Kategorie: Angeregte Dialoge

Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.

In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.

  • Nur ein Schritt

    Nur ein Schritt

    Dieses Poem – auch ohne Titel – (S. 7) beschreibt eine tiefgründige, leicht melancholische und rätselhafte Reflexion über Bewegung, Begegnung und Wahrnehmung. Hier eine Annäherung:

    Der Schritt nach Draußen und die Bewegung der Anderen:
    Der erste Teil fokussiert auf eine Übergangssituation („Nur ein Schritt und du bist draußen“). Draußen beobachtet das lyrische Ich die Bewegung anderer Menschen: Einige gehen mit, andere kommen entgegen, viele gehen einfach vorbei. Dies evoziert Bilder von Alltag, Anonymität, flüchtigen Begegnungen und der Vielfalt menschlicher Wege und Richtungen.

    Die Frage nach dem Ziel / Zusammenfluss:
    Die zentrale Frage „Wo / münden alle diese Wege / In einen Ort“ stellt das Rätsel in den Raum: Haben alle diese unterschiedlichen Pfade ein gemeinsames Ziel? Gibt es einen Ort der Vereinigung oder des Endpunkts? Dies kann sowohl konkret (ein physischer Ort) als auch abstrakt (Tod, Schicksal, Sinn) interpretiert werden.

    Das Ziel – Gedeckte Tische und Greifende Hände:
    Die Antwort auf die Frage scheint ein Ort zu sein, der durch „gedeckte Tische“ und „greifende Hände“ charakterisiert ist. „Gedeckte Tische“ suggerieren Gastlichkeit, Gemeinschaft, Einladung, vielleicht auch ein Festmahl oder eine Versorgung – aber auch eine gewisse Erwartung oder Vorbereitung.
    Greifende Hände“ sind ambivalent: Sie können Hilfe, Begrüßung, Verbindung und Unterstützung bedeuten, aber auch Gier, Besitzergreifen, Forderung oder den Versuch, festzuhalten und zu kontrollieren. Der Zusatz „auch dahin“ klingt fast resigniert oder unausweichlich.

    Die Macht des Lichts und der Wahrnehmung:
    Das Gedicht endet mit einem starken, fast magischen Bild:

    wo die Kerze / aufscheint / deren Schattenschlag / die Dinge wandern macht


    Die Kerze steht für Licht, Erkenntnis, Fokus, aber auch Vergänglichkeit und eine fragile Quelle.Ihr „Schattenschlag“ ist ein besonders eindrückliches Bild. Es beschreibt nicht einfach statische Schatten, sondern deren Bewegung, ihr „Schlagen“ oder Pulsieren im flackernden Kerzenlicht.

    Dass dieser Schattenschlag „die Dinge wandern macht“, ist der zentrale, rätselhafte Höhepunkt. Es suggeriert:

    Die grundlegende Veränderlichkeit und Unbeständigkeit der Dinge.
    Die Macht der Wahrnehmung und der (künstlichen) Beleuchtung: Je nach Lichtquelle und Perspektive erscheinen und bewegen sich Dinge anders. Die Realität ist nicht fest, sondern wird durch unseren Blick (das Licht, das wir darauf werfen) geformt und in Bewegung gesetzt. Eine fast mystische Kraft des Lichts, die die materielle Welt beeinflusst. Die Illusion der Bewegung durch das Spiel von Licht und Schatten.

    Dieses unbetitelte Gedicht malt ein Bild von der Unausweichlichkeit des Unterwegsseins („alle diese Wege„) und der Begegnung mit anderen (mitgehen, entgegenkommen, vorbeigehen) sowie einem unbestimmten, ambivalenten Zielort (Gastlichkeit/Bedrohung durch Tische und Hände). Es gipfelt in der faszinierenden und beunruhigenden Erkenntnis, dass unsere Wahrnehmung – symbolisiert durch das flackernde Kerzenlicht und seinen bewegten Schatten – die Welt um uns herum nicht nur beleuchtet, sondern sie aktiv verformt und in Bewegung setzt („wandern macht“). Es ist eine Meditation über Vergänglichkeit, Perspektive und die fragile, von unserer Sichtweise abhängige Natur der Wirklichkeit. Der Ton ist nachdenklich, etwas düster und von einer poetischen Rätselhaftigkeit.

  • Von der Liebe die Spreu…

    Von der Liebe die Spreu…

    Ein Gedicht ohne Titel, dass mich recht lange beschäftigt hat; es war weniger der Inhalt, eher ihre Bildsprache hat mich herausgefordert:

    Von der Liebe hatte ich Spreu im Mund
    Kleie und leere Hülsen der Nacht
    fälschlich von Sonnenlicht überzuckert…

    Das Gedicht (S.12) beschreibt eine tiefgreifende Ernüchterung und einen existenziellen Wandel im Umgang mit Liebe und Tod:

    Bittere Enttäuschung der Liebe (1. Strophe):
    Die Erfahrung der Liebe wird als wertlos und ungenießbar beschrieben: „Spreu im Mund“, „Kleie und leere Hülsen“. Das sind Abfallprodukte, leere Hüllen ohne nährenden Kern. Diese Enttäuschung wurde durch Illusionen („fälschlich von Sonnenlicht überzuckert“) verschleiert oder schöngeredet. Das Ergebnis ist Ekel und Ablehnung: Die Überreste werden „ausgespuckt“ und bleiben auf harten, unbelebten Wegen („Kies und Schottenwegen“) liegen. Die Liebe wird als etwas Vergangenes, Verworfenes dargestellt.

    Neue Weisheit und eine andere Art der Nahrung (2. Strophe):
    Eine neue Instanz tritt auf: „kundige Schatten“. Diese können verstorbene Wesen, Ahnen oder eine personifizierte Weisheit des Todes sein. Sie raten zu einem vorsichtigen Neuanfang. Der Rat bezieht sich nicht mehr auf die irdische Liebe, sondern auf eine Speisung vom „Hors d’oeuvre-Tisch des Todes“. Der Tod wird hier nicht als Ende, sondern paradoxerweise als Quelle von Nahrung und Genuss dargestellt.
    Die Haltung dazu soll „bescheiden“ sein – ein Gegensatz zur vielleicht übermütigen oder illusionären Haltung gegenüber der Liebe.
    Die „Speise“ sind „unsterbliche Köstlichkeiten“. Es geht um geistige, seelische oder transzendente Nahrung, die Bestand hat.

    Das konkrete Beispiel für eine solche unsterbliche Köstlichkeit ist das Lachen einer anderen Person („deinem Lachen“), das im „Brustton der Überzeugung“ erklingt. Dieses Lachen steht für Echtheit, tiefe innere Gewissheit und eine Freude, die nicht oberflächlich oder trügerisch ist.

    Zentrale Themen und Motive die ich sehe: Desillusionierung: Die schmerzhafte Erkenntnis, dass die erhoffte oder erlebte Liebe leer und ungenießbar war.
    Tod als Quelle: Ein radikaler Perspektivwechsel: Statt Bedrohung wird der Tod als Anbieter wahrer, unvergänglicher Nahrung (Erkenntnis, Trost, echte Verbindung?) gesehen.
    Wahre Kost vs. wertlose Speise: Kontrast zwischen der wertlosen „Spreu“ der Liebeserfahrung und den „unsterblichen Köstlichkeiten“, die der Tod (oder die Auseinandersetzung mit ihm) bieten kann.
    Echtheit und Überzeugung: Das Lachen „im Brustton der Überzeugung“ wird als höchstes Gut und wahre Nahrung der Seele hervorgehoben. Es symbolisiert Authentizität, innere Stärke und eine Freude, die aus tiefem Glauben oder Wissen kommt.
    Bescheidenheit: Die Annahme dieser neuen Nahrung erfordert Demut und Vorsicht, im Gegensatz zur vielleicht gierigen oder naiven Erwartung an die Liebe.

    Dieses Gedicht erzählt mir von einer tiefen Krise der Liebe, die als ungenießbar und enttäuschend erlebt wurde. Aus dieser Ernüchterung heraus weist eine mystische Weisheit („kundige Schatten“) den Weg zu einer neuen Form der Nahrung und des Trostes: nicht mehr in der enttäuschenden irdischen Liebe, sondern paradoxerweise im Bereich des Todes („Hors d’oeuvre-Tisch des Todes“) werden unvergängliche Kostbarkeiten gefunden. Die Quintessenz dieser neuen Nahrung ist die authentische, von tiefster Überzeugung getragene Freude („Lachen im Brustton der Überzeugung“) eines anderen Menschen. Es ist ein Gedicht über die Suche nach wahrhaftigem, beständigem Halt nach einer großen Enttäuschung.

  • Herbst – Die Lebenslinien der Platanen

    Herbst – Die Lebenslinien der Platanen

    „Herbst“ (Das letzte Gedicht im Zündblättchen 21) widmet sich der Platane, die ich häufig mit dem Ahorn verwechsle. Diese Verwechslung beruht auf der Ähnlichkeit der Blätter, doch die Platane (Platanus ×hispanica) ist eine eigenständige Kreuzung aus Morgenländischer und Amerikanischer Platane. Ihre Blätter sind handförmig geteilt, enthalten jedoch keinen Milchsaft in den stielen, wie beim Ahorn.

    Das Gedicht bringt als Metapher das Herzwurzelsystem der Platane ein. Es besteht aus senkrechten und waagerechten Wurzeln, die der Baum tief in den Boden treibt. Dadurch ist er widerstandsfähig gegenüber Stürmen sowie städtischen Einflüssen wie Bodenverdichtung und Luftverschmutzung.

    Historisch wurde die Platane medizinisch genutzt: Ihre Früchte als Wein getrunken halfen gegen Schlangenbisse, die Rinde bei Zahnschmerzen und die Blätter bei Augenleiden. Aktuell wird die Rinde auf krebshemmende Inhaltsstoffe untersucht.

    Die Poesie der „Lebenslinien“ – Die Schlussstrophe des Gedichts spiegelt für mich zwei Realitäten:
    Die Borke, die in Platten abblättert und mosaikartige Muster hinterlässt sowie
    die Blattadern verwelkter Herbstblätter, die wie gealterte Hände wirken.

    „nun lese ich
    die Lebenslinien
    von ehemals grünen
    Händen des Lichts“

    Kennen Sie übrigens An die Platane von Paul Valery?

    Die Platane galt aufgrund ihrer imposanten Erscheinung und ihres schattenspendenden Laubs als Baum der Weisheit und des Schutzes. Ihr „Flüstern“ im Wind wurde oft als göttliche Stimme gedeutet, ähnlich wie bei Eichen (Dodona) oder Lorbeerbäumen (Delphi).

    Herodot – Historien (7. Buch) | Herodot erwähnt eine große Platane in Kleinasien (Lydien), die von den Einheimischen als heilig verehrt wurde. Der persische König Xerxes soll ihr sogar goldenen Schmuck und einen Wächter zugewiesen haben, was auf eine besondere, möglicherweise orakelhafte Bedeutung hindeutet.

    Pausanias – Beschreibung Griechenlands | Pausanias beschreibt in seinem Reisebericht (2. Jh. n. Chr.) eine Orakelstätte in Aigeira (Achaia), wo eine uralte Platane stand, in deren hohlem Stamm eine prophetische Schlange (ein Symbol des Gottes Apollon) lebte. Die Priester deuteten das Rascheln der Blätter als göttliche Botschaften.
    Auch in Delphi gab es eine heilige Platane, die mit Apollon in Verbindung gebracht wurde.

    Theophrast – Historia Plantarum | Der antike Botaniker Theophrast erwähnt, dass Platanen oft an heiligen Orten gepflanzt wurden und ihre Größe sowie Langlebigkeit sie zu Symbolen göttlicher Präsenz machten.

    Mythologische Verbindungen | In einigen Mythen wird die Platane mit Dionysos oder Helena von Troja in Verbindung gebracht. Unter einer Platane soll Helena etwa mit Paris geruht haben – ein Ort, der später als Schicksalsbaum interpretiert wurde.

  • Begegnung in Grau

    Begegnung in Grau

    Ein Blatt, ein Strich, ein Schatten nur,
    da löst sich auf die starre Schnur,
    ein Wesen, das ins Leben weht.

    Kein Ast mehr, nein, ein wilder Schwung,
    ein Teil von dir, geheimnisvoll.
    Dein Antlitz, alt und ewig jung,
    aus Märchenland, so kraftvoll, toll.

    Du jagst dahin, ein schneller Geist,
    durch Linien, die dich kaum noch halten.
    Was treibt dich an, was dich zerreißt?
    Die Zeit scheint sich für dich zu spalten.

    Ein Ruf im Wind, ein stummer Schrei,
    wer bist du, Wesen, ohne Namen?
    Ich seh dich flieh’n, so frei, so frei,
    und folge dir in fernen Rahmen.

    Bist du ein Traum, ein alter Wächter?
    Ein Hauch von Wildnis, ungezähmt?
    Ich strecke aus die Hand, ein Betrachter,
    von deiner stillen Kraft durchströmt.

    Die beschriebene Bleistiftzeichnung 1 von Karen Roßki (DAS ZÜNDBLÄTTCHEN 21 – Ille Chamier / Karen Roßki) zeigt eine bewegte Darstellung. Im Zentrum des Bildes ist eine Figur zu erkennen, deren Form an eine Kreatur erinnert. Die Linienführung im Bereich des Kopfes legt eine Kontur nahe, die einem Gesicht oder einer Schnauze ähneln kann.

    Das Element, das als „Ast“ beschrieben wurde, erscheint als Teil der Bewegung der Figur, möglicherweise als Verlängerung oder Anhang, der die Form begleitet.

    Die Gesamtkomposition der Zeichnung vermittelt den Eindruck von Geschwindigkeit und Bewegung. Horizontale Linien im Hintergrund können als Andeutung einer Oberfläche oder eines Raumes interpretiert werden, auf der sich die Figur fortbewegt. Bereiche um die Figur herum weisen Linien auf, die eine schnelle Fortbewegung visualisieren könnten.

    Zusammenfassend stellt die Zeichnung eine Figur in schneller Bewegung dar, deren Aussehen an eine Fabelwesen-artige Kreatur erinnert, eingebettet in eine Umgebung, die diese Dynamik unterstreicht.


    • Karen Roßki – Austausch

      Karen Roßki – Austausch

      Drei Miniaturen zu einer Zeichnung: Nichts bleibt für sich. Linien steigen auf, andere sinken zurück. Was sich verdichtet, gibt ab. Was aufragt, ist nicht getrennt vom Grund. Bewegung geht in beide Richtungen. Austausch heißt hier nicht Ausgleich. Es ist ein fortwährendes Weitergeben von Spannung. Linien gehen nach oben und kommen zurück. Der Grund bleibt beteiligt.…

    • Karen Roßki – Durchdringen

      Karen Roßki – Durchdringen

      Nichts greift hier ineinander. Von oben drängt etwas Fremdes ins Bild, faserig, hart gesetzt. Unten arbeitet eine andere Bewegung, schwer, erdig, unruhig. Die Farben mischen sich nicht, sie stoßen. Was durchdringt, verbindet nicht. Es verschiebt, verdrängt, reibt sich fest. Der Raum hält das aus, aber er schließt sich nicht. Nähe entsteht hier nicht aus Übergang,…

    • Karen Roßki – Weit

      Karen Roßki – Weit

      Es gibt keine Linie, an der das Sehen zur Ruhe kommt.Flächen schieben sich übereinander, als hätten sie Zeit gesammelt.Das Dunkle trägt, das Helle setzt an.Nichts öffnet sich nach außen, alles breitet sich aus.Bewegung ohne Richtung, Dichte ohne Schwere.Zwischen den Schichten bleibt kein leerer Ort, nur Übergang.Was wie Tiefe aussieht, ist Nähe.Was weit scheint, hält fest.…

    • Begegnung in Grau

      Begegnung in Grau

      Ein Blatt, ein Strich, ein Schatten nur, da löst sich auf die starre Schnur, ein Wesen, das ins Leben weht. Kein Ast mehr, nein, ein wilder Schwung, ein Teil von dir, geheimnisvoll. Dein Antlitz, alt und ewig jung, aus Märchenland, so kraftvoll, toll. Du jagst dahin, ein schneller Geist, durch Linien, die dich kaum noch…

    • Ille Chamier & Karen Roßki

      Ille Chamier & Karen Roßki

      DAS ZÜNDBLÄTTCHEN – Heft 21 LektüreNotizen | Das Heft beinhaltet acht Gedichte der in Düsseldorf lebenden Autorin Ille Chamier und vier Bleistiftzeichnungen der Dresdner Künstlerin Karen Roßki. Stammabschnitte von Bäumen, die, obwohl blattlos, für mich die Energie der vier Jahreszeiten vermitteln. Details von Ästen, , markante Jungbäume, Totholz(?). Die Zeichnungen erinnern teils an Fabelwesen, so…

    • Karen Roßki

      Karen Roßki

      Zwischen Abstraktion und Naturverbundenheit | Karen Roßki (*1965 in Dresden) ist eine in Dresden lebende und arbeitende Künstlerin, deren Werk sich durch großformatige Gemälde in Öl, Pigmenten und verschiedenen Zeichentechniken sowie Objektkunst auszeichnet. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen abstrakter Landschaftsdarstellung und einer organisch anmutenden Formensprache, die durch intensive Farbkompositionen Naturphänomene aufgreift. Aufmerksam geworden bin ich…

  • Das erste Buch: Eine Anthologie über literarische Debüts

    Das erste Buch: Eine Anthologie über literarische Debüts

    Renatus Deckerts „Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt“, erschienen 2007 im Suhrkamp Verlag, ist eine Anthologie, die sich der Bedeutung des ersten veröffentlichten Werks von Autoren widmet. Für dieses Projekt bat Deckert fast einhundert deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller, ihre Gedanken und Erfahrungen zu ihrem Debüt in einem Text zu formulieren, oft Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung.

    Der Band versammelt Beiträge, die einen Rückblick auf die deutschsprachige Literatur von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart ermöglichen. Die Texte beleuchten die Umstände der Veröffentlichung des Erstlings, die Resonanz im Literaturbetrieb und die individuellen Eindrücke der Autoren beim Wiederlesen ihres ersten Werkes. Die Beiträge zeigen die unterschiedlichen Anfänge literarischer Karrieren, die nicht immer mit dem ersten offiziell publizierten Werk zusammenfielen.

    Die Texte thematisieren verschiedene Aspekte und Reaktionen der Autoren auf ihr Debüt. Sie reichen von positiven Bewertungen bis hin zu kritischen Distanzierungen vom eigenen Erstling. Autoren sprechen über die Erfahrungen mit der Veröffentlichung, die öffentliche Wahrnehmung und ihre persönliche Einschätzung des damals Geschriebenen.

    Vorgestellte Autoren & Autorinnen (Auswahl)

    Martin Walser beschreibt das Gefühl des „Alleinseins“ beim Schreiben seines Debüts und die damalige Präsenz Kafkas für ihn.

    Hans Magnus Enzensberger empfindet einen „rechthaberischen Gestus“ in seinem Erstling, der ihm heute nicht mehr entspricht.

    Jürgen Becker formuliert beim Blick in seinen ersten Gedichtband von 1964 das Gefühl, „den Boden unter den Füßen zu verlieren.“

    Wilhelm Genazino beschreibt, was er beim Wiederlesen als „stark redundantes Gestammel und Gestöhne über die Schmerzen der Jugend“ wahrnimmt.

    Peter Handke lehnte es Berichten zufolge ab, seinen Debütroman „Die Hornissen“ erneut zu lesen.

    Monika Maron erwähnt die „10.000 Mark Schulden“, die sie während des Schreibens von „Flugasche“ ansammelte, und erinnert sich an den 13. Februar 1981, den Tag der Auslieferung des Buches in der damaligen BRD.

    Brigitte Kronauer stellte ihren Prosaband von 1974 nach der Veröffentlichung in ihren VW, um die Information der Neuerscheinung zu verbreiten.

    Katja Lange-Müller kommentiert das Wiederlesen der eigenen Texte als vergleichbar mit dem Treffen eines Zombies, der glücklicherweise nicht das Herz trifft.

    Autoren wie Friedrich Christian Delius äußern sich zufrieden und sehen keinen Grund, sich ihrer ersten Gedichte zu schämen. Eckhard Henscheid bewertet seinen Debütroman „Die Vollidioten“ (1973) weiterhin positiv.

    Auch Adolf Endler, dessen Gespräche mit Deckert in „Dies Sirren“ mündeten, ist in diesem Band vertreten.

    Diese Anthologie beleuchtet die Rolle des ersten Buches für den weiteren literarischen Werdegang und die Reflexionen der Autoren im Rückblick. Es bietet einen Einblick in die Prozesse des Schreibens und die Autorenschaft.

  • Günter Abramowski & Maria Fernanda Chaparro

    Günter Abramowski & Maria Fernanda Chaparro

    2006 erschien die Ausgabe #15 mit dem Lyriker Günter Abramowski und der in Dresden lebenden Plastikerin Maria Fernanda Chaparro, die die Gedichte mit drei Bleistiftzeichnungen begleitet.

    Annähernd gelesen |

  • Adolf Endlers Erinnerungen an die Entstehung seines Debüts „Weg in die Wische“

    Adolf Endlers Erinnerungen an die Entstehung seines Debüts „Weg in die Wische“

    Adolf Endler beschreibt in seinem Text die Entstehung seines ersten Buches, „Weg in die Wische“, das 1960 erschien. Dabei schildert er nicht nur die landschaftlichen Eindrücke der Wische, sondern auch seine äußerst kritische und ablehnende Haltung gegenüber dem Werk.

    Endler beginnt mit einer stimmungsvollen Beschreibung der altmärkischen Wische im Spätherbst. Er schildert die matschigen, unwegsamen Straßen, die nach dem ersten Schneefall, der wieder getaut ist, zu einer zähen, schwarzen Paste werden. Er berichtet von den Widrigkeiten der Landschaft, die von den Einheimischen mit Begriffen wie „Wischedreck“ und „Sommerfrost“ beschrieben wird, und erinnert sich an die Empfehlung, Gummistiefel zu tragen.

    Er erzählt von seiner eigenen Odyssee mit dem Fahrrad durch das Labyrinth aus Schlammwegen und Entwässerungsgräben. Er verläuft sich, muss sein Fahrrad schultern und mühsam vorankommen. Endler betont, dass die Wische ein „merkwürdiges“ und von Touristen gemiedenes Gebiet sei, das sich bis zu den Elbdeichen erstreckt. Er vergleicht die flache, von Wassergräben durchzogene Landschaft mit dem Niederrhein und kontrastiert sie mit den nahegelegenen, hügeligen Wäldern und der Lüneburger Heide.

    Im Postskriptum, das 2005 verfasst wurde, revidiert Endler seine anfänglich poetische Beschreibung und macht deutlich, wie sehr ihm sein Debüt unangenehm ist. Er bezeichnet das Buch als ein „verlogen-pathetisches Werk“ und als „blabberiges Brimborium“ über die sogenannten „Bauplätze der Jugend“ in der DDR, die von ideologischem Pathos und Pseudo-Optimismus geprägt waren. Er schämt sich so sehr für das Buch, dass er es unter keinen Umständen signiert. Er geht sogar so weit, zehn Euro zu bieten, wenn ihm jemand ein signiertes Exemplar zeigt, unter der Bedingung, dass er es zurückbekommt. Selbst sein ebenfalls 1960 erschienener Gedichtband wird von ihm nicht so schroff behandelt.

    Der ergänzende Text im Vorwort des Herausgebers Renatus Deckert bestätigt diese Haltung. Endler betrachtet sein Erstlingswerk als ein abgeschlossenes, unerfreuliches Kapitel und steht damit stellvertretend für viele Autoren, die bei der Wiederbegegnung mit ihrem Debüt feststellen, dass ihr früheres Ich ihnen fremd geworden ist.

  • Gründe – Jürgen Völkert-Marten

    Gründe – Jürgen Völkert-Marten

    Jürgen Völkert-Marten konstruiert in diesem Gedicht einen Zirkel aus Flucht und Rückkehr. Das lyrische Ich denkt an seine „Ingo-Zahl“ – einen Begriff, der rätselhaft bleibt, aber offenbar eine Art Bewertung oder Messung seiner selbst darstellt. Diese Beschäftigung mit der eigenen Vermessung führt ihn zu einer Erkenntnis: Wichtigeres existiert, doch dieses Wichtigere entzieht sich seinem Zugriff.

    Die räumlichen Metaphern verstärken das Gefühl der Distanz. Das Wichtige liegt „weit weg“, erscheint „unerreichbar“. Der Sprecher erlebt sich als handlungsunfähig – er kann das Wichtige „wenig beeinflussen“. Diese Erfahrung der Machtlosigkeit wandelt sich in seinem Bewusstsein zur Schwäche um.

    Schach betritt das Gedicht als Fluchtmittel. Der Sprecher wendet sich dem Spiel zu, um seine empfundene Schwäche zu vergessen. Doch das Gedicht vollzieht eine perfekte Kreisbewegung: Die letzten Zeilen wiederholen fast wörtlich den Beginn. Der Zirkel schließt sich. Die Flucht ins Schachspiel führt zurück zum Ausgangspunkt – zur Beschäftigung mit der eigenen Ingo-Zahl.

    Das Wort „zeitweise“ erscheint dreimal und rhythmisiert den Text. Es markiert die Temporalität der Flucht: Der Sprecher spielt Schach für begrenzte Zeit, vergisst seine Schwäche nur vorübergehend, kehrt dann zum kreisenden Denken zurück. Die Wiederholung erzeugt eine obsessive Qualität.

    Die Syntax verstärkt den Eindruck des Gefangenseins. Lange, verschachtelte Sätze winden sich durch das Gedicht wie Gedankenspiralen. Kommas verzögern den Lesefluss und imitieren das zögerliche, kreisende Denken des Sprechers.

    Schach funktioniert hier nicht als Lösung, sondern als temporäre Betäubung. Das Spiel unterbricht den Gedankenzirkel, ohne ihn aufzulösen. Der Erzähler kehrt immer wieder zum selben mentalen Ort zurück – eine endlose Schleife aus Selbstbewertung, Ohnmacht und kurzfristiger Ablenkung.

    Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, wenn dieses Gefühl der Ohnmacht und der Schwäche, dieser Impuls sich vergleichen zu wollen, zu müssen auf das Schachspiel überträgt. Drei Entwürfe, Spielereien sind dabei herumgekommen:

    Ich denke an den nächsten Zug,
    obwohl es wichtiger wäre,
    die Figuren nicht nur zu stellen,
    sondern sie zu bewegen,
    doch der Blick bleibt hängen
    an der Zahl,
    an der Bewertung,
    und ich ziehe den Springer
    nur um den Kreis zu vollenden,
    um das Gefühl der Ohnmacht
    für ein paar Atemzüge
    zu überspielen.

    Der Turm rückt vor,
    die Dame hält den Atem an,
    der König wartet,
    ich wiederhole die Züge,
    als könnte sich etwas ändern
    durch die Wiederholung,
    aber es ändert sich nicht,
    es bleibt nur der Kreis,
    das immer gleiche Denken,
    und das Schachbrett hält mich,
    zeitweise,
    bevor es mich zurücksetzt
    an den Anfang.

    Bauer nach e4,
    ein Schritt nach vorn,
    als wollte ich das Ferne erreichen,
    aber der Weg bleibt blockiert.

    Springer nach f3,
    ein Bogen,
    kein Geradeaus,
    ich umkreise,
    ich taste seitlich nach Halt.

    Läufer nach c4,
    schräg ins Offene,
    doch das Offene bleibt Spiegel,
    die Diagonale nur eine Wiederholung
    meiner Gedanken.

    Der Gegner antwortet,
    ich antworte zurück,
    Turm hebt sich noch nicht,
    Dame schweigt,
    König rührt sich kaum,
    und doch wandert mein Blick
    immer wieder zur Zahl,
    zur Vermessung,
    die wie eine Figur neben dem Brett
    unsichtbar mitschiebt.

    Rochade.
    Ein Rückzug,
    ein Schutz,
    ein Kreisen um den eigenen Platz.
    Ich spiele, um zu vergessen,
    doch jeder Zug erinnert.

    Partie noch offen,
    Kreis noch geschlossen.

    1. e4 – ein Schritt nach vorn, als wollte ich beginnen, Kontrolle zu gewinnen.
    … e5 – sofort der Widerstand, der Spiegelzug, nichts rückt wirklich näher.

    2. Nf3 – ich greife nach dem Zentrum, seitlich, krumm, nicht gerade.
    … Nc6 – er antwortet symmetrisch, als würde er mir mein eigenes Denken zurückwerfen.

    3. Bc4 – der Läufer tastet die Diagonale ab, schräg, vorsichtig ins Offene.
    … Bc5 – das Offene schließt sich, ich sehe mich selbst im Gegenüber.

    4. O-O – Rochade, ich verschiebe mich, sichere mich, als könnte Sicherheit Stärke sein.
    … Nf6 – ein Angriff, doch er bleibt gebremst, wie ein Gedanke, der nicht ausbricht.

    5. d3 – ein kleiner Zug, kein Befreiungsschlag, nur Stützen, nur Halten.
    … d6 – er hält ebenso, als wäre auch er ohnmächtig.

    6. c3 – Vorbereitung, ein Aufschub, ein Kreis, kein Durchbruch.
    … a6 – er wartet, er stellt sich, er wiederholt mein Warten.

    Und so wächst die Stellung, Zug um Zug, Spiegel um Spiegel,
    bis das Brett aussieht wie mein Kopf: Figuren blockieren sich,
    Möglichkeiten verschieben sich,
    doch kein Ausweg entsteht.

    Die Ingo-Zahl bleibt am Rand, unsichtbar wie eine Uhr,
    tickt leise,
    misst,
    wertet,
    während die Partie weiterkreist,
    zeitweise,
    immer zeitweise.

    Ein weiterer Gedanke

    Im Mittelalter oder in Allegorien wurden Schachfiguren oft mit menschlichen Eigenschaften, Rollen oder Tugenden verbunden. Wenn man das ins Gedicht überführt, dann entsteht nicht mehr nur ein „Spiel der Züge“, sondern ein Spiel der Kräfte im Inneren. Jede Figur wird zu einem Teil der Psyche oder des Denkens, das in Bewegung gerät. Beispielhafte Entfaltung:

    So wird das Schachbrett ein Bild der inneren Topografie: Grübeln (Bauern) blockiert, Schleifen (Springer) drehen, die Möglichkeit zur Befreiung (Dame) bleibt ungenutzt, während die innere Ohnmacht (König) geschützt und zugleich gefangen bleibt.

    Man könnte daraus dann eine Lösungsdynamik entwickeln:

    Anfang: Bauern (Grübeln) bestimmen das Feld.
    Mittelspiel: Springer (Schleifen) und Läufer (schräges Denken) bewegen sich, suchen Auswege.
    Entscheidung: Die Dame tritt ins Spiel, sie bricht den Kreis auf, bringt Dynamik hinein.
    Ende: Der König erreicht zwar kein „Matt“, aber vielleicht eine Art „Atmung“ – kein Sieg, sondern ein temporäres Gleichgewicht.


    Historischer Hintergrund

    Der dominikanische Mönch Jacobus de Cessolis (13. Jh.) schrieb eine der einflussreichsten moralischen Allegorien über Schach, in der er jede Figur mit gesellschaftlicher und moralischer Funktion belegte. So stehen:

    • Bauern für verschiedene Berufe und soziale Rollen, etwa der Bauer, der die Burg ernährt, oder der Schmied, der dem Ritter Rüstung liefert.
    • Die Allegorie ordnet die Figuren nach ihrer Rolle in einer harmonischen Gesellschaft. Das Werk wurde ähnlich weit verbreitet wie die Bibel.
    • Cessolis verknüpft die Spielfiguren (z. B. Bauern, Türme, Ritter) mit Tugenden und ihrer Aufgabe im gesellschaftlichen Bild .

    Ein Beispiel ist das Echecs amoureux (versifizierte Form), das Beziehungen durch Schach allegorisiert:

    • Hier steht Schwarz (z. B. Stolz, Lüge, Sinneslust) im Spiel gegen Weiß (z. B. Demut, Wahrheit, Freundschaft).
    • Jede Figur repräsentiert eine Tugend oder Sünde; der Zug wird im Kontext moralischer Auseinandersetzungen interpretiert.

    Ein mittelalterliches Gedicht, das die Partie als Dialog zwischen Liebe und Ruhm (Mars vs. Venus) nutzt:

    • Jeder Zug wird in drei Strophen dargestellt – Zug Weiß, Zug Schwarz, Kommentar des Schiedsrichters.
    • 64 Strophen entsprechen den 64 Schachfeldern – das Spiel als Symbol für Liebe und ihre Kämpfe.

    Ein reich illustriertes Kompendium über verschiedene Spiele – insbesondere Schach – in denen:

    • Schach als Spiegel des Kosmos und der menschlichen Ordnung fungiert.
    • Das Spiel symbolisiert königliche Tugenden wie Klugheit, Vorsicht und Fähigkeit zur Herrschaft.

    Mehrschichtiges Bedeutungsnetz

    • Gesellschaftsmodell: Schach bildet mittelalterliche Gesellschaften als geordnetes System ab – jede Figur hat ihren Platz und ihre Aufgabe im gesellschaftlichen Gefüge.
    • Religio-moralische Lehre: Moralitätsspiele mit allegorischen Figuren gaben Schach eine bewusste ethische Dimension – Tugenden gegen Laster.
    • Symbol der Liebe: Schach wird nicht nur als moralisches oder soziales Modell genutzt, sondern auch als Spiel der Emotionen – insbesondere Liebe und Verführung.

    Quellen:
    Scribd | Wikipedia | Wikipedia | toutfait.com | femailfromabroad | toutfait.com | Scroll.in | questionjournal | JSTOR Muse | Scribd | Wikipedia | Ebin | Wikipedia

  • Kirstin Warschau und Ille Chamier

    Kirstin Warschau und Ille Chamier

    LektüreNotizen | Das Zündblättchen #32 beinhaltet die Kurzgeschichte „Tropisches Wasser“ von Kirstin Warschau. Ille Chamier illustriert den Text mit drei Frottagen. Entnommen sind sie dem Band “ Tu vois“ – Bildlegenden – Handedition Textille, 2006. [Textille – ein schönes Wortspiel]

    Bisher kannte ich Frottagen nur von Max Ernst oder Manfred Butzmann. Sie geht einen Schritt weiter: es bleibt nicht bei den Abreibungen: sie zeichnet rein. Mal figürlich, mal abstrakt.

    Zur Kurzgeschichte: Eine Frau unterzieht sich Schönheitsoperationen. …

    Frottage ist eine künstlerische Technik, bei der man eine Oberflächenstruktur auf ein Blatt Papier oder einen anderen Untergrund durch Reiben mit einem Bleistift, Kreide oder einem ähnlichen Zeichenmaterial überträgt. Der Begriff „Frottage“ kommt aus dem Französischen und bedeutet „Reiben“.

    Wie man Frottagen anfertigt:

    Materialien vorbereiten: Man benötigt Papier (möglichst dünn, aber nicht zu dünn, damit es nicht reißt), einen Bleistift (weichere Bleistifte wie 2B, 4B oder 6B eignen sich gut), Kreide, Kohle oder Pastellkreide und natürlich Objekte mit interessanten Oberflächenstrukturen.

    Objekt unterlegen: Das Papier wird auf das Objekt gelegt, dessen Struktur übertragen werden soll. Das kann ein Blatt, eine Münze, Holz mit Maserung, ein geprägtes Muster, ein Gitter, eine raue Wand oder ein Stück Stoff sein.

    Reiben: Das Papier mit einer Hand festhalten, damit es nicht verrutscht. Mit der anderen Hand wird mit der flachen Seite des Bleistifts (oder des gewählten Zeichenmaterials) sanft über das Papier gerieben. Darauf achten, gleichmäßigen Druck auszuüben. Die erhabenen Teile des Objekts unter dem Papier werden dunkler erscheinen, während die Vertiefungen heller bleiben, wodurch die Textur sichtbar wird.

    Experimentieren: Variiere den Druck, die Art des Zeichenmaterials und die Richtung des Reibens, um unterschiedliche Effekte zu erzielen. Man kann auch mehrere Objekte unterlegen und so komplexere Frottagen erstellen.

    Der bekannteste Künstler, der die Frottage-Technik systematisch einsetzte und weiterentwickelte, ist Max Ernst. Er entdeckte diese Technik zufällig, indem er die Maserung eines Holzbodens durch Reiben mit einem Bleistift auf Papier übertrug. Er nutzte Frottagen, um surreale Landschaften und fantastische Kreaturen zu schaffen, oft indem er verschiedene Frottagen miteinander kombinierte und weiterbearbeitete.

  • siebenunddreißig geboren

    siebenunddreißig geboren

    Annähernd gelesen | Das Gedicht verdichtet die existenzielle Erfahrung eines Kindes, das 1937 in eine vom Krieg geprägte Welt geboren wird. Schon die nüchterne Eröffnung „siebenunddreißig geboren“ verankert die Verse historisch – eine Generation, deren Kindheit von Bombennächten und Bunkern überschattet war. Die wiederholte Betonung „ich kam auf die Welt“ unterstreicht nicht nur das Wunder des Lebens, sondern auch seine Fragilität: Das lyrische Ich beschreibt sein Dasein als konkrete, aber fast zufällige „Möglichkeit“, die in eine Familie voller Erschöpfung und emotionaler Kargheit trifft. Die Mutter erscheint nach drei Geburten überfordert („sie brauchte mich nicht / sie wollte nicht mal“), der Vater gedanklich abwesend.

    Doch gerade diese Kälte macht die Frage nach mütterlicher Gewalt umso erschütternder: „wie werden Mütter mörderisch“ reflektiert die existenzielle Abhängigkeit des Kindes – ein Verweis auf die Macht der Eltern über Leben und Tod in Zeiten der Not. Umso bewegender wirken da die Alltagsgesten der Mutter: das Schuhbinden, das Bürsten des Mantels. Diese Szenen gewinnen historische Tiefe durch die abrupte Wendung zum Kriegstrauma: Das Lauschen nach Flugzeugen und das hastige Zerren in den Keller evozieren unmittelbar die Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs. In diesem Keller bricht die Mutter unvermittelt in Tränen aus und drückt das Kind an ihr Herz.

    Diese Schlussszene verdichtet das ganze Paradox dieser Beziehung: Die gleiche Mutter, die das Kind nicht wollte, rettet es mit animalischer Entschlossenheit. Ihr Weinen („was tat ihr so leid“) bleibt rätselhaft – ist es Reue, Überforderung oder die stumme Trauer um eine zerstörte Welt? Als Kind des Jahrgangs 1937 trägt das lyrische Ich die Narben einer Generation, die zwischen Bombennächten und emotionaler Kargheit aufwuchs. Die lakonische Sprache mit ihren bewusst gebrochenen Versen spiegelt diese Brüche: Jede scheinbare Geborgenheit ist durchzogen von der Ahnung des Verlorenseins.

    Das Gedicht erkundet die Verwundungen des Heranwachsens im Schatten des Krieges. Es zeigt kein heroisches Überleben, sondern die stillen Traumata der Kindheit: die Sehnsucht nach Geborgenheit bei gleichzeitiger Erfahrung von emotionaler Kargheit – und den Momenten unerklärlicher Zuwendung einer selbst gebrochenen Mutter. Die Keller-Szene wird zum zentralen Bild deutscher Kriegskindheiten: Schutzraum als Ort der Angst.


    Wie man mit solcher Dichtung leben kann

    Gedanken jenseits der Interpretation

    Dieses Gedicht bugsiert mich in eine Art heiliger Ratlosigkeit. (Heilig, weil ich hier an eine Grenze des Verstehens stoße – und diese Grenze selbst ehrwürdig ist.) Wenn Worte wie „sie brauchte mich nicht“ oder „was tat ihr so leid“ nachbeben, liegt die Versuchung nahe, Trost zu spenden – doch wer dürfte das wagen? Das Gedicht ist ein Zeugnis, keine Wunde, die wir heilen könnten. Vielleicht besteht der respektvollste Umgang darin, es nicht zu analysieren, sondern Raum für sein Echo zu schaffen.

    Man könnte es als stilles Denkmal deutscher Kriegskindheiten lesen: zwischen Bombenkellern und emotionalen Frostperioden. Dann würde man es ergänzen durch Fotografien zerfetzter Städte, durch Tagebücher von Müttern (etwa Victor Klemperers Aufzeichnungen über die „Trümmerfrauen-Seelen“), durch die Berichte von Kindern, die im Luftschutzkeller ihre ersten Worte sprachen. Das Gedicht würde so zum Knotenpunkt eines kollektiven Gedächtnisses, das nicht in Geschichtsbüchern steht, sondern in zitternden Händen, die Mantelknöpfe zurechtrücken.

    Oder man schafft Orte der stummen Resonanz: Statt über die Tränen der Mutter zu sprechen, legt man einen leeren Stuhl neben den Text. Statt das „Zerren in den Keller“ zu deuten, spielt man das Rattern eines Ju-88-Bombers von 1943 leise ein – nicht als Effekt, sondern um zu spüren, wie Geräusch sich in Körperpanik übersetzt. In Gedenkstätten könnte man solche Verse ohne Kommentar vortragen, gefolgt von einer Minute Schweigen für all jene, die aus Kellern nicht nur vor Bomben, sondern vor der Kälte des eigenen Zuhauses flohen.

    Vielleicht ist die produktivste Antwort eine künstlerische Gegenrede: ein Dialoggedicht, in dem das Kind von damals zur alten Mutter spricht. Oder ein Fundstück-Altar mit Objekten, die das Ungesagte tragen – ein Paar Kinderschuhe mit abgewetzten Sohlen, eine verbogene Haarnadel, ein Stück Bunkerkohle. Denn manchmal trägt ein Ding mehr Erinnerung als tausend Worte.

    Das Entscheidende ist: Wir müssen das Rätsel dieser letzten Träne aushalten. Kein Trost wäre groß genug für das Kind von 1937, das im Kellerbunker die Herzschläge einer weinenden Mutter zählte. Aber wir können das Gedicht wie ein Porzellanfragment behandeln, das aus Ruinen geborgen wurde: Es verlangt keine Reparatur, nur Ehrfurcht vor dem, was es überdauert hat. Vielleicht ist bereits die Tatsache, dass aus jener Keller-Dunkelheit Worte wurden, die uns heute erreichen, die einzig mögliche Rettung – ein spätes „Ich war hier“ in die Nacht der Geschichte.

  • aber das kaputte Salzfaß

    aber das kaputte Salzfaß

    Eine Annäherung | Dieses Gedicht erzählt eine Geschichte, die von einem rätselhaften Bild lebt: dem kaputten Salzfass. Es ist zerbrochen, hält nichts mehr, und doch wird es immer wieder gefüllt. Salz selbst ist ja seit jeher ein Symbol für das Lebensnotwendige – es würzt unser Essen, konserviert, und die Redewendung vom „Salz der Erde“ spricht für sich. Aber dieses Fass ist nutzlos, und das beharrliche Füllen wirkt fast schon sinnlos, vielleicht sogar wie ein Zwang.

    Diese eigentümliche Handlung steht in einem starken Kontrast zu drei düsteren Szenarien, die sich im Gedicht entfalten – allesamt Geschichten von vorauseilender Zerstörung:

    Da ist zum einen das Haus: Noch bevor jemand darin wohnen kann, wird schon Dynamit gekauft. Eine seltsame Wut auf das Leben, die sogar dessen Anfang vorwegnimmt. Dann kommt die Nacht: Sie hat ihre Dunkelheit noch nicht ganz entfaltet, da wird schon nach dem Tag geschrien. Eine Ablehnung der Ruhe, der Dunkelheit, des ganz natürlichen Rhythmus. Und schließlich die Kinder: Bevor sie überhaupt die Chance haben, erwachsen zu werden, werden sie schon ausgesetzt. Ein brutaler Verrat an dem, was Schutz braucht und die Zukunft darstellt.

    Diese drei Bilder – immer nach dem Muster „wenn … noch nicht … schon“ – zeigen ein erschreckendes Muster menschlicher Selbstsabotage: Zerstörung, die einsetzt, noch bevor überhaupt etwas entstehen oder reifen kann. Das kaputte Salzfass, das sowohl am Anfang als auch am Ende des Gedichts auftaucht, umrahmt diese Verlusterfahrungen. Es ist wie ein hartnäckiger Gegenpol zu all dem. Man fragt sich unwillkürlich: Warum füllt jemand etwas, das nichts mehr halten kann?

    Dieses Gedicht verstehe ich auf verschiedenen Ebenen:

    Es ist eine Kritik an unserer Zivilisation: Es zeigt, wie wir dazu neigen, das Zerbrechliche – seien es Beziehungen, die Natur oder unsere Kultur – zu zerstören, noch bevor es sich voll entfalten kann. Gleichzeitig halten wir künstlich Strukturen am Leben, die längst brüchig sind, genau wie das Salzfass.

    Es berührt existentielle Fragen: Es führt uns die Absurdität menschlichen Handelns vor Augen: sinnlose Gewalt neben dem fast schon sturen Versuch, das Unheilbare zu pflegen.

    Es spricht von Trauma und Wiederholung: Das „immer wieder“ könnte auf eine zwanghafte Wiederholung hindeuten – als Versuch, eine Leere zu füllen, die nicht mehr zu reparieren ist, das zerbrochene Gefäß eben.

    Die Sprache des Gedichts ist karg und präzise. Kurze Zeilen, scharfe Brüche wie das „schon“, und ein Verzicht auf jede Romantisierung verstärken die Wucht der Bilder – man denke nur an das Dynamit oder die ausgesetzten Kinder.

    Salz selbst ist ein uraltes Symbol, voller Widersprüche: Es steht für Tränen, Reinigung, aber auch für Bündnisse und das Wesentliche. Vielleicht ist das kaputte Salzfass gerade deshalb so bedeutungsvoll, weil es die Unmöglichkeit darstellt, das Wichtigste zu bewahren. Und doch bleibt der menschliche Drang, es immer wieder zu versuchen, unauslöschlich. So wird das Gedicht zu einer düsteren, poetischen Parabel über Zerstörung und den zerbrechlichen Willen zum Überleben in einer Welt, die selbst zerbrochen scheint.

    Quelle des Gedichtes: Ille Chamier – Tagtexte

    • starr vor glück

      starr vor glück

      Annähernd gelesen | Dieses Gedicht hat Ille Chamier bei der Poetischen Begegnung (12) mit Hans Thill zum Abschluss vorgetragen. Abgedruckt wurde es in Tagtexte und Bekannt trifft Unbekannt – Ed. 2 1. „ich wurde wach“ Das Gedicht beginnt mit dem Erwachen – also ein Moment zwischen Schlaf und Wachsein. Kein normales „Ich wachte auf“, sondern:…

    • Zwei Sekunden europäisches Schweigen

      Zwei Sekunden europäisches Schweigen

      Annähernd gelesen | Ille Chamiers Gedicht „mit den andern am Meer“ aus Tegtexte. Das Gedicht mag in erster Linie eine sehr private Momentaufnahme sein,; dennoch lässt sich die Metapher vom ‚europäischen Schweigen‘ über die rein persönliche Ebene hinaus interpretieren. Indem ich die nationalen und historischen Hintergründe der vermuteten Protagonisten – die deutsche Autorin, ein Mensch…

    • O.T. – Geschlossene Bücher

      O.T. – Geschlossene Bücher

      Der Text beschäftigt sich mit geschlossenen Büchern und vergleicht sie mit der Nacht. Er zeigt, dass die Worte in den Büchern – ähnlich wie Dinge in der Dunkelheit – nicht sichtbar sind, bis Licht auf sie fällt. Erst wenn eine Hand das Buch öffnet, die Seiten aufschlägt und Augen die Schrift betrachten, können die Worte…

    • morgens früh

      morgens früh

      Der Text beschreibt eine frühmorgendliche Szene, in der das lyrische Ich zwischen Schlaf und Wachsein, Träumen und Realität oszilliert. Es thematisiert körperliche Empfindungen (Schweiß, Enge), surreale Bilder (Tiere, Tunnel aus Licht) und eine dörfliche Umgebung (Bauernhäuser, Wiesen, Kirchturm). Die Stimmung ist geprägt von Schwere, Unruhe und einer eigenwilligen Wahrnehmung der Umwelt. Was mir beim Lesen…

    • Ille Chamier – Rosestock Holderblüh

      Ille Chamier – Rosestock Holderblüh

      Ille Chamiers Gedicht Rosestock Holderblüh verdichtet ihre Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zu einer poetischen Collage aus Trauma und Überlebenspoesie. Geboren 1937, erlebte sie die Bombennächte um 1943 – als Sechsjährige – in unmittelbarer existenzieller Bedrohung, wie die Zeilen „horchte ich nach den Bombengeschwadern“ bezeugen. Die Szene der zersplitterten Fenster („Scherben lagen ums Gitterbett“) neben der unverletzten Schwester offenbart…

    • Heil

      Heil

      Annähernd gelesen | Ilse Chamiers Gedicht reflektiert ihre Erfahrungen als Kindergartenkind im nationalsozialistischen Deutschland. Dabei verbindet sie Erinnerungen an Rituale, religiöse Erziehung und Kriegsrealität zu einer erschütternden Collage – ruhig im Ton, aber tiefgründig in der Aussage. Die sprachliche Einfachheit kontrastiert mit der Komplexität des Erlebten. Politische und religiöse Rituale – Spiegelungen von Macht Schon…

    • Pina

      Pina

      Annähernd gelesen | Dieser Tagtext von Ille Chamier, die 3 Jahre dramaturgische Mitarbeiterin am Tanztheater Pina Bausch in Wuppertal war, vermittelt eine bemerkenswert intime und vielschichtige Perspektive auf die berühmte Choreografin und Tänzerin. Die Zeile „ich komme nicht gegen die Pina an“ drückt eine tiefe Anerkennung von Bauschs unbestreitbarer Dominanz und Einzigartigkeit aus. Sie spricht…

    • Abzeichen

      Abzeichen

      In diesem Fall habe ich versucht, mir Ille Chamiers Gedicht „Heil“ über Erzählungen aus der eigenen Familie zu erarbeiten. Daraus ist eine Art Gedicht entstanden: ich war fünf, als mein Bruder das Abzeichen bekamgoldenes Hakenkreuz auf rotem Grunder steckte es sich ans Hemd wie ein Versprechendie Mutter sagte: sei stolz im Schulflur hing der neue…

    • siebenunddreißig geboren

      siebenunddreißig geboren

      Annähernd gelesen | Das Gedicht verdichtet die existenzielle Erfahrung eines Kindes, das 1937 in eine vom Krieg geprägte Welt geboren wird. Schon die nüchterne Eröffnung „siebenunddreißig geboren“ verankert die Verse historisch – eine Generation, deren Kindheit von Bombennächten und Bunkern überschattet war. Die wiederholte Betonung „ich kam auf die Welt“ unterstreicht nicht nur das Wunder des Lebens, sondern auch…

  • Der eine Satz

    Der eine Satz

    Annäherung an Ille Chamiers „das kaputte Salzfaß wird behandelt wie ein heiliger Topf“

    Manchmal ist es ein einziger Satz, der innehalten lässt, irritiert und zum Nachfassen einlädt. Ille Chamiers Zeile „das kaputte Salzfaß wird behandelt wie ein heiliger Topf“ aus ihrem 1980 erschienenen Lyrikband Tagtexte ist so ein Fall. Beim ersten Lesen habe ich mich gefragt: Ist das schon ein Gedicht? Es scheint all das zu fehlen, was man gemeinhin von Lyrik erwartet: Reim, Rhythmus, ausdrucksstarke Bilder oder große Gefühle. Stattdessen steht da ein knapper, scheinbar schlichter Satz.

    Der entscheidende Aspekt ist die Handlung, die durch die Passivkonstruktion „wird behandelt wie“ beschrieben wird. Es geht weniger um das, was die Dinge an sich sind, sondern vielmehr darum, wie Menschen mit ihnen umgehen, welchen Wert sie ihnen zuschreiben. Der Satz deutet an, dass etwas Alltägliches, sogar Defektes, plötzlich mit derselben Ehrfurcht und Sorgfalt behandelt wird wie etwas Heiliges.

    Diese Gegenüberstellung wirft Fragen auf: Warum behandeln Menschen ein kaputtes Salzfass wie ein Heiligtum? Was verleiht Dingen – oder auch Ideen – ihren Wert? Ist es der Gegenstand selbst, seine Funktion oder unsere bloße Gewohnheit und die Rituale, die wir damit verbinden? Chamier lenkt den Blick darauf, dass der Wert oft nicht im Ding selbst liegt, sondern in der Art und Weise, wie wir es behandeln oder welche Bedeutung wir ihm zuschreiben. Es kann als Hinweis verstanden werden, wie wir manchmal auch Dingen oder Ideen Bedeutung beimessen, die sie objektiv betrachtet vielleicht gar nicht verdienen.

    Gerade weil dieser Satz mit den üblichen Erwartungen an Lyrik bricht, entfaltet er seine Wirkung. Als erster Text in Chamiers Tagtexte dient er möglicherweise als programmatischer Auftakt. Er signalisiert: Hier wird Sprache anders genutzt, es geht nicht um klassische „schöne“ Lyrik. Stattdessen wirkt er wie ein kurzer Gedankenblitz, ein prägnanter Aphorismus. Zugleich ist es ein Sprach-Experiment, dessen Wirkung allein durch den scharfen Kontrast der Worte und den nüchternen, fast berichtenden Ton („wird behandelt“) entsteht. Es lädt uns ein, die folgenden Texte des Bandes mit einer neuen Aufmerksamkeit zu lesen, hinter die Oberfläche zu blicken und über Sprache, Bedeutung und das Alltägliche nachzudenken.

    Ein Statement seiner Zeit?

    Die Veröffentlichung um das Jahr 1980 platziert Chamiers Einzeiler in eine Zeit des kulturellen Umbruchs, in der viele Künstler und Schriftsteller begannen, mit Sprache zu experimentieren und vertraute Vorstellungen zu hinterfragen. Es war eine Ära, in der Skepsis gegenüber festgefahrenen Ritualen und etablierten Bedeutungszuschreibungen wuchs. Chamiers Hintergrund als Tänzerin (sie studierte unter anderem bei Pina Bausch) und Dramaturgin mag ihre präzise und verdichtete poetische Haltung beeinflusst haben. Ähnlich wie eine einzelne Geste im Tanz eine ganze Erzählung komprimieren kann, verdichtet sie hier eine Weltsicht in einer einzigen, gezielten Gegenüberstellung.

    Zusammengefasst: Ille Chamiers Einzeiler ist kein Gedicht im traditionellen Sinne. Es ist vielmehr ein prägnantes Sprachkunststück, dessen Stärke nicht in klassischer Schönheit oder gefühlvollem Ausdruck liegt. Seine Kraft entfaltet sich in der klugen und zugleich irritierenden Gegenüberstellung: Das scheinbar Wertlose wird wie etwas Heiliges behandelt. Dieser eine Satz regt zum Nachdenken an – über unsere Gewohnheiten, über die wahre Bedeutung der Dinge und darüber, wie wir selbst die Welt um uns herum bewerten. Er öffnet die Tür zu größeren Fragen und macht ihn als Auftakt eines Gedichtbands so bemerkenswert.

    Was denken Sie, welche Alltagsgegenstände in unserer heutigen Zeit ähnlich „heilig“ behandelt werden könnten, obwohl sie vielleicht kaputt oder überholt sind?

    Auf Seite 31 greift die Autorin das Motiv des Salzfasses wieder auf. Dieses Mal erkennbar als Gedicht und mit einem anderen Motiv: „aber das kaputte Salzfaß

    Quelle des Gedichtes: Ille Chamier – Tagtexte

    • starr vor glück

      starr vor glück

      Annähernd gelesen | Dieses Gedicht hat Ille Chamier bei der Poetischen Begegnung (12) mit Hans Thill zum Abschluss vorgetragen. Abgedruckt wurde es in Tagtexte und Bekannt trifft Unbekannt – Ed. 2 1. „ich wurde wach“ Das Gedicht beginnt mit dem Erwachen – also ein Moment zwischen Schlaf und Wachsein. Kein normales „Ich wachte auf“, sondern:…

    • Zwei Sekunden europäisches Schweigen

      Zwei Sekunden europäisches Schweigen

      Annähernd gelesen | Ille Chamiers Gedicht „mit den andern am Meer“ aus Tegtexte. Das Gedicht mag in erster Linie eine sehr private Momentaufnahme sein,; dennoch lässt sich die Metapher vom ‚europäischen Schweigen‘ über die rein persönliche Ebene hinaus interpretieren. Indem ich die nationalen und historischen Hintergründe der vermuteten Protagonisten – die deutsche Autorin, ein Mensch…

    • O.T. – Geschlossene Bücher

      O.T. – Geschlossene Bücher

      Der Text beschäftigt sich mit geschlossenen Büchern und vergleicht sie mit der Nacht. Er zeigt, dass die Worte in den Büchern – ähnlich wie Dinge in der Dunkelheit – nicht sichtbar sind, bis Licht auf sie fällt. Erst wenn eine Hand das Buch öffnet, die Seiten aufschlägt und Augen die Schrift betrachten, können die Worte…

    • morgens früh

      morgens früh

      Der Text beschreibt eine frühmorgendliche Szene, in der das lyrische Ich zwischen Schlaf und Wachsein, Träumen und Realität oszilliert. Es thematisiert körperliche Empfindungen (Schweiß, Enge), surreale Bilder (Tiere, Tunnel aus Licht) und eine dörfliche Umgebung (Bauernhäuser, Wiesen, Kirchturm). Die Stimmung ist geprägt von Schwere, Unruhe und einer eigenwilligen Wahrnehmung der Umwelt. Was mir beim Lesen…

    • Ille Chamier – Rosestock Holderblüh

      Ille Chamier – Rosestock Holderblüh

      Ille Chamiers Gedicht Rosestock Holderblüh verdichtet ihre Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zu einer poetischen Collage aus Trauma und Überlebenspoesie. Geboren 1937, erlebte sie die Bombennächte um 1943 – als Sechsjährige – in unmittelbarer existenzieller Bedrohung, wie die Zeilen „horchte ich nach den Bombengeschwadern“ bezeugen. Die Szene der zersplitterten Fenster („Scherben lagen ums Gitterbett“) neben der unverletzten Schwester offenbart…

    • Heil

      Heil

      Annähernd gelesen | Ilse Chamiers Gedicht reflektiert ihre Erfahrungen als Kindergartenkind im nationalsozialistischen Deutschland. Dabei verbindet sie Erinnerungen an Rituale, religiöse Erziehung und Kriegsrealität zu einer erschütternden Collage – ruhig im Ton, aber tiefgründig in der Aussage. Die sprachliche Einfachheit kontrastiert mit der Komplexität des Erlebten. Politische und religiöse Rituale – Spiegelungen von Macht Schon…

    • Pina

      Pina

      Annähernd gelesen | Dieser Tagtext von Ille Chamier, die 3 Jahre dramaturgische Mitarbeiterin am Tanztheater Pina Bausch in Wuppertal war, vermittelt eine bemerkenswert intime und vielschichtige Perspektive auf die berühmte Choreografin und Tänzerin. Die Zeile „ich komme nicht gegen die Pina an“ drückt eine tiefe Anerkennung von Bauschs unbestreitbarer Dominanz und Einzigartigkeit aus. Sie spricht…

    • Abzeichen

      Abzeichen

      In diesem Fall habe ich versucht, mir Ille Chamiers Gedicht „Heil“ über Erzählungen aus der eigenen Familie zu erarbeiten. Daraus ist eine Art Gedicht entstanden: ich war fünf, als mein Bruder das Abzeichen bekamgoldenes Hakenkreuz auf rotem Grunder steckte es sich ans Hemd wie ein Versprechendie Mutter sagte: sei stolz im Schulflur hing der neue…

    • siebenunddreißig geboren

      siebenunddreißig geboren

      Annähernd gelesen | Das Gedicht verdichtet die existenzielle Erfahrung eines Kindes, das 1937 in eine vom Krieg geprägte Welt geboren wird. Schon die nüchterne Eröffnung „siebenunddreißig geboren“ verankert die Verse historisch – eine Generation, deren Kindheit von Bombennächten und Bunkern überschattet war. Die wiederholte Betonung „ich kam auf die Welt“ unterstreicht nicht nur das Wunder des Lebens, sondern auch…

  • Rolf Borzik

    Rolf Borzik

    Bei der Rechcherche zum Fotografen des Umschlagbildes von Tagtexte habe ich dieses Zitat von ihm auf der Seite von Pina Bausch Foundation gefunden:

    „Ich glaube, man muß sehr bescheiden sein in der Wahl eines Stoffes, weil man sich zu einem intimen Freund bekennt, der sich nicht wehren kann. Diese Konfrontation hat die besten Chancen, wenn man mit Demut an seiner eigenen Wirklichkeit zweifeln kann, bis hin zur Zerstörung einer subjektiven Oberfläche. Ich glaube, daß man dann auf dem Weg ist, ein starkes Herz auszugraben, das aus einer starken, einfachen Form besteht. Nach meinem Gefühl ist Inszenieren ein Schöpfungsakt, bei dem man im leeren Raum anfängt vorsichtig zu atmen. Aus dieser Stille sehe ich ein Erwachen des menschlichen Körpers mit seinem gesamten Organismus.

    Was ist das Kriterium, das befähigt, eine Schicht von Gefälligkeit und Fertigkeit abzuschaben bis hin zum naiven Kern? Ich glaube nicht, daß das Wissen ist, weil dies sich zu leicht verbindet mit Überheblichkeit. Vielleicht ist die Wahrheit im kargen Beginn. Um zum Anfang zurückzukehren ist es notwendig, starre Normen und Werte zu zerstören. Wahrscheinlich hilft diese Ursprünglichkeit einen freien Aktionsraum zu schaffen, der uns zu frohen oder grausamen Kindern macht. Ich denke mir, wenn man bemüht ist, an seinen eigenen Anfang zurückzukehren, man ein Reservoir entdeckt, das sehr viel geben kann. Es ist entstanden beim Öffnen der Augen am Morgen.“Rolf Borzik (Notizen: Rolf Borzik und das Tanztheater)

    Was das Zitat für mich bedeutet

    Rolf Borzik spricht hier etwas Grundlegendes an, das nicht nur für darstellende Künste (Inszenieren) gilt, sondern auch für jeden kreativen oder sogar persönlichen Entwicklungsprozess. Meine Kerngedanken:

    Bescheidenheit und Intimität mit dem Stoff: Er betont, wie wichtig es ist, sich dem gewählten Thema oder Material mit großer Achtung zu nähern. Es ist wie eine Freundschaft, in der man die Schwächen des anderen akzeptiert und keine Gewalt anwendet. Das heißt, man sollte sich nicht einfach über den Stoff erheben, sondern ihm Raum geben, sich zu entfalten.

    Zweifel an der eigenen Wirklichkeit und Demut: Der Schlüssel zur Tiefe liegt im Zweifel an der eigenen subjektiven Oberfläche. Das bedeutet, alte Muster, Vorstellungen und sogar das eigene Ego müssen hinterfragt und vielleicht sogar „zerstört“ werden, um zum Wesentlichen vorzudringen. Das erfordert Demut.

    Das „starke Herz“ und die „einfache Form“: Wenn man diese Oberflächen abträgt, entdeckt man etwas Echtes, Authentisches – ein „starkes Herz“, das sich in einer „starken, einfachen Form“ manifestiert. Das ist die Essenz, frei von überflüssigem Ballast.

    Pina Bausch Fondation

    Inszenieren als Schöpfungsakt und das „vorsichtige Atmen“: Er beschreibt den Schöpfungsakt als ein behutsames Beginnen im „leeren Raum“. Es geht nicht um große Gesten, sondern um ein vorsichtiges Erwecken, das aus Stille und Achtsamkeit entsteht. Dies führt zur Entfaltung des Ganzen.

    Der „naive Kern“ und die Zerstörung starrer Normen: Das Zitat kritisiert Wissen, das zu Überheblichkeit führt, und plädiert dafür, Schichten von „Gefälligkeit und Fertigkeit“ abzuschaben, um zum naiven, ursprünglichen Kern zu gelangen. Das erfordert die Bereitschaft, starre Normen und Werte zu durchbrechen. Es geht darum, wieder die Ursprünglichkeit eines Kindes zu finden, das ungefiltert und authentisch agiert – sei es „froh oder grausam“.

    Das „Reservoir beim Öffnen der Augen am Morgen“: Diese Metapher ist wunderschön. Es ist die Rückkehr zum absoluten Beginn, zum Moment des Erwachens, der unverbraucht und voller Potenzial ist. Hier liegt ein unerschöpfliches Reservoir an Kreativität und Wahrheit.

    Für mich ist das Zitat eine Aufforderung, mich von oberflächlichen Erwartungen, erlernten Mustern und intellektuellem Dünkel zu befreien, um eine tiefere, authentischere Form der Kreativität und des Seins zu finden. Es ist ein Plädoyer für Radikalität in der Einfachheit und Authentizität.

    Da ich vornehmlich aktiv lese, habe ich mir Gedanken gemacht, wie mich dies nun in Bewegung bringt.

    Das Zitat selbst ist ja schon eine Anleitung zum Handeln. Ein paar Ideen/Gedankenspiele, Borziks Überlegungen aktiv zu reflektieren (kreativ, persönlich, beruflich):

    „Den Stoff bescheiden wählen“ – Ein bewusster Start:

    Praxis: Wähle ein kleines Projekt, eine Idee, ein Thema (sei es künstlerisch, ein Lernprojekt oder eine persönliche Herausforderung), dem du dich mit maximaler Offenheit und minimalen Vorurteilen näherst. Versuche, nicht von vornherein zu wissen, was das Ergebnis sein soll.

    Fragen zum Reflektieren: Was ist der Kern dessen, was ich tun oder lernen möchte? Welche Erwartungen oder Vorkenntnisse könnte ich bewusst beiseitelegen?

    „Mit Demut an der eigenen Wirklichkeit zweifeln“ – Ein Entblätterungsprozess:

    Praxis: Identifiziere in deinem gewählten Bereich (oder in deinem Leben allgemein) „starre Normen und Werte“, die dich einschränken könnten. Das können Glaubenssätze, perfektionistische Ansprüche, gesellschaftliche Erwartungen oder eingefahrene Arbeitsweisen sein.

    Methode: Versuche eine „Dekonstruktionsübung“: Nimm einen Gedanken oder eine Methode, die du immer anwendest, und frage dich: Warum mache ich das so? Was wäre das Gegenteil davon? Was, wenn ich alle Regeln breche?

    Beispiel: Wenn du schreibst, versuche, mal bewusst ohne Satzzeichen oder in einem völlig neuen Stil zu schreiben. Wenn du ein Problem löst, ignoriere für eine Stunde alle üblichen Lösungswege.

    „Das starke Herz ausgraben“ – Die Suche nach der Essenz:

    Praxis: Konzentriere dich auf die Reduktion. Nachdem du Dinge dekonstruiert hast, frage dich: Was ist das absolut Wesentliche hier? Was bleibt übrig, wenn ich alles Unnötige weglasse?

    Beispiel: Wenn du ein Bild malst, versuche es mit nur einer Farbe. Wenn du sprichst, versuche, deine Botschaft in so wenig Worten wie möglich auszudrücken. Das Zitat spricht von einer „einfachen Form“.

    „Im leeren Raum anfangen vorsichtig zu atmen“ – Achtsamkeit im Schöpfungsprozess:

    Praxis: Egal was du tust, beginne mit einem Moment der Stille und bewussten Wahrnehmung. Bevor du startest, nimm dir 1-2 Minuten, um einfach nur zu atmen und den „leeren Raum“ in dir und um dich herum wahrzunehmen.

    Methode: Übe Achtsamkeit in deinem kreativen Prozess. Konzentriere dich auf den Akt selbst, nicht auf das Ergebnis. Spüre das Material, höre die Geräusche, nimm die Bewegung wahr.

    „Zum Anfang zurückkehren“ – Das „Reservoir beim Öffnen der Augen“:

    Praxis: Nutze den Moment des Erwachens bewusst. Bevor der Tag dich packt, nimm dir einen Moment, um diese ursprüngliche, ungefilterte Wahrnehmung zu spüren. Was kommt dir in den Sinn, wenn dein Geist noch nicht von Gedanken gefüllt ist? Schreibe es auf.

    Anwendung: Versuche, diese kindliche Neugier und Offenheit in deinen Alltag zu integrieren. Stell dir vor, du siehst alles zum ersten Mal. Was fällt dir auf? Wie würdest du reagieren, wenn du keine Vorkenntnisse hättest?

    Ein konkretes Beispiel:

    1. „Bescheidenheit in der Wahl eines Stoffes“ – Das Mikro-Projekt

    Such dir ein kleines, scheinbar unscheinbares Thema oder Material, dem du dich mit voller Hingabe widmest. Der Gedanke ist, dass du dich nicht von der Größe oder dem vermeintlichen „Gewicht“ des Themas einschüchtern lässt, sondern seine inneren Qualitäten erforschst.

    Vorschlag A: Die Materie erkunden. Wähle ein ganz alltägliches Material – einen Stein, ein Stück Holz, ein Blatt Papier, eine alte Stoffserviette, eine Handvoll Sand. Verbringe Zeit damit, dieses Material zu erforschen. Wie fühlt es sich an? Welche Geräusche macht es? Wie reagiert es auf Licht? Wie kannst du es bearbeiten, ohne es zu verändern, nur um seine Essenz zu zeigen? (Z.B. eine Serie von Fotografien, die die Textur des Materials hervorheben; Skulpturen, die seine natürliche Form betonen; Klanginstallationen, die seine Geräusche verstärken).

    Vorschlag B: Ein unsichtbares Phänomen sichtbar machen. Wähle etwas Abstraktes oder Flüchtiges – zum Beispiel die Stille, einen Atemzug, die Zeit, das Warten, eine flüchtige Erinnerung. Wie kannst du diesem immateriellen „Stoff“ eine Form geben, die seine Zerbrechlichkeit und Flüchtigkeit ehrt? (Z.B. eine Klangkomposition aus Stille und minimalen Geräuschen; eine Tanzperformance, die nur aus dem Ein- und Ausatmen besteht; eine Serie von Zeichnungen, die sich auf das Verblassen einer Erinnerung konzentrieren).


    2. „Zweifeln bis zur Zerstörung einer subjektiven Oberfläche“ – Der Dekonstruktions-Akt

    Dieser Vorschlag zielt darauf ab, deine gewohnten Herangehensweisen aufzubrechen und zu hinterfragen. Es geht darum, deine eigene künstlerische „Handschrift“ oder deine Routine bewusst zu stören, um zu einem naiveren, unverstellten Kern vorzudringen.

    Vorschlag A: Das Werk rückwärts erschaffen. Wenn du normalerweise von A nach Z arbeitest, versuche, ein Stück rückwärts zu entwickeln. Beginne mit dem, was normalerweise der letzte Schliff wäre, und arbeite dich zurück zu den Grundelementen. Wenn du malst, beginne mit Details und gehe dann zu groben Formen über. Wenn du schreibst, beginne mit dem Ende der Geschichte. Das zwingt dich, deine übliche Denkrichtung zu verlassen.

    Vorschlag B: Künstliche Barrieren einführen. Lege dir selbst extreme Einschränkungen auf, die dich aus deiner Komfortzone drängen. Zum Beispiel: Male ein Bild mit nur einer einzigen Farbe und einem einzigen Pinselstrich. Schreibe ein Gedicht, das nur aus Verben besteht. Komponiere ein Musikstück mit nur einem einzigen Ton. Die extremen Begrenzungen können überraschende Freiheit und Kreativität freisetzen. Borziks Wunsch, „starre Normen und Werte zu zerstören“, wird hier ganz praktisch umgesetzt.


    3. „Das starke Herz ausgraben“ und „im leeren Raum atmen“ – Der Prozess der Reduktion und Achtsamkeit

    Hier geht es darum, die Essenz zu finden und den Schaffensprozess als einen Akt des vorsichtigen Atmens zu erleben, nicht des forcieren Handelns.

    Vorschlag A: Der 5-Minuten-Essenz-Sketch. Wähle ein Motiv (z.B. ein Gesicht, ein Baum, ein Gebäude) und zeichne es in nur 5 Minuten. Aber nicht irgendwie. Dein Ziel ist es, in diesen 5 Minuten nur die absolut wesentlichen Linien oder Formen einzufangen, die das Motiv unverkennbar machen. Wiederhole das täglich mit verschiedenen Motiven. Das schult deinen Blick für das Wesentliche und zwingt dich zur Reduktion.

    Vorschlag B: Stille-Performance oder Installation. Erschaffe ein kleines Werk, dessen Kern die Stille und der leere Raum ist. Dies könnte eine minimalistische Skulptur sein, die den Raum um sich herum betont, eine Klanginstallation, die aus langen Pausen und nur vereinzelten, leisen Tönen besteht, oder eine Performance, die nur aus langsamen, bewussten Atemzügen besteht. Es geht darum, die Abwesenheit als Präsenz zu erleben und das „vorsichtige Atmen“ spürbar zu machen.


    4. „Reservoir beim Öffnen der Augen am Morgen“ – Das tägliche Ritual

    Dieses Konzept lädt dich ein, die ungefilterte Wahrnehmung des Erwachens zu nutzen.

    Vorschlag: Der Morgen-Impuls. Lege ein Notizbuch und einen Stift direkt neben dein Bett. Wenn du morgens aufwachst, noch bevor du aufstehst oder dich ablenken lässt, notiere sofort alles, was dir in den Sinn kommt – Gedanken, Bilder, Gefühle, Träume. Ohne zu zensieren oder zu bewerten. Das ist dein „Reservoir“. Nutze diese ungefilterten Impulse als Ausgangspunkt für deine künstlerische Arbeit des Tages – vielleicht als Thema für einen Sketch, einen Text, eine Melodie oder einfach nur als Inspiration für einen Gedanken.

    Titelfoto: Oliver Simon

  • Ille Chamier – Lied 76

    Ille Chamier – Lied 76

    Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier keine magische Rettung: „weiß doch selber, daß ichs nicht kann“, gesteht sie resigniert. Während der Mann mit autoritärem Gestus verschwindet („fort geht mein Mann / groß wird sein Wort“), wird die Natur zum Spiegel ihrer Verzweiflung. Die Dämmerung führt ihr handlungsunfähig die Hand, und in der nächtlichen Kammer lacht sie der Mond aus – ein Symbol entfremdeter Weiblichkeit. Am Ende kehrt sie das Märchenmotiv um: Statt Stroh zu Gold zu spinnen, „weinte ich Gold zu Stroh“. Diese Tränen werden zum Sinnbild vergeblicher Anstrengung, innerer Ressourcen, die für fremde Ansprüche vergeudet werden.

    Allerlei Frau - Ille Chamier - SCHREIBEN Frauen Literatur Verlag 1980
    Allerlei Frau – Ille Chamier – SCHREIBEN Frauen Literatur Verlag 1980

    Zeitgeschichtlich wurzelt das Gedicht tief in den Debatten der westdeutschen Frauenbewegung der 1970er Jahre. Die Stroh-zu-Gold-Forderung spiegelt die Doppelbelastung von Beruf und Haushalt, die Feministinnen wie Alice Schwarzer anprangerten. Wirtschaftliche Krisen (Ölpreisschock 1973) unterfüttern die Existenzangst hinter Zeilen wie „das Stroh wird nicht zu Geld“. Chamier nutzt dabei eine bewusst archaisierende Sprache („ward davon froh“), um patriarchale Strukturen als zeitloses Phänomen zu entlarven – eine subversive Strategie im Kontext der „Neuen Subjektivität“, die persönliche Erfahrungen politisch rahmte.

    Als das Gedicht 1980 in der Anthologie „Allerlei Frau“ erschien, erhielt es eine neue Resonanz. Unter dem Motto „Gedichte, Geschichten, Geträumtes von Frauen aus Schreibgruppen“ wurde es zum Teil eines kollektiven weiblichen Erzählens. Was auf den ersten Blick wie naive Märchenlyrik wirkt, entpuppt sich als präziser Kommentar: Die scheinbar private Klage enthüllt, wie traditionelle Machtverhältnisse in modernen Ehen fortwirken. Die Naturbilder – das „Sonnenrad“, das anderen Glück bringt, während die Sprecherin in der „Kammer der Nacht“ gefangen bleibt – verdeutlichen diese soziale Isolation.

    Literarische Schwesterwerke
    Chamiers Text korrespondiert mit Schlüsselwerken des feministischen Aufbruchs:

    „Ich bin eine Frau. Und das ist das Problem.“
    — Verena Stefan, Häutungen (1975)

    Wie Stefan beschreibt Chamier den Körper als Ort der Entfremdung: Der Mond als Symbol weiblicher Zyklen wird zum Peiniger. Die „Kammer der Nacht“ erinnert an die „Beklemmungsräume“ in Sarah Kirschs Gedichtzyklus Zaubersprüche (1973). Doch Chamier geht weiter: Ihr „Sonnenrad“ – ein traditionelles Lebenssymbol – dient anderen zur Freude („mancher ward davon froh“), während die Sprecherin ausgeschlossen bleibt.

    Die Pointe für heute
    Als das Gedicht 1980 in der Anthologie Allerlei Frau erschien, wurde es als „geträumtes“ Dokument weiblicher Innerlichkeit gelesen. Doch die Neubetrachtung zeigt: Es ist kein Traum, sondern eine Anklage in Märchengewand. Chamier nutzt die scheinbar naive Form, um fundamentale Machtungleichheiten zu entlarven. Ihr Schlussvers – „da weinte ich Gold zu Stroh“ – antizipiert heutige Debatten um emotionale Arbeit und Burnout bei Frauen.

  • Udo Degener

    Udo Degener

    „Meine Gedichte sind kleine Bestände im Warenlager der Poesie.“

    Mit dieser Setzung beschreibt Udo Degener in Poesiealbum 244 eine Poetik, die auf Umlauf, Begrenzung und Gebrauch zielt. Die Gedichte erscheinen nicht als auratische Einzelstücke, sondern als Bestand, Material, Versuch. Die wiederholte Formel „Meine Gedichte sind“ erzeugt dabei keine Definition, sondern eine Abfolge von Verschiebungen: vom Papier über das Lager bis zur Infragestellung der Autorschaft selbst. Am Ende heißt es folgerichtig: „Meine Gedichte sind nur manchmal meine Gedichte.“

    Das Poesiealbum 244 versammelt kurze, oft streng geführte Texte, die mit Wiederholung, Variation und präziser Setzung arbeiten. Pathos und psychologische Ausdeutung werden vermieden. Stattdessen stehen Verfahren im Vordergrund: Reduktion, Regelhaftigkeit, ein klarer gedanklicher Schlusspunkt. Gedichte werden als handhabbare Einheiten behandelt, nicht als Bekenntnisse.

    Diese Arbeitsweise steht in einem sachlichen Zusammenhang mit Degenerns Tätigkeit als Schachkomponist. Auch dort bestimmen formale Vorgaben, ökonomischer Materialeinsatz und die Suche nach einer klaren Lösung die Arbeit. Degener trägt den Titel eines Großmeisters für Schachkomposition; seine Probleme entstehen innerhalb klar definierter Regeln und zielen auf gedankliche Präzision.

    Degener veröffentlicht seine literarischen und schachkompositorischen Arbeiten unter anderem in einem eigenen Verlag. Die Publikationspraxis bleibt bewusst überschaubar und unabhängig von marktgängigen Formaten.

    Udo Degener, geboren 1959 in Nordhausen, lebt und arbeitet als Autor und Schachkomponist in Potsdam.

    • Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

      Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

      Der Titel selbst setzt schon den Ton. „Roggenmuhme“ klingt nach Volksüberlieferung, nach Figur zwischen Märchen und bäuerlicher Mythologie. Bei Lindemann wird daraus aber kein folkloristisches Spiel. Diese Figuren stehen eher am Rand des Sagbaren – sie markieren, wie stark Landschaft und Imagination ineinandergreifen. Roggenfeld, Wind, Jahreszeiten: Das ist keine Kulisse, sondern ein Wahrnehmungsraum, in dem…

    • Werner Lindemann

      Werner Lindemann

      WWerner Lindemann (1926–1993) gehört zu den Autoren der DDR, die sich einer schnellen Einordnung entziehen. Weder zählt er zu den exponierten Stimmen des literarischen Betriebs noch verschwindet er ganz in dessen Randzonen. Seine Texte bewegen sich in einem Zwischenbereich: unauffällig in der Form, präzise in der Beobachtung, zurückhaltend im Ton. Sein Weg zur Literatur ist…

    • die horen 250 – Pressköter und Tintenstrolche

      die horen 250 – Pressköter und Tintenstrolche

      Dieser Band kam aus dem Antiquariat. Dabei läuft die horen seit einiger Zeit im Abo — das aktuelle Heft liegt neben dem Schreibtisch. Aber dieser hier, der 250., ist ein anderes Ding: eine Ausgabe, die innegehalten hat. Die sich umgedreht und auf das geschaut hat, was sie selbst ist. Seit 1955 erscheint die Zeitschrift —…

    • Gesperrte Ablage – Ines Geipel & Joachim Walther

      Gesperrte Ablage – Ines Geipel & Joachim Walther

      Gesperrte Ablage. Unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945–1989Ines Geipel / Joachim Walther, Lilienfeld Verlag Mit Gesperrte Ablage legen Ines Geipel und Joachim Walther eine Literaturgeschichte vor, die lange nicht erzählt worden ist – und strukturell nicht erzählt werden konnte. Das Buch rekonstruiert jene literarischen Stimmen der DDR, die nicht publiziert, nicht rezipiert, nicht erinnert werden durften.…

    • LiteraturMagazine – Kulturraum Elbe-Oder

      LiteraturMagazine – Kulturraum Elbe-Oder

      Ein besonderer Schwerpunkt meiner Lektüre liegt auf Literaturmagazinen aus der ehemaligen DDR. Viele dieser Zeitschriften existieren heute nicht mehr oder haben ihren institutionellen Rahmen verloren. Gerade deshalb sind sie für mich von besonderem Interesse. Nicht als historische Kuriositäten, sondern als Dokumente einer spezifischen literarischen Praxis, in der ästhetische Entscheidungen, politische Bedingungen und editorische Arbeit eng…

    • Elisabeth Wesuls – Geschichte

      Elisabeth Wesuls – Geschichte

      Tarnung, Enttarnung und das Unheimliche der Kontinuität. Annähernd gelesen | Beim ersten Lesen von Elisabeth Wesuls Miniatur gibt es diesen Moment des Innehaltens. Fast eine Schrecksekunde. Nicht wegen der historischen Kulisse, nicht wegen der Ideologie. Sondern wegen eines Namens. Zunächst bleibt alles im Bereich des Hörensagens. „Man erzählt“, „manche sagen“, „die Leute, die das erzählen“.…

    • Wolfgang Mattheuers Gedicht „August 1968″ zum Prager Frühling

      Wolfgang Mattheuers Gedicht „August 1968″ zum Prager Frühling

      26. August 1968 | An diesem Tag unterschreibt Alexander Dubček in Moskau unter massivem Druck das Protokoll, das die Niederschlagung des Prager Frühlings besiegelt. Die Panzer sind bereits fünf Tage zuvor einmarschiert, aber erst jetzt, an diesem Dienstag im August, wird die Kapitulation offiziell. Die Hoffnung auf einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ ist Geschichte. An…

    • Kulturraum Elbe – Oder

      Kulturraum Elbe – Oder

      EEntdeckungsreisen | Ich lebe in der niedersächsischen Elbtalaue, im ehemaligen Grenzgebiet. Von hier aus nähere ich mich der Kultur zwischen Elbe und Oder – über Gespräche, Erkundungen vor Ort, Bücher, Bilder, Grafiken. Den ersten Anstoß gab ein Kunstverein in der Nachbarschaft. Im Programm des Kunstfleck Dahlenburg begegnete ich Kunstschaffenden und Schreibenden, deren Arbeiten mich angezogen…

    • Weg in die Wische – bewegend gelesen

      Weg in die Wische – bewegend gelesen

      Die Wische ist eine einzigartige Landschaft im Nordosten der Altmark in Sachsen-Anhalt, die von ihrer Geschichte als ehemaliges Überflutungsgebiet der Elbe geprägt ist. Sie ist bekannt für ihre weiten, flachen Flächen, die besonders in den nassen Jahreszeiten eine Herausforderung für Reisende darstellen können. Adolf Endler beschreibt in seinem Text aus dem Jahr 1958 eindrücklich die…

    • Adolf Endlers Erinnerungen an die Entstehung seines Debüts „Weg in die Wische“

      Adolf Endlers Erinnerungen an die Entstehung seines Debüts „Weg in die Wische“

      Adolf Endler beschreibt in seinem Text die Entstehung seines ersten Buches, „Weg in die Wische“, das 1960 erschien. Dabei schildert er nicht nur die landschaftlichen Eindrücke der Wische, sondern auch seine äußerst kritische und ablehnende Haltung gegenüber dem Werk. Endler beginnt mit einer stimmungsvollen Beschreibung der altmärkischen Wische im Spätherbst. Er schildert die matschigen, unwegsamen…

    • Udo Degener

      Udo Degener

      „Meine Gedichte sind kleine Bestände im Warenlager der Poesie.“ Mit dieser Setzung beschreibt Udo Degener in Poesiealbum 244 eine Poetik, die auf Umlauf, Begrenzung und Gebrauch zielt. Die Gedichte erscheinen nicht als auratische Einzelstücke, sondern als Bestand, Material, Versuch. Die wiederholte Formel „Meine Gedichte sind“ erzeugt dabei keine Definition, sondern eine Abfolge von Verschiebungen: vom…

    • Warum Adolf Endler lesen?

      Warum Adolf Endler lesen?

      Adolf Endler (1930-2009) war eine singuläre Erscheinung in der deutschsprachigen Literatur, ein Dichter, Essayist und Prosaist, dessen Werk sich der Kategorisierung oft entzieht. Gerade der Gesprächsabend „dies sirren“ mit Renatus Deckert, benannt nach einem seiner zentralen Gedichte, ist ein guter Ansatzpunkt, um sich ihm zu nähern, denn Endler war ein Meister des Gesprächs, der Anekdote…

    • Renatus Deckert

      Renatus Deckert

      Renatus Deckert (*1. Mai 1977 in Dresden) ist ein deutscher Autor, Herausgeber und Literaturwissenschaftler. Er studierte Literatur und Philosophie in Hamburg, Berlin und Paris. 2009 promovierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit über das Motiv des zerstörten Dresden im Werk der Dichter Volker Braun, Heinz Czechowski und Durs Grünbein. Von 1997 bis…

    • Volk und Welt – „Erkundungen“

      Volk und Welt – „Erkundungen“

      Die Buchreihe „Erkundungen“ – Ein Fenster zur Weltliteratur von der DDR aus gesehen | Zwischen 1966 und 1996 erschienen im Ost-Berliner Verlag Volk und Welt 64 schmale Bände unter dem Reihentitel „Erkundungen“. Jeder Band versammelte Erzählungen aus einem Land oder einer Region – „X Erzähler aus Y“ lautete die Formel. Chile, Vietnam, Belgien und die…

  • Kurt Marti | Zärtlichkeit und Schmerz

    Kurt Marti | Zärtlichkeit und Schmerz

    «Jeder Terror rechtfertigt sich mit objektiver Notwendigkeit. Um so mehr gilt es, unbeirrt subjektiv zu sein.»

    Kurt Marti

    Dieses Buch von Kurt Marti aus dem Jahre 1979 trägt den Titel : Zärtlichkeit und Schmerz | Notizen. Die Formulierung wirkt auf eine überraschende, fast provokative Art emotional und subjektiv, was umso mehr auffällt, als der Autor sonst einen mehr sachlichen Ton bevorzugt und übrigens seit jeher als einer der profiliertesten Vertreter der sogenannten «engagierten» Literatur angesehen wird. Sein ProsaWerk, das politische Tagebuch «Zum Beispiel Bern 1972» gilt als ein Höhepunkt der politisch gerichteten Literatur der 1960er Jahre; es hat seinerzeit auch entsprechend Staub aufgewirbelt (auch wenn sich dadurch die Verhältnisse nicht geändert haben).
    Politik und Subjektivität, das Allgemeine und der Einzelne, das Öffentliche und das Private sind in der schweizerischen Literatur nie getrennte Bereiche gewesen, am wenigsten in den wirklich bedeutenden und repräsentativen Werken. Das literarische Schaffen Martis ist ein Beispiel dafür.

    Schon «Zum Beispiel Bern 1972» ist bewusst als Tagebuch konzipiert und nicht etwa als Pamphlet; es enthält nicht nur Polemik, sondern zugleich den Ansatz zu einer Art «Innerlichkeit der Politik» (am deutlichsten vielleicht in der Frage, ob Menschen verschiedener politischer Richtungen auch unterschiedliche Träume hätten). In «Zärtlichkeit und Schmerz» finden sich ebenfalls viele tagebuchartige Passagen und eine stark persönliche Färbung.

    Das Buch in meinem Bucherregal

    Der Titel bezieht sich nicht auf das Erleben des Autors; er gehört vielmehr in den theologischen Kontext des Buches, als Teil einer Neudefinition Gottes, der in dezidierter Ablehnung der «männlichen» Vorstellung eines allmächtigen, überhaupt eines mit dem Machtbegriff zu erfassenden Gottes identifiziert wird mit «Liebe, Zärtlichkeit, Schmerz».
    So ist denn dieses Werk Martis ein primär theologischer Text, anzugehen mit den entsprechenden Begriffen und Fragestellungen?

    Vielleicht ist tatsächlich seit den «Gedichten am Rand» das Theologische in seinen Büchern nie so deutlich, so explizit formuliert worden, aber was hier als Theologie auftritt, ist so unorthodox und unkonventionell, dass jede nicht-theologische Interpretation ebenso richtig, vielleicht sogar passender ist. Dies auf den ersten Blick so einfache, verständliche, ja umgängliche Buch ist im Grunde ein umfassendes Werk, ein Versuch, in einer Vielzahl von kurzen Texten (Ansätze zu Erzählungen, Mini-Essays, Aphorismen, spruchartige Sätze, lyrische Prosa, Blitzlichter der Beobachtung) Vielfältiges und Gegensätzliches zusammenzubringen; ein verwirrendes und doch sinnvolles Puzzle, Spiegelung eines vielfältigen Eindrücken ausgesetzten zeitgenössischen Bewusstseins.

    Allmacht | Gott kann nicht einmal abdanken, d.h. einer Machtposition entsagen, weil er eine solche nie innegehabt hat.

    Ein Tagebuch ist es allerdings nicht; die Form ist trotz des beiläufig anmutenden Untertitels strenger und anspruchsvoller: die Notizen enthalten, was sich dem Tag an Erkenntnis abgewinnen lässt, die den Tag überdauert, ohne ihm doch entrückt zu sein, geformt und fragmentarisch zugleich. Ob alles an diesen Einfällen, Beobachtungen, Gedanken des Aufzeichnens wert sei – ich habe die Frage mit dem Ton des Zweifels, der leisen Kritik gehört, und es gibt gewiss unter den aphoristischen Bemerkungen ein paar mehr beiläufig formulierte Sätze, die allein das Buch nicht tragen könnten, es freilich auch nicht tragen müssen. Aber vielleicht sind in einem Buch wie «Zärtlichkeit und Schmerz» auch die beiläufigen Bemerkungen ein rascher Einfall, eine halb spielerische Formulierung, Ausdruck des Ärgers notwendig. Denn die «Notizen» sollen auf keinen Fall gelesen werden als eine Blütenlese von Sentenzen, überzeitlich und vollkommen.
    Noch in keinem bisherigen Buch Martis hat der Alltag eine so wichtige Rolle gespielt wie hier, und wenn es sich auch um ein im wesentlichen theologisches Buch handelt, dann nur in dem Sinn, dass Theologie den Alltag und dessen Banalität nicht ausklammert.

    «Der Tiefenpsychologie verdanken wir die Einsicht, dass die wahren Mysterien weder eleusisch noch tibetanisch, weder transzendent noch okkult, sondern alltäglich sind»: ein nicht leicht zu deutender, jedoch zentraler Satz.

    Es gibt sehr wenig reine Spekulation in diesem Buch, aber sehr viel Nachdenken über grundsätzliche, sogenannte «letzte» Fragen aufgrund von Alltagserfahrungen. Unter dem Titel des vierten Kapitels «Hader mit Leibniz» steht nicht etwa ein philosophisches Streitgespräch, sondern die Erfahrung eines alten Mannes, der am Sterbebett seiner Frau (die nur noch in «arteriosklerotischer Bosheit dahindämmert») den leicht, aufklärerischen Traum von der besten aller möglichen Welten begräbt.
    So wenig aber Theologie und Alltag getrennte Bereiche sind, so wenig lassen sich – um noch einmal auf die eingangs aufgeworfene Frage zu Politik und Subjektivität kommen – voneinander lösen. Ich möchte sogar behaupten, dass «Zärtlichkeit und Schmerz» über eine gehörige politische Kraft verfügt, nicht wegen der im eigentlichen Sinn politischen Sätze, sondern gerade in den scheinbar nur subjektiven Notizen der Selbstbeobachtung, der auf das Ich und seine unmittelbare Umwelt bezogenen Reflexion.

    «Jeder Terror rechtfertigt sich mit objektiver Notwendigkeit. Umso mehr gilt es, unbeirrt subjektiv zu sein.»

    Es gehört für mich zu den Büchern, die beweisen, dass Subjektivität und Politik tatsächlich nahe zusammengehören können, und ist gerade in diesem Punkt repräsentativ für Veränderung des politischen Klimas. Mit den Begriffen «links» und «rechts» – die vor Jahren noch einigermaßen tauglich waren – ist dem Engagement des Schriftstellers nicht beizukommen: es ist komplexer, reicher geworden, dabei aber keineswegs weniger verbindlich, weniger ernst: als Auflehnung des Lebendigen gegen eine Welt der Leistung, des Spiels gegen die Herrschaft der Technik, der Unruhe und Frage gegen die falschen Sicherheiten, der Liebe gegen das Machtdenken.

    Die Notizen Martis enthalten viel von den Gedanken, auch von der Atmosphäre der späten 1970er Jahre; was sie aber nicht enthalten obgleich der Autor sehr genau darum weiß ist: Resignation. Vielmehr findet immer wieder Auflehnung gegen diese Krankheit der Zeit statt, bei aller Skepsis, bei allem Widerstand gegen falsche Hoffnungen. Um noch einmal auf den theologischen Aspekt des Buches zu kommen:

    «Gott? Jener Große, Verrückte, der noch immer an den Menschen glaubt.»

    Der Autor || Kurt Marti (* 31. Januar 1921 in Bern; † 11. Februar 2017 ebenda) war ein Schweizer Pfarrer und Schriftsteller. Er studierte Jura und Theologie in Bern und Basel. 1977 wurde er zum Ehrendoktor der Universität Bern ernannt. 1979 erhielt er den Kurt-Tucholsky-Preis. Seine Gedichte wurden in 14 Sprachen übersetzt.

  • Wolken und Kastanien – Der Newsletter von Renatus Deckert

    Wolken und Kastanien – Der Newsletter von Renatus Deckert

    St. Johannis, die älteste der drei großen Lüneburger Kirchen, war für mich vor allem eins: schmuddeliger Durchgangsort. Abfall in den Ecken, trunkene Menschen auf den Stufen, Tauben, die ihre Spuren hinterließen. Ich bin oft daran vorbeigegangen, ohne hinzusehen.

    Dann las ich Renatus Deckerts Text über diese Kirche. Kennengelernt hatte ich ihn bei einem Schreibworkshop im Literaturbüro Lüneburg, wo er auch seinen Newsletter vorstellte. St. Johannis war der erste Beitrag, den ich las, und danach habe ich angefangen, genauer hinzuschauen. Die beiden anderen Hauptkirchen mag ich immer noch lieber, aber etwas ist hängengeblieben: seine Erzählweise, sein Blick auf die Umgebung. Tastende Herzlichkeit, so würde ich das nennen. Er schaut hin, ohne zu beschönigen, aber auch ohne abzuurteilen. Er nimmt sich Zeit.

    So sind seine Texte. Man steigt irgendwo ein – bei einer Kirche, bei Kühen auf dem Weg zur Elbe, bei Kastanien im Großen Garten – und ist, ehe man es merkt, mittendrin in einer Geschichte, die größer ist als ihr Anlass. Deckert mäandert, aber nie beliebig. Seine Assoziationen haben eine innere Logik, die sich erst beim Lesen erschließt. Am Ende versteht man: Es ging nie nur um St. Johannis oder die Elbe. Es ging um Erinnerung, um das, was bleibt, um die Frage, wie man auf Dinge schaut.

    Als ich seinen Text über die Elbe las – über Kühe, die zur Grenze liefen, über Kindheitsträume vom Fliehen und einen Fluss, der zwei Welten trennte –, verstand ich plötzlich etwas über meinen eigenen Ort. Ich lebe seit vierzehn Jahren hier, aber erst Deckerts Blick von außen zeigte mir, was es heißt, an einem Fluss zu leben, der einmal eine Grenze war. Manchmal braucht es das: jemanden, der fremd ist und trotzdem genau hinschaut.

    „Wolken und Kastanien“ heißt der Newsletter, den Deckert monatlich über Steady verschickt. Der Titel ist Programm: das Konkrete und das Flüchtige, Kastanien, die man in der Hand hält, und Wolken, die vorüberziehen. Deckert schreibt über das Schreiben, über Bücher, die ihn beschäftigen, über Spaziergänge im Dresdner Großen Garten, wo er früher lebte. Aber vor allem schreibt er, wie jemand denkt – in Sprüngen, Wendungen, mit der Geduld für Umwege, die sich am Ende als notwendig erweisen.

    Klemperers Stimme in Klassenzimmern

    Seit über zwanzig Jahren trägt Deckert Victor Klemperers Tagebücher in Schulen. „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ – die Aufzeichnungen eines jüdischen Romanisten, der die NS-Zeit in Dresden überlebte, knapp, durch Zufall und durch seine „arische“ Frau Eva. Deckert liest daraus vor, nicht als Historiker, sondern als jemand, der die Orte kennt: die „Judenhäuser“, in denen Klemperer leben musste, die Straßen, durch die die Deportationen gingen. Er macht Lokalgeschichte greifbar, und er lässt die Schüler danach reden.

    „Wie viele Freiheiten wurden Juden geraubt?“ fragt er. „Was tun gegen heutigen Extremismus?“ Die Antworten kommen nicht sofort. Eine Lehrerin beschrieb es so: „Stille im Raum und zahlreiche Fragen danach.“ Das ist das Gegenteil von Geschichtsunterricht als Pflichtprogramm. Deckert inszeniert nicht, er übersetzt – zwischen Archiv und Gegenwart, zwischen Klemperers Scham („Ich empfinde eigentlich mehr Scham als Angst“) und der Frage, was das heute bedeutet.

    Seit 2022 macht er das auch digital, zu Holocaust-Gedenktagen, in Online-Lesungen. Parallel schreibt er über diese Arbeit – in seinem Newsletter, in Essays für die Süddeutsche Zeitung, in seinem Roman „Das Japanische Palais“, der die Bombennacht Dresdens 1945 erzählt. Die Themen kreisen um dasselbe: um Erinnerung, die übersetzt werden muss, damit sie nicht verstummt.

    Deckerts Newsletter ist kein Newsfeed.

    Man abonniert ihn nicht, um auf dem Laufenden zu bleiben, sondern um begleitet zu werden – beim Nachdenken, beim Assoziieren, beim langsamen Verstehen von Dingen, die man schon zu kennen glaubte. Seine Texte öffnen (Denk)Räume. Literatur ist nicht Dekoration, sondern (s)eine Art, die Welt zu lesen.

    Diese tastende Herzlichkeit, mit der Deckert schaut, das ist es, was hängen bleibt. Nicht nur bei St. Johannis, auch bei der Elbe, bei den Geschichten über Klemperer, bei den Kastanien im Großen Garten. Man lernt, genauer hinzusehen. Und manchmal versteht man dann auch etwas über den eigenen Ort, über das, was man täglich übersieht.

    Den Newsletter kann man kostenlos über Steady abonnieren. Deckert bittet um freiwillige Unterstützung, weil er als freier Autor arbeitet. Aber eigentlich ist es umgekehrt: Man unterstützt ihn nicht, man wird unterstützt – beim Denken, beim Erinnern, beim Versuch, die Welt etwas genauer zu verstehen.

    Wolken und Kastanien
    Newsletter von Renatus Deckert

    Erscheinungsweise: monatlich
    Plattform: Steady
    Preis: kostenlos (freiwillige Unterstützung möglich)
    Link: steadyhq.com/de/renatus-deckert

    Renatus Deckert, geboren 1972 in Dresden, ist Schriftsteller, Herausgeber und Literaturwissenschaftler. Er lebt in seiner Geburtsstadt und arbeitet als freier Autor. Zu seinen Veröffentlichungen gehören der Roman „Das Japanische Palais“ (2021) über die Bombardierung Dresdens sowie Essays und literaturwissenschaftliche Arbeiten. Seit über zwanzig Jahren liest Deckert in Schulen aus Victor Klemperers Tagebüchern „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ und leistet damit wichtige Erinnerungsarbeit zur NS-Zeit.is zum letzten“ und leistet damit wichtige Erinnerungsarbeit zur NS-Zeit.

    • Das erste Buch: Eine Anthologie über literarische Debüts

      Das erste Buch: Eine Anthologie über literarische Debüts

      Renatus Deckerts „Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt“, erschienen 2007 im Suhrkamp Verlag, ist eine Anthologie, die sich der Bedeutung des ersten veröffentlichten Werks von Autoren widmet. Für dieses Projekt bat Deckert fast einhundert deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller, ihre Gedanken und Erfahrungen zu ihrem Debüt in einem Text zu formulieren, oft Jahrzehnte nach…

    • Wolken und Kastanien – Der Newsletter von Renatus Deckert

      Wolken und Kastanien – Der Newsletter von Renatus Deckert

      St. Johannis, die älteste der drei großen Lüneburger Kirchen, war für mich vor allem eins: schmuddeliger Durchgangsort. Abfall in den Ecken, trunkene Menschen auf den Stufen, Tauben, die ihre Spuren hinterließen. Ich bin oft daran vorbeigegangen, ohne hinzusehen. Dann las ich Renatus Deckerts Text über diese Kirche. Kennengelernt hatte ich ihn bei einem Schreibworkshop im…

    • Warum Adolf Endler lesen?

      Warum Adolf Endler lesen?

      Adolf Endler (1930-2009) war eine singuläre Erscheinung in der deutschsprachigen Literatur, ein Dichter, Essayist und Prosaist, dessen Werk sich der Kategorisierung oft entzieht. Gerade der Gesprächsabend „dies sirren“ mit Renatus Deckert, benannt nach einem seiner zentralen Gedichte, ist ein guter Ansatzpunkt, um sich ihm zu nähern, denn Endler war ein Meister des Gesprächs, der Anekdote…

    • Dies Sirren – Adolf Endler im Gespräch mit Renatus Deckert

      Dies Sirren – Adolf Endler im Gespräch mit Renatus Deckert

      LektüreNotizen | Eingeleitet ist dieser Gesprächsband mit dem Abdruck einer handschriftlichen Version seines titelgebenden Gedichts aus dem Jahre 1971: Dies Sirren Und wieder dies Sirren am Abend. Es gilt ihnen scheint es für SingenIch boxe den Fensterladen auf und rufe He laßt mich nicht ratenIhr seid es Liliputaner das greise Zwergenpaar van der KlompenCui bono…

    • Renatus Deckert – Plötzensee

      Renatus Deckert – Plötzensee

      Das Gedicht beschreibt den Besuch eines Ortes, der als Hinrichtungsstätte diente. Der Raum wird sachlich geschildert: Unter der Decke sind Haken und ein schwarzer Balken sichtbar. Die kahlen, grauen Wände umschließen eine leere Stille, in die man vorsichtig hineintritt. Diese Stille wird als drückend beschrieben – wie Steine auf der Zunge oder ein einhüllender Rauch.…

    • Renatus Deckert

      Renatus Deckert

      Renatus Deckert (*1. Mai 1977 in Dresden) ist ein deutscher Autor, Herausgeber und Literaturwissenschaftler. Er studierte Literatur und Philosophie in Hamburg, Berlin und Paris. 2009 promovierte er an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit über das Motiv des zerstörten Dresden im Werk der Dichter Volker Braun, Heinz Czechowski und Durs Grünbein. Von 1997 bis…

  • Weibliche Perspektiven in der Literatur

    Weibliche Perspektiven in der Literatur

    In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen.

    Hier geht es nicht um „typisch weiblich“, sondern um das Reflektieren sozial geprägter Erfahrungsräume. Um Perspektiven, die im literarischen Kanon lange marginalisiert und oft aktiv verdrängt wurden und heute einen anderen Blick auf Beziehungen, Körper, Macht und Sprache selbst eröffnen. Rachel Cusk lässt ihre Erzählerin verschwinden, um Raum für andere Stimmen zu schaffen. Gioconda Belli dreht historische Narrative um. Kathrin Niemela verbindet Hexenverbrennungen mit ertrinkenden Geflüchteten im Mittelmeer.

    Weibliche Perspektiven in der Literatur ist ein Leseprojekt aus männlicher Perspektive: Wie verändert sich mein Verstehen, wenn ich mich auf Erfahrungen einlasse, die nicht meine eigenen sind? Wo höre ich zu, statt zu bewerten? Welche blinden Flecken werden sichtbar – nicht um sie zu rechtfertigen, sondern um sie anzuerkennen? Es geht nicht darum, alles gutzufinden, sondern darum, andere Lebensrealitäten als gleichwertig stehen zu lassen.“

    Diese Rubrik lebt vom Austausch: Wenn du Texte kennst, die hier fehlen, oder anders über das Gelesene denkst – wenn Sie Texte kennen, die hier fehlen oder anders über das Gelesene denken: ich freue mich über Hinweise, Widerspruch und Empfehlungen.

    • Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es…

    • Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung: Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich…

    • Nathalie Schmid: der geschmack von kartoffeln

      Nathalie Schmid: der geschmack von kartoffeln

      Nathalie Schmids Gedicht „der geschmack von kartoffeln“ porträtiert „einen schlag von frauen“ durch eine Collage körperlicher und alltäglicher Details, die auf den ersten Blick schlicht dokumentarisch wirken. Doch zwischen den Zeilen entfaltet sie eine Dichte, die mich bekümmert: ein Leben, das nur noch rückblickend Bedeutung hat. Verschlossene Innenwelten Die Frauen des Gedichts zeigen sich in…

    • Ein Zimmer für sich allein

      Ein Zimmer für sich allein

      Eine Begegnung mit Virginia Woolf über Umwege – Ausgangspunkt: Eine Lithographie von Wolfgang Mattheuer Manchmal führen merkwürdige Wege zu einem Text. In meinem Fall begann es mit einer Lithographie des DDR-Künstlers Wolfgang Mattheuer in dem Band „Äußerungen“. Zu finden ist der Druck vor dem ersten Texteintrag, trägt den Titel „Abendliches Studium“ und stammt aus dem…

    • Den Mund über Wasser halten

      Den Mund über Wasser halten

      Ein Essay über männliche Verantwortung im Angesicht von Femiziden I. Das Gedicht als Warnsignal Kathrin Niemelas Gedicht „Beckenendlage“ beginnt mit einem medizinischen Begriff – einer riskanten Geburtslage – und endet im Ertränkungsbecken. Es verbindet die Hinrichtung verurteilter „Hexen“ im isländischen Drekkingarhylur mit Agnes Bernauer in der Donau und mit den ertrinkenden Frauen im Mittelmeer. Der…

    • Rachel Cusks „Outline“ – Die Kunst des Verschwindens

      Rachel Cusks „Outline“ – Die Kunst des Verschwindens

      Rachel Cusks „Outline“ (2014, dt. „Outline – Von der Freiheit, ich zu sagen“) markiert einen radikalen Neuanfang in ihrem Werk. Nach zwei autobiografischen Büchern über Scheidung und Mutterschaft, die ihr heftige Kritik einbrachten, entwickelt die britische Autorin (*1967) eine völlig neue Erzählform: Sie lässt ihre Ich-Erzählerin beinahe verschwinden. Eine Erzählerin ohne Geschichte Eine namenlose Schriftstellerin…

    • Gioconda Bellis Maurenlegende. Moderne Version

      Gioconda Bellis Maurenlegende. Moderne Version

      Ich sehe von fern das Land, das ich verließ. Ich beweine als Frau, was ich als Mann nicht zu verteidigen wusste. Die historische Vorlage: Der Seufzer des Mauren Dieses kurze, aber kraftvolle Gedicht von Gioconda Belli nimmt Bezug auf eine der bekanntesten Erzählungen der spanischen Geschichte: die Legende vom „Seufzer des Mauren“ (el suspiro del…

    • Himbeeren – Valerie Zichy

      Himbeeren – Valerie Zichy

      HIMBEEREN das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über-all die…

    • Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

      Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

      Manchmal landet man durch Zufall bei einem Lied, das einen nicht mehr loslässt. Bei mir war es eine Recherche zu Grit Lemkes Kinder von Hoy, die mich über den Singeklub Hoyerswerda zu Gundi und schließlich zu ihrer Tochter Linda Gundermann führte. Ihr Lied „Bindungsstil“ ist mir dabei begegnet – und ich höre es seitdem immer…

    • Jane Wels‘ Sandrine

      Jane Wels‘ Sandrine

      Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…

    • Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…

    • BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…

    • Safiye Can – Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung

      Safiye Can – Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung

      Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021 Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In…

    • Ille Chamier – Lied 76

      Ille Chamier – Lied 76

      Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…

    • Weibliche Perspektiven in der Literatur

      Weibliche Perspektiven in der Literatur

      In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen. Hier…

    • Fünf Teller. / Fünf Hemden. / Fünf Sätze. / Keiner ganz.

      Fünf Teller. / Fünf Hemden. / Fünf Sätze. / Keiner ganz.

      Ille Chamiers Stil ist schwer zu imitieren – weil er nicht nur Technik, sondern eine Haltung ist. Ihre Sprache wirkt wie gehämmertes Geröll: kantig, verdichtet, mit plötzlichen Bildsprüngen. Ein Gedicht zum Thema „Sorgearbeit und Schreiben“ hätte bei ihr möglicherweise so geklungen: Mögliche Stilmerkmale (rekonstruiert aus ihren Texten): Lakonische Präzision:Nicht:„Die Last der unendlichen Pflichten drückt mich…

    • Ille Chamier – Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…

      Ille Chamier – Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…

      Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen: Die Last der unsichtbaren Arbeit Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:…

    • Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

      Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

      Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…

    • Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

      Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

      Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…

    • Körper als Archiv

      Körper als Archiv

      In Annette Hagemanns „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ offenbart sich der Körper als ein vielschichtiges Archiv, in dem die Spuren der Herkunft auf ebenso subtile wie prägnante Weise gespeichert sind. Vordergründig scheinen die Erbschaften des lyrischen Ichs in ihrer Konkretheit begrenzt: die spezifische „Form der Röte auf den Wangen“, ein genetisches Vermächtnis der Mutter, das den…

    • Annette Hagemann – MEINE ERBSCHAFT IST DIESE

      Annette Hagemann – MEINE ERBSCHAFT IST DIESE

      Annette Hagemanns Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ setzt sich behutsam mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung auseinander. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt – die spezifische Röte der Wangen der Mutter, eine deformierte Jazzplatte aus New York, ein unscheinbarer Koi des Vaters –, erscheinen zunächst als marginale Alltagsfragmente. Doch…

    • Widerstand gegen Femizide: Von historischen Gegenstimmen zu aktuellen Bewegungen

      Widerstand gegen Femizide: Von historischen Gegenstimmen zu aktuellen Bewegungen

      Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Ausgangspunkt ist das Gedicht BECKENENDLAGE von Kathrin Niemela. Drekkingarhylur, Island Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt,…

    • David Szalays „Was ein Mann ist“

      David Szalays „Was ein Mann ist“

      David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär…

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