Kategorie: Angeregte Dialoge

Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.

In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.

  • Wenn Sprache Bilder erzeugt, ohne Bilder zu sein

    Wenn Sprache Bilder erzeugt, ohne Bilder zu sein

    Über Kathrin Niemelas „pont des arts“ | Kathrin Niemelas Gedicht „pont des arts“ erschien in der Literaturzeitschrift Wortschau in einer Paris-Ausgabe. Es ist ein Text, der sich beim ersten Lesen entzieht – nicht weil er hermetisch wäre, sondern weil er so verdichtet ist, dass man ihn kaum greifen kann. Die Sprache ist präzise, die Klänge sind sorgfältig gesetzt, und doch bleibt etwas Abstraktes, Verkopftes zurück. Ein Text, der mich beeindruckt, aber nicht unbedingt berührt.

    Der Ort und seine Last

    Die Pont des Arts in Paris ist mehr als eine Brücke. Sie wurde zu einem Touristenritual, einem Ort des Kitschs: Liebespaare brachten dort jahrelang Vorhängeschlösser an, gravierten ihre Initialen ein und warfen den Schlüssel in die Seine – als Symbol ewiger Verbundenheit. 2014 brach ein Teil des Geländers unter der Last von 45 Tonnen Metall zusammen. 2015 entfernte die Stadt alle Schlösser. Die Brücke war buchstäblich zu schwer geworden von zu viel Liebe.

    Niemela nimmt diesen Ort und macht daraus etwas anderes. Sie beschreibt nicht, sie erzählt nicht. Sie löst das Greifbare auf.

    Kann man das zeichnen?

    Das Gedicht arbeitet mit Bildern, die man sich vorstellen könnte: eine sich biegende Brücke, ein splitternder Himmel, ein „lichtzitterbild“. Aber es gibt einem keine Zeit, diese Bilder entstehen zu lassen. Der Text ist eine einzige Zeile, nur durch Schrägstriche gegliedert, ohne Interpunktion. Alles fließt, alles stockt, alles drängt weiter.

    Als ich das Gedicht zum ersten Mal las, kam mir sofort der Gedanke: Könnte man das zeichnen? Könnte man diese sich biegende Brücke, diesen splitternden Himmel, die ertrinkenden Schlüssel visualisieren?

    Die Antwort ist: Ja und nein. Man könnte einzelne Momente isolieren und festhalten – eine Brücke, die sich unter der Last biegt, Schlüssel, die ins Wasser fallen. Aber genau das würde zerstören, was das Gedicht ausmacht: die Bewegung, das Ineinanderfließen, die Atemlosigkeit. Das Gedicht will nicht, dass wir die Bilder festhalten. Es will die Bewegung des Splitters, des Fließens, des Ertrinkens – nicht das gefrorene Bild davon.

    Niemela benutzt Wörter, die visuell sind – „splittert“, „glitzern“, „silberglieder“ – aber sie bewegt sich zwischen dem, was man sehen kann, und dem, was sich entzieht. Die Bilder sind da, aber man kann sie nicht greifen.

    Vom Ort zur Sprache

    Die Pont des Arts ist ein konkreter, greifbarer Ort. Man kann ihn besuchen, man kann darauf stehen, man kann die Seine unter sich fließen sehen. Niemela nimmt diesen Ort und macht daraus Sprache – nicht beschreibend, nicht abbildend, sondern durch Klangketten und Wortfetzen.

    Die Schlösser werden zu „silberglieder“, „riegel“, „bügel“, „gitter“. Alles wird zu Bewegung, zu Zustand, zu Klang. Die physische Last der Liebesschlösser wird zur Last der Liebe selbst: „zu viel liebe wiegt, bricht sich in silberglieder“.

    Die Frage ist: Ist der Ort nach der Lektüre noch erkennbar? Oder hat sich die Sprache vom Ort gelöst?

    Ich denke, beides. Der Ort ist noch da – man spürt die Brücke, die Schlösser, das Wasser. Aber er ist nicht mehr greifbar. Er ist zu etwas Sprachlichem geworden, zu einer Klanglandschaft, die man nicht mehr anfassen kann.

    Klang statt Bedeutung?

    Niemelas Gedicht ist stark über den Klang gebaut. Die Konsonanten sind hart und abrupt: „klicken“, „splittert“, „zirzt“. Besonders eindrucksvoll ist die Stelle gegen Ende: „zirzt, ziert sich, resigniert“ – drei Wörter, die fast gleich klingen, aber deren Bedeutungen sich verschieben. Vom Bezirzen (jemandem den Kopf verdrehen, verführen) über das kokette Sich-Zieren bis zum Aufgeben.

    Diese Klangarbeit ist beeindruckend. Aber sie wirft auch eine Frage auf: Hört man das Gedicht mehr als Klang oder mehr als Bedeutung? Trägt die Sprache den Inhalt oder wird sie selbst zum Inhalt?

    Ich habe keine Antwort darauf. Aber die Frage drängt sich beim Lesen auf.

    Das Problem der Verdichtung

    Das Gedicht ist extrem komprimiert: eine Zeile, keine Pausen außer den Schrägstrichen, kein Atem. Was passiert, wenn ein Gedicht so verdichtet wird?

    Für mich entsteht das Gefühl von Atemlosigkeit, von zu viel auf einmal. Es ist, als würde die Sprache unter ihrer eigenen Last zusammenbrechen – wie die Brücke unter den Schlössern.

    Aber gleichzeitig entsteht auch eine Distanz. Die Verdichtung macht den Text schwer zugänglich. Er beeindruckt handwerklich, aber er dockt nicht an. Es ist ein Text, den man bewundern kann, aber nicht unbedingt fühlen.

    Was bleibt?

    Am Ende des Gedichts stehen die Biber. Sie wirken fremd, fast irritierend – ein natürliches Element in einem Gedicht über menschliche Rituale und deren Scheitern. Die Biber leben einfach am Fluss, ohne dieses ganze menschliche Bezirzen und Sich-Zieren. Das Natürliche fließt weiter, während die inszenierte, ritualisierte Liebe sich selbst erdrosselt.

    Niemelas Gedicht nimmt einen touristischen Ort, ein kitschiges Ritual, und macht daraus etwas, das weder kitschig noch eindeutig ist. Es erzeugt Bilder, aber will nicht, dass wir sie festhalten. Es arbeitet mit Klang, aber nicht nur mit Klang. Es ist präzise und abstrakt zugleich.

    Vielleicht ist das die größte Stärke dieses Gedichts: dass es sich nicht festlegen lässt. Dass es zwischen dem, was man sehen kann, und dem, was sich entzieht, hin und her bewegt. Dass es Fragen aufwirft, ohne sie zu beantworten.

    Titelfoto: edmondlafoto via pixabay


  • Den Mund über Wasser halten

    Den Mund über Wasser halten

    Ein Essay über männliche Verantwortung im Angesicht von Femiziden

    I. Das Gedicht als Warnsignal

    Kathrin Niemelas Gedicht „Beckenendlage“ beginnt mit einem medizinischen Begriff – einer riskanten Geburtslage – und endet im Ertränkungsbecken. Es verbindet die Hinrichtung verurteilter „Hexen“ im isländischen Drekkingarhylur mit Agnes Bernauer in der Donau und mit den ertrinkenden Frauen im Mittelmeer. Der letzte Vers spaltet sich: „den mund über wasser zu halten, den mund zu halten“. Physisches Überleben und erzwungenes Schweigen werden eins.

    Als Mann, der dieses Gedicht liest, kann ich die Ästhetik bewundern, die sprachliche Verdichtung, die historische Recherche. Ich kann nicken und sagen: Ja, schrecklich, was Frauen angetan wurde. Aber das Gedicht duldet diese Distanz nicht. Es ist keine Geschichtsstunde. Es ist eine Anklage, die bis in die Gegenwart reicht. Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. Das sind keine mittelalterlichen Hexenprozesse. Das geschieht jetzt, hier, in Nachbarwohnungen, in meiner Stadt.

    Die Frage ist nicht, ob ich als Mann betroffen sein sollte. Die Frage ist: Was mache ich mit dieser Betroffenheit?

    II. Die Schwierigkeit des Erkennens

    Gewalt gegen Frauen beginnt selten mit einem Mord. Sie beginnt mit Kontrolle. Mit Eifersucht, die als Liebe getarnt ist. Mit der schleichenden Isolation einer Frau von ihren Freunden und ihrer Familie. Mit abwertenden Kommentaren, die später als „Spaß“ bezeichnet werden. Mit der ersten Ohrfeige, nach der er weint und schwört, es nie wieder zu tun.

    Als Mann, der nicht in dieser Dynamik lebt, sehe ich meist nur Momentaufnahmen. Ein Paar streitet auf der Straße – ist das eine normale Auseinandersetzung oder etwas Gefährlicheres? Ein Kollege macht einen abwertenden Witz über seine Partnerin – ist das sein Humor oder ein Warnsignal? Eine Nachbarin wirkt zurückgezogen und trägt im Sommer lange Ärmel – oder projiziere ich da etwas hinein?

    Die Unsicherheit ist real. Ich habe Angst, mich zu irren. Angst, jemanden zu Unrecht zu verdächtigen. Angst, mich lächerlich zu machen. Diese Angst ist verständlich – aber sie darf nicht zur Ausrede werden. Denn während ich abwäge und zweifle, findet Gewalt statt. Jeden Tag. In der Wohnung nebenan, im Büro, im Bus.

    III. Worauf achten? Die Muster erkennen

    Ich muss lernen, die Muster zu sehen, nicht nur die spektakulären Ausbrüche. Gewalt gegen Frauen folgt oft erkennbaren Eskalationsstufen:

    Kontrolle und Isolation: Er bestimmt, was sie anzieht. Er will ihre Handy-Codes kennen. Er kritisiert ihre Freunde, bis sie sich zurückzieht. Er kontrolliert ihr Geld. Diese Signale sind subtil, aber sie sind Gewalt – psychische Gewalt, die den Boden für Schlimmeres bereitet.

    Abwertung und Demütigung: Er macht sie vor anderen lächerlich. Er beschimpft sie. Er droht ihr. Er macht ihr Angst. Manchmal geschieht das hinter verschlossenen Türen, manchmal halböffentlich – in einem Ton, der noch als „rauer Umgang“ durchgehen könnte.

    Physische Gewalt: Sie beginnt oft mit „kleinen“ Übergriffen – ein Schubser, ein zu festes Zupacken am Arm, eine Ohrfeige. Die Schwelle ist überschritten. Ab hier steigt das Risiko exponentiell.

    Trennung als gefährlichster Moment: Die meisten Femizide geschehen nicht in intakten Beziehungen, sondern nach der Trennung oder bei Trennungsabsicht. Wenn eine Frau geht oder gehen will, verliert der Mann die Kontrolle – und versucht verzweifelt oder wütend, sie zurückzugewinnen.

    Als Mann kann ich auf diese Muster achten. Nicht paranoid, nicht denunziatorisch, aber aufmerksam.

    IV. Einmischen – aber wie?

    Die schwierigste Frage: Was tue ich, wenn ich etwas bemerke?

    Im unmittelbaren Moment: Wenn ich auf der Straße, in der Bahn, im Hausflur einen Konflikt beobachte, der eskaliert, kann ich präsent sein. Ich muss nicht den Helden spielen. Oft reicht es, stehenzubleiben, hinzusehen, vielleicht eine harmlose Frage zu stellen: „Entschuldigung, wie spät ist es?“ oder „Alles in Ordnung?“. Meine Anwesenheit kann deeskalieren. Ich kann anderen Zeichen geben, auch stehenzubleiben. Ich kann die Polizei rufen. Wichtig: Ich gefährde mich nicht unnötig, aber ich schaue nicht weg.

    Im sozialen Umfeld: Wenn ein Freund, Kollege oder Bekannter sich abwertend oder kontrollierend über seine Partnerin äußert, kann ich widersprechen. Nicht moralisch überlegen, nicht belehrend, aber klar: „Das klingt nicht gut, wie du über sie sprichst.“ Oder: „Findest du nicht, dass das zu weit geht?“ Diese Gespräche sind unbequem. Sie kosten mich etwas. Aber sie sind notwendig. Gewalt gedeiht im Schweigen der anderen Männer.

    Bei konkretem Verdacht: Wenn ich als Nachbar, Kollege oder Freund mitbekomme, dass eine Frau in meinem Umfeld möglicherweise Gewalt erfährt – durch Blutergüsse, durch ihr Verhalten, durch Andeutungen – dann ist die Situation kompliziert. Ich kann sie nicht einfach darauf ansprechen, ohne sie möglicherweise in größere Gefahr zu bringen. Aber ich kann:

    • Signale senden, dass ich ansprechbar bin: „Wenn du mal reden möchtest, ich bin da.“
    • Informationen bereithalten über Hilfstelefone (08000 116 016 – das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen), Beratungsstellen, Frauenhäuser.
    • Im Notfall die Polizei rufen. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.
    • Mich selbst beraten lassen – anonym, bei Beratungsstellen, bei der Polizei.

    V. Die Angst vor dem falschen Verdacht

    Ich habe Angst, jemanden zu Unrecht zu verdächtigen. Diese Angst ist nicht unbegründet. Ein falscher Verdacht kann Leben zerstören. Aber ich muss diese Angst in Relation setzen: Jeden dritten Tag stirbt eine Frau durch Partnergewalt in Deutschland. Wie viele dieser Frauen hatten Nachbarn, Kollegen, Freunde, die etwas geahnt haben – und geschwiegen haben aus Angst, sich zu irren?

    Ich muss nicht zum Detektiv werden. Ich muss nicht Beweise sammeln. Aber ich kann aufmerksam sein und im Zweifelsfall professionelle Hilfe hinzuziehen. Beratungsstellen können einschätzen, ob mein Verdacht begründet ist und was zu tun ist. Die Polizei kann Gefährdungslagen bewerten. Ich muss nicht allein entscheiden.

    Und ja, ich kann falsch liegen. Ich kann eine Situation missdeuten. Aber schweigen aus Angst vor einem Irrtum heißt im Zweifelsfall: Eine Frau stirbt, weil niemand etwas gesagt hat.

    VI. Die unbequeme Wahrheit: Täter sind keine Monster

    Die schwerste Erkenntnis für mich als Mann ist: Die Täter sind keine Monster. Sie sind Männer wie ich. Sie haben Freunde, die sagen: „Er ist doch ein guter Kerl.“ Sie haben Kollegen, die überrascht sind. Sie haben Familien, die nicht glauben wollen, was geschehen ist.

    Gewalt gegen Frauen ist nicht allein ein Problem von psychisch kranken Außenseitern. Es ist ein gesellschaftliches Problem, das in der Mitte der Gesellschaft stattfindet. In allen Schichten, allen Bildungsniveaus, allen Milieus. Und das bedeutet: Ich muss mich fragen, was in meinem eigenen Umfeld, in meiner eigenen Sozialisation, in meiner eigenen Art, Männlichkeit zu leben, gewaltfördernd ist.

    Wie spreche ich über Frauen? Wie reagiere ich, wenn andere Männer abwertend über Frauen sprechen? Wie gehe ich mit Zurückweisung um? Wie definiere ich Kontrolle und Liebe? Wie rechtfertige ich Eifersucht?

    VII. Den Mund nicht halten

    Niemelas Gedicht endet mit der Aufforderung, den Mund zu halten – als wäre Schweigen der Preis fürs Überleben. Aber genau das ist die Falle. Gewalt gegen Frauen überlebt durch Schweigen. Das Schweigen der Opfer, die sich nicht trauen zu sprechen. Das Schweigen der Nachbarn, die nichts gehört haben wollen. Das Schweigen der Freunde, die nicht glauben wollen. Das Schweigen der Männer, die wegschauen.

    Als Mann habe ich eine Verantwortung, dieses Schweigen zu brechen. Nicht mit großen Gesten, nicht mit Selbstgerechtigkeit, sondern im Kleinen:

    • Ich spreche mit anderen Männern über Beziehungen, über Konflikte, über Emotionen. Ich biete Räume an, in denen Schwäche keine Schande ist.
    • Ich widerspreche sexistischen Witzen, abwertenden Kommentaren, Besitzdenken.
    • Ich höre zu, wenn Frauen von ihren Erfahrungen erzählen – ohne zu relativieren, ohne zu verteidigen, ohne mich angegriffen zu fühlen.
    • Ich bin aufmerksam. Ich schaue hin. Ich greife ein, wenn ich kann.
    • Ich hole mir Hilfe, wenn ich überfordert bin.

    VIII. Eine Frage der Menschlichkeit

    Am Ende ist es keine Frage des Geschlechts, sondern der Menschlichkeit. Wenn jemand in Gefahr ist, schaue ich nicht weg – egal, ob es ein Mann ist, der zusammengeschlagen wird, ein Kind, das misshandelt wird, oder eine Frau, die bedroht wird. Aber ich muss anerkennen, dass Gewalt gegen Frauen ein spezifisches Muster hat, eine spezifische Häufigkeit, eine spezifische Tödlichkeit. Und ich muss anerkennen, dass ich als Mann in einer Gesellschaft lebe, die diese Gewalt strukturell ermöglicht.

    Kathrin Niemelas Gedicht hält mir einen Spiegel vor. Die Frauen im Ertränkungsbecken, Agnes Bernauer in der Donau, die Mütter im Mittelmeer, die Frau in der Nachbarwohnung – sie alle teilen das Wasser, in dem sie untergehen, während andere zusehen. Das Gedicht fragt mich: Zu welcher Gruppe gehörst du? Zu denen, die ertränken? Zu denen, die zusehen? Oder zu denen, die den Mund über Wasser halten helfen?

    Ich habe keine einfachen Antworten. Aber ich habe die Verpflichtung, die Frage auszuhalten und nach Antworten zu suchen. Jeden Tag neu.

    • Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…

    • BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…

    • Safiye Can – Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung

      Safiye Can – Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung

      Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021 Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In…

    • Ille Chamier – Lied 76

      Ille Chamier – Lied 76

      Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…

    • Weibliche Perspektiven in der Literatur

      Weibliche Perspektiven in der Literatur

      In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen. Hier…

    • Fünf Teller. / Fünf Hemden. / Fünf Sätze. / Keiner ganz.

      Fünf Teller. / Fünf Hemden. / Fünf Sätze. / Keiner ganz.

      Ille Chamiers Stil ist schwer zu imitieren – weil er nicht nur Technik, sondern eine Haltung ist. Ihre Sprache wirkt wie gehämmertes Geröll: kantig, verdichtet, mit plötzlichen Bildsprüngen. Ein Gedicht zum Thema „Sorgearbeit und Schreiben“ hätte bei ihr möglicherweise so geklungen: Mögliche Stilmerkmale (rekonstruiert aus ihren Texten): Lakonische Präzision:Nicht:„Die Last der unendlichen Pflichten drückt mich…

    • Ille Chamier – Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…

      Ille Chamier – Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…

      Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen: Die Last der unsichtbaren Arbeit Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:…

    • Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

      Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

      Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…

    • Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

      Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

      Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…

    • Körper als Archiv

      Körper als Archiv

      In Annette Hagemanns „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ offenbart sich der Körper als ein vielschichtiges Archiv, in dem die Spuren der Herkunft auf ebenso subtile wie prägnante Weise gespeichert sind. Vordergründig scheinen die Erbschaften des lyrischen Ichs in ihrer Konkretheit begrenzt: die spezifische „Form der Röte auf den Wangen“, ein genetisches Vermächtnis der Mutter, das den…

    • Annette Hagemann – MEINE ERBSCHAFT IST DIESE

      Annette Hagemann – MEINE ERBSCHAFT IST DIESE

      Annette Hagemanns Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ setzt sich behutsam mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung auseinander. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt – die spezifische Röte der Wangen der Mutter, eine deformierte Jazzplatte aus New York, ein unscheinbarer Koi des Vaters –, erscheinen zunächst als marginale Alltagsfragmente. Doch…

    • Kathrin Niemela

      Kathrin Niemela

      „kriegen kinder von / fremden Gedichten“ – dieser Satz aus einem Gedichtzyklus ‚die süße unterm marmeladenschimmel‘ in wenn ich asche bin,lerne ich kanji hat sich mir eingebrannt. Er wurde zum Ausgangspunkt meiner Beschäftigung mit ihren Texten. Kathrin Niemela wurde 1973 in Regensburg geboren. Nach Studien in Romanistik, Politologie und Jura absolvierte sie ein betriebswirtschaftliches Studium…

  • Ulrike Almut Sandig – Buch gegen das Verschwinden

    Ulrike Almut Sandig – Buch gegen das Verschwinden

    Vor der Lektüre | Das Buch besteht aus sechs Kurzgeschichten, die verschiedene Aspekte des Verschwindens umkreisen. Laut Klappentext sammelt Sandig darin Geschichten von Menschen, deren Erzählungen verloren zu gehen drohen. Es geht um Erinnerung, um Migration, Flucht, Verlust. Die Texte arbeiten mit verschiedenen Formen – Lyrik, Prosa, dokumentarische Passagen – und folgen keiner durchgehenden Erzählung.

    Ein Satz aus dem Buch hat mich dabei besonders aufhorchen lassen: „Es gibt Dinge von so unwahrscheinlicher Natur, dass die Leute sie einfach nicht glauben. Das stimmt nicht, sagen sie dann, als wären sie dabei gewesen. Aber sie waren nicht dabei und können es nicht wissen. Schreibt man diese unwahrscheinlichen Dinge aber auf und nennt sie eine Geschichte, dann glauben die Leute alles.“

    Ulrike Almut Sandig, geboren 1979 in Großenhain, ist Lyrikerin und Klangkünstlerin. Sie hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert und ist bekannt für ihre experimentelle Arbeit mit Sprache. Das ist mein erstes Buch von ihr.

    Was mich reizt: Was genau soll hier nicht verschwinden? Und wie schreibt man dagegen an? Die Frage, wie man Geschichten bewahrt, wenn sie keinen selbstverständlichen Platz mehr haben. Und wie sich sechs unterschiedliche Annäherungen an das Thema Verschwinden lesen werden.

    Annähernd gelesen

    Mit diesem Satz eröffnet Ulrike Almut Sandig den titellosen Text, der ihrem Erzählband ‚Buch gegen das Verschwinden‘ vorangestellt wurde.

    Diese wissenschaftliche Tatsache wird mit persönlicher Zeit verknüpft. Die Erzählerin denkt voraus: Weder sie selbst, noch ihr Gegenüber, noch das ungeborene Kind werden dann noch leben. Die dreifache Verneinung – „du nicht mehr da“, „ich auch nicht mehr da“, „das Kind […] auch gar nicht mehr da“ – ist unausweichlich in ihrer Klarheit. So entsteht eine still abgewogene Perspektive auf Vergänglichkeit, die das Ende individueller Existenz im Kontrast zur berechenbaren Wiederkehr eines Naturereignisses zeigt.

    Doch dem Verschwinden des Persönlichen steht ein anonymes „man“ gegenüber: „man wird im Freien stehen“, „man wird […] entgegensehen“. Während die konkreten Personen vergehen, bleibt die Menschheit als Kontinuum – nicht als Trost, sondern als nüchterne Einsicht. Es wird jemand da sein, der schaut, der staunt, der erkennt. Das ist die stille Hoffnung des Textes: nicht persönliches Überdauern, sondern die Fortdauer des menschlichen Blicks selbst.

    Gleichzeitig verweist das Wort Sonnabend auf sprachlichen Wandel. Vielleicht, so heißt es, werde man dieses Wort bis dahin gar nicht mehr benutzen. Damit weitet sich das Thema des Verschwindens von der körperlichen auf die sprachliche Ebene – Erinnerung, Ausdrucksformen, Benennungen verändern sich oder gehen verloren.

    Formal unterstützt die konsequente Kleinschreibung nach Punkten diese Kontinuität: Es gibt keine hierarchischen Neuanfänge, keine Unterbrechung. Die Sätze schließen sich nicht ab, sondern fließen ineinander – wie die Zeit selbst, die nicht neu beginnt, nur weitergeht. Die Orthografie ist ansonsten eingehalten, was die Geste umso präziser macht: ein gezielter, asketischer Eingriff an genau der Stelle, wo traditionell Autorität und Neuordnung sitzen.

    Am Ende öffnet der Doppelpunkt den Text auf das Wesentliche hin: „einen fast unsichtbaren, pechschwarzen Punkt.“ Er ist eine Geste des Zeigens, des Weitens. Nach all dem Verschwinden bleibt das Bild des Venustransits – ein Zeichen dafür, dass etwas verschwindet und zugleich sichtbar bleibt. Als Eingangstext steht das Gedicht programmatisch für das Buch: Es richtet sich gegen das Vergessen, indem es benennt, was einmal war und was künftig fehlen wird.

    Fortsetzung folgt…

    • Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es…

    • Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung: Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich…

    • Nathalie Schmid: der geschmack von kartoffeln

      Nathalie Schmid: der geschmack von kartoffeln

      Nathalie Schmids Gedicht „der geschmack von kartoffeln“ porträtiert „einen schlag von frauen“ durch eine Collage körperlicher und alltäglicher Details, die auf den ersten Blick schlicht dokumentarisch wirken. Doch zwischen den Zeilen entfaltet sie eine Dichte, die mich bekümmert: ein Leben, das nur noch rückblickend Bedeutung hat. Verschlossene Innenwelten Die Frauen des Gedichts zeigen sich in…

    • Jane Wels – Bitte versuchen sie, …

      Jane Wels – Bitte versuchen sie, …

      Annähernd gelesen | Zwischen Sprache, Ordnung und AuflösungJane Wels‘ Gedicht „Bitte versuchen Sie,“ ist ein Text über die Unmöglichkeit, gefasst zu werden – und zugleich ein Text, der sich selbst beim Versuch des Fassens beobachtet. Es spielt mit der Spannung zwischen Sprache und Identität, zwischen Ordnung und Auflösung, und ist dabei zugleich selbstreflexiv, ironisch und…

    • Marina Büttner – Jüdischer Friedhof Weißensee

      Marina Büttner – Jüdischer Friedhof Weißensee

      Annähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Gelesen habe…

    • Martin Maurach – Fünf Fragmente, fünf Türen

      Martin Maurach – Fünf Fragmente, fünf Türen

      Martin Maurach: Leben auf Geistes Schneide | Annähernd gelesen Fünf Zeilen die nicht als Gedicht nebeneinander stehen, sondern als ausgewählte Fragmente aus einer größeren Sammlung. Martin Maurach hat mir dankenswerterweise zur Entstehung geschrieben: Die Redaktion der „Konzepte“ hat aus seinen Prosafragmenten diese fünf ausgewählt und montiert. Der Text ist damit weniger als geschlossene Einheit zu…

    • Ulrike Almut Sandig

      Ulrike Almut Sandig

      Eine biografische Skizze | Ulrike Almut Sandig wurde 1979 in Großenhain in der DDR geboren und wuchs in der sächsischen Kleinstadt Riesa auf. Sie gehört zu jener Generation deutschsprachiger Autorinnen, die ihre Kindheit noch in der DDR verbrachten und ihre literarische Sozialisation nach der Wende erfuhren. Diese biografische Verortung zwischen zwei deutschen Staaten und Systemen…

    • Ein Zimmer für sich allein

      Ein Zimmer für sich allein

      Eine Begegnung mit Virginia Woolf über Umwege – Ausgangspunkt: Eine Lithographie von Wolfgang Mattheuer Manchmal führen merkwürdige Wege zu einem Text. In meinem Fall begann es mit einer Lithographie des DDR-Künstlers Wolfgang Mattheuer in dem Band „Äußerungen“. Zu finden ist der Druck vor dem ersten Texteintrag, trägt den Titel „Abendliches Studium“ und stammt aus dem…

    • Wenn Sprache Bilder erzeugt, ohne Bilder zu sein

      Wenn Sprache Bilder erzeugt, ohne Bilder zu sein

      Über Kathrin Niemelas „pont des arts“ | Kathrin Niemelas Gedicht „pont des arts“ erschien in der Literaturzeitschrift Wortschau in einer Paris-Ausgabe. Es ist ein Text, der sich beim ersten Lesen entzieht – nicht weil er hermetisch wäre, sondern weil er so verdichtet ist, dass man ihn kaum greifen kann. Die Sprache ist präzise, die Klänge…

    • Den Mund über Wasser halten

      Den Mund über Wasser halten

      Ein Essay über männliche Verantwortung im Angesicht von Femiziden I. Das Gedicht als Warnsignal Kathrin Niemelas Gedicht „Beckenendlage“ beginnt mit einem medizinischen Begriff – einer riskanten Geburtslage – und endet im Ertränkungsbecken. Es verbindet die Hinrichtung verurteilter „Hexen“ im isländischen Drekkingarhylur mit Agnes Bernauer in der Donau und mit den ertrinkenden Frauen im Mittelmeer. Der…

    • Ulrike Almut Sandig – Buch gegen das Verschwinden

      Ulrike Almut Sandig – Buch gegen das Verschwinden

      Vor der Lektüre | Das Buch besteht aus sechs Kurzgeschichten, die verschiedene Aspekte des Verschwindens umkreisen. Laut Klappentext sammelt Sandig darin Geschichten von Menschen, deren Erzählungen verloren zu gehen drohen. Es geht um Erinnerung, um Migration, Flucht, Verlust. Die Texte arbeiten mit verschiedenen Formen – Lyrik, Prosa, dokumentarische Passagen – und folgen keiner durchgehenden Erzählung.…

    • Maria Arimany – In den Wald muss man gehen, wenn es noch dunkel ist

      Maria Arimany – In den Wald muss man gehen, wenn es noch dunkel ist

      Maria Arimanys Gedicht trägt einen vielversprechenden Titel: „In den Wald muss man gehen, wenn es noch dunkel ist“. Diese Idee birgt etwas Spannendes, fast Initiatisches – der Gang in die Dunkelheit als bewusste Entscheidung, als Schwelle zu einer anderen Wahrnehmung. Das Gedicht | Das Werk besteht aus zwei Spalten mit teils verrückten Zeilenumbrüchen. Die Autorin…

  • Valerie Zichy

    Valerie Zichy

    Valerie Zichy wurde 2002 geboren und ist eine österreichische Autorin, die an der Universität für angewandte Kunst in Wien Sprachkunst und Philosophie studiert hat. Sie gehört zu einer neuen Generation literarischer Stimmen, die sich in den letzten Jahren in der Wiener Literaturszene etabliert haben.

    Literarisches Schaffen

    Zichy schreibt eine Mischung aus Prosa und Lyrik, die in verschiedenen Literaturmagazinen veröffentlicht wurde. Ihre Texte erschienen unter anderem in der bella triste, mosaik oder Ostragehege, wobei sie am liebsten in lyrischen Mischformen schreibt. Diese Hybridität zwischen den Gattungen ist charakteristisch für ihr Werk und spiegelt eine zeitgenössische Tendenz wider, starre literarische Grenzen aufzulösen.

    Thematisch stellt Zichys Text zwischen Lyrik und Prosa Fragen nach Migration, Familie, Sprache, queer sein und fremd sein – und ob sich Zusammenhänge zwischen Körperlichkeit und Landschaft finden lassen. Sie beschäftigt sich in ihren Texten unter anderem mit den Möglichkeitsräumen von fiktionalen queeren Archiven. In ihrer literarischen Arbeit geht es auch um fundamentale Fragen der Kommunikation – um die Möglichkeit (beziehungsweise Unmöglichkeit), mit Sprache tatsächlich erfolgreich zu kommunizieren.

    Veröffentlichungen (Auswahl)

    Ihre Arbeiten finden sich in renommierten Literaturzeitschriften wie bella triste, mosaik und Ostragehege. Darüber hinaus veröffentlicht sie regelmäßig in weiteren Literaturmagazinen des deutschsprachigen Raums, wobei sie sich bevorzugt in Hybridformen zwischen Lyrik und Prosa bewegt.

    Kulturorganisatorisches Engagement

    Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit ist Valerie Zichy auch als Kulturorganisatorin aktiv. SEHR ERNSTE ist eine Wiener Lesereihe, die von Nicole Collignon, Elisa Lehmann, Valerie Zichy und Felix Senzenberger betrieben und kuratiert wird, wobei alle Teammitglieder am Studiengang für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst Wien studieren oder dort abgeschlossen haben. 2021 rückten Nicole Collignon, Valerie Zichy und Elisa Lehmann den Mitgliedern Anouk Doujak, Fred Heinemann und Laura Anton nach und schrieben die Geschichte der Reihe weiter.

    Aktuell kuratiert sie die Literaturpassage im Museumsquartier, einem wichtigen Ort für junge Literatur in Wien. Diese kuratorische Arbeit zeigt ihr Engagement für die Förderung zeitgenössischer Literatur und die Vernetzung der Wiener Literaturszene.

    NETZ – Ein Projekt gegen Wissenshierarchien

    Ein besonderes Anliegen ist Valerie Zichy das Projekt NETZ, das sie gemeinsam mit Sascha Bruch initiiert hat. NETZ versteht sich als „soft space“ im Literaturbetrieb – als Ort zum Fallen und als Ort zum Aufgefangen werden. Konkret handelt es sich um eine Telegramgruppe, in der Informationen zu Open Calls, Veranstaltungen, Förderungen, Verlagen und anderen relevanten Themen gepostet werden. Die Gruppe dient als Raum, in dem gefragt und geantwortet und gemeinsam nach neuen Möglichkeiten gesucht werden kann.

    NETZ richtet sich explizit gegen die Wissenshierarchie im Literaturbetrieb und steht für mehr Miteinander und Geteiltes. Das Projekt verkörpert einen solidarischen Ansatz in einem oft von Konkurrenz und Gatekeeping geprägten Feld. Es geht darum, Zugänge zu demokratisieren und Wissen nicht zu horten, sondern zu teilen – ein Gegenmodell zu traditionellen Strukturen, in denen Informationen über Fördermöglichkeiten oder berufliche Chancen oft nur einem kleinen, gut vernetzten Kreis zugänglich sind.

    Die Relevanz von NETZ wurde auch im „furchtbar literarischen Radio“ thematisiert, wo Sascha Bruch, Valerie Zichy und die Interviewerin Bettina Scheiflinger über das Projekt sprachen. NETZ ist damit nicht nur ein praktisches Tool, sondern auch ein politisches Statement für mehr Transparenz und Solidarität in der Literaturszene. Link zur TELEGRAM-Gruppe

    Persönliche Note

    In ihrer eigenen Selbstbeschreibung erwähnt Zichy, dass sie heiße Schokolade und Sonne mag und zu viel Tee trinkt – persönliche Details, die einen Einblick in ihre Vorliebe für eine warme, fast intime Selbstdarstellung geben und die Grenze zwischen Autor*innen-Person und literarischer Stimme bewusst durchlässig halten.

    Literarische Verortung

    Valerie Zichy ist Teil einer lebendigen jungen Literaturszene in Wien, die sich durch experimentelle Formen, politisches Bewusstsein und eine selbstverständliche Auseinandersetzung mit Identitätsfragen auszeichnet. Ihre Texte verbinden persönliche und gesellschaftspolitische Dimensionen und spiegeln die Suchbewegungen einer Generation wider, die nach neuen Formen des Ausdrucks und der Zugehörigkeit sucht. Mit ihrer Arbeit an der Schnittstelle von Literaturproduktion und -vermittlung prägt sie aktiv die gegenwärtige österreichische Literaturlandschaft mit.

    Valerie Zichy ist Stipendiatin der Jürgen Ponto Stiftung 2025

    Quellen
    Die Informationen dieses Porträts stammen aus verschiedenen Online-Quellen, darunter Literaturmagazine, Veranstaltungsankündigungen und Informationen über die Lesereihe SEHR ERNSTE sowie über das Sprachkunst-Studium an der Universität für angewandte Kunst Wien. Zusätzlich wurden Angaben von der Website der Autorin (valeriezichy.com) berücksichtigt, insbesondere zur Beschreibung des Projekts NETZ.

    • Valerie Zichy

      Valerie Zichy

      Valerie Zichy wurde 2002 geboren und ist eine österreichische Autorin, die an der Universität für angewandte Kunst in Wien Sprachkunst und Philosophie studiert hat. Sie gehört zu einer neuen Generation literarischer Stimmen, die sich in den letzten Jahren in der Wiener Literaturszene etabliert haben. Literarisches Schaffen Zichy schreibt eine Mischung aus Prosa und Lyrik, die…

    • Die zeitversetzte Korrespondenz

      Die zeitversetzte Korrespondenz

      Weitergedacht | Himbeeren von Valerie Zichy Die Idee: Jeder Satz aus „Himbeeren“ wird zum Ausgangspunkt eines eigenen, kurzen Textes – veröffentlicht über mehrere Wochen verteilt. Dadurch entsteht eine serielle Auseinandersetzung, die die Fragmentierung des Ichs temporal nachvollzieht. Die Texte können dabei unterschiedliche Formen annehmen: assoziative Miniaturen, eigene Erinnerungen, theoretische Überlegungen, lyrische Reaktionen. #1 das hier…

    • Himbeeren – Valerie Zichy

      Himbeeren – Valerie Zichy

      HIMBEEREN das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über-all die…

  • Von Walden Pond zur Elbtalaue

    Von Walden Pond zur Elbtalaue

    Henry David Thoreau ging 1845 in den Wald, um wach zu werden. Hansjörg Schertenleib lässt seine Figuren 170 Jahre später zu Walden Pond pilgern. Und ich? Ich bleibe in der Elbtalaue – und versuche, Walden hier zu finden. Ein Projekt in Wort, Bild, Ton und Bewegung – denn Walden lässt sich nicht nur lesen.

    Die Bücher

    Henry David Thoreau: Walden (1854)

    Im Juli 1845 zog sich Henry David Thoreau in eine selbstgebaute Hütte am Walden Pond zurück, etwa zwei Meilen von Concord, Massachusetts entfernt. Zwei Jahre, zwei Monate und zwei Tage lebte er dort in bewusster Einfachheit. Sein Bericht darüber wurde zu einem der einflussreichsten Texte über naturverbundenes Leben, Selbstgenügsamkeit und die Kritik an einer überkommerzialisierten Gesellschaft. Thoreau ging es nicht um Weltflucht, sondern um ein Experiment: Wie viel braucht der Mensch wirklich? Was bedeutet es, wach und aufmerksam zu leben? Thoreaus Buch ist kein bloßer Bericht über eine Hütte im Wald, sondern ein radikaler Versuch, das eigene Leben auf das Wesentliche zu reduzieren – Arbeit, Besitz, Zeit, Natur, Denken. Walden wurde zum Klassiker des amerikanischen Transzendentalismus und beeinflusste Generationen von Menschen, die in der Natur nicht nur ein Rückzugsgebiet, sondern einen Ort der Erkenntnis sahen.

    Hansjörg Schertenleib: Palast der Stille (2016)

    Der Schweizer Autor Hansjörg Schertenleib lässt seine Figuren zu Walden Pond reisen – eine literarische Pilgerfahrt zu jenem mythisch aufgeladenen Ort, an dem Thoreaus Experiment stattfand. Schertenleib erzählt von Verlust, Erinnerung und der Suche nach einem Ort innerer Ruhe – und wählt Walden Pond als Resonanzraum. „Palast der Stille“ knüpft an Thoreaus Erbe an, aber mit einer europäischen Melancholie. Es ist weniger ein Manifest als eine Meditation über Vergänglichkeit, Erinnerung und die fragile Beziehung des Menschen zu sich selbst und zur Natur. Ein Dialog zwischen damals und heute, zwischen amerikanischer Wildnis und europäischer Sehnsucht nach Stille.

    Walden Pond: Ein kleiner See mit großer Wirkung

    Walden Pond liegt nahe Concord, Massachusetts, und ist geologisch ein sogenannter Toteissee – entstanden am Ende der letzten Eiszeit, als abgetrennte Eisblöcke im Schmelzwasser liegen blieben, langsam schmolzen und Mulden hinterließen. So entstand dieser klare, tiefe See (über 30 Meter), umgeben von Mischwald aus Eichen, Kiefern und Birken, Farnen und sandigen Uferzonen. Heute ist das Gebiet ein staatliches Naturschutzreservat, das in seiner unscheinbaren Topografie genau das bietet, was Thoreau suchte: Einfachheit, Stille, Gleichmaß.

    Die Besonderheit: Walden Pond ist ein geschlossenes Ökosystem. Es wird ausschließlich durch Grundwasser und Niederschlag gespeist – keine Zu- oder Abflüsse. Diese Isolation macht ihn ökologisch sensibel und besonders rein. Das Wasser ist so klar, dass es den Himmel spiegelt; der Wald schließt den See in sich ein wie eine Schale. Im Wechsel der Jahreszeiten zeigt sich dort ein Lehrstück natürlicher Rhythmen. Thoreau beschrieb dieses Farbenspiel minutiös.

    Die Elbtalaue: Spiegel und Gegenbild

    Die niedersächsische Elbtalaue, in der ich lebe, ist auf eigene Weise ein nordisches Walden. Auch hier prägen Eiszeitrelikte die Landschaft: alte Flussschleifen, Moore, Sölle – flache Toteislöcher, die in der Ebene verstreut liegen. Sandige Kuppen und nährstoffarme Böden bestimmen die Vegetation: Kiefern, Birken, Trockenrasen, dann wieder feuchte Senken mit Schilf und Seggen. Das Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue erstreckt sich über eine weitläufige Flusslandschaft mit außergewöhnlicher Biodiversität: Weißstörche, Biber, Seeadler.

    Wie am Walden Pond ist das Verhältnis von Wasser und Land hier ein fließendes, fragiles Gleichgewicht. Die Elbe selbst zieht als großer, atmender Strom durch das Tal, wechselt ständig Form, Ufer, Stimmung. Wo bei Thoreau der stille, in sich ruhende See steht, prägt bei uns die strömende Elbe mit ihren Seitenarmen, Tümpeln und Flutrinnen – dynamischer, aber ebenso elementar. In dieser Übergangslandschaft liegt eine ähnliche Qualität wie in Thoreaus Wald: Rückzug, Beobachtung, Veränderung im Kleinen.

    Parallelen zwischen Walden und der Elbtalaue

    Glaziales Erbe: Beide Landschaften tragen die Spuren der letzten Eiszeit. Wo bei Walden ein tiefer Gletschersee entstand, formten bei uns Schmelzwasserströme ein breites, verzweigtes Tal mit Söllen und Mooren. Die geologische Verwandtschaft verbindet uns über den Atlantik hinweg.

    Wasser als prägendes Element: Beide Gewässer sind Lebensadern, Spiegel der Jahreszeiten, Orte der Kontemplation. Der klare Walden Pond und die verzweigte Elbe mit ihren Altarmen – unterschiedliche Charaktere desselben Elements.

    Mischwälder und Lichtspiele: Die Eichen-Kiefern-Birken-Wälder um Walden Pond finden ihre Entsprechung in den Hartholzauen und Kiefernwäldern des Wendlands. Auch hier das Wechselspiel von Licht durch Blätterdächer, das Rauschen im Wind, die Stille zwischen den Bäumen.

    Schutzgebiete als Refugien: Beide Landschaften sind heute geschützt – Walden State Reservation und Biosphärenreservat Elbtalaue. Orte, an denen die Natur Vorrang hat, wo Entschleunigung möglich wird.

    Die Qualität der Stille: Bei Thoreau die Abgeschiedenheit am Seeufer. Bei uns die Weite der Aue, das entschleunigte Tempo einer Region abseits der Metropolen. Beides sind Landschaften, die Raum für Aufmerksamkeit schaffen.

    Übertragung: Walden im Wendland und in der Elbtalaue

    Wenn Thoreau den Wald als Ort der Selbstprüfung sah, dann kann die Elbtalaue zu einem Ort werden, an dem diese Haltung weiterlebt – angepasst an unsere Zeit und Landschaft. Walden muss nicht in Neuengland liegen. Es kann dort beginnen, wo wir beginnen, bewusster zu leben:

    • beim Gehen an den stillen Altarmen
    • beim Beobachten von Nebel über den Wiesen
    • beim Hören der Nachtvögel oder dem Schilf im Wind

    Diese alltägliche Aufmerksamkeit ist die moderne Form des Rückzugs – kein Verzicht, sondern eine andere Art, Welt zu erfahren.

    Die kommenden Lektürenotizen werden Thoreaus Gedanken Schritt für Schritt erkunden und auf das Leben hier übertragen:

    • Wie gestalte ich Einfachheit im Alltag?
    • Was bedeutet achtsame Naturbeobachtung in der Aue?
    • Wie kultiviere ich Stille in einer vernetzten Welt?
    • Welche Rolle spielt Selbstgenügsamkeit heute?
    • Wie lerne ich, die Jahreszeiten bewusster zu erleben?

    Thoreau ging nicht in die Wildnis, um der Welt zu entfliehen – er ging dorthin, um ihr wacher zu begegnen. Diesen Geist möchte ich in die Elbtalaue tragen, zwischen Elbe und Jeetzel, zwischen Wiese und Wald. Ein Experiment in bewusstem Leben, 170 Jahre später, in einer anderen Landschaft – aber mit denselben grundlegenden Fragen.

    Wie ich über Walden schreibe

    Dies wird kein klassischer Literaturblog-Beitrag. Thoreau ging es um gelebte Erfahrung, nicht um Theorie – und so soll auch diese Auseinandersetzung sein: praktisch, sinnlich, vor Ort.

    Die kommenden Lektürenotizen werden deshalb verschiedene Formen nutzen:

    • Geschriebene Reflexionen zu einzelnen Kapiteln und Themen
    • Fotografien von den Orten in der Elbtalaue, die zu Walden-Momenten werden
    • Tonaufnahmen – das Schilf im Wind, Vogelstimmen am Altarm, die Stille selbst
    • Kurze Videos vom Gehen, Beobachten, den Veränderungen der Jahreszeiten
    • Zeichnungen als verlangsamte Form der Naturbetrachtung

    Thoreau führte akribisch Tagebuch, zeichnete Karten, sammelte Pflanzen. Er nutzte alle verfügbaren Mittel, um seine Wahrnehmung zu schärfen. In diesem Geist verstehe ich dieses Projekt: nicht als Interpretation von Literatur, sondern als Übersetzung von Prinzipien ins eigene Leben. Walden wird zum Werkzeug, die Elbtalaue bewusster zu erleben – und das Schreiben darüber wird selbst zur Übung in Achtsamkeit.

    Für Lesende bedeutet das: Dies ist eine Einladung, nicht nur zu lesen, sondern zu sehen, zu hören, mitzugehen. Walden-Prinzipien erschließen sich über mehrere Sinneskanäle – so wie die Natur selbst.

    To be continued…

  • Hansjörg Schertenleib – Palast der Stille

    Hansjörg Schertenleib – Palast der Stille

    In Palast der Stille begleitet man zwei Menschen, die – auf unterschiedliche Weise entwurzelt – eine Reise unternehmen, die sie an den Walden Pond in Massachusetts führt, jenen Ort, an dem Henry David Thoreau Mitte des 19. Jahrhunderts sein berühmtes Experiment der Einfachheit und Selbstgenügsamkeit begann. Von dieser symbolischen Landschaft aus entfaltet sich eine vielschichtige Geschichte über Nähe und Distanz, über das, was Menschen miteinander verbindet, und das, was sie trennt. Die Natur, das Schweigen und die Kunst des Beobachtens werden dabei zu zentralen Motiven.

    Schertenleib verwebt Gegenwart und Erinnerung, Innen- und Außenwelt zu einem ruhigen, poetisch verdichteten Text, der sich mit den Fragen nach Identität und Sinn auseinandersetzt, ohne sie abschließend zu beantworten.

    Hansjörg Schertenleib, geboren 1957 in Zürich, ist ein Schweizer Schriftsteller, Lyriker und Übersetzer. Nach einer Ausbildung als Typograf und ersten literarischen Arbeiten in den 1980er Jahren zog er für längere Zeit nach Irland und später nach Nordirland, wo er bis heute lebt. Schertenleib ist bekannt für seine präzise, leise Sprache und seine atmosphärisch dichten Erzählungen, in denen häufig Themen wie Erinnerung, Verlust, Vergänglichkeit und die Suche nach einem Ort des Ankommens eine Rolle spielen.

    Bibliographische Angaben zu meinen Exemplar:
    Hansjörg Schertenleib: Palast der Stille
    Kampa Verlag, Zürich 2024
    Gatsby-Ausgabe
    ISBN 978-3-311-30087-4

    Einstieg | Ein junger Mann und seine Frau besuchen den Walden Pond – eine literarische Pilgerfahrt zu jenem Ort, an dem Thoreaus Experiment, beschrieben in Walden, stattfand. Ich greife diese Ausgangssituation auf, weil mir dazu ein Gedanke kommt: Wie funktioniert „Walden“ in der niedersächsischen Elbtalaue, der Region, in der ich lebe?

    To be continued…

  • Die zeitversetzte Korrespondenz

    Die zeitversetzte Korrespondenz

    Die Idee: Jeder Satz aus „Himbeeren“ wird zum Ausgangspunkt eines eigenen, kurzen Textes – veröffentlicht über mehrere Wochen verteilt. Dadurch entsteht eine serielle Auseinandersetzung, die die Fragmentierung des Ichs temporal nachvollzieht. Die Texte können dabei unterschiedliche Formen annehmen: assoziative Miniaturen, eigene Erinnerungen, theoretische Überlegungen, lyrische Reaktionen.

    Zweimal derselbe Satz, fast. Einmal zeigt „hier“ auf den Text, einmal auf das Ich. Als würde sich die Fiktionalität von außen nach innen bewegen, oder von innen nach außen – je nachdem, von wo aus man schaut. Autofiktion als Doppelbelichtung: Das reale Leben und das geschriebene Leben überlagern sich, werden unscharf an den Rändern. Man kann nicht mehr sagen, wo das eine aufhört und das andere beginnt. Vielleicht ist das die Pointe: Es gibt keine Grenze. Es gibt nur verschiedene Grade der Durchlässigkeit. Und das „hier“ ist ohnehin eine Illusion – sobald ich es ausspreche, bin ich schon woanders. Das Hier des Schreibens ist immer schon ein Damals, wenn es gelesen wird. Das Ich des Schreibens ist immer schon ein Anderes, wenn es sich selbst liest.

    Isst, nicht aß. Präsens. Als ob es gerade jetzt geschieht, während ich lese, während du schreibst, während das Ich hinter dem Text existiert – wo auch immer das ist. Himbeeren sind empfindlich, zerdrücken leicht, hinterlassen Spuren. Man kann sie nicht essen, ohne dass sie sich verwandeln, auflösen. Vielleicht ist das die Pointe der Himbeere als Motiv: Sie ist da und sofort wieder weg, ein Moment auf der Zunge, dann nur noch Erinnerung. Wie das Ich hinter dem Text. Wie jedes Ich vielleicht. Wir essen gerne etwas – aber wer ist dieses „wir“, das da isst? Der Körper? Das Bewusstsein? Die Erinnerung an frühere Himbeeren? All das gleichzeitig, vermutlich. Und trotzdem bleibt die Himbeere seltsam konkret, unangreifbar in ihrer Süße und Säure.

    Beides sind Rhythmen. Das schlechte Gewissen kommt und geht, in Wellen, manchmal ohne erkennbaren Grund. Die Regelschmerzen auch – zyklisch, vorhersehbar und doch jedes Mal überraschend in ihrer Intensität. Beides sind Erinnerungen daran, dass man einen Körper hat, dass man in Zeit existiert. Das schlechte Gewissen ist das Gefühl, nicht genug zu sein, zu viel zu sein, falsch zu sein. Die Regelschmerzen sind einfach da, ohne moralische Komponente, aber mit derselben Insistenz. „Und“ – keine Hierarchie zwischen beiden. Sie gehören zum selben Inventar dessen, was es bedeutet, dieses Ich zu sein. Vielleicht ist das radikal: Beides gleichwertig zu nennen, das Psychische und das Körperliche, ohne das eine dem anderen überzuordnen.

    #4 das ich trinkt heiße schokolade.

    #5 das ich ist fiktiv.

    #6 das ich ist babysitterin.

    #7 das ich ist ich und das ich ist nicht ich.

    …folgen am 19.10.

  • Dialog über Hermetik und Zugänglichkeit in der Lyrik

    Dialog über Hermetik und Zugänglichkeit in der Lyrik

    Ein Nachtrag zur WORTSCHAU Nr. 43 | Mein kritischer Beitrag zur WORTSCHAU Nr. 43 hat auf Facebook eine bemerkenswert konstruktive Diskussion ausgelöst. Dass sich Herausgeber, Autorinnen und Autoren die Zeit genommen haben, auf meine Fragen einzugehen, freut mich sehr – und zeigt, dass die Spannung zwischen Hermetik und Zugänglichkeit keine einseitige Irritation ist, sondern ein produktives Spannungsfeld, über das es sich lohnt nachzudenken.

    Die Ausgangsfrage

    In meinem ursprünglichen Beitrag hatte ich gefragt: Für wen sind diese Texte eigentlich gedacht? Nicht aus Frust, sondern aus Neugier. Viele Gedichte der Ausgabe arbeiten in einer Dichte von Metaphern und intertextuellen Bezügen, die ohne Kontextualisierung – kein Vorwort, keine Anmerkungen – schwer zugänglich bleiben. Meine Befürchtung: Ohne Brückenangebote entsteht der Eindruck einer impliziten Prüfung: „Wer das nicht versteht, gehört nicht dazu.“

    Die Reaktion der Herausgeber

    Wolfgang Allinger, einer der beiden Herausgeber, nahm auf Facebook Stellung zu meinen Fragen. Seine Position ist klar: Die WORTSCHAU sei keineswegs unzugänglich. Gedichte würden sich manchmal verbergen, und gerade dadurch Denkräume eröffnen. Sprachspiele in jegliche Richtung seien erlaubt und eine Herausforderung an Leserinnen und Leser. Die Zielgruppe? „Alle, die Gedichte mögen.“

    Entscheidend ist seine Haltung zum Thema Kontextualisierung: „Wir geben bewusst keine Erklärungen.“ Genau wie er Ausstellungen nicht mag, in denen Exponate „erklärt“ werden, möchte er Literatur nicht erklären. Die WORTSCHAU stelle Literatur vor, erkläre sie aber nicht.

    Die Diskussion: Verstehen, Zugänglichkeit und die Conditio Humana

    In den Kommentaren entspann sich eine differenzierte Auseinandersetzung mit meinen Fragen. Besonders aufschlussreich war der Beitrag von Jörn Peter Budesheim, dessen Illustrationen in der Ausgabe 43 erschienen sind.

    Das Picasso-Argument: Kunstgeschichte als Dialog

    Budesheim verwendet ein einleuchtendes Beispiel aus der bildenden Kunst: Wenn Picasso 1961 ein Bild mit dem Titel Le Déjeuner sur l’herbe malt, verweist er auf Manets gleichnamiges Werk von 1863. Hat er damit „bewusst Hürden aufgebaut“? Budesheims Antwort: Nein. Picasso bewegt sich einfach in seinem Feld, dem Feld der Kunst. Dieses Wissen ist Spezialwissen, gewiss, aber das macht die Kunst nicht elitär im negativen Sinn.

    Vielmehr handelt es sich um einen Dialog in der Kunstgeschichte: Künstlerinnen und Künstler sprechen mit ihren Vorgängerinnen und zugleich mit ihrer eigenen Zeit. Das ist keine Abschottung oder Überheblichkeit, sondern nahezu unvermeidlich, weil man sich als Künstlerin oder Künstler immer in einer Geschichte bewegt, die einen geprägt hat – und die man selbst weiterschreibt.

    Nichtverstehen als Einladung

    Budesheim kennt auch „die andere Seite“: Als kein großer Kenner der Literatur macht er sich oft auf die Suche, wenn er Anspielungen nicht versteht. Und meist ist das bereichernd. „Manchmal ist Nichtverstehen kein Scheitern, sondern der Beginn einer neuen Spur.“ Nichtverstehen muss man nicht als Abschottung begreifen, man kann es auch als Einladung verstehen.

    Wichtig ist ihm: Verstehen muss nicht heißen, alle intertextuellen Bezüge nachzuvollziehen. Manchmal reicht es, beim Klang, bei den Bildern, bei der Stimmung zu bleiben. Gedichte haben oft mehrere Schichten, und keine Leserin, kein Leser muss alle gleichzeitig „erfassen“. Auch ein „partielles Verstehen“ kann reich sein.

    Unterschiedliches Weltwissen als Conditio Humana

    Budesheims entscheidender Punkt: Unser „Weltwissen“ unterscheidet sich grundsätzlich sehr stark. Kommunikation funktioniert im Alltag nur deshalb, weil es genügend Überschneidungen gibt. Doch in Wahrheit hat jede und jeder sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht – und all das fließt in Kunstwerke ein. Deshalb sind Momente des Nichtverstehens auch exemplarisch: Sie zeigen einen Aspekt der conditio humana.

    Einer seiner Lieblingsausstellungstitel lautet passenderweise: Dinge, die wir nicht verstehen!

    Die Problematik des „Verstehens“

    Elke Bludau griff den Begriff des „Verstehens“ kritisch auf. Sie benutzt ihn nicht gerne in Bezug auf Gedichte und Kunst im Allgemeinen, weil er oft missverstanden wird. „Verstehen“ scheint ihr sogar kontraproduktiv, um Menschen moderne Lyrik und Kunst näherzubringen.

    Das Wort „Verstehen“ habe für Kunstschaffende und für Menschen, die mit und in Kunst leben, eine andere Bedeutung. Sie kennt viele Menschen, die mit moderner Lyrik und bildender Kunst nichts anfangen können und dann sagen: „Das verstehe ich nicht.“ Die Qualität eines Produkts werde viel zu oft an leichter Zugänglichkeit gemessen. Im Zuge eines Rollbacks gegen Intellektuelle und der Unlust, sich etwas erarbeiten zu müssen, werde es immer wichtiger, die Mehrdimensionalität des Wortes „Verstehen“ zu vermitteln.

    Budesheim ergänzte: Den Begriff „verstehen“ müsste man eigentlich erst mal viel besser verstehen. Er ist sehr weit, wird aber oft viel zu eng genommen. Meist meint er: Was ich auch in anderen Worten sagen kann. Das mag für das alltägliche Verstehen zutreffen – für Gedichte oder Aquarelle aber wäre es eine Verarmung. Denn dort geht es oft gerade um das, was sich nicht anders sagen oder zeigen lässt.

    Selbstbedienungslyrik ohne Zielgruppe

    Weitere Stimmen brachten hilfreiche Perspektiven ein. Die Haltung ließe sich vielleicht so zusammenfassen: Die WORTSCHAU wird als Angebot verstanden, aus dem sich jede und jeder das mitnimmt, was berührt. Die Begriffe „Verstehen“ und „Zielgruppe“ passen aus dieser Perspektive nicht zur Rezeption von Gedichten. Die Mischung, die vorstellt und Einlassung anbietet, wird geschätzt. Kontextbedürfnisse entstehen individuell – aber die Auswahl der WORTSCHAU mache zusätzliche Kontextualisierung meist unnötig.

    Die WORTSCHAU ermögliche den Zugang zu den Arbeiten der Schreibenden und damit die individuelle Auseinandersetzung mit den Texten. Sie zeige zeitgenössische Standpunkte.

    Mein Dank und meine Reflexion

    Ich bedanke mich herzlich für diese konstruktive Auseinandersetzung. Die Diskussion hat mir geholfen, meine eigene Position zu differenzieren:

    Ja, Gedichte müssen sich nicht erklären. Und ja, das Fehlen von Kontextualisierung kann Teil des ästhetischen Programms sein. Die Vergleiche mit der bildenden Kunst sind erhellend: Auch dort gibt es Referenzsysteme, die nicht allen zugänglich sind – und das ist legitim.

    Dennoch bleibt für mich die Frage: Gibt es nicht einen Unterschied zwischen dem bewussten Verzicht auf Erklärungen (was ich respektiere) und dem völligen Fehlen von Orientierungspunkten? Mein Vorschlag war nie, Gedichte zu „erklären“ im Sinne einer Auflösung. Sondern: Kontextualisierung als Einladung, nicht als Entschlüsselung.

    Ein kurzes Nachwort, das Themen andeutet. Ein Gespräch mit Autorinnen und Autoren über ihre Quellen. Oder die Frage: Welche Traditionen werden hier aufgerufen? Das würde die Gedichte nicht banalisieren, sondern Türen öffnen, ohne den Zaun einzureißen.

    Fazit: Produktive Spannung

    Die Diskussion hat gezeigt: Die Spannung zwischen Hermetik und Zugänglichkeit ist keine einfache Opposition. Sie ist ein produktives Spannungsfeld, in dem sich unterschiedliche Haltungen zur Kunst, zum Verstehen und zur Rolle von Leserinnen und Lesern begegnen.

    Die WORTSCHAU hat sich bewusst für eine Position entschieden: Sie stellt vor, erklärt nicht. Sie fordert heraus, ohne zu didaktisieren. Das ist eine legitime Haltung – und die Diskussion hat mir geholfen zu verstehen, warum diese Haltung für die Herausgeberinnen und Herausgeber so wichtig ist.

    Für mich bleibt dennoch die Überzeugung: Brücken bauen bedeutet nicht, Kunst zu verraten. Im Gegenteil: Es bedeutet, mehr Menschen die Chance zu geben, sich auf den Weg zu machen. Auch wenn dieser Weg niemals ganz durchschaubar sein wird – und auch nicht sein sollte.

    Danke an alle, die sich an diesem Dialog beteiligt haben. Solche Gespräche sind es, die Literatur lebendig halten.


    Dieser Beitrag bezieht sich auf meinen ursprünglichen Artikel zur WORTSCHAU Nr. 43 und die anschließende Diskussion auf Facebook (nachlesbar via Account der WORTSCHAU).

  • Schreibheft – Ausgabe 100

    Schreibheft – Ausgabe 100

    Schreibheft. Zeitschrift für Literatur ist eine deutschsprachige Literaturzeitschrift, die seit Jahrzehnten erscheint. Sie wird von Norbert Wehr herausgegeben und im Rigodon Verlag in Essen verlegt.

    Redaktionelles Profil | Die Zeitschrift arbeitet mit längeren Essayformaten und thematischen Schwerpunkten. Jede Ausgabe versammelt sich um einen inhaltlichen Kern. Das redaktionelle Programm umfasst:

    • Essayistische Texte und literarische Reflexionen
    • Texteditionen und literarische Dokumente
    • Internationale Literatur in Übersetzung
    • Gegenwartsliteratur und literarische Wiederentdeckungen

    Die Zeitschrift richtet sich an ein literarisch interessiertes Fachpublikum, darunter Literaturwissenschaftlerinnen, Übersetzerinnen und Personen, die im Literaturjournalismus oder Verlagswesen arbeiten.


    Bibliographische Angaben

    Vollständige Zitation (deutsche Form):
    Wehr, Norbert (Hrsg.). Schreibheft. Zeitschrift für Literatur. Nr. 100: Von aufgegebenen Autoren. 100 Vergessene, Verkannte, Verschollene. Rigodon-Verlag, Essen 2023. 208 S. ISBN 978-3-924071-57-8.

    • Titel: Schreibheft. Zeitschrift für Literatur, Nr. 100
    • Leitmotiv: „Von aufgegebenen Autoren — 100 Vergessene, Verkannte, Verschollene“
    • Herausgeber: Norbert Wehr
    • Verlag: Rigodon-Verlag, Essen
    • Erscheinungsjahr: 2023 (Erscheinungstermin: Ende Februar/März 2023)
    • Umfang: 208 Seiten
    • ISBN: 978-3-924071-57-8
    • ISSN: 0174-2132 (Gesamt-ISSN der Zeitschrift Schreibheft)
    • Preis: €16,50 (UVP)

    Die 100. Ausgabe ist als retrospektives Heft konzipiert, das sich mit vergessenen, verkannten oder verschollenen Autorinnen und Autoren befasst. Das Heft verbindet essayistische Texte mit editorischen Arbeiten zu einzelnen Schriftsteller*innen. Die Ausgabe mischt verschiedene Formen: Essayistik, Texteditionen und literarische Begegnungen.

    Der umfangreichste Beitrag der Ausgabe stammt von Frank Witzel, Schriftsteller und Träger des Deutschen Buchpreises 2015 für Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969.

    Charakter dieses Essays – Witzels Text verbindet:

    • Biografische Informationen
    • Literarische Einordnungen
    • Beobachtungen zur Lektüre der Texte
    • Reflexionen über literarische Kanonbildung und das Vergessen von Autorinnen und Autoren

    Weitere zentrale Inhalte der Ausgabe Nr. 100

    „Vom Wurzelfassen / Im Bodenlosen — Die Textgelände der Marianne Fritz“
    Eine Sektion, zusammengestellt von Sonja vom Brocke und Dagmara Kraus, widmet sich der österreichischen Autorin Marianne Fritz (1948–2007).
    Marianne Fritz ist bekannt für ihr monumentales, unvollendetes Romanprojekt Dessen Sprache du nicht verstehst, das auf 10.000 Seiten angelegt war und nur teilweise erschienen ist. Ihr Werk ist experimentell und befasst sich mit österreichischer Geschichte, Gewalt und Sprache.
    Die Sektion versammelt:

    Texte von Marianne Fritz – literarische Dokumente, teils schwer zugängliche Passagen sowie
    Beiträge zu Marianne Fritz – unter anderem von Esther Kinsky, Schriftstellerin und Übersetzerin

    Weitere Beiträge

    Die 100. Ausgabe enthält Texte verschiedener Autorinnen und Autoren:
    Hervé Le Tellier – „An den Steilhängen des Monte Calvino“
    Hervé Le Tellier, französischer Schriftsteller und Mitglied der Oulipo-Gruppe (bekannt für Die Anomalie, 2020), hat drei literarische Begegnungen beigesteuert, die sich mit Italo Calvino auseinandersetzen.

    Weitere Autorinnen und Autoren

    Die Ausgabe enthält Texte und Beiträge von:
    Hannes Bajohr – Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, arbeitet mit experimenteller Literatur und digitaler Poetik
    Sandra Burkhardt – Lyrikerin und Essayistin
    Franz Josef Czernin – österreichischer Lyriker und Übersetzer
    Michael Donhauser – Lyriker
    Monika Rinck – Lyrikerin und Essayistin

    Schreibheft als Zeitschrift | Schreibheft erscheint halbjährlich seit mehreren Jahrzehnten. Die Zeitschrift:

    • Publiziert experimentelle und formal anspruchsvolle Literatur
    • Stellt Texte und Autorinnen vor, die außerhalb des literarischen Mainstreams stehen
    • Arbeitet mit essayistischen Formaten und literarischer Reflexion
    • Wird eher von einem Fachpublikum gelesen

    Bibliographische Stammdaten

    • Titel: Schreibheft. Zeitschrift für Literatur
    • Herausgeber: Norbert Wehr
    • Verlag: Rigodon Verlag, Essen
    • Erscheinungsweise: halbjährlich
    • ISSN: 0174-2132

    Herausgeber: Norbert Wehr

    Norbert Wehr wurde 1956 in Aachen geboren und lebt in Essen und Köln. Er ist der Herausgeber des Schreibheft und arbeitet zudem als Literaturkritiker, Hörfunkautor und Moderator.

    Editorische Tätigkeiten (Auswahl):
    Wehr hat zahlreiche Buchpublikationen herausgegeben, darunter Herman Melville, Hunilla, die Chola-Witwe (1993), Herman Melville, Moby-Dick; oder: Der Wal (2004), Thomas Kling, Das brennende Archiv (zusammen mit Ute Langanky, 2012) und Hanns Grössel, Im Labyrinth der Welt. Essays und Kritiken zur französischen Literatur (2017).

    Auszeichnungen:
    Für seine Arbeit erhielt Wehr mehrere Preise, darunter den Förderungspreis des Landes NRW für junge Künstler (1988), den Förderpreis zum Lessing-Preis der Stadt Hamburg (1989), den Hermann Hesse-Preis (1994), den Alfred Kerr-Preis für Literaturkritik (1994), den Förderpreis zum Kurt Wolff-Preis (2001) und den Literaturpreis Ruhr (2010). 2015 erhielt er das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für fast 40 Jahre Arbeit an der Zeitschrift und für Literaturveranstaltungen, die das kulturelle Klima der Stadt Essen bereichert haben.

    Literaturveranstaltungen:

    Wehr organisierte über Jahrzehnte die Veranstaltungsreihe „Literatur im Folkwang“ in Essen, die später unter veränderter Trägerschaft an anderen Orten fortgeführt wurde.
    Die Literaturzeitschrift Schreibheft gibt Wehr seit nunmehr über 40 Jahren heraus, wobei er vorwiegend die literarische Avantgarde zu Wort kommen lässt.

    Die 100. Ausgabe

    Die Jubiläumsausgabe befasst sich mit der Frage, welche Autorinnen und Autoren aus dem literarischen Gedächtnis verschwunden sind. Sie zeigt, dass literarische Sichtbarkeit nicht notwendigerweise mit literarischer Qualität zusammenfällt. Frank Witzels Essay und die anderen Beiträge dokumentieren Schriftsteller*innen, deren Werke weitgehend unbekannt geblieben sind.

    FRANK WITZELVON AUFGEGEBENEN AUTOREN
    100 Vergessene, Verkannte Verschollene

    VOM WURZELFASSEN / IM BODENLOSEN
    Die Textgelände der Marianne Fritz

    Zusammengestellt von Sonja vom Brocke
    und Dagmara Kraus

    Mit Beiträgen von Hannes Bajohr, Sandra Burkhardt, Franz Josef Czernin, Michael Donhauser, Christian Filips, Marianne Fritz, Mara Genschel, Birgit Kempker, Esther Kinsky, Norbert Lange, Jean-René Lassalle, Georg Leß, Theresia Prammer, Kerstin Preiwuß, Friedhelm Rathjen, Monika Rinck, Ferdinand Schmatz, Lisa Spalt und Uljana Wolf 

    AUTOREN
    (darin: Esther Kinskys Kleist-Rede)

    HERVÉ LE TELLIER
    AN DEN STEILHÄNGEN DES MONTE CALVINO
    Drei Begegnungen

    • Autobiografie als Spur

      Autobiografie als Spur

      Schreiben jenseits der Erinnerung I. Das Problem mit dem Erinnern Wenn Frank Witzel vom Erinnern als „diffuser und unzureichender Prämisse für das Schreiben“ spricht, meint er zunächst das aktive, willentliche Erinnern: Ich setze mich hin, rufe meine Vergangenheit ab, konstruiere aus Fragmenten eine Geschichte. Dieses autobiografische Schreiben ist Arbeit am Material der Erinnerung – Auswahl,…

    • Schreiben im reinen Präsens. Ein Experiment nach Frank Witzel

      Schreiben im reinen Präsens. Ein Experiment nach Frank Witzel

      Frank Witzel beginnt seinen Text über vergessene, verkannte und verschollene Autoren mit einem Eingeständnis: Der Vorgang des Erinnerns, obwohl er sein gesamtes literarisches Schaffen zu durchziehen scheint, erscheint ihm als „diffuse und unzureichende Prämisse für das Schreiben“. Was auf den ersten Blick wie eine Selbstkritik klingt, entpuppt sich als radikale Sehnsucht nach einem anderen Schreiben…

    • Schreibheft – Ausgabe 100

      Schreibheft – Ausgabe 100

      Schreibheft. Zeitschrift für Literatur ist eine deutschsprachige Literaturzeitschrift, die seit Jahrzehnten erscheint. Sie wird von Norbert Wehr herausgegeben und im Rigodon Verlag in Essen verlegt. Redaktionelles Profil | Die Zeitschrift arbeitet mit längeren Essayformaten und thematischen Schwerpunkten. Jede Ausgabe versammelt sich um einen inhaltlichen Kern. Das redaktionelle Programm umfasst: Die Zeitschrift richtet sich an ein…

  • Frank Witzel – Von aufgegebenen Autoren

    Frank Witzel – Von aufgegebenen Autoren

    Frank Witzels Titel legt eine Fährte, die zunächst in die Irre führt: Wer gibt hier eigentlich auf? Der Autor selbst, der die Feder niederlegt? Der Verlag, der nicht mehr druckt? Die Leserschaft, die wegschaut? Oder gibt es eine übergeordnete Instanz – den Literaturbetrieb, die Zeit selbst, das kollektive Gedächtnis –, die einen Autor aufgibt wie man ein Territorium aufgibt, ein Gebäude, einen Posten?

    Die doppelte Bewegung des Aufgebens

    Im Deutschen öffnet sich hier ein semantischer Abgrund. Aufgeben meint zweierlei: das Verlassen, das Preisgeben – aber auch das Aufgeben einer Sendung, eines Gepäckstücks, das zur Beförderung übergeben wird. Ein Text, der geschrieben ist, wird aufgegeben: an die Welt, an die Zukunft, an unbekannte Leser. Er verlässt die Hand des Autors wie ein Brief ohne Adressat, wie eine Flaschenpost. Darin liegt bereits ein Verzicht, eine ursprüngliche Form des Aufgebens – der Autor gibt seinen Text auf, im Sinne von: her, fort, weg von sich.

    Aber was geschieht, wenn niemand dieses Aufgegebene annimmt? Wenn die Sendung nicht zugestellt wird, weil der Empfänger verzogen ist – oder nie existiert hat? Dann kippt die Geste des Übergebens um in die des Preisgebens. Dann wird aus dem produktiven Akt des Loslassens die Verlassenheit, das Aufgegebensein.

    Die Wertigkeit als Beziehungsgeschehen

    Sie sprechen von Wertigkeit – und das ist der Kern. Denn Literatur entsteht nicht allein im Schreiben, sondern in der Beziehung zwischen Text und Leser, zwischen Autor und Zeit, zwischen Geschriebenem und Erinnern. Ein Text ohne Leser ist wie ein nicht schwingender Resonanzkörper: vorhanden, aber stumm. Seine Wertigkeit konstituiert sich erst im Widerhall.

    Diese Wertigkeit ist keine objektive Eigenschaft, kein Goldgehalt, der dem Text innewohnt. Sie ist eine Zuschreibung, eine Geste der Anerkennung, ein Akt des Würdigens. Der Autor schafft die Möglichkeit zur Wertigkeit – durch Sorgfalt, durch Präzision, durch das Ringen um Ausdruck. Aber die Wertigkeit selbst entsteht erst, wenn jemand liest, wenn jemand erkennt, wenn jemand antwortet.

    Hier liegt die Verantwortung, von der Sie sprechen: auf beiden Seiten. Der Autor trägt die Verantwortung für die Qualität, für die Ernsthaftigkeit seines Unternehmens. Er kann nicht erzwingen, dass sein Text gelesen wird – aber er kann einen Text schaffen, der des Lesens würdig ist. Der Leser wiederum trägt die Verantwortung des Wahrnehmens, des Suchens, des Würdigens. Nicht jeder Text verdient diese Zuwendung – aber manche Texte verdienen sie, ohne sie je zu erhalten.

    Die Ökonomie der Aufmerksamkeit und das Vergessen

    In unserer Zeit, in der täglich mehr geschrieben wird als je zuvor in der Geschichte, potenziert sich das Problem. Das Vergessen wird nicht mehr zur Ausnahme, sondern zur Regel. Die meisten Texte werden bereits im Moment ihrer Veröffentlichung aufgegeben – nicht aus Böswilligkeit, sondern aus schierem Mangel an Zeit, an Aufmerksamkeit, an Raum im kollektiven Gedächtnis.

    Witzel spricht von hundert Autoren: vergessen, verkannt, verschollen. Hinter jedem dieser Worte steht eine andere Form des Aufgegebenseins. Vergessen ist das sanfte Verschwinden, das allmähliche Verblassen. Verkannt ist die tragischere Variante: Man hat gesehen, aber nicht verstanden, hat gelesen, aber nicht erkannt. Verschollen schließlich meint die vollständige Tilgung aus dem Archiv, die spurlose Auflösung.

    Und doch: Wer von diesen Autoren spricht, holt sie bereits zurück. Wer sie auflistet, hebt sie wieder auf – im dreifachen Hegelschen Sinne: bewahren, emporheben, annullieren. Die Liste selbst wird zur Rettungsgeste, zur Rehabilitation, zur Wiederaneignung.

    Das Gedächtnis als ethische Praxis

    Vielleicht besteht die Würde der Literatur gerade darin, dass sie aufgegeben werden kann – und muss. Dass sie nicht gesichert ist, nicht garantiert, nicht unsterblich. Dass jede Generation neu entscheiden muss, was sie liest, was sie bewahrt, welche Stimmen sie hören will. Diese Ungesichertheit ist keine Schwäche, sondern die Bedingung ihrer Lebendigkeit.

    Das Erinnern wird damit zu einer ethischen Praxis. Nicht im Sinne einer moralischen Pflicht, jeden vergessenen Autor zu rehabilitieren – das wäre unmöglich und auch sinnlos. Sondern im Sinne einer Wachsamkeit: zu wissen, dass hinter jedem gegenwärtigen Kanon unzählige aufgegebene Autoren stehen, deren Texte vielleicht gerade heute, gerade für uns, von Bedeutung sein könnten.

    Die Wertigkeit eines Essays wie des von Witzel geplanten liegt dann genau darin: Er macht das Aufgegebensein sichtbar. Er erinnert uns daran, dass Literaturgeschichte nicht nur das ist, was überlebt hat, sondern auch das, was verloren ging. Und er lädt uns ein, das Verhältnis von Schreiben und Lesen, von Schaffen und Würdigen, von Verantwortung und Zuwendung neu zu bedenken.

    Coda: Die Zukunft des Aufgegebenen

    Am Ende bleibt die Frage: Was tun wir mit den aufgegebenen Autoren? Müssen wir sie alle retten? Können wir das überhaupt? Oder geht es vielmehr darum, die Bedingungen zu verstehen, unter denen Texte aufgegeben werden – und unsere eigene Rolle in diesem Prozess zu erkennen?

    Vielleicht ist das Aufgegebensein die eigentliche Existenzform von Literatur. Jeder Text, einmal geschrieben, ist der Zeit übergeben, der Nachwelt aufgegeben – ohne Garantie, ohne Sicherheit. In dieser Verletzlichkeit liegt seine Würde. Und in unserem Lesen, unserem Erinnern, unserem Würdigen liegt unsere Antwort darauf.

    Die hundert Namen, die Witzel aufruft, sind Stellvertreter für Tausende, für Zehntausende. Sie sind die stillen Begleiter jeder Literaturgeschichte, die Schatten hinter dem Kanon. Ihre Aufgegebenheit zu benennen, heißt nicht, sie zurückzuholen. Es heißt, ihre Abwesenheit zu würdigen – und die Frage nach der Wertigkeit von Literatur überhaupt neu zu stellen.

    Jetzt freue ich mich auf die Lektüre von Frank Witzels Beitrag und auf sein Verständnis des Aufgegebenen.

    Das Titelfoto: Bild von ddzphoto auf Pixabay

    • Jane Wels‘ Sandrine

      Jane Wels‘ Sandrine

      Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…

    • Die Kunst des mündlichen Erzählens

      Die Kunst des mündlichen Erzählens

      Am Anfang war das Wort – nicht geschrieben, sondern gesprochen. Lange bevor Gutenbergs Druckerpresse die Welt veränderte, lebten Geschichten in der Stimme, im Gedächtnis, in der unmittelbaren Begegnung zwischen Erzähler und Zuhörer. Das mündliche Erzählen ist die Urform aller Literatur, der Ausgangspunkt jeder kulturellen Überlieferung. Doch in einer Zeit, in der das gedruckte Wort dominiert…

    • WORTSCHAU Nr. 43

      WORTSCHAU Nr. 43

      Gedanken zur „WORTSCHAU“ #43 (Es hört nie auf) – oder: Warum ich beim Lesen ins Stolpern kam Beim Lesen dieser Ausgabe drängte sich mir eine Frage auf: Für wen sind diese Texte eigentlich gedacht? Nicht, weil die Sprache unzugänglich wäre – im Gegenteil, Satzbau und Wortwahl sind oft klar –, sondern weil viele Gedichte in…

    • WORTSCHAU 43 – Es hört nie auf

      WORTSCHAU 43 – Es hört nie auf

      Diese Ausgabe des Literaturmagazins WORTSCHAU präsentiert sich als besonders lyrik-fokussierte Publikation mit Thomas Kunst als Hauptautor. Feridun Zaimoglu charakterisierte Kunst in seiner Kleist-Preis-Begründung als den „sprachbesessensten und herzverrücktesten deutschen Dichter unserer Zeit“ – eine durchaus plakative Zuschreibung, die der Leser selbst überprüfen kann. Kleine Einblicke in Thomas Kunsts Gedankenwelt | Der beigefügte Fragebogen gibt Einblicke…

    • Rolf Borzik

      Rolf Borzik

      Bei der Rechcherche zum Fotografen des Umschlagbildes von Tagtexte habe ich dieses Zitat von ihm auf der Seite von Pina Bausch Foundation gefunden: „Ich glaube, man muß sehr bescheiden sein in der Wahl eines Stoffes, weil man sich zu einem intimen Freund bekennt, der sich nicht wehren kann. Diese Konfrontation hat die besten Chancen, wenn…

    • Das Espressoskop

      Das Espressoskop

      Viele Jahre habe ich Fotos von Espressoschaum gemacht und gesammelt. Irgendwann ist es dann in Vergessenheit geraten; ich trinke inzwischen hauptsächlich Tee. Beim Lesen des Gedichts Espresso von Sarah Kirsch, kam die Erinnerung wieder; es geht dort u.a. um den Verlust von Orientierung am Alltag, im vermeintlich Vertrauten (Meine Lesart) – und das brachte mich…

    • Espresso – Sarah Kirsch

      Espresso – Sarah Kirsch

      Sarah Kirschs Gedicht Espresso entfaltet in knapper, verdichteter Sprache ein Szenario der Rückkehr und des Erstaunens: Das lyrische Ich kommt nach längerer Abwesenheit an einen vertrauten Ort zurück – möglicherweise ein Zuhause – und stellt mit wachsender Irritation fest, dass scheinbar nichts vorbereitet ist. Alltägliche Dinge wie Zucker und Milch fehlen, was zunächst wie eine…

    • Waldinmitten – Mit der Kamera auf Loerkes Waldspuren

      Waldinmitten – Mit der Kamera auf Loerkes Waldspuren

      Fotografische Skizzen: Hier folgen meine Fotografien, die ich mit Oskar Loerkes Gedicht „Im Silberdistelwald“ verbinde. (Die Galerie passe ich fortlaufend an.)

    • Wald: Schutzraum und Ort der Vergänglichkeit

      Wald: Schutzraum und Ort der Vergänglichkeit

      Einen besonderen Blick habe ich auf die ambivalente Darstellung des Waldes bei Oskar Loerke geworfen: – zugleich Schutzraum und Ort der Vergänglichkeit. Er scheint mir die poetische Mehrdeutigkeit des Textes zu unterstreichen. Zudem möchte ich eine Einladung aussprechen – auch an mich selbst, daher das du – aufmerksam(er) durch die Wälder zu streifen (siehe: Beobachtungsideen…

    • Augenhöhe gesucht

      Augenhöhe gesucht

      Ich halte mich für einen durchaus gefühlvollen Menschen; es würde mir allerdings niemals in den Sinn kommen, mich derart zu äußern. Allerdings: wie würde ich es denn, basierend auf diesem Gedicht von Eduard Assadow? Wenn man das Gedicht aus einer nüchternen, weniger überwältigten Perspektive betrachtet, könnte die Darstellung der Gefühle anders aussehen – sachlicher, reflektierter,…

  • Annette Hagemann: ARTIST

    Annette Hagemann: ARTIST

    Der Künstler als Versuchsanordnung und Schaustück?

    Auf den ersten Blick scheint Annette Hagemanns Gedicht ARTIST ein feines, fast ehrfürchtiges Porträt eines schöpferischen Menschen zu sein – eines, der sich einen Raum erbittet, um seine Arbeit zu tun:

    Ein Bild der Sammlung, der Konzentration.
    Der „Lichthof“ wirkt wie eine Metapher der Inspiration, der Künstler ein Suchender, der Fragmente der Welt in diesen Innenraum trägt, um sie zu ordnen, zu verstehen, zu verwandeln.
    Er wirkt wie jemand, der dem Geheimnishaften auf der Spur ist – das Licht als Erkenntnisquelle, der Turm als Symbol für Einsamkeit und Schutz.

    Diese erste Leseschicht lässt das Gedicht als eine Hommage an die schöpferische Arbeit erscheinen: die Hingabe, das geduldige Zueinandersetzen von Dingen, das Ringen um Bedeutung.
    Auch die Sprache scheint das zu stützen: „Galerie“, „Lichthof“, „mehrschichtige Fotografien“ – das klingt nach Werkstatt, nach Kunst und Disziplin.

    Doch kaum taucht man tiefer ein in den Text, beginnen diese Wörter zu kippen.
    „Apportieren“ – dieses eine Wort ist der Bruch. Es gehört nicht in die Sprache der Kunst, sondern in die des Tiertrainings.
    Der Künstler bringt seine Funde nicht „herbei“, er apportiert sie – wie ein Hund, der auf Befehl Beute bringt.

    Damit verändert sich der Blick.
    Plötzlich ist dieser „Geheimnisraum“ kein romantischer Ort mehr, sondern ein Versuchslabor.
    Die Sprecherin (oder Beobachterin) richtet das Wort „Du“ auf den „Artist“ wie ein Forscher auf ein Versuchstier.
    Ihre Sprache ist kühl, präzise, durchzogen von einem sachlichen Rhythmus: nummerieren, rekonstruieren, illustrieren.
    Alles wirkt wie eine Dokumentation, nicht wie Bewunderung.

    Erste Leseschicht: Das Künstlerideal

    Im Vordergrund zeigt sich eine Gestalt, die sich ganz der Kunst hingibt – leidend, entbehrend, getrieben vom Wunsch, die Wirklichkeit zu fassen.

    Diese Lesart ist verführerisch: Sie erzählt von Hingabe, von der einsamen Größe der Kunst.
    Doch sie ist nur die Oberfläche.

    Zweite Leseschicht: Der Artist in der Manege

    Sobald man den Titel ernst nimmt, öffnet sich eine andere Bedeutungsebene.
    „Artist“ heißt nicht einfach „Künstler“ – es ist das französische Wort für Zirkusartist, für jemanden, der Kunststücke zeigt, sich exponiert, Risiken eingeht – zur Unterhaltung anderer.

    Aus dieser Perspektive verwandelt sich der ganze Text:
    Der „Lichthof“ wird zur Manege, das „Apportieren“ zum Dressurakt, die „Beinahedokumente“ zu Schaustücken, die Beobachter zu Publikum.
    Der Künstler ist nicht mehr der schöpferische Geist, sondern das Objekt einer Inszenierung, ein Wesen unter Beobachtung, das in einer künstlichen Versuchsanordnung agiert.

    Auch die Zeitform unterstützt diesen Eindruck: Das Gedicht steht im Präteritum – es blickt zurück, als ob das Experiment bereits beendet wäre, der Artist vielleicht verschwunden oder gescheitert.

    Selbst der Ruhm, von dem am Ende die Rede ist, hat einen bitteren Beigeschmack:

    Das Ende: Kunst als biologische Probe

    Im letzten Abschnitt wird der Gedanke radikal:

    Die Ironie ist bitter: Der „Artist“, der alles riskiert, um das Wirkliche zu verwandeln, wird selbst zum Kunstprodukt, zum Namen, zur Gattung.
    Kunst wird so zur Biologie des Symbolischen: Alles, was überlebt, trägt den Namen seines Schöpfers – und löscht ihn zugleich aus.

    Einordnung

    Annette Hagemann gelingt mit ARTIST eine doppelte Bewegung:
    Sie entwirft das Bild des schöpferischen Menschen, um es im selben Atemzug zu zersetzen.
    Das Gedicht schwankt zwischen Bewunderung und Analyse, zwischen Mythos und Protokoll.
    Es zeigt, dass der Künstler – ob Maler, Dichter, Performer – nie nur Schöpfer ist, sondern immer auch Exponat seiner eigenen Existenz.

    Vielleicht ist das der eigentliche Kern dieses Gedichts:
    Kunst bedeutet, sich selbst auszusetzen – und nie zu wissen, ob man dabei gerade etwas erschafft oder bereits vorgeführt wird.

    Gelesen habe ich ARTIST von Annette Hagemann in der
    WORTSCHAU #31 Menschen:Bilder
    In dieser Ausgabe werden sie und die Fotografin Li Erben in den Mittelpunkt gerückt.
    WORTSCHAU Verlag ISBN 978-3-944286-20-4

    • Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

      Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

      Über „Wegen der Inseln“ von Susanne Neuffer, Merkur Nr. 905, 2024 | Dieser Text hat mehrere Fäden, denen man folgen könnte. Ich habe mich für einen entschieden. Susanne Neuffers Kurzgeschichte, Miniatur erzählt von einer Schulklasse, die in Trauer verfällt. Oder so etwas Ähnlichem wie Trauer. Ausgelöst von einem neuen Mädchen namens Marsha, das eines Tages…

    • Eine Bushaltestelle, ein Foto, ein Name: Liesel Mansfeld

      Eine Bushaltestelle, ein Foto, ein Name: Liesel Mansfeld

      Ich war auf der Suche nach Büchern. Gefunden habe ich ein Foto. Es lag auf dem Sandboden einer Bushaltestelle, die hier im Wendland als öffentlicher Bücherschrank fungiert. Ein Abzug, eingerissen, mit Rostflecken – vermutlich von einer Pinnadel. Jemand hatte ihn irgendwann aufgehängt, er gehörte zu etwas. Dann nicht mehr. Auf der Rückseite, handschriftlich: Liesel Mansfeld…

    • Emine Sevgi Özdamar – Ein von Schatten begrenzter Raum

      Emine Sevgi Özdamar – Ein von Schatten begrenzter Raum

      Annähernd gelesen | Was begrenzt einen Raum durch Schatten? Ist es die Abwesenheit von Licht oder gerade seine Anwesenheit, die den Schatten erst wirft? Wo erscheinen räumliche Begrenzungen? Sind es physische Räume (Fabrikhallen, Wohnungen, Gefängniszellen) oder metaphorische (kulturelle Zugehörigkeit, Geschlechterrollen, politische Zuordnungen)? Frage zur Vertiefung: Wie verhält sich der Buchtitel zu den konkreten Räumen im…

    • Dialog über Hermetik und Zugänglichkeit in der Lyrik

      Dialog über Hermetik und Zugänglichkeit in der Lyrik

      Ein Nachtrag zur WORTSCHAU Nr. 43 | Mein kritischer Beitrag zur WORTSCHAU Nr. 43 hat auf Facebook eine bemerkenswert konstruktive Diskussion ausgelöst. Dass sich Herausgeber, Autorinnen und Autoren die Zeit genommen haben, auf meine Fragen einzugehen, freut mich sehr – und zeigt, dass die Spannung zwischen Hermetik und Zugänglichkeit keine einseitige Irritation ist, sondern ein…

    • Frank Witzel – Von aufgegebenen Autoren

      Frank Witzel – Von aufgegebenen Autoren

      Ein merkwürdiges Wort: aufgegeben. Es trägt in sich die ganze Ambivalenz unseres Umgangs mit Literatur, mit Autoren, mit dem, was geschrieben wurde und nun in der Welt ist – oder eben nicht mehr ist, nicht mehr wahrgenommen wird, aus dem Sichtfeld geraten ist. Frank Witzels Titel legt eine Fährte, die zunächst in die Irre führt:…

    • Annette Hagemann: ARTIST

      Annette Hagemann: ARTIST

      Der Künstler als Versuchsanordnung und Schaustück? Auf den ersten Blick scheint Annette Hagemanns Gedicht ARTIST ein feines, fast ehrfürchtiges Porträt eines schöpferischen Menschen zu sein – eines, der sich einen Raum erbittet, um seine Arbeit zu tun: „Du hattest um den Geheimnisraum gebeten, das Innere des Turms ein leuchtender Lichthof …“ Ein Bild der Sammlung,…

    • Franz Mon – lesebuch

      Franz Mon – lesebuch

      „Versuche, dich an alle namen zu erinnern, die je für dich verwendet wurden, denen du irgendwann / einmal ausgesetzt warst, die du dir selbst einmal ausgedacht hast, die du den tatsächlich benutzten / namen vorgezogen hättest; die sich als täuschungen erwiesen haben.“ Mit diesen Zeilen aus seinen „worttaktik[en]“ stellt Franz Mon eine grundlegende Frage: Wer…

    • Jane Wels‘ Sandrine

      Jane Wels‘ Sandrine

      Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…

    • Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      DIE ALTE FRAU Schnee ist gefallenSchon wird es NachtAuf weißer Decke nicht eineSpur, nicht Vogel nicht KatzeEs kommt kein BesuchEs kommt keiner heutees kommt keiner morgenSie kehrt und kehrtimmer gründlicher kehrt sie denStraßenzugang zu ihrem Haus Annähernd gelesen | Das Gedicht ist schlicht gebaut: kurze, prosanahe Zeilen ohne Reim, ohne übermäßige Interpunktion. Es öffnet mit…

    • Die Kunst des mündlichen Erzählens

      Die Kunst des mündlichen Erzählens

      Am Anfang war das Wort – nicht geschrieben, sondern gesprochen. Lange bevor Gutenbergs Druckerpresse die Welt veränderte, lebten Geschichten in der Stimme, im Gedächtnis, in der unmittelbaren Begegnung zwischen Erzähler und Zuhörer. Das mündliche Erzählen ist die Urform aller Literatur, der Ausgangspunkt jeder kulturellen Überlieferung. Doch in einer Zeit, in der das gedruckte Wort dominiert…

    • WORTSCHAU Nr. 43

      WORTSCHAU Nr. 43

      Gedanken zur „WORTSCHAU“ #43 (Es hört nie auf) – oder: Warum ich beim Lesen ins Stolpern kam Beim Lesen dieser Ausgabe drängte sich mir eine Frage auf: Für wen sind diese Texte eigentlich gedacht? Nicht, weil die Sprache unzugänglich wäre – im Gegenteil, Satzbau und Wortwahl sind oft klar –, sondern weil viele Gedichte in…

    • WORTSCHAU 43 – Es hört nie auf

      WORTSCHAU 43 – Es hört nie auf

      Diese Ausgabe des Literaturmagazins WORTSCHAU präsentiert sich als besonders lyrik-fokussierte Publikation mit Thomas Kunst als Hauptautor. Feridun Zaimoglu charakterisierte Kunst in seiner Kleist-Preis-Begründung als den „sprachbesessensten und herzverrücktesten deutschen Dichter unserer Zeit“ – eine durchaus plakative Zuschreibung, die der Leser selbst überprüfen kann. Kleine Einblicke in Thomas Kunsts Gedankenwelt | Der beigefügte Fragebogen gibt Einblicke…

  • Franz Mon – lesebuch

    Franz Mon – lesebuch

    „Versuche, dich an alle namen zu erinnern, die je für dich verwendet wurden, denen du irgendwann / einmal ausgesetzt warst, die du dir selbst einmal ausgedacht hast, die du den tatsächlich benutzten / namen vorgezogen hättest; die sich als täuschungen erwiesen haben.“

    Mit diesen Zeilen aus seinen „worttaktik[en]“ stellt Franz Mon eine grundlegende Frage: Wer sind wir, wenn selbst unsere Namen – diese scheinbar festesten Marker unserer Identität – sich als Täuschungen erweisen können? Namen, die uns gegeben wurden, denen wir „ausgesetzt“ waren wie einer fremden Macht. Namen, die wir uns vielleicht heimlich anders gewünscht hätten. Namen als Projektionsflächen, als Fallen, als Versprechen, die nicht eingelöst wurden.

    Diese Infragestellung von Sprache, Identität und Wahrheit durchzieht das gesamte Werk von Franz Mon (1926-2022), einem Vertreter der experimentellen und konkreten Poesie im deutschsprachigen Raum. Der Mann, der selbst seinen bürgerlichen Namen Helmut Franz Löffelholz ablegte und sich neu erfand als „Franz Mon“, verbrachte sieben Jahrzehnte damit, Sprache zu zerlegen und neu zusammenzusetzen – aus tiefer Skepsis gegenüber allem, was Worte vorgeben zu sein.

    Was treibt einen Autor dazu, Sprache nicht mehr als Mittel der Verständigung zu betrachten, sondern als Material, das man wie Ton kneten kann? Was bedeutet es, Gedichte zu schreiben, die man nicht linear lesen kann, die eher Klang-Skulpturen oder typographische Landschaften sind? Und welche Rolle spielte die Erfahrung des Nationalsozialismus, der systematischen Pervertierung von Sprache durch Propaganda, für Mons lebenslange Sprachskepsis?

    Biographischer Überblick

    Franz Mon, geboren am 6. Mai 1926 in Frankfurt am Main als Helmut Franz Löffelholz, gestorben am 27. Mai 2022 in Frankfurt, war eine prägende Figur der experimentellen und konkreten Poesie im deutschsprachigen Raum. Über sieben Jahrzehnte hinweg entwickelte er ein literarisches Werk, das die Grenzen der Sprache selbst zum Gegenstand seiner künstlerischen Arbeit machte.

    Mon wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf und studierte nach dem Zweiten Weltkrieg Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie. Zunächst arbeitete er im Verlagswesen, bevor er sich ganz der Literatur widmete. Das Pseudonym „Mon“ wählte er bewusst als Abkürzung seines Vornamens, aber auch als Anspielung auf das französische Possessivpronomen „mon“ (mein) – ein Hinweis auf die zutiefst persönliche Beziehung zu seiner sprachlichen Arbeit.

    In den 1950er Jahren begann Mon seine literarischen Experimente und wurde rasch zu einer zentralen Figur der konkreten Poesie. Er korrespondierte mit internationalen Avantgarde-Künstlern und pflegte intensive Austausche mit Autoren wie Ernst Jandl, Helmut Heißenbüttel und Eugen Gomringer. Mon war nicht nur Dichter, sondern auch Essayist, Übersetzer und theoretischer Kopf der experimentellen Literatur.

    Die Prägung durch die NS-Sprachmaschinerie

    Mon, Jahrgang 1926, erlebte seine prägende Jugend unter dem Nationalsozialismus. Er war etwa 13 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg begann, und 19 bei Kriegsende. Diese Erfahrung hinterließ tiefe Spuren in seinem Verhältnis zur Sprache.

    Die NS-Propaganda hatte systematisch die deutsche Sprache korrumpiert: Euphemismen verschleierten Massenmord („Sonderbehandlung“, „Endlösung“), positive Begriffe wurden mit völkischer Ideologie aufgeladen („Volk“, „Gemeinschaft“, „Treue“), die Rhetorik appellierte an Emotionen statt an Vernunft. Victor Klemperer hat dies in „LTI – Lingua Tertii Imperii“ dokumentiert – die Sprache des Dritten Reiches als Instrument der Unterwerfung.

    Für jemanden wie Mon, der diese Erfahrung durchlebte, konnte Sprache nie wieder selbstverständlich sein. Jedes Wort trug potentiell die Last der Manipulation in sich. Nachdem die Nazipropaganda Wörter ideologisch umzudeuten wusste, stellte sich bei Mon eine tiefe Skepsis gegenüber dem Wahrheitsanspruch allem Gesagten und Geschriebenen ein.

    Die Frage nach den Namen – Identität und Täuschung

    In einer seiner „worttaktik[en]“ hält Mon fest: „Versuche, dich an alle namen zu erinnern, die je für dich verwendet wurden, denen du irgendwann / einmal ausgesetzt warst, die du dir selbst einmal ausgedacht hast, die du den tatsächlich benutzten / namen vorgezogen hättest; die sich als täuschungen erwiesen haben.“

    Hier wird die Frage nach den Namen zur Frage nach Identität und Fremdbestimmung. Namen werden einem gegeben, auferlegt („denen du ausgesetzt warst“) – sie sind nicht frei gewählt. Zugleich können sie „Täuschungen“ sein: Sie suggerieren Eindeutigkeit, Stabilität, Wahrheit über eine Person, wo doch Identität fluid, vielschichtig, widersprüchlich ist.

    Mon selbst legte seinen bürgerlichen Namen Helmut Franz Löffelholz ab und nannte sich „Franz Mon“ – ein Akt der Selbstbenennung, der Distanzierung vom Gegebenen. Auch dies lässt sich als Versuch lesen, dem „Trug der Buchstaben“ durch bewusste Neuerfindung zu begegnen.

    Dieses Gedicht über die Namen eröffnet ein Feld an Fragen: Wie konstruieren wir Identität durch Sprache? Welche Macht haben Bezeichnungen über uns? Was geschieht, wenn wir beginnen, an der Stabilität von Bedeutungen zu zweifeln? In weiteren Beiträgen werden wir diesen Fragen nachgehen und uns einzelnen Aspekten von Mons Werk widmen – von seiner visuellen Poesie über seine Klangexperimente bis hin zu seiner theoretischen Auseinandersetzung mit Sprache als Material.

    Das Verhältnis zur Sprache

    Sprache als Material

    Für Franz Mon war Sprache keine transparente Mittlerin von Bedeutungen, sondern ein eigenwertiges Material, ähnlich wie Farbe für einen Maler oder Ton für einen Bildhauer. Er betrachtete Wörter, Silben, einzelne Buchstaben als formbare Substanz, die ihre eigenen Gesetze besitzt. In seinen Texten löste er die konventionelle Funktion der Sprache auf: Sie sollte nicht mehr primär etwas bedeuten, sondern etwas sein.

    Diese Auffassung führte dazu, dass Mon Sprache dekonstruierte. Er zerlegte Wörter in ihre kleinsten Bestandteile, arrangierte Buchstaben neu, wiederholte Silben rhythmisch, schuf Lautmuster. Syntax und Grammatik verloren ihre ordnende Kraft – stattdessen entstanden Textlandschaften, in denen das visuelle Arrangement auf der Seite ebenso wichtig war wie der Klang beim Sprechen.

    Wie lässt sich mit dem Trug der Buchstaben umgehen?

    Diese Frage steht im Zentrum von Mons gesamtem Werk. Seine Antwort: Wenn Sprache immer schon kontaminiert, ideologisch aufgeladen, täuschend ist, dann muss man sie dekonstruieren, atomisieren, gegen den Strich bürsten. Man muss die automatisierten Bedeutungszuschreibungen unterbrechen.

    Mons Strategie war nicht, eine „reine“ oder „wahre“ Sprache zu finden. Stattdessen machte er die Konstruiertheit, die Willkürlichkeit, die Brüchigkeit von Sprache sichtbar. Indem er Wörter zerlegte, neu kombinierte, verfremdet, schuf er einen Raum, in dem Sprache nicht mehr behaupten konnte, transparent Wahrheit zu transportieren.

    Seine Texte zeigen den Trug, anstatt ihm zu erliegen. Sie führen vor, wie fragil die Bedeutungsproduktion ist, wie leicht Sinn kippen kann, wie sehr wir Konventionen ausgeliefert sind. Diese Arbeit immunisiert gegen ideologische Vereinnahmung, indem sie die Werkzeuge der Vereinnahmung selbst zum Thema macht.

    Kritik der Sprachnormierung

    Mons Spracharbeit war politisch motiviert, ohne explizit politische Inhalte zu formulieren. Er misstraute der normierten, instrumentalisierten Sprache, wie sie in Massenmedien, Werbung und politischer Rhetorik verwendet wird. Nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus, in dem Sprache zur Manipulation und Herrschaft missbraucht wurde, sah Mon in der Zerstörung etablierter Sprachmuster einen Akt der Befreiung.

    Seine Texte widersetzten sich dem schnellen Verstehen und der unmittelbaren Konsumierbarkeit. Sie forderten vom Leser eine aktive, oft mühsame Auseinandersetzung. Mon wollte die automatisierten Wahrnehmungsmuster durchbrechen und den Rezipienten zwingen, neu hinzuschauen, neu hinzuhören – Sprache nicht als selbstverständliches Kommunikationsmittel hinzunehmen, sondern ihre Konstruiertheit bewusst zu erleben.

    Die visuelle Dimension

    Mon entwickelte eine ausgeprägt visuelle Poesie. Seine Texte waren oft typographische Arrangements, bei denen die Anordnung der Buchstaben auf der Seite, die Größe der Schrift, Abstände und Leerräume für das Werk konstitutiv waren. In Arbeiten wie „lesebuch“ (1967) oder „herzzero“ (1968) verschmelzen Text und Bild zu einer Einheit.

    Diese visuellen Gedichte kann man nicht einfach linear lesen – sie erfordern einen abtastenden Blick, ein Erfassen von Mustern, Wiederholungen, Brüchen. Die Seite wird zum Bildraum, in dem Sprache ihre zeitliche Dimension (das nacheinander Gesprochene) teilweise aufgibt zugunsten einer räumlichen Gleichzeitigkeit.

    „lesebuch“ (1967) – Ein Schlüsselwerk

    Das „lesebuch“, 1967 erschienen, gehört zu Mons zentralen Arbeiten und zeigt beispielhaft seine Methode der visuellen Sprachbearbeitung. Der Titel ist programmatisch: Ein „Lesebuch“ assoziiert man mit Schulbüchern, mit dem Erlernen von Sprache, mit konventionellen Texten zum Üben. Mons „lesebuch“ ist jedoch das Gegenteil – es verweigert sich dem linearen Lesen und den gewohnten Leseerwartungen.

    Das Werk besteht aus einer Serie von Texten, die Sprache typographisch arrangieren. Buchstaben werden isoliert, vergrößert, verkleinert, gedreht. Wörter werden fragmentiert, einzelne Silben oder Phoneme über die Seite verteilt. Manche Seiten wirken wie grafische Partituren, andere wie Wortcollagen. Die Anordnung folgt nicht der Linearität des Satzes, sondern schafft räumliche Beziehungen zwischen Sprachmaterialien.

    Ein Beispiel aus dem „lesebuch“ zeigt, wie Mon mit Wiederholung arbeitet: Ein einzelnes Wort oder eine Silbe wird dutzende Male auf einer Seite wiederholt, dabei minimal variiert – mal größer, mal kleiner, mal in anderer Position. Durch diese Wiederholung verliert das Wort seinen ursprünglichen Sinn. Es wird zum reinen Zeichen, zum graphischen Element, zum Klangmuster. Der Leser kann nicht mehr automatisch „durchlesen“, sondern muss sich auf die Materialität der Sprache einlassen.

    Andere Texte im „lesebuch“ arbeiten mit Überlagerungen: Buchstaben werden übereinander gedruckt, sodass sie kaum noch lesbar sind. Die Transparenz der Schrift – ihre Funktion, auf einen Inhalt zu verweisen – wird buchstäblich getrübt. Was bleibt, sind schwarze Flecken, Muster, rhythmische Verteilungen von Dunkel und Hell auf der Seite.

    Das „lesebuch“ fordert vom Leser eine andere Art der Wahrnehmung. Man kann es nicht konsumieren wie einen Roman. Stattdessen muss man verweilen, die Augen über die Seite wandern lassen, Muster entdecken, vielleicht einzelne Wörter oder Silben laut aussprechen, um ihren Klang zu hören. Es ist ein Buch, das zum aktiven Umgang mit Sprache auffordert – nicht zum passiven Empfang von Botschaften.

    In diesem Werk zeigt sich auch Mons Verwandtschaft zur bildenden Kunst. Die Seiten des „lesebuchs“ ähneln konkreter Kunst oder typographischen Experimenten des Bauhaus. Mon bewegte sich in einem Grenzbereich zwischen Literatur und bildender Kunst, zwischen Lesen und Sehen. Das „lesebuch“ ist gleichzeitig Text und Bild, Sprachkunstwerk und visuelles Objekt.

    Die phonetische Ebene

    Ebenso wichtig war Mon die klangliche Dimension von Sprache. Er schrieb Texte, die für den Vortrag konzipiert waren, Lautgedichte, die mit Phonemen, Geräuschen, Stimmmodulationen arbeiteten. Seine Lesungen waren performative Ereignisse, bei denen die körperliche Produktion von Lauten im Vordergrund stand.

    In diesen phonetischen Experimenten näherte sich Sprache der Musik an – oder auch dem Tier-Laut, dem Vor-Sprachlichen. Mon interessierte sich für den Moment, in dem Sprache noch nicht vollständig zur kulturellen Konvention geworden ist, sondern in ihrer physischen Rohheit erfahrbar bleibt.

    Semantische Verschiebungen

    Trotz aller Abstraktion waren Mons Texte nie völlig bedeutungsleer. Vielmehr schuf er durch Wiederholung, Variation und Kontextverschiebung neue Bedeutungsfelder. Ein Wort, hundertfach wiederholt, verliert seine ursprüngliche Bedeutung und gewinnt andere, unerwartete Assoziationen. Durch minimale Eingriffe – ein vertauschter Buchstabe, eine verschobene Silbe – entstanden Bedeutungsverschiebungen, die das vermeintlich Bekannte fremd werden ließen.

    Diese Technik wird „Verfremdung“ genannt – ein Begriff aus dem russischen Formalismus und Brechts Theater. Die automatisierte Wahrnehmung sollte gestört, die Dinge sollten in ihrer Artifizialität erkennbar werden.

    Ethik der Spracharbeit

    Mons Werk lässt sich auch als ethisches Projekt verstehen: eine Ethik der Wachsamkeit gegenüber der Sprache. Nach Auschwitz, nach der totalen Mobilmachung der Sprache für Herrschaft und Vernichtung, konnte es keine unschuldige Rückkehr zur literarischen Tradition geben.

    Mons Sprachexperimente waren seine Antwort auf diese historische Zäsur – eine Auseinandersetzung mit der Verantwortung dafür, dass sich die sprachliche Verführbarkeit nicht wiederholt.

    Hauptwerke und Schaffensphasen

    Zu Mons Publikationen gehören „artikulationen“ (1959), „lesebuch“ (1967), „herzzero“ (1968) sowie zahlreiche Essays zur Sprachtheorie, gesammelt in Bänden wie „texte über texte“ (1970). Sein Werk umfasst experimentelle Prosa, visuelle Poesie, Hörspiele, Collagen und theoretische Schriften.

    Im Laufe der Jahrzehnte variierte Mon seine Techniken, blieb aber seiner grundsätzlichen Haltung treu: der Skepsis gegenüber der instrumentellen Vernunft und der Überzeugung, dass Kunst die Möglichkeit bietet, etablierte Wahrnehmungs- und Denkformen zu hinterfragen.

    Rezeption und Vermächtnis

    Franz Mon blieb zeitlebens ein Außenseiter im Literaturbetrieb. Seine Experimente fanden bei der breiten Öffentlichkeit wenig Resonanz, wurden aber von Kennern der Avantgarde geschätzt. Er erhielt Auszeichnungen, darunter den Hörspielpreis der Kriegsblinden und den Kunstpreis der Stadt Frankfurt.

    Sein Einfluss auf nachfolgende Generationen experimenteller Autoren zeigt sich bis heute. Künstler, die mit digitalen Medien, Klangpoesie oder konkreter Poesie arbeiten, beziehen sich auf Mons Arbeit. Er hat gezeigt, dass Literatur mehr sein kann als Erzählung und Sinnstiftung – dass sie ein Raum des Experiments ist, in dem die Grundlagen unserer sprachlichen Welterschließung selbst zur Verhandlung stehen.

    Franz Mon betrachtete Sprache nicht als gegebenes Werkzeug, sondern als historisch gewachsenes, veränderbares und zu hinterfragendes System. Seine Arbeit war getragen von der Überzeugung, dass die Freiheit des Denkens mit der Freiheit im Umgang mit Sprache zusammenhängt. Indem er Wörter zerlegte, neu zusammensetzte, verfremdet und aus ihren gewohnten Kontexten riss, schuf er einen literarischen Raum, in dem Sprache wieder erfahrbar wurde – nicht als automatisches Kommunikationsmittel, sondern als sinnliches, widerständiges Material.
    Mit Mons Tod 2022 endete ein literarisches Leben, das sich über mehr als sieben Jahrzehnte erstreckte. Sein Werk bleibt eine Herausforderung und Anregung für alle, die nach anderen Möglichkeiten des sprachlichen Ausdrucks suchen.


    In den kommenden Beiträgen werden wir einzelne Aspekte von Franz Mons Werk vertiefen: seine visuellen Gedichte, seine Lautpoesie, seine theoretischen Schriften und die Frage, wie seine Sprachexperimente heute weiterwirken.

  • Rachel Cusks „Outline“ – Die Kunst des Verschwindens

    Rachel Cusks „Outline“ – Die Kunst des Verschwindens

    Rachel Cusks „Outline“ (2014, dt. „Outline – Von der Freiheit, ich zu sagen“) markiert einen radikalen Neuanfang in ihrem Werk. Nach zwei autobiografischen Büchern über Scheidung und Mutterschaft, die ihr heftige Kritik einbrachten, entwickelt die britische Autorin (*1967) eine völlig neue Erzählform: Sie lässt ihre Ich-Erzählerin beinahe verschwinden.

    Eine Erzählerin ohne Geschichte

    Eine namenlose Schriftstellerin fliegt nach Athen, um einen Sommerkurs zu unterrichten. Während der Reise und in den Tagen danach führt sie Gespräche – mit ihrem Sitznachbarn im Flugzeug, mit Kollegen, Studenten, einem Babysitter. Sie selbst sagt kaum etwas über sich. Stattdessen hört sie zu, stellt Fragen, gibt den anderen Raum, ihre Geschichten zu erzählen.

    Das klingt passiv, ist es aber nicht. Cusk erschafft eine Erzählerin, die durch ihre scheinbare Abwesenheit präsent wird – wie eine Umrisslinie (outline), die erst durch das Negative sichtbar wird. „Ich wollte eine Form finden“, schreibt Cusk, „in der das Ich nicht im Mittelpunkt steht, sondern die Zwischenräume zwischen Menschen.“

    Die Macht des Zuhörens

    Die Gespräche in „Outline“ sind keine Nebensache – sie sind der Kern des Buches. Ein geschiedener Mann erzählt stundenlang von seinen gescheiterten Ehen. Eine Nachbarin berichtet von ihrer lärmenden Nachbarschaft und den Grenzen der Toleranz. Ein junger Dichter reflektiert über Erfolg und Scheitern.

    Durch diese Geschichten zeichnet Cusk ein Porträt der Erzählerin, ohne dass diese jemals direkt von sich spricht. Wir erfahren, dass sie geschieden ist, Kinder hat, dass ihr Leben in Trümmern liegt – aber all das nur indirekt, durch das, was sie auslässt, durch die Art, wie sie zuhört.

    Diese Technik hat Cusk von klassischen Vorbildern übernommen: „Ich dachte an die platonischen Dialoge“, sagt sie in Interviews, „an Sokrates, der durch Fragen die Wahrheit freilegt.“ Aber auch an modernere Texte wie W.G. Sebalds „Die Ringe des Saturn“, wo der Erzähler ebenfalls mehr Wanderer als Held ist.

    Schreiben nach der Krise

    „Outline“ entstand aus einer existenziellen Notwendigkeit. Nach ihrer Scheidung hatte Cusk zwei Memoirs veröffentlicht – „A Life’s Work“ (über Mutterschaft) und „Aftermath“ (über die Scheidung). Beide Bücher waren schonungslos ehrlich und provozierten teils hasserfüllte Reaktionen. Kritiker warfen ihr vor, zu persönlich zu sein, ihre Kinder zu instrumentalisieren, den Ex-Mann bloßzustellen.

    In einem Essay für den Guardian beschreibt Cusk diese Phase: „Ich hatte das Gefühl, dass mein Ich verbraucht war, dass ich nicht mehr in der ersten Person schreiben konnte. Ich musste eine Form finden, die mich schützt und gleichzeitig die Wahrheit sagt.“

    Das Ergebnis ist eine literarische Innovation: eine Autobiografie, die sich als Dialog tarnt. „Outline“ erzählt von Verlust, Neuanfang und der Frage, wie man weiterlebt, nachdem das alte Leben zusammengebrochen ist – aber ohne sentimentale Bekenntnisse, ohne Selbstmitleid.

    Eine Trilogie

    „Outline“ ist der erste Teil einer Trilogie, gefolgt von „Transit“ (2016) und „Kudos“ (2018). In allen drei Büchern bleibt die Erzählerin dieselbe: eine Schriftstellerin, die sich durch Gespräche bewegt wie durch Räume. In „Transit“ renoviert sie ein heruntergekommenes Haus in London – eine Metapher für den Wiederaufbau des eigenen Lebens. In „Kudos“ reist sie zu Literaturfestivals und merkt, wie sie wieder sichtbar wird, ob sie will oder nicht.

    Die Trilogie wurde als eine der wichtigsten literarischen Leistungen der 2010er Jahre gefeiert. Deborah Levy schrieb: „Cusk hat eine neue Sprache gefunden für die Erfahrung, eine Frau zu sein – nicht als Opfer, nicht als Heldin, sondern als Beobachterin ihrer selbst und der Welt.“

    Warum Cusk und Szalay zusammengehören

    Wo David Szalay seine Männer von außen porträtiert – präzise, kühl, fast entomologisch –, schafft Cusk einen Innenraum, der paradoxerweise durch Leerstellen entsteht. Beide interessieren sich für Menschen in Übergangsphasen, für Momente der Desorientierung.

    Aber während Szalays Figuren oft in ihren Rollen gefangen bleiben (der gescheiterte Geschäftsmann, der alternde Casanova), zeigt Cusk die Möglichkeit, diese Rollen abzulegen. Ihre Erzählerin hat keine feste Identität mehr – und darin liegt ihre Freiheit.

    In einem Interview sagte Cusk: „Das Ich ist eine Fiktion, die wir uns erzählen. Wenn diese Fiktion zusammenbricht, ist das zunächst furchtbar. Aber dann – vielleicht – kann man neu anfangen.“

    Stil und Wirkung

    Cusks Prosa ist kristallklar, fast schmucklos. Keine Metaphern, die sich selbst feiern, keine poetischen Ausschweifungen. Sie schreibt, als würde sie protokollieren – und gerade deshalb sind ihre Sätze von verstörender Präzision.

    Ein Beispiel: „Er sagte, nach der Scheidung habe er gemerkt, dass er sein ganzes Leben lang die falsche Person gespielt hatte. Aber er wusste nicht, wer die richtige Person war.“

    Dieser Satz könnte auch von Szalay stammen. Aber bei Cusk schwingt noch etwas anderes mit: die Frage, ob es überhaupt eine „richtige Person“ gibt – oder ob wir alle nur Entwürfe sind, outlines unserer selbst.

    Zum Weiterlesen

    Neben der Outline-Trilogie sind besonders Cusks Essays lesenswert:

    • „Aftermath“ (2012) – über ihre Scheidung, eines der ehrlichsten Bücher über das Ende einer Ehe
    • Die Essays in „Coventry“ (2019) – über Mutterschaft, Schreiben und weibliche Autorschaft

    Wer sich für Cusks literarische Technik interessiert, sollte auch Deborah Levys autobiografische Trilogie lesen („The Cost of Living“, „Real Estate“) – beide Autorinnen verbindet die Suche nach neuen Formen für weibliche Lebenserfahrung jenseits traditioneller Narrative.

    • Safiye Can – Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung

      Safiye Can – Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung

      Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021 Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In…

    • Ille Chamier – Lied 76

      Ille Chamier – Lied 76

      Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…

    • Weibliche Perspektiven in der Literatur

      Weibliche Perspektiven in der Literatur

      In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen. Hier…

    • Fünf Teller. / Fünf Hemden. / Fünf Sätze. / Keiner ganz.

      Fünf Teller. / Fünf Hemden. / Fünf Sätze. / Keiner ganz.

      Ille Chamiers Stil ist schwer zu imitieren – weil er nicht nur Technik, sondern eine Haltung ist. Ihre Sprache wirkt wie gehämmertes Geröll: kantig, verdichtet, mit plötzlichen Bildsprüngen. Ein Gedicht zum Thema „Sorgearbeit und Schreiben“ hätte bei ihr möglicherweise so geklungen: Mögliche Stilmerkmale (rekonstruiert aus ihren Texten): Lakonische Präzision:Nicht:„Die Last der unendlichen Pflichten drückt mich…

    • Ille Chamier – Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…

      Ille Chamier – Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…

      Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen: Die Last der unsichtbaren Arbeit Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:…

    • Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

      Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

      Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…

    • Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

      Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

      Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…

    • Körper als Archiv

      Körper als Archiv

      In Annette Hagemanns „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ offenbart sich der Körper als ein vielschichtiges Archiv, in dem die Spuren der Herkunft auf ebenso subtile wie prägnante Weise gespeichert sind. Vordergründig scheinen die Erbschaften des lyrischen Ichs in ihrer Konkretheit begrenzt: die spezifische „Form der Röte auf den Wangen“, ein genetisches Vermächtnis der Mutter, das den…

    • Annette Hagemann – MEINE ERBSCHAFT IST DIESE

      Annette Hagemann – MEINE ERBSCHAFT IST DIESE

      Annette Hagemanns Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ setzt sich behutsam mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung auseinander. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt – die spezifische Röte der Wangen der Mutter, eine deformierte Jazzplatte aus New York, ein unscheinbarer Koi des Vaters –, erscheinen zunächst als marginale Alltagsfragmente. Doch…

    • Widerstand gegen Femizide: Von historischen Gegenstimmen zu aktuellen Bewegungen

      Widerstand gegen Femizide: Von historischen Gegenstimmen zu aktuellen Bewegungen

      Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Ausgangspunkt ist das Gedicht BECKENENDLAGE von Kathrin Niemela. Drekkingarhylur, Island Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt,…

    • David Szalays „Was ein Mann ist“

      David Szalays „Was ein Mann ist“

      David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär…

  • Wolfgang Mattheuer – Äußerungen

    Wolfgang Mattheuer – Äußerungen

    Das Buch versammelt verschiedene Texte und Grafiken von Wolfgang Mattheuer. Titel und Gestaltung deuten an, dass es sich um eine Kombination von visuellen und verbalen Äußerungen handelt – Bild und Wort werden nebeneinander gestellt, zum Teil korrespondierend. Die Grafiken spiegeln das typisches Œuvre Mattheuers wider: Arbeiten auf Papier, Druckgrafiken, Holzschnitte / Linolschnitte / Lithographien. Die Texte enthalten Tagebuchnotizen und andere reflektierende Texte. Ein Teil der Texte scheint autobiografisch oder zumindest persönlich gehalten zu sein, etwa Tagebuch-artige Aufzeichnungen.

    Ein Beispiel: Ein Briefausschnitt, bzw. Tagebuchtext auf Seite 228 („Brief aus …“) ist aufgeführt in Auszügen in wissenschaftlichen Artikeln, was darauf hindeutet, dass manche Texte sehr konkret auf persönliche Lebensumstände und Reflexionen eingehen.

    Wolfgang Mattheuer Äußerungen | Texte & Grafik Reclam Verlag Leipzig 1990
    Meine Ausgabe: Wolfgang Mattheuer | Äußerungen | Texte & Grafik | Reclam Verlag Leipzig 1990

    Mehrere Themen ziehen sich durch das Buch:

    • Zeitgeschichte / Gesellschaftskritik: Mattheuer reflektiert über die Situation in der DDR (z. B. seine Austrittserklärung aus der SED 1988 wird erwähnt in Zusammenhang mit den Texten) und zeigt ein Bewusstsein für die politischen und sozialen Umstände seiner Zeit.
    • Persönliche Stellungnahmen / Tagebuchnotizen: Die Texte enthalten personale Elemente – Gedanken, Reflexionen, Beobachtungen, möglicherweise auch Selbstverortungen. Die „Tagebuch“-Aspekte sind ausgeprägt.
    • Bild-Wort-Beziehung: Grafiken und Texte stehen in Wechselwirkung; die visuelle Arbeit Mattheuers wird durch die Schreiberlebnisse ergänzt und umgekehrt. Bildmotive, die auch in seinen Gemälden bekannt sind (z. B. Landschaften, metaphorische / symbolische Figuren, Allegorien) finden sich in den Grafiken. Diese werden ergänzt durch Texte, die Hintergründe, Gedanken, Umstände beleuchten.
    • Ästhetik und Reflexion über Kunst: Neben persönlichen und politischen Themen gibt es Reflexionen, wie Mattheuer über Kunst, über seine eigene Arbeit nachdenkt – über Gestaltung, Stilmittel, Bildtitel etc. (das lässt sich z. B. indirekt aus Bezugnahmen und aus der Existenz der Tagebuchtexte schließen).
    • Zeitliche Spannweite: Die Texte umfassen verschiedene Phasen seines Lebens und Wirkens – nicht nur eine kurze Zeitspanne, sondern verteilt über Jahre, mit historischen Einschnitten.

    Stil und Form

    • Die Texte sind in einer persönlichen, teils essayistischen oder tagebuchhaften Form gehalten. Sie sind nicht rein theoretisch, sondern vielfach konkret, deskriptiv, reflektierend.
    • Die Grafiken sind in Schwarz-Weiß und typischen Druckverfahren ausgeführt. Sie stehen nicht als reines Beiwerk, sondern als gleichberechtigte ästhetische Äußerungen.
    • Das Layout ist so gestaltet, dass Wort und Bild nebeneinander oder in Wechselwirkung wahrnehmbar sind; die Integration von Abbildungen ist wichtig für das Verständnis des Ganzen.

    Ziel / Funktion

    Während dem Band keine explizite Einleitung über das Ziel aus den Quellen zugänglich war, lassen sich Funktionen erkennen:

    • Sammlung und Dokumentation persönlicher Äußerungen Mattheuers – sowohl visuell als auch verbal – als Ausdruck seiner künstlerischen und persönlichen Position.
    • Schaffung eines Bandes, der nicht nur Werke zeigt, sondern auch Einblicke gibt in die Gedankenwelt des Künstlers, seine Bedingungen, Zweifel, Reflexionen.
    • Ein Fenster auf das Verhältnis von Kunst und politisch-gesellschaftlicher Wirklichkeit in der DDR – wie Kunst sich positionieren kann, wie sie sich selbst reflektiert.

    Kontext

    Wolfgang Mattheuer (1927-2004) war ein bedeutender Vertreter der sogenannten „Leipziger Schule“. Seine Werke sind häufig durch symbolische und metaphorische Elemente geprägt, die gesellschaftliche, politische und existenzielle Fragen behandeln.

    Er war lange Mitglied der SED, zog sich aber später öffentlich davon zurück. Sein Werk war nicht unkritisch; er nutzte Bildtitel, Allegorien und verschlüsselte Motive, um auch Kritik zu äußern.

    Buchinformationen
    Autor: Wolfgang Mattheuer
    Titel: Äußerungen. Graphik, Texte.
    Verlag / Ort: Reclam Verlag, Leipzig
    Erscheinungsjahr: 1990
    Umfang / Ausstattung: ca. 245 Seiten, mit zahlreichen Schwarz-weiß-Abbildungen (insbesondere Grafiken: Lithographien, Linolstiche, Holzschnitte) – insgesamt 99 Abbildungen sind aufgeführt.
    Nachbemerkung: von Heiner Henniger.

    Quellen:
    zvab.com: Äußerungen. Graphik, Texte. von Wolfgang Mattheuer
    journals.ub.uni-heidelberg.de: Wissenschaftlicher Artikel zu Mattheuer, Auszüge aus Tagebuchtexten
    zeithistorische-forschungen.de: Analyse von Mattheuers gesellschaftspolitischem Kontext
    bundestag.de: Kurzbiografie Wolfgang Mattheuer
    wikipedia.de
    mattheuer-stiftung.de: Die Ursula Mattheuer-Neustädt und Wolfgang Mattheuer Stiftung wurde von Ursula Mattheuer-Neustädt nach dem Tod von Wolfgang Mattheuer im Jahre 2006 gegründet. Anliegen und Zweck der Stiftung ist es, das künstlerische Werk von Wolfgang Mattheuer und Ursula Mattheuer-Neustädt zu bewahren, wissenschaftlich zu bearbeiten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

    Bisher aus der Lektüre entstandene Beiträge:

  • Gioconda Bellis Maurenlegende. Moderne Version

    Gioconda Bellis Maurenlegende. Moderne Version

    Ich sehe von fern das Land, das ich verließ. Ich beweine als Frau, was ich als Mann nicht zu verteidigen wusste.

    Die historische Vorlage: Der Seufzer des Mauren

    Dieses kurze, aber kraftvolle Gedicht von Gioconda Belli nimmt Bezug auf eine der bekanntesten Erzählungen der spanischen Geschichte: die Legende vom „Seufzer des Mauren“ (el suspiro del moro). Die ursprüngliche Überlieferung erzählt von Boabdil, dem letzten maurischen König von Granada, der 1492 beim Verlassen seiner eroberten Stadt zu weinen begann. An jener Stelle, heute „Suspiro del Moro“ genannt, soll seine Mutter Aixa la Horra ihn getadelt haben: „Weine nicht wie eine Frau um das, was du nicht wie ein Mann zu verteidigen wusstest.“

    Jenseits der Legende: Die historische Aixa und die Frauen Granadas

    Die historische Aixa war jedoch weit mehr als die unerbittliche Mutterstimme der Legende. Als Frau aus dem Nasriden-Geschlecht spielte sie eine zentrale Rolle in den Machtkämpfen am Hof, setzte ihren Sohn gegen seinen Vater durch und führte politische Intrigen. Dass in der Erinnerung nur jener eine tadelnde Satz überlebte, zeigt bereits, wie stark die Geschichtsschreibung weibliche Handlungsmacht zur Pointe reduziert hat. Auch andere Frauen im Granada des 15. Jahrhunderts beteiligten sich aktiv an der Verteidigung während Belagerungen und bewahrten nach der Kapitulation durch die Weitergabe von Sprache, Religion und Bräuchen das kulturelle Erbe.

    Bellis poetische Umkehrung: Vom Tadel zur Würde

    Belli dreht diese jahrhundertelang tradierte Geschlechterordnung in ihrer „Modernen Version“ um. Das lyrische Ich spricht als Frau, die sich zu ihren Tränen bekennt – „Ich beweine als Frau“ – und damit eine Würde beansprucht, die in der ursprünglichen Legende verweigert wurde. Gleichzeitig verschränkt die Dichterin die Rollen: „was ich als Mann nicht zu verteidigen wusste“ übernimmt die männlich konnotierte Dimension der Verantwortung.

    Eine Gegenerzählung?

    Die nicaraguanische Autorin und ehemalige Sandinistin öffnet einen poetischen Zwischenraum, in dem sich die tradierte Zuschreibung von Stärke (Mann) und Schwäche (Frau) auflöst. Sie ersetzt die Härte der legendären Aixa durch die Würde der Trauer und zeigt, dass Weinen nicht Schwäche bedeutet, sondern eine Form von Stärke und Verantwortung. Indem sie die Legende neu schreibt, gibt Belli zugleich den marginalisierten Frauen von Granada ihre Stimme zurück und schafft eine poetische Gegenerzählung, die sowohl als feministischer Kommentar zur Überlieferung als auch als Meditation über Exil und Verlust funktioniert.

  • Himbeeren – Valerie Zichy

    Himbeeren – Valerie Zichy

    HIMBEEREN

    das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich
    hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein
    schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt
    heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das
    ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über-
    all die schuhe aus. das ich schreibt. das ich schreibt über das
    ich. das ich hat angst vor der klimakrise. das ich ist careerar-
    beiterin ohne dafür bezahlt zu werden. das ich ist nicht fik-
    tiv. das ich lächelt. das ich hätte gerne eine katze. das ich
    weint. das ich sitzt am liebsten am boden. das ich tut mei-
    stens so als ob. das ich wohnt in einem text. das ich wohnt
    in einem zimmer in das manchmal die sonne scheint. das ich
    mag keine veränderungen. das ich mag keine binaritäten.
    das ich ist meistens überfordert mit der welt, manchmal mit
    sich selbst. das ich trinkt auch im sommer tee. das ich hier
    ist autofiktion. das ich ist nicht hier das ich verlässt diesen
    text. das ich ist immer woanders.

    Annähernd gelesen

    „HIMBEEREN“ präsentiert sich als experimentelle Autofiktion, die in einem fortlaufenden, fast mantra-artigen Duktus die Grenzen zwischen realem und fiktivem Ich auslotet. Die Autorin arbeitet mit der repetitiven Formel „das ich“, wodurch eine distanzierende Objektivierung der eigenen Subjektivität entsteht.

    Der Text oszilliert zwischen alltäglichen, körperlichen Details (Himbeeren essen, Regelschmerzen, heiße Schokolade trinken) und existenziellen Reflexionen über Identität und Authentizität. Dabei entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem „ich ist ich“ und „das ich ist nicht ich“, das die grundsätzliche Frage nach der Darstellbarkeit von Selbst in der Literatur aufwirft.

    Besonders bemerkenswert ist die selbstreflexive Dimension: Das schreibende Ich thematisiert explizit seine eigene Textualität („das ich wohnt in einem text“) und seine Vergänglichkeit („das ich verlässt diesen text“). Die Enumeration persönlicher Eigenschaften und Gewohnheiten – von konkreten Tätigkeiten bis hin zu emotionalen Zuständen wie Weltüberforderung und Klimaangst – zeichnet ein fragmentiertes Porträt zeitgenössischer Subjektivität.

    Der Text endet mit einer paradoxen Bewegung: Das textuelle Ich, das zunächst als „hier“ und als „autofiktion“ etabliert wird, erklärt sich schließlich als „nicht hier“ und „immer woanders“ – ein poetisches Statement über die Flüchtigkeit und Ungreifbarkeit von Identität in der literarischen Darstellung. Die Autorin Valerie Zichy.

    Foto von The New York Public Library auf Unsplash

    Die Idee: Ein Fragentext, der aus „Himbeeren“ heraus entwickelt hat – Fragen, die der Text selbst aufwirft, aber bewusst unbeantwortet bleiben. Die Leerstellen werden zum eigentlichen Dialog. Es gibt keine richtigen Antworten, sondern als weitere Stimmen im Gespräch.

    FRAGEN AN EIN ICH, DAS IMMER WOANDERS IST

    Ein Nicht-Interview zu „Himbeeren“

    Wenn das Ich hinter dem Text gerne Himbeeren isst – schmecken die fiktiven Himbeeren anders als die realen? Haben sie Kerne? Lassen sie Flecken auf den Fingern?

    Du schreibst „das ich ist ich und das ich ist nicht ich“ – wo genau verläuft die Grenze? Oder gibt es gar keine? Ist es eher eine durchlässige Membran, ein Übergangsbereich, wo das eine ins andere sickert?

    Das schlechte Gewissen und die Regelschmerzen – welches davon ist fiktiver? Oder sind Körperschmerzen die einzige Gewissheit, dass etwas real ist?

    Wenn du überall die Schuhe ausziehst – ist das eine Geste der Ankunft oder der Fluchtbereitschaft? Barfuß ist man verwundbarer, aber auch freier. Was überwiegt?

    „Das ich schreibt über das ich“ – ist das Mise en abyme oder Selbstgespräch? Oder ist jedes Schreiben über sich selbst immer schon beides?

    Die Careerarbeit ohne Bezahlung – ist das die Care-Arbeit, die du meinst? Oder eine andere Form von Arbeit, die unsichtbar bleibt, weil sie nicht ins ökonomische Raster passt?

    Du lächelst – aber wer sieht das Lächeln, wenn das Ich im Text wohnt?

    „Das ich hätte gerne eine katze“ – Konjunktiv. Warum nicht „das ich will eine katze“ oder „das ich holt sich eine katze“? Was hält das Ich im Hätte-gerne fest?

    Warum sitzt du am liebsten am boden? Ist das näher an etwas oder weiter weg von etwas?

    „Das ich tut meistens so als ob“ – als ob was? Als ob es existiert? Als ob es nicht existiert? Als ob es wüsste, wer es ist?

    Das Zimmer, in das manchmal die Sonne scheint – nur manchmal. Was ist mit den anderen Zeiten? Wohnst du dann trotzdem dort, oder wanderst du mit der Sonne?

    Keine Veränderungen mögen, keine Binaritäten mögen – ist das nicht ein Widerspruch? Oder gerade die Auflösung des Widerspruchs?

    Die Überforderung mit der Welt, mit sich selbst – was ist schwieriger? Oder ist es dieselbe Überforderung, nur anders benannt?

    Auch im Sommer Tee – ist das Beharren auf Wärme, wenn die Welt ohnehin warm ist? Eine Art Selbstfürsorge gegen die Erwartung?

    „Das ich ist nicht hier“ – aber der Text ist hier. Wo bist du dann? In der Lücke zwischen Buchstaben? Im Weißraum?

    Wenn du diesen Text verlässt – gehst du dann in einen anderen Text? Oder gibt es auch ein Außerhalb-der-Texte, in dem du existierst?

    „Das ich ist immer woanders“ – ist das Flucht oder Freiheit? Oder ist es die einzige ehrliche Beschreibung dessen, was ein Ich sein kann?

    Hinweis für die Lesenden:

    Diese Fragen suchen keine Antworten von der Autorin. Sie sind Versuche, mit dem Text weiterzudenken, ihm nachzugehen in seinem Woanders-Sein. Wer eigene Antworten auf eine dieser Fragen hat – oder selbst eine eigene Frage stellen möchte – kann diese gern in die Kommentare schreiben. Bitte nicht um den Text zu erklären, sondern um das Gespräch fortzusetzen.

  • Jane Wels – Und doch

    Jane Wels – Und doch

    Meine Annäherung an ein Gedicht, welches ich im Signaturen-Magazin entdeckt habe: Jane Wels schreibt über die verborgene Magie der Realität, eine Feier der unerwarteten Wunder im scheinbar Gewöhnlichen und Wissenschaftlichen.

    Die zentrale Idee: „Auf Wunder angewiesen“
    Der letzte Vers ist der Schlüssel: „bin ich auf Wunder angewiesen.“ Aber das Gedicht definiert „Wunder“ nicht im religiösen oder mystischen Sinne neu, sondern findet sie in der Realität selbst. Es ist die Haltung eines neugierigen, poetischen Wissenschaftlers oder eines philosophischen Dichters, der die Welt genau betrachtet.

    Eine Analyse der Bilder und was sie bedeuten könnten:

    • „Zebrasteine auf dem Mars“: Ein wunderbares Oxymoron. Zebrasteine (angelehnt an die Zebrastreifen zur Markierung für Fußgängerüberwege) sind ein spezifisches, von Menschen gemachtes Objekt. Der Mars steht für das völlig Fremde, Unberührte. Eine Suggestion, dass selbst im scheinbar völlig anderen und unbekannten Terrain (ob rotem Planet oder im Leben) plötzlich vertraute, ordnende Muster auftauchen können.
    • „Lucy in Addis Abeba“: Dies ist eine schöne Doppelbelegung.
      1. Wissenschaftlich: „Lucy“ ist der Name des berühmtesten Fossils eines frühen Hominiden (Australopithecus afarensis), dessen Überreste in Äthiopien gefunden wurden. Addis Abeba ist die Hauptstadt Äthiopiens. Das Wunder hier ist die reale, fassbare Spur unserer eigenen Evolution.
      2. Kulturell: „Lucy in the Sky with Diamonds“ von den Beatles. Das Lied steht für psychedelische, traumhafte Bilder – also für eine andere Art von Wunder, das im Geist entsteht.
    • „tauschen Synapsen Signale aus“: Das Wunder des Bewusstseins, des Denkens, der Gefühle und eben auch der Poesie entsteht aus dem bloßen, elektrochemischen Austausch in unserem Gehirn. Das Materielle wird zum Metaphysischen.
    • „rollt ein Ball so lange bergab…“: Hier wird ein physikalisches Naturgesetz (die Schwerkraft) als etwas Selbstverständliches und doch Erstaunliches beschrieben. Die Poesie liegt in der unausweichlichen Logik der Bewegung.
    • „schlafen stillgelegte Gene in den Zellen“: Ein wunderbares Bild für die verborgene Geschichte und das Potenzial, das in uns trägt. Diese Gene sind Archive der Evolution, schlafende Programme, die vielleicht eines Tages wieder erwachen. Es ist das Wunder der vererbten Information.
    • „Heidelberger Wäldchen in Brasilien“: Ein Stück deutscher Heimat mitten in der exotischen Fremde Brasiliens. Spielt dies auf reale Auswanderergeschichten an? Ich sehe darin ein Beispiel, wie Kultur und Erinnerung selbst an den unwahrscheinlichsten Orten Wurzeln schlagen können – ein anthropologisches Wunder.
    • „Grinsen ohne Katze“: Eine direkte Referenz zu Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ (das Grinsekatzen-Grinsen, das zurückbleibt, nachdem die Katze verschwunden ist). Es ist das Wunder der Absurdität, der Logik des Traums und der Idee, dass Effekte auch ohne ihre offensichtliche Ursache existieren können.
    • „Hufeisen aus Blausteinen um den Altar von Stonehenge“: Stonehenge ist selbst ein Ort des Rätsels und des Wunders. Die präzise Anordnung der Steine nach astronomischen Gesichtspunkten ist das „Wunder“ der frühen Wissenschaft und Spiritualität. Das „Hufeisen“ beschreibt konkret die Anordnung der Trilithen (die torartigen Steinstrukturen).
    • „entweicht die Luft nicht ins All“: Vielleicht das größte und lebensspendendste Wunder von allen: die Erdatmosphäre und die Gesetze der Physik (Schwerkraft), die sie halten. Es ist die unsichtbare, fragile Barriere, die alles Leben überhaupt erst möglich macht.


    Jane Wels‘ Gedicht konstruiert keine übernatürlichen Wunder, sondern entschlüsselt die Wunder, die bereits existieren. Ein Katalog des Staunens: Das Mysteriöse und Erstaunliche existiert nicht trotz der Wissenschaft, sondern durch und in ihr. Wir müssen nicht auf überirdische Eingriffe warten. Wir sind bereits von Wundern umgeben – in unserer DNA, in den Gesetzen der Physik, in der Geschichte der Erde und in der Art, wie unser Gehirn diese Welt begreift. Wir sind nur darauf angewiesen, sie zu sehen. Und es erschreckt zu sehen, wie viele Menschen den Sinn dafür verloren zu haben scheinen.

    Hier finden Sie das Gedicht im Ganzen: Signaturen-Magazin

    • Annette Hagemann: ARTIST

      Annette Hagemann: ARTIST

      Der Künstler als Versuchsanordnung und Schaustück? Auf den ersten Blick scheint Annette Hagemanns Gedicht ARTIST ein feines, fast ehrfürchtiges Porträt eines schöpferischen Menschen zu sein – eines, der sich einen Raum erbittet, um seine Arbeit zu tun: „Du hattest um den Geheimnisraum gebeten, das Innere des Turms ein leuchtender Lichthof …“ Ein Bild der Sammlung,…

    • Jane Wels – Und doch

      Jane Wels – Und doch

      Meine Annäherung an ein Gedicht, welches ich im Signaturen-Magazin entdeckt habe: Jane Wels schreibt über die verborgene Magie der Realität, eine Feier der unerwarteten Wunder im scheinbar Gewöhnlichen und Wissenschaftlichen. Die zentrale Idee: „Auf Wunder angewiesen“Der letzte Vers ist der Schlüssel: „bin ich auf Wunder angewiesen.“ Aber das Gedicht definiert „Wunder“ nicht im religiösen oder…

    • Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

      Linda Gundermann: „Bindungsstil“ – Wenn Psychologie auf Herzschmerz trifft

      Manchmal landet man durch Zufall bei einem Lied, das einen nicht mehr loslässt. Bei mir war es eine Recherche zu Grit Lemkes Kinder von Hoy, die mich über den Singeklub Hoyerswerda zu Gundi und schließlich zu ihrer Tochter Linda Gundermann führte. Ihr Lied „Bindungsstil“ ist mir dabei begegnet – und ich höre es seitdem immer…

    • Die Gedanken sind frei

      Die Gedanken sind frei

      Die Gedanken sind frei – ein Lied, das zu oft als Beruhigungspille missbraucht wurde. Während Diktaturen Menschen einsperrten, sangen diese von ihrer inneren Freiheit, statt die äußeren Ketten zu sprengen. Diese Ambivalenz macht das Lied gefährlich und kraftvoll zugleich. Die Unzerstörbarkeit als Problem | Das Lied verkörpert eine jahrhundertealte Idee: die Unzerstörbarkeit der Gedanken- und…

    • Das Licht

      Das Licht

      das licht der nachbarn ich sitze an meinem tisch zwischen frost und glut oliver simon | 2023

    • KLARSTELLUNG DER PUPPE

      KLARSTELLUNG DER PUPPE

      Ihr seht mich an und nennt es Schuld. Doch meine Augen sind leer, weil ihr sie mir genommen habt. Ihr habt mich in dieses Gitter gestellt, mich zu eurer Bühne gemacht, mich schweigen lassen, damit ihr in mir sprechen könnt. Euer Blick legt Lasten auf mich, die ich nicht tragen will. Ich bin kein Spiegel…

    • Jane Wels‘ Sandrine

      Jane Wels‘ Sandrine

      Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…

    • Der Besucher

      Der Besucher

      Schnee knirscht unter Stiefeln Spuren ziehen sich heran Über die weiße Decke eine Linie, geradewegs zum Haus Es kommt jemand Es kommt einer heute unerwartet Er öffnet den Rucksack teilt den heißen Tee aus der Thermosflasche, das Gebäck vom Morgen Sie sitzen auf der eilends gefegten Bank vor ihrer Tür schweigen und lauschen dem fernen…

    • Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      DIE ALTE FRAU Schnee ist gefallenSchon wird es NachtAuf weißer Decke nicht eineSpur, nicht Vogel nicht KatzeEs kommt kein BesuchEs kommt keiner heutees kommt keiner morgenSie kehrt und kehrtimmer gründlicher kehrt sie denStraßenzugang zu ihrem Haus Annähernd gelesen | Das Gedicht ist schlicht gebaut: kurze, prosanahe Zeilen ohne Reim, ohne übermäßige Interpunktion. Es öffnet mit…

    • Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…

    • BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…

    • Guido Zernatto || Gebet

      Guido Zernatto || Gebet

      Ich bete zu Gott, weil in seiner Hand Mein Sein ist, mein Leib, mein Gefühl, mein Verstand, Mein Hoffen, mein Trachten zu jeglicher Stund Und ohne ihn redet kein Wörtlein mein Mund. Ich bete zu Gott, weil das Firmament Kein Licht und kein Lebendsein ohne ihn kennt; Ohne ihn steigt kein Tag auf den Bergen…

    • Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht…

    • Atlantis lokalisieren – Nathalie Schmid

      Atlantis lokalisieren – Nathalie Schmid

      LektüreNotizen | Der Titel Atlantis lokalisieren klingt nach poetischem Forschungsauftrag. Dieses ‚Lokalisieren‘ meint weniger eine geografische Suche als einen schöpferischen Akt, der sich in Lyrik, Kunst und jeder anderen Form der Kreation vollzieht – und dessen Scheitern bereits einkalkuliert. Atlantis: ein Ort, der in Legenden existiert, in Spekulationen, in Wunschbildern. Ein Ort, der verschollen ist,…

    • Ille Chamier – Rosestock Holderblüh

      Ille Chamier – Rosestock Holderblüh

      Ille Chamiers Gedicht Rosestock Holderblüh verdichtet ihre Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zu einer poetischen Collage aus Trauma und Überlebenspoesie. Geboren 1937, erlebte sie die Bombennächte um 1943 – als Sechsjährige – in unmittelbarer existenzieller Bedrohung, wie die Zeilen „horchte ich nach den Bombengeschwadern“ bezeugen. Die Szene der zersplitterten Fenster („Scherben lagen ums Gitterbett“) neben der unverletzten Schwester offenbart…

    • margueriten – Norbert Hummelt

      margueriten – Norbert Hummelt

      Das Gedicht als transgenerationale Übersetzungsarbeit? Eine Annäherung | In „margueriten“ rekonstruiert Norbert Hummelt nicht einfach die Erinnerungen seiner Mutter an den Zweiten Weltkrieg – er macht den Prozess der Rekonstruktion selbst zum Thema. Das lyrische Ich (als nachgeborener Sohn) wird zum Archäologen mütterlicher Erfahrungen, die nur fragmenthaft überliefert sind: in abgebrochenen Sätzen, verweigerten Liedern und weggelegten…

    • Frauke Tomczak – Zwei Ewigkeiten in drei

      Frauke Tomczak – Zwei Ewigkeiten in drei

      Annähernd gelesen | Zwei Ewigkeiten in drei schildert, wie das lyrische Ich „in der Ecke“ steht – nicht orientierungslos, sondern gezwungenermaßen im Dreieck von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Dieser symbolische Dreiklang wird zur Falle: eine „Triangel-Ecke“, in der sich das Ich verunsichert, beschämt und fragmentiert fühlt. Es bewegt sich unsicher zwischen Zuspruch und Urteil…

    • Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen

      Nathalie Schmid – die namen der eisheiligen

      Versuch schulisch zu lesen | Nathalie Schmids Gedicht „die namen der eisheiligen“ ist eine dichte lyrische Miniatur, die existenzielle Verlusterfahrung in einer poetischen Collage aus Stadt- und Naturbildern verarbeitet. In freier Form, ohne Satzzeichen oder konventionelle Struktur, oszilliert das Gedicht zwischen Bewegung und Erstarrung, zwischen Geräuschkulisse und sprachloser Introspektion. Es thematisiert das Ringen um Orientierung…

  • Sarah Kirschs Gedichte verstehen – Eine Annäherung

    Sarah Kirschs Gedichte verstehen – Eine Annäherung

    Wer zum ersten Mal ein Gedicht von Sarah Kirsch liest, steht oft vor einem Rätsel. Da ist die Rede von Bäumen und Vögeln, von Wetter und Landschaften – aber irgendwie schwingt da mehr mit, als man auf den ersten Blick sieht. Wie kann man sich dieser eigenwilligen Dichterin nähern, die aus der DDR stammte und zu den wichtigsten deutschen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts gehört?

    Das Missverständnis mit der „Naturlyrikerin“

    Lange Zeit haben Kritiker Sarah Kirsch in eine Schublade gesteckt: „Naturlyrikerin“ stand darauf. Ein Etikett, das völlig in die Irre führt. Die italienische Literaturwissenschaftlerin Elena Agazzi hat in ihrer Studie überzeugend gezeigt, wie Kirschs Gedichte über Bäume und Natur den sozialistischen Realismus herausfordern und dabei ganz eigene Gedanken über Freiheit entwickeln.

    Wer Kirschs Verse nur als schöne Landschaftsbilder liest, verpasst das Wesentliche. Ihre Natur ist nie harmlos oder idyllisch. Ein Beispiel aus ihrer frühen Sammlung „Landaufenthalt“: Zwischen „Vögel und schwarzen Schnecken“ wächst Gras auf einem „Schuttberg“ und überwuchert „Glas“ und „aufgebrochne Matratzen“. Das ist keine heile Welt, sondern Natur, die versucht, die Wunden der Zivilisation zu heilen.

    Erste Leseregel: Wenn Sarah Kirsch über einen welkenden Baum schreibt, meint sie Vergänglichkeit. Wenn Vögel wegziehen, geht es um Aufbruch oder Heimweh. Ihre Naturbilder sind Geheimsprache für menschliche Erfahrungen.

    Warum ihre Lebensgeschichte wichtig ist

    Bei den meisten Dichtern kann man die Gedichte lesen, ohne viel über ihr Leben zu wissen. Bei Sarah Kirsch ist das anders – ihre Biografie hilft wirklich beim Verstehen. Schon als junge Frau änderte sie ihren Namen von Ingrid in Sarah, aus Solidarität mit den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus. Das zeigt eine Grundhaltung, die ihr ganzes Werk prägt: Sie hatte ein feines Gespür für Ungerechtigkeit und Ausgrenzung.

    Der große Bruch kam 1977. Mit 42 Jahren verließ sie die DDR – nicht als Touristin, sondern für immer. Das war damals ein dramatischer Schritt. Sie hatte gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestiert und wurde selbst zur Persona non grata. Stellen Sie sich vor: Von einem Tag auf den anderen ist die Heimat weg, die Sprache klingt anders, die Menschen denken anders. Diese Erfahrung der doppelten Heimatlosigkeit – erst in der DDR als unbequeme Denkerin, dann im Westen als Ostdeutsche – das spürt man in fast allen ihren späteren Gedichten.

    Was man über die Zeit wissen sollte

    Muss man Geschichte studiert haben, um Kirsch zu verstehen? Nein. Aber ein paar Grundkenntnisse helfen schon. Die 1970er Jahre in der DDR waren eine Zeit der Hoffnungen und Enttäuschungen. Nach dem Ende der Ulbricht-Ära hofften viele Intellektuelle auf mehr Freiheit. Dann kam 1976 die Biermann-Ausbürgerung – ein Paukenschlag, der zeigte: So viel Liberalität war dann doch nicht gewollt.

    Wer das weiß, versteht, warum in Kirschs Gedichten aus dieser Zeit so oft von Abschied die Rede ist, warum sie immer wieder das Gefühl beschreibt, zwischen den Stühlen zu sitzen.

    Wie ihre Gedichte funktionieren

    Sarah Kirsch hatte eine sehr eigene Art zu schreiben. In einem Interview von 1996 sagte sie einmal: „Was ist das Wichtigste? Gute Texte, die auch gelesen werden.“ Sie wollte keine komplizierten Theorien, sondern Gedichte, die bei den Menschen ankommen.

    Ihre Technik ist raffiniert, aber nicht abgehoben: Sie beschreibt ganz konkrete Dinge – eine bestimmte Pflanze, ein Wetterphänomen, einen Alltagsgegenstand – mit großer Genauigkeit. Aber sie erklärt nicht, wie diese Dinge zusammenhängen. Das müssen die Leser selbst herausfinden. Es ist wie bei einem Puzzle, bei dem man die Teile selbst zusammensetzen darf.

    Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Wenn sie schreibt „Der Apfelbaum vor meinem Fenster verliert seine Blätter“, dann beschreibt sie nicht nur den Herbst. Vielleicht geht es auch um das eigene Älterwerden, um Abschiede, um die Vergänglichkeit der Dinge. Aber sie sagt das nicht direkt – sie lässt es uns fühlen.

    Ein praktischer Tipp für Einsteiger

    Wie fängt man also an? Am besten so: Lesen Sie erst einmal mehrere Gedichte hintereinander, aus verschiedenen Jahren. Lassen Sie die Sprache auf sich wirken, ohne alles gleich verstehen zu wollen. Dann lesen Sie eine Biografie – die von Carsten Gansel ist gut verständlich. Danach gehen Sie zurück zu den Gedichten. Sie werden staunen, wie viel mehr Sie jetzt zwischen den Zeilen entdecken.

    Warum sich die Mühe lohnt

    Sarah Kirschs Gedichte verlangen etwas von ihren Lesern: Aufmerksamkeit, Geduld, die Bereitschaft, auch mal im Ungewissen zu bleiben. Aber wer sich darauf einlässt, bekommt etwas Besonderes: eine Dichterin, die aus den Brüchen ihrer Zeit eine zeitlose Sprache für menschliche Grunderfahrungen gefunden hat.

    Ihre Verse sprechen zu allen, die schon einmal das Gefühl hatten, zwischen den Welten zu stehen – sei es durch einen Umzug, einen Jobwechsel, eine Trennung oder einfach durch das Erwachsenwerden. Sie zeigt, wie sich große Geschichte im kleinen Alltag spiegelt, wie ein Regentag zur Metapher für Melancholie wird, wie Vogelzug von Fernweh erzählt.

    Das ist es, was Sarah Kirsch zur großen Dichterin macht: Sie verwandelt persönliche Erfahrung in allgemein gültige Poesie. Wer ihre Gedichte liest, versteht nicht nur sie besser – sondern auch sich selbst und die Zeit, in der wir leben. In einer Welt, die sich immer schneller dreht, bietet ihre Lyrik einen Raum der Verlangsamung und der Nachdenklichkeit. Das ist heute vielleicht nötiger denn je.

    Elena Agazzi (italienische Literaturwissenschaftlerin): Ihre Studie „Bäume lesen“ hinterfragt das Klischee von Sarah Kirsch als „Naturlyrikerin“ und zeigt, wie ihre Gedichte über Bäume und Natur den sozialistischen Realismus herausfordern, während sie einen originellen Diskurs über die Freiheit der Natur und des Menschen entwickeln. Baeume lesen. Natur als Provokation in den Gedichten von Sarah Kirsch

    Die Einschätzung als „Enzyklopädistin des Landlebens“: Sarah Kirsch hat ihrem Ruf, als ‚Enzyklopädistin des Landlebens‘ die Naturlyrik vom Verdacht des Provinzidyllischen und Weltfernen befreit zu haben, mit ihrem umfangreichen lyrischen Werk immer wieder entsprochen. Kirsch, Sarah: Das lyrische Werk | SpringerLink

    Kirschs eigene Äußerung: In einem Interview mit den Stuttgarter Nachrichten aus dem Jahr 1996 bat Sarah Kirsch darum, dass man ihre Gedichte lesen, sie persönlich aber in Ruhe lassen solle: „Was ist das Wichtigste? Gute Texte, die auch gelesen werden.“ Zur Einführung | SpringerLink

    Die Kritik am „Naturlyrik“-Etikett: Langjährigen Lesern ist bewusst, dass gelegentliche Vorwürfe von Kritikern, es handele sich bei Sarah Kirsch um „unpolitische Naturlyrik“, offensichtlicher Unsinn sind. Sarah Kirsch: Freie Verse

    Die Literaturwissenschaft ist längst über das oberflächliche „Naturlyrik“-Etikett hinausgegangen und würdigt Kirschs komplexe Verschränkung von Naturbeobachtung, politischer Erfahrung und existenzieller Reflexion. Besonders wichtig erscheint mir die Erkenntnis, dass ihre Natur nie harmlos ist, sondern immer von Geschichte und Gesellschaft durchdrungen.

    • Die Kunst des Gesprächs mit dem Gedicht

      Die Kunst des Gesprächs mit dem Gedicht

      Eine persönliche Annäherung | Das Lesen von Gedichten ist oft eine intime, manchmal sogar mystische Erfahrung. Anders als ein Roman, der uns über hunderte Seiten in eine Welt entführt, begegnet uns ein Gedicht oft als Blitzlicht, als komprimiertes Universum in wenigen Zeilen. Und genau diese Eigenart macht das Gespräch über Lyrik so reizvoll und herausfordernd.…

    • Zeilen und Klänge

      Zeilen und Klänge

      Eine Handreichung zum Finden von Musik zu Gedichten. Für alle, die glauben, dass ein Gedicht klingen kann – auch nach außen hin. 1. Nicht die Playlist, sondern das Echo suchen Ein Gedicht wie „herbrig„ ist keine Liedvorlage und kein Musikvideo. Es ist ein „Echo-Raum“, der nach Resonanz sucht. Wer dazu Musik finden möchte, beginnt am…

    • Im Dialog mit Gedichten – Eine Einladung

      Im Dialog mit Gedichten – Eine Einladung

      Ich sitze vor einem Gedicht und verstehe es nicht. Oder: Ich verstehe es vielleicht, aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Die klassische Herangehensweise wäre jetzt: Stilmittel finden, Metaphern deuten, eine Interpretation formulieren. Aber genau das fühlt sich falsch an – als würde ich dem Gedicht etwas überstülpen, statt wirklich mit ihm in…

    • Weibliche Perspektiven in der Literatur

      Weibliche Perspektiven in der Literatur

      In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen. Hier…

    • Espresso – Sarah Kirsch

      Espresso – Sarah Kirsch

      Sarah Kirschs Gedicht Espresso entfaltet in knapper, verdichteter Sprache ein Szenario der Rückkehr und des Erstaunens: Das lyrische Ich kommt nach längerer Abwesenheit an einen vertrauten Ort zurück – möglicherweise ein Zuhause – und stellt mit wachsender Irritation fest, dass scheinbar nichts vorbereitet ist. Alltägliche Dinge wie Zucker und Milch fehlen, was zunächst wie eine…

    • Bodenlos – Sarah Kirsch

      Bodenlos – Sarah Kirsch

      Die Grenzgängerin der deutschen Lyrik | Sarah Kirsch (1935–2013) war weit mehr als nur eine bedeutende deutsche Lyrikerin – sie war eine literarische Grenzgängerin, deren Biographie und Werk die Verwerfungen des geteilten Deutschlands in einzigartiger Weise spiegeln. Geboren als Ingrid Bernstein in dem thüringischen Dorf Limlingerode, vollzog sie bereits früh einen ersten symbolischen Akt der…

error: Content is protected !!