischen Bewegung eine lebendige Subkultur mit eigenen Verlagen, Buchläden und Lesebühnen. Die Zeitschrift „Virginia“ (1976-1987) wurde zur wichtigsten Plattform für feministische Literatur im deutschsprachigen Raum. Hier publizierten etablierte Autorinnen neben Newcomerinnen, hier wurde experimentiert und diskutiert.
May Ayim: Pionierinnenarbeit in mehrfacher Hinsicht
Eine der bemerkenswertesten Stimmen der 1990er Jahre war May Ayim (1960-1996). Als eine der prominentesten Vertreterinnen der Schwarzen Community in Deutschland führten ihre Worte und Werke nicht nur zur Sichtbarmachung von Schwarzen Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben, sondern auch zur Bekanntmachung einer längst verloren geglaubten Geschichte. Ayims Gedichte verbanden feministische mit antirassistischen Perspektiven und schufen damit etwas in der deutschen Literatur bis dahin Unerhörtes. In ihrem Gedicht „deutschland im herbst“ schreibt sie:
„ich werde trotzdem afrikanisch sein auch wenn ihr es nicht sehen wollt“
Diese Zeilen markieren einen Wendepunkt in der deutschsprachigen Lyrik. Ayim beanspruchte nicht nur als Frau, sondern als Schwarze deutsche Frau ihren Platz in der Literatur und in der Gesellschaft. Ihre Texte wurden zur Inspiration für eine neue Generation von Autor*innen mit Migrationserfahrung.
Grenzgängerinnen: Sprache zwischen den Welten
Die 1990er Jahre brachten auch Stimmen hervor, die zwischen den Sprachen und Kulturen navigierten. Emine Sevgi Özdamar, geboren 1946 in Malatya/Türkei, heute in Berlin lebend, veröffentlicht seit 1982 Theaterstücke, Gedichte, Romane und Erzählungen und erhielt unter anderem 1991 den Ingeborg-Bachmann-Preis und 2004 den Kleist-Preis. Özdamars lyrische Sprache changiert zwischen Deutsch und Türkisch, zwischen Bildern des Orients und der deutschen Realität. In ihren Gedichten wird Sprache zum Ort der Grenzüberschreitung. Sie schreibt: „Meine Sprache ist meine Heimat, und meine Heimat ist meine Sprache.“ Damit formuliert sie eine neue Form literarischer Identität jenseits nationaler Kategorien.
Jüngere Stimmen und digitale Räume
Die 2000er Jahre brachten neue Formen und Medien. Slam Poetry und Performance wurden zu wichtigen Ausdrucksformen feministischer Lyrik. Dichterinnen wie Julia Engelmann oder Nora Gomringer eroberten mit ihren Texten nicht nur die Bühnen, sondern auch das Internet. Die Grenzen zwischen Literatur und Aktivismus verschwammen zunehmend.
Safiye Can, eine Stimme der jüngeren Generation, schreibt in ihrem Gedicht „Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung“: „Frauen, bildet eine Faust! […] Die Welt muss lila werden“ Sie knüpft – so scheint mir – bewusst an die Tradition der 1970er Jahre an, transportieren sie aber in die Gegenwart. Can nutzt die symbolische Kraft der Farbe Lila, die seit den 1970er Jahren für feministische Utopien steht, und verbindet sie mit einem neuen, selbstbewussten Tonfall.
Echo und Wirkung: Eine schwierige Bilanz
Die Wirkungsgeschichte feministischer Lyrik im deutschsprachigen Raum ist ambivalent. Einerseits haben die Texte Generationen von Frauen inspiriert und ermutigt. Andererseits blieb ihre Rezeption oft auf feministische Kreise beschränkt. Die großen Literaturgeschichten erwähnen viele der wichtigen Stimmen nur am Rande oder gar nicht. Besonders deutlich wird dies bei den Autorinnen mit Migrationshintergrund. Während Emine Sevgi Özdamar mittlerweile als wichtige Stimme der deutschsprachigen Literatur anerkannt ist – 2022 erhielt sie den Georg-Büchner-Preis –, sind andere wie May Ayim noch immer weitgehend unbekannt. Ihre Texte werden in Anthologien zur „Migrationsliteratur“ abgelegt, anstatt als integraler Bestandteil der deutschen Literatur gewürdigt zu werden.
Neue Kämpfe, neue Formen
Die feministische Lyrik der Gegenwart kämpft mit anderen Herausforderungen. Die sozialen Medien haben die Verbreitungswege demokratisiert, gleichzeitig aber auch die Aufmerksamkeit fragmentiert. Hashtag-Poesie und Instagram-Lyrik erreichen Millionen, aber ihre Haltbarkeit ist fraglich. Autorinnen wie Sina Ahadi, Sharon Dodua Otoo oder Mithu Sanyal erweitern das Spektrum feministischer Lyrik um neue Perspektiven. Sie schreiben über Rassismus und Klassismus, über Queerness und Körperlichkeit. Ihre Texte sind oft radikaler und differenzierter zugleich als die ihrer Vorgängerinnen.
Zwischen Kanonkritik und Kanonbildung
Die feministische Lyrik der letzten Jahrzehnte hat nicht nur neue Inhalte in die Literatur gebracht, sondern auch die Frage nach dem literarischen Kanon neu gestellt. Die Anthologie „Frauen | Lyrik. Gedichte in deutscher Sprache“ (2020), herausgegeben von Anna Bers, widmet sich in mehr als 500 Gedichten und auf beinahe 900 Seiten der Lyrik von und über Frauen und leistet damit einen wichtigen Beitrag zu mehr Sichtbarkeit weiblicher Dichtung. Es ging weniger um Abgrenzung, sondern um Ergänzung. Feministische Lyrikerinnen wollten den Kanon nicht zerstören, sondern erweitern. Sie bestehen darauf, dass ihre Stimmen gehört werden – nicht als Nische, sondern als integraler Bestandteil der deutschsprachigen Literatur.
Unabgeschlossen
Die Geschichte der feministischen Lyrik im deutschsprachigen Raum ist noch nicht zu Ende erzählt. Jede Generation bringt neue Stimmen hervor, die auf ihre Weise die Grenzen des Sagbaren erweitern. Von Ingeborg Bachmanns verhaltenen Zweifeln über die lauten Parolen der 1970er Jahre bis hin zu den vielstimmigen Texten der Gegenwart – immer ging es um dasselbe: um die Behauptung des eigenen Rechts zu sprechen.
Diese Lyrik war nie nur Literatur. Sie war immer auch politisches Handeln, Identitätsarbeit, Gemeinschaftsbildung. Sie schuf Räume, in denen andere Geschichten erzählt werden konnten als die, die in den etablierten Verlagen und Feuilletons zu hören waren. Manchmal leise, manchmal laut, aber immer mit dem Anspruch, gehört zu werden. Die feministische Lyrik der letzten Jahrzehnte hat bewiesen: Literatur kann Welten verändern – eine Zeile nach der anderen, ein Gedicht nach dem anderen, eine Stimme nach der anderen. Sie ist Teil eines größeren Projekts, das noch lange nicht abgeschlossen ist: der Demokratisierung des literarischen Feldes und der Anerkennung der Vielfalt menschlicher Erfahrung in der Kunst.
Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021 Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In…
Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…
In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen. Hier…
Ille Chamiers Stil ist schwer zu imitieren – weil er nicht nur Technik, sondern eine Haltung ist. Ihre Sprache wirkt wie gehämmertes Geröll: kantig, verdichtet, mit plötzlichen Bildsprüngen. Ein Gedicht zum Thema „Sorgearbeit und Schreiben“ hätte bei ihr möglicherweise so geklungen: Mögliche Stilmerkmale (rekonstruiert aus ihren Texten): Lakonische Präzision:Nicht:„Die Last der unendlichen Pflichten drückt mich…
Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen: Die Last der unsichtbaren Arbeit Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:…
Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…
Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…
In Annette Hagemanns „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ offenbart sich der Körper als ein vielschichtiges Archiv, in dem die Spuren der Herkunft auf ebenso subtile wie prägnante Weise gespeichert sind. Vordergründig scheinen die Erbschaften des lyrischen Ichs in ihrer Konkretheit begrenzt: die spezifische „Form der Röte auf den Wangen“, ein genetisches Vermächtnis der Mutter, das den…
Annette Hagemanns Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ setzt sich behutsam mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung auseinander. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt – die spezifische Röte der Wangen der Mutter, eine deformierte Jazzplatte aus New York, ein unscheinbarer Koi des Vaters –, erscheinen zunächst als marginale Alltagsfragmente. Doch…
Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Ausgangspunkt ist das Gedicht BECKENENDLAGE von Kathrin Niemela. Drekkingarhylur, Island Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt,…
David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär…