Kategorie: Angeregte Dialoge

Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.

In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.

  • Angeregte Dialoge

    Angeregte Dialoge

    Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.

    In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.

    Günter Abramowski – Lyriker

    Günter Abramowski

    wer ist wir (2024)

    zu sein / das haus / auf dem weg (2022)

    Der Autor

  • Karten zeichnen wie früher — ein Versuch

    Karten zeichnen wie früher — ein Versuch

    In Hansjörg Schertenleibs Erzählung Der Antiquar gibt es eine Stelle, an der der Protagonist als Kind einen See kartiert. Mit eigenen Mitteln, aus eigener Anschauung. Diese Stelle hat mich nicht losgelassen.
    Vor Satelliten und Luftbildern kannte man Gelände nur von unten. Man ist es abgegangen, hat gezählt, geschätzt, gezeichnet. Die Karte war kein Abbild — sie war eine Behauptung über den Raum, gefiltert durch den eigenen Körper.
    Das möchte ich ausprobieren, zunächst im Gelände das ich glaube zu kennen.

    Was man braucht

    Klemmbrett, kariertes oder Punktraster-Papier, Bleistift, Radiergummi, ein einfacher Kompass. Das war es im Wesentlichen auch früher.

    Wie es geht

    Zuerst die Schritte messen: wie viele eigene Schritte entsprechen zehn Metern? Das ist der persönliche Maßstab — meiner ist ein anderer als der meiner Tochter. Schon das ist ein Befund.

    Dann einen Maßstab festlegen: ein Kästchen auf dem Papier entspricht zehn Schritten. Gelände ablaufen, zählen, übertragen.

    Für Hügel — wir leben im Endmoränengebiet, davon haben wir reichlich — hilft die Fallinie: kurze Striche, die vom höchsten Punkt wegzeigen, in die Richtung in der Wasser abläuft. Den Körper weiß das beim Gehen bereits.

    Symbole erfindet man selbst. Was man braucht, kommt in die Legende am Rand. Nicht weniger legitim als jede historische Karte, die ihre eigene Zeichensprache mitgebracht hat.

    Was dabei passiert

    Das bekannte Gelände wird fremd, sobald man anfängt es zu messen. Und Dinge ohne Namen brauchen Namen. Dieser Hügel, jener Baum, die Senke dahinter. Frühe Kartographen haben das auch so gemacht.

    Ob das funktioniert — ob ich etwas übersehen habe — werde ich berichten. Wer Erfahrungen damit hat oder selbst neugierig geworden ist: ich freue mich über Rückmeldung.

  • Portolankarten als literarische Rätsel

    Portolankarten als literarische Rätsel

    „Warum ist es, dass wir uns von den Linien, die die Menschen einst um sich und durch die Gegend gezogen haben, so sehr angezogen fühlen?“ – diese Frage W.G. Sebalds steht über jeder Portolankarte. Die mittelalterlichen Seekarten zeigen Küsten und Häfen mit einer Genauigkeit, deren Verfahren bis heute ungeklärt ist. Der Essay erkundet dieses Rätsel nicht als Forschungslücke, sondern als literarischen Raum: als Spur einer anderen Wissensform, in der Können und Verstehen auseinanderfallen.

    Dieser Beitrag ist während der Lektüre des Romans „Der Antiquar“ von Hansjörg Schertenleib entstanden.

    Ein Meer ohne Maß

    Das Mittelmeer ist kein freundlicher Raum für Geometrie. Es hat keine Ecken, keine rechten Winkel, keine festen Punkte. Wer es vermessen will, steht vor einem grundsätzlichen Problem: Jede Messung ist eine Momentaufnahme, jede Position ist eine Bewegung, jeder Hafen ist nur ein vorläufiger Stillstand. Dass ausgerechnet dieses Meer im späten 13. Jahrhundert auf einmal in Karten erscheint, deren geometrische Präzision die Forschung bis heute vor Rätsel stellt, ist eine kleine Sensation – und eine große Verlegenheit.

    Die Portolankarten zeigen Küstenlinien des Mittelmeers, des Schwarzen Meers und der atlantischen Küste von Marokko bis zur Nordsee mit einer Winkeltreue, die man erst von den großen Vermessungsprojekten des 18. Jahrhunderts erwarten würde. Der Katalanische Weltatlas von 1375, die genuesischen Karten des 14. Jahrhunderts, die mallorquinischen Portolane – sie alle scheinen auf einem einheitlichen, ungenannten Vermessungsnetz zu beruhen, dessen Herkunft völlig dunkel ist. Wir wissen nicht, wie sie entstanden sind. Und dieses Nichtwissen ist nicht etwa eine Forschungslücke, die sich mit der Zeit schließen wird. Es ist ein konstitutives Merkmal der Gattung.

    Das Rätsel: Was wir nicht erklären können

    Die Literatur zu den Portolankarten ist voll von eleganten Hypothesen, die alle an der gleichen Stelle scheitern.

    Die Kompassmethode – die Idee, dass Seeleute von Hafen zu Hafen peilten und die so gewonnenen Richtungen aneinanderfügten – klingt zunächst plausibel. Sie ist es nicht. Denn diese Methode produziert systematische Fehler, die sich mit jeder Station akkumulieren. Die Portolankarten weisen solche Fehler nicht auf. Sie sind über große Distanzen konsistent – ein Zeichen dafür, dass sie nicht aus der Addition lokaler Beobachtungen entstanden sein können.

    Die Gradnetz-Hypothese – die Annahme, die Karten gingen auf eine astronomische Vermessung des Mittelmeers zurück, vielleicht aus der Antike oder aus der arabischen Wissenschaft – scheitert an einem einfachen Befund: In den Karten selbst gibt es kein Gradnetz. Wer von Alexandria bis Gibraltar Längen- und Breitengrade bestimmen wollte, hätte ein Instrumentarium benötigen müssen, das für das 13. Jahrhundert undenkbar ist. Die Portolankarten verhalten sich so, als ob sie ein solches Netz voraussetzen würden, ohne es jemals zu zeigen.

    Die Reiseberichte-Hypothese schließlich – die Synthese zahlloser Logbücher zu einer Gesamtkarte – kann die flächendeckende Konsistenz nicht erklären. Sie würde eine Redaktionsinstanz voraussetzen, die über Daten aus zwei Jahrtausenden verfügt und sie in ein einziges Koordinatensystem übersetzt. Eine solche Instanz hat es im Mittelalter nicht gegeben.

    Was bleibt, ist ein Skandal: Die Karten können etwas, was ihre Schöpfer nicht erklären können müssten. Der Kartographiehistoriker John Brian Harley hat einmal geschrieben, dass Karten immer „Diskurse der Macht“ seien. Die Portolankarten kehren diese Perspektive um. Sie sind keine Diskurse – sie sind Spuren. Spuren eines Wissens, das vielleicht nur praktisch, nie theoretisch existierte. Spuren einer Geometrie, die an Bord von Schiffen ausgeübt, aber nie in Handbüchern festgehalten wurde. Spuren eines Meeres, das sich der Schrift widersetzt.

    Die Konsequenz: Was wir stattdessen beschreiben können

    Weil wir das Wie nicht kennen, bleiben uns das Was und das Wozu. Und hier zeigen die Portolankarten ihr zweites Gesicht.

    Anders als die zeitgenössischen mappae mundi, welche die Welt in eine theologische Heilsordnung einfügten, sind die Portolane auf den ersten Blick rein säkular. Sie zeigen Häfen, Küsten, Inseln – und vor allem jene dichten Netze aus Rumbenlinien, die den Raum nach einem unsichtbaren, gleichwohl strengen Gesetz organisieren. Diese Linien, so scheint es, sind die Narben einer neuen Welterfahrung. Sie sprechen eine Sprache der Relation, nicht der absoluten Position. Sie erzählen von Wegen, von Rhythmen des Meeres, von einer Welt, die nicht von Gott, sondern vom Menschen aus vermessen wird.

    Doch die vermeintliche Nüchternheit trügt. Die Portolankarten sind voll von Zeichen, die weit über das Navigatorische hinausweisen. Heraldische Symbole markieren Zugehörigkeiten, Fahnen beanspruchen Territorien, stilisierte Städtebilder erheben einzelne Häfen in den Rang von Weltzentren. Der Kartograph Jehuda ben Zara etwa, der im 14. Jahrhundert in Katalonien arbeitete, zeichnete die nordafrikanische Küste nicht nach den tatsächlichen Herrschaftsverhältnissen, sondern nach einem kulturellen Code: Halbmond für die Muslime, Kreuz für die Christen, Schlüssel für strategisch wichtige Punkte. Die Wahrheit der Karte ist hier nicht faktische Genauigkeit, sondern kulturelle Plausibilität.

    Die Forschung hat in den letzten Jahrzehnten herausgearbeitet, dass diese Zeichen als „Instrumente kultureller Raumpraktiken“ zu verstehen sind. Sie erzählen von Herrschaftsansprüchen, von Grenzziehungen, von der Verortung des Eigenen im Gefüge des Fremden. Und sie erzählen vor allem Geschichten – nicht auf den ersten Blick, aber bei genauerem Hinsehen.

    Der Katalanische Weltatlas als literarischer Raum

    Das berühmteste Beispiel dieser Gattung führt die literarischen Dimensionen der Portolankartographie in einzigartiger Weise vor Augen: der um 1375 entstandene Katalanische Weltatlas, geschaffen für König Karl V. von Frankreich. Dieses Werk ist ein Palimpsest aus unterschiedlichsten Texttraditionen.

    Besonders aufschlussreich sind die langen Textpassagen, die der Atlas enthält – etwa die Beschreibung der Wüste Lop, die auf Marco Polos Reiseberichten basiert. Hier wird die Karawane, die sich von Sarai nach Cathay aufmacht, nicht nur bildlich dargestellt, sondern mit einer ausführlichen Narration versehen, die von Teufelsstimmen in der Wüste und den Gefahren der Einsamkeit berichtet. Die Karte wird zum Erzählraum; die Geographie verwandelt sich in ein Abenteuer, das den Betrachter in seinen Bann zieht.

    Die Forschung hat nachgewiesen, dass der Atlas auf einem breiten Fundament literarischer Quellen ruht. Neben Marco Polo finden sich Spuren von Orosius, Isidor von Sevilla, Gautier de Metz und anderen Autoritäten der mittelalterlichen Wissensliteratur. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Portolankarten kaum von den zeitgenössischen mappae mundi – auch sie sind Kompilationen, in denen sich theologische, historische und geographische Diskurse überlagern. Die Differenz liegt im spezifischen Mischungsverhältnis: Hier überwiegt das Empirische, doch ganz verschwindet das Mythische nie.

    Transkulturelle Erzählungen

    Ein weiteres literarisches Moment der Portolankarten ist ihre Offenheit für transkulturelle Wissensbestände. Obwohl christlich-europäischen Ursprungs, integrieren sie wiederholt Elemente aus der arabisch-islamischen Kartographie. Die Darstellung des Atlasgebirges, des westlichen Nilarms und der legendären Mondberge in Westafrika lässt sich nur durch den Rückgriff auf arabische Vorlagen erklären, insbesondere auf das Werk des Geographen al-Idrīsī aus dem 12. Jahrhundert.

    Die Forschung spricht in diesem Zusammenhang von einem „shared space of knowledge“ im Mittelmeerraum, in dem geographische Informationen unabhängig von religiösen Grenzen zirkulierten. Die Portolankarte wird so zum Dokument einer Kulturbegegnung, die über die Kreuzzugsideologie hinausweist. Sie erzählt nicht nur von der christlichen Expansion, sondern auch von der produktiven Aneignung des Wissens der Anderen – eine Narration, die das mittelalterliche Selbstverständnis in weit komplexerer Weise prägte, als es die große politische Historiographie oft suggeriert.

    Die Literatur des Nichtwissens

    Hier nun, an diesem Punkt, kehrt das Rätsel zurück – aber jetzt nicht als Hindernis, sondern als Produktivkraft.

    Die Portolankarten sind nicht trotz, sondern wegen ihrer unerklärten Präzision literarisch interessant. Sie setzen ein Wissen voraus, das sie nicht ausweisen. Sie praktizieren eine Geometrie, die sie nicht begründen. Sie navigieren zwischen Empirie und Mythos, zwischen Messung und Erzählung, zwischen dem, was man wissen kann, und dem, was man nur tun kann.

    Das erinnert an eine ganz andere Tradition. W.G. Sebald schreibt in Die Ringe des Saturn über den Anblick einer alten Karte von Suffolk: „Warum ist es, dass wir uns von den Linien, die die Menschen einst um sich und durch die Gegend gezogen haben, so sehr angezogen fühlen?“ Die Frage könnte über einer Portolankarte stehen. Auch sie zeigt Linien, deren Entstehung wir nicht mehr nachvollziehen können. Auch sie übt eine Anziehung aus, die nicht aus der Information kommt, sondern aus dem, was sie verschweigt.

    Das ist kein Vorläufer-Verhältnis. Sondern eine strukturelle Analogie, die erst aus der Distanz sichtbar wird. Jorge Luis Borges hat in seiner berühmten Parabel „Von der Strenge der Wissenschaft“ eine Karte beschrieben, die im Maßstab 1:1 gezeichnet ist – eine absurde, unbrauchbare Präzision. Bei den Portolankarten ist die Präzision nicht absurd, sondern real und zugleich unerklärt. Bei Borges wird das Literarische aus einer übersteigerten Genauigkeit geboren (die Karte zerstört sich selbst), bei den Portolankarten aus einer rätselhaften (die Karte funktioniert, aber wir wissen nicht wie). Zwei Wege, das Gleiche zu denken: die Produktivität des Nichtwissens.

    Die Portolankarten sind die materiellen Zeugen einer solchen Produktivität. Sie sind Karten, die ein Wissen verschweigen – und gerade darin ihr Faszinosum entfalten. Denn was sie verschweigen, ist nicht etwa nebensächlich. Es ist das Entscheidende: das Verfahren ihrer eigenen Herstellung. Wir sehen die Linien, aber wir sehen nicht, wie sie zustande kamen. Wir sehen die Küsten, aber wir sehen nicht, wer sie vermaß. Wir sehen das fertige Produkt – und vor uns liegt eine Leerstelle, die so groß ist wie das Mittelmeer selbst.

    Die Karte als Denkraum

    Was also folgt daraus, dass die Portolankarten ein Wissen praktizieren, das sie nicht ausweisen?

    Folgt daraus, dass wir sie anders lesen müssen. Nicht als Dokumente einer vergangenen Wissenschaft – das wäre der Blick des Historikers, der das Rätsel auflösen möchte. Sondern als Zeugnisse einer anderen Wissensform. Einer Wissensform, die nie den Schritt in die Theorie gemacht hat, die in den Händen der Kartenzeichner, in den Gedächtnissen der Steuermänner, in den Routinen der Werkstätten lebte – ohne jemals verschriftlicht zu werden.

    Die Portolankarten sind die geronnene Spur dieser Praxis. Sie zeigen nicht, was man wusste. Sie zeigen, was man konnte. Und dieses Können – die Präzision ohne Verfahren, die Geometrie ohne Begründung – ist nicht etwa ein Mangel. Es ist eine eigene Form der Intelligenz.

    Vielleicht ist das der Grund, warum uns diese Karten noch heute faszinieren. Sie erinnern uns daran, dass nicht alles Wissen in Sätzen und Methoden aufgeht. Dass es ein Wissen gibt, das nur im Tun existiert. Dass die Hand manchmal weiter weiß als der Kopf. Die Portolankarte ist das stumme Zeugnis eines solchen Wissens – ein Denkraum, in dem sich die Grenze zwischen Können und Verstehen verschiebt.

    Wer sie betrachtet, steht vor einer Wahl. Man kann fragen: Wie haben sie das gemacht? – und in der Forschungsliteratur nach Antworten suchen, die es vielleicht nicht gibt. Oder man kann fragen: Was heißt es, etwas zu können, ohne zu wissen wie? – und dann staunen.

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    ich schlage auf, blättere durch und bleibe hängen. die überschrift fordert mich. schon hier wortspiele. also doch: ohne zettel und stift geht es nicht. ein überblick — strophen ja, keine reime. erzählstimme, jemand will mich führen. will ich das? nein. ich suche wortanker, finde sie, halte sie fest. beginne zu zeichnen, bilder zu finden. meine bilder. jetzt von vorn. die erste strophe geht. wer schreibt hier eigentlich? wie kommt dieser mensch diesem bild im wort? die zweite strophe. ich brauche wikipedia. neues blatt. ich zeichne was ich lese. bild für bild. fast eine graphic novel, wenn ich durch bin. aber ich bleibe hängen und hängen. ich verlasse die lyrik und sammle — informationen, gedanken. eine eigene geschichte entsteht. wo ordne ich die ein? der hund will raus. ich unterbreche. und wieder: strophe 1, strophe 2, strophe … ich bin im dickicht, im kleinkleinen. neuerliches lesen, die bilder werden mehr, bunter, auch auf dem papier. sehe ich dann auch das ganze, wenn ich hier durch bin?

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    Ob Irgendwas

    Ein Baumrest - Bleckede
    Foto: Oliver Simon

    Von Holzarbeitern stehengelassen
    verharrt ein Baumrest auf der Lichtung.

    Wir begegnen uns auf Augenhöhe.

    Der Blick vom Moos in Schulterhöhe
    hin zu den Verwerfungen — ein Gesicht,
    das bekannt erscheint.

    Blicke in alle Richtungen.
    Ob ein Tier. Ob irgendetwas.

    Dieses langsame holzene Zurechtrücken im Dunkeln.

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  • trübe

    trübe

    es ist als trüge sie
    den schönsten dunkelgrauen
    hosenanzug
    schlagbaum
    in den taschen


    und ich bleibe
    weiß

    hände in bewegung
    das dunkle trübt sich

    Dieses Gedicht ist entstanden, weil ich mich verlesen hatte. Das Aquarell folgte beim Versuch, das Trüben des Dunkelgrau zu sehen.

    Aquarell: Oliver Simon
    Aquarell: Oliver Simon

    • Maria Arimany – In den Wald muss man gehen, wenn es noch dunkel ist

      Maria Arimany – In den Wald muss man gehen, wenn es noch dunkel ist

      Maria Arimanys Gedicht trägt einen vielversprechenden Titel: „In den Wald muss man gehen, wenn es noch dunkel ist“. Diese Idee birgt etwas Spannendes, fast Initiatisches – der Gang in die Dunkelheit als bewusste Entscheidung, als Schwelle zu einer anderen Wahrnehmung. Das Gedicht | Das Werk besteht aus zwei Spalten mit teils verrückten Zeilenumbrüchen. Die Autorin…

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      Der Künstler als Versuchsanordnung und Schaustück? Auf den ersten Blick scheint Annette Hagemanns Gedicht ARTIST ein feines, fast ehrfürchtiges Porträt eines schöpferischen Menschen zu sein – eines, der sich einen Raum erbittet, um seine Arbeit zu tun: „Du hattest um den Geheimnisraum gebeten, das Innere des Turms ein leuchtender Lichthof …“ Ein Bild der Sammlung,…

    • Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

      Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

      Manchmal landet man durch Zufall bei einem Lied, das einen nicht mehr loslässt. Bei mir war es eine Recherche zu Grit Lemkes Kinder von Hoy, die mich über den Singeklub Hoyerswerda zu Gundi und schließlich zu ihrer Tochter Linda Gundermann führte. Ihr Lied „Bindungsstil“ ist mir dabei begegnet – und ich höre es seitdem immer…

    • Die Gedanken sind frei

      Die Gedanken sind frei

      Die Gedanken sind frei – ein Lied, das zu oft als Beruhigungspille missbraucht wurde. Während Diktaturen Menschen einsperrten, sangen diese von ihrer inneren Freiheit, statt die äußeren Ketten zu sprengen. Diese Ambivalenz macht das Lied gefährlich und kraftvoll zugleich. Die Unzerstörbarkeit als Problem | Das Lied verkörpert eine jahrhundertealte Idee: die Unzerstörbarkeit der Gedanken- und…

    • Das Licht

      Das Licht

      das licht der nachbarn ich sitze an meinem tisch zwischen frost und glut oliver simon | 2023

    • KLARSTELLUNG DER PUPPE

      KLARSTELLUNG DER PUPPE

      Ihr seht mich an und nennt es Schuld. Doch meine Augen sind leer, weil ihr sie mir genommen habt. Ihr habt mich in dieses Gitter gestellt, mich zu eurer Bühne gemacht, mich schweigen lassen, damit ihr in mir sprechen könnt. Euer Blick legt Lasten auf mich, die ich nicht tragen will. Ich bin kein Spiegel…

    • Der Besucher

      Der Besucher

      Schnee knirscht unter Stiefeln Spuren ziehen sich heran Über die weiße Decke eine Linie, geradewegs zum Haus Es kommt jemand Es kommt einer heute unerwartet Er öffnet den Rucksack teilt den heißen Tee aus der Thermosflasche, das Gebäck vom Morgen Sie sitzen auf der eilends gefegten Bank vor ihrer Tür schweigen und lauschen dem fernen…

    • Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      DIE ALTE FRAU Schnee ist gefallenSchon wird es NachtAuf weißer Decke nicht eineSpur, nicht Vogel nicht KatzeEs kommt kein BesuchEs kommt keiner heutees kommt keiner morgenSie kehrt und kehrtimmer gründlicher kehrt sie denStraßenzugang zu ihrem Haus Annähernd gelesen | Das Gedicht ist schlicht gebaut: kurze, prosanahe Zeilen ohne Reim, ohne übermäßige Interpunktion. Es öffnet mit…

    • Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…

    • BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…

    • Guido Zernatto || Gebet

      Guido Zernatto || Gebet

      Ich bete zu Gott, weil in seiner Hand Mein Sein ist, mein Leib, mein Gefühl, mein Verstand, Mein Hoffen, mein Trachten zu jeglicher Stund Und ohne ihn redet kein Wörtlein mein Mund. Ich bete zu Gott, weil das Firmament Kein Licht und kein Lebendsein ohne ihn kennt; Ohne ihn steigt kein Tag auf den Bergen…

    • Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht…

    • Atlantis lokalisieren – Nathalie Schmid

      Atlantis lokalisieren – Nathalie Schmid

      LektüreNotizen | Der Titel Atlantis lokalisieren klingt nach poetischem Forschungsauftrag. Dieses ‚Lokalisieren‘ meint weniger eine geografische Suche als einen schöpferischen Akt, der sich in Lyrik, Kunst und jeder anderen Form der Kreation vollzieht – und dessen Scheitern bereits einkalkuliert. Atlantis: ein Ort, der in Legenden existiert, in Spekulationen, in Wunschbildern. Ein Ort, der verschollen ist,…

    • Ille Chamier – Rosestock Holderblüh

      Ille Chamier – Rosestock Holderblüh

      Ille Chamiers Gedicht Rosestock Holderblüh verdichtet ihre Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zu einer poetischen Collage aus Trauma und Überlebenspoesie. Geboren 1937, erlebte sie die Bombennächte um 1943 – als Sechsjährige – in unmittelbarer existenzieller Bedrohung, wie die Zeilen „horchte ich nach den Bombengeschwadern“ bezeugen. Die Szene der zersplitterten Fenster („Scherben lagen ums Gitterbett“) neben der unverletzten Schwester offenbart…

    • margueriten – Norbert Hummelt

      margueriten – Norbert Hummelt

      Das Gedicht als transgenerationale Übersetzungsarbeit? Eine Annäherung | In „margueriten“ rekonstruiert Norbert Hummelt nicht einfach die Erinnerungen seiner Mutter an den Zweiten Weltkrieg – er macht den Prozess der Rekonstruktion selbst zum Thema. Das lyrische Ich (als nachgeborener Sohn) wird zum Archäologen mütterlicher Erfahrungen, die nur fragmenthaft überliefert sind: in abgebrochenen Sätzen, verweigerten Liedern und weggelegten…

    • Frauke Tomczak – Zwei Ewigkeiten in drei

      Frauke Tomczak – Zwei Ewigkeiten in drei

      Annähernd gelesen | Zwei Ewigkeiten in drei schildert, wie das lyrische Ich „in der Ecke“ steht – nicht orientierungslos, sondern gezwungenermaßen im Dreieck von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Dieser symbolische Dreiklang wird zur Falle: eine „Triangel-Ecke“, in der sich das Ich verunsichert, beschämt und fragmentiert fühlt. Es bewegt sich unsicher zwischen Zuspruch und Urteil…

    • Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen

      Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen

      Versuch schulisch zu lesen | Nathalie Schmids Gedicht „die namen der eisheiligen“ ist eine dichte lyrische Miniatur, die existenzielle Verlusterfahrung in einer poetischen Collage aus Stadt- und Naturbildern verarbeitet. In freier Form, ohne Satzzeichen oder konventionelle Struktur, oszilliert das Gedicht zwischen Bewegung und Erstarrung, zwischen Geräuschkulisse und sprachloser Introspektion. Es thematisiert das Ringen um Orientierung…

    • Nathalie Schmid – herbrig

      Nathalie Schmid – herbrig

      Interpretation zu Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ ist ein poetischer Erinnerungsraum, der sich mit Vergänglichkeit, Heimatverlust und dem Bewahren des Alltäglichen beschäftigt. In einer fragmentarisch-assoziativen Struktur – typisch für zeitgenössische Lyrik – reiht die Autorin Bilder aneinander, die zwischen Melancholie und stillem Humor oszillieren. Jede Strophe beginnt mit dem Wort „bevor“, wodurch…

  • Liebe Marsha (Ein offener Brief)

    Liebe Marsha (Ein offener Brief)

    Liebe Marsha,

    ich weiß nicht, welche Inseln du meinst.

    Du hast es nicht gesagt. Du hast angefangen — es ist wegen der Inseln — und bist gegangen. Der Satz hängt noch in der Luft, zumindest für mich als Leser. Vielleicht war er für dich längst abgeschlossen.

    Was ich weiß: Du bist neu in der Klasse. Du trägst Schwarz. Irgendwann trägt es fast die halbe Schule. Keine Erklärung, keine Aufforderung — nur die Kleider. Und dann bist du weg, mit deinem Vater in die Niederlande gezogen.

    Und die Mutter?

    Vielleicht schreibe ich dir, weil ich die Frage kenne. Nicht deine — meine eigenen Inseln, welche auch immer das sein mögen. Und weil ich wissen möchte, wo man einen Satz abbricht und einfach geht.

    Diese Frage stellt niemand im Text. Ich stelle sie hier, ohne sie beantworten zu wollen.

    Was ich nicht weiß, ist vieles. Ob die Inseln geografisch sind oder anders gemeint. Ob die Trauer dir gehört oder ob du sie nur in Bewegung gesetzt hast. Ob du selbst weißt, was du ausgelöst hast. Ob es dir wichtig wäre.

    Was mich beschäftigt: Du hast nicht gedeutet. Du hast gehandelt. Die Erwachsenen um dich herum haben gedeutet, verwaltet, eingehegt. Du warst längst woanders.

    Ich wünsche dir gute Inseln, wo immer sie sind.

    • ich kann gedichte nicht ausstehen.

      ich kann gedichte nicht ausstehen.

      ich bin im wald, stehe vor einem innerwald. nach einer intensiven forsternte bildeten sich so viele junge bäume, dass — von außen betrachtet — ein wald im wald entstanden ist. die bäumchen scheinen sich gegenseitig licht und raum zu nehmen, alles grau, trocken und dunkel. es gilt sich zu konzentrieren, denn hier geht es durch,…

    • Liebe Marsha (Ein offener Brief)

      Liebe Marsha (Ein offener Brief)

      Liebe Marsha, ich weiß nicht, welche Inseln du meinst. Du hast es nicht gesagt. Du hast angefangen — es ist wegen der Inseln — und bist gegangen. Der Satz hängt noch in der Luft, zumindest für mich als Leser. Vielleicht war er für dich längst abgeschlossen. Was ich weiß: Du bist neu in der Klasse.…

    • Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

      Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

      Über „Wegen der Inseln“ von Susanne Neuffer, Merkur Nr. 905, 2024 | Dieser Text hat mehrere Fäden, denen man folgen könnte. Ich habe mich für einen entschieden. Susanne Neuffers Kurzgeschichte, Miniatur erzählt von einer Schulklasse, die in Trauer verfällt. Oder so etwas Ähnlichem wie Trauer. Ausgelöst von einem neuen Mädchen namens Marsha, das eines Tages…

    • Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

      Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

      Der Titel selbst setzt schon den Ton. „Roggenmuhme“ klingt nach Volksüberlieferung, nach Figur zwischen Märchen und bäuerlicher Mythologie. Bei Lindemann wird daraus aber kein folkloristisches Spiel. Diese Figuren stehen eher am Rand des Sagbaren – sie markieren, wie stark Landschaft und Imagination ineinandergreifen. Roggenfeld, Wind, Jahreszeiten: Das ist keine Kulisse, sondern ein Wahrnehmungsraum, in dem…

    • Ein schöner Satz vorweg.

      Ein schöner Satz vorweg.

      Über Epigraphen und die Kunst, sie zu überlesen – oder zu nutzen. | Hansjörg Schertenleib, Der Antiquar. Ich blättere die erste Seite auf, und da steht: „Der Weg vollendet sich. Der Schnee fällt in tausend Flocken. Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.“ – Shōbōgenzō Mein erster Gedanke: Das ist ein Haiku. Die Kürze, das…

    • Karen Roßki – Austausch

      Karen Roßki – Austausch

      Drei Miniaturen zu einer Zeichnung: Nichts bleibt für sich. Linien steigen auf, andere sinken zurück. Was sich verdichtet, gibt ab. Was aufragt, ist nicht getrennt vom Grund. Bewegung geht in beide Richtungen. Austausch heißt hier nicht Ausgleich. Es ist ein fortwährendes Weitergeben von Spannung. Linien gehen nach oben und kommen zurück. Der Grund bleibt beteiligt.…

    • Karen Roßki – Durchdringen

      Karen Roßki – Durchdringen

      Nichts greift hier ineinander. Von oben drängt etwas Fremdes ins Bild, faserig, hart gesetzt. Unten arbeitet eine andere Bewegung, schwer, erdig, unruhig. Die Farben mischen sich nicht, sie stoßen. Was durchdringt, verbindet nicht. Es verschiebt, verdrängt, reibt sich fest. Der Raum hält das aus, aber er schließt sich nicht. Nähe entsteht hier nicht aus Übergang,…

    • Karen Roßki – Weit

      Karen Roßki – Weit

      Es gibt keine Linie, an der das Sehen zur Ruhe kommt.Flächen schieben sich übereinander, als hätten sie Zeit gesammelt.Das Dunkle trägt, das Helle setzt an.Nichts öffnet sich nach außen, alles breitet sich aus.Bewegung ohne Richtung, Dichte ohne Schwere.Zwischen den Schichten bleibt kein leerer Ort, nur Übergang.Was wie Tiefe aussieht, ist Nähe.Was weit scheint, hält fest.…

    • Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es…

    • Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung: Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich…

    • Elisabeth Wesuls – Geschichte

      Elisabeth Wesuls – Geschichte

      Tarnung, Enttarnung und das Unheimliche der Kontinuität. Annähernd gelesen | Beim ersten Lesen von Elisabeth Wesuls Miniatur gibt es diesen Moment des Innehaltens. Fast eine Schrecksekunde. Nicht wegen der historischen Kulisse, nicht wegen der Ideologie. Sondern wegen eines Namens. Zunächst bleibt alles im Bereich des Hörensagens. „Man erzählt“, „manche sagen“, „die Leute, die das erzählen“.…

    • Klaus Johannes Thies – „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“

      Klaus Johannes Thies – „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“

      Klaus Johannes Thies‘ Prosatext schildert die Hörspielabteilung von Radio Bremen als einen Ort des Wartens und Dämmerns. Schauspieler in Schlafanzügen lagern in langen, leeren Fluren einer vergessenen Abteilung, die bei einem Umzug einfach nicht mitgenommen wurde. Die Synchronisation von Gina Lollobrigida steht an, aber es gibt nur Männer – man behilft sich mit einer Sekretärin.…

    • Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

      Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

      Beim ersten Lesen von Klaus Johannes Thies Text „Im Schwimmbad mit Derrida“ stellt sich eine eigentümliche Ratlosigkeit ein. Was ist das? Ein Traumbericht? Eine philosophische Reflexion? Eine Alltagsbeobachtung? Der Text entzieht sich jeder eindeutigen Zuordnung – und genau darin liegt sein Geheimnis. Denn Thies schreibt nicht über Derridas Dekonstruktivismus, er vollzieht ihn. Das Verschwimmen der…

    • Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

      Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

      Was übt man, wenn man das Unsichtbare übt? – Kennen Sie das Gefühl, wenn eine solche Frage nicht einfach im Raum steht, sondern etwas in Ihnen in Bewegung setzt? Klaus Johannes Thies, 1950 in Wuppertal geboren, schreibt genau solche Literatur. Seine Texte sind weniger Geschichten als vielmehr Gedankenräume, Einladungen zu mentalen Expeditionen, die der Leser…

    • Himbeeren – Valerie Zichy

      Himbeeren – Valerie Zichy

      HIMBEEREN das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über-all die…

    • Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Sandrine, dein Atem ist Gänsedaunen. Meiner stockt beim Lesen, wird zu Stein in der Brust. Während du die kommenden Verheerungen spürst, taste ich mich an bereits vergangene heran. Deine Zeit friert in stehenden Gewässern – meine fließt linear fort, Datum für Datum, wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Vielleicht ist das der Unterschied. Du schreibst…

    • Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

      Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

      Es ist unbefriedigend, etwas teilen zu wollen, was man nicht direkt zeigen kann. Wie in diesem Fall: „Schief gewickelt, wie ich bin!“ Frottage mit Zeichnung von Ille Chamier. Daher habe ich versucht festzuhalten was ich dem Bild entlockt habe: Falsche Schritte? Sie steht da, ein Knoten aus Linien und Schatten,geformt aus Plänen, die nie so…

    • Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht…

  • Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

    Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

    Über „Wegen der Inseln“ von Susanne Neuffer, Merkur Nr. 905, 2024 | Dieser Text hat mehrere Fäden, denen man folgen könnte. Ich habe mich für einen entschieden.

    Susanne Neuffers Kurzgeschichte, Miniatur erzählt von einer Schulklasse, die in Trauer verfällt. Oder so etwas Ähnlichem wie Trauer. Ausgelöst von einem neuen Mädchen namens Marsha, das eines Tages in schwarzer Kleidung erscheint — und bald zieht fast die halbe Schule nach.

    Der entscheidende Moment kommt früh. Die Lehrerin geht auf Marsha zu, will fragen. Bevor sie es tut, sagt Marsha: „Frau Wendelin, es ist wegen der Inseln …“ — und geht weg. Satz abgebrochen. Keine Erklärung. Keine Einladung.

    Was folgt, ist aufschlussreich: Die Lehrerin füllt die Lücke sofort. Marshallinseln. Namensähnlichkeit. Vielleicht die Pippi-Langstrumpf-Nummer. Sie deutet, ohne zu fragen. Und schläft danach eine Nacht lang Dokumentarfilme — holt also nach, was sie zuerst hätte tun sollen.

    Das ist die eigentliche Frage, die der Text stellt: Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet?

    Die Kinder handeln, ohne zu erklären. Schwarze Kleider — still, körperlich, kollektiv. Eine sehr archaische Form von Trauer und Protest gleichzeitig. Die Erwachsenen reagieren mit Worten: einhegen, stoppen, ausreden. Der Konflikt ist auch ein formaler.

    Marsha selbst bleibt ungreifbar. Sie bricht Sätze ab. Sie erscheint und verschwindet. Am Ende zieht sie mit ihrem Vater in die Niederlande — und die Mutter? Die Trauer, die sie ausgelöst hat, gehört ihr, bevor sie irgendjemand anderem gehört. Neuffer gibt sie nicht preis.

    Und dann der letzte Satz. Die Container der Grundschule nebenan sind im Regen weggesackt, das Wasser steht im Hof, eine vierte Klasse drängt sich ins Klassenzimmer. Die Lehrerin schaut aus dem Fenster und denkt: „Sie fanden doch immer eine.“

    Ein erschöpfter Satz. Die Verwaltung übernimmt, wo das Denken aufhört.

    Das Wasser steht übrigens schon im Keller.

    Susanne Neuffer, geboren 1951 in Nürnberg, aufgewachsen in Fürth, lebt in Hamburg. Sie studierte Germanistik, Romanistik und Theaterwissenschaften, arbeitete als Lehrerin — und schreibt seit 1999 Lyrik und Prosa. Alle ihre Bücher erschienen im MaroVerlag, darunter Erzählungsbände, ein Roman und zuletzt zwei Novellen (Sandstein, 2022). Ihre Texte erschienen u.a. in der SZ, der FR und im Merkur. Mehrere Literaturpreise, darunter der Walter Serner-Preis 2007.
    Jemand aus der Hamburger Literaturszene soll ihr einmal gesagt haben, sie sei zu harmlos. Das Gegenteil stimmt. Birgit-boellinger – Die Website der Autorin: susanne-neuffer.de

    MERKUR – Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken – Heft 905 Oktober 2024, 78. Jahrgang

    • ich kann gedichte nicht ausstehen.

      ich kann gedichte nicht ausstehen.

      ich bin im wald, stehe vor einem innerwald. nach einer intensiven forsternte bildeten sich so viele junge bäume, dass — von außen betrachtet — ein wald im wald entstanden ist. die bäumchen scheinen sich gegenseitig licht und raum zu nehmen, alles grau, trocken und dunkel. es gilt sich zu konzentrieren, denn hier geht es durch,…

    • Liebe Marsha (Ein offener Brief)

      Liebe Marsha (Ein offener Brief)

      Liebe Marsha, ich weiß nicht, welche Inseln du meinst. Du hast es nicht gesagt. Du hast angefangen — es ist wegen der Inseln — und bist gegangen. Der Satz hängt noch in der Luft, zumindest für mich als Leser. Vielleicht war er für dich längst abgeschlossen. Was ich weiß: Du bist neu in der Klasse.…

    • Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

      Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

      Über „Wegen der Inseln“ von Susanne Neuffer, Merkur Nr. 905, 2024 | Dieser Text hat mehrere Fäden, denen man folgen könnte. Ich habe mich für einen entschieden. Susanne Neuffers Kurzgeschichte, Miniatur erzählt von einer Schulklasse, die in Trauer verfällt. Oder so etwas Ähnlichem wie Trauer. Ausgelöst von einem neuen Mädchen namens Marsha, das eines Tages…

    • Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

      Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

      Der Titel selbst setzt schon den Ton. „Roggenmuhme“ klingt nach Volksüberlieferung, nach Figur zwischen Märchen und bäuerlicher Mythologie. Bei Lindemann wird daraus aber kein folkloristisches Spiel. Diese Figuren stehen eher am Rand des Sagbaren – sie markieren, wie stark Landschaft und Imagination ineinandergreifen. Roggenfeld, Wind, Jahreszeiten: Das ist keine Kulisse, sondern ein Wahrnehmungsraum, in dem…

    • Ein schöner Satz vorweg.

      Ein schöner Satz vorweg.

      Über Epigraphen und die Kunst, sie zu überlesen – oder zu nutzen. | Hansjörg Schertenleib, Der Antiquar. Ich blättere die erste Seite auf, und da steht: „Der Weg vollendet sich. Der Schnee fällt in tausend Flocken. Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.“ – Shōbōgenzō Mein erster Gedanke: Das ist ein Haiku. Die Kürze, das…

    • Karen Roßki – Austausch

      Karen Roßki – Austausch

      Drei Miniaturen zu einer Zeichnung: Nichts bleibt für sich. Linien steigen auf, andere sinken zurück. Was sich verdichtet, gibt ab. Was aufragt, ist nicht getrennt vom Grund. Bewegung geht in beide Richtungen. Austausch heißt hier nicht Ausgleich. Es ist ein fortwährendes Weitergeben von Spannung. Linien gehen nach oben und kommen zurück. Der Grund bleibt beteiligt.…

    • Karen Roßki – Durchdringen

      Karen Roßki – Durchdringen

      Nichts greift hier ineinander. Von oben drängt etwas Fremdes ins Bild, faserig, hart gesetzt. Unten arbeitet eine andere Bewegung, schwer, erdig, unruhig. Die Farben mischen sich nicht, sie stoßen. Was durchdringt, verbindet nicht. Es verschiebt, verdrängt, reibt sich fest. Der Raum hält das aus, aber er schließt sich nicht. Nähe entsteht hier nicht aus Übergang,…

    • Karen Roßki – Weit

      Karen Roßki – Weit

      Es gibt keine Linie, an der das Sehen zur Ruhe kommt.Flächen schieben sich übereinander, als hätten sie Zeit gesammelt.Das Dunkle trägt, das Helle setzt an.Nichts öffnet sich nach außen, alles breitet sich aus.Bewegung ohne Richtung, Dichte ohne Schwere.Zwischen den Schichten bleibt kein leerer Ort, nur Übergang.Was wie Tiefe aussieht, ist Nähe.Was weit scheint, hält fest.…

    • Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es…

    • Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung: Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich…

    • Elisabeth Wesuls – Geschichte

      Elisabeth Wesuls – Geschichte

      Tarnung, Enttarnung und das Unheimliche der Kontinuität. Annähernd gelesen | Beim ersten Lesen von Elisabeth Wesuls Miniatur gibt es diesen Moment des Innehaltens. Fast eine Schrecksekunde. Nicht wegen der historischen Kulisse, nicht wegen der Ideologie. Sondern wegen eines Namens. Zunächst bleibt alles im Bereich des Hörensagens. „Man erzählt“, „manche sagen“, „die Leute, die das erzählen“.…

    • Klaus Johannes Thies – „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“

      Klaus Johannes Thies – „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“

      Klaus Johannes Thies‘ Prosatext schildert die Hörspielabteilung von Radio Bremen als einen Ort des Wartens und Dämmerns. Schauspieler in Schlafanzügen lagern in langen, leeren Fluren einer vergessenen Abteilung, die bei einem Umzug einfach nicht mitgenommen wurde. Die Synchronisation von Gina Lollobrigida steht an, aber es gibt nur Männer – man behilft sich mit einer Sekretärin.…

    • Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

      Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

      Beim ersten Lesen von Klaus Johannes Thies Text „Im Schwimmbad mit Derrida“ stellt sich eine eigentümliche Ratlosigkeit ein. Was ist das? Ein Traumbericht? Eine philosophische Reflexion? Eine Alltagsbeobachtung? Der Text entzieht sich jeder eindeutigen Zuordnung – und genau darin liegt sein Geheimnis. Denn Thies schreibt nicht über Derridas Dekonstruktivismus, er vollzieht ihn. Das Verschwimmen der…

    • Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

      Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

      Was übt man, wenn man das Unsichtbare übt? – Kennen Sie das Gefühl, wenn eine solche Frage nicht einfach im Raum steht, sondern etwas in Ihnen in Bewegung setzt? Klaus Johannes Thies, 1950 in Wuppertal geboren, schreibt genau solche Literatur. Seine Texte sind weniger Geschichten als vielmehr Gedankenräume, Einladungen zu mentalen Expeditionen, die der Leser…

    • Himbeeren – Valerie Zichy

      Himbeeren – Valerie Zichy

      HIMBEEREN das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über-all die…

    • Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Sandrine, dein Atem ist Gänsedaunen. Meiner stockt beim Lesen, wird zu Stein in der Brust. Während du die kommenden Verheerungen spürst, taste ich mich an bereits vergangene heran. Deine Zeit friert in stehenden Gewässern – meine fließt linear fort, Datum für Datum, wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Vielleicht ist das der Unterschied. Du schreibst…

    • Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

      Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

      Es ist unbefriedigend, etwas teilen zu wollen, was man nicht direkt zeigen kann. Wie in diesem Fall: „Schief gewickelt, wie ich bin!“ Frottage mit Zeichnung von Ille Chamier. Daher habe ich versucht festzuhalten was ich dem Bild entlockt habe: Falsche Schritte? Sie steht da, ein Knoten aus Linien und Schatten,geformt aus Plänen, die nie so…

    • Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht…

  • Eine Bushaltestelle, ein Foto, ein Name: Liesel Mansfeld

    Eine Bushaltestelle, ein Foto, ein Name: Liesel Mansfeld

    Ich war auf der Suche nach Büchern. Gefunden habe ich ein Foto.
    Es lag auf dem Sandboden einer Bushaltestelle, die hier im Wendland als öffentlicher Bücherschrank fungiert. Ein Abzug, eingerissen, mit Rostflecken – vermutlich von einer Pinnadel. Jemand hatte ihn irgendwann aufgehängt, er gehörte zu etwas. Dann nicht mehr.

    Auf der Rückseite, handschriftlich: Liesel Mansfeld 1926.

    Liesel Mansfeld © Museum Wustrow NS Archiv
    Liesel Mansfeld © Museum Wustrow NS Archiv

    Das Foto zeigt ein Mädchen an seinem ersten Schultag. Elisabeth Mansfeld, geboren 1920. Sie wuchs in Lüchow auf, besuchte die Volksschule, wurde Liesel genannt. 1939 zog die Familie ins sogenannte Judenhaus in der Kalandstraße 5 – direkt neben dem Kirchturm der St. Johannis Kirche. Zwei Jahre später, am 6. Dezember 1941, bestieg sie in Lüneburg den Deportationszug nach Riga. Im selben Zug: ihre Eltern, ihre Cousine, ihr Cousin mit Frau und Sohn.Das Original liegt im NS-Archiv des Museums Wustrow.

    Was man über sie weiß, ist präzise und vollständig von außen festgehalten. Sie zog nach Hamburg, arbeitete dort als Hausangestellte. Adressen sind belegbar. Ein Stolperstein erinnert an einen dieser Orte. Am 6. Dezember 1941 wurde sie aus Hamburg nach Riga deportiert. Sie war 21 Jahre alt.

    Diese Daten existieren, weil Behörden sie erfasst haben. Melderegister, Verwaltungsakte, Verordnungen. Man lernt das System kennen, das auf sie zugegriffen hat – nicht den Menschen.

    Die Freie Bühne Wendland hat daraus ein Theaterstück gemacht: Hermine Katz und das ungeheure Wissen der Dachböden. Es nimmt dieselben Fragmente – Fotografien, Dokumente, Verwaltungssprache – und fragt, was zwischen ihnen gewesen sein könnte.

    Drei Bezugspunkte also: das Foto, das Archiv, das Theaterstück. Drei verschiedene Antworten auf dieselbe Unmöglichkeit: dass jemand als Verwaltungsakt gründlich dokumentiert sein kann – und als Mensch trotzdem ungreifbar bleibt.

    Das Foto liegt jetzt bei mir. Was nun?

    Ergänzende Infos zu Elisabeth Mansfeld finden Sie auf der Website Stolpersteine Hamburg.

    Weitere Beiträge aus der Rubrik Bodenhaftung:

  • Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

    Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

    Der Titel selbst setzt schon den Ton. „Roggenmuhme“ klingt nach Volksüberlieferung, nach Figur zwischen Märchen und bäuerlicher Mythologie. Bei Lindemann wird daraus aber kein folkloristisches Spiel. Diese Figuren stehen eher am Rand des Sagbaren – sie markieren, wie stark Landschaft und Imagination ineinandergreifen. Roggenfeld, Wind, Jahreszeiten: Das ist keine Kulisse, sondern ein Wahrnehmungsraum, in dem sich Erinnerung und Gegenwart überlagern.

    Die „Kleingeschichten“ sind formal unspektakulär, oft sehr kurz, manchmal eher Skizzen als ausgearbeitete Erzählungen. Gerade darin liegt ihr Verfahren: Verdichtung statt Ausführung. Situationen werden angerissen, Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, als hätte man sie nur im Vorübergehen gesehen. Das erzeugt einen Ton von Vorläufigkeit, fast etwas Flüchtiges.

    Auffällig ist auch, wie stark das Mündliche mitschwingt. Viele Texte lesen sich, als seien sie erzählt worden – nicht geschrieben. Das betrifft Rhythmus, Wortwahl, manchmal auch die Pointen, die eher beiläufig gesetzt sind. Dadurch entsteht Nähe, ohne dass Intimität behauptet wird.

    Inhaltlich kreist der Band um ländliche Lebenswelten: Arbeit, Kindheit, Altern, Natur. Aber auch hier vermeidet Lindemann jede Idealisierung. Die Texte bleiben beobachtend. Was sie zeigen, steht für sich; Deutung wird nicht mitgeliefert. Gerade das passt gut zu deinem Zugriff: Man kann diese Stücke nebeneinanderlegen wie Fundstücke.

    Vorhandene Ausgabe
    Werner Lindemann | Die Roggenmuhme
    Kleingeschichten
    Verlag Tribüne Berlin 1986
    Umschlaggestaltung und Illustrationen: Andrea Soest

  • Werner Lindemann

    Werner Lindemann

    WWerner Lindemann (1926–1993) gehört zu den Autoren der DDR, die sich einer schnellen Einordnung entziehen. Weder zählt er zu den exponierten Stimmen des literarischen Betriebs noch verschwindet er ganz in dessen Randzonen. Seine Texte bewegen sich in einem Zwischenbereich: unauffällig in der Form, präzise in der Beobachtung, zurückhaltend im Ton.

    Sein Weg zur Literatur ist dabei alles andere als geradlinig. Aufgewachsen in einem mecklenburgischen Dorf, geprägt von Krieg und Kriegsgefangenschaft, beginnt seine eigentliche Bildungsbiografie erst nach 1945 – und unter prekären Bedingungen. Als Landarbeiter fehlen Zeit und Mittel für Lektüre. Nach eigenen Angaben liest er erst 1946, im Alter von zwanzig Jahren, sein erstes Buch.

    Der Zugang zur Literatur erfolgt dann abrupt. In Halle, wo er Naturwissenschaften studiert, wird er von einem Lehrer zum Schreiben angeregt. Lesen und Schreiben setzen nahezu gleichzeitig ein. Lindemann selbst spricht später von „Nachholbedarf“ – ein Hinweis darauf, dass sich seine literarische Praxis nicht aus einer langen Lesesozialisation entwickelt, sondern aus einer Art Beschleunigung: Er liest, um zu schreiben, und schreibt, während er sich das Lesen erst aneignet.

    Ab 1949 arbeitet er als landwirtschaftlicher Berufsschullehrer, später als Dozent und Oberreferent. Parallel dazu entwickelt sich seine literarische Arbeit. Von 1955 bis 1957 studiert er am Leipziger Literaturinstitut „Johannes R. Becher“, einer zentralen Ausbildungsstätte für Schriftsteller in der DDR. Im Anschluss ist er als Redakteur bei der Studentenzeitschrift „Forum“ tätig.

    Seine ersten Gedichte entstehen kurz nach dem Krieg; 1959 erscheint der Band „Stationen“, der bereits autobiografische Spuren trägt. Im selben Jahr nimmt Lindemann an der ersten Bitterfelder Konferenz teil, einer kulturpolitisch wichtigen Zusammenkunft, die das Verhältnis von Literatur und Arbeitswelt neu bestimmen sollte. Zu diesem Zeitpunkt arbeitet er nicht nur als freier Schriftsteller, sondern auch als Kulturhausleiter in Wölkau bei Leipzig.

    In den 1960er Jahren verschiebt sich sein literarischer Schwerpunkt. Auf Anregung eines Verlages wendet er sich der Kinder- und Jugendliteratur zu. Diese Bewegung ist nicht allein ästhetisch motiviert, sondern auch institutionell geprägt: Verlage fungieren in der DDR als steuernde Instanzen, die Autoren in bestimmte Felder lenken, in denen kontinuierliches Publizieren möglich ist.

    Hier kreuzen sich zwei Entwicklungen: ein existenzieller, spät einsetzender Zugang zur Literatur und eine äußere Lenkung durch den Literaturbetrieb. Diese Konstellation prägt Lindemanns Schreiben. Seine Texte wirken selten wie das Produkt einer akademischen Literarisierung. Sie sind erdverbunden, oft in ländlichen Räumen verankert, und folgen keiner demonstrativen Programmatik.

    Statt großer Themen dominieren kleine Formen: kurze Prosastücke, Gedichte, Miniaturen. Das bedeutet keine Reduktion, sondern eine andere Form der Verdichtung. Seine Texte setzen nicht auf Ausführung, sondern auf Andeutung. Landschaft, Sprache und Erinnerung stehen im Zentrum; das Dorf erscheint nicht als Idylle, sondern als Erfahrungsraum, in dem sich Lebensläufe abzeichnen.

    Eine spätere, zugespitzte Charakterisierung beschreibt Lindemann als jemanden, der sein „Hobby zum Beruf“ machen konnte, dafür aber bei „harmlosen Kindergedichten“ blieb. Solche Urteile sagen weniger über die Texte selbst als über Erwartungen an Autorschaft. Sie setzen Sichtbarkeit mit Relevanz gleich und unterschätzen die Möglichkeiten, die gerade in scheinbar unspektakulären Formen liegen.

    Vielleicht lässt sich seine Rolle am ehesten so fassen: ein Autor, der sich Literatur vergleichsweise spät aneignet und zugleich in ein System eintritt, das diese Aneignung mitformt. Einer, der kleine Formen nutzt, um eine eigene Tonlage zu entwickeln – leise, aber beständig.

    Quellen: u.a. Mitteldeutsche ZeitungSWR2 Tandem: Irgendein Mike Oldfield neuerdings (Memento vom 12. März 2017 im Internet Archive), Sendung aus 2011, Ton-Datei im Archiv, O-Ton Werner Lindemann und seine Frau ab ca 10:00 Min.

  • Fundstücke und Notate zu Adolf Endler

    Fundstücke und Notate zu Adolf Endler

    In einem autobiografisch grundierten Text über die DDR-Literaturszene und ihre Verwerfungen nach 1989 beschreibt Lutz Rathenow beiläufig eine Szene mit Adolf Endler. Überliefert ist sie nicht als Erinnerung, sondern als Stasi-Protokoll: Endler bringt Manuskripte vorbei, richtet Zahlungsforderungen aus, verschwindet wieder.

    Die Kürze der Szene ist aufschlussreich. Sie zeigt Endler als Teil eines informellen literarischen Netzwerks, in dem Texte, Informationen und Geld außerhalb offizieller Kanäle zirkulieren. Wohnungen ersetzen Institutionen, persönliche Übergaben den Verlag.

    Gleichzeitig wird genau dieser Alltag vollständig erfasst. Das Protokoll macht sichtbar, wie tief die Überwachung in literarische Praxis eingreift: Selbst beiläufige Handlungen werden dokumentiert, kontextualisiert und funktionalisiert.

    Endler erscheint hier weniger als individuelle Figur denn als Schnittstelle – als jemand, der Texte bewegt und Verbindungen hält in einer Gegenöffentlichkeit, die sich unter den Bedingungen permanenter Beobachtung organisiert.
    Quelle: GDR Bulletin | Supplement | Volume 18, No. 1 | Spring 1992 | new prairee Press – Germanic Languages and Literatures at Washington University in St. Louis

  • Reparatur der Welt

    Reparatur der Welt

    Ich erlese mir die Wege und übe sie ein.

  • New York World’s Fair 1939

    New York World’s Fair 1939

    Im April 1939 öffnete im Flushing Meadows Park im New Yorker Stadtbezirk Queens eine der größten Weltausstellungen des 20. Jahrhunderts ihre Tore. Ihr Motto: „Building the World of Tomorrow“. Rund 44 Millionen Besucher kamen bis Oktober 1940.

    Das Wahrzeichen der Ausstellung waren Trylon und Perisphere – ein spitzer Obelisk von 212 Metern Höhe und eine weiße Kugel von 65 Metern Durchmesser. In der Perisphere befand sich Democracity, ein Modell der idealen Stadt der Zukunft. Breite Autobahnen, geordnete Wohnzonen, Grünflächen. Der General-Motors-Pavillon zeigte mit Futurama ein riesiges Modell der USA im Jahr 1960 – Besucher fuhren auf einem Förderband daran vorbei. Westinghouse präsentierte den Roboter Elektro. Zu den ausgestellten Technologien gehörten Fernsehen, Faxmaschine, elektrischer Geschirrspüler und die welterste Videokonferenz. Softeis wurde hier erstmals einem breiten Publikum bekannt.

    Die Botschaft war eindeutig: Technik und Planung schaffen eine bessere Gesellschaft.

    Der Riss im Bild

    Zwei Monate vor Eröffnung der Ausstellung, am 20. Februar 1939, fand im Madison Square Garden eine nationalsozialistische Massenkundgebung statt. Organisiert von der German American Bund, als „Pro-Americanism“-Rallye getarnt. Über 20.000 Teilnehmer. Anführer Fritz Julius Kuhn sprach vor einem riesigen Washington-Porträt, flankiert von Hakenkreuzfahnen. Draußen protestierten Tausende. (Wikipedia)

    Deutschland selbst nahm an der Weltausstellung nicht teil. Die offizielle Begründung: Die Ausstellung sei „überwiegend von Juden“ organisiert. New Yorks Bürgermeister Fiorello LaGuardia schlug daraufhin vor, eine „Schreckenskammer“ einzurichten, die das wahre Gesicht des NS-Regimes zeigen sollte. Der Plan scheiterte. Ausstellungsleiter Grover Whalen regte an, deutsche Emigranten um Klaus Mann sollten stattdessen einen „Freedom Pavilion“ errichten. Die Emigrantenszene war jedoch so zerstritten über das, was dort gezeigt werden sollte, dass auch diese Idee verworfen wurde. (Wikipedia)

    Im September 1939, während die Ausstellung noch lief, begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Einige Pavillons europäischer Länder wurden zu symbolischen Orten des Exils. Die Beteiligung der Nationen sank.

    „The World of Tomorrow“ – die Formel hatte sich in wenigen Monaten selbst überholt.

    New York 1939 in der Literatur

    Der Moment hat andere beschäftigt.

    E. L. Doctorows Roman World’s Fair (1985) spielt im New York desselben Jahres, aus der Perspektive eines Jungen, der in der Bronx aufwächst und die Weltausstellung als Versprechen einer anderen Welt erlebt. Michael Chabons The Amazing Adventures of Kavalier and Clay (2000) berührt das Ausstellungsgelände am Rand. Susie Orman Schnalls We Came Here to Shine (2020) siedelt seine Handlung direkt im Sommer der Ausstellung an.

    Und Ruth Frobeens Roman Irmelin Fuchs (2022) setzt im selben Sommer ein – mit einer anderen Frage im Zentrum.

    Titelbild: Robert P. Archer – Approaching Storm (ca. 1938)
    Öl auf Leinwand
    Smithsonian American Art Museum
    Verwendete Quelle: wikimedia

  • Ruth Frobeen – Irmelin Fuchs

    Ruth Frobeen – Irmelin Fuchs

    Der schmale Band bewegt sich zwischen Roman und längerer Erzählung. Die Handlung setzt im Sommer 1939 in New York City ein. Die neunzehnjährige Irma Sabrina Fuchs erwacht nach einem Koma in einem Altersheim, ohne jede Erinnerung an ihre Herkunft, ihre Familie, ihr früheres Leben.

    Sie verlässt das Heim und findet eine Anstellung bei der blinden Mrs. Rothman – zunächst als Vorleserin, später als Stenotypistin, die die autobiografischen Geschichten ihrer Gastgeberin abtippt. Diese Geschichten bilden eine zweite Erzählebene, aus der sich allmählich auch Hinweise auf die Vergangenheit der Protagonistin ergeben.

    Buchinformation:
    Ruth Frobeen – Irmelin Fuchs
    Roman/Erzählung
    Eigenverlag – 2022
    Website der Autorin, Texterin und Übersetzerin: ruthfrobeen.de

    Der Ton der Erzählerin wirkt fast privat. Er erinnert mich an die Briefe, die ich als Jugendlicher meiner damaligen Brieffreundin schrieb: direkt, etwas plaudernd, kaum literarisch überformt.

    Was war damals los – auch unabhängig von dieser Geschichte? Was mir aufgefallen ist: Eine junge Frau ohne Vergangenheit, umgeben von Menschen, die eine Zukunft entwerfen. > 1939 New York World’s Fair <

    Vielleicht bin ich zu feinfühlig, aber mich irritiert der aufmerksam schauende Fuchs auf der Rückseite des Covers, wo es doch in der Erzählung heißt, man habe einen ebensolches Tier leblos neben ihr gefunden, als sie den Motorradunfall hatte.

    ….ich lese….

    Foto von The New York Public Library auf Unsplash.

  • Elisabeth Borchers – Märchen

    Elisabeth Borchers – Märchen

    Jemand hat den Titel dieses Gedicht auf eine leere Seite geschrieben. Mit Bleistift, inkl. Seitenzahl. Das Buch – eine Jubiläumsausgabe von Elisabeth Borchers, erschienen zu ihrem 75. Geburtstag, gesammelt unter dem Titel Alles redet, schweigt und ruft – kam aus einem Antiquariat zu mir. Wessen Hand das war, weiß ich nicht. Aber die Geste hat mich beschäftigt: Ein Unterstrich im Inhaltsverzeichnis hätte genügt. Stattdessen eine leere Seite, Bleistift, das ganze Gedicht.

    Das Gedicht heißt Märchen und steht in einem Kapitel mit dem Titel Was ist die Antwort (1996). Es ist sehr kurz. Jemand sucht nach etwas Schönem – Borchers nennt dafür Schnee als Maßstab – und geht leer aus. Und genau in diesem Leerausgehen beginnt es zu schneien. Kein Besitz, kein Ankommen. Nur der Moment, in dem es anfängt.

    Meine erste Reaktion: Das ist doch gar kein Märchen. Keine Begegnung, kein Helfer, kein Antagonist. Eine Person, ein innerer Vorgang, und dann – Wetter. Märchen sind strukturell sozial. Selbst wer allein in den Wald geht, trifft dort etwas oder jemanden. Hier trifft niemand jemanden. Der Schnee kommt einfach.

    Und trotzdem heißt es Märchen. Vielleicht nicht um zu beschreiben, was das Gedicht ist, sondern um daraus etwas zu machen. Der Titel als Geste, nicht als Etikett. Borchers unterlässt die Auflösung, die das Genre verspricht – und behält den Namen trotzdem.

    Was sie als Maßstab für das Schöne wählt, ist vergänglich. Schnee bleibt nicht, zumindest nicht in unseren Breitengraden. Als hätte sie gar nicht den Anspruch, dass etwas dauerhaft ist. Das Gedicht endet nicht mit dem Schnee, sondern mit seinem Beginn. Das ist eine Haltung, keine Moral.

    Wann wäre es ein Märchen? Wenn der Schnee käme, weil jemand gesucht hat. Wenn das Gehen belohnt würde. Hier ist es umgekehrt: Die Enttäuschung ist Bedingung. Das Leerausgehen schafft den Raum. Vielleicht wollte Borchers genau das überdenken. Ich lasse das offen.

    Wessen Hand die Bleistiftzeile war – ob derjenige den Schnee noch gefunden hat, bevor er das Buch weitergab – das weiß ich nicht. Aber er oder sie hat die Geste gemacht. Und das war mehr als ein Unterstrich.

    • Maria Arimany – In den Wald muss man gehen, wenn es noch dunkel ist

      Maria Arimany – In den Wald muss man gehen, wenn es noch dunkel ist

      Maria Arimanys Gedicht trägt einen vielversprechenden Titel: „In den Wald muss man gehen, wenn es noch dunkel ist“. Diese Idee birgt etwas Spannendes, fast Initiatisches – der Gang in die Dunkelheit als bewusste Entscheidung, als Schwelle zu einer anderen Wahrnehmung. Das Gedicht | Das Werk besteht aus zwei Spalten mit teils verrückten Zeilenumbrüchen. Die Autorin…

    • Annette Hagemann: ARTIST

      Annette Hagemann: ARTIST

      Der Künstler als Versuchsanordnung und Schaustück? Auf den ersten Blick scheint Annette Hagemanns Gedicht ARTIST ein feines, fast ehrfürchtiges Porträt eines schöpferischen Menschen zu sein – eines, der sich einen Raum erbittet, um seine Arbeit zu tun: „Du hattest um den Geheimnisraum gebeten, das Innere des Turms ein leuchtender Lichthof …“ Ein Bild der Sammlung,…

    • Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

      Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

      Manchmal landet man durch Zufall bei einem Lied, das einen nicht mehr loslässt. Bei mir war es eine Recherche zu Grit Lemkes Kinder von Hoy, die mich über den Singeklub Hoyerswerda zu Gundi und schließlich zu ihrer Tochter Linda Gundermann führte. Ihr Lied „Bindungsstil“ ist mir dabei begegnet – und ich höre es seitdem immer…

    • Die Gedanken sind frei

      Die Gedanken sind frei

      Die Gedanken sind frei – ein Lied, das zu oft als Beruhigungspille missbraucht wurde. Während Diktaturen Menschen einsperrten, sangen diese von ihrer inneren Freiheit, statt die äußeren Ketten zu sprengen. Diese Ambivalenz macht das Lied gefährlich und kraftvoll zugleich. Die Unzerstörbarkeit als Problem | Das Lied verkörpert eine jahrhundertealte Idee: die Unzerstörbarkeit der Gedanken- und…

    • Das Licht

      Das Licht

      das licht der nachbarn ich sitze an meinem tisch zwischen frost und glut oliver simon | 2023

    • KLARSTELLUNG DER PUPPE

      KLARSTELLUNG DER PUPPE

      Ihr seht mich an und nennt es Schuld. Doch meine Augen sind leer, weil ihr sie mir genommen habt. Ihr habt mich in dieses Gitter gestellt, mich zu eurer Bühne gemacht, mich schweigen lassen, damit ihr in mir sprechen könnt. Euer Blick legt Lasten auf mich, die ich nicht tragen will. Ich bin kein Spiegel…

    • Der Besucher

      Der Besucher

      Schnee knirscht unter Stiefeln Spuren ziehen sich heran Über die weiße Decke eine Linie, geradewegs zum Haus Es kommt jemand Es kommt einer heute unerwartet Er öffnet den Rucksack teilt den heißen Tee aus der Thermosflasche, das Gebäck vom Morgen Sie sitzen auf der eilends gefegten Bank vor ihrer Tür schweigen und lauschen dem fernen…

    • Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      DIE ALTE FRAU Schnee ist gefallenSchon wird es NachtAuf weißer Decke nicht eineSpur, nicht Vogel nicht KatzeEs kommt kein BesuchEs kommt keiner heutees kommt keiner morgenSie kehrt und kehrtimmer gründlicher kehrt sie denStraßenzugang zu ihrem Haus Annähernd gelesen | Das Gedicht ist schlicht gebaut: kurze, prosanahe Zeilen ohne Reim, ohne übermäßige Interpunktion. Es öffnet mit…

    • Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…

    • BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…

    • Guido Zernatto || Gebet

      Guido Zernatto || Gebet

      Ich bete zu Gott, weil in seiner Hand Mein Sein ist, mein Leib, mein Gefühl, mein Verstand, Mein Hoffen, mein Trachten zu jeglicher Stund Und ohne ihn redet kein Wörtlein mein Mund. Ich bete zu Gott, weil das Firmament Kein Licht und kein Lebendsein ohne ihn kennt; Ohne ihn steigt kein Tag auf den Bergen…

    • Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht…

    • Atlantis lokalisieren – Nathalie Schmid

      Atlantis lokalisieren – Nathalie Schmid

      LektüreNotizen | Der Titel Atlantis lokalisieren klingt nach poetischem Forschungsauftrag. Dieses ‚Lokalisieren‘ meint weniger eine geografische Suche als einen schöpferischen Akt, der sich in Lyrik, Kunst und jeder anderen Form der Kreation vollzieht – und dessen Scheitern bereits einkalkuliert. Atlantis: ein Ort, der in Legenden existiert, in Spekulationen, in Wunschbildern. Ein Ort, der verschollen ist,…

    • Ille Chamier – Rosestock Holderblüh

      Ille Chamier – Rosestock Holderblüh

      Ille Chamiers Gedicht Rosestock Holderblüh verdichtet ihre Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zu einer poetischen Collage aus Trauma und Überlebenspoesie. Geboren 1937, erlebte sie die Bombennächte um 1943 – als Sechsjährige – in unmittelbarer existenzieller Bedrohung, wie die Zeilen „horchte ich nach den Bombengeschwadern“ bezeugen. Die Szene der zersplitterten Fenster („Scherben lagen ums Gitterbett“) neben der unverletzten Schwester offenbart…

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      margueriten – Norbert Hummelt

      Das Gedicht als transgenerationale Übersetzungsarbeit? Eine Annäherung | In „margueriten“ rekonstruiert Norbert Hummelt nicht einfach die Erinnerungen seiner Mutter an den Zweiten Weltkrieg – er macht den Prozess der Rekonstruktion selbst zum Thema. Das lyrische Ich (als nachgeborener Sohn) wird zum Archäologen mütterlicher Erfahrungen, die nur fragmenthaft überliefert sind: in abgebrochenen Sätzen, verweigerten Liedern und weggelegten…

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      Frauke Tomczak – Zwei Ewigkeiten in drei

      Annähernd gelesen | Zwei Ewigkeiten in drei schildert, wie das lyrische Ich „in der Ecke“ steht – nicht orientierungslos, sondern gezwungenermaßen im Dreieck von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Dieser symbolische Dreiklang wird zur Falle: eine „Triangel-Ecke“, in der sich das Ich verunsichert, beschämt und fragmentiert fühlt. Es bewegt sich unsicher zwischen Zuspruch und Urteil…

    • Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen

      Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen

      Versuch schulisch zu lesen | Nathalie Schmids Gedicht „die namen der eisheiligen“ ist eine dichte lyrische Miniatur, die existenzielle Verlusterfahrung in einer poetischen Collage aus Stadt- und Naturbildern verarbeitet. In freier Form, ohne Satzzeichen oder konventionelle Struktur, oszilliert das Gedicht zwischen Bewegung und Erstarrung, zwischen Geräuschkulisse und sprachloser Introspektion. Es thematisiert das Ringen um Orientierung…

    • Nathalie Schmid – herbrig

      Nathalie Schmid – herbrig

      Interpretation zu Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ ist ein poetischer Erinnerungsraum, der sich mit Vergänglichkeit, Heimatverlust und dem Bewahren des Alltäglichen beschäftigt. In einer fragmentarisch-assoziativen Struktur – typisch für zeitgenössische Lyrik – reiht die Autorin Bilder aneinander, die zwischen Melancholie und stillem Humor oszillieren. Jede Strophe beginnt mit dem Wort „bevor“, wodurch…

  • Elisabeth Borchers – Weglassen als Prinzip

    Elisabeth Borchers – Weglassen als Prinzip

    Der Gedichtband stand jahrelang im Regal. Ungelesen. Eine Lyrikauswahl der Autorin und Lektorin Elisabeth Borchers, erschienen 2001 bei Suhrkamp — bestellt, weil irgendwer schrieb, sie sei eine bedeutende Lyrikerin, und weil eine Auswahl aus verschiedenen Schaffensphasen wie ein guter Einstieg wirkte. Der Einband: kein Türöffner. Es geriet in Vergessenheit.

    Was es dann öffnete, war ein Facebook-Post. Der Bremer Schriftsteller Michael Augustin schrieb anlässlich ihres 100. Geburtstags über zwei Begegnungen mit Elisabeth Borchers — und erzählte dabei eine Szene, die mich beschäftigt. Die beiden gehen durch das Foyer eines Theaters in Bremerhaven, wo Gedichte der Lesenden in Plakatgröße ausgestellt sind. Vor einem Gedicht bleibt Borchers stehen. Sie fragt, ob es von ihm sei. Er bestätigt. Ihre Antwort, wie Augustin sie erinnert:” Hhm. Warum lassen Sie nicht diese Zeile hier einfach weg? Die ist völlig überflüssig. Weglassen! Dann wird ein Gedicht draus!“

    BuchCover

    Er war kurz “schockiert”. Dann erkannte er, dass sie recht hatte. Noch in derselben Lesung, eine Stunde später, ließ er die Zeile weg. Das Gedicht — in der Borchers-Version, wie er selbst schreibt — ist seither eines seiner meistgedruckten und meistübersetzten.

    Weglassen als Handwerk um zu präzisieren. Wie schwer mir das selbst immer wieder fällt.

    Das hätte eine schöne Anekdote bleiben können, ein Porträt der Lektorin, die sie vier Jahrzehnte lang auch war — bei Luchterhand, später bei Suhrkamp und Insel, wo sie Autor:innen wie Martin Walser und Wisława Szymborska begleitete. Aber dann lag das Buch offen, und darin stand ein Gedicht, das Augustin auch verlinkt hatte: Was alles brauchts zum heutigen Paradies — und es stand dort in einer anderen Version als der bekannten Aufnahme, in der Borchers selbst liest.

    Die Fassung im Band datiert auf 1986, der Titel lautet noch ohne „heutigen“. Und mitten im Gedicht steht ein Wort, das in der späteren Version von 1991 verschwunden ist: Nimmerschwarz. Ein Wort, das es nicht gibt. Eine Verneinung einer Farbe, die selbst schon Verneinung ist. Neben Immergrün gesetzt — Beständigkeit gegen Auflösung, Pflanze gegen Erfindung. Wenn es wegfällt, wird das Gedicht um eine Möglichkeit ärmer. Und schärfer.

    Fünf Jahre zwischen beiden Versionen. Ein Wort weniger. Ein Wort mehr im Titel — „heutigen“ als Einbruch der Gegenwart in einen Titel, der vorher beinahe zeitlos klang. Das ist dieselbe Bewegung wie in der Szene im Theaterfoyer: ein Eingriff, kaum sichtbar, und das Gedicht verschiebt sich.

    Dass der Band neben den Gedichten auch einen kurzen Essay enthält — Wie entsteht ein Gedicht — gibt Anlass, genauer zu lesen.

    Alles redet, schweigt und ruft versammelt Gedichte aus sechs Jahrzehnten, ausgewählt von Arnold Stadler, der dem Band ein Nachwort beigegeben hat. Die Auswahl folgt keinem chronologischen Prinzip, sondern einem inhaltlichen — Stationen eines Werks, das sich von liednahen Frühgedichten über die Verdichtung der mittleren Phase bis hin zu den reduzierten, fast atemlosen späten Texten bewegt.

    Einzelne Gedichte aus diesem Band werde ich in separaten Beiträgen genauer betrachten. Dieser hier ist die Landkarte. Die Wanderungen folgen.

    Elisabeth Borchers – Alles redet, schweigt und ruft
    Gedichte – Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Arnold Stadler
    suhrkamp taschenbuch – 2001

    Quellen:
    Michael Augustin auf facebook (Eintrag vom 27.02.2026)
    Das von der autorin eingesprochene Gedicht auf planet lyrik

    Bisher aus der Lektüre entstandene Beiträge

    • Loulou Omer – EINS UND NOCH EINS

      Loulou Omer – EINS UND NOCH EINS

      Loulou Omers Gedicht „EINS UND NOCH EINS“ aus dem Band Was es bedeuten soll. Neue hebräische Gedichte in Deutschland (parasitenpresse 2019, S.100) verbindet introspektive Reflexion mit metaphorischer Sprache, um zentrale Themen wie Identität, menschliche Verbindungen und die Suche nach Authentizität zu erkunden. Formal bricht das Gedicht mit Konventionen: Auf den mathematisch-nüchternen Titel, der Wiederholung oder…

    • Renatus Deckert – Plötzensee

      Renatus Deckert – Plötzensee

      Das Gedicht beschreibt den Besuch eines Ortes, der als Hinrichtungsstätte diente. Der Raum wird sachlich geschildert: Unter der Decke sind Haken und ein schwarzer Balken sichtbar. Die kahlen, grauen Wände umschließen eine leere Stille, in die man vorsichtig hineintritt. Diese Stille wird als drückend beschrieben – wie Steine auf der Zunge oder ein einhüllender Rauch.…

    • Im Silberdistelwald

      Im Silberdistelwald

      Als hätten sich György Kurtág, Johann Sebastian Bach und Oskar Loerke am Hubertussee getroffen. Der SilberdistelwaldMein Haus, es steht nun mittenIm Silberdistelwald.Pan ist vorbeigeschritten.Was stritt, hat ausgestrittenIn seiner Nachtgestalt. Die bleichen Disteln starrenIm Schwarz, ein wilder Putz.Verborgne Wurzeln knarren:Wenn wir Pans Schlaf verscharren,Nimmt niemand ihn in Schutz. Vielleicht, dass eine BlüteZu tiefer KommunionIhm nachfiel und…

    • Eduard Assadow || Ich werde dich lieben, darf ich?

      Eduard Assadow || Ich werde dich lieben, darf ich?

      Ich werde in deinen Augen ertrinken, darf ich? Denn in deinen Augen zu ertrinken, ist Glück.Ich komme zu dir und sage: „Guten Tag!Ich liebe dich sehr.“ Ist das schwer?Nein, das ist nicht schwer, sondern mühsam.Es ist sehr mühsam, zu lieben. Glaubst du mir das? Ich gehe auf eine steile Klippe,ich werde fallen, fang mich! Schaffst…

    • was wir einander

      was wir einander

      LektüreNotizen: Günter Abramowski | wer ist wir Dieser Band besteht aus achzig – wenn ich richtig gezählt habe – Gedichten. Der Autor empfiehlt im Inhaltsverzeichnis, die Gedichte in der Reihenfolge zu lesen, wie gedruckt. Beim Lesen der Titel fiel mir eine Zusammengehörigkeit auf und ich habe versucht daraus einen eigenständigen Text abzuleiten. Die Titel lesen…

    • Günter Abramowski – Wer ist Wir

      Günter Abramowski – Wer ist Wir

      Günter Abramowskis Gedichtband „wer ist wir – neokontemplative gedichte“ wurde im August 2024 vom Verlag Königshausen & Neumann veröffentlicht. In diesem Werk setzt sich der Autor mit der Frage nach dem „Wir“ auseinander und lädt zur Reflexion über Identität und Gemeinschaft ein. Die Gedichte thematisieren Momente der Besinnung und ermutigen dazu, im „aufmerkenden Untätig-Sein“ den…

    • Jürgen Völkert-Marten – Wege – Lyrik

      Jürgen Völkert-Marten – Wege – Lyrik

      „Wege“ führt uns durch einen merkwürdigen Wechsel der Perspektiven: Erst sind wir mittendrin im Matsch und Regen, dann schauen wir von oben auf eine Landkarte. Diese Bewegung von der körperlichen Erfahrung zur abstrakten Betrachtung durchzieht das ganze Gedicht wie ein roter Faden. Unterwegs im Regen Die erste Strophe lässt uns förmlich die nassen Füße spüren.…

    • Ich bin ein Gedicht | Visuelle Poesie

      Ich bin ein Gedicht | Visuelle Poesie

      Die Visuelle Poesie entstand in den 1950er und 1960er Jahren in Deutschland als eine Gegenbewegung zur traditionellen, oft metaphernreichen Lyrik. Der Begriff der „Konkreten Poesie“ wurde von Eugen Gomringer geprägt und lehnte sich an den Begriff der „Konkreten Kunst“ an, den Max Bill und Theo van Doesburg in die Diskussion gebracht hatten. Konkrete Poesie setzt…

  • Nâzım Hikmets Menschenlandschaften – 1

    Nâzım Hikmets Menschenlandschaften – 1

    Die vergessenen Bücher und der Zug durch Anatolien | Manchmal braucht es den Hinweis eines anderen, um im eigenen Regal wiederzufinden, was längst hätte gelesen werden sollen. Bei mir war es ein Nebensatz auf der Website von Volkmar Mühleis, der Nazim Hikmet erwähnte – und mir fiel ein: Die Bücher stehen ja hier. Schon lange. Ich hatte sie vor Jahren angeschafft, in einer dieser Phasen, in denen man sich vornimmt, endlich die Lücken zu füllen, die großen Namen nachzuholen. Und dann verstauben sie. Hikmet war so einer: gewusst, dass er wichtig ist, dass er zu den bedeutenden Dichtern des 20. Jahrhunderts gehört, aber nie gelesen. Jetzt liegen die Bände vor mir, und ich lese.

    Was mir auffällt: Menschenlandschaften ist kein Text, das sich bequem lesen lässt. Es ist sperrig, dicht, polyphone Literatur, die einen fordert. Aber es ist auch eines jener Bücher, bei denen man nach wenigen Seiten spürt: Hier schreibt jemand, der etwas zu sagen hat, der die Literatur nicht als Stilübung begreift, sondern als Instrument, um Wirklichkeit abzubilden – und zwar eine Wirklichkeit, die sonst unsichtbar bleibt.

    Aus dem Gefängnis heraus

    Nazim Hikmet schrieb Menschenlandschaften zwischen etwa 1938 und 1950, in einer Zeit, die für ihn persönlich von Haft und politischer Verfolgung geprägt war. Als kommunistischer Intellektueller saß er über Jahre in türkischen Gefängnissen, unter anderem in Bursa. Dort, unter den Bedingungen der Isolation und Repression, entstand dieses monumentale Versepos – 17.000 Zeilen, die heute überliefert sind, nachdem Teile durch Zensur und Vernichtung verloren gingen.

    Die Haft war nicht nur Rahmen, sie war auch Ermöglichung. Im Gefängnis traf Hikmet auf Menschen, die ihm sonst nicht begegnet wären: Arbeiter, Bauern, Kleinkriminelle, politische Gefangene, Menschen aus allen Schichten der türkischen Gesellschaft. Ihre Stimmen, ihre Geschichten, ihre Lebenswelten fanden Eingang in das Werk. Menschenlandschaften ist kein Heldenepos im klassischen Sinn, keine Erzählung großer historischer Figuren. Es ist ein Panorama alltäglicher Leben, verwoben mit den Erschütterungen der Zeit – dem Zweiten Weltkrieg, der politischen Unterdrückung, den sozialen Verwerfungen einer Gesellschaft im Umbruch.

    Hikmet selbst verstand sein Werk als eine Art poetische Enzyklopädie. Nicht im Sinne einer systematischen Ordnung, sondern als Sammlung menschlicher Erfahrungen, die zusammengenommen ein Bild der Gesellschaft ergeben. Er wollte traditionelle Formen überwinden, arbeitete mit modernen, filmischen Techniken – Schnitte, Perspektivwechsel, Montagen. Das Ergebnis ist ein Text, der sich eher wie ein Dokumentarfilm liest als wie klassische Epik.

    Die Übersetzung

    Ich lese Hikmet in der Übersetzung von Ümit Güney und Norbert Ney – eine Konstellation, die bei lyrischen und epischen Texten oft entscheidend ist. Güney, selbst türkischer Herkunft, und Ney, deutscher Lyriker, haben gemeinsam gearbeitet, um Hikmets formale Experimente, seine Mischung aus Alltagssprache und lyrischer Verdichtung, ins Deutsche zu übertragen. Sie gelten als die deutsche Stimme Hikmets, ihre Übersetzungen prägen seit den 1980er Jahren, wie wir ihn hierzulande lesen.

    Was ich nicht beurteilen kann: Wie nah kommt diese Übersetzung dem türkischen Original? Geht etwas verloren, wird etwas gewonnen? Wer Hikmet im Original kennt und die deutsche Fassung gelesen hat – wie erlebt ihr diesen Abstand oder diese Nähe? Das wäre eine Frage, die ich gern an türkischsprachige Lesende richten würde.

    Der Zug vom Haydarpaşa-Bahnhof

    Der erste Band von Menschenlandschaften beginnt am Haydarpaşa-Bahnhof in Istanbul, einem jener Orte, an denen sich die Ströme der Gesellschaft kreuzen. Ein Zug fährt ab, Richtung Anatolien. Diese Zugfahrt ist das strukturierende Prinzip des ersten Teils: Menschen steigen ein, nehmen Platz, erzählen, erinnern sich, schweigen. Im Zugabteil treffen politische Gefangene auf Arbeiter, Mütter auf Veteranen, Studierende auf Bauern. Der Raum ist eng, die Hierarchien sind sichtbar, aber für die Dauer der Fahrt sind alle im selben Abteil, unterwegs durch eine Landschaft, die mehr ist als Kulisse – sie ist das Land selbst, mit seinen Brüchen und Widersprüchen.

    Hikmet arbeitet mit wechselnden Perspektiven. Mal spricht eine Figur direkt, mal wird aus der Distanz erzählt, dann wieder bricht eine Erinnerung ein, ein innerer Monolog, ein Fetzen Vergangenheit. Es entsteht ein Gewebe aus Stimmen, ein kollektives Porträt, das nicht auf Vollständigkeit zielt, sondern auf Vielstimmigkeit. Man muss sich als Leser darauf einlassen, dass Geschichten nicht zu Ende erzählt werden, dass Figuren auftauchen und wieder verschwinden, dass das Ganze eher einem Kaleidoskop gleicht als einer linearen Handlung.

    Eine der zentralen Figuren ist Halil, ein politischer Gefangener, der mit anderen Inhaftierten im Zug sitzt. Durch ihn und seine Gefährten wird die politische Dimension sichtbar: die Verfolgung, die Repression, aber auch die Würde und der Widerstand derer, die nicht aufgeben. Halil ist kein strahlender Held, er ist ein Beobachter, jemand, der sieht und festhält, was um ihn herum geschieht.

    Der erste Band endet nicht mit einer Auflösung, sondern mit einem symbolisch aufgeladenen Moment: Ein Mann begeht während der Fahrt Selbstmord. Es ist ein Schlussakkord, der die Härte jener Lebenswelten markiert, die Hikmet beschreibt – die Verzweiflung, die sozialen Zwänge, die existenzielle Not. Der Tod ist nicht Katharsis, sondern Ausdruck einer Realität, die viele dieser Figuren bestimmt.

    Warum das heute relevant ist

    Man könnte fragen: Warum dieses Werk heute lesen, ein Epos aus den 1940er Jahren, das in einer türkischen Gesellschaft spielt, die es so nicht mehr gibt? Die Antwort liegt vielleicht darin, wie Hikmet schreibt. Seine Technik, viele Stimmen nebeneinander zu stellen, ohne sie zu hierarchisieren, ohne eine Erzählerstimme, die alles ordnet und deutet – das ist radikal modern. Es erinnert an dokumentarische Formen, an Collagen, an Strategien, die wir heute in Film und Literatur wiederfinden.

    Und inhaltlich: Die Frage, wie eine Gesellschaft mit ihren Ausgeschlossenen umgeht, mit denen, die nicht ins Bild passen, die politisch unbequem sind, die ökonomisch abgehängt werden – diese Frage ist nicht verschwunden. Hikmets Menschenlandschaften ist ein Versuch, diesen Menschen eine Stimme zu geben, sie sichtbar zu machen, ohne sie zu idealisieren oder zu viktimisieren. Sie sind da, mit ihren Widersprüchen, ihren Hoffnungen, ihrer Gewalt, ihrer Zärtlichkeit.

    Nach den ersten Seiten

    Nach den ersten Seiten bleibt bei mir vor allem ein Eindruck: die Dichte. Hikmet lässt keine Luft, kein elegantes Gleiten über die Oberfläche. Sein Text verlangt Aufmerksamkeit, er zieht einen hinein in die Enge des Zugabteils, in die Hitze, den Lärm, die Erschöpfung. Man liest nicht über diese Menschen, man sitzt neben ihnen.

    Ob das Werk zu denen gehört, die man durchhalten muss, oder zu denen, die einen mitreißen – das wird sich zeigen. Aber es gehört definitiv zu denen, die man (ich) nicht vergessen sollte. Auch wenn sie im Regal verstauben.

  • Nâzım Hikmet – Menschenlandschaften

    Nâzım Hikmet – Menschenlandschaften

    Nâzım Hikmet wurde 1902 in Saloniki geboren, einer Stadt, die damals zum Osmanischen Reich gehörte und heute griechisch ist, und starb 1963 in Moskau, nachdem er Jahre im türkischen Gefängnis verbracht und schließlich ins Exil gezwungen worden war. Sein Leben ist von erzwungenen Ortswechseln geprägt – Gefängnis, Exil, Flucht –, und diese Bewegung zwischen Räumen prägt auch sein Schreiben. Er ist ein Autor der Grenzen, nicht der festen Zugehörigkeit.

    Hikmets poetisches Projekt verbindet formale Innovation mit politischer Haltung: Er gilt als Begründer der modernen türkischen Lyrik, arbeitete mit freien Versformen, Bildmontagen und multiperspektivischem Erzählen. Seine kommunistische Überzeugung war nicht Beiwerk, sondern strukturierendes Prinzip: Seine Gedichte und sein episches Hauptwerk Menschenlandschaften versuchen, soziale Totalität abzubilden – nicht durch abstrakte Analyse, sondern durch die Stimmen einfacher Menschen, durch Szenen, Dialoge, räumliche Bewegungen.

    Menschenlandschaften entstand über mehr als ein Jahrzehnt, größtenteils im Gefängnis. Ein episches Verswerk von rund 17.000 Zeilen, das die türkische Gesellschaft der 1940er Jahre in fünf Büchern durchquert. Es folgt keiner linearen Handlung, sondern einer räumlichen Logik: Züge, die aus Istanbul hinausfahren, durchschneiden soziale Schichten und verbinden Lebensgeschichten. Die Form ist eine Montage aus Stimmen – Arbeiter, Bauern, Gefangene, Intellektuelle –, die zusammen ein polyphonisches Gesellschaftsbild ergeben. Hikmet schreibt nicht über diese Menschen, sondern lässt sie sprechen, szenisch, dialogisch, oft ohne vermittelnde Erzählerstimme. Das Werk ist zugleich Gedicht, Gesellschaftsanalyse und dokumentarisches Panorama.

    Die Rezeption war verzögert und fragmentiert. In der Türkei blieb Menschenlandschaften bis in die 1960er Jahre nach Hikmets Tod weitgehend unzugänglich; international wurde es über Exilnetzwerke, linke Verlage und Übersetzungen verbreitet. Im deutschsprachigen Raum erschien es in den 1970er und 1980er Jahren in fünf Bänden, übersetzt unter anderem von Ümit Güney und Norbert Ney. Hikmet wurde dort nicht als kanonischer Autor rezipiert, sondern als transnationaler Bezugspunkt: für Weltliteratur-Diskurse, für türkisch-deutsche Literaturproduktionen, für die Verbindung von Poetik und politischer Haltung.

    Aus der Lektüre entstandene Beiträge:

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