Kategorie: Kurze Prosa

  • ich kann gedichte nicht ausstehen.

    ich kann gedichte nicht ausstehen.

    ich bin im wald, stehe vor einem innerwald. nach einer intensiven forsternte bildeten sich so viele junge bäume, dass — von außen betrachtet — ein wald im wald entstanden ist. die bäumchen scheinen sich gegenseitig licht und raum zu nehmen, alles grau, trocken und dunkel. es gilt sich zu konzentrieren, denn hier geht es durch, weil es etwas zu finden gilt — aber: sich durcharbeiten, nichts zerstören, nur wege, orientierung finden. wie groß, wie weit — ich weiß es nicht. sehe ich dann auch das ganze, wenn ich hier durch bin?

    ich schlage auf, blättere durch und bleibe hängen. die überschrift fordert mich. schon hier wortspiele. also doch: ohne zettel und stift geht es nicht. ein überblick — strophen ja, keine reime. erzählstimme, jemand will mich führen. will ich das? nein. ich suche wortanker, finde sie, halte sie fest. beginne zu zeichnen, bilder zu finden. meine bilder. jetzt von vorn. die erste strophe geht. wer schreibt hier eigentlich? wie kommt dieser mensch diesem bild im wort? die zweite strophe. ich brauche wikipedia. neues blatt. ich zeichne was ich lese. bild für bild. fast eine graphic novel, wenn ich durch bin. aber ich bleibe hängen und hängen. ich verlasse die lyrik und sammle — informationen, gedanken. eine eigene geschichte entsteht. wo ordne ich die ein? der hund will raus. ich unterbreche. und wieder: strophe 1, strophe 2, strophe … ich bin im dickicht, im kleinkleinen. neuerliches lesen, die bilder werden mehr, bunter, auch auf dem papier. sehe ich dann auch das ganze, wenn ich hier durch bin?

    • Karten zeichnen wie früher — ein Versuch

      Karten zeichnen wie früher — ein Versuch

      In Hansjörg Schertenleibs Erzählung Der Antiquar gibt es eine Stelle, an der der Protagonist als Kind einen See kartiert. Mit eigenen Mitteln, aus eigener Anschauung. Diese Stelle hat mich nicht losgelassen.Vor Satelliten und Luftbildern kannte man Gelände nur von unten. Man ist es abgegangen, hat gezählt, geschätzt, gezeichnet. Die Karte war kein Abbild — sie…

    • Resonanz. Ein Versuch.

      Resonanz. Ein Versuch.

      Walter Benjamin schreibt, jede Leidenschaft grenze an Chaos, die Sammlerin aber an das der Erinnerung. Ich habe lange nicht gewusst, was das bedeutet. Inzwischen glaube ich, ich kenne es — nicht weil ich es verstanden habe, sondern weil ich es erkenne. Im Schieringer Forst, nicht weit von Hünengräbern aus der Trichterbecherzeit, lag ein Stein. Ich…

    • ich kann gedichte nicht ausstehen.

      ich kann gedichte nicht ausstehen.

      ich bin im wald, stehe vor einem innerwald. nach einer intensiven forsternte bildeten sich so viele junge bäume, dass — von außen betrachtet — ein wald im wald entstanden ist. die bäumchen scheinen sich gegenseitig licht und raum zu nehmen, alles grau, trocken und dunkel. es gilt sich zu konzentrieren, denn hier geht es durch,…

    • Ob Irgendwas

      Ob Irgendwas

      Von Holzarbeitern stehengelassen verharrt ein Baumrest auf der Lichtung. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Der Blick vom Moos in Schulterhöhe hin zu den Verwerfungen — ein Gesicht, das bekannt erscheint. Blicke in alle Richtungen. Ob ein Tier. Ob irgendetwas. Dieses langsame holzene Zurechtrücken im Dunkeln. Weitere Lyrik

    • trübe

      trübe

      es ist als trüge sieden schönsten dunkelgrauenhosenanzugschlagbaumin den taschen und ich bleibe weiß hände in bewegungdas dunkle trübt sich Dieses Gedicht ist entstanden, weil ich mich verlesen hatte. Das Aquarell folgte beim Versuch, das Trüben des Dunkelgrau zu sehen.

    • Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

      Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

      Über „Wegen der Inseln“ von Susanne Neuffer, Merkur Nr. 905, 2024 | Dieser Text hat mehrere Fäden, denen man folgen könnte. Ich habe mich für einen entschieden. Susanne Neuffers Kurzgeschichte, Miniatur erzählt von einer Schulklasse, die in Trauer verfällt. Oder so etwas Ähnlichem wie Trauer. Ausgelöst von einem neuen Mädchen namens Marsha, das eines Tages…

    • Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

      Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

      Der Titel selbst setzt schon den Ton. „Roggenmuhme“ klingt nach Volksüberlieferung, nach Figur zwischen Märchen und bäuerlicher Mythologie. Bei Lindemann wird daraus aber kein folkloristisches Spiel. Diese Figuren stehen eher am Rand des Sagbaren – sie markieren, wie stark Landschaft und Imagination ineinandergreifen. Roggenfeld, Wind, Jahreszeiten: Das ist keine Kulisse, sondern ein Wahrnehmungsraum, in dem…

    • Elisabeth Borchers – Märchen

      Elisabeth Borchers – Märchen

      Jemand hat den Titel dieses Gedicht auf eine leere Seite geschrieben. Mit Bleistift, inkl. Seitenzahl. Das Buch – eine Jubiläumsausgabe von Elisabeth Borchers, erschienen zu ihrem 75. Geburtstag, gesammelt unter dem Titel Alles redet, schweigt und ruft – kam aus einem Antiquariat zu mir. Wessen Hand das war, weiß ich nicht. Aber die Geste hat…

    • Ein Paradies, das sich datieren lässt

      Ein Paradies, das sich datieren lässt

      Zu Elisabeth Borchers‘ Gedicht – und was passiert, wenn ein Wort hinzukommt | Elisabeth Borchers, 1926 in Homberg am Rhein geboren, gehört zu den Lyrikerinnen, die man im deutschsprachigen Raum kennt, ohne dass man immer sagen könnte, warum. Sie hat Kinderbücher geschrieben, Gedichte, sie war lange Lektorin bei Suhrkamp. Ein Name. Vielleicht eine Assoziation: sorgfältig,…

    • Volkmar Mühleis – VON EINEM BUCH  ZUM ANDERN  WANDERN

      Volkmar Mühleis – VON EINEM BUCH ZUM ANDERN WANDERN

      VON EINEM BUCH ZUM ANDERN WANDERN hunderte von Seiten lang durch die Pariser Vorstädte zurück in Büchners Zeit über Gedichte hinter dem Eisernen Vorhang mitten durch ein Ideen-Gewimmel aus Reiselust einen Blick auf Rom werfen, um wieder bei einer Tasse Tee den Vögeln zu lauschen, Nachbarn in ihrem Kommen und Gehen, auf dem Sofa, das…

    • Von einem Buch zum andern übersetzen

      Von einem Buch zum andern übersetzen

      Ein Dank an Volkmar Mühleis für die Inspiration – Gelesen habe ich sein Gedicht „Von einem Buch zum andern wandern“ in Ausgabe 44 der WORTSCHAU. Es beschreibt Lesen als müheloses Bewegen durch Welten, als Genuss auf dem Sofa, das einem die Welt bedeutet. Ich habe ein anderes Lesen gelernt – eines, das nicht wandert, sondern…

    • Kartographie – DIY

      Kartographie – DIY

      Wie kann man selbst visuell erzählen lernen? Wer nach der Lektüre von Kartographie selbst diese Form der Welterschließung ausprobieren möchte, braucht keine Hightech-Ausstattung. Sike hat zwar digital gearbeitet, aber seine Grundtechnik ist analog: Fotos machen, ausdrucken, mit Tusche drüberzeichnen, ausschneiden, neu zusammensetzen. Der Einstieg ist niedrigschwellig. Praktische Ansätze zum Ausprobieren: Dérive praktizieren. Sike nennt das…

    • Sikes Kartographie lesen

      Sikes Kartographie lesen

      Wie liest man visuell erzählte Geschichten so, dass sie haften bleiben? Visuelles Erzählen ist keine Verkürzung von Text, sondern eine eigenständige Form der Welterschließung. Sikes Kartographie nutzt diese Form konsequent: Die Stadt Buenos Aires, ihre sozialen Spannungen, die innere Verfassung des Protagonisten werden nicht beschrieben, sondern gezeigt – in überlagerten Bildschichten, in Scherenschnitt-Kompositionen, in der…

    • Ein schöner Satz vorweg.

      Ein schöner Satz vorweg.

      Über Epigraphen und die Kunst, sie zu überlesen – oder zu nutzen. | Hansjörg Schertenleib, Der Antiquar. Ich blättere die erste Seite auf, und da steht: „Der Weg vollendet sich. Der Schnee fällt in tausend Flocken. Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.“ – Shōbōgenzō Mein erster Gedanke: Das ist ein Haiku. Die Kürze, das…

    • Sirius / Hundstage

      Sirius / Hundstage

      1 069 000 Sonnenweiten entferntstrahlt er, der hellste Sternim Sternbild des großen Hundes.16,9 Jahre braucht sein Lichtbis hierher. Vierzehn Sonnenließen sich aus seiner Masse formen. Die Ägypter warteten auf ihn,ungeduldig, denn sein Erscheinenin der Morgendämmerung bedeutete:der Nil wird steigen, der Segen kommt. In Griechenland bezeichnetesein Wiederauftauchen am Osthimmeldie Opora – Obst und Wein reiften,doch Hippokrates…

    • Wisława Szymborska – Die Gedichte

      Wisława Szymborska – Die Gedichte

      „… Um die Dichter steht es schlechter. Ihre Arbeit ist hoffnungslos unfotogen. Da sitzt jemand am Tisch oder liegt auf dem Sofa, starrt unablässig an die Wand oder die Decke, schreibt von Zeit zu Zeit sieben Zeilen, von denen er nach einer Viertelstunde eine streicht, und wieder vergeht eine Stunde, und es geschieht nichts… Welcher…

    • Jane Wels – Lilith

      Jane Wels – Lilith

      Ein Gedicht von Jane Wels – auf Instagram von ihr geteilt – fragt nach einem Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist. Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine, die Widerstand leistet gegen schnelle Antworten. Eine Annäherung. Die naheliegende Versuchung wäre, das Gedicht inhaltlich aufzulösen – aber bei Jane Wels funktioniert der…

    • Am Zweig

      Am Zweig

      Am Zweig die Feder, klein, wiegt sich. Wildschweinschwärze aus dem Erdreich, beißt in die Nase. Mein weißer Hund im Schnee – fast weg. Foto: Oliver Simon

  • Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

    Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

    Über „Wegen der Inseln“ von Susanne Neuffer, Merkur Nr. 905, 2024 | Dieser Text hat mehrere Fäden, denen man folgen könnte. Ich habe mich für einen entschieden.

    Susanne Neuffers Kurzgeschichte, Miniatur erzählt von einer Schulklasse, die in Trauer verfällt. Oder so etwas Ähnlichem wie Trauer. Ausgelöst von einem neuen Mädchen namens Marsha, das eines Tages in schwarzer Kleidung erscheint — und bald zieht fast die halbe Schule nach.

    Der entscheidende Moment kommt früh. Die Lehrerin geht auf Marsha zu, will fragen. Bevor sie es tut, sagt Marsha: „Frau Wendelin, es ist wegen der Inseln …“ — und geht weg. Satz abgebrochen. Keine Erklärung. Keine Einladung.

    Was folgt, ist aufschlussreich: Die Lehrerin füllt die Lücke sofort. Marshallinseln. Namensähnlichkeit. Vielleicht die Pippi-Langstrumpf-Nummer. Sie deutet, ohne zu fragen. Und schläft danach eine Nacht lang Dokumentarfilme — holt also nach, was sie zuerst hätte tun sollen.

    Das ist die eigentliche Frage, die der Text stellt: Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet?

    Die Kinder handeln, ohne zu erklären. Schwarze Kleider — still, körperlich, kollektiv. Eine sehr archaische Form von Trauer und Protest gleichzeitig. Die Erwachsenen reagieren mit Worten: einhegen, stoppen, ausreden. Der Konflikt ist auch ein formaler.

    Marsha selbst bleibt ungreifbar. Sie bricht Sätze ab. Sie erscheint und verschwindet. Am Ende zieht sie mit ihrem Vater in die Niederlande — und die Mutter? Die Trauer, die sie ausgelöst hat, gehört ihr, bevor sie irgendjemand anderem gehört. Neuffer gibt sie nicht preis.

    Und dann der letzte Satz. Die Container der Grundschule nebenan sind im Regen weggesackt, das Wasser steht im Hof, eine vierte Klasse drängt sich ins Klassenzimmer. Die Lehrerin schaut aus dem Fenster und denkt: „Sie fanden doch immer eine.“

    Ein erschöpfter Satz. Die Verwaltung übernimmt, wo das Denken aufhört.

    Das Wasser steht übrigens schon im Keller.

    Susanne Neuffer, geboren 1951 in Nürnberg, aufgewachsen in Fürth, lebt in Hamburg. Sie studierte Germanistik, Romanistik und Theaterwissenschaften, arbeitete als Lehrerin — und schreibt seit 1999 Lyrik und Prosa. Alle ihre Bücher erschienen im MaroVerlag, darunter Erzählungsbände, ein Roman und zuletzt zwei Novellen (Sandstein, 2022). Ihre Texte erschienen u.a. in der SZ, der FR und im Merkur. Mehrere Literaturpreise, darunter der Walter Serner-Preis 2007.
    Jemand aus der Hamburger Literaturszene soll ihr einmal gesagt haben, sie sei zu harmlos. Das Gegenteil stimmt. Birgit-boellinger – Die Website der Autorin: susanne-neuffer.de

    MERKUR – Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken – Heft 905 Oktober 2024, 78. Jahrgang

    • ich kann gedichte nicht ausstehen.

      ich kann gedichte nicht ausstehen.

      ich bin im wald, stehe vor einem innerwald. nach einer intensiven forsternte bildeten sich so viele junge bäume, dass — von außen betrachtet — ein wald im wald entstanden ist. die bäumchen scheinen sich gegenseitig licht und raum zu nehmen, alles grau, trocken und dunkel. es gilt sich zu konzentrieren, denn hier geht es durch,…

    • Liebe Marsha (Ein offener Brief)

      Liebe Marsha (Ein offener Brief)

      Liebe Marsha, ich weiß nicht, welche Inseln du meinst. Du hast es nicht gesagt. Du hast angefangen — es ist wegen der Inseln — und bist gegangen. Der Satz hängt noch in der Luft, zumindest für mich als Leser. Vielleicht war er für dich längst abgeschlossen. Was ich weiß: Du bist neu in der Klasse.…

    • Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

      Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

      Über „Wegen der Inseln“ von Susanne Neuffer, Merkur Nr. 905, 2024 | Dieser Text hat mehrere Fäden, denen man folgen könnte. Ich habe mich für einen entschieden. Susanne Neuffers Kurzgeschichte, Miniatur erzählt von einer Schulklasse, die in Trauer verfällt. Oder so etwas Ähnlichem wie Trauer. Ausgelöst von einem neuen Mädchen namens Marsha, das eines Tages…

    • Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

      Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

      Der Titel selbst setzt schon den Ton. „Roggenmuhme“ klingt nach Volksüberlieferung, nach Figur zwischen Märchen und bäuerlicher Mythologie. Bei Lindemann wird daraus aber kein folkloristisches Spiel. Diese Figuren stehen eher am Rand des Sagbaren – sie markieren, wie stark Landschaft und Imagination ineinandergreifen. Roggenfeld, Wind, Jahreszeiten: Das ist keine Kulisse, sondern ein Wahrnehmungsraum, in dem…

    • Ein schöner Satz vorweg.

      Ein schöner Satz vorweg.

      Über Epigraphen und die Kunst, sie zu überlesen – oder zu nutzen. | Hansjörg Schertenleib, Der Antiquar. Ich blättere die erste Seite auf, und da steht: „Der Weg vollendet sich. Der Schnee fällt in tausend Flocken. Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.“ – Shōbōgenzō Mein erster Gedanke: Das ist ein Haiku. Die Kürze, das…

    • Karen Roßki – Austausch

      Karen Roßki – Austausch

      Drei Miniaturen zu einer Zeichnung: Nichts bleibt für sich. Linien steigen auf, andere sinken zurück. Was sich verdichtet, gibt ab. Was aufragt, ist nicht getrennt vom Grund. Bewegung geht in beide Richtungen. Austausch heißt hier nicht Ausgleich. Es ist ein fortwährendes Weitergeben von Spannung. Linien gehen nach oben und kommen zurück. Der Grund bleibt beteiligt.…

    • Karen Roßki – Durchdringen

      Karen Roßki – Durchdringen

      Nichts greift hier ineinander. Von oben drängt etwas Fremdes ins Bild, faserig, hart gesetzt. Unten arbeitet eine andere Bewegung, schwer, erdig, unruhig. Die Farben mischen sich nicht, sie stoßen. Was durchdringt, verbindet nicht. Es verschiebt, verdrängt, reibt sich fest. Der Raum hält das aus, aber er schließt sich nicht. Nähe entsteht hier nicht aus Übergang,…

    • Karen Roßki – Weit

      Karen Roßki – Weit

      Es gibt keine Linie, an der das Sehen zur Ruhe kommt.Flächen schieben sich übereinander, als hätten sie Zeit gesammelt.Das Dunkle trägt, das Helle setzt an.Nichts öffnet sich nach außen, alles breitet sich aus.Bewegung ohne Richtung, Dichte ohne Schwere.Zwischen den Schichten bleibt kein leerer Ort, nur Übergang.Was wie Tiefe aussieht, ist Nähe.Was weit scheint, hält fest.…

    • Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es…

    • Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung: Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich…

    • Elisabeth Wesuls – Geschichte

      Elisabeth Wesuls – Geschichte

      Tarnung, Enttarnung und das Unheimliche der Kontinuität. Annähernd gelesen | Beim ersten Lesen von Elisabeth Wesuls Miniatur gibt es diesen Moment des Innehaltens. Fast eine Schrecksekunde. Nicht wegen der historischen Kulisse, nicht wegen der Ideologie. Sondern wegen eines Namens. Zunächst bleibt alles im Bereich des Hörensagens. „Man erzählt“, „manche sagen“, „die Leute, die das erzählen“.…

    • Klaus Johannes Thies – „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“

      Klaus Johannes Thies – „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“

      Klaus Johannes Thies‘ Prosatext schildert die Hörspielabteilung von Radio Bremen als einen Ort des Wartens und Dämmerns. Schauspieler in Schlafanzügen lagern in langen, leeren Fluren einer vergessenen Abteilung, die bei einem Umzug einfach nicht mitgenommen wurde. Die Synchronisation von Gina Lollobrigida steht an, aber es gibt nur Männer – man behilft sich mit einer Sekretärin.…

    • Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

      Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

      Beim ersten Lesen von Klaus Johannes Thies Text „Im Schwimmbad mit Derrida“ stellt sich eine eigentümliche Ratlosigkeit ein. Was ist das? Ein Traumbericht? Eine philosophische Reflexion? Eine Alltagsbeobachtung? Der Text entzieht sich jeder eindeutigen Zuordnung – und genau darin liegt sein Geheimnis. Denn Thies schreibt nicht über Derridas Dekonstruktivismus, er vollzieht ihn. Das Verschwimmen der…

    • Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

      Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

      Was übt man, wenn man das Unsichtbare übt? – Kennen Sie das Gefühl, wenn eine solche Frage nicht einfach im Raum steht, sondern etwas in Ihnen in Bewegung setzt? Klaus Johannes Thies, 1950 in Wuppertal geboren, schreibt genau solche Literatur. Seine Texte sind weniger Geschichten als vielmehr Gedankenräume, Einladungen zu mentalen Expeditionen, die der Leser…

    • Himbeeren – Valerie Zichy

      Himbeeren – Valerie Zichy

      HIMBEEREN das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über-all die…

    • Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Sandrine, dein Atem ist Gänsedaunen. Meiner stockt beim Lesen, wird zu Stein in der Brust. Während du die kommenden Verheerungen spürst, taste ich mich an bereits vergangene heran. Deine Zeit friert in stehenden Gewässern – meine fließt linear fort, Datum für Datum, wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Vielleicht ist das der Unterschied. Du schreibst…

    • Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

      Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

      Es ist unbefriedigend, etwas teilen zu wollen, was man nicht direkt zeigen kann. Wie in diesem Fall: „Schief gewickelt, wie ich bin!“ Frottage mit Zeichnung von Ille Chamier. Daher habe ich versucht festzuhalten was ich dem Bild entlockt habe: Falsche Schritte? Sie steht da, ein Knoten aus Linien und Schatten,geformt aus Plänen, die nie so…

    • Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht…

  • Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

    Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

    Der Titel selbst setzt schon den Ton. „Roggenmuhme“ klingt nach Volksüberlieferung, nach Figur zwischen Märchen und bäuerlicher Mythologie. Bei Lindemann wird daraus aber kein folkloristisches Spiel. Diese Figuren stehen eher am Rand des Sagbaren – sie markieren, wie stark Landschaft und Imagination ineinandergreifen. Roggenfeld, Wind, Jahreszeiten: Das ist keine Kulisse, sondern ein Wahrnehmungsraum, in dem sich Erinnerung und Gegenwart überlagern.

    Die „Kleingeschichten“ sind formal unspektakulär, oft sehr kurz, manchmal eher Skizzen als ausgearbeitete Erzählungen. Gerade darin liegt ihr Verfahren: Verdichtung statt Ausführung. Situationen werden angerissen, Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, als hätte man sie nur im Vorübergehen gesehen. Das erzeugt einen Ton von Vorläufigkeit, fast etwas Flüchtiges.

    Auffällig ist auch, wie stark das Mündliche mitschwingt. Viele Texte lesen sich, als seien sie erzählt worden – nicht geschrieben. Das betrifft Rhythmus, Wortwahl, manchmal auch die Pointen, die eher beiläufig gesetzt sind. Dadurch entsteht Nähe, ohne dass Intimität behauptet wird.

    Inhaltlich kreist der Band um ländliche Lebenswelten: Arbeit, Kindheit, Altern, Natur. Aber auch hier vermeidet Lindemann jede Idealisierung. Die Texte bleiben beobachtend. Was sie zeigen, steht für sich; Deutung wird nicht mitgeliefert. Gerade das passt gut zu deinem Zugriff: Man kann diese Stücke nebeneinanderlegen wie Fundstücke.

    Vorhandene Ausgabe
    Werner Lindemann | Die Roggenmuhme
    Kleingeschichten
    Verlag Tribüne Berlin 1986
    Umschlaggestaltung und Illustrationen: Andrea Soest

  • Ein schöner Satz vorweg.

    Ein schöner Satz vorweg.

    Über Epigraphen und die Kunst, sie zu überlesen – oder zu nutzen. | Hansjörg Schertenleib, Der Antiquar. Ich blättere die erste Seite auf, und da steht:

    „Der Weg vollendet sich.
    Der Schnee fällt in tausend Flocken.
    Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.“
    – Shōbōgenzō

    Mein erster Gedanke: Das ist ein Haiku. Die Kürze, das Naturbild, diese Ruhe. Ich schlage nach:

    Es ist kein Haiku. Es stammt aus dem Shōbōgenzō, einem philosophischen Zen-Text aus dem 13. Jahrhundert, geschrieben von Dōgen. Keine feste Form, kein Jahreszeitenbezug, keine Lyrik im klassischen Sinn. Eher: meditative Lehrrede, poetische Metapher, verdichtetes Bild. Der Weg – das ist die Praxis. Der Schnee – die unendliche Vielheit der Erscheinungen. Die gemalten Berge – die Welt als Darstellung, nicht als festes Sein.

    Ich bin aktuell bei Kapitel vier. Noch weiß ich nicht, ob dieser Satz im Roman wieder auftaucht, ob er sich entfaltet, ob er trägt. Aber ich bin ihm gefolgt. Und genau das passiert mir immer öfter mit diesen Sätzen vor dem ersten Kapitel.

    Epigraphe.

    Manche lese ich, blättere weiter, vergesse sie. Manche bleiben stumm. Aber manche öffnen etwas. Sie setzen eine Spur, die sich erst später zeigt. Oder sie irritieren, weil sie nicht passen. Oder sie führen mich zu Texten, die ich sonst nicht gefunden hätte.

    Ich habe angefangen, diesen Sätzen zu folgen. Nicht systematisch, nicht als Interpretation. Einfach als Leser, der neugierig ist: Woher kommt das? Was bedeutet es? Und was macht es mit dem Roman?

    Wie man mit Epigraphen lesen kann

    Man muss sie nicht entschlüsseln. Man kann sie als Prüfstein verwenden.

    Drei einfache Fragen helfen dabei:

    Vor der Lektüre: Was behauptet dieser Satz über Welt, Mensch, Zeit? Welche Haltung wird hier ins Spiel gebracht?

    Während der Lektüre: Tauchen Motive des Epigraphs wieder auf? Bestätigt der Text diese Denkfigur – oder unterläuft er sie?

    Nach der Lektüre: Hat sich das Epigraph als tragfähig erwiesen? Verändert es rückblickend meine Sicht auf das Gelesene? Oder hätte der Roman ohne diesen Satz genauso funktioniert?

    Manchmal merkt man erst am Ende: Dieser schöne Satz vorweg war das eigentliche Thema des Buches.

    Manchmal bleibt er Dekor.

    Manchmal wird er zum Widerspruch.

    Eine Rubrik

    Ab jetzt sammle ich diese Epigraphe hier. Die, die mir auffallen. Die, die mich stolpern lassen. Die, zu denen ich etwas recherchiere.

    Mal sehen, was sich zeigt.

  • Karen Roßki – Austausch

    Karen Roßki – Austausch

    Drei Miniaturen zu einer Zeichnung:

    Nichts bleibt für sich.
    Linien steigen auf, andere sinken zurück.
    Was sich verdichtet, gibt ab.
    Was aufragt, ist nicht getrennt vom Grund.
    Bewegung geht in beide Richtungen.
    Austausch heißt hier nicht Ausgleich.
    Es ist ein fortwährendes Weitergeben von Spannung.

    Lange wirkt es wie ein Geflecht.
    Dann kippt der Blick.
    Der Grund wird zu Boden, die Linien zu Halmen.
    Nichts ist geordnet, nichts gezähmt.
    Einzelnes ragt heraus, anderes bleibt im Gedränge.
    Austausch geschieht still:
    zwischen Erde und Luft,
    zwischen Nähe und Auflösung.

    In Bezug auf: Karen Roßki, Austausch, Pinselzeichnung auf Papier, 78,5 x 106 cm, 2019

  • Karen Roßki – Durchdringen

    Karen Roßki – Durchdringen

    Nichts greift hier ineinander.
    Von oben drängt etwas Fremdes ins Bild, faserig, hart gesetzt.
    Unten arbeitet eine andere Bewegung, schwer, erdig, unruhig.
    Die Farben mischen sich nicht, sie stoßen.
    Was durchdringt, verbindet nicht.
    Es verschiebt, verdrängt, reibt sich fest.
    Der Raum hält das aus, aber er schließt sich nicht.
    Nähe entsteht hier nicht aus Übergang, sondern aus Druck.

    In Bezug auf: Karen Roßki, Durchdringen, Öl auf Leinwand, 120 x 130 cm, 2014

  • Karen Roßki – Weit

    Karen Roßki – Weit

    Es gibt keine Linie, an der das Sehen zur Ruhe kommt.
    Flächen schieben sich übereinander, als hätten sie Zeit gesammelt.
    Das Dunkle trägt, das Helle setzt an.
    Nichts öffnet sich nach außen, alles breitet sich aus.
    Bewegung ohne Richtung, Dichte ohne Schwere.
    Zwischen den Schichten bleibt kein leerer Ort, nur Übergang.
    Was wie Tiefe aussieht, ist Nähe.
    Was weit scheint, hält fest.

    In Bezug auf: Karen Roßki, Weit, Öl auf Leinwand, 50 x 60 cm, 2019

  • Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

    Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

    Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es brav, leise und unauffällig zu sein habe, „wie ein Postpaket“ einfach mitläuft. Die Sätze tragen sich selbst, bis sie sich fast im Kreis drehen: weil es so ist, warum.

    Die Sprache bleibt nüchtern. Keine Empörung, kein Kommentar. Gerade dadurch entsteht Widerstand. Der Text ist kein Selbstgespräch. Er stellt ein Bild aus – und überlässt es den Lesenden, darauf zu reagieren. Man spürt den Stillstand, das Vorgegebene, die Erwartungen, die sich nicht erklären, nur auflisten lassen.

    Heute, mit zeitlichem Abstand, wirkt dieses Bild auf neue Weise. Die 1960er Jahre liegen weit zurück, und Menschen, die damals Kinder waren, haben begonnen, ihre Erfahrungen aufzuschreiben. Erinnerungen berichten von kleinen Freiheiten, vom Mitlaufen, von Anpassung und von dem, was im Schweigen blieb. Viele Kinder sollten funktionieren, Gehorsam war selbstverständlich, eigene Wünsche hatten kaum Raum. Wer damals widersprach, riskierte Sanktionen – ein stummer Spiegel von gesellschaftlicher Norm und autoritärer Erziehung.

    Auch heute klingt der Text noch nach – und doch ist Kindheit anders geworden. Wer ihn liest, spürt vielleicht die Regeln, die einst selbstverständlich waren: leise sein, sich einfügen, keinen eigenen Willen zeigen. Damals liefen Kinder mit, sie passten sich an, sprachen nicht, wo man Schweigen erwartete. Erinnerungen von Menschen, die in dieser Zeit aufwuchsen, erzählen von kleinen Freiheiten, von Anpassung und vom stillen Mitlaufen. Für heutige Leserinnen und Leser entsteht daraus ein leiser Spiegel: Ein Bild von Kindheit, das überraschend fremd wirkt, und doch auch Fragen weckt – wie war es bei dir? Welche stummen Regeln hast du gespürt, welche Freiheiten entdeckt? Die Stimmen der Vergangenheit schwingen nach, öffnen den Raum für Erinnerung und Reflexion, ohne dass irgendjemand etwas beweisen muss.

    Vielleicht erklärt sich von hier aus auch die Bedeutung literarischer Kinderfiguren, die sich diesem Bild entziehen. Figuren wie Pippi Langstrumpf oder die rote Zora entschuldigen sich nicht für ihre Existenz, sie widersprechen, sie gehen eigene Wege. Max und Moritz markieren auf ihre Weise die Grenzen dessen, was erlaubt war, während Michel, Ronja oder Madita zeigen, dass Kindheit immer auch ein Raum für Einspruch sein kann. Diese Figuren widerlegen den beschriebenen Zustand nicht. Sie markieren nur, was im normativen Bild keinen Platz hatte: den Einspruch, die Freiheit, die Stimme des Kindes.

    Der Text von Elisabeth Wesuls bleibt Ausgangspunkt und verdichtet, ohne zu erklären. Die literarischen Figuren antworten ihm auf ihre Weise, die Erinnerungen aus Biografien sprechen zurück. Und vielleicht ist genau darin die Stärke: Lesen heißt dann nicht nur verstehen, sondern weiterdenken, nachfragen, zuhören – still, aber aktiv.

    Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960 (Eine Miniatur)
    Erschienen in:
    Blassgrau wie Tauben | Miniaturen von 1979 bis 2022
    Mit 8 Zeichnungen von Sabine Peuckert
    Molokko Print 166 | 2023
    ISBN 978-3-948750-71-8

    • Widerstand gegen Femizide: Von historischen Gegenstimmen zu aktuellen Bewegungen

      Widerstand gegen Femizide: Von historischen Gegenstimmen zu aktuellen Bewegungen

      Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Ausgangspunkt ist das Gedicht BECKENENDLAGE von Kathrin Niemela. Drekkingarhylur, Island Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt,…

    • David Szalays „Was ein Mann ist“

      David Szalays „Was ein Mann ist“

      David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär…

    • Himbeeren – Valerie Zichy

      Himbeeren – Valerie Zichy

      HIMBEEREN das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über-all die…

    • Ille Chamier und Stella Avni

      Ille Chamier und Stella Avni

      Im Zentrum von Ille Chamiers Gedicht steht die Figur der Schauspielerin Stella Avni – eine heute nahezu vergessene Künstlerin, deren Lebensspuren sich nur rudimentär rekonstruieren lassen. Gesichert ist: Sie wurde 1921 im damals rumänischen Czernowitz (Bukowina) geboren, jener multikulturellen Stadt, aus der auch Paul Celan und Rose Ausländer hervorgingen. Stella Avni war jüdischer Herkunft und…

    • Unbeirrt subjektiv sein

      Unbeirrt subjektiv sein

      Ein literarischer Essay zu Kurt Martis Subjektivität „Jeder Terror rechtfertigt sich mit objektiver Notwendigkeit. Um so mehr gilt es, unbeirrt subjektiv zu sein.“ – Kurt Marti Was soll das heißen – „unbeirrt subjektiv sein“? Ist Subjektivität nicht genau das, was wir in rationalen Diskursen zu überwinden suchen? Je länger ich über Martis Worte nachdenke, desto…

    • Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Sandrine, dein Atem ist Gänsedaunen. Meiner stockt beim Lesen, wird zu Stein in der Brust. Während du die kommenden Verheerungen spürst, taste ich mich an bereits vergangene heran. Deine Zeit friert in stehenden Gewässern – meine fließt linear fort, Datum für Datum, wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Vielleicht ist das der Unterschied. Du schreibst…

    • Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

      Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

      Es ist unbefriedigend, etwas teilen zu wollen, was man nicht direkt zeigen kann. Wie in diesem Fall: „Schief gewickelt, wie ich bin!“ Frottage mit Zeichnung von Ille Chamier. Daher habe ich versucht festzuhalten was ich dem Bild entlockt habe: Falsche Schritte? Sie steht da, ein Knoten aus Linien und Schatten,geformt aus Plänen, die nie so…

    • Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht…

    • Heil

      Heil

      Annähernd gelesen | Ilse Chamiers Gedicht reflektiert ihre Erfahrungen als Kindergartenkind im nationalsozialistischen Deutschland. Dabei verbindet sie Erinnerungen an Rituale, religiöse Erziehung und Kriegsrealität zu einer erschütternden Collage – ruhig im Ton, aber tiefgründig in der Aussage. Die sprachliche Einfachheit kontrastiert mit der Komplexität des Erlebten. Politische und religiöse Rituale – Spiegelungen von Macht Schon…

    • Das erste Buch: Eine Anthologie über literarische Debüts

      Das erste Buch: Eine Anthologie über literarische Debüts

      Renatus Deckerts „Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt“, erschienen 2007 im Suhrkamp Verlag, ist eine Anthologie, die sich der Bedeutung des ersten veröffentlichten Werks von Autoren widmet. Für dieses Projekt bat Deckert fast einhundert deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller, ihre Gedanken und Erfahrungen zu ihrem Debüt in einem Text zu formulieren, oft Jahrzehnte nach…

    • Ein rotes Kreuz, das sein Schicksal besiegelt.

      Ein rotes Kreuz, das sein Schicksal besiegelt.

      Sasha Filipenko | Rote Kreuze. Ein Roman Sachbücher mag ich eher selten. Lieber ist es mir, Wissen aus fundiert recherchierten Romanen zu sammeln. Da geschieht meist eher unbewusst, leicht und nachhaltiger, weil ich für dieses dann eine Verknüpfung habe. Wie viel man für sich mitnehmen kann, hängt vom Lesestoff ab. Das Buch, welches ich hier…

    • Kurt Marti | Zärtlichkeit und Schmerz

      Kurt Marti | Zärtlichkeit und Schmerz

      «Jeder Terror rechtfertigt sich mit objektiver Notwendigkeit. Um so mehr gilt es, unbeirrt subjektiv zu sein.» Kurt Marti Dieses Buch von Kurt Marti aus dem Jahre 1979 trägt den Titel : Zärtlichkeit und Schmerz | Notizen. Die Formulierung wirkt auf eine überraschende, fast provokative Art emotional und subjektiv, was umso mehr auffällt, als der Autor sonst…

    • Otto F. Walter – Wie wird Beton zu Gras

      Otto F. Walter – Wie wird Beton zu Gras

      Otto F. Walters Roman Wie wird Beton zu Gras? (erstmals 1979 erschienen, hier in der Rororo-Taschenbuchausgabe von 1988 vorliegend) wird zur ökologischen Literaturbewegung der späten 1970er Jahre gezählt. Im Zentrum steht der Stadtplaner Viktor B., ein zerrissener Antiheld, der täglich an der Transformation natürlicher Landschaften in betonierte Stadt- und Industrieflächen mitwirkt. Sein Beruf steht im fundamentalen Konflikt mit seinem wachsenden…

    • Wenn die Hände denken.

      Wenn die Hände denken.

      Du musst deinem Leben Hände geben. Das Gedicht „RATLOS„von Jürgen Völkert-Marten schlägt mir entgegen wie eine kalte Wand. Eine Litanei des Erstickens: Strick. Pistole. Schlaftabletten. Eine Aufzählung von Auswegen, die keine sind, sondern Sackgassen, Abgründe. Ausreißen. Neu anfangen. Schluß machen. Leben fortwerfen. Die Verzweiflung ist greifbar in ihrer sprachlichen Kargheit. Keine Bilder, nur nackte Substantive, Verben des Endens oder…

    • Kurt Schumacher – Fallender

      Kurt Schumacher – Fallender

      Der Bildhauer Kurt Schumacher (1905-1942) schuf eine männliche Figur im Moment des Falls. (Im Stil des Expressionismus?) aufgerichtet und die Arme emporreißend, zeigt die Skulptur eine tiefe Wunde in Herzhöhe. Aus ihr strömt Blut, das sich wie ein stilisiertes Gewand um die Hüften legt, die Scham des nackten Körpers bedeckt und an den Beinen hinunterfließt.…

    • Widerstand als ethische Grammatik

      Widerstand als ethische Grammatik

      Ergänzung zu Kurt Schumachers Fallender | Einige zeitgenössische Texte und künstlerische Positionen, die Kurt Schumachers Skulptur und den Widerstandsgedanken neu reflektieren. Hier eine Auswahl mit Schwerpunkt auf jüngeren Werken (ab 2000): Widerstand als ethische Grammatik Uwe Kolbe: „Der Gott der Frechheit“ (2021)Kolbes Gedichtzyklus verbindet historische Widerstandsfiguren mit aktuellen Protestformen. Die Zeile „Die aufrechte Krümmung des…

    • Fast verlorene Stimmen

      Fast verlorene Stimmen

      Immer wieder beschäftigt mich: Wie kann ich als Blogger einen wirklich essenziellen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten? Mein Weg führt mich dahin, das künstlerische Potential der Ermordeten sichtbar zu machen. Kurt Schumacher ist für mich dabei mehr als ein Beispiel – er ist ein Schlüssel. Ich möchte verlorene Kunstwerke als kulturelle Leerstellen begreifbar machen. Nehmen wir Schumachers „Der Stürzende“ (1935).…

    • Im Gedenken auf Distanz

      Im Gedenken auf Distanz

      Gedenkstätten für Opfer des Nationalsozialismus und anderer Verbrechen verwenden vielfältige, oft mehrschichtige Methoden des Erinnerns, die sich aus ihrer Funktion als Orte der Trauer, Bildung und historischen Dokumentation ergeben. Die folgenden Ansätze basieren auf aktuellen Konzepten der Gedenkkultur und dienen mir als Orientierung, mich mit diesem komplexen Materielle Spuren und bauliche Zeugnisse Authentische Relikte: Konservierte…

    • Bodenhaftung

      Bodenhaftung

      Bodenhaftung – das meint hier: Sich nicht von der Vergangenheit abheben lassen. Den Boden unter den Füßen spüren, auf dem andere einmal standen. Oder verschwanden. Literatur, die sich dieser Schwerkraft stellt. Die nicht nur erinnert, sondern haftbar bleibt. Bisher gelesene Texte

    • Renatus Deckert – Plötzensee

      Renatus Deckert – Plötzensee

      Das Gedicht beschreibt den Besuch eines Ortes, der als Hinrichtungsstätte diente. Der Raum wird sachlich geschildert: Unter der Decke sind Haken und ein schwarzer Balken sichtbar. Die kahlen, grauen Wände umschließen eine leere Stille, in die man vorsichtig hineintritt. Diese Stille wird als drückend beschrieben – wie Steine auf der Zunge oder ein einhüllender Rauch.…

  • Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

    Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

    Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung:

    Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich verkleinert. Das ist kein symbolischer Akt, sondern eine körperliche Tatsache, die man akzeptiert, weil man etwas will.

    Was sie mitbringt, wirkt wie aus verschiedenen Leben zusammengeklaubt. Ein junger Hund. Erdbeeren, schon matschig. Ein Strumpfband, früher schön. Nichts davon gehört hierher, und genau deshalb wird es gezeigt. Nicht als Beweis, sondern als Versuch, eine andere Ordnung ins Spiel zu bringen. Etwas Lebendiges. Etwas Vergängliches. Etwas Intimes. Der Text sagt nicht, wofür das steht. Er zeigt nur, dass es keine Wirkung hat.

    Der Mann versteht sie. Das sagt er zumindest. Und das ist vielleicht der grausamste Satz. Verstehen ohne Handeln ist die perfekte Form der Abwehr. Alles bleibt höflich, glatt, abgeschlossen. Hilfe wäre eine Grenzüberschreitung. Also bleibt man beim Verstehen.

    Die Erzählerin wägt ab, bleibt oder geht, rechts oder links. Diese Geste ist wichtig: Sie tut so, als hätte sie eine Wahl. Höflichkeit wird zur Technik, um die eigene Ohnmacht auszuhalten. Das „nächste Mal“ ist kein Plan, sondern Selbstberuhigung. Ein Satz, den man braucht, um nicht stehenzubleiben.

    Dass der Mann früher ein Öltanker war oder ein Schulterblatt eines Hirsches, verschiebt ihn endgültig ins Unmenschliche. Er hat Geschichte, aber keine Biografie. Er ist Masse, Funktion, Körper ohne Beziehung. Und trotzdem öffnet er die Tür. Mehr nicht.

    Draußen hüpft sie nach Hause. Nicht erleichtert, nicht zerstört. Beweglich. Fast leicht. Die Sonne blinkt. Das Ritual ist vorbei, das Leben geht weiter. Und dann dieser Satz: „Was sind wir doch für ein seltsames Paar.“
    Kein Spott, kein Urteil. Eine nüchterne Feststellung. Sie gehören zusammen in diesem Moment. Ohne ihn kein Bitten. Ohne sie kein Amt. Zwei Figuren, die sich nur in dieser Konstellation berühren können.

    Der Text verweigert Trost und Anklage gleichermaßen. Hohe Klinken ist ein Bild dafür, wie man sich beugt, ohne gebrochen zu sein. Wie man geht, ohne etwas bekommen zu haben. Und wie man weiterlebt. Trotzdem.

    Hohe Klinken ist eine Miniatur von Elisabeth Wesuls
    Erschienen in:
    Blassgrau wie Tauben | Miniaturen von 1979 bis 2022
    Mit 8 Zeichnungen von Sabine Peuckert
    Molokko Print 166 | 2023
    ISBN 978-3-948750-71-8

  • Elisabeth Wesuls – Geschichte

    Elisabeth Wesuls – Geschichte

    Tarnung, Enttarnung und das Unheimliche der Kontinuität.
    Annähernd gelesen | Beim ersten Lesen von Elisabeth Wesuls Miniatur gibt es diesen Moment des Innehaltens. Fast eine Schrecksekunde. Nicht wegen der historischen Kulisse, nicht wegen der Ideologie. Sondern wegen eines Namens.

    Zunächst bleibt alles im Bereich des Hörensagens. „Man erzählt“, „manche sagen“, „die Leute, die das erzählen“. Die Figur erscheint als Dorfbekannte, als Randexistenz: ein „gutmütiger Irrer“, der nebenherläuft, während andere in Reih und Glied auftreten. Erst dann fällt ein Name: Christian.
    In diesem Moment kippt das Erzählen. Aus einer Figur wird ein Mensch. Und genau das wirkt wie ein Enttarnen.

    Der Text beginnt mit Meißen, „in den dreißiger Jahren“. Sofort folgt die Relativierung: „man erzählt diese Geschichte aber auch von anderen Städtchen, so muss sie wohl wahr sein“. Das Konkrete wird im selben Atemzug verallgemeinert. Es könnte überall gewesen sein. Oder nirgendwo. Diese Bewegung – erst festlegen, dann verwischen – zieht sich durch den ganzen Text. Sie ist keine Unsicherheit, sondern Methode. So funktioniert mündliches Erzählen, das sich absichert, das nicht zu genau werden will.

    Christian tanzt, hüpft, pfeift. Er läuft neben den Zügen her. „Braune oder Schwarze, akkurat rasiert, dampfend, jedenfalls ernst“ – und daneben, mit schräg gelegtem Kopf, diese Figur, die nicht ernst ist, nicht akkurat, nicht dampfend. Die Formulierung „was sich die Kinder nicht trauten“ legt nahe: Das, was Christian tut, wäre eigentlich kindlich. Spielerisch. Aber die Kinder wagen es nicht. Nur er, der „gutmütige Irre“, hat diese Freiheit.

    Oder wird sie ihm zugeschrieben?

    Auffällig ist, wie die Erzählweise diese Figur fortwährend durch Abschwächungen, Korrekturen, Zweifel relativiert: „Gutmütig“, „übertrieben“, „weniger glaubhaft“. Als müsse man sich absichern. Als dürfe man diesen Menschen nicht zu ernst nehmen. Vielleicht, weil er zu viel sichtbar macht.

    Selbst die Requisiten werden korrigiert – „eine Kindertrommel“, nein, „das scheint übertrieben“, besser „ein Fähnchen“. Als sei eine Trommel zu laut, zu präsent. Als müsse man zurücknehmen, was gerade erst behauptet wurde. Diese Gesten der Verkleinerung gehören zur Erzähltradition, gewiss – mündliches Weitergeben sichert sich ab, relativiert. Aber hier wirkt es wie eine Schutzgeste.

    Elisabeth Wesuls - Geschichte - Blassgrau wie Tauben
    Daneben.
    Illustration im Nachdenken über Elisabeth Wesuls Miniatur „Geschichte“.

    Christian ist der, der nicht Teil der Formation ist und dennoch präsent. Der sich dem Gleichschritt entzieht, ohne offen zu opponieren. Der auffällt, aber nicht zählt. Und genau darin liegt seine Irritation.

    Die Frage nach der Narrenfreiheit drängt sich auf. Der Hofnarr durfte sagen, was andere nicht durften, weil man ihm Verstand absprach. Christian wird nicht ernst genommen, also darf er danebenlaufen. Aber es gibt eine Leerstelle im Text, die nicht zu überlesen ist: „Nach Fünfundvierzig – hier wird es weniger glaubhaft, wie soll einer wie Christian denen entgangen sein“.

    Der Text weiß, was er verschweigt. Er weiß, dass Menschen wie Christian in den „Euthanasie“-Programmen ermordet wurden. Dass sein Überleben unwahrscheinlich ist. Und er erzählt trotzdem weiter. „Aber vielleicht ist er doch nicht so irr gewesen“ – eine nachgeschobene Rationalisierung, die das Unwahrscheinliche wahrscheinlich machen soll. Oder: „und selbst wenn er ihnen nicht entkommen wäre, so wird die Geschichte doch so erzählt“.

    Dieser Satz ist bemerkenswert. Die Legende setzt sich gegen die Wahrscheinlichkeit durch. Nicht weil man es nicht besser wüsste, sondern weil man die Geschichte so braucht. Als Gegenbild. Als Möglichkeit. Als etwas, das hätte sein sollen.

    Nach 1945 läuft Christian wieder daneben. Diesmal bei den Umzügen zum 1. Mai. Dieser Feiertag ist genau gewählt: Von den Nationalsozialisten als „Tag der Arbeit“ vereinnahmt, in der DDR Staatsfeiertag. Die Farben wechseln – von Braun und Schwarz zu Rot –, die Choreographie bleibt. Christian pfeift, dreht eine Schnarre. Er ist wieder daneben.

    „Nebenher“, „nebenbergelaufen“, „neben dem Zug“ – diese räumliche Position ist präzise. Nie „dazwischen“, nie „dagegen“. Eine dritte Möglichkeit, die eigentlich keine sein dürfte. Wer nicht marschiert, müsste opponieren. Wer opponiert, ist gefährlich. Christian ist aber harmlos. Also läuft er daneben, in einem Raum, den es eigentlich nicht gibt.

    Mit dem Wissen um die DDR-Herkunft der Autorin schiebt sich eine weitere Lesart ins Bild, ohne zur Deutung festgeschrieben zu werden: die Figur des scheinbar Harmlosen, der geduldet wird, weil man ihn unterschätzt. Einer, der durch seine Randposition sehen kann, was andere im Kollektiv nicht sehen wollen. Narr, Mitläufer, Maskenträger, Beobachter – der Text lässt diese Möglichkeiten offen.

    Entscheidend ist weniger, wer Christian wirklich ist, als wie über ihn gesprochen wird. Die Erzähler relativieren, zweifeln, korrigieren sich selbst. Sie wissen um die Wiederholung und scheinen sie zugleich kleinreden zu wollen.

    Der entscheidende Ton liegt im letzten Satz: „Die Leute, die das erzählen, sie sagen es härmisch: auch, wie damals, genauso, und: wieder. Als ob niemand nichts gelernt hätte.“

    „Härmisch“ – ein Wort, das Bitterkeit enthält, aber auch eine gewisse Genugtuung. Es ist der Tonfall derer, die sagen: „Seht ihr, hat sich nichts geändert.“ Ein Tonfall, der anklagt, aber auch entlastet. Wenn sich nichts ändert, muss man selbst nichts ändern. Wenn alles „wieder“ so ist, war man vielleicht nicht schuld. Das „wieder“ wird zur Ausrede.

    Und dann die doppelte Negation: „Als ob niemand nichts gelernt hätte.“ Keine klare Anklage, eher ein sprachliches Stocken. Ein Satz, der selbst nicht glatt marschiert.

    Vielleicht geht es in dieser Miniatur nicht um einen Einzelnen, sondern um das Bedürfnis, Kontinuitäten unsichtbar zu machen. Und um die beunruhigende Erkenntnis, dass das Danebenlaufen manchmal mehr sagt als jedes Mitgehen.

    Der Name Christian könnte eine religiöse Spur legen. Einer, der leidet. Der nicht passt. Der überleben müsste, aber eigentlich nicht kann. Aber der Text gibt dieser Deutung keinen Raum. Vielleicht ist das selbst die Aussage: dass hier kein Erlöser kommt, keine Transzendenz. Nur ein Mensch, der daneben läuft.

    Was bleibt, ist dieses Bild. Jemand, der neben dem Zug herläuft. Mal mit Fähnchen, mal mit Schnarre. Die Farben wechseln, die Geste bleibt. Und die Frage, ob dieses Danebenlaufen Widerstand ist oder Kapitulation. Freiheit oder Zuschreibung. Ob es Christian gibt oder ob wir ihn brauchen, um uns selbst nicht anschauen zu müssen.

    Ein tastendes Lesen bleibt. Mit Fragen. Und mit dem Gefühl, dass dieses Danebenlaufen nicht harmlos ist. Sondern notwendig. Oder unerträglich. Oder beides.

    Geschichte ist eine Miniatur von Elisabeth Wesuls
    Erschienen in:
    Blassgrau wie Tauben | Miniaturen von 1979 bis 2022
    Mit 8 Zeichnungen von Sabine Peuckert
    Molokko Print 166 | 2023
    ISBN 978-3-948750-71-8

  • Klaus Johannes Thies – „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“

    Klaus Johannes Thies – „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“

    Klaus Johannes Thies‘ Prosatext schildert die Hörspielabteilung von Radio Bremen als einen Ort des Wartens und Dämmerns. Schauspieler in Schlafanzügen lagern in langen, leeren Fluren einer vergessenen Abteilung, die bei einem Umzug einfach nicht mitgenommen wurde. Die Synchronisation von Gina Lollobrigida steht an, aber es gibt nur Männer – man behilft sich mit einer Sekretärin. Alte, weißhaarige Männer, früher Handwerker, sitzen herum und warten auf ihren Einsatz, „manchmal Jahre“. Das erzählende Ich sucht seine Brillenhülle und findet sie zwischen den Schlafanzügen. Der Text endet mit dem Bild der „guten alten Radioluft, die noch aus dem Nachkrieg stammt, die man dabehalten wollte, weil man sie nicht speichern konnte.“

    Ebene 1: Anekdotisch-realistische Erzählebene

    Die oberste Schicht gibt sich dokumentarisch: Ein Ort (Hörspielabteilung), Menschen (Schauspieler, Sekretärin, alte Männer), eine Handlung (Warten, Suchen, Diktieren). Der Ton ist lakonisch und leicht ironisch. Es entsteht der Eindruck einer Momentaufnahme, die sich nicht nostalgisch verklärt, sondern nüchtern beobachtet: „Saßen da und dämmerten, und warteten auf die Raucherlaubnis, die jemand ganz offiziell aussprechen musste.“

    Ebene 2: Institutionelle / bürokratische Ebene

    Unter der Oberfläche zeigt sich ein System, das absurd weiterläuft: Niemand ist für die Raucherlaubnis zuständig, die Abteilung wurde beim Umzug vergessen, aber „machten einfach ihre Arbeit“. Es wird diktiert, weil es etwas zu diktieren gibt – „eine Absage vielleicht, und dann noch eine, wer weiß“. Die Bürokratie wird nicht angeklagt, sondern vorgeführt: Ein Apparat funktioniert, obwohl sein Rahmen verschwunden ist. Die Atmosphäre erinnert an Kafka, allerdings ohne Bedrohung, eher mit resignierter Heiterkeit.

    Ebene 3: Sozial-historische Ebene (Nachkriegsdeutschland)

    Leise, aber deutlich zeichnet der Text biografische Brüche: „Alte, weißhaarige Männer saßen da, die vielleicht früher Handwerker waren, jetzt noch etwas dazuverdienen wollten, sich darum als Schauspieler ausgegeben und beim Arbeitsamt gemeldet hatten.“ Hier wird ein Deutschland im Übergang sichtbar – vom Handwerk zur Medienarbeit, vom Körperlichen zum Sprachlichen, vom Krieg zur Verwaltung. Das Hörspiel wird zur Auffangzone für Lebensläufe, die nicht mehr in alte Strukturen passen.

    Ebene 4: Medien- und Simulationsebene

    Der Titel nennt Gina Lollobrigida – Ikone des italienischen Kinos, Glamour, Körper, Stimme. Die Diskrepanz zur Realität ist maximal: „Lollobrigida musste synchronisiert werden, aber es gab nur Männer in Schlafanzughosen“. Man behilft sich mit einer Sekretärin mit „süßen Pfennigabsätzen“. Die Synchronisation wird zur grotesken Simulation: Die Stimme des Stars ist eine behelfsmäßige Konstruktion, der Glamour entsteht nicht durch die Realität, sondern trotz ihr. Medien produzieren Illusion, indem sie die Realität verbergen – und Thies zeigt genau diese Kluft, ohne Anklage, mit stiller Ironie.

    Ebene 5: Metapoetische / medienphilosophische Ebene

    Der Schlüsselsatz liegt am Ende: „diese gute alte Radioluft, die noch aus dem Nachkrieg stammt, die man dabehalten wollte, weil man sie nicht speichern konnte.“ Radio ist flüchtig – Luft, Klang, Zeit. Man kann sie nicht archivieren, nur bewahren, indem man Räume schließt und die Luft nicht „zu sehr verändert“. Der Text reflektiert sein eigenes Medium: Das Hörspiel existiert nur im Moment, genau wie diese Menschen. Das Radio produziert Vergänglichkeit, die nicht festgehalten werden kann.

    Ebene 6: Subjektive Wahrnehmungsebene

    Das erzählende Ich sucht seine Brillenhülle „zwischen diesen Schlafanzügen“ und findet sie. Die Hülle ist ein konkretes, banales Detail in einer surreal wirkenden Umgebung. Sie ist kein Symbol, sondern ein realistischer Gegenstand, der den Text erdet. Das Ich bewegt sich tastend durch einen Raum aus Körpern, Zeiten und Rollen, sucht etwas Konkretes, während um es herum alles diffus bleibt: Warten, Dösen, Zeitlosigkeit. Die Brillenhülle liegt einfach da – als Zeichen dafür, dass der Erzähler in dieser Welt funktioniert, ohne sie zu deuten.

    Ebene 7: Zeitphilosophische Ebene

    Der Text arbeitet mit verschobenen Zeitschichten: Die Abteilung ist „vielleicht gerade im Jahr 1964 angekommen“, Schauspieler warten „manchmal Jahre“ auf ihren Einsatz, die Radioluft stammt „noch aus dem Nachkrieg“. Die Hörspielabteilung existiert in einer Zeitblase – gleichzeitig vergangen, vergessen und doch noch da. Sie ist ein Anachronismus: Eine Institution, die weiterarbeitet, obwohl ihre Zeit vorbei ist. Verschiedene Epochen überlagern sich, ohne sich aufzulösen. Der Text zeigt nicht nur, was geschieht, sondern wie Zeit in institutionellen Räumen gerinnt und sich schichtet.

    Der Text ist zugleich Anekdote, Institutionssatire, Nachkriegsminiatur, Medienreflexion und Zeitphilosophie. Er erzählt nichts Spektakuläres, sondern lässt Bedeutungen in der Luft hängen – genau wie das Radio selbst.

    Das Gesamtgefüge: Wie die Ebenen zusammenwirken

    Die sieben Ebenen existieren nicht isoliert voneinander, sondern erzeugen erst durch ihr Zusammenspiel die eigentliche Wirkung des Textes. Es gibt keine Hierarchie zwischen ihnen – die Brillenhülle ist nicht weniger wichtig als die Medienphilosophie, die Schlafanzüge nicht weniger bedeutsam als die Nachkriegsgeschichte. Thies zeigt, wie Alltag und Geschichte, Banalität und Bedeutung ineinander verschränkt sind, ohne dass man sie sauber trennen könnte.

    Die Spannung entsteht durch Simultaneität: Die Schlafanzüge sind wirklich Schlafanzüge und zugleich Zeichen für eine Arbeitswelt im Übergang. Die Radioluft ist wirklich stickig und zugleich Metapher für Flüchtigkeit. Gina Lollobrigida ist wirklich eine Synchronisationsaufgabe und zugleich die Markierung einer unerreichbaren Glamourwelt. Der Text funktioniert nicht symbolisch (A steht für B), sondern durch Überlagerung: Alles ist gleichzeitig da.

    Radio als historisches Medium

    Was der Text dabei unterschwellig verhandelt, ist ein medienhistorischer Bruch. Radio war einmal ein Medium der Imagination – durch Stimmen und Geräusche entstanden ganze Welten, das Hörspiel war die Hochform dieser Kunst. Man tauchte ab, verschwand in akustischen Räumen, die nirgendwo existierten außer in der Luft zwischen Sender und Empfänger. Die Hörspielabteilung bei Thies ist ein Relikt dieser Zeit: vergessen, ausgelagert, in einer Zeitblase gefangen.

    Die „Nachkriegsluft, die man nicht speichern konnte“ meint genau das: Radio war flüchtig, unwiederholbar, an den Moment gebunden. Man musste zur richtigen Zeit einschalten, sonst war es verloren. Diese Flüchtigkeit machte das Medium kostbar – und zugleich vergänglich. Was Thies beschreibt, ist der Moment, in dem diese Welt bereits zu verschwinden beginnt: Die Abteilung wurde vergessen, die Schauspieler warten Jahre auf ihren Einsatz, die Zeit steht still.

    Heute ist Radio weitgehend zu einem funktionalen Medium geworden: Berieselung, Formatradio, Verkehrsmeldungen. Die imaginative Kraft, die es einmal hatte, ist in andere Medien gewandert – Podcasts, Serien, Streaming. Was bei Thies bleibt, ist die Erinnerung an einen Zustand, in dem das Radio noch ein Ort war, kein Hintergrundgeräusch. Ein Ort mit langen Fluren, Schlafanzügen, Sekretärinnen und alter Luft, die man nicht austauschen wollte.

    Die Verschränkung von Zeit und Medium

    Das Besondere an Thies‘ Text ist, dass er diese Transformation nicht beklagt oder nostalgisch verklärt, sondern einfach zeigt: So war das. Die Ironie ist sanft, die Beobachtung präzise. Die Zeitschichten überlagern sich (1964, Nachkrieg, der Moment der Erzählung), ohne sich aufzulösen. Die Institution läuft weiter, obwohl sie bereits historisch geworden ist. Die Menschen sitzen herum, obwohl ihre Funktion fragwürdig geworden ist. Und das erzählende Ich findet seine Brillenhülle – ein konkretes Ding in einer diffusen Welt.

    Der Text lässt offen, ob das, was hier beschrieben wird, Verlust oder Befreiung ist. Er hält den Moment fest, in dem etwas verschwindet, ohne zu sagen, was danach kommt. Genau darin liegt seine Stärke: Er ist selbst wie die Radioluft – da, spürbar, aber nicht zu speichern.

  • Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

    Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

    Beim ersten Lesen von Klaus Johannes Thies Text „Im Schwimmbad mit Derrida“ stellt sich eine eigentümliche Ratlosigkeit ein. Was ist das? Ein Traumbericht? Eine philosophische Reflexion? Eine Alltagsbeobachtung? Der Text entzieht sich jeder eindeutigen Zuordnung – und genau darin liegt sein Geheimnis. Denn Thies schreibt nicht über Derridas Dekonstruktivismus, er vollzieht ihn.

    Das Verschwimmen der Grenzen

    Der Text beginnt mit einer unmöglichen Szene: ein Wettkampf mit dem längst verstorbenen Philosophen Jacques Derrida im Schwimmbad. Sofort verschwimmen die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit („Das Bett war nass“), zwischen Leben und Tod, zwischen möglich und unmöglich. Diese Auflösung binärer Oppositionen ist ein Kernprinzip der Dekonstruktion. Thies zeigt: Die Kategorien, mit denen wir Wirklichkeit ordnen wollen, sind durchlässiger als gedacht.

    Die Unmöglichkeit von Präsenz

    Mitten im Text kommt der entscheidende Moment: „Wie schade, dass es ihn jetzt nicht mehr gab. Ich musste etwas anderes erfinden, das jetzt zu gleicher Zeit mit mir in diesem Schwimmbad existierte.“ Hier wird sichtbar, was Derrida différance nannte – die permanente Verschiebung von Bedeutung und Präsenz. Derrida ist abwesend, aber gerade durch seine Abwesenheit im Text präsent. Der Erzähler erkennt, dass er einen Ersatz braucht, ein Supplement – aber dieser Ersatz wird selbst Teil des Spiels von Anwesenheit und Abwesenheit.

    Intertextuelle Verweise

    Derrida spricht im Schwimmbad „über Glas und über Postkarten“ – eine subtile Anspielung auf seine eigenen Werke Glas und Die Postkarte. Der Text verweist auf sich selbst als Text, als Konstruktion. Er macht transparent, dass er nicht einfach etwas „abbildet“, sondern selbst Teil eines Netzes von Verweisen ist.

    Klaus Johannes Thies - Im Schwimmbad mit Derrida
    Klaus Johannes Thies – Im Schwimmbad mit Derrida – Stempeldruck: Oliver Simon

    Schwimmen statt Lesen

    „Wir schwammen also, was einfacher ist, als seine schwierigen Bücher zu lesen.“ Hier etabliert Thies eine scheinbare Hierarchie: Schwimmen als Ersatz für das intellektuell anspruchsvolle Lesen. Doch der Text behandelt beides gleichwertig – das körperliche Schwimmen wird zur philosophischen Praxis. Das Supplement (Schwimmen) ist nicht weniger wert als das Original (Lesen), es erweitert und verschiebt es nur.

    Die permanente Aufschiebung

    Der Text kommt nie zum Punkt. Ständig gibt es Einschübe, Unterbrechungen: „Ein paar Sätze noch (bis zu den Nachrichten), ein wenig Chopin, oder schnell noch mal die Zähne putzen…“ Diese Struktur der permanenten Verschiebung, des Nie-Ankommens, ist selbst dekonstruktivistisch. Der Text entzieht sich dem Abschluss, der endgültigen Bedeutung. „Dabei hätte ich so viel noch zu erzählen, so viel“ – aber dieses „Viel“ bleibt aufgeschoben, verschoben, different.

    Philosophie als literarische Praxis

    Klaus Johannes Thies macht Dekonstruktion lesbar, ohne sie zu erklären. Der Text spricht nicht über Derridas Philosophie, er lässt sie geschehen. Für Leser, die mit Derrida nicht vertraut sind, mag der Text zunächst verwirrend wirken – doch gerade diese Verwirrung, dieses Schwimmen zwischen den Kategorien, ist der Punkt. Der Autor zeigt: Philosophie muss nicht abstrakt bleiben, sie kann sich in der konkreten Sprache, im Traumprotokoll, im Alltäglichen ereignen.

    Der Text ist für mich ein kleines Meisterwerk der literarischen Philosophie – oder der philosophischen Literatur. Die Grenze ist ohnehin nicht mehr zu ziehen.

    „Im Schwimmbad mit Derrida“ ist erschienen in Unsichtbare Übungen.

    Titelfoto: Tiffany Bernarte

  • Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

    Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

    Was übt man, wenn man das Unsichtbare übt? – Kennen Sie das Gefühl, wenn eine solche Frage nicht einfach im Raum steht, sondern etwas in Ihnen in Bewegung setzt? Klaus Johannes Thies, 1950 in Wuppertal geboren, schreibt genau solche Literatur. Seine Texte sind weniger Geschichten als vielmehr Gedankenräume, Einladungen zu mentalen Expeditionen, die der Leser selbst bewohnen und gestalten muss. Es geht nicht um das Offensichtliche, sondern um jene verborgenen Dimensionen unserer Wahrnehmung, die sich der schnellen Betrachtung entziehen.

    „Unsichtbare Übungen“

    Das Buch „Unsichtbare Übungen – 123 Phantasien“ ist charakteristisch für Thies‘ literarischen Ansatz. Die Zahl 123 deutet bereits auf eine strukturierte Sammlung hin, die gleichzeitig Systematik und spielerische Freiheit verbindet. Der Titel selbst ist programmatisch: „Unsichtbare Übungen“ verweisen auf mentale, spirituelle oder imaginative Praktiken, die sich der direkten Beobachtung entziehen – Übungen des Geistes, der Wahrnehmung, vielleicht auch der inneren Verwandlung.

    Die „Phantasien“ – bewusst in der älteren Schreibweise – verleihen dem Werk einen beinahe musikalischen, romantischen Charakter. Es handelt sich vermutlich um kurze Prosastücke oder Gedankenskizzen, die den Leser einladen, gewohnte Wahrnehmungsmuster zu verlassen und sich auf unerwartete gedankliche Experimente einzulassen.

    Literarischer Ansatz

    Thies arbeitet in einer Tradition, die man als meditative oder kontemplative Literatur bezeichnen könnte. Seine Texte fordern die aktive Teilnahme des Lesers, der nicht nur konsumiert, sondern mitdenkt, mitfühlt und die angebotenen Gedankenräume selbst ausfüllt. Diese Art des Schreibens steht in der Nähe zu Autoren wie Peter Handke oder Botho Strauß, die ebenfalls Wahrnehmung und Bewusstsein literarisch erkunden.

    Die Form der nummerierten Miniaturen erinnert an klassische Aphorismen-Sammlungen, aber auch an zeitgenössische Experimente mit Kurzformen. Jede der 123 Phantasien dürfte für sich stehen und dennoch Teil eines größeren Ganzen sein – ein Mosaik des Denkens und Fühlens.

    Buchinformationen
    Klaus Johannes Thies
    Unsichtbare Übungen – 123 Phantasien

    Mit einem Nachsatz von Michael Krüger
    edition AZUR, Dresden 2015
    ISBN 978-3-942375-19-1

    NEU: Lesebuch Klaus Johannes Thies
    Zusammengestellt und einem Nachwort von Hanns-Martin Rüter
    Nylands Kleine Westfälische Bibliothek 147 – 2026
    ISBN 978-3-8498-2143-2
    160 Seiten kartoniert

    AISTHESIS VERLAG  
    Das Lesebuch Klaus Johannes Thies ist aufgeteilt in zwei Abteilungen. In der ersten sind 65 Texte aus seinen sechs zwischen 1986 und 2020 erschienenen Buchveröffentlichungen aufgenommen. Die 45 Texte in Teil 2 sind hingegen sämtlich Erstveröffentlichungen.

    Titelfoto: Michael Schwarzenberger

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      ich kann gedichte nicht ausstehen.

      ich bin im wald, stehe vor einem innerwald. nach einer intensiven forsternte bildeten sich so viele junge bäume, dass — von außen betrachtet — ein wald im wald entstanden ist. die bäumchen scheinen sich gegenseitig licht und raum zu nehmen, alles grau, trocken und dunkel. es gilt sich zu konzentrieren, denn hier geht es durch,…

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      Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

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      Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

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      Ein schöner Satz vorweg.

      Über Epigraphen und die Kunst, sie zu überlesen – oder zu nutzen. | Hansjörg Schertenleib, Der Antiquar. Ich blättere die erste Seite auf, und da steht: „Der Weg vollendet sich. Der Schnee fällt in tausend Flocken. Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.“ – Shōbōgenzō Mein erster Gedanke: Das ist ein Haiku. Die Kürze, das…

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      Karen Roßki – Austausch

      Drei Miniaturen zu einer Zeichnung: Nichts bleibt für sich. Linien steigen auf, andere sinken zurück. Was sich verdichtet, gibt ab. Was aufragt, ist nicht getrennt vom Grund. Bewegung geht in beide Richtungen. Austausch heißt hier nicht Ausgleich. Es ist ein fortwährendes Weitergeben von Spannung. Linien gehen nach oben und kommen zurück. Der Grund bleibt beteiligt.…

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      Karen Roßki – Durchdringen

      Nichts greift hier ineinander. Von oben drängt etwas Fremdes ins Bild, faserig, hart gesetzt. Unten arbeitet eine andere Bewegung, schwer, erdig, unruhig. Die Farben mischen sich nicht, sie stoßen. Was durchdringt, verbindet nicht. Es verschiebt, verdrängt, reibt sich fest. Der Raum hält das aus, aber er schließt sich nicht. Nähe entsteht hier nicht aus Übergang,…

    • Karen Roßki – Weit

      Karen Roßki – Weit

      Es gibt keine Linie, an der das Sehen zur Ruhe kommt.Flächen schieben sich übereinander, als hätten sie Zeit gesammelt.Das Dunkle trägt, das Helle setzt an.Nichts öffnet sich nach außen, alles breitet sich aus.Bewegung ohne Richtung, Dichte ohne Schwere.Zwischen den Schichten bleibt kein leerer Ort, nur Übergang.Was wie Tiefe aussieht, ist Nähe.Was weit scheint, hält fest.…

    • Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es…

    • Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung: Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich…

    • Elisabeth Wesuls – Geschichte

      Elisabeth Wesuls – Geschichte

      Tarnung, Enttarnung und das Unheimliche der Kontinuität. Annähernd gelesen | Beim ersten Lesen von Elisabeth Wesuls Miniatur gibt es diesen Moment des Innehaltens. Fast eine Schrecksekunde. Nicht wegen der historischen Kulisse, nicht wegen der Ideologie. Sondern wegen eines Namens. Zunächst bleibt alles im Bereich des Hörensagens. „Man erzählt“, „manche sagen“, „die Leute, die das erzählen“.…

    • Klaus Johannes Thies – „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“

      Klaus Johannes Thies – „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“

      Klaus Johannes Thies‘ Prosatext schildert die Hörspielabteilung von Radio Bremen als einen Ort des Wartens und Dämmerns. Schauspieler in Schlafanzügen lagern in langen, leeren Fluren einer vergessenen Abteilung, die bei einem Umzug einfach nicht mitgenommen wurde. Die Synchronisation von Gina Lollobrigida steht an, aber es gibt nur Männer – man behilft sich mit einer Sekretärin.…

    • Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

      Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

      Beim ersten Lesen von Klaus Johannes Thies Text „Im Schwimmbad mit Derrida“ stellt sich eine eigentümliche Ratlosigkeit ein. Was ist das? Ein Traumbericht? Eine philosophische Reflexion? Eine Alltagsbeobachtung? Der Text entzieht sich jeder eindeutigen Zuordnung – und genau darin liegt sein Geheimnis. Denn Thies schreibt nicht über Derridas Dekonstruktivismus, er vollzieht ihn. Das Verschwimmen der…

    • Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

      Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

      Was übt man, wenn man das Unsichtbare übt? – Kennen Sie das Gefühl, wenn eine solche Frage nicht einfach im Raum steht, sondern etwas in Ihnen in Bewegung setzt? Klaus Johannes Thies, 1950 in Wuppertal geboren, schreibt genau solche Literatur. Seine Texte sind weniger Geschichten als vielmehr Gedankenräume, Einladungen zu mentalen Expeditionen, die der Leser…

    • Himbeeren – Valerie Zichy

      Himbeeren – Valerie Zichy

      HIMBEEREN das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über-all die…

    • Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Sandrine, dein Atem ist Gänsedaunen. Meiner stockt beim Lesen, wird zu Stein in der Brust. Während du die kommenden Verheerungen spürst, taste ich mich an bereits vergangene heran. Deine Zeit friert in stehenden Gewässern – meine fließt linear fort, Datum für Datum, wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Vielleicht ist das der Unterschied. Du schreibst…

    • Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

      Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

      Es ist unbefriedigend, etwas teilen zu wollen, was man nicht direkt zeigen kann. Wie in diesem Fall: „Schief gewickelt, wie ich bin!“ Frottage mit Zeichnung von Ille Chamier. Daher habe ich versucht festzuhalten was ich dem Bild entlockt habe: Falsche Schritte? Sie steht da, ein Knoten aus Linien und Schatten,geformt aus Plänen, die nie so…

    • Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht…

  • Himbeeren – Valerie Zichy

    Himbeeren – Valerie Zichy

    HIMBEEREN

    das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich
    hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein
    schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt
    heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das
    ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über-
    all die schuhe aus. das ich schreibt. das ich schreibt über das
    ich. das ich hat angst vor der klimakrise. das ich ist careerar-
    beiterin ohne dafür bezahlt zu werden. das ich ist nicht fik-
    tiv. das ich lächelt. das ich hätte gerne eine katze. das ich
    weint. das ich sitzt am liebsten am boden. das ich tut mei-
    stens so als ob. das ich wohnt in einem text. das ich wohnt
    in einem zimmer in das manchmal die sonne scheint. das ich
    mag keine veränderungen. das ich mag keine binaritäten.
    das ich ist meistens überfordert mit der welt, manchmal mit
    sich selbst. das ich trinkt auch im sommer tee. das ich hier
    ist autofiktion. das ich ist nicht hier das ich verlässt diesen
    text. das ich ist immer woanders.

    Annähernd gelesen

    „HIMBEEREN“ präsentiert sich als experimentelle Autofiktion, die in einem fortlaufenden, fast mantra-artigen Duktus die Grenzen zwischen realem und fiktivem Ich auslotet. Die Autorin arbeitet mit der repetitiven Formel „das ich“, wodurch eine distanzierende Objektivierung der eigenen Subjektivität entsteht.

    Der Text oszilliert zwischen alltäglichen, körperlichen Details (Himbeeren essen, Regelschmerzen, heiße Schokolade trinken) und existenziellen Reflexionen über Identität und Authentizität. Dabei entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem „ich ist ich“ und „das ich ist nicht ich“, das die grundsätzliche Frage nach der Darstellbarkeit von Selbst in der Literatur aufwirft.

    Besonders bemerkenswert ist die selbstreflexive Dimension: Das schreibende Ich thematisiert explizit seine eigene Textualität („das ich wohnt in einem text“) und seine Vergänglichkeit („das ich verlässt diesen text“). Die Enumeration persönlicher Eigenschaften und Gewohnheiten – von konkreten Tätigkeiten bis hin zu emotionalen Zuständen wie Weltüberforderung und Klimaangst – zeichnet ein fragmentiertes Porträt zeitgenössischer Subjektivität.

    Der Text endet mit einer paradoxen Bewegung: Das textuelle Ich, das zunächst als „hier“ und als „autofiktion“ etabliert wird, erklärt sich schließlich als „nicht hier“ und „immer woanders“ – ein poetisches Statement über die Flüchtigkeit und Ungreifbarkeit von Identität in der literarischen Darstellung. Die Autorin Valerie Zichy.

    Foto von The New York Public Library auf Unsplash

    Die Idee: Ein Fragentext, der aus „Himbeeren“ heraus entwickelt hat – Fragen, die der Text selbst aufwirft, aber bewusst unbeantwortet bleiben. Die Leerstellen werden zum eigentlichen Dialog. Es gibt keine richtigen Antworten, sondern als weitere Stimmen im Gespräch.

    FRAGEN AN EIN ICH, DAS IMMER WOANDERS IST

    Ein Nicht-Interview zu „Himbeeren“

    Wenn das Ich hinter dem Text gerne Himbeeren isst – schmecken die fiktiven Himbeeren anders als die realen? Haben sie Kerne? Lassen sie Flecken auf den Fingern?

    Du schreibst „das ich ist ich und das ich ist nicht ich“ – wo genau verläuft die Grenze? Oder gibt es gar keine? Ist es eher eine durchlässige Membran, ein Übergangsbereich, wo das eine ins andere sickert?

    Das schlechte Gewissen und die Regelschmerzen – welches davon ist fiktiver? Oder sind Körperschmerzen die einzige Gewissheit, dass etwas real ist?

    Wenn du überall die Schuhe ausziehst – ist das eine Geste der Ankunft oder der Fluchtbereitschaft? Barfuß ist man verwundbarer, aber auch freier. Was überwiegt?

    „Das ich schreibt über das ich“ – ist das Mise en abyme oder Selbstgespräch? Oder ist jedes Schreiben über sich selbst immer schon beides?

    Die Careerarbeit ohne Bezahlung – ist das die Care-Arbeit, die du meinst? Oder eine andere Form von Arbeit, die unsichtbar bleibt, weil sie nicht ins ökonomische Raster passt?

    Du lächelst – aber wer sieht das Lächeln, wenn das Ich im Text wohnt?

    „Das ich hätte gerne eine katze“ – Konjunktiv. Warum nicht „das ich will eine katze“ oder „das ich holt sich eine katze“? Was hält das Ich im Hätte-gerne fest?

    Warum sitzt du am liebsten am boden? Ist das näher an etwas oder weiter weg von etwas?

    „Das ich tut meistens so als ob“ – als ob was? Als ob es existiert? Als ob es nicht existiert? Als ob es wüsste, wer es ist?

    Das Zimmer, in das manchmal die Sonne scheint – nur manchmal. Was ist mit den anderen Zeiten? Wohnst du dann trotzdem dort, oder wanderst du mit der Sonne?

    Keine Veränderungen mögen, keine Binaritäten mögen – ist das nicht ein Widerspruch? Oder gerade die Auflösung des Widerspruchs?

    Die Überforderung mit der Welt, mit sich selbst – was ist schwieriger? Oder ist es dieselbe Überforderung, nur anders benannt?

    Auch im Sommer Tee – ist das Beharren auf Wärme, wenn die Welt ohnehin warm ist? Eine Art Selbstfürsorge gegen die Erwartung?

    „Das ich ist nicht hier“ – aber der Text ist hier. Wo bist du dann? In der Lücke zwischen Buchstaben? Im Weißraum?

    Wenn du diesen Text verlässt – gehst du dann in einen anderen Text? Oder gibt es auch ein Außerhalb-der-Texte, in dem du existierst?

    „Das ich ist immer woanders“ – ist das Flucht oder Freiheit? Oder ist es die einzige ehrliche Beschreibung dessen, was ein Ich sein kann?

    Hinweis für die Lesenden:

    Diese Fragen suchen keine Antworten von der Autorin. Sie sind Versuche, mit dem Text weiterzudenken, ihm nachzugehen in seinem Woanders-Sein. Wer eigene Antworten auf eine dieser Fragen hat – oder selbst eine eigene Frage stellen möchte – kann diese gern in die Kommentare schreiben. Bitte nicht um den Text zu erklären, sondern um das Gespräch fortzusetzen.

  • Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

    Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

    Sandrine, dein Atem ist Gänsedaunen. Meiner stockt beim Lesen, wird zu Stein in der Brust. Während du die kommenden Verheerungen spürst, taste ich mich an bereits vergangene heran. Deine Zeit friert in stehenden Gewässern – meine fließt linear fort, Datum für Datum, wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Vielleicht ist das der Unterschied.

    Du schreibst von Schichten, die sich auf deine Haut legen, feucht vermalte Erstarrung. Ich kenne andere Schichten: die sich täglich neu bilden, unsichtbar, aus Schweigen und Nicht-Berühren. Deine Mitte wölbt sich ins Freie, führt ein Eigenleben. Meine Mitte ist ein Knoten, fest verschnürt, der sich selten löst.

    Paris. London. Germersheim. Deine Orte schweben, verflüssigen sich in der Erinnerung. Meine bleiben stehen wie Wegweiser: hier war ich, dort nicht, dazwischen Strecken, die sich messen lassen. Du spulst vor und zurück, spielst Himmel und Erde. Ich gehe meist geradeaus, auch wenn der Weg krumm ist.

    „You are so funny! Stay like this.“ Jemand hat das zu dir gesagt. Wie oft habe ich ähnliche Worte gehört und nicht gewusst, ob sie Gefängnis oder Geschenk waren. Du weidest Schafe, mischst dich offenporig in den Raum. Ich baue Zäune, auch wenn ich sie selbst nicht sehe.

    Körperlos schreibst du. Ich lese das mit einem Körper, der sich schwer anfühlt, der Raum einnimmt, der nicht verschwindet. Vielleicht ist Körperlosigkeit eine andere Form der Schwere. Vielleicht ist sie Befreiung.

    Sandrine könnte eine jede sein, schreibst du. Ich könnte ein jeder sein – aber bin es nicht. Deine Wochentage verschleifen. Meine haben Namen, die ich abhake. Dein Tagwerk rutscht ins Monochrome. Meines hat Kanten, Ecken, Termine.

    Zeit ist ein Hüpfspiel für dich. Für mich eher ein langer Gang mit vielen Türen, die meisten verschlossen. Aber manchmal, beim Lesen deiner Worte, öffnet sich eine. Dahinter liegt etwas, das ich nicht benennen kann, das aber vertraut riecht nach Gänsedaunen und stehenden Gewässern.

    Dazwischen Störstellen, schreibst du zum Schluss.

    Ja. Dazwischen immer diese Störstellen.

    Dies ist eine Fortführung der Kurzprosa Sandrine von Jane Wels.

    • Über die Kunst des dialogischen Lesens mit Jane Wels‘ „Sandrine“

      Über die Kunst des dialogischen Lesens mit Jane Wels‘ „Sandrine“

      Eine Ergänzung zur literarischen Analyse – von der Theorie zur Praxis des aktiven Lesens Was geschieht, wenn wir einen Text wie „Sandrine“ nicht nur lesen, sondern ihm antworten? Wenn wir die fragmentarischen Erinnerungen nicht als abgeschlossenes Kunstwerk betrachten, sondern als Einladung zu einem Dialog verstehen? Diese Frage entstand aus einem intensiven Gespräch über Jane Wels‘…

    • Jane Wels‘ Sandrine

      Jane Wels‘ Sandrine

      Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…

    • Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Sandrine, dein Atem ist Gänsedaunen. Meiner stockt beim Lesen, wird zu Stein in der Brust. Während du die kommenden Verheerungen spürst, taste ich mich an bereits vergangene heran. Deine Zeit friert in stehenden Gewässern – meine fließt linear fort, Datum für Datum, wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Vielleicht ist das der Unterschied. Du schreibst…

    • Jane Wels

      Jane Wels

      Keiner meiner Tage läuft ab. […] lasse ich Strukturen einfach ineinander verlaufen. Schaue ihnen zu, wie einem Aquarell, welches seinen Goldenen Schnitt selbst formt. Jane Wels beschreibt ihr Leben nach dem Ende ihrer therapeutischen Praxis als bewusste Entscheidung für das Fließende, das Unstrukturierte. 1955 in Mannheim geboren, lebt und schreibt die Lyrikerin heute im Nordschwarzwald…

  • Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

    Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

    Es ist unbefriedigend, etwas teilen zu wollen, was man nicht direkt zeigen kann. Wie in diesem Fall: „Schief gewickelt, wie ich bin!“ Frottage mit Zeichnung von Ille Chamier. Daher habe ich versucht festzuhalten was ich dem Bild entlockt habe:

    Falsche Schritte?

    Sie steht da, ein Knoten aus Linien und Schatten,
    geformt aus Plänen, die nie so aufgingen, wie gedacht.
    Die Bänder um sie – keine echten Fesseln,
    sondern die Reste von Erwartungen,
    in denen sie sich selbst verheddert hat.

    Die Schuhe – schwer und unpassend für den Tanz,
    wie Überbleibsel einer Reise,
    die nicht zu der Bühne führte, die sie sich ausgemalt hatte.
    Und doch schwingt das linke Bein,
    als könne man aus falschen Schritten neue Takte bauen.

    Der Zylinder, leicht schief,
    trägt den Humor eines Menschen,
    der sich eingesteht: „Ich habe mich geirrt.“
    Aber er trägt ihn wie eine Krone, nicht wie eine Last.

    Denn der Irrtum stoppt sie nicht.
    Er ist Teil der Choreografie geworden –
    ein Umweg, der sich im Rhythmus verliert.
    Sie tanzt nicht, um Recht zu haben.
    Sie tanzt, weil die Musik weitergeht.

    Ein Zwinkern

    Sie steht da, eingehüllt in Linien und Schatten,
    wie in Tücher gewickelt, die nicht wärmen, sondern festhalten.
    Die Schuhe zu groß, zu schwer für Pirouetten,
    und doch schwingt das linke Bein, als könne es jeden Moment abheben.

    Der Zylinder auf dem Kopf – ein Gruß an die Bühne,
    vielleicht auch ein Schutzschild gegen den Blick der Welt.
    Die Hände, ineinander verschränkt,
    halten etwas zurück, das in ihr längst begonnen hat:
    eine Bewegung, die nicht fragt, ob sie darf.

    Es ist kein klassisches Ballett,
    keine strenge Choreografie,
    sondern ein Tanz, der sich selbst erfindet
    zwischen Schwere und Leichtigkeit.

    Das „schief gewickelt“ ist keine Entschuldigung,
    sondern ein Zwinkern –
    denn sie weiß: Auch mit klobigen Schuhen
    kann man tanzen,
    wenn die Musik im Inneren klar genug ist.


    Zum Abschluss eine verschränkte Version, in der Bewegung, Selbstironie, und Irrtum gleichzeitig mitschwingen:

    Eine Pointe

    Sie steht da, eingehüllt in Schatten und Strukturen,
    als habe sie sich selbst mit den Resten alter Pläne umwickelt.
    Die Wickel sind weich, sie schneiden nicht ein –
    und doch halten sie sie länger fest, als nötig wäre.

    Die Schuhe sind zu klobig für Pirouetten,
    als wollte sie sich absichtlich beschweren,
    damit sie nicht ganz vom Boden abhebt.
    Vielleicht aus Angst.
    Vielleicht, weil sie sich einmal sicher war,
    wohin der Weg führt –
    und sich darin geirrt hat.

    Der Irrtum hat Spuren hinterlassen:
    Linien, die quer durch den Körper laufen,
    wie Notizen einer Geschichte,
    die nicht so verlief wie geplant.

    Aber der Körper ist nicht starr.
    Das angewinkelte Bein, die Drehung im Oberkörper,
    der leicht geneigte Kopf –
    alles erzählt von einer Bewegung,
    die in ihr längst begonnen hat.

    Das „schief gewickelt“ ist kein Schuldspruch.
    Es ist eine Pointe,
    ein Zwinkern an sich selbst:
    „Ja, ich habe mich vertan. Und jetzt tanze ich trotzdem.“

    Denn selbst falsche Schritte
    können Teil einer Choreografie werden,
    wenn man sie im richtigen Takt setzt.

    Foto: Kristina Tochilko

  • Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

    Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

    Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane

    Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht nach ihrem geliebten Sultan aus und stärkten ihn im Krieg. Gegenseitig bezeichneten sie sich als das Licht ihrer Augen und als Herrscher und Herrscherin ihrer Herzen.

    
Suleiman's Frau Roxelane (1500-1558) - Es existieren keine bekannten, offiziellen Porträts von ihr. Dieses Gemälde wurde von den Venezianern nach Informationen ihres Geheimdienstes in Istanbul angefertigt. || Ca. 18. Jh. || Standort: Topkapi Palast, Istanbul

    Suleiman’s Frau Roxelane (1500-1558) – Es existieren keine bekannten, offiziellen Porträts von ihr. Dieses Gemälde wurde von den Venezianern nach Informationen ihres Geheimdienstes in Istanbul angefertigt. || Ca. 18. Jh. || Standort: Topkapi Palast, Istanbul

    Hürrem versuchte sich später ebenfalls in der Dichtkunst, was ihr gut gelang, denn schließlich hatte sie im Sultan einen talentierten Lehrmeister, der zahlreiche Gedichte schrieb. Dafür verwendete er allerdings einen Pseudonym, Muhibbi.

    Die Liebe der beiden diente ihnen als Muse der Poesie. Um die Gefühle von Süleyman I. und seiner Hürrem zu verdeutlichen, ist hier ein Brief von Hürrem an den Sultan, als er im Feldzug gegen Ungarn war:

    Du Seele meiner Seele, mein Gebieter! Ein Gruß an den, der den sanften Wind am Morgen zaubert. Ein Gebet an denjenigen, der den Lippen der Verliebten ihre Lieblichkeit verleiht. Ein Lob an denjenigen, der die Sprache der Verliebten mit einer Hitze erfüllt.

    Sei derjenige geehrt, der mich verbrennt, genauso wie es die Worte der Leidenschaft tun. Endlose Treue demjenigen, der von der makellosen Helligkeit wie die Heiligen beleuchtet ist. Auch Treue demjenigen, der sich als Hyazinthe in der Gestalt einer Tulpe befindet und mit dem Duft der Treue parfümiert ist. Ruhm demjenigen, der vor seinem Heer die Fahne des Sieges hält und demjenigen, dessen Rufe nach Gott im Himmel erhört werden.

    Mein erleuchtetes Gewissen schmückt mein Bewusstsein und ist der Schatz meines Glücks und meiner traurigen Augen.

    Geehrt sei derjenige, der meine innersten Geheimnisse kennt und Ruhe meinem schmerzenden Herzen und der verletzten Brust gibt.

    Geehrt sei derjenige, der als Sultan auf dem Thron meines Herzens sitzt und im Licht des Glücks meiner Augen.

    Es verbeugt sich vor dem Sultan seine ewige Sklavin mit Tausenden von Verbrennungen in der Seele.

    Wenn Ihr mein Gebieter seid, mein höchster Baum des Paradieses, so seid so gnädig und denkt zumindest einen Augenblick an mich oder fragt, wie es Eurer Waisen geht.

    Obwohl der untreue Himmel meine Tränen sah, vergewaltigte er meine Seele und erstach mich mit zahlreichen Schwertern der Trennung. An diesem Tag des höchsten Gerichts, als mir der Duft der nach Paradies duftenden Blumen genommen wurde, verwandelte sich meine Welt in eine Art Nichtsein, meine Gesundheit in ein Leiden und mein Leben in eine ewige Verdammnis.

    Wegen meiner unaufhörlichen Seufzer, des Schluchzens und der quälenden Schreie, die weder am Tag noch in der Nacht aufhören, wurden die Seelen der Menschen mit Flammen gefüllt.

    Vielleicht kann der Schöpfer meiner Sehnsucht gegenüber Gnade zeigen und gibt mir Euch zurück, den Schatz meines Lebens, um mich vor der bevorstehenden Entfremdung und dem Vergessen zu retten.

    Möge es sich erfüllen, mein Herr! Der Tag wurde mir zur Nacht. Mein Gebieter, das Licht meiner Augen, es gibt keine Nacht, die nicht wegen meiner heißen Seufzer verbrannte. Es gibt keinen Abend, an dem mein lautes Schluchzen und meine Sehnsucht nach Ihrem sonnenähnlichen Antlitz den Himmel nicht erreichten. Der Tag wurde mir zur Nacht, oh du sehnsüchtiger Mond!

    Künstler: Melchior Lorck (1527 – 1564) || Quelle: smk.dk

    Übersetzt von Maria Aronov

    Ergänzend ein Gedicht von Muhibbi, Süleyman I, an seine Hürrem:

    Vor dir bin ich wie ein Nachtfalter
    Und du wie eine Kerze, die mich lockt.
    Du bist wie ein Angriff auf mich, ich bin vor Liebe verrückt geworden.
    Du bist mein unvergleichlicher Kummer, meine schlimmste Qual,
    meine helle Sonne und großzügigen Hände.

    Ich bin nicht mehr ich selbst, ich diene dir blind.
    Eine einzige Locke von dir lässt bereits mein Herz singen.
    Meine Liebe, Muhibbi ist krank und mein heilendes Extrakt – das bist du!

    Übersetzt von Maria Aronov

    Süleyman der Prächtige, benannt Süleyman I. oder der Gesetzgeber, türkischer Süleyman Muhteşem oder Kanuni, (geb. November 1494-April 1495-Tag 5./6. September 1566, in der Nähe von Szigetvár, Ungarn), Sultan des Osmanischen Reiches von 1520 bis 1566, der nicht nur mutige Militäraktionen unternahm, die sein Reich erweiterten, sondern auch die Entwicklung dessen überwachte, was als die charakteristischsten Leistungen der osmanischen Zivilisation in den Bereichen Recht, Literatur, Kunst und Architektur galt.

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