Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.
In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.
Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen:
Die Last der unsichtbaren Arbeit
Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:
„Ich rufe bei vier Frauen an, bevor ich eine finde, die die Kinder nehmen kann. […] Ich koche vor, räume auf, wasche Wäsche, bügle Hemden.“ Die physische und mentale Erschöpfung durch diese „Sorgearbeit“ (ein damals neu geprägter Begriff der Frauenbewegung) wird zum zentralen Konflikt: Selbst auf der Zugfahrt zum Treffen denkt sie an vergessene Haushaltspflichten.
Kritik an männlich dominierten Literaturstrukturen
Das „Treffen schreibender Frauen“ fungiert als Gegenmodell zu etablierten (männlich geprägten) Literaturzirkeln. Chamier karikiert implizit die Selbstinszenierung männlicher Autoren:
„Bei Männertreffen geht es um ‚Werke‘, um ‚Positionen‘. Hier reden wir darüber, wie wir den Alltag meistern und trotzdem schreiben.“ Die Dekonstruktion des „Genie-Mythos“ ist eindeutig: Kreativität entsteht nicht im elitär abgeschirmten Raum, sondern im Kampf mit realen Lebensbedingungen.
Sprache als Werkzeug der Selbstermächtigung
Chamiers Protagonistin nutzt Schreiben zur Verarbeitung unterdrückter Wut. In einer Schlüsselszene notiert sie während des Treffens:
„Ich schreibe: Ich hasse es, dass ich immer lächeln muss. Ich hasse es, dass ich dankbar sein soll. […] Das Blatt fülle ich mit großen, zornigen Buchstaben.“ Hier wird das Schreiben zur politischen Geste: Es bricht das Tabu des „liebenswürdigen“ Frauseins und transformiert unterdrückte Emotionen in sichtbaren Protest.
Ambivalenz der Solidarität
Trotz der utopischen Hoffnung auf Verbündete zeigt Chamier auch Spannungen unter Frauen:
Die Protagonistin fühlt sich zwischen Akademikerinnen und Arbeiterfrauen fremd, Sie kritisiert vereinfachende Lösungsmodelle („Manche sagen: Dann lass doch den Haushalt liegen!“), Die ökonomische Ungleichheit unter Frauen wird benannt: Nicht alle können sich Betreuung leisten oder haben „einen Mann, der zahlt“. Damit vermeidet sie romantisierende Sisterhood-Narrative.
Der Körper als Ort der Unterdrückung
Auffällig ist die dichte körperliche Metaphorik:
„Mein Nacken ist verspannt“ (nach Hausarbeit), „Ich beiße mich fest“ (beim Unterdrücken von Wut), „Mein Magen zieht sich zusammen“ (vor Konflikten). Die physischen Symptome materialisieren die psychische Belastung – ein frühes Aufgreifen somatischer Gewaltfolgen.
Historische Verortung & Bedeutung
Zeitkontext: 1979 war die zweite Frauenbewegung in der BRD auf ihrem Höhepunkt. Chamier greift Debatten um Lohn für Hausarbeit (vgl. Silvia Federici) und „Frauenliteratur“ auf.
Provokation: Die Erzählung entstand parallel zu ihrem Buch „Setz dich hin und lächle“ – der Titel wirkt wie eine ironische Brechung des darin thematisierten Anpassungsdrucks.
Stil: Chamier kombiniert dokumentarische Präzision (Listen von Arbeiten) mit poetischer Verdichtung („zerknittertes Gesicht“). Das erinnert an Maxie Wanders „Guten Morgen, du Schöne“ (1977), vermeidet aber deren Reportageton.
Meine offenen Fragen an den Text
Warum bleibt die Protagonistin namenlos? (Verallgemeinerungsstrategie?) Wieso endet der Text vor dem Treffen? (Scheitern der Utopie?) Wie verhält sich diese radikale Position zu Chamiers späterer Rückzug ins Private (Selbstverlag)?
Haben Sie eigene Leseerfahrungen mit diesem Text? Mir fehlt der Kontext – wurde er in (feministischen Kreisen) besprochen? Gab es Reaktionen?
Zwischen Abstraktion und Naturverbundenheit | Karen Roßki (*1965 in Dresden) ist eine in Dresden lebende und arbeitende Künstlerin, deren Werk sich durch großformatige Gemälde in Öl, Pigmenten und verschiedenen Zeichentechniken sowie Objektkunst auszeichnet. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen abstrakter Landschaftsdarstellung und einer organisch anmutenden Formensprache, die durch intensive Farbkompositionen Naturphänomene aufgreift.
Aufmerksam geworden bin ich auf Sie durch ihre Bleistiftzeichnungen in der Ausgabe 21 des Zündblättchens: Details von Baumästen, Stammteile, Totholz(?). Die Zeichnungen erinnern teils an Fabelwesen, so dass sie sich gut von den Gedichten Ille Chamiers lösen lassen und eigene kleine Geschichten entspinnen (können). Das gefällt mir.
Karen Roßki – Bleistiftzeichnung S.5 – Das Zündblättchen 21 mit Ille Chamier (Gedichte)
Karen Roßki – Bleistiftzeichnung S.13 – Das Zündblättchen 21 mit Ille Chamier (Gedichte)
Künstlerischer Ansatz und Themen
Roßkis Kunst entsteht aus einer tiefen Beobachtung der Natur. Sie erfasst Strukturen, Farben und Stimmungen in Landschaften und überführt diese Eindrücke in abstrahierte Bilder. Dazu sammelt sie nach eigener Aussage „Momente, Bewegungen, Begegnungen, Zustände und Abfolgen“, die auf der Leinwand in „neuen Gebilden“ erscheinen. Hierbei verweben sich Linien, Farben und Materialien zu „eigenständigen Gefügen“. Roßki beschreibt ihren Prozess als eine tiefe Aufnahme der Natur: „Es sind viele landschaftliche Erinnerungen, ich gehe gerne in die Natur. Aber ich mache dort keine Skizzen oder Fotografien. Aber ich nehme natürlich dennoch viel auf und trage die Bilder in mir.“ Die resultierenden Werke sind keine direkten Abbildungen, sondern Kompositionen aus Gedankensplittern. Titel wie „Schweben“, „Ferne“, „Sommertag“, „Urkraft“ oder „Inneres Leuchten“ verdeutlichen, wie ihre abstrakten Arbeiten Naturstimmungen – wie Himmel, Energie und Licht – visualisieren.
„Häufig und gern bin ich im Freien; bewege ich mich durch die Landschaft und die Wälder. Vieles von dem, was ich unterwegs erlebe, berührt mich nachhaltig. Ich nehme Strukturen, Farben, Düfte, Geräusche auf und erlebe Massen und Kräfte, die in der Natur aufeinander treffen. Einige dieser Eindrücke beeinflussen mich in meiner Arbeit und fließen in meine Bilder ein.“ – Zu ihrer Ausstellung im Restaurant „Kastenmeiers im Taschenbergpalais“ – Juni 2020. Quelle: meinwortgarten– siehe unten
Ausbildung und Stipendien
Nach einer Facharbeiterausbildung zur Schrift- und Grafikmalerin (1983–1985) studierte Karen Roßki von 1990 bis 1995 Malerei/Grafik an der Hochschule Burg Giebichenstein in Halle und schloss mit Diplom ab. Von 1995 bis 1997 war sie Meisterschülerin bei Prof. Inge Götze. Seit 1999 ist sie als freischaffende Malerin und Grafikerin tätig und Mitglied des Künstlerbundes.
Sie erhielt zahlreiche Stipendien, darunter vom Kultusministerium Sachsen-Anhalt, der Denkmalschmiede Höfgen, dem Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, der Stiftung Kulturfonds und dem Röderhof Harz. Hinzu kommen Auslandsstipendien, beispielsweise in Mazedonien. Karen Roßki hatte zudem Lehraufträge an der HTW Dresden, unter anderem für Grundlagen der Gestaltung und Freihandzeichnen. Ihre Werke sind in öffentlichen Sammlungen vertreten, darunter im Landtag Sachsen-Anhalt und der Stadtsparkasse Magdeburg.
Projekte und Ausstellungen
Eine bemerkenswerte Ausstellung war „Frühstück im Freien“ (Juni–Juli 2020) in der Galerie im Restaurant Kastenmeiers in Dresden. Dort präsentierte sie eine Serie von 24 farbintensiven Ölgemälden auf großformatigen Leinwänden, deren organische Formen an Natur und Himmel erinnern. Diese entfalteten auf Lehmputzwänden eine besondere atmosphärische Wirkung. Zudem war sie mit einem Werk bei der Sonderausstellung „30 Jahre Künstlerbund – 60 Perspektiven“ im Dresdner Stadtmuseum vertreten.
Roßkis Kunst wirkt sinnlich und emotional, ohne dabei erzählerisch zu sein. Sie schafft Stimmungen, die Raum für persönliche Assoziationen lassen. Ihre Materialien sind sorgfältig ausgewählt, wie sie selbst betont:
„Mit großer Sorgfalt wähle ich meine Materialien aus, die oft nicht nur Bildträger, sondern auch über ihre Funktionalität hinaus Bestandteil meiner Arbeiten sind.“
Diese werden in ihren Zeichnungen, Gemälden und Objekten zu integralen Bestandteilen des Werkes. Die Resultate sind Arbeiten, die offen für individuelle Deutungen bleiben und gleichzeitig eine tiefe Verbundenheit zur Natur zum Ausdruck bringen.
Ihre Bilder sind keine Abbildungen, sondern Ausdruck eines inneren Erlebens, das durch Farbe und Form eine eigene Realität schafft. Roßkis Fähigkeit, aus ihrem inneren Bildarchiv durch intuitive Beobachtung und künstlerisches Gespür berührende, farbintensive Kompositionen zu schaffen, schätze ich. Die Balance zwischen organischer Form und emotionaler Tiefe aus, wodurch ein lebendiger Dialog zwischen Natur und bildnerischer Abstraktion entsteht überzeugt.
Randbemerkung | Dass sie für das Hygiene-Museum Dresden Audioführer eingesprochen hat – Objekte beschreibend für Menschen mit Sehbehinderung – fügt ihrem Werk eine weitere Seite hinzu: dieselbe Aufmerksamkeit für das Wahrgenommene, diesmal in Sprache gebunden. Link 1 – Link 2 (Zum instagram-Account des Deutsches Hygiene-Museum Dresden)
Die folgenden Texte sind in der Betrachtung einzelner Arbeiten entstanden. Sie verstehen sich nicht als Beschreibungen oder Deutungen, sondern als literarische Resonanzen:
Ille Chamiers Werk bewegt sich zwischen Tanz, Lyrik und bildender Kunst. Geboren 1937 am Niederrhein, begann sie ihr Studium 1956 mit Tanz an der Folkwangschule in Essen – gemeinsam mit Pina Bausch (Tanztheater Wuppertal). Nach einem Studium der Germanistik und Romanistik in München bis 1962 kehrte sie nach Düsseldorf zurück. Dort verbrachte sie Anfang der 70er Jahre auch einige Semester als Gaststudentin an der renommierten Kunstakademie.
Chamier, die verheiratet war und fünf Kinder großzog, arbeitete u.a. als Gymnasiallehrerin. Parallel schrieb und malte sie. Von 1977 bis 1980 Mitwirkung als Dramaturgin am Tanztheater Wuppertal. Ihr Gedicht „Pina“ – mit den Zeilen „sie hat die Hände / in der Luft und lässt Möwen fliegen / das hat sie so an sich“ – erscheint mir ein gutes Beispiel für ihre Verbindung zur Choreografin und Kunst der Bewegung. Generell beeindruckt mich dieses Poem, weil die Autorin wunderbar vielschichtig – wohl auch auch die enge Verbindung zu ihr – ausmalt.
Ab 1980 startete Chamier Soloabende mit szenischen Lesungen eigener Texte, unter anderem in „Die Werkstatt“ Düsseldorf, dem heutigen Tanzhaus NRW. Parallel dazu arbeitete sie bei der Essener Zeitschrift „jeder art“ für Lyrik, Prosa und Grafik mit und war an diversen Ausstellungen beteiligt. Ihr Schaffen umfasst Lyrik und Prosa ebenso wie Malerei. Ab 1983 engagierte sie sich zudem als Dozentin für Deutsch für Migranten und ab 2005 in der Düsseldorfer Sprachwerkstatt „Sage und schreibe“. (Dieser Bildungsanbieter existiert nicht mehr.)
Das literarische Werk: Trotz dieses reichen Schaffenshorizonts ist Ille Chamiers literarisches Werk öffentlich kaum fassbar. Nur zwei Bücher fanden – nach bisheriger Erkenntnis – den Weg in Verlagsprogramme:
„Setz dich hin und lächle“ (1979): Ein poetischer Text in einem frühen Fotoband über Pina Bausch. Texte Ille Chamier – Fotos Ulli Weiss. Wiederaufgelegt 1992.
„Tagtexte“ (1980): Ihre bekannteste Textsammlung. – Vergriffen, daher im Antiquariat erworben (aktualisiert: 10-06-2025).
Im Zine „DAS ZÜNDBLÄTTCHEN“ – Heft 21 – widmet sich Else Goldeinigen ihrer Gedicht, begleitet von Karen Roßkis Zeichnungen. Aus 2007.
Selbstverlegte Werke Sie verlegte ihre Texte auch im Eigenverlag, der Handedition Textille und als Privatdruck. Sie schuf aufwändig gestaltete Bücher, oft mit eigenen Grafiken, Zeichnungen und Malereien illustriert, die selbst schon kleine Kunstwerke sind. Eine Liste der Veröffentlichungen, die ich bisher zusammentragen konnte finden Sie hier „Werke von Ille Chamier“
Eine Stimme für feministische Themen: Ein Fenster zu ihrem Schreiben bietet auch die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“, erschienen 1979 in der „Courage – Berliner Frauenzeitung“ (online einsehbar). Hier setzt sie sich eindringlich mit der Vereinbarkeit von Schreibarbeit und Sorgearbeit auseinander – ein Thema von fortwährender Aktualität. – Die Erzählung habe ich mir hier genauer angeschaut. – Und hier habe ich schreibend erkundet, wie dieser Text wohl als Gedicht ausgesehen hätte. (Eine Fingerübung um Ille Chamiers Schreibstil zu ergründen.) Fundtsück | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist.
Die Sprache – Erdung und Flug: Chamiers Poesie wird als eine Kunst beschrieben, die „auf den Füßen der Alltagssprache“ daherkommt. Es ist eine geerdete Sprache, die durch ihre ungewöhnlichen Kombinationen und Verdichtungen den Leser zum Stocken, Staunen und Aufhorchen bringt – ein „ähnlicher und doch ungleicher Tanz“ (so die Beschreibung anlässlich einer Lesung mit Norbert Hummelt 2015 beim Onomato Künstlerverein). Ihr einnehmendes Sprachgefühl zeigt sich auch in Fundstücken, wie im Zine „Das ZÜNDBLÄTTCHEN“von Else Gold – Heft 21 – „Ihre geerdete Sprache und wie sie die Wörter zusammenfügt, ist seit langem mal wieder etwas, was mich umgehend in den Bann gezogen hat.“
Auf Youtube: POETISCHE BEGEGNUNGEN 12: Hans Thill trifft Ille Chamier. Veröffentlicht vom onomato künstlerverein e.V. – Moderation Dr. Frauke Tomczak. (Live gestreamt am 31.07.2025) Ein Zitat aus der Veranstaltungsankündigung: „Denn Ille Chamier ist eine Mehrfachbegabung: ihre Malerei in allen möglichen Formaten ist oftmals so schwebend und poetisch wie ihre Lyrik zart und zugleich handfest, überraschend in ihrer Bildlichkeit wie scharfzüngig in ihrer Kritik. Sie steckt voller Erkenntnisse, an dem Punkt gleicht ihre Lyrik der von Hans Thill, die sich erst auf den zweiten Blick als Lebensweisheiten im positiven Sinne erweisen, gerade weil sie mit Erfahrung gesättigt sind. „ich wurde wach der Tag lag hinter mir floß mir vom Kopf wie eine Schleppe“ aus „starr vor Glück“.“ – Ille Chamier las das Gedicht zum Abschluss der poetischen Begegnung. – u.a. veröffentlicht in Tagtexte.
Mein Versuch einer Frottage.
Öffentliche Wahrnehmung
2017 wurde Ille Chamier zu ihrem 80. Geburtstag mit einer Ehrenlesung und einer Ausstellung ihrer bildnerischen Arbeiten im Onomato Künstlerverein gewürdigt. Die Veranstaltung würdigte ihr „frappierend vielfältiges kreatives Schaffen“ (WAZ, 2017) – ein Schaffen, das trotz seines Umfangs weitgehend außerhalb der literarischen Öffentlichkeit stattfand.
Chamiers Werk bewegt sich zwischen hochkünstlerischem Anspruch und bewusster Zurückhaltung. Viele ihrer selbstverlegten Bücher – etwa „Gezinktes Licht“ oder „Hu Hu – I can fly and you?“ – sind bisher nicht zugänglich.
Hinweise zu weiteren Texten, Informationen über ihr malerisches Werk oder Leihgaben nehme ich gern entgegen: simon@ersatzgestalt.de. Eine Liste der bisher nachgewiesenen Werke findet sich hier.
Mein Vorhaben ist es, eine fortlaufend aktualisierte Chronik verknüpft biografische Daten mit zeitgeschichtlichem Kontext und Textauszügen aus Chamiers Werk zu führen. Zur aktuellen Chronik.
LektüreNotizen | Das Zündblättchen #32 beinhaltet die Kurzgeschichte „Tropisches Wasser“ von Kirstin Warschau. Ille Chamier illustriert den Text mit drei…
LektüreNotizen | Knappe biografische Angaben zur Autorin, ansonsten: kein Klappentext, kein Marketingsprech, kein Inhaltsverzeichnis. Lesende sind mit sich und den…
Informationsquellen: onomato verlag & Künstlerverein / Axel Grube (Düsseldorf) Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) Sebastian Schmidt (@se_schmi auf instagram) DAS ZÜNDBLÄTTCHEN – Heft 21 Dr. Frauke Tomzcak – Kuratorin der Gesprächsreihe Bekannt trifft Unbekannt – Ed. 2 (Bestellbar über den onomato verlag)
Geschichte und Gründung | Das Literaturmagazin WORTSCHAU wurde 2007 von Wolfgang Allinger und Peter Reuter gegründet. Die Ursprungsidee war ungewöhnlich: Literatur sollte dorthin gebracht werden, wo sie niemand vermutet – in Bäckereien, Blumenhandlungen, Gärtnereien, Einzelhandelsgeschäfte und Confiserien. Zunächst wurden wöchentlich gefaltete DIN-A4-Flyer mit Texten befreundeter Autorinnen und Autoren in diesen Geschäften ausgelegt, die nach einer Woche regelmäßig vergriffen waren.
Aus diesen wöchentlichen Flyern entwickelte sich die Literaturzeitschrift WORTSCHAU mit mehr Autorinnen und Autoren, mehr Seiten und Platz für Bildende Kunst. Das große Einweihungsfest für die erste Ausgabe fand im Gewächshaus in Herxheim-Hayna statt und zog 80 Gäste an. Die erste Ausgabe erschien im südpfälzischen Herxheim.
Die Herausgeber
Wolfgang Allinger (geboren 1953 in Dortmund) ist Unternehmensberater, Autor und seit der Gründung Herausgeber und Verleger der WORTSCHAU. 2014 trat Johanna Hansen als Herausgeberin an die Stelle von Peter Reuter, der im Verband Deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller aktiv wurde. Johanna Hansen ist Künstlerin, Autorin und führt eine Dependance des Verlags in Düsseldorf. Das Herausgeberteam wird heute von Wolfgang Allinger und Johanna Hansen gemeinsam geleitet.
Das Team
Mittlerweile sind weitere Enthusiasten zum Kern-Team dazugekommen: die Lektorin und Lyrikerin Bess Dreyer, die Videokünstlerin Elena Hill und Ute Kliewer für den Vertrieb. Thorsten Keller kam als Grafiker zum ersten Heft dazu und gestaltet seitdem alle Ausgaben, Sonderausgaben und fast alle Bücher.
Konzept und Inhalt
Die WORTSCHAU wird als literarische Achterbahn beschrieben, kopfüber herzunter, doch mit Bodenhaftung – ein Magazin für Gegenwartsliteratur, in dem poetische Luftsprünge ebenso Platz haben wie tiefschürfende Essays. Jede Ausgabe hat ein Thema, zu dem eingereicht wird, und wird von einer Bildenden Künstlerin oder einem Bildenden Künstler illustriert.
Die dreimal jährlich erscheinende Zeitschrift legt sich nicht auf ein literarisches Genre fest. In jeder Ausgabe finden sich Essays, Kurzgeschichten, Lyrik und auch Briefwechsel. Epik, Dramatik, Lyrik und Essay sind vertreten.
Gestaltung und Philosophie
Die Aufmachung ist dabei bis auf den Umschlag puristisch in schwarz-weiß gehalten. Die Gestaltung gibt Raum zum Lesen, Denken, Notieren. Das zentrale Anliegen ist die Verbindung von Literatur und Bildender Kunst.
Die Philosophie des Verlags lautet: „Seit 2007 schauen wir dem Wort auf’s Maul und sondieren Tendenzen und Sentenzen. Denn der wichtigste Indikator für das Verstehen der Welt ist die Sprache“. Die WORTSCHAU erscheint seit 2007 und ist ständig auf der Suche nach Neuland, wobei große Namen ebenso wenig abschrecken wie unbekannte Stimmen.
Der WORTSCHAU Verlag
Der WORTSCHAU Verlag wurde 2016 gegründet und entstand aus der Herausgeberschaft des Literaturmagazins. Seit Anfang 2018 ist der Verlag in Neustadt an der Weinstraße beheimatet. In loser Folge entstehen zusätzlich zum Literaturmagazin Sonderhefte, Bücher und Kunstbücher.
Reichweite und Anerkennung
Das Magazin versammelt Gedichte und Kurzprosa von Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Lettland und den USA. Im Laufe der Zeit wurde die WORTSCHAU auch überregional bekannt, und Sponsoren sowie Abonnenten aus Österreich und der Schweiz unterstützten den Verlag finanziell.
Die Germanisten der Universität Berkeley archivierten von der ersten Ausgabe an jedes Heft. Das Literaturmagazin wird heute archiviert von:
Stiftung Lyrik Kabinett München
Universitätsbibliothek Berkeley, Kalifornien
Pfalzbibliothek Kaiserslautern
Kunst- und Museumsbibliothek Köln
Deutsches Literaturarchiv Marbach
Mainzer Minipressenarchiv
Museumsprojekte und Veranstaltungen
In Zusammenarbeit mit dem Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen entstand das Sonderheft KÖRPERBILDER. Dazu wurden Lesungen im Museum angeboten und Audiodateien, die den Rundgang durch die Ausstellung begleiteten. Ein ähnliches Projekt, NAHAUFNAHMEN, mit dem Sprengel-Museum Hannover ging 2024 an den Start.
Der WORTSCHAU Verlag stellt seine Publikationen auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig vor, auf der Buch Wien und der Minipressenmesse in Mainz. Jedes neue Heft wird in einer Lesung an einem besonderen Ort präsentiert.
Würdigung
Thomas Kunst, Dichter und Kleist-Preisträger 2023, lobt: „Die Wortschau-Hefte sind großartig in Gestaltung, Inhalt und Schrift. Darin sind literarische Entdeckungen zu machen. Das gelungene Zusammenspiel zwischen Texten und Bildender Kunst und Fotographie ist besonders hervorzuheben“.
Themen der Ausgaben
Die thematische Vielfalt zeigt sich in den bisherigen Ausgaben, die sich mit Themen wie „Selbstgespräch“ (Nr. 44), „Sehnsucht“ (Nr. 40), „Abschied“ (Nr. 39), „Fernweh“ (Nr. 38), „Paris“ (Nr. 35), „Glück“ (Nr. 36), „Nacht“ (Nr. 30), „Am Wasser“ (Nr. 29) und vielen weiteren beschäftigt haben. Die Titel der frühen Ausgaben zeigten dabei oft einen spielerischen Umgang mit Sprache, etwa „Im Sumpf der Sprache – Hommage an Miss Verständnis“ oder „2008 – Odyssee im Paminaraum“.
Bezugsmöglichkeiten
Das Magazin erscheint dreimal jährlich und kann im Abonnement (drei Ausgaben für 34 Euro inkl. Porto im Inland) sowie über den Buchhandel bezogen werden. Der Verlag betreibt zudem einen YouTube-Kanal für Literaturinteressierte.
In der WORTSCHAU #44 bin ich auf ein Selbstgespräch von Marina Büttner gestoßen: „In einem vorherigen Leben war ich eine Reisende.“ Reflektierende Notizen um das Reisen – das innere wie das räumliche, um Bewegung und Stillstand, um Erinnerung und Verlust. Etwas in diesem Satz resonierte, ohne dass ich sofort hätte sagen können, warum. Eine erste…
Annähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Gelesen habe…
Die 44. Ausgabe 2025 der WORTSCHAU widmet sich dem Thema Selbstgespräch und fragt nach der künstlerischen Darstellung des eigenen inneren Erlebens. Die Herausgeber Johanna Hansen und Wolfgang Allinger haben aus über 200 Einreichungen eine vielstimmige Auswahl getroffen, die das Selbstgespräch in seinen unterschiedlichsten literarischen Formen erkundet – von lyrischen Reflexionen bis zu autofiktionalen Erzählungen. Hauptautorin…
Ein Nachtrag zur WORTSCHAU Nr. 43 | Mein kritischer Beitrag zur WORTSCHAU Nr. 43 hat auf Facebook eine bemerkenswert konstruktive Diskussion ausgelöst. Dass sich Herausgeber, Autorinnen und Autoren die Zeit genommen haben, auf meine Fragen einzugehen, freut mich sehr – und zeigt, dass die Spannung zwischen Hermetik und Zugänglichkeit keine einseitige Irritation ist, sondern ein…
Der Künstler als Versuchsanordnung und Schaustück? Auf den ersten Blick scheint Annette Hagemanns Gedicht ARTIST ein feines, fast ehrfürchtiges Porträt eines schöpferischen Menschen zu sein – eines, der sich einen Raum erbittet, um seine Arbeit zu tun: „Du hattest um den Geheimnisraum gebeten, das Innere des Turms ein leuchtender Lichthof …“ Ein Bild der Sammlung,…
Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…
DIE ALTE FRAU Schnee ist gefallenSchon wird es NachtAuf weißer Decke nicht eineSpur, nicht Vogel nicht KatzeEs kommt kein BesuchEs kommt keiner heutees kommt keiner morgenSie kehrt und kehrtimmer gründlicher kehrt sie denStraßenzugang zu ihrem Haus Annähernd gelesen | Das Gedicht ist schlicht gebaut: kurze, prosanahe Zeilen ohne Reim, ohne übermäßige Interpunktion. Es öffnet mit…
Gedanken zur „WORTSCHAU“ #43 (Es hört nie auf) – oder: Warum ich beim Lesen ins Stolpern kam Beim Lesen dieser Ausgabe drängte sich mir eine Frage auf: Für wen sind diese Texte eigentlich gedacht? Nicht, weil die Sprache unzugänglich wäre – im Gegenteil, Satzbau und Wortwahl sind oft klar –, sondern weil viele Gedichte in…
Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…
Diese Ausgabe des Literaturmagazins WORTSCHAU präsentiert sich als besonders lyrik-fokussierte Publikation mit Thomas Kunst als Hauptautor. Feridun Zaimoglu charakterisierte Kunst in seiner Kleist-Preis-Begründung als den „sprachbesessensten und herzverrücktesten deutschen Dichter unserer Zeit“ – eine durchaus plakative Zuschreibung, die der Leser selbst überprüfen kann. Kleine Einblicke in Thomas Kunsts Gedankenwelt | Der beigefügte Fragebogen gibt Einblicke…
In der WORTSCHAU 43 bin ich auf Arbeiten von Jörn Peter Budesheim gestoßen. Besonders auffällig ist dabei, wie er in seinen Zeichnungen mit verschiedenen Ebenen arbeitet. Sie erschließen sich nicht sofort, sondern fordern dazu auf, gelesen zu werden – Schicht für Schicht. Und das passt gut zu diesen Gedichten. 1960 in Marburg geboren, arbeitete Budesheim…
Geschichte und Gründung | Das Literaturmagazin WORTSCHAU wurde 2007 von Wolfgang Allinger und Peter Reuter gegründet. Die Ursprungsidee war ungewöhnlich: Literatur sollte dorthin gebracht werden, wo sie niemand vermutet – in Bäckereien, Blumenhandlungen, Gärtnereien, Einzelhandelsgeschäfte und Confiserien. Zunächst wurden wöchentlich gefaltete DIN-A4-Flyer mit Texten befreundeter Autorinnen und Autoren in diesen Geschäften ausgelegt, die nach einer…
Adolf Endler (1930–2009) widersetzte sich stets geradlinigen Lebenserzählungen. „Es schien ihm ganz unmöglich und falsch, sein Leben, das in seinen Augen eher einem Zickzackkurs folgte, als einen runden Bogen zu erzählen“, notiert der Klappentext von „Dies Sirren“, seinen autorisierten Gesprächen mit Renatus Deckert. Diese Unangepasstheit prägte den Autor vom rheinischen Kriegskind zur prägenden Figur des DDR-Literaturuntergrunds.
Kindheit im Bombenhagel: Düsseldorfer Prägungen Seine Wurzeln im Düsseldorfer Süden formten ihn fundamental. Die aus Belgien stammende Mutter – „deren Verwandte von den Nazis umgebracht wurden“ – und der erfolglose Vater hinterließen Spuren. Im „Dreieck zwischen Papiermühle, Wasserwerk und Henkel“ (so sein Gedicht) erlebte er die Schrecken des Krieges: das „Sirren der Bombergeschwader“ und den „als Befreiung empfundenen Einmarsch der Amerikaner“. Der lokale Dialekt blieb sein akustischer Grundton, später verkörpert im Alter Ego Bubi Blazezak.
Literarische Frühprägung und DDR-Enttäuschung Nach 1945 stürzte er sich in die Literatur: „Endler saugte begierig auf, was an moderner internationaler Literatur zu lesen war.“ Begegnungen mit Irmgard Keun und die Einladung zur Tagung der Gruppe 47 1952 (mit Heinrich Böll und Paul Celan) markierten Wegmarken. Doch 1955 folgte der Bruch: „Voller Illusionen ging er in die DDR, rasch verlor er sie.“ Am Leipziger Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ wurde er Teil der Sächsischen Dichterschule – ein Begriff, den er selbst 1978 prägte, um die innovative Kraft seiner Generation zu benennen.
Zentrale Figur im literarischen Widerstand „Bis zum Zusammenbruch des Kommunismus spielte Endler eine zentrale Rolle in subkulturellen Aktivitäten, die das überholte Konzept des sozialistischen Realismus herausforderten“, wie es im ergänzenden Text heißt. Seine Anthologie In diesem besseren Land (1966) nutzte den scheinbar loyalen Titel als trojanisches Pferd. Ihr Widerhall reichte über die DDR-Grenzen: „Erich Fried hob in einer BBC-Rezension ihre versteckte Systemkritik hervor.“ Trotz Anerkennung im Ost und West („von Kollegen respektiert“) wurde er von „Parteifunktionären ignoriert und schikaniert“. Nach seinem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns folgte 1979 der Ausschluss aus dem Schriftstellerverband.
„Tarzan“ und das Netzwerk des Underground Im Berliner Prenzlauer Berg wurde er zur Legende. Als „Tarzan“ organisierte er Lesungen in Wohnzimmern und publizierte in Samisdat-Zeitschriften. Hier knüpfte er an kollektive Überlebensstrategien an: Schon der Kritiker Michael Hamburger hatte den „lebhaften Schriftverkehr“ der DDR-Avantgarde als „geheimes intertextuelles Projekt gegen die Staatsisolation“ beschrieben. Endlers Tagebuch Tarzan am Prenzlauer Berg (1994) dokumentiert diese Jahre – durchdrungen von surrealem Witz und der Erkenntnis: „Wer nicht pariert, zerstört seine Existenz; wer pariert, zerstört sein Leben.“
Späte Anerkennung und letztes Wort Erst nach 1989 erhielt er Preise (Peter-Huchel-Preis 2000, Bremer Literaturpreis 2000) und Mitgliedschaften (Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, 2005). Doch sein definitives Resümee lieferte er in „Dies Sirren“: „Endler blickt genau und unsentimental zurück auf die frühen Jahre“. Wie der Klappentext betont, autorisierte er das Manuskript kurz vor seinem Tod und sah es als „sein letztes literarisches Werk“.
Sein Œuvre – vom provokanten Debüt Nackt mit Brille (1975) bis zum alchimistischen Spätwerk Der Pudding der Apokalypse (1999) – bleibt ein labyrinthisches Sprachlabor. Doch „Dies Sirren“ gibt den Schlüssel: Es zeigt, wie Bombensirren, Zensur und literarische Solidarnetzwerke einen Autor formten, der Meistererzählungen stets misstraute.
Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt): „Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“
Was steht da? Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In kurzen, imperativischen Zeilen fordert sie sie auf:
Solidarisch zu handeln („kauft von Frauen“, „steht zueinander“),
Sich zu organisieren („schließt euch zusammen“, „bildet eine Faust“),
Ihre Macht zu erkennen („erkennt eure Kraft“). Das wiederholte „Frauen“ wirkt wie ein Aufruf zur kollektiven Identität. Das Ziel ist explizit: eine radikale Veränderung („Die Welt muss lila werden“).
Wie sagt sie es?
Form: Kein Reim, keine Metaphern – die Sprache ist knapp, fast manifestartig.
Ton: Dringlich, aber nicht wütend; der Fokus liegt auf Empowerment, nicht auf Anklage.
Symbolik: „Lila“ als Farbe des Feminismus steht für die utopische Vision.
Was fehlt? Männer werden nicht erwähnt – weder als Gegner noch als Verbündete. Das Gedicht kreist ausschließlich um weibliche Selbstermächtigung.
Ein Text, der klar positioniert ist. Und ich? Als männlicher Leser stehe ich daneben – nicht als Adressat, aber auch nicht als Feindbild. Nur als jemand, der plötzlich spürt: Hier geht es um etwas, das mich nicht einschließt oder doch!? Und genau das wirft Fragen auf.
Safiye Can – Poesie und PANDEMIE -Wallstein Verlag
Ein Gedicht, das mich nicht meint – und warum ich es trotzdem lese
Ich blättere durch „Poesie und PANDEMIE“ – ein Gedichtband über Liebe, Politik, Natur. Dann dieser Text: Ein Aufruf an Frauen, sich zu verbünden, laut zu werden, die Welt „lila“ zu färben. Die Sprache ist bestimmt, die Bilder kraftvoll. Und ich? Ich komme darin nicht vor.
Das ist legitim. Kunst, Literatur muss nicht alle einschließen. Kann es auch nicht. Doch warum hinterlässt das ein Gefühl Fremdkörper zu sein? Nicht, weil ich mich angegriffen fühle – sondern weil der Text mich zwingt, meine Position zu reflektieren:
Als Leser: Wie verstehe ich eine Botschaft, die nicht für mich bestimmt ist? Wie will ich mit dem Text umgehen?
Als Mann: Was bedeutet es, in einer Debatte Adressat statt Adressant zu sein?
Vielleicht ist das die Absicht: Literatur, die ausschließt, um Bewusstsein zu schaffen. Die mir keine Rolle anbietet – außer die des Zuhörenden.
Ich könnte weiterblättern. Aber das wäre zu einfach. Stattdessen stelle ich Fragen:
Wie liest man, was einen nicht meint?
Wann ist Exklusivität notwendig – und wann wird sie zum Hindernis?
Ich halte das fest, weil Unsicherheit produktiv sein kann. Und weil ich wissen will: Wie gehen andere mit Texten um, die sie ignorieren – und trotzdem etwas auslösen?
Eine Irritation als Geschenk
Manchmal stolpert man über Worte, die einen ausschließen – und gerade das macht sie wertvoll. Dieses Gedicht, gerichtet an Frauen, ließ mich zunächst fragend zurück. Doch indem ich es nicht weglegte, sondern als Spiegel nutzte, schenkte es mir etwas Unerwartetes: eine Reise zu den Frauen meiner Familie, eine Ahnung von feministischer Lyrik – und am Ende sogar eigene Verse.
Die drei Gaben des Gedichts und ein Dank an Frau Can
Selbstreflexion Ich habe Aufruf als Anstoß genommen, um die Rollenbilder der Frauen in meiner Familie zu hinterfragen: meine Mutter die sich ‚klein atmete‘ – und die Freude, dass meine Tochter auf einem guten Weg ist.
Historische Einordnung Dies ist kein ‚Männer-Bashing‘, sondern Teil einer langen Tradition. Frauen mussten und müssen sich Räume erst erkämpfen – auch wenn das für mich als Mann erstmal wie ein Ausschluss, ein Ausgrenzen wirkt. Dieses Gefühl wiederum führt mich dazu, meine eigene, fehlende Initiation nachzuholen.
Kreative Antwort Aus der Leerstelle, die das Gedicht in mir ließ, entstand mein eigener Text – kein Widerspruch, sondern ein Echo. Vielleicht ist das die höchste Form des Dankes: dass Ihre Worte mich zum Schreiben brachten. >Lila und Blau<
Der Kreis schließt sich Ein Gedicht ist kein Gefängnis – es ist ein Fenster, das man erst von außen putzt, dann von innen.
Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021 Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In…
Eine persönliche Annäherung | Das Lesen von Gedichten ist oft eine intime, manchmal sogar mystische Erfahrung. Anders als ein Roman, der uns über hunderte Seiten in eine Welt entführt, begegnet uns ein Gedicht oft als Blitzlicht, als komprimiertes Universum in wenigen Zeilen. Und genau diese Eigenart macht das Gespräch über Lyrik so reizvoll und herausfordernd.…
Eine Handreichung zum Finden von Musik zu Gedichten. Für alle, die glauben, dass ein Gedicht klingen kann – auch nach außen hin. 1. Nicht die Playlist, sondern das Echo suchen Ein Gedicht wie „herbrig„ ist keine Liedvorlage und kein Musikvideo. Es ist ein „Echo-Raum“, der nach Resonanz sucht. Wer dazu Musik finden möchte, beginnt am…
Ich sitze vor einem Gedicht und verstehe es nicht. Oder: Ich verstehe es vielleicht, aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Die klassische Herangehensweise wäre jetzt: Stilmittel finden, Metaphern deuten, eine Interpretation formulieren. Aber genau das fühlt sich falsch an – als würde ich dem Gedicht etwas überstülpen, statt wirklich mit ihm in…
In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen. Hier…
Konkret geht es um dieses Gedicht von Safiye Can: Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen.…
Die Verbindung zwischen der Farbe Lila im Gedicht Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung von Safiye Can und Die Farbe Lila (Buch/Film) von Alice Walker ist eher indirekt. Dennoch gibt es Überschneidungen in der Symbolik: Alice Walkers Roman Die Farbe Lila (1982) & Film (1985) erzählt vom Überleben und Empowerment/Ermächtigung einer schwarzen Frau (Celie) – heute…
Ausgangspunkt ist das Gedicht Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung von Safiye Can Warum der Kampf gegen das Patriarchat dominiert – und warum das nicht das Ende der Debatte sein muss Der feministische Diskurs kreist heute unübersehbar um einen Begriff: das Patriarchat. Für viele Männer wirkt das wie ein Generalangriff – als würden sie pauschal zu…
Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…
„Die beste Antwort auf ein Gedicht ist ein neues Gedicht.“– Adrienne Rich Ich steh’ im Flur der Jahre,hör’ die Türen knarren:Hier Mutter, die sichmit jedem Atemzugein Stück kleiner macht,dort Großmutter,die schweigenddie Nähte im Teppichzerreißt –bis alles Fadenwerksich löst. Meine Tochter trägt lila Schuhe,tanzt in einen Kreis,der mich nicht ruft.Doch ich höreihr Miteinanderwie einen Fluss,der mich…
Um das Gedicht Einzeltäter von Safiye Can zu erfassen; hier ein Versuch eigene Worte mit einem veränderten Fokus zu finden: „Blindstellen“ Der Einzeltäter trägt Grau,der Einzeltäter trägt Wut,der Einzeltäter trägt ein Lächeln –und niemand sieht die Rissein der Wand, wo die Drohung stand. „Ein Streit, kein Mord“, sagt das Protokoll.„Ein Einzelfall“, schreibt die Zeitung klein.„Das…
Bezug nehmend auf das Gedicht Einzeltäter von Safiye Can versuche ich mich in einer kritischen Reflexion das Originalgedicht in konkrete Handlungsimpulse zu übersetzen – weg von Ohnmacht hin zu Empowerment. Hier ein Vorschlag, wie sich Fragestellungen und Aktionsmöglichkeiten ableiten lassen: Fragestellungen für den Einzelnen Warnzeichen erkennen:– „Sehe ich die ‚Risse in der Wand‘ – also…
Safiye Can, geboren am 24. August 1977 in Offenbach am Main als Kind tscherkessischer Eltern, ist eine deutsche Dichterin, Schriftstellerin, literarische Übersetzerin sowie Künstlerin der konkreten und visuellen Poesie. Sie studierte Philosophie, Psychoanalyse und Rechtswissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und schloss ihr Studium mit einer Magisterarbeit über Friedrich Nietzsches „Also sprach…
Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…
Ringen mit Safiye Cans Lyrik: Eine persönliche Annäherung an „Poesie und Pandemie“ und darüber hinaus Beim Eintauchen in Safiye Cans Lyrikband „Poesie und Pandemie“ wurde mir immer wieder bewusst, wie unterschiedlich kollektive Erfahrungen wahrgenommen werden können. Ich habe mit vielen der Texte gerungen – und ringe noch immer mit ihnen. Oft überkam mich das Gefühl,…
Die Verbindung zwischen der Farbe Lila im Gedicht Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung von Safiye Can und Die Farbe Lila (Buch/Film) von Alice Walker ist eher indirekt. Dennoch gibt es Überschneidungen in der Symbolik:
Alice Walkers Roman Die Farbe Lila (1982) & Film (1985) erzählt vom Überleben und Empowerment/Ermächtigung einer schwarzen Frau (Celie) – heute PoC? – im rassistischen und sexistischen Süden der USA.
Lila steht hier für Spiritualität, Würde und weibliche Autonomie (Celie entdeckt ihre Kraft durch Liebe zu einer Frau und Selbstwert). Alice Walker verbindet die Farbe mit Queerness, Heilung und Widerstand.
Lila im Feminismus (deutschsprachiger Raum)
Ursprung: In den 1970ern übernahmen deutsche Feministinnen Lila aus der US-Lesbenbewegung („Lavender Menace“), wo es für queere Sichtbarkeit stand.
Bedeutung: Kreativität & Utopie („lila Latzhosen“ der Frauenbewegung) Protest (z. B. bei Demonstrationen) Solidarität (ohne explizit heteronormativ oder weiß zu sein)
Verbindung zwischen beiden?
Gemeinsamkeit: Beide nutzen Lila als Gegenfarbe zu patriarchaler Dominanz („lila statt blau/rosa“).
Unterschied: Walkers Die Farbe Lila ist eine individuelle Befreiungsgeschichte.
Das Gedicht nutzt Lila als kollektives Symbol („Die Welt muss lila werden“ = Systemwechsel).
Popkulturelle Prägung Der Film (1985 mit Whoopi Goldberg) machte die Farbe weltweit als feministisches Symbol bekannter – auch in Deutschland. Allerdings war Lila hier schon vorher in Gebrauch (z. B. durch die Frauenfriedensbewegung der 1980er).
Warum der Kampf gegen das Patriarchat dominiert – und warum das nicht das Ende der Debatte sein muss
Der feministische Diskurs kreist heute unübersehbar um einen Begriff: das Patriarchat. Für viele Männer wirkt das wie ein Generalangriff – als würden sie pauschal zu Unterdrückern erklärt, obwohl sie sich selbst als Opfer desselben Systems erleben. Warum also dieser Fokus? Und wo bleibt die Anerkennung männlicher Verletzlichkeit?
Das Patriarchat ist kein Männerclub, sondern ein System
Das Missverständnis beginnt beim Wort selbst. „Patriarchat“ bedeutet nicht „alle Männer herrschen“, sondern beschreibt eine historisch gewachsene Struktur, die:
Männlichkeit als Norm setzt („Frauentechnikerin“, „Männerweinen nicht“),
Macht ungleich verteilt (Lohngefälle, politische Repräsentation),
Rollen zementiert (Frauen als Fürsorgerinnen, Männer als Ernährer).
Das Paradox: Auch Männer leiden darunter – etwa wenn sie als „unmännlich“ gelten, weil sie Elternzeit nehmen. Doch der Widerstand dagegen formiert sich oft unter feministischen Vorzeichen. Warum?
Die Asymmetrie der Betroffenheit
Frauen waren jahrhundertelang rechtlich benachteiligt (kein Wahlrecht, kein Konto, kein Körperrecht). Der feministische Kampf richtet sich daher zuerst gegen diese historische Schieflage. Männliches Leid wird sichtbarer, sobald das System bröckelt – etwa durch:
Väter, die um Sorgerecht kämpfen (weil Gerichte Mütter bevorzugen),
Jungs, die unter Leistungsdruck zerbrechen („Sei stark!“).
Doch diese Themen werden selten unter #PatriarchyIsOver diskutiert – nicht, weil sie unwichtig sind, sondern weil der Rahmen hier weibliche Perspektiven priorisiert.
Die Sprachlücke der Männer
Männer, die über patriarchale Verletzungen sprechen, stehen vor einem Dilemma:
Feministische Räume sind oft nicht der Ort dafür (zu Recht – es geht um marginalisierte Stimmen).
Männerbünde reproduzieren oft toxische Muster („Indianer weinen nicht!“).
Resultat: Eine Debatte, die polarisiert – zwischen „Männer sind Täter“ und „Männer sind auch Opfer“.
Wie wir aus der Falle herauskommen
Die Lösung liegt weder in Abwehr noch in Selbstbezichtigung, sondern in differenzierter Solidarität:
Anerkennen, dass das Patriarchat alle deformiert – aber auf unterschiedliche Weise.
Eigene Räume schaffen, um männliche Verletzlichkeit zu thematisieren – ohne Feminismus zu torpedieren.
Brücken bauen: Feministinnen wie Laurie Penny betonen längst, dass Befreiung nur gemeinsam geht.
Ein Gedankenexperiment zum Schluss: Stell dir vor, das Patriarchat ist ein Haus, in dem wir alle wohnen. Die Frauen kämpfen dafür, die Mauern einzureißen, die sie im Keller einsperren. Du als Mann sitzt im ersten Stock – frei herumzulaufen, aber bei offenem Fenster erkältest du dich trotzdem. Anstatt dich über ihre Lärmbelästigung zu beschweren, könntest du fragen: „Wie reißen wir das ganze Haus gemeinsam ein – und bauen etwas Neues?“
„Wie können wir über das Patriarchat sprechen, ohne in die ‚Täter-Opfer‘-Falle zu tappen? Schreibt es mir in die Kommentare.“
Zitat zum Mitnehmen: „Feminismus ist nicht da, um Männer zu entmachten – sondern um alle von engen Rollen zu befreien.“ – Chimamanda Ngozi Adichie
Aktiv:
Höre zu – etwa beim Podcast „Auf den Schultern von Gigantinnen“ (feministische Perspektiven).
Sprich dein Leid an – in Männergruppen oder Blogs wie „Männerdämmerung“.
Handele – unterstütze Initiativen, die Rollenbilder für alle aufbrechen (z. B. Pinkstinks).
„Patriarchat“ dominiert den Diskurs
Wissenschaftliche Definition
Soziologie (Connell, 1987): Das Patriarchat ist ein „Geflecht aus Machtbeziehungen“, das Männlichkeit als Norm setzt und Frauen strukturell benachteiligt (inkl. nicht-binärer Personen).
Historischer Fakt: Bis 1977 durften Ehemänner in der BRD ihre Frauen vergewaltigen (§177 StGB). Solche Gesetze prägen bis heute Machtverhältnisse.
Popkulturelle Verstärkung
Serien wie The Handmaid’s Tale zeigen patriarchale Unterdrückung drastisch – und lösen Debatten aus.
Gegenbewegung: Männerrechtler nutzen YouTube (z. B. „Die diskriminierten Männer“), was die Polarisierung verschärft.
Psychologische Wirkung
„Defensive Masculinity“ (Wissenschaftsjournal Men and Masculinities, 2019): Männer, die sich als „Opfer“ des Feminismus sehen, reagieren oft aggressiv – weil das System ihnen vormacht, dass Schwäche bedrohlich ist.
Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…
Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…
Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021 Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In…
Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…
In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen. Hier…
Ille Chamiers Stil ist schwer zu imitieren – weil er nicht nur Technik, sondern eine Haltung ist. Ihre Sprache wirkt wie gehämmertes Geröll: kantig, verdichtet, mit plötzlichen Bildsprüngen. Ein Gedicht zum Thema „Sorgearbeit und Schreiben“ hätte bei ihr möglicherweise so geklungen: Mögliche Stilmerkmale (rekonstruiert aus ihren Texten): Lakonische Präzision:Nicht:„Die Last der unendlichen Pflichten drückt mich…
Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen: Die Last der unsichtbaren Arbeit Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:…
Konkret geht es um dieses Gedicht von Safiye Can: Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen.…
Die Verbindung zwischen der Farbe Lila im Gedicht Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung von Safiye Can und Die Farbe Lila (Buch/Film) von Alice Walker ist eher indirekt. Dennoch gibt es Überschneidungen in der Symbolik: Alice Walkers Roman Die Farbe Lila (1982) & Film (1985) erzählt vom Überleben und Empowerment/Ermächtigung einer schwarzen Frau (Celie) – heute…
Ausgangspunkt ist das Gedicht Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung von Safiye Can Warum der Kampf gegen das Patriarchat dominiert – und warum das nicht das Ende der Debatte sein muss Der feministische Diskurs kreist heute unübersehbar um einen Begriff: das Patriarchat. Für viele Männer wirkt das wie ein Generalangriff – als würden sie pauschal zu…
Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte von Stimmen, die sich Gehör verschafften, als das literarische Feld noch weitgehend männlich dominiert war.
Dieser Text bietet einen historischen Überblick – von Ingeborg Bachmann bis Safiye Can. In den folgenden Beiträgen schaue ich mir einzelne Gedichte genauer an: Wie wird Gewalt gegen Frauen durch die Jahrhunderte tradiert? Was bedeutet es, zwischen Sprachen und Kulturen zu schreiben? Und warum beschäftige ich mich als Mann überhaupt mit feministischer Lyrik?
In den ersten Nachkriegsjahrzehnten war feministische Lyrik noch nicht als solche benannt, aber die Grundsteine wurden gelegt. Dichterinnen wie Ingeborg Bachmann prägten mit ihrer präzisen, oft schmerzhaften Sprache einen Ton, der später als spezifisch weiblich gelesen wurde. Bachmanns Zeilen aus „Anrufung des Großen Bären“ von 1956 – „Ich weiß keine bessere Welt“ – artikulierten eine Sehnsucht nach Veränderung, die über das Private hinausreichte.
Bachmann suchte nach einem Raum zum Schreiben, zum Denken – eine Suche, die Virginia Woolf bereits 1929 in ihrem Essay „A Room of One’s Own“ formuliert hatte. Wie ich auf Woolf stieß? Über eine Lithographie von Wolfgang Mattheuer in einem DDR-Kunstband. Ein merkwürdiger Umweg – nachzulesen hier: „Ein Zimmer für sich allein“. Parallel dazu entwickelte sich in der DDR eine andere Tradition. Dichterinnen wie Sarah Kirsch oder Christa Wolf suchten in ihren Texten nach Möglichkeitsräumen jenseits der offiziellen Ideologie. Ihre Lyrik war zwar nicht explizit feministisch, schuf aber sprachliche Freiräume, die späteren Generationen den Weg bahnen sollten.
Die radikalen Siebziger: Sprache als Kampfmittel
Mit der Studentenbewegung von 1968 und der sich formierenden Neuen Frauenbewegung veränderte sich die literarische Landschaft grundlegend. Verena Stefans autobiografischer Roman „Häutungen“ (1975) wurde zum Manifest einer Generation, die das Private zum Politischen erklärte. Stefan schrieb: „Wir schrieben nicht für die Literaturgeschichte, sondern für die Frauen, die uns zuhörten.“ Diese Haltung prägte auch die Lyrik der Zeit. In Frauenzeitschriften wie „Courage“ oder „Emma“ erschienen kurze, agitatorische Gedichte, die als Flugblätter funktionierten. Die Texte waren oft rau, ungeschliffen – bewusst fernab literarischer Konventionen. Sie sollten nicht gefallen, sondern aufrütteln. Eine Stimme, die aus dieser Zeit herausragt, ist die der 2021 verstorbenen Karin Kiwus. In ihrem Gedicht „Von beiden Seiten der Gegenwart“ (1976) schreibt sie:
„Ich sammle Gründe warum eine Frau schreit und merke ich sammle mich“
Kiwus verdichtetet hier die Erfahrung einer ganzen Generation von Frauen, die begannen, ihre eigenen Stimmen zu finden. Ihre Lyrik bewegte sich zwischen Privatem und Politischem, ohne die Grenzen zu respektieren, die die Literaturkritik gerne gezogen hätte.
Differenz und Vielfalt in den Achtzigern
Die 1980er Jahre brachten neue Komplexität in die feministische Literatur. Der Differenzfeminismus betonte bewusst weibliche Räume und Erfahrungen. Gleichzeitig entstanden erste Texte, die Mehrfachzugehörigkeiten thematisierten – ein Vorgriff auf das, was später Intersektionalität genannt werden sollte. Eine wegweisende Figur dieser Zeit war Elfriede Jelinek, die 1983 mit „Die Liebhaberinnen“ eine radikale Sprachkritik vorlegte. Ihre späteren lyrischen Texte zerlegten systematisch die Strukturen männlicher Sprache und Macht. Jelinek schrieb: „Die Sprache ist das Haus, in dem wir wohnen müssen, aber wir können es umbauen.“ Parallel dazu entwickelte sich in der feministischen Bewegung eine lebendige Subkultur mit eigenen Verlagen, Buchläden und Lesebühnen. Die Zeitschrift „Virginia“ (1976-1987) wurde zur wichtigsten Plattform für feministische Literatur im deutschsprachigen Raum. Hier publizierten etablierte Autorinnen neben Newcomerinnen, hier wurde experimentiert und diskutiert.
May Ayim: Pionierinnenarbeit in mehrfacher Hinsicht
Eine der bemerkenswertesten Stimmen der 1990er Jahre war May Ayim (1960-1996). Als eine der prominentesten Vertreterinnen der Schwarzen Community in Deutschland führten ihre Worte und Werke nicht nur zur Sichtbarmachung von Schwarzen Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben, sondern auch zur Bekanntmachung einer längst verloren geglaubten Geschichte. Ayims Gedichte verbanden feministische mit antirassistischen Perspektiven und schufen damit etwas in der deutschen Literatur bis dahin Unerhörtes. In ihrem Gedicht „deutschland im herbst“ schreibt sie:
„ich werde trotzdem afrikanisch sein auch wenn ihr es nicht sehen wollt“
Diese Zeilen markieren einen Wendepunkt in der deutschsprachigen Lyrik. Ayim beanspruchte nicht nur als Frau, sondern als Schwarze deutsche Frau ihren Platz in der Literatur und in der Gesellschaft. Ihre Texte wurden zur Inspiration für eine neue Generation von Autor*innen mit Migrationserfahrung.
Grenzgängerinnen: Sprache zwischen den Welten
Die 1990er Jahre brachten auch Stimmen hervor, die zwischen den Sprachen und Kulturen navigierten. Emine Sevgi Özdamar, geboren 1946 in Malatya/Türkei, heute in Berlin lebend, veröffentlicht seit 1982 Theaterstücke, Gedichte, Romane und Erzählungen und erhielt unter anderem 1991 den Ingeborg-Bachmann-Preis und 2004 den Kleist-Preis. Özdamars lyrische Sprache changiert zwischen Deutsch und Türkisch, zwischen Bildern des Orients und der deutschen Realität. In ihren Gedichten wird Sprache zum Ort der Grenzüberschreitung. Sie schreibt: „Meine Sprache ist meine Heimat, und meine Heimat ist meine Sprache.“ Damit formuliert sie eine neue Form literarischer Identität jenseits nationaler Kategorien.
Jüngere Stimmen und digitale Räume
Die 2000er Jahre brachten neue Formen und Medien. Slam Poetry und Performance wurden zu wichtigen Ausdrucksformen feministischer Lyrik. Dichterinnen wie Julia Engelmann oder Nora Gomringer eroberten mit ihren Texten nicht nur die Bühnen, sondern auch das Internet. Die Grenzen zwischen Literatur und Aktivismus verschwammen zunehmend.
Safiye Can, eine Stimme der jüngeren Generation, schreibt in ihrem Gedicht „Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung“: „Frauen, bildet eine Faust! […] Die Welt muss lila werden“ Sie knüpft – so scheint mir – bewusst an die Tradition der 1970er Jahre an, transportieren sie aber in die Gegenwart. Can nutzt die symbolische Kraft der Farbe Lila, die seit den 1970er Jahren für feministische Utopien steht, und verbindet sie mit einem neuen, selbstbewussten Tonfall.
Echo und Wirkung: Eine schwierige Bilanz
Die Wirkungsgeschichte feministischer Lyrik im deutschsprachigen Raum ist ambivalent. Einerseits haben die Texte Generationen von Frauen inspiriert und ermutigt. Andererseits blieb ihre Rezeption oft auf feministische Kreise beschränkt. Die großen Literaturgeschichten erwähnen viele der wichtigen Stimmen nur am Rande oder gar nicht. Besonders deutlich wird dies bei den Autorinnen mit Migrationshintergrund. Während Emine Sevgi Özdamar mittlerweile als wichtige Stimme der deutschsprachigen Literatur anerkannt ist – 2022 erhielt sie den Georg-Büchner-Preis –, sind andere wie May Ayim noch immer weitgehend unbekannt. Ihre Texte werden in Anthologien zur „Migrationsliteratur“ abgelegt, anstatt als integraler Bestandteil der deutschen Literatur gewürdigt zu werden.
Neue Kämpfe, neue Formen
Die feministische Lyrik der Gegenwart kämpft mit anderen Herausforderungen. Die sozialen Medien haben die Verbreitungswege demokratisiert, gleichzeitig aber auch die Aufmerksamkeit fragmentiert. Hashtag-Poesie und Instagram-Lyrik erreichen Millionen, aber ihre Haltbarkeit ist fraglich. Autorinnen wie Sina Ahadi, Sharon Dodua Otoo oder Mithu Sanyal erweitern das Spektrum feministischer Lyrik um neue Perspektiven. Sie schreiben über Rassismus und Klassismus, über Queerness und Körperlichkeit. Ihre Texte sind oft radikaler und differenzierter zugleich als die ihrer Vorgängerinnen.
Zwischen Kanonkritik und Kanonbildung
Die feministische Lyrik der letzten Jahrzehnte hat nicht nur neue Inhalte in die Literatur gebracht, sondern auch die Frage nach dem literarischen Kanon neu gestellt. Die Anthologie „Frauen | Lyrik. Gedichte in deutscher Sprache“ (2020), herausgegeben von Anna Bers, widmet sich in mehr als 500 Gedichten und auf beinahe 900 Seiten der Lyrik von und über Frauen und leistet damit einen wichtigen Beitrag zu mehr Sichtbarkeit weiblicher Dichtung. Es ging weniger um Abgrenzung, sondern um Ergänzung. Feministische Lyrikerinnen wollten den Kanon nicht zerstören, sondern erweitern. Sie bestehen darauf, dass ihre Stimmen gehört werden – nicht als Nische, sondern als integraler Bestandteil der deutschsprachigen Literatur.
Unabgeschlossen
Die Geschichte der feministischen Lyrik im deutschsprachigen Raum ist noch nicht zu Ende erzählt. Jede Generation bringt neue Stimmen hervor, die auf ihre Weise die Grenzen des Sagbaren erweitern. Von Ingeborg Bachmanns verhaltenen Zweifeln über die lauten Parolen der 1970er Jahre bis hin zu den vielstimmigen Texten der Gegenwart – immer ging es um dasselbe: um die Behauptung des eigenen Rechts zu sprechen.
Diese Lyrik war nie nur Literatur. Sie war immer auch politisches Handeln, Identitätsarbeit, Gemeinschaftsbildung. Sie schuf Räume, in denen andere Geschichten erzählt werden konnten als die, die in den etablierten Verlagen und Feuilletons zu hören waren. Manchmal leise, manchmal laut, aber immer mit dem Anspruch, gehört zu werden. Die feministische Lyrik der letzten Jahrzehnte hat bewiesen: Literatur kann Welten verändern – eine Zeile nach der anderen, ein Gedicht nach dem anderen, eine Stimme nach der anderen. Sie ist Teil eines größeren Projekts, das noch lange nicht abgeschlossen ist: der Demokratisierung des literarischen Feldes und der Anerkennung der Vielfalt menschlicher Erfahrung in der Kunst.
Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021 Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In…
Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…
In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen. Hier…
Ille Chamiers Stil ist schwer zu imitieren – weil er nicht nur Technik, sondern eine Haltung ist. Ihre Sprache wirkt wie gehämmertes Geröll: kantig, verdichtet, mit plötzlichen Bildsprüngen. Ein Gedicht zum Thema „Sorgearbeit und Schreiben“ hätte bei ihr möglicherweise so geklungen: Mögliche Stilmerkmale (rekonstruiert aus ihren Texten): Lakonische Präzision:Nicht:„Die Last der unendlichen Pflichten drückt mich…
Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen: Die Last der unsichtbaren Arbeit Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:…
Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…
Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…
In Annette Hagemanns „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ offenbart sich der Körper als ein vielschichtiges Archiv, in dem die Spuren der Herkunft auf ebenso subtile wie prägnante Weise gespeichert sind. Vordergründig scheinen die Erbschaften des lyrischen Ichs in ihrer Konkretheit begrenzt: die spezifische „Form der Röte auf den Wangen“, ein genetisches Vermächtnis der Mutter, das den…
Annette Hagemanns Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ setzt sich behutsam mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung auseinander. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt – die spezifische Röte der Wangen der Mutter, eine deformierte Jazzplatte aus New York, ein unscheinbarer Koi des Vaters –, erscheinen zunächst als marginale Alltagsfragmente. Doch…
Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Ausgangspunkt ist das Gedicht BECKENENDLAGE von Kathrin Niemela. Drekkingarhylur, Island Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt,…
David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär…
„Die beste Antwort auf ein Gedicht ist ein neues Gedicht.“ – Adrienne Rich
Ich steh’ im Flur der Jahre, hör’ die Türen knarren: Hier Mutter, die sich mit jedem Atemzug ein Stück kleiner macht, dort Großmutter, die schweigend die Nähte im Teppich zerreißt – bis alles Fadenwerk sich löst.
Meine Tochter trägt lila Schuhe, tanzt in einen Kreis, der mich nicht ruft. Doch ich höre ihr Miteinander wie einen Fluss, der mich trägt.
Ich bin der Mann, der Wurzeln sucht – nicht im Blut, sondern im Halten, im Geben, im Strom, der nicht versiegt.
Um das Gedicht Einzeltäter von Safiye Can zu erfassen; hier ein Versuch eigene Worte mit einem veränderten Fokus zu finden:
„Blindstellen“
Der Einzeltäter trägt Grau, der Einzeltäter trägt Wut, der Einzeltäter trägt ein Lächeln – und niemand sieht die Risse in der Wand, wo die Drohung stand.
„Ein Streit, kein Mord“, sagt das Protokoll. „Ein Einzelfall“, schreibt die Zeitung klein. „Das System funktioniert“, sagt die Statistik – während die Täter zählen: Eins. Noch eins.
Die Nachbarin hörte Schreie, doch Schweigen ist leichter als Helfen. Der Kollege sah die Akten schwinden, doch Schweigen ist Karriere. Die Mutter fand die Messerklinge, doch Schweigen ist Hoffnung: Vielleicht doch nicht.
Am Ende bleibt ein Formular, das nach dem Warum? fragt – und eine Spalte für Antworten, die niemand ausfüllt. Am Ende bleibt ein Grab, auf dem steht: „Unvorhersehbar.“ Am Ende bleibt ein System, das sich selbst lobt: „Wir hatten keinen Grund, zu handeln.“
Bezug nehmend auf das Gedicht Einzeltäter von Safiye Can versuche ich mich in einer kritischen Reflexion das Originalgedicht in konkrete Handlungsimpulse zu übersetzen – weg von Ohnmacht hin zu Empowerment. Hier ein Vorschlag, wie sich Fragestellungen und Aktionsmöglichkeiten ableiten lassen:
Fragestellungen für den Einzelnen
Warnzeichen erkennen: – „Sehe ich die ‚Risse in der Wand‘ – also Drohungen, Gewaltfantasien oder Machtmissbrauch in meinem Umfeld? – „Wann habe ich etwas bewusst ignoriert, weil es unbequem war?“
Schweigen brechen: – „Wem vertraue ich mich an, wenn ich Unsicherheit spüre? Könnte mein Schweigen Täter:innen schützen?“ – „Wie reagiere ich, wenn jemand sagt: ‚Das ist doch nur ein Einzelfall‘?“
Systeme hinterfragen: – „Welche Institutionen (Polizei, Schule, Arbeitsplatz) haben Mechanismen, um Gewalt früh zu stoppen? Nutze ich sie?“ – „Unterstütze ich Initiativen, die strukturelle Prävention fördern – z. B. Frauenhäuser, Antidiskriminierungsstellen?“
Eigenes Handeln reflektieren: – „Bin ich Teil des Problems, wenn ich wegsehe – oder Teil der Lösung, wenn ich zuhöre und handele?“ – „Wie kann ich Betroffenen signalisieren: Ich glaube dir – selbst wenn das System sie im Stich lässt?“
Ein Gedicht als Handlungsappell
„Kein Einzelfall“
Du siehst das Grau, du hörst den Schrei – ein Atemzug zwischen Vielleicht und Jetzt.
Frag die Wand nach ihren Rissen, frag das Schweigen nach dem Grund. Ein Formular ist kein Schutz – doch deine Stimme kann es sein.
Nimm den Stift, der keine Antworten erfindet, sondern Fragen stellt: Warum? Wer sah es? Wer schaute weg?
Es gibt kein Unvorhersehbar – nur Augen, die sich weigern, zu sehen.
Was ich vermitteln möchte:
Vom Passiven zum Aktivem: Die Zeilen „ein Atemzug / zwischen Vielleicht und Jetzt“ betonen den Moment der Entscheidung: Handeln oder Schweigen.
Konkrete Schritte: „Frag die Wand“ / „Nimm den Stift“ – Metaphern für proaktives Hinterfragen und Dokumentieren.
Kollektive Verantwortung: Das „du“ wird zum Akteur, der Systeme durch kleine Taten unterläuft (z. B. Betroffene unterstützen, Vorfälle melden).
Macht das Sinn?: Das Originalgedicht entlarvt die Illusion, Einzeltäter seien isolierte Phänomene. Die Ableitung von Handlungsfragen zeigt: Prävention beginnt im Kleinen – beim Wahrnehmen von Warnsignalen, beim Infragestellen von Plattitüden („Einzelfall“) und beim Nutzen vorhandener Strukturen. Jede und jeder Einzelne kann ein „Riss“ im Schweigen sein, der verhindert, dass Täter, Täterinnen ungestört agieren.
Safiye Can, geboren am 24. August 1977 in Offenbach am Main als Kind tscherkessischer Eltern, ist eine deutsche Dichterin, Schriftstellerin, literarische Übersetzerin sowie Künstlerin der konkreten und visuellen Poesie. Sie studierte Philosophie, Psychoanalyse und Rechtswissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und schloss ihr Studium mit einer Magisterarbeit über Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ ab.
Ihr literarisches Debüt gab sie 2014 mit dem Gedichtband „Rose und Nachtigall“, in dem sie klassische Motive der arabischen und persischen Dichtung mit Alltagssprache verbindet. Es folgten weitere Veröffentlichungen wie „Diese Haltestelle hab ich mir gemacht“ (2015), „Kinder der verlorenen Gesellschaft“ (2017) und „Poesie und Pandemie“ (2021).
Ein besonderes Merkmal ihrer Arbeit ist die Beschäftigung mit konkreter und visueller Poesie. Sie gestaltet Gedichte nicht nur inhaltlich, sondern auch visuell, indem sie Texte in Form von Collagen präsentiert. Diese Herangehensweise verbindet die Bildlichkeit der Sprache mit der physischen Darstellung des Gedichts.
Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit übersetzt Can Werke türkischer Dichter wie Nâzım Hikmet und Cemal Süreya ins Deutsche. Sie engagiert sich zudem in der Literaturvermittlung, leitet Schreibwerkstätten für Kinder und Jugendliche und arbeitet als Gastdozentin an verschiedenen Universitäten, darunter die Bauhaus-Universität Weimar und die Northern Arizona University in den USA.
Für ihr literarisches Schaffen erhielt sie mehrere Auszeichnungen, darunter den Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis und den Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur, beide im Jahr 2016.
Ein zentrales Anliegen von Safiye Can ist es, Menschen für Lyrik zu begeistern. Mit ihrem Motto „Lest Gedichte!“ fordert sie dazu auf, sich aktiv mit Poesie auseinanderzusetzen. Dieses Motto spiegelt ihren Wunsch wider, die Bedeutung von Gedichten im Alltag hervorzuheben und Menschen dazu zu ermutigen, die Tiefe und Vielfalt der Lyrik zu entdecken.
Safiye Can lebt und arbeitet in Offenbach am Main, wo sie weiterhin aktiv zur deutschen Literaturszene beiträgt und sich für die Förderung der Poesie einsetzt.
Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte:
Form und Struktur
Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche Fixierung auf den Begriff wider.
Fragmentarische Kürze: Die kurzen, abgehackten Zeilen erinnern an ein Mantra oder eine Litanei, was die Unerbittlichkeit des Themas unterstreicht. Die Struktur wirkt absichtlich unvollendet, als könne die Aufzählung ewig weitergehen.
Thematische Deutung
Illusion der Lösung: Die Zeilen „nur einer noch / wirklich / dann wird alles / wieder gut“ suggerieren eine naive Hoffnung, dass mit dem letzten „Einzeltäter“ alle Probleme gelöst seien. Doch die ständige Wiederholung von „noch ein“ entlarvt dies als Trugschluss – die Ursachen liegen tiefer, neue Täter entstehen immer wieder.
Gesellschaftskritik: Der Begriff „Einzeltäter“ ist oft mit medialen Narrativen verknüpft, die komplexe soziale oder politische Probleme individualisieren. Das Gedicht könnte diese Vereinfachung kritisieren: Indem jede Tat als isoliert dargestellt wird, werden systemische Missstände unsichtbar gemacht.
Vereinsamung und Kollektiv: Obwohl jeder Täter „allein“ handelt, bildet ihre Häufung paradoxerweise ein Kollektiv. Die Wiederholung unterstreicht, dass Einzeltaten Teil eines größeren Musters sein können – eine Ambivalenz zwischen Individualität und Massenphänomen.
Ironie und Verzweiflung: Der scheinbar optimistische Schluss „dann wird alles / wieder gut“ wirkt ironisch, da die vorangehende Aufzählung keine Lösung, sondern eine Endlosschleife darstellt. Es bleibt offen, ob die Hoffnung naiv oder zynisch gemeint ist.
Sprachliche Besonderheiten
Aneinanderreihung/Parataxe: Die Reihung gleichwertiger Sätze ohne logische Verknüpfung („und noch ein“, „noch ein“) verstärkt den Eindruck von Beliebigkeit und Überforderung.
Bruch im Schluss: Die abrupte Zeilenwende „und noch ein aller / letzter Einzeltäter“ untergräbt die finale Behauptung – der „letzte“ ist nie wirklich der Letzte.
Meine Lesart
Das Gedicht stellt infrage, warum wir bei Problemen immer nur auf Einzelpersonen zeigen. Es sagt: Wenn wir immer nur „noch einen Einzeltäter“ suchen, vergessen wir die wahren Ursachen – wie Fehler im System oder in der Gesellschaft. Die ständige Wiederholung von „noch ein Einzeltäter“ wirkt wie ein Teufelskreis: Solange wir nicht die tieferen Gründe angehen, kommen immer neue Täter nach. Der Schluss „dann wird alles wieder gut“ klingt deshalb wie Hohn – denn das Gedicht zeigt gerade, dass es nie aufhört, wenn wir nichts ändern.
Kurz: Es geht nicht um einzelne Bösewichte, sondern darum, warum es sie immer wieder gibt. Dieses Gedicht enstammt dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiye Can.
Die Idee: (… ganze Strophen als „corrupted text“ mit Löchern, die Wüstenformen bilden) Worthülsen („Konsumschlund“) zerfallen beim Lesen Leerstellen als digitale/emotionale Leere Hexagone als Pixel/Sandkörner QR-Code als gescheiterte Verbindung
Variante 2: Audio-Collage (Für performative Lesung mit Soundeffekten)
(Stimme 1, gefiltert als Tiktok-AI): *“Herzfress-Tutorial? Step 1: Download Discontent…“*
(Stimme 2, erschöpft): (Kaugeräusche auf Plastik) … es schmeckt nach Benzin und Zucker-Frosting (Handy-Vibrationssound) ICH MAG ES
(Stimme 3, Nachrichtensprecher): *“… Burnout-Quote bei unter 30-Jährigen steigt auf 23%…“* (dazwischen: stotternder Herzschlag)
(Chor aus Smartphone-Klingeltönen): „IS ES NICHT UNRECHT? IS ES NICHT UNRECHT?“ (Antwort: Stille + Windgeräusch aus Laptop-Lüfter)
Bei Texten, die bereits vor langer Zeit geschrieben wurden, stellt sich die Fragen: Was fange ich mit diesem Text heute noch an? Was hat er mir jetzt noch zu sagen? Lässt sich der Kern übertragen? Und wenn ja, wie?
Eine Annäherung
Stephen Cranes „In the Desert“als Brennglas für deutsche Gegenwart
Stephen Cranes Gedicht „In der Wüste“ entstand vor über 100 Jahren aus der Desillusionierung des amerikanischen Westens. Doch seine Kernaussage – ein Wesen frisst sein eigenes bitteres Herz und liebt es – trifft erstaunlich genau den Nerv heutiger deutscher Realitäten.
Warum das Bild denoch aktuell ist:
Konsumrausch als Selbstzerstörung: Das Herz steht für unseren Planeten und uns selbst. Viele verschlingen Ressourcen und eigene Gesundheit im Überkonsum, wissend um die Folgen (Klimakrise, Schulden, Stress). Die „Bitterkeit“ ist der ökologische Fußabdruck, die Leere nach dem Kaufrausch. Das „Ich mag es“? Die Sucht nach Status und kurzem Kick.
Digitale Wüste & Einsamkeit: Cranes Ödland findet heute – so scheint es mir – im Digitalen statt. Ständig vernetzt, aber zutiefst isoliert: Der endlose Social-Media-Konsum, der Jagd nach Likes, die Informationsflut. Bitter? Ja (Druck, Mobbing, Überforderung). Aber süchtig machen sie trotzdem: „Es ist mein Feed, mein Profil, mein Herz.“
Burnout: Herzfressen als Leistungswahn: Deutschland kämpft mit einer mentalen Gesundheitskrise. Burnout und Depressionen grassieren. Das „Herz verzehren“ symbolisiert das Ausbrennen – angetrieben durch Leistungsdruck und die Unfähigkeit abzuschalten. Paradox: Man leidet, sieht es aber oft als Zeichen von Engagement.
Desillusionierung: Die gescheiterte „Frontier“: Wie einst der „American Dream“ zerfällt heute Vertrauen in Politik und Gesellschaft. Wirtschaftliche Ängste (Abstieg, Inflation) und politische Frustration schaffen innere Wüsten. Der Versuch, diese Leere mit Materiellem zu füllen, wird selbst zur zerstörerischen Geste.
Die Rolle des Beobachters: Wir alle? Die Passivität des Sprechers – er sieht zu und fragt nur – spiegelt gesellschaftliche Apathie wider: Gleichgültigkeit gegenüber Umweltzerstörung oder sozialem Leid, trotz sichtbarer „Bitterkeit“. Und die Schlüsselfrage des Gedichts („Ist es nicht unrecht?“) trifft uns: Sind wir das Wesen? Teil des Problems durch unser Verhalten (Konsum, Bequemlichkeit), das wir eigentlich verurteilen?
„In the Desert“ ist eine zeitlose Parabel. Cranes Bild vom herzfressenden Wesen in der Wüste entlarvt präzise moderne deutsche Phänomene: zerstörerischen Konsum, digitale Vereinsamung, Burnout-Kultur und politische Resignation. Die Wüste als Sinnbild innerer Leere ist heute – im Zeitalter der Fragmentierung und digitalen Entfremdung – real.
Nachfolgend eine Spielerei, das Gedicht zu übertragen – noch nicht zufriedenstellend:
Herzschlund (nach Crane)
(Die Stimmen flackern wie ein defekter Pixelstrom)
I. Wüste 2.0: — Feed statt Sand — Klick statt Schritt (die Dünen: endlose Timeline) Im Bauch des Browsers: Ein Wesen frisst sein Herz. Bitter? Ja. Ich mag es. (Es schmeckt nach… Algorithmus)
II. Konsum: Das Herz — ein Planet zerschreddert in Sale-Logos „50% Rabatt auf Untergang“ Wir kauen Plastikherz schlucken CO2-Bitterkeit Und lieben den Geschmack weil er kurz nach Zucker schmeckt
III. Burnout: Montag bis Frei: Herz als Akku leergebrannt rot blinkend (Kollege sagt: „Respekt! Volle Leistung!“) Wir beißen weiter Zähne knirschen auf eigenem Muskel
IV. Beobachter: „Ist es nicht unrecht?“ (fragt der Spiegel im Bio-Supermarkt) Meine Hand scrollt weiter Meine Lippen schweigen Das Herz — ist es meins? Oder nur ein Deepfake?
Über ein Gedicht, über Ausgrenzung. Dieser 1895 erstmalig veröffentlichte Text hat dazu geführt, dass mir von Gott berufenen Menschen (nach eigenen Aussagen) die Freundschaft gekündigt haben und seitdem jeden Kontakt ablehnen. Ihr Kommentar: Wer so etwas veröffentlicht, der ist vom Teufel geleitet.
In the desert I saw a creature, naked, bestial, Who, squatting upon the ground, Held his heart in his hands, And ate of it. I said, “Is it good, friend?” “It is bitter—bitter,” he answered; “But I like it “Because it is bitter, “And because it is my heart.”
Stephen Crane | 1895
Ehemals geschätzte Menschen aus meinem privaten Umfeld haben mich nach der Verbreitung dieses Gedichtes auf facebook aufgesucht und mir zu verstehen gegeben, dass es nicht gut, gottgefällig ist, solche Texte zu verbreiten. Weil diese vom „Bösen“ kommen und Schlechtes vermitteln. Sie haben mir ihre Antwort als Protest, als Mahnung überbracht. Dabei zitierten sie eine Stelle aus der Bibel:
Und nun, liebe Freunde, lasst mich zum Schluss noch etwas sagen: Konzentriert euch auf das, was wahr und anständig und gerecht ist. Denkt über das nach, was rein und liebenswert und bewunderungswürdig ist, über Dinge, die Auszeichnung und Lob verdienen. Hört nicht auf, das zu tun, was ihr von mir gelernt und gehört habt und was ihr bei mir gesehen habt; und der Gott des Friedens wird mit euch sein.
Philipper 4 8,9 | Die Bibel. Neues Leben || Zitat entnommen dem Bibel-Server der ERF Medien.
Versuch einer Übersetzung:
In der Wüste
Sah ich eine Kreatur, nackt, bestialisch, Der, auf dem Boden hockend, Sein Herz in den Händen haltend, Und davon aß. Ich sagte: „Ist es gut, mein Freund?“ „Es ist bitter-bitter“, antwortete er; „Aber ich mag es Weil es bitter ist, Und weil es mein Herz ist.“
Meine persönliche Deutung des Gedichts: Da ist jemand nackt, ohne Schutz, ohne Gemeinschaft, mit bitterem Herz. Woher diese Verbitterung auch kommen mag, er hat gelernt sich und sein Schicksal dennoch anzunehmen und zu lieben. Für mich hat dieses Gedicht etwas tröstendes; ich sehe als als Zeugnis eines Menschen, der sich – trotz widriger Umstände – angenommen und lieben gelernt hat. Mag die Bildsprache Cravens auch drastisch sein; es passt für mich gut, um die Stimmung der Bitterkeit zu transportieren. Als Denkanstoß schätze ich dieses Gedicht.
Stephen Cranes Gedicht „In the Desert„, 1895 als drittes von 56 Gedichten in seiner Sammlung The Black Riders and Other Lines veröffentlicht, ist ein bemerkenswertes Werk der amerikanischen Literatur, das sich durch seine freie Versform ohne Reimschema oder festes Metrum auszeichnet. Diese formale Freiheit unterstreicht die thematische Zerrissenheit und den Zerfall, die das Gedicht behandelt.
In zehn Zeilen, aufgeteilt in zwei Strophen (sieben und drei Zeilen), entfaltet Crane eine beunruhigende Szene: Der Sprecher begegnet in der Wüste einem „nackten, tierischen“ Wesen, das sein eigenes Herz verzehrt. Trotz der Feststellung, dass das Herz „bitter“ schmeckt, bekundet das Wesen eine seltsame Vorliebe dafür, mit den Worten „And because it is my heart“.
Das Gedicht ist reich an Symbolik und wirft Fragen nach der menschlichen Natur auf. Das Herz fungiert hier als vielschichtiges Symbol – es kann Emotionen, Identität, den freien Willen oder auch die menschliche Verderbtheit repräsentieren. Der Akt des Verzehrens des eigenen Herzens steht sinnbildlich für Selbstzerstörung und Selbstschädigung, selbst im Bewusstsein der Bitterkeit.
Die Ambiguität der letzten Zeile – „And because it is my heart“ – lässt verschiedene Interpretationen zu: Betont sie den Besitzanspruch („my“) oder die Selbsterkenntnis („heart“)? Das Wesen, das sich selbst aus Gier und einer perversen Freude am Schmerz verzehrt, verkörpert die dunklen Aspekte der Menschheit. Man kann darin auch eine Kritik an Selbstmitleid oder die Akzeptanz des eigenen „gefallenen“ Zustands sehen.
Literarische Stilmittel und Struktur
Crane nutzt verschiedene stilistische Mittel, um die beklemmende Atmosphäre zu verstärken. Die Wüste ist hier nicht nur ein physischer Ort, sondern ein Symbol für Leere, Einsamkeit und spirituelle Ödnis, das die Desillusionierung widerspiegelt, die Crane während seiner Reisen im Westen der USA erlebte. Die dreifache Nennung von „bitter“ unterstreicht die Perversion der Freude am Schmerz und die paradoxe Akzeptanz dieses Zustands.
Enjambement, wie in „desert / I saw“, erzeugt fließende Übergänge und verstärkt die unheimliche und flüchtige Atmosphäre. Der Kontrast zwischen der „bestialischen“ Erscheinung des Wesens und der Anrede als „friend“ durch den Sprecher deutet auf eine verborgene Verbindung oder eine innere Auseinandersetzung hin, die sich bis zur Debatte erstreckt, ob das Wesen möglicherweise eine Projektion des Sprechers selbst ist, was auf einen inneren Konflikt hindeuten würde.
Historischer und biografischer Kontext
Stephen Cranes Erfahrungen im Westen der USA im Jahr 1895, wo er Armut und ausgelaugte Böden sah, prägten seine Desillusionierung und lieferten den Hintergrund für das Gedicht. Die Wüste, in der US-Literatur des 19. Jahrhunderts oft ein Symbol für die „Failed Frontier“ – ein Ort der Hoffnungslosigkeit im Gegensatz zum Agrarmythos des „American Dream“ –, wird hier zur Bühne für eine existenzielle Parabel. Crane verarbeitete seine Beobachtungen in parabelhaften Gedichten, die menschliche Abgründe abstrakt darstellen.
Rezeption und Bedeutung
„In the Desert“ gilt als Meilenstein der US-Literatur. Kritiker wie Max Cavitch und Daniel Hoffman heben Cranes Abstraktionsvermögen als Stärke hervor. Die moderne Form und psychologische Tiefe machten das Gedicht zu einem Vorläufer der modernen Lyrik. Debatten darüber, warum der Sprecher nicht eingreift, deuten auf mögliche Komplizenschaft oder Gleichgültigkeit hin.
Crane nutzte parabelhafte Kürze, um universelle Wahrheiten über die menschliche Natur zu vermitteln, oft mit einer düsteren Ironie. Die bewusste Wahl der freien Verse unterstreicht die Themen Zerfall und Formlosigkeit, da, wie es heißt, „The poem’s message fits the subject matter […] It’s about tearing down“.
Zusammenfassend zeigt „In the Desert“ Stephen Crane als scharfen Beobachter menschlicher Perversionen. Geprägt von historischen Desillusionen und formal innovativ, wird die Wüste zur Bühne für eine existenzielle Parabel über Selbstzerstörung als paradoxe Form der Selbstbehauptung.
Über Stephen Crane Geboren 1871 (Im Jahr der Ausrufung des deutschen Kaiserreiches) in Newark, New Jersey. Seine Eltern waren Methodistenprediger. In seinen frühen Jahren als Jornalist in New York berichtet er vernehmlich über die Slums der Stadt, was ihn zu seinem ersten Roman – Maggie. A Girl of the streets – inspirierte.
Ringen mit Safiye Cans Lyrik: Eine persönliche Annäherung an „Poesie und Pandemie“ und darüber hinaus
Beim Eintauchen in Safiye Cans Lyrikband „Poesie und Pandemie“ wurde mir immer wieder bewusst, wie unterschiedlich kollektive Erfahrungen wahrgenommen werden können. Ich habe mit vielen der Texte gerungen – und ringe noch immer mit ihnen. Oft überkam mich das Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein, da meine persönliche Wahrnehmung und mein Erleben der Pandemie stark von dem abwichen, was im Band thematisiert wird. Ich kenne die beschriebenen Ängste und Isolationen, die viele Menschen durchlebten, nicht aus erster Hand.
Für mich, die ich auf dem Land lebe, war diese Zeit eher von einer unerwarteten Ruhe und Muße geprägt, die Raum für persönliche Entfaltung bot, statt von direkter Not oder sozialer Isolation. Doch dieses Gefühl des „Anders-Wahrnehmens“ beschränkt sich nicht nur auf die Pandemie-Thematik.
Auch in anderen Texten Cans, beispielsweise in der Rubrik „Die Welt. wird. lila. werden!“, die sich mit Feminismus und Gleichberechtigung auseinandersetzt, finde ich manchmal schwer einen direkten Zugang. Dies bedeutet keineswegs, dass ich die Dramatik und das Leid vieler Menschen leugne oder die Relevanz dieser Themen infrage stelle. Ganz im Gegenteil: Gerade dieses „Anders-Wahrnehmen“ macht die Lektüre und die Auseinandersetzung mit Cans Gedichten umso reizvoller und lehrreicher. Es eröffnet einen wichtigen Blick auf die vielschichtigen Realitäten unserer Gesellschaft und die universellen Themen von Ungleichheit, Menschlichkeit und der Rolle der Poesie in Krisenzeiten, die der Band auf so eindringliche Weise verhandelt.
Safiye Can, geboren 1977 in Offenbach, ist eine preisgekrönte Lyrikerin mit tscherkessischen Wurzeln. Sie wurde unter anderem 2016 mit dem Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis ausgezeichnet. In ihrem Schaffen verbindet sie tiefgreifende philosophische, psychoanalytische und juristische Studien mit den reichen Einflüssen persischer und arabischer Dichtung. Bekannt ist sie zudem für ihr Engagement in der konkreten Poesie, die Erstellung komplexer Collagen und die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen.
Safiye Cans vierter Gedichtband, „Poesie und Pandemie“, erschienen im Juli 2021 im Wallstein Verlag, ist mehr als eine literarische Auseinandersetzung mit der COVID-19-Krise. Der Band reflektiert nicht nur die medizinische Pandemie, sondern erweitert den Begriff auf strukturelle „Pandemien“ wie Rassismus, Sexismus und Diskriminierung, die unsere Gesellschaft prägen. Die Lyrikerin definiert Pandemien als umfassende kollektive Krisen: von sozialer Ungerechtigkeit über den Hanau-Anschlag und Frauenbenachteiligung bis hin zur Klimakrise. Sogar die Liebe wird als „Gegen-Virus“ inszeniert. Der Titel „Windlicht für dunkle Tage“ aus einem der Kapitel symbolisiert die Lyrik als Trost und Orientierung in existenziellen Nöten.
Zentrale Motive des Bandes sind die Kollektiverfahrungder Pandemie, die als global verbindendes und zugleich isolierendes Ereignis beschrieben wird („Wir starben dieses Jahr alleine“). Ein weiterer Schwerpunkt ist der Feminismus. Gedichte wie „Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung“ oder das Gemeinschaftswerk „Wenn du eine Frau bist“, an dem 150 Frauen mitwirkten, thematisieren Gewalt und Ungleichheit. Sie münden jedoch stets in empowernde Appelle wie „Die Welt. wird. lila. werden!“. Auch die Menschlichkeit wird großgeschrieben: Alltägliche Erfahrungen wie Mehl, Seife oder Telefongespräche werden mit politischen Forderungen verknüpft, um Solidarität zu betonen: „Mensch ist Mensch. / Wir sind eins“.
Cans Werk zeichnet sich durch eine bemerkenswerte experimentelle Vielfalt aus. Sie nutzt Collagen und visuelle Poesie, indem sie Zeitungsausschnitte, Breaking News (etwa zum Hanau-Anschlag) oder Hygienestatistiken in ihre Texte integriert. Im Gedicht „Europa auf dem Prüfstand“ wird Text über eine Landkarte projiziert, um politische Kritik visuell zu verdichten. Das titelgebende Langgedicht „Poesie und Pandemie“ (ca. 45 Seiten) ist durch eindringliche Wiederholungen wie „Wir haben in diesem Jahr gelernt“ oder „Wir haben gesehen“ strukturiert. Es verbindet Alltagsbeobachtungen (Händewaschen) mit globalen Krisen. Can kombiniert traditionelle und aktivistische Formen, indem sie direkte Appelle („Frauen, bildet eine Faust!“) neben persönlichen Liebesgedichten wie „Liebe zur Quarantänezeit“ platziert.
Ihre sprachlichen Mittel sind geprägt von Rhythmus und Wiederholung, die durch Parallelismen wie „Liebesschmerz ist immer Liebesschmerz“ hymnische oder mantraartige Effekte erzeugen. Zitate und Intertextualität, etwa Kierkegaards Motto, das den Band rahmt, oder Nachrichtenmeldungen, verankern die Texte fest in der Realität.
Schlüsselgedichte und ihre Bedeutung
Besonders hervorzuheben sind mehrere Gedichte. „Wenn du eine Frau bist“, ein beeindruckendes Gemeinschaftsprojekt, listet strukturelle Gewalt auf („wenn du deine Meinung sagst, wirst du bedroht“) und entlarvt systematische Unterdrückung, mündend in einem Hoffnungsschimmer. „Wir gehören zusammen“ reagiert auf rassistische Gewalt (Hanau) und Queer-Feindlichkeit. Die Simplizität der Sätze („Liebe ist Liebe“) unterstreicht die universelle Menschlichkeit, wurde aber auch als „Bauplan für Utopie“ ohne Ambivalenz kritisiert. Das Langgedicht „Poesie und Pandemie“ gliedert sich in zwei Teile: Der erste fokussiert auf Lernerfahrungen („Wir lernten, was wichtig ist: Mehl, Salz, Stimmen am Telefon“), der zweite dokumentiert Sinneseindrücke und zitiert Pressemeldungen zur Pandemie. Die Collagenstruktur zeigt, wie „Billigproduktion und Konsumwahn“ mit Gesundheitskrisen verknüpft sind.
Rezeption und Bedeutung
Der Lyrikband wurde vielfach gelobt, etwa als „seelische Hausapotheke“ (Michael Augustin) und „zeitgeschichtliches Dokument“. Die Mischung aus „Kaleidoskop der Schmerzen“ und musikalischer Leichtigkeit sowie die innovativen Collagen, die „Assoziationsräume über Wortkunst hinaus öffnen“, fanden große Anerkennung. Es gab jedoch auch Kritik: Einige Rezensenten monierten eine „agitatorische Simplizität“ und verglichen Gedichte wie „Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung“ mit „Demo-Bannern“, denen lyrische Ambivalenz fehle. Die Frankfurter Rundschau sprach teils von „Glückskeks-Poesie“, die persönliche Reflexion zugunsten allgemeiner Botschaften vernachlässige. Trotzdem überwiegen auf Goodreads positive Bewertungen, wo Leser die „messerscharfe, menschenfreundliche“ Sprache und emotionale Tiefe schätzen.
„Poesie und Pandemie“ ist ein Zeitdokument, das die kollektive Verunsicherung während COVID-19 einfängt und zeigt, wie Pandemien soziale Ungleichheiten verschärfen. Es ist dabei wichtig zu erkennen, dass die Pandemie keine homogene Erfahrung war. Während viele von starkem Leid, Isolation und wirtschaftlichen Sorgen betroffen waren, erlebten andere, beispielsweise im ländlichen Raum, die Zeit auch als eine Phase der unerwarteten Ruhe und Muße, die Raum für persönliche Projekte oder das Entdecken neuer Hobbys bot. Dieser Kontrast in den persönlichen Realitäten unterstreicht die Komplexität der damaligen Zeit und zeigt auf, wie unterschiedlich sich globale Krisen im Alltag manifestieren können, ohne dabei die Dramatik der negativen Erfahrungen zu leugnen. Es fällt mir daher schwer, vielen Inhalten zu folgen. Cans Werk steht in der Tradition „aufrechter Literatur“ und oszilliert zwischen Scheherazades Erzählmagie und Brechtscher Agitation. Es ist ein „poetischer Wurf“ zwischen Emphase und Engagement, der Cans Fokus auf Marginalisierte fortsetzt und globale Dimensionen hinzufügt.
„Poesie und Pandemie“ ist weit mehr als eine bloße COVID-19-Chronik; es ist ein lyrisches Manifest gegen alle „Krankheitsverläufe“ der Gesellschaft. Trotz der gelegentlichen Kritik an seiner Direktheit überzeugt der Band durch seine experimentelle Kühnheit und eine tief empfundene humane Dringlichkeit. Als „Windlicht für dunkle Tage“ bietet er keine einfachen Lösungen, sondern eine solidarische Resonanz und die Aufforderung, selbst zur „Hauptdarsteller*in“ im Kampf für Gerechtigkeit zu werden. Der Band enthält acht teils farbige Collagen und ist bei Wallstein erschienen (ISBN 978-3-8353-5008-3). Leseproben und weitere Informationen sind auf der Verlagsseite verfügbar.