Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.
In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.
Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.
In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.
Begonnene Dialoge:
Da ich Texte immer wieder aufgreife, Querverbindungen sehe und Neues schaffe, ist ein angeregter Dialog nie wirklich abgeschlossen.Hier gilt daher: Fortsetzung folgt.
Eine Annäherung | Dieses Gedicht – eigentlich ohne Titel – steht auf dem Buchdeckel des Bandes zu / das haus / auf dem weg und scheint eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zur Zeit, zur Welt und zum eigenen Ich zu sein. Den ersten Teil, „auch bin ich was ich weiß / trotz dem /…
Ein Mann findet drei gewöhnliche Steine und beschließt, ihnen eigene Namen zu geben. Er nennt sie „Herr Babel, „Herr Bohm und „Herr Buht“. Für ihn sind diese Steine ab sofort nicht mehr bloß Steine, sondern Individuen mit bestimmten Eigenschaften, über die er nachdenkt, spricht und sich freut. Er zeigt sie auch einem Kind und bringt…
Als hätten sich György Kurtág, Johann Sebastian Bach und Oskar Loerke am Hubertussee getroffen. Der SilberdistelwaldMein Haus, es steht nun mittenIm Silberdistelwald.Pan ist vorbeigeschritten.Was stritt, hat ausgestrittenIn seiner Nachtgestalt. Die bleichen Disteln starrenIm Schwarz, ein wilder Putz.Verborgne Wurzeln knarren:Wenn wir Pans Schlaf verscharren,Nimmt niemand ihn in Schutz. Vielleicht, dass eine BlüteZu tiefer KommunionIhm nachfiel und…
Das titelgebende Gedicht „wer ist wir“ von Günter Abramowski erforscht die Dynamik zwischenmenschlicher Beziehungen, Identität und existenzieller Unsicherheit durch fragmentarische Sprache und metaphorische Verdichtung. Hier eine strukturelle und thematische Analyse: Form und Struktur Thematische Schichten Sprachliche Besonderheiten Symbolik Zusammenfassung Das Gedicht inszeniert eine existenzielle Krise zwischenmenschlicher Bindung: Die Suche nach Nähe führt zu Verletzung und…
Ich werde in deinen Augen ertrinken, darf ich? Denn in deinen Augen zu ertrinken, ist Glück.Ich komme zu dir und sage: „Guten Tag!Ich liebe dich sehr.“ Ist das schwer?Nein, das ist nicht schwer, sondern mühsam.Es ist sehr mühsam, zu lieben. Glaubst du mir das? Ich gehe auf eine steile Klippe,ich werde fallen, fang mich! Schaffst…
„Wege“ führt uns durch einen merkwürdigen Wechsel der Perspektiven: Erst sind wir mittendrin im Matsch und Regen, dann schauen wir von oben auf eine Landkarte. Diese Bewegung von der körperlichen Erfahrung zur abstrakten Betrachtung durchzieht das ganze Gedicht wie ein roter Faden. Unterwegs im Regen Die erste Strophe lässt uns förmlich die nassen Füße spüren.…
[Da ich Texte immer wieder aufgreife, Querverbindungen sehe und schaffe, ist ein angeregter Dialog nie wirklich abgeschlossen. Daher lohnt es sich immer wieder hineinzuschauen und gegebenfalls einzubringen.]
distelicht
Kennen Sie das Gefühl, wenn ein unscheinbares Detail plötzlich eine ganze Welt eröffnet? Genau das ist der Kern des distelichts. Hier tauchen wir in die Belletristik und bildende Kunst ein, um Werke aufzuspüren, in denen die Distel – sei es prominent oder nur am Rande erwähnt, wörtlich oder metaphorisch – eine Rolle spielt. – weiterlesen
Adolf Endler entdecken
Über ein Gedicht, über Ausgrenzung. Dieser 1895 erstmalig veröffentlichte Text hat dazu geführt, dass mir von Gott berufenen Menschen (nach eigenen Aussagen) die Freundschaft gekündigt haben und seitdem jeden Kontakt ablehnen. Ihr Kommentar: Wer so etwas veröffentlicht, der ist vom Teufel geleitet.– weiterlesen
Bodenhaftung
Angeregt durch Renatus Deckerts Gedicht Plötzensee habe ich ein LeseProjekt begonnen, das sich mit der sg Erinnerungskultur beschäftigt. – weiterlesen
Safiye Can – Poesie und Pandemie
Ringen mit Cans Lyrik: Eine persönliche Annäherung an „Poesie und Pandemie“ und darüber hinaus. Beim Eintauchen in Safiye Cans Lyrikband „Poesie und Pandemie“ wurde mir immer wieder bewusst, wie unterschiedlich kollektive Erfahrungen wahrgenommen werden können. weiterlesen
Oskar Loerke – Im Silberdistelwald
Der „Silberdistelwald“ des Oskar Loerke liegt am Hubertussee, geschaffen im Zusammenhang mit dem Bau der Gartenstadt Frohnau aus einem verlandeten Tümpel. Im späten 19. Jahrhundert wurde hier Ton für die nahegelegene Ziegelei gegraben. – weiterlesen
Eduard Assadow – Ich werde dich lieben, darf ich?
uffällig ist auch die paradoxe Haltung: Einerseits fordert er bedingungslose Hingabe („das ganze Leben“), andererseits bittet er fast ängstlich darum, nicht verletzt zu werden („richte mich nicht hin“). – weiterlesen
Shaun Bythell und seine Buchhandlung
In einem kleinen Ort im Südwesten Schottlands, direkt an der Küste von Galloway, liegt Wigtown – offiziell anerkannt als „Scotland’s National Book Town“. Hier lebt und arbeitet Shaun Bythell, Antiquar, Buchhändler – und Autor. – weiterlesen
Annette Hagemann – MEINE ERBSCHAFT IST DIESE
Eine behutsame Auseinandersetzung mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt, … – weiterlesen
Paul Klee | Wäre ich ein Gott, zu dem man betet
Paul Klees Gedicht „Wäre ich ein Gott, zu dem man betet…“ liest sich wie ein frecher, nachdenklicher Monolog – so als ob jemand, der mit aller Macht und Verantwortung ausgestattet wäre, plötzlich ganz menschliche Zweifel und Schwächen hätte. Es ist keine akademische Analyse, sondern ein Blick darauf, was das Gedicht uns heute sagt: … – weiterlesen
In Hansjörg Schertenleibs Erzählung Der Antiquar gibt es eine Stelle, an der der Protagonist als Kind einen See kartiert. Mit eigenen Mitteln, aus eigener Anschauung. Diese Stelle hat mich nicht losgelassen. Vor Satelliten und Luftbildern kannte man Gelände nur von unten. Man ist es abgegangen, hat gezählt, geschätzt, gezeichnet. Die Karte war kein Abbild — sie war eine Behauptung über den Raum, gefiltert durch den eigenen Körper. Das möchte ich ausprobieren, zunächst im Gelände das ich glaube zu kennen.
Was man braucht
Klemmbrett, kariertes oder Punktraster-Papier, Bleistift, Radiergummi, ein einfacher Kompass. Das war es im Wesentlichen auch früher.
Wie es geht
Zuerst die Schritte messen: wie viele eigene Schritte entsprechen zehn Metern? Das ist der persönliche Maßstab — meiner ist ein anderer als der meiner Tochter. Schon das ist ein Befund.
Dann einen Maßstab festlegen: ein Kästchen auf dem Papier entspricht zehn Schritten. Gelände ablaufen, zählen, übertragen.
Für Hügel — wir leben im Endmoränengebiet, davon haben wir reichlich — hilft die Fallinie: kurze Striche, die vom höchsten Punkt wegzeigen, in die Richtung in der Wasser abläuft. Den Körper weiß das beim Gehen bereits.
Symbole erfindet man selbst. Was man braucht, kommt in die Legende am Rand. Nicht weniger legitim als jede historische Karte, die ihre eigene Zeichensprache mitgebracht hat.
Was dabei passiert
Das bekannte Gelände wird fremd, sobald man anfängt es zu messen. Und Dinge ohne Namen brauchen Namen. Dieser Hügel, jener Baum, die Senke dahinter. Frühe Kartographen haben das auch so gemacht.
Ob das funktioniert — ob ich etwas übersehen habe — werde ich berichten. Wer Erfahrungen damit hat oder selbst neugierig geworden ist: ich freue mich über Rückmeldung.
In Hansjörg Schertenleibs Erzählung Der Antiquar gibt es eine Stelle, an der der Protagonist als Kind einen See kartiert. Mit eigenen Mitteln, aus eigener Anschauung. Diese Stelle hat mich nicht losgelassen.Vor Satelliten und Luftbildern kannte man Gelände nur von unten. Man ist es abgegangen, hat gezählt, geschätzt, gezeichnet. Die Karte war kein Abbild — sie…
„Warum ist es, dass wir uns von den Linien, die die Menschen einst um sich und durch die Gegend gezogen haben, so sehr angezogen fühlen?“ – diese Frage W.G. Sebalds steht über jeder Portolankarte. Die mittelalterlichen Seekarten zeigen Küsten und Häfen mit einer Genauigkeit, deren Verfahren bis heute ungeklärt ist. Der Essay erkundet dieses Rätsel…
„Der Weg vollendet sich. Der Schnee fällt in tausend Flocken. Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.“ – Shōbōgenzō Hansjörg Schertenleib | Der Antiquar Ich dachte erst, das sei ein Haiku. Die Kürze, das Naturbild, diese Ruhe – es wirkte wie ein dreizeiliges japanisches Gedicht. Aber etwas stimmte nicht. Die Form passte nicht, und der…
Hansjörg Schertenleib führt in seiner Erzählung „Der Antiquar“ die Figur des Fabrikanten Hermann Hotz ein, der im Chor singt. Eine Randbemerkung, beiläufig. Dennoch: Zum ersten Mal begegnete mir in einem literarischen Text jemand, der singt – nicht allein, nicht als Solist, sondern in der Gemeinschaft eines Chores. Da ich selbst im Chor singe, habe ich…
Die Erzählung folgt Arthur Dold, einem Antiquar, dessen offenbar ruhiges Leben durch einen Überfall ins Wanken gerät. Getrieben von Erinnerungen an seine Kindheit – als Sohn eines Gärtners, der als Zaungast großbürgerliche Welten beobachtete – beginnt er, den Fäden seiner Vergangenheit nachzuspüren. In diesem Prozess geraten seine innere Welt und sein Alltag zunehmend aus der…
„Warum ist es, dass wir uns von den Linien, die die Menschen einst um sich und durch die Gegend gezogen haben, so sehr angezogen fühlen?“ – diese Frage W.G. Sebalds steht über jeder Portolankarte. Die mittelalterlichen Seekarten zeigen Küsten und Häfen mit einer Genauigkeit, deren Verfahren bis heute ungeklärt ist. Der Essay erkundet dieses Rätsel nicht als Forschungslücke, sondern als literarischen Raum: als Spur einer anderen Wissensform, in der Können und Verstehen auseinanderfallen.
Das Mittelmeer ist kein freundlicher Raum für Geometrie. Es hat keine Ecken, keine rechten Winkel, keine festen Punkte. Wer es vermessen will, steht vor einem grundsätzlichen Problem: Jede Messung ist eine Momentaufnahme, jede Position ist eine Bewegung, jeder Hafen ist nur ein vorläufiger Stillstand. Dass ausgerechnet dieses Meer im späten 13. Jahrhundert auf einmal in Karten erscheint, deren geometrische Präzision die Forschung bis heute vor Rätsel stellt, ist eine kleine Sensation – und eine große Verlegenheit.
Die Portolankarten zeigen Küstenlinien des Mittelmeers, des Schwarzen Meers und der atlantischen Küste von Marokko bis zur Nordsee mit einer Winkeltreue, die man erst von den großen Vermessungsprojekten des 18. Jahrhunderts erwarten würde. Der Katalanische Weltatlas von 1375, die genuesischen Karten des 14. Jahrhunderts, die mallorquinischen Portolane – sie alle scheinen auf einem einheitlichen, ungenannten Vermessungsnetz zu beruhen, dessen Herkunft völlig dunkel ist. Wir wissen nicht, wie sie entstanden sind. Und dieses Nichtwissen ist nicht etwa eine Forschungslücke, die sich mit der Zeit schließen wird. Es ist ein konstitutives Merkmal der Gattung.
Das Rätsel: Was wir nicht erklären können
Die Literatur zu den Portolankarten ist voll von eleganten Hypothesen, die alle an der gleichen Stelle scheitern.
Die Kompassmethode – die Idee, dass Seeleute von Hafen zu Hafen peilten und die so gewonnenen Richtungen aneinanderfügten – klingt zunächst plausibel. Sie ist es nicht. Denn diese Methode produziert systematische Fehler, die sich mit jeder Station akkumulieren. Die Portolankarten weisen solche Fehler nicht auf. Sie sind über große Distanzen konsistent – ein Zeichen dafür, dass sie nicht aus der Addition lokaler Beobachtungen entstanden sein können.
Die Gradnetz-Hypothese – die Annahme, die Karten gingen auf eine astronomische Vermessung des Mittelmeers zurück, vielleicht aus der Antike oder aus der arabischen Wissenschaft – scheitert an einem einfachen Befund: In den Karten selbst gibt es kein Gradnetz. Wer von Alexandria bis Gibraltar Längen- und Breitengrade bestimmen wollte, hätte ein Instrumentarium benötigen müssen, das für das 13. Jahrhundert undenkbar ist. Die Portolankarten verhalten sich so, als ob sie ein solches Netz voraussetzen würden, ohne es jemals zu zeigen.
Die Reiseberichte-Hypothese schließlich – die Synthese zahlloser Logbücher zu einer Gesamtkarte – kann die flächendeckende Konsistenz nicht erklären. Sie würde eine Redaktionsinstanz voraussetzen, die über Daten aus zwei Jahrtausenden verfügt und sie in ein einziges Koordinatensystem übersetzt. Eine solche Instanz hat es im Mittelalter nicht gegeben.
„Our task is to search for the social forces that have structured cartography and to locate the presence of power — and its effects — in all map knowledge.“ – Aus Harleys Aufsatz „Deconstructing the Map“ (1989), S. 2-3
Was bleibt, ist ein Skandal: Die Karten können etwas, was ihre Schöpfer nicht erklären können müssten. Der Kartographiehistoriker John Brian Harley hat einmal geschrieben, dass Karten immer „Diskurse der Macht“ seien. Die Portolankarten kehren diese Perspektive um. Sie sind keine Diskurse – sie sind Spuren. Spuren eines Wissens, das vielleicht nur praktisch, nie theoretisch existierte. Spuren einer Geometrie, die an Bord von Schiffen ausgeübt, aber nie in Handbüchern festgehalten wurde. Spuren eines Meeres, das sich der Schrift widersetzt.
Die Konsequenz: Was wir stattdessen beschreiben können
Weil wir das Wie nicht kennen, bleiben uns das Was und das Wozu. Und hier zeigen die Portolankarten ihr zweites Gesicht.
Anders als die zeitgenössischen mappae mundi, welche die Welt in eine theologische Heilsordnung einfügten, sind die Portolane auf den ersten Blick rein säkular. Sie zeigen Häfen, Küsten, Inseln – und vor allem jene dichten Netze aus Rumbenlinien, die den Raum nach einem unsichtbaren, gleichwohl strengen Gesetz organisieren. Diese Linien, so scheint es, sind die Narben einer neuen Welterfahrung. Sie sprechen eine Sprache der Relation, nicht der absoluten Position. Sie erzählen von Wegen, von Rhythmen des Meeres, von einer Welt, die nicht von Gott, sondern vom Menschen aus vermessen wird.
Doch die vermeintliche Nüchternheit trügt. Die Portolankarten sind voll von Zeichen, die weit über das Navigatorische hinausweisen. Heraldische Symbole markieren Zugehörigkeiten, Fahnen beanspruchen Territorien, stilisierte Städtebilder erheben einzelne Häfen in den Rang von Weltzentren. Der Kartograph Jehuda ben Zara etwa, der im 14. Jahrhundert in Katalonien arbeitete, zeichnete die nordafrikanische Küste nicht nach den tatsächlichen Herrschaftsverhältnissen, sondern nach einem kulturellen Code: Halbmond für die Muslime, Kreuz für die Christen, Schlüssel für strategisch wichtige Punkte. Die Wahrheit der Karte ist hier nicht faktische Genauigkeit, sondern kulturelle Plausibilität.
Die Forschung hat in den letzten Jahrzehnten herausgearbeitet, dass diese Zeichen als „Instrumente kultureller Raumpraktiken“ zu verstehen sind. Sie erzählen von Herrschaftsansprüchen, von Grenzziehungen, von der Verortung des Eigenen im Gefüge des Fremden. Und sie erzählen vor allem Geschichten – nicht auf den ersten Blick, aber bei genauerem Hinsehen.
Der Katalanische Weltatlas als literarischer Raum
Das berühmteste Beispiel dieser Gattung führt die literarischen Dimensionen der Portolankartographie in einzigartiger Weise vor Augen: der um 1375 entstandene Katalanische Weltatlas, geschaffen für König Karl V. von Frankreich. Dieses Werk ist ein Palimpsest aus unterschiedlichsten Texttraditionen.
Besonders aufschlussreich sind die langen Textpassagen, die der Atlas enthält – etwa die Beschreibung der Wüste Lop, die auf Marco Polos Reiseberichten basiert. Hier wird die Karawane, die sich von Sarai nach Cathay aufmacht, nicht nur bildlich dargestellt, sondern mit einer ausführlichen Narration versehen, die von Teufelsstimmen in der Wüste und den Gefahren der Einsamkeit berichtet. Die Karte wird zum Erzählraum; die Geographie verwandelt sich in ein Abenteuer, das den Betrachter in seinen Bann zieht.
Die Forschung hat nachgewiesen, dass der Atlas auf einem breiten Fundament literarischer Quellen ruht. Neben Marco Polo finden sich Spuren von Orosius, Isidor von Sevilla, Gautier de Metz und anderen Autoritäten der mittelalterlichen Wissensliteratur. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Portolankarten kaum von den zeitgenössischen mappae mundi – auch sie sind Kompilationen, in denen sich theologische, historische und geographische Diskurse überlagern. Die Differenz liegt im spezifischen Mischungsverhältnis: Hier überwiegt das Empirische, doch ganz verschwindet das Mythische nie.
Transkulturelle Erzählungen
Ein weiteres literarisches Moment der Portolankarten ist ihre Offenheit für transkulturelle Wissensbestände. Obwohl christlich-europäischen Ursprungs, integrieren sie wiederholt Elemente aus der arabisch-islamischen Kartographie. Die Darstellung des Atlasgebirges, des westlichen Nilarms und der legendären Mondberge in Westafrika lässt sich nur durch den Rückgriff auf arabische Vorlagen erklären, insbesondere auf das Werk des Geographen al-Idrīsī aus dem 12. Jahrhundert.
Die Forschung spricht in diesem Zusammenhang von einem „shared space of knowledge“ im Mittelmeerraum, in dem geographische Informationen unabhängig von religiösen Grenzen zirkulierten. Die Portolankarte wird so zum Dokument einer Kulturbegegnung, die über die Kreuzzugsideologie hinausweist. Sie erzählt nicht nur von der christlichen Expansion, sondern auch von der produktiven Aneignung des Wissens der Anderen – eine Narration, die das mittelalterliche Selbstverständnis in weit komplexerer Weise prägte, als es die große politische Historiographie oft suggeriert.
Die Literatur des Nichtwissens
Hier nun, an diesem Punkt, kehrt das Rätsel zurück – aber jetzt nicht als Hindernis, sondern als Produktivkraft.
Die Portolankarten sind nicht trotz, sondern wegen ihrer unerklärten Präzision literarisch interessant. Sie setzen ein Wissen voraus, das sie nicht ausweisen. Sie praktizieren eine Geometrie, die sie nicht begründen. Sie navigieren zwischen Empirie und Mythos, zwischen Messung und Erzählung, zwischen dem, was man wissen kann, und dem, was man nur tun kann.
„Warum ist es, dass wir uns von den Linien, die die Menschen einst um sich und durch die Gegend gezogen haben, so sehr angezogen fühlen?“ – W.G. Sebald
Das erinnert an eine ganz andere Tradition. W.G. Sebald schreibt in Die Ringe des Saturn über den Anblick einer alten Karte von Suffolk: „Warum ist es, dass wir uns von den Linien, die die Menschen einst um sich und durch die Gegend gezogen haben, so sehr angezogen fühlen?“ Die Frage könnte über einer Portolankarte stehen. Auch sie zeigt Linien, deren Entstehung wir nicht mehr nachvollziehen können. Auch sie übt eine Anziehung aus, die nicht aus der Information kommt, sondern aus dem, was sie verschweigt.
Das ist kein Vorläufer-Verhältnis. Sondern eine strukturelle Analogie, die erst aus der Distanz sichtbar wird. Jorge Luis Borges hat in seiner berühmten Parabel „Von der Strenge der Wissenschaft“ eine Karte beschrieben, die im Maßstab 1:1 gezeichnet ist – eine absurde, unbrauchbare Präzision. Bei den Portolankarten ist die Präzision nicht absurd, sondern real und zugleich unerklärt. Bei Borges wird das Literarische aus einer übersteigerten Genauigkeit geboren (die Karte zerstört sich selbst), bei den Portolankarten aus einer rätselhaften (die Karte funktioniert, aber wir wissen nicht wie). Zwei Wege, das Gleiche zu denken: die Produktivität des Nichtwissens.
Die Portolankarten sind die materiellen Zeugen einer solchen Produktivität. Sie sind Karten, die ein Wissen verschweigen – und gerade darin ihr Faszinosum entfalten. Denn was sie verschweigen, ist nicht etwa nebensächlich. Es ist das Entscheidende: das Verfahren ihrer eigenen Herstellung. Wir sehen die Linien, aber wir sehen nicht, wie sie zustande kamen. Wir sehen die Küsten, aber wir sehen nicht, wer sie vermaß. Wir sehen das fertige Produkt – und vor uns liegt eine Leerstelle, die so groß ist wie das Mittelmeer selbst.
Die Karte als Denkraum
Was also folgt daraus, dass die Portolankarten ein Wissen praktizieren, das sie nicht ausweisen?
Folgt daraus, dass wir sie anders lesen müssen. Nicht als Dokumente einer vergangenen Wissenschaft – das wäre der Blick des Historikers, der das Rätsel auflösen möchte. Sondern als Zeugnisse einer anderen Wissensform. Einer Wissensform, die nie den Schritt in die Theorie gemacht hat, die in den Händen der Kartenzeichner, in den Gedächtnissen der Steuermänner, in den Routinen der Werkstätten lebte – ohne jemals verschriftlicht zu werden.
Die Portolankarten sind die geronnene Spur dieser Praxis. Sie zeigen nicht, was man wusste. Sie zeigen, was man konnte. Und dieses Können – die Präzision ohne Verfahren, die Geometrie ohne Begründung – ist nicht etwa ein Mangel. Es ist eine eigene Form der Intelligenz.
Vielleicht ist das der Grund, warum uns diese Karten noch heute faszinieren. Sie erinnern uns daran, dass nicht alles Wissen in Sätzen und Methoden aufgeht. Dass es ein Wissen gibt, das nur im Tun existiert. Dass die Hand manchmal weiter weiß als der Kopf. Die Portolankarte ist das stumme Zeugnis eines solchen Wissens – ein Denkraum, in dem sich die Grenze zwischen Können und Verstehen verschiebt.
Wer sie betrachtet, steht vor einer Wahl. Man kann fragen: Wie haben sie das gemacht? – und in der Forschungsliteratur nach Antworten suchen, die es vielleicht nicht gibt. Oder man kann fragen: Was heißt es, etwas zu können, ohne zu wissen wie? – und dann staunen.
In jener Nation, die Kartographie auf eine derart vollkommene Weise trieb, dass die Karte einer einzigen Provinz den gesamten Raum einer Stadt einnahm und die Karte des Reiches den Raum einer Provinz. Mit der Zeit befriedigten diese übermäßigen Karten nicht mehr, und die Kartographengilden schufen eine Karte des Reiches, die die Größe des Reiches hatte und mit ihm Punkt für Punkt übereinstimmte. Die folgenden Generationen, die der Kunst der Kartographie nicht mehr so zugetan waren wie ihre Vorfahren, erkannten, dass diese ausgedehnte Karte nutzlos war, und nicht ohne Unbarmherzigkeit lieferten sie sie den Unbilden der Sonne und der Winter aus. In den Wüsten des Westens gibt es noch heute zerfetzte Ruinen dieser Karte, bewohnt von Tieren und Bettlern; im ganzen Land gibt es keine andere Spur mehr von den Disziplinen der Geographie. – Aus Jorge Luis Borges, Del rigor en la ciencia (1946), übersetzt von Karl August Horst
In Hansjörg Schertenleibs Erzählung Der Antiquar gibt es eine Stelle, an der der Protagonist als Kind einen See kartiert. Mit eigenen Mitteln, aus eigener Anschauung. Diese Stelle hat mich nicht losgelassen.Vor Satelliten und Luftbildern kannte man Gelände nur von unten. Man ist es abgegangen, hat gezählt, geschätzt, gezeichnet. Die Karte war kein Abbild — sie…
„Warum ist es, dass wir uns von den Linien, die die Menschen einst um sich und durch die Gegend gezogen haben, so sehr angezogen fühlen?“ – diese Frage W.G. Sebalds steht über jeder Portolankarte. Die mittelalterlichen Seekarten zeigen Küsten und Häfen mit einer Genauigkeit, deren Verfahren bis heute ungeklärt ist. Der Essay erkundet dieses Rätsel…
„Der Weg vollendet sich. Der Schnee fällt in tausend Flocken. Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.“ – Shōbōgenzō Hansjörg Schertenleib | Der Antiquar Ich dachte erst, das sei ein Haiku. Die Kürze, das Naturbild, diese Ruhe – es wirkte wie ein dreizeiliges japanisches Gedicht. Aber etwas stimmte nicht. Die Form passte nicht, und der…
Hansjörg Schertenleib führt in seiner Erzählung „Der Antiquar“ die Figur des Fabrikanten Hermann Hotz ein, der im Chor singt. Eine Randbemerkung, beiläufig. Dennoch: Zum ersten Mal begegnete mir in einem literarischen Text jemand, der singt – nicht allein, nicht als Solist, sondern in der Gemeinschaft eines Chores. Da ich selbst im Chor singe, habe ich…
Die Erzählung folgt Arthur Dold, einem Antiquar, dessen offenbar ruhiges Leben durch einen Überfall ins Wanken gerät. Getrieben von Erinnerungen an seine Kindheit – als Sohn eines Gärtners, der als Zaungast großbürgerliche Welten beobachtete – beginnt er, den Fäden seiner Vergangenheit nachzuspüren. In diesem Prozess geraten seine innere Welt und sein Alltag zunehmend aus der…
ich bin im wald, stehe vor einem innerwald. nach einer intensiven forsternte bildeten sich so viele junge bäume, dass — von außen betrachtet — ein wald im wald entstanden ist. die bäumchen scheinen sich gegenseitig licht und raum zu nehmen, alles grau, trocken und dunkel. es gilt sich zu konzentrieren, denn hier geht es durch, weil es etwas zu finden gilt — aber: sich durcharbeiten, nichts zerstören, nur wege, orientierung finden. wie groß, wie weit — ich weiß es nicht. sehe ich dann auch das ganze, wenn ich hier durch bin?
ich schlage auf, blättere durch und bleibe hängen. die überschrift fordert mich. schon hier wortspiele. also doch: ohne zettel und stift geht es nicht. ein überblick — strophen ja, keine reime. erzählstimme, jemand will mich führen. will ich das? nein. ich suche wortanker, finde sie, halte sie fest. beginne zu zeichnen, bilder zu finden. meine bilder. jetzt von vorn. die erste strophe geht. wer schreibt hier eigentlich? wie kommt dieser mensch diesem bild im wort? die zweite strophe. ich brauche wikipedia. neues blatt. ich zeichne was ich lese. bild für bild. fast eine graphic novel, wenn ich durch bin. aber ich bleibe hängen und hängen. ich verlasse die lyrik und sammle — informationen, gedanken. eine eigene geschichte entsteht. wo ordne ich die ein? der hund will raus. ich unterbreche. und wieder: strophe 1, strophe 2, strophe … ich bin im dickicht, im kleinkleinen. neuerliches lesen, die bilder werden mehr, bunter, auch auf dem papier. sehe ich dann auch das ganze, wenn ich hier durch bin?
(Angeregt durch eine Ausschreibung zum Thema Geduld.)
DIE ALTE FRAU Schnee ist gefallenSchon wird es NachtAuf weißer Decke nicht eineSpur, nicht Vogel nicht KatzeEs kommt kein BesuchEs kommt keiner heutees kommt keiner morgenSie kehrt und kehrtimmer gründlicher kehrt sie denStraßenzugang zu ihrem Haus Annähernd gelesen | Das Gedicht ist schlicht gebaut: kurze, prosanahe Zeilen ohne Reim, ohne übermäßige Interpunktion. Es öffnet mit…
Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…
Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…
Sandrine, dein Atem ist Gänsedaunen. Meiner stockt beim Lesen, wird zu Stein in der Brust. Während du die kommenden Verheerungen spürst, taste ich mich an bereits vergangene heran. Deine Zeit friert in stehenden Gewässern – meine fließt linear fort, Datum für Datum, wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Vielleicht ist das der Unterschied. Du schreibst…
Es ist unbefriedigend, etwas teilen zu wollen, was man nicht direkt zeigen kann. Wie in diesem Fall: „Schief gewickelt, wie ich bin!“ Frottage mit Zeichnung von Ille Chamier. Daher habe ich versucht festzuhalten was ich dem Bild entlockt habe: Falsche Schritte? Sie steht da, ein Knoten aus Linien und Schatten,geformt aus Plänen, die nie so…
Ich bete zu Gott, weil in seiner Hand Mein Sein ist, mein Leib, mein Gefühl, mein Verstand, Mein Hoffen, mein Trachten zu jeglicher Stund Und ohne ihn redet kein Wörtlein mein Mund. Ich bete zu Gott, weil das Firmament Kein Licht und kein Lebendsein ohne ihn kennt; Ohne ihn steigt kein Tag auf den Bergen…
Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht…
LektüreNotizen | Der Titel Atlantis lokalisieren klingt nach poetischem Forschungsauftrag. Dieses ‚Lokalisieren‘ meint weniger eine geografische Suche als einen schöpferischen Akt, der sich in Lyrik, Kunst und jeder anderen Form der Kreation vollzieht – und dessen Scheitern bereits einkalkuliert. Atlantis: ein Ort, der in Legenden existiert, in Spekulationen, in Wunschbildern. Ein Ort, der verschollen ist,…
Eine persönliche Annäherung | Das Lesen von Gedichten ist oft eine intime, manchmal sogar mystische Erfahrung. Anders als ein Roman, der uns über hunderte Seiten in eine Welt entführt, begegnet uns ein Gedicht oft als Blitzlicht, als komprimiertes Universum in wenigen Zeilen. Und genau diese Eigenart macht das Gespräch über Lyrik so reizvoll und herausfordernd.…
Ille Chamiers Gedicht Rosestock Holderblüh verdichtet ihre Kindheitserinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zu einer poetischen Collage aus Trauma und Überlebenspoesie. Geboren 1937, erlebte sie die Bombennächte um 1943 – als Sechsjährige – in unmittelbarer existenzieller Bedrohung, wie die Zeilen „horchte ich nach den Bombengeschwadern“ bezeugen. Die Szene der zersplitterten Fenster („Scherben lagen ums Gitterbett“) neben der unverletzten Schwester offenbart…
Das Gedicht als transgenerationale Übersetzungsarbeit? Eine Annäherung | In „margueriten“ rekonstruiert Norbert Hummelt nicht einfach die Erinnerungen seiner Mutter an den Zweiten Weltkrieg – er macht den Prozess der Rekonstruktion selbst zum Thema. Das lyrische Ich (als nachgeborener Sohn) wird zum Archäologen mütterlicher Erfahrungen, die nur fragmenthaft überliefert sind: in abgebrochenen Sätzen, verweigerten Liedern und weggelegten…
Annähernd gelesen | Zwei Ewigkeiten in drei schildert, wie das lyrische Ich „in der Ecke“ steht – nicht orientierungslos, sondern gezwungenermaßen im Dreieck von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Dieser symbolische Dreiklang wird zur Falle: eine „Triangel-Ecke“, in der sich das Ich verunsichert, beschämt und fragmentiert fühlt. Es bewegt sich unsicher zwischen Zuspruch und Urteil…
Eine Handreichung zum Finden von Musik zu Gedichten. Für alle, die glauben, dass ein Gedicht klingen kann – auch nach außen hin. 1. Nicht die Playlist, sondern das Echo suchen Ein Gedicht wie „herbrig„ ist keine Liedvorlage und kein Musikvideo. Es ist ein „Echo-Raum“, der nach Resonanz sucht. Wer dazu Musik finden möchte, beginnt am…
Ich sitze vor einem Gedicht und verstehe es nicht. Oder: Ich verstehe es vielleicht, aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Die klassische Herangehensweise wäre jetzt: Stilmittel finden, Metaphern deuten, eine Interpretation formulieren. Aber genau das fühlt sich falsch an – als würde ich dem Gedicht etwas überstülpen, statt wirklich mit ihm in…
Versuch schulisch zu lesen | Nathalie Schmids Gedicht „die namen der eisheiligen“ ist eine dichte lyrische Miniatur, die existenzielle Verlusterfahrung in einer poetischen Collage aus Stadt- und Naturbildern verarbeitet. In freier Form, ohne Satzzeichen oder konventionelle Struktur, oszilliert das Gedicht zwischen Bewegung und Erstarrung, zwischen Geräuschkulisse und sprachloser Introspektion. Es thematisiert das Ringen um Orientierung…
Interpretation zu Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ Nathalie Schmids Gedicht „herbrig“ ist ein poetischer Erinnerungsraum, der sich mit Vergänglichkeit, Heimatverlust und dem Bewahren des Alltäglichen beschäftigt. In einer fragmentarisch-assoziativen Struktur – typisch für zeitgenössische Lyrik – reiht die Autorin Bilder aneinander, die zwischen Melancholie und stillem Humor oszillieren. Jede Strophe beginnt mit dem Wort „bevor“, wodurch…
In diesem Fall habe ich versucht, mir Ille Chamiers Gedicht „Heil“ über Erzählungen aus der eigenen Familie zu erarbeiten. Daraus ist eine Art Gedicht entstanden: ich war fünf, als mein Bruder das Abzeichen bekamgoldenes Hakenkreuz auf rotem Grunder steckte es sich ans Hemd wie ein Versprechendie Mutter sagte: sei stolz im Schulflur hing der neue…
Paul Valérys Gedicht „An die Platane“ ist im Grunde eine tiefe Nachdenklichkeit über das Leben, unsere Grenzen und das, wonach wir uns sehnen. Er nimmt die Platane als Beispiel, um uns etwas über uns selbst zu erzählen. Am Anfang steht die Platane da, nackt und weiß, wie ein junger Mensch. Aber sie ist nicht ganz…
ich bin im wald, stehe vor einem innerwald. nach einer intensiven forsternte bildeten sich so viele junge bäume, dass — von außen betrachtet — ein wald im wald entstanden ist. die bäumchen scheinen sich gegenseitig licht und raum zu nehmen, alles grau, trocken und dunkel. es gilt sich zu konzentrieren, denn hier geht es durch,…
Von Holzarbeitern stehengelassen verharrt ein Baumrest auf der Lichtung. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Der Blick vom Moos in Schulterhöhe hin zu den Verwerfungen — ein Gesicht, das bekannt erscheint. Blicke in alle Richtungen. Ob ein Tier. Ob irgendetwas. Dieses langsame holzene Zurechtrücken im Dunkeln. Weitere Lyrik
es ist als trüge sieden schönsten dunkelgrauenhosenanzugschlagbaumin den taschen und ich bleibe weiß hände in bewegungdas dunkle trübt sich Dieses Gedicht ist entstanden, weil ich mich verlesen hatte. Das Aquarell folgte beim Versuch, das Trüben des Dunkelgrau zu sehen.
Jemand hat den Titel dieses Gedicht auf eine leere Seite geschrieben. Mit Bleistift, inkl. Seitenzahl. Das Buch – eine Jubiläumsausgabe von Elisabeth Borchers, erschienen zu ihrem 75. Geburtstag, gesammelt unter dem Titel Alles redet, schweigt und ruft – kam aus einem Antiquariat zu mir. Wessen Hand das war, weiß ich nicht. Aber die Geste hat…
Zu Elisabeth Borchers‘ Gedicht – und was passiert, wenn ein Wort hinzukommt | Elisabeth Borchers, 1926 in Homberg am Rhein geboren, gehört zu den Lyrikerinnen, die man im deutschsprachigen Raum kennt, ohne dass man immer sagen könnte, warum. Sie hat Kinderbücher geschrieben, Gedichte, sie war lange Lektorin bei Suhrkamp. Ein Name. Vielleicht eine Assoziation: sorgfältig,…
VON EINEM BUCH ZUM ANDERN WANDERN hunderte von Seiten lang durch die Pariser Vorstädte zurück in Büchners Zeit über Gedichte hinter dem Eisernen Vorhang mitten durch ein Ideen-Gewimmel aus Reiselust einen Blick auf Rom werfen, um wieder bei einer Tasse Tee den Vögeln zu lauschen, Nachbarn in ihrem Kommen und Gehen, auf dem Sofa, das…
Ein Dank an Volkmar Mühleis für die Inspiration – Gelesen habe ich sein Gedicht „Von einem Buch zum andern wandern“ in Ausgabe 44 der WORTSCHAU. Es beschreibt Lesen als müheloses Bewegen durch Welten, als Genuss auf dem Sofa, das einem die Welt bedeutet. Ich habe ein anderes Lesen gelernt – eines, das nicht wandert, sondern…
1 069 000 Sonnenweiten entferntstrahlt er, der hellste Sternim Sternbild des großen Hundes.16,9 Jahre braucht sein Lichtbis hierher. Vierzehn Sonnenließen sich aus seiner Masse formen. Die Ägypter warteten auf ihn,ungeduldig, denn sein Erscheinenin der Morgendämmerung bedeutete:der Nil wird steigen, der Segen kommt. In Griechenland bezeichnetesein Wiederauftauchen am Osthimmeldie Opora – Obst und Wein reiften,doch Hippokrates…
„… Um die Dichter steht es schlechter. Ihre Arbeit ist hoffnungslos unfotogen. Da sitzt jemand am Tisch oder liegt auf dem Sofa, starrt unablässig an die Wand oder die Decke, schreibt von Zeit zu Zeit sieben Zeilen, von denen er nach einer Viertelstunde eine streicht, und wieder vergeht eine Stunde, und es geschieht nichts… Welcher…
Ein Gedicht von Jane Wels – auf Instagram von ihr geteilt – fragt nach einem Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist. Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine, die Widerstand leistet gegen schnelle Antworten. Eine Annäherung. Die naheliegende Versuchung wäre, das Gedicht inhaltlich aufzulösen – aber bei Jane Wels funktioniert der…
Am Zweig die Feder, klein, wiegt sich. Wildschweinschwärze aus dem Erdreich, beißt in die Nase. Mein weißer Hund im Schnee – fast weg. Foto: Oliver Simon
Wer war Miklós Radnóti. Miklós Radnóti wurde 1909 in Budapest geboren, jüdischer Herkunft, ungarischer Dichter. Er schrieb früh, studierte Literatur, bewegte sich bewusst in der ungarischen Sprach- und Formtradition. In den 1930er Jahren wurde sein Leben zunehmend durch antisemitische Gesetze bestimmt. Er durfte nicht mehr regulär publizieren, wurde zu sogenannten Arbeitsdiensten eingezogen, also Zwangsarbeit ohne…
Der Text setzt mit einer Wiederholung ein. Jede Zeile beginnt gleich, und doch verschiebt sich der Gegenstand fortlaufend. „Meine Gedichte sind“ markiert keinen festen Besitz, sondern einen Ort, an dem immer wieder neu angesetzt wird. Die Gedichte werden nicht erklärt, sondern in Umlauf gebracht. Zunächst tauchen sie als Material auf: Schreibmaschinenpapier, eine genaue Sorte, versehen…
Nathalie Schmids Gedicht „der geschmack von kartoffeln“ porträtiert „einen schlag von frauen“ durch eine Collage körperlicher und alltäglicher Details, die auf den ersten Blick schlicht dokumentarisch wirken. Doch zwischen den Zeilen entfaltet sie eine Dichte, die mich bekümmert: ein Leben, das nur noch rückblickend Bedeutung hat. Verschlossene Innenwelten Die Frauen des Gedichts zeigen sich in…
Annähernd gelesen | Zwischen Sprache, Ordnung und AuflösungJane Wels‘ Gedicht „Bitte versuchen Sie,“ ist ein Text über die Unmöglichkeit, gefasst zu werden – und zugleich ein Text, der sich selbst beim Versuch des Fassens beobachtet. Es spielt mit der Spannung zwischen Sprache und Identität, zwischen Ordnung und Auflösung, und ist dabei zugleich selbstreflexiv, ironisch und…
Annähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Gelesen habe…
Martin Maurach: Leben auf Geistes Schneide | Annähernd gelesen Fünf Zeilen die nicht als Gedicht nebeneinander stehen, sondern als ausgewählte Fragmente aus einer größeren Sammlung. Martin Maurach hat mir dankenswerterweise zur Entstehung geschrieben: Die Redaktion der „Konzepte“ hat aus seinen Prosafragmenten diese fünf ausgewählt und montiert. Der Text ist damit weniger als geschlossene Einheit zu…
Über Kathrin Niemelas „pont des arts“ | Kathrin Niemelas Gedicht „pont des arts“ erschien in der Literaturzeitschrift Wortschau in einer Paris-Ausgabe. Es ist ein Text, der sich beim ersten Lesen entzieht – nicht weil er hermetisch wäre, sondern weil er so verdichtet ist, dass man ihn kaum greifen kann. Die Sprache ist präzise, die Klänge…
In diesem Fall habe ich versucht, mir Ille Chamiers Gedicht „Heil“ über Erzählungen aus der eigenen Familie zu erarbeiten. Daraus ist eine Art Gedicht entstanden: ich war fünf, als mein Bruder das Abzeichen bekamgoldenes Hakenkreuz auf rotem Grunder steckte es sich ans Hemd wie ein Versprechendie Mutter sagte: sei stolz im Schulflur hing der neue…
Paul Valérys Gedicht „An die Platane“ ist im Grunde eine tiefe Nachdenklichkeit über das Leben, unsere Grenzen und das, wonach wir uns sehnen. Er nimmt die Platane als Beispiel, um uns etwas über uns selbst zu erzählen. Am Anfang steht die Platane da, nackt und weiß, wie ein junger Mensch. Aber sie ist nicht ganz…
Annähernd gelesen | Das Gedicht verdichtet die existenzielle Erfahrung eines Kindes, das 1937 in eine vom Krieg geprägte Welt geboren wird. Schon die nüchterne Eröffnung „siebenunddreißig geboren“ verankert die Verse historisch – eine Generation, deren Kindheit von Bombennächten und Bunkern überschattet war. Die wiederholte Betonung „ich kam auf die Welt“ unterstreicht nicht nur das Wunder des Lebens, sondern auch…
Eine Annäherung | Dieses Gedicht erzählt eine Geschichte, die von einem rätselhaften Bild lebt: dem kaputten Salzfass. Es ist zerbrochen, hält nichts mehr, und doch wird es immer wieder gefüllt. Salz selbst ist ja seit jeher ein Symbol für das Lebensnotwendige – es würzt unser Essen, konserviert, und die Redewendung vom „Salz der Erde“ spricht…
Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…
Das Gedicht von Christoph Kuhn spielt mit ungewöhnlichen Perspektiven auf den Frühling und nutzt dabei Sprachbilder, die Bewegung und Veränderung betonen. Meine Annäherung an den Text: „die bäume ausgebrochen über nacht“– Das Bild des „Ausbruchs“ suggeriert eine plötzliche, fast revolutionäre Veränderung. Der Frühling kommt nicht allmählich, sondern scheint explosionsartig zu geschehen. Es erinnert an das…
Øyvind Bergs Gedicht „Schwärze, was ist das? / Licht in einem ungeöffneten Buch. / Gebärmutterlicht.“ verdichtet in drei Zeilen eine tiefgründige Reflexion über das Verborgene, das Potenzial und den Ursprung von Existenz. Hier meine Annäherung an diesen Text: Schwärze als paradoxer Träger von Licht:Die Frage „Schwärze, was ist das?“ setzt ein, indem sie das scheinbar…
LektüreNotizen | Knappe biografische Angaben zur Autorin, ansonsten: kein Klappentext, kein Marketingsprech, kein Inhaltsverzeichnis. Lesende sind mit sich und den Texten allein. Das ist gut. Die Tagtexte sind in Lyrikform ; wobei ich nicht weiß, ob der Einzeiler am Anfang bereits ein Gedicht ist. Jedenfalls ist er der Einstieg in eine (zu erzählende) Geschichte. „das…
Adolf Endlers Gedicht „Dies Sirren“ aus dem Jahr 1971 wirkt auf den ersten Blick wie ein surrealistisches Rätsel. Doch hinter der grotesken Szenerie dieser nur vier Zeilen verbirgt sich eine vielschichtige Auseinandersetzung mit historischen Traumata und politischer Ohnmacht. Basierend auf biografischen und literaturkritischen Quellen, bietet es Einblicke in ein rätselhaftes Meisterwerk, das zu den Schlüsseltexten…
Meine Entwürfe beziehen sich auf das Gedicht RATLOS von Jürgen Völkert-Marten. Im Dunkel der Nacht, dieses bodenlose Schwarz, wo Fragen wie Schatten wuchsen, ungreifbar, und die Stille selbst nach einer Antwort schrie, einer wirklichen, da begann es, dieses zaghafte Flimmern. Nicht laut, kein Donner, der zerbricht, nicht grell, kein Blitz, der blendet, sondern wie ein…
DAS ZÜNDBLÄTTCHEN – Heft 21 LektüreNotizen | Das Heft beinhaltet acht Gedichte der in Düsseldorf lebenden Autorin Ille Chamier und vier Bleistiftzeichnungen der Dresdner Künstlerin Karen Roßki. Stammabschnitte von Bäumen, die, obwohl blattlos, für mich die Energie der vier Jahreszeiten vermitteln. Details von Ästen, , markante Jungbäume, Totholz(?). Die Zeichnungen erinnern teils an Fabelwesen, so…
Ich preise Dich Herr, / Darum hüpfe ich | Drutmar Cremer Tiere beten in Dur heiter beschwingt schlitzohrig – so lautet der Untertitel dieses Buches. Und ja, ungewöhnliche Gebete sind das, die der Benedektiner Drutmar Cremer da verfasst hat. Charakteristisch für das lyrische Werk des Dichters, Verlegers & Theologen Drutmar Cremer ist sein sparsames Vokabular,…
Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…
Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…
Der Bildhauer Kurt Schumacher (1905-1942) schuf eine männliche Figur im Moment des Falls. (Im Stil des Expressionismus?) aufgerichtet und die Arme emporreißend, zeigt die Skulptur eine tiefe Wunde in Herzhöhe. Aus ihr strömt Blut, das sich wie ein stilisiertes Gewand um die Hüften legt, die Scham des nackten Körpers bedeckt und an den Beinen hinunterfließt.…
LektüreNotizen | Aus der Nachbemerkung des Herausgebers Walter Urbanek: Diese Sammlung soll der Freude am Gedicht dienen. Bei der Auswahl waren daher künstlerische, nicht textkritische Gesichtspunkte maßgeblich. Einige ältere Gedichte werden hier gekürzt wiedergegeben in der Absicht, zeitgebundene Schwächen wie Längen oder Wiederholungen zu beseitigen und so das Kunstwerk dem heutigen Leser näherzubringen.Sehr geehrter Herr…
Über ein Gedicht, über Ausgrenzung. Dieser 1895 erstmalig veröffentlichte Text hat dazu geführt, dass mir von Gott berufenen Menschen (nach eigenen Aussagen) die Freundschaft gekündigt haben und seitdem jeden Kontakt ablehnen. Ihr Kommentar: Wer so etwas veröffentlicht, der ist vom Teufel geleitet. In the desertI saw a creature, naked, bestial, Who, squatting upon the ground, Held his…
Die Anthologie Was es bedeuten soll. Neue hebräische Dichtung in Deutschland erschien 2019 im Verlag Parasitenpresse und rückt eine bislang wenig beachtete literarische Stimme in den Fokus: In Deutschland lebende israelische und deutsche Dichterinnen und Dichter, die auf Hebräisch schreiben. Herausgegeben und übersetzt wurde die zweisprachige Sammlung von Gundula Schiffer und Adrian Kasnitz, die mit…
Du hast es nicht gesagt. Du hast angefangen — es ist wegen der Inseln — und bist gegangen. Der Satz hängt noch in der Luft, zumindest für mich als Leser. Vielleicht war er für dich längst abgeschlossen.
Was ich weiß: Du bist neu in der Klasse. Du trägst Schwarz. Irgendwann trägt es fast die halbe Schule. Keine Erklärung, keine Aufforderung — nur die Kleider. Und dann bist du weg, mit deinem Vater in die Niederlande gezogen.
Und die Mutter?
Vielleicht schreibe ich dir, weil ich die Frage kenne. Nicht deine — meine eigenen Inseln, welche auch immer das sein mögen. Und weil ich wissen möchte, wo man einen Satz abbricht und einfach geht.
Diese Frage stellt niemand im Text. Ich stelle sie hier, ohne sie beantworten zu wollen.
Was ich nicht weiß, ist vieles. Ob die Inseln geografisch sind oder anders gemeint. Ob die Trauer dir gehört oder ob du sie nur in Bewegung gesetzt hast. Ob du selbst weißt, was du ausgelöst hast. Ob es dir wichtig wäre.
Was mich beschäftigt: Du hast nicht gedeutet. Du hast gehandelt. Die Erwachsenen um dich herum haben gedeutet, verwaltet, eingehegt. Du warst längst woanders.
Ich wünsche dir gute Inseln, wo immer sie sind.
P.S. Sehr geehrte Frau Neuffer / Frau Wendelin — ich habe leider keine Adresse von Marsha. Mögen Sie diesen Brief bitte weiterleiten?
ich bin im wald, stehe vor einem innerwald. nach einer intensiven forsternte bildeten sich so viele junge bäume, dass — von außen betrachtet — ein wald im wald entstanden ist. die bäumchen scheinen sich gegenseitig licht und raum zu nehmen, alles grau, trocken und dunkel. es gilt sich zu konzentrieren, denn hier geht es durch,…
Liebe Marsha, ich weiß nicht, welche Inseln du meinst. Du hast es nicht gesagt. Du hast angefangen — es ist wegen der Inseln — und bist gegangen. Der Satz hängt noch in der Luft, zumindest für mich als Leser. Vielleicht war er für dich längst abgeschlossen. Was ich weiß: Du bist neu in der Klasse.…
Über „Wegen der Inseln“ von Susanne Neuffer, Merkur Nr. 905, 2024 | Dieser Text hat mehrere Fäden, denen man folgen könnte. Ich habe mich für einen entschieden. Susanne Neuffers Kurzgeschichte, Miniatur erzählt von einer Schulklasse, die in Trauer verfällt. Oder so etwas Ähnlichem wie Trauer. Ausgelöst von einem neuen Mädchen namens Marsha, das eines Tages…
Der Titel selbst setzt schon den Ton. „Roggenmuhme“ klingt nach Volksüberlieferung, nach Figur zwischen Märchen und bäuerlicher Mythologie. Bei Lindemann wird daraus aber kein folkloristisches Spiel. Diese Figuren stehen eher am Rand des Sagbaren – sie markieren, wie stark Landschaft und Imagination ineinandergreifen. Roggenfeld, Wind, Jahreszeiten: Das ist keine Kulisse, sondern ein Wahrnehmungsraum, in dem…
Über Epigraphen und die Kunst, sie zu überlesen – oder zu nutzen. | Hansjörg Schertenleib, Der Antiquar. Ich blättere die erste Seite auf, und da steht: „Der Weg vollendet sich. Der Schnee fällt in tausend Flocken. Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.“ – Shōbōgenzō Mein erster Gedanke: Das ist ein Haiku. Die Kürze, das…
Drei Miniaturen zu einer Zeichnung: Nichts bleibt für sich. Linien steigen auf, andere sinken zurück. Was sich verdichtet, gibt ab. Was aufragt, ist nicht getrennt vom Grund. Bewegung geht in beide Richtungen. Austausch heißt hier nicht Ausgleich. Es ist ein fortwährendes Weitergeben von Spannung. Linien gehen nach oben und kommen zurück. Der Grund bleibt beteiligt.…
Nichts greift hier ineinander. Von oben drängt etwas Fremdes ins Bild, faserig, hart gesetzt. Unten arbeitet eine andere Bewegung, schwer, erdig, unruhig. Die Farben mischen sich nicht, sie stoßen. Was durchdringt, verbindet nicht. Es verschiebt, verdrängt, reibt sich fest. Der Raum hält das aus, aber er schließt sich nicht. Nähe entsteht hier nicht aus Übergang,…
Es gibt keine Linie, an der das Sehen zur Ruhe kommt.Flächen schieben sich übereinander, als hätten sie Zeit gesammelt.Das Dunkle trägt, das Helle setzt an.Nichts öffnet sich nach außen, alles breitet sich aus.Bewegung ohne Richtung, Dichte ohne Schwere.Zwischen den Schichten bleibt kein leerer Ort, nur Übergang.Was wie Tiefe aussieht, ist Nähe.Was weit scheint, hält fest.…
Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es…
Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung: Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich…
Tarnung, Enttarnung und das Unheimliche der Kontinuität. Annähernd gelesen | Beim ersten Lesen von Elisabeth Wesuls Miniatur gibt es diesen Moment des Innehaltens. Fast eine Schrecksekunde. Nicht wegen der historischen Kulisse, nicht wegen der Ideologie. Sondern wegen eines Namens. Zunächst bleibt alles im Bereich des Hörensagens. „Man erzählt“, „manche sagen“, „die Leute, die das erzählen“.…
Klaus Johannes Thies‘ Prosatext schildert die Hörspielabteilung von Radio Bremen als einen Ort des Wartens und Dämmerns. Schauspieler in Schlafanzügen lagern in langen, leeren Fluren einer vergessenen Abteilung, die bei einem Umzug einfach nicht mitgenommen wurde. Die Synchronisation von Gina Lollobrigida steht an, aber es gibt nur Männer – man behilft sich mit einer Sekretärin.…
Beim ersten Lesen von Klaus Johannes Thies Text „Im Schwimmbad mit Derrida“ stellt sich eine eigentümliche Ratlosigkeit ein. Was ist das? Ein Traumbericht? Eine philosophische Reflexion? Eine Alltagsbeobachtung? Der Text entzieht sich jeder eindeutigen Zuordnung – und genau darin liegt sein Geheimnis. Denn Thies schreibt nicht über Derridas Dekonstruktivismus, er vollzieht ihn. Das Verschwimmen der…
Was übt man, wenn man das Unsichtbare übt? – Kennen Sie das Gefühl, wenn eine solche Frage nicht einfach im Raum steht, sondern etwas in Ihnen in Bewegung setzt? Klaus Johannes Thies, 1950 in Wuppertal geboren, schreibt genau solche Literatur. Seine Texte sind weniger Geschichten als vielmehr Gedankenräume, Einladungen zu mentalen Expeditionen, die der Leser…
HIMBEEREN das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über-all die…
Sandrine, dein Atem ist Gänsedaunen. Meiner stockt beim Lesen, wird zu Stein in der Brust. Während du die kommenden Verheerungen spürst, taste ich mich an bereits vergangene heran. Deine Zeit friert in stehenden Gewässern – meine fließt linear fort, Datum für Datum, wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Vielleicht ist das der Unterschied. Du schreibst…
Es ist unbefriedigend, etwas teilen zu wollen, was man nicht direkt zeigen kann. Wie in diesem Fall: „Schief gewickelt, wie ich bin!“ Frottage mit Zeichnung von Ille Chamier. Daher habe ich versucht festzuhalten was ich dem Bild entlockt habe: Falsche Schritte? Sie steht da, ein Knoten aus Linien und Schatten,geformt aus Plänen, die nie so…
Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht…
Über „Wegen der Inseln“ von Susanne Neuffer, Merkur Nr. 905, 2024 | Dieser Text hat mehrere Fäden, denen man folgen könnte. Ich habe mich für einen entschieden.
Susanne Neuffers Kurzgeschichte, Miniatur erzählt von einer Schulklasse, die in Trauer verfällt. Oder so etwas Ähnlichem wie Trauer. Ausgelöst von einem neuen Mädchen namens Marsha, das eines Tages in schwarzer Kleidung erscheint — und bald zieht fast die halbe Schule nach.
Der entscheidende Moment kommt früh. Die Lehrerin geht auf Marsha zu, will fragen. Bevor sie es tut, sagt Marsha: „Frau Wendelin, es ist wegen der Inseln …“ — und geht weg. Satz abgebrochen. Keine Erklärung. Keine Einladung.
Was folgt, ist aufschlussreich: Die Lehrerin füllt die Lücke sofort. Marshallinseln. Namensähnlichkeit. Vielleicht die Pippi-Langstrumpf-Nummer. Sie deutet, ohne zu fragen. Und schläft danach eine Nacht lang Dokumentarfilme — holt also nach, was sie zuerst hätte tun sollen.
Das ist die eigentliche Frage, die der Text stellt: Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet?
Die Kinder handeln, ohne zu erklären. Schwarze Kleider — still, körperlich, kollektiv. Eine sehr archaische Form von Trauer und Protest gleichzeitig. Die Erwachsenen reagieren mit Worten: einhegen, stoppen, ausreden. Der Konflikt ist auch ein formaler.
Marsha selbst bleibt ungreifbar. Sie bricht Sätze ab. Sie erscheint und verschwindet. Am Ende zieht sie mit ihrem Vater in die Niederlande — und die Mutter? Die Trauer, die sie ausgelöst hat, gehört ihr, bevor sie irgendjemand anderem gehört. Neuffer gibt sie nicht preis.
Und dann der letzte Satz. Die Container der Grundschule nebenan sind im Regen weggesackt, das Wasser steht im Hof, eine vierte Klasse drängt sich ins Klassenzimmer. Die Lehrerin schaut aus dem Fenster und denkt: „Sie fanden doch immer eine.“
Ein erschöpfter Satz. Die Verwaltung übernimmt, wo das Denken aufhört.
Das Wasser steht übrigens schon im Keller.
Susanne Neuffer, geboren 1951 in Nürnberg, aufgewachsen in Fürth, lebt in Hamburg. Sie studierte Germanistik, Romanistik und Theaterwissenschaften, arbeitete als Lehrerin — und schreibt seit 1999 Lyrik und Prosa. Alle ihre Bücher erschienen im MaroVerlag, darunter Erzählungsbände, ein Roman und zuletzt zwei Novellen (Sandstein, 2022). Ihre Texte erschienen u.a. in der SZ, der FR und im Merkur. Mehrere Literaturpreise, darunter der Walter Serner-Preis 2007. Jemand aus der Hamburger Literaturszene soll ihr einmal gesagt haben, sie sei zu harmlos. Das Gegenteil stimmt. Birgit-boellinger – Die Website der Autorin: susanne-neuffer.de
MERKUR – Gegründet 1947 als Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken – Heft 905 Oktober 2024, 78. Jahrgang
ich bin im wald, stehe vor einem innerwald. nach einer intensiven forsternte bildeten sich so viele junge bäume, dass — von außen betrachtet — ein wald im wald entstanden ist. die bäumchen scheinen sich gegenseitig licht und raum zu nehmen, alles grau, trocken und dunkel. es gilt sich zu konzentrieren, denn hier geht es durch,…
Liebe Marsha, ich weiß nicht, welche Inseln du meinst. Du hast es nicht gesagt. Du hast angefangen — es ist wegen der Inseln — und bist gegangen. Der Satz hängt noch in der Luft, zumindest für mich als Leser. Vielleicht war er für dich längst abgeschlossen. Was ich weiß: Du bist neu in der Klasse.…
Über „Wegen der Inseln“ von Susanne Neuffer, Merkur Nr. 905, 2024 | Dieser Text hat mehrere Fäden, denen man folgen könnte. Ich habe mich für einen entschieden. Susanne Neuffers Kurzgeschichte, Miniatur erzählt von einer Schulklasse, die in Trauer verfällt. Oder so etwas Ähnlichem wie Trauer. Ausgelöst von einem neuen Mädchen namens Marsha, das eines Tages…
Der Titel selbst setzt schon den Ton. „Roggenmuhme“ klingt nach Volksüberlieferung, nach Figur zwischen Märchen und bäuerlicher Mythologie. Bei Lindemann wird daraus aber kein folkloristisches Spiel. Diese Figuren stehen eher am Rand des Sagbaren – sie markieren, wie stark Landschaft und Imagination ineinandergreifen. Roggenfeld, Wind, Jahreszeiten: Das ist keine Kulisse, sondern ein Wahrnehmungsraum, in dem…
Über Epigraphen und die Kunst, sie zu überlesen – oder zu nutzen. | Hansjörg Schertenleib, Der Antiquar. Ich blättere die erste Seite auf, und da steht: „Der Weg vollendet sich. Der Schnee fällt in tausend Flocken. Mehrere Rollen blauer Berge sind gemalt worden.“ – Shōbōgenzō Mein erster Gedanke: Das ist ein Haiku. Die Kürze, das…
Drei Miniaturen zu einer Zeichnung: Nichts bleibt für sich. Linien steigen auf, andere sinken zurück. Was sich verdichtet, gibt ab. Was aufragt, ist nicht getrennt vom Grund. Bewegung geht in beide Richtungen. Austausch heißt hier nicht Ausgleich. Es ist ein fortwährendes Weitergeben von Spannung. Linien gehen nach oben und kommen zurück. Der Grund bleibt beteiligt.…
Nichts greift hier ineinander. Von oben drängt etwas Fremdes ins Bild, faserig, hart gesetzt. Unten arbeitet eine andere Bewegung, schwer, erdig, unruhig. Die Farben mischen sich nicht, sie stoßen. Was durchdringt, verbindet nicht. Es verschiebt, verdrängt, reibt sich fest. Der Raum hält das aus, aber er schließt sich nicht. Nähe entsteht hier nicht aus Übergang,…
Es gibt keine Linie, an der das Sehen zur Ruhe kommt.Flächen schieben sich übereinander, als hätten sie Zeit gesammelt.Das Dunkle trägt, das Helle setzt an.Nichts öffnet sich nach außen, alles breitet sich aus.Bewegung ohne Richtung, Dichte ohne Schwere.Zwischen den Schichten bleibt kein leerer Ort, nur Übergang.Was wie Tiefe aussieht, ist Nähe.Was weit scheint, hält fest.…
Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es…
Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung: Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich…
Tarnung, Enttarnung und das Unheimliche der Kontinuität. Annähernd gelesen | Beim ersten Lesen von Elisabeth Wesuls Miniatur gibt es diesen Moment des Innehaltens. Fast eine Schrecksekunde. Nicht wegen der historischen Kulisse, nicht wegen der Ideologie. Sondern wegen eines Namens. Zunächst bleibt alles im Bereich des Hörensagens. „Man erzählt“, „manche sagen“, „die Leute, die das erzählen“.…
Klaus Johannes Thies‘ Prosatext schildert die Hörspielabteilung von Radio Bremen als einen Ort des Wartens und Dämmerns. Schauspieler in Schlafanzügen lagern in langen, leeren Fluren einer vergessenen Abteilung, die bei einem Umzug einfach nicht mitgenommen wurde. Die Synchronisation von Gina Lollobrigida steht an, aber es gibt nur Männer – man behilft sich mit einer Sekretärin.…
Beim ersten Lesen von Klaus Johannes Thies Text „Im Schwimmbad mit Derrida“ stellt sich eine eigentümliche Ratlosigkeit ein. Was ist das? Ein Traumbericht? Eine philosophische Reflexion? Eine Alltagsbeobachtung? Der Text entzieht sich jeder eindeutigen Zuordnung – und genau darin liegt sein Geheimnis. Denn Thies schreibt nicht über Derridas Dekonstruktivismus, er vollzieht ihn. Das Verschwimmen der…
Was übt man, wenn man das Unsichtbare übt? – Kennen Sie das Gefühl, wenn eine solche Frage nicht einfach im Raum steht, sondern etwas in Ihnen in Bewegung setzt? Klaus Johannes Thies, 1950 in Wuppertal geboren, schreibt genau solche Literatur. Seine Texte sind weniger Geschichten als vielmehr Gedankenräume, Einladungen zu mentalen Expeditionen, die der Leser…
HIMBEEREN das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über-all die…
Sandrine, dein Atem ist Gänsedaunen. Meiner stockt beim Lesen, wird zu Stein in der Brust. Während du die kommenden Verheerungen spürst, taste ich mich an bereits vergangene heran. Deine Zeit friert in stehenden Gewässern – meine fließt linear fort, Datum für Datum, wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Vielleicht ist das der Unterschied. Du schreibst…
Es ist unbefriedigend, etwas teilen zu wollen, was man nicht direkt zeigen kann. Wie in diesem Fall: „Schief gewickelt, wie ich bin!“ Frottage mit Zeichnung von Ille Chamier. Daher habe ich versucht festzuhalten was ich dem Bild entlockt habe: Falsche Schritte? Sie steht da, ein Knoten aus Linien und Schatten,geformt aus Plänen, die nie so…
Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht…
Ich war auf der Suche nach Büchern. Gefunden habe ich ein Foto. Es lag auf dem Sandboden einer Bushaltestelle, die hier im Wendland als öffentlicher Bücherschrank fungiert. Ein Abzug, eingerissen, mit Rostflecken – vermutlich von einer Pinnadel. Jemand hatte ihn irgendwann aufgehängt, er gehörte zu etwas. Dann nicht mehr.
Auf der Rückseite, handschriftlich: Liesel Mansfeld 1926.
Das Foto zeigt ein Mädchen an seinem ersten Schultag. Elisabeth Mansfeld, geboren 1920. Sie wuchs in Lüchow auf, besuchte die Volksschule, wurde Liesel genannt. 1939 zog die Familie ins sogenannte Judenhaus in der Kalandstraße 5 – direkt neben dem Kirchturm der St. Johannis Kirche. Zwei Jahre später, am 6. Dezember 1941, bestieg sie in Lüneburg den Deportationszug nach Riga. Im selben Zug: ihre Eltern, ihre Cousine, ihr Cousin mit Frau und Sohn.Das Original liegt im NS-Archiv des Museums Wustrow.
Was man über sie weiß, ist präzise und vollständig von außen festgehalten. Sie zog nach Hamburg, arbeitete dort als Hausangestellte. Adressen sind belegbar. Ein Stolperstein erinnert an einen dieser Orte. Am 6. Dezember 1941 wurde sie aus Hamburg nach Riga deportiert. Sie war 21 Jahre alt.
Die Freie Bühne Wendland hat daraus ein Theaterstück gemacht: Hermine Katz und das ungeheure Wissen der Dachböden. Es nimmt dieselben Fragmente – Fotografien, Dokumente, Verwaltungssprache – und fragt, was zwischen ihnen gewesen sein könnte.
Drei Bezugspunkte also: das Foto, das Archiv, das Theaterstück. Drei verschiedene Antworten auf dieselbe Unmöglichkeit: dass jemand als Verwaltungsakt gründlich dokumentiert sein kann – und als Mensch trotzdem ungreifbar bleibt.
Ich war auf der Suche nach Büchern. Gefunden habe ich ein Foto. Es lag auf dem Sandboden einer Bushaltestelle, die hier im Wendland als öffentlicher Bücherschrank fungiert. Ein Abzug, eingerissen, mit Rostflecken – vermutlich von einer Pinnadel. Jemand hatte ihn irgendwann aufgehängt, er gehörte zu etwas. Dann nicht mehr. Auf der Rückseite, handschriftlich: Liesel Mansfeld…
Gesperrte Ablage. Unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945–1989Ines Geipel / Joachim Walther, Lilienfeld Verlag Mit Gesperrte Ablage legen Ines Geipel und Joachim Walther eine Literaturgeschichte vor, die lange nicht erzählt worden ist – und strukturell nicht erzählt werden konnte. Das Buch rekonstruiert jene literarischen Stimmen der DDR, die nicht publiziert, nicht rezipiert, nicht erinnert werden durften.…
Annähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Gelesen habe…
Tätigkeit als Autorin | Olga Benario verfasste 1929 in Moskau die Schrift „Berlinskaja komsomolija“ (Der Berliner kommunistische Jugendverband), die auf Russisch erschien. 2023 erschien dieser Text erstmals auf Deutsch unter dem Titel „Berliner Kommunistische Jugend“ in deutscher Übersetzung von Kristine Listau beim Verbrecher Verlag. Das Werk beschreibt den Alltag der Kommunistischen Jugend in Berlin-Neukölln mit…
Im Zentrum von Ille Chamiers Gedicht steht die Figur der Schauspielerin Stella Avni – eine heute nahezu vergessene Künstlerin, deren Lebensspuren sich nur rudimentär rekonstruieren lassen. Gesichert ist: Sie wurde 1921 im damals rumänischen Czernowitz (Bukowina) geboren, jener multikulturellen Stadt, aus der auch Paul Celan und Rose Ausländer hervorgingen. Stella Avni war jüdischer Herkunft und…
Ein literarischer Essay zu Kurt Martis Subjektivität „Jeder Terror rechtfertigt sich mit objektiver Notwendigkeit. Um so mehr gilt es, unbeirrt subjektiv zu sein.“ – Kurt Marti Was soll das heißen – „unbeirrt subjektiv sein“? Ist Subjektivität nicht genau das, was wir in rationalen Diskursen zu überwinden suchen? Je länger ich über Martis Worte nachdenke, desto…
Annähernd gelesen | Ilse Chamiers Gedicht reflektiert ihre Erfahrungen als Kindergartenkind im nationalsozialistischen Deutschland. Dabei verbindet sie Erinnerungen an Rituale, religiöse Erziehung und Kriegsrealität zu einer erschütternden Collage – ruhig im Ton, aber tiefgründig in der Aussage. Die sprachliche Einfachheit kontrastiert mit der Komplexität des Erlebten. Politische und religiöse Rituale – Spiegelungen von Macht Schon…
Renatus Deckerts „Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt“, erschienen 2007 im Suhrkamp Verlag, ist eine Anthologie, die sich der Bedeutung des ersten veröffentlichten Werks von Autoren widmet. Für dieses Projekt bat Deckert fast einhundert deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller, ihre Gedanken und Erfahrungen zu ihrem Debüt in einem Text zu formulieren, oft Jahrzehnte nach…
Sasha Filipenko | Rote Kreuze. Ein Roman Sachbücher mag ich eher selten. Lieber ist es mir, Wissen aus fundiert recherchierten Romanen zu sammeln. Da geschieht meist eher unbewusst, leicht und nachhaltiger, weil ich für dieses dann eine Verknüpfung habe. Wie viel man für sich mitnehmen kann, hängt vom Lesestoff ab. Das Buch, welches ich hier…
«Jeder Terror rechtfertigt sich mit objektiver Notwendigkeit. Um so mehr gilt es, unbeirrt subjektiv zu sein.» Kurt Marti Dieses Buch von Kurt Marti aus dem Jahre 1979 trägt den Titel : Zärtlichkeit und Schmerz | Notizen. Die Formulierung wirkt auf eine überraschende, fast provokative Art emotional und subjektiv, was umso mehr auffällt, als der Autor sonst…
Otto F. Walters Roman Wie wird Beton zu Gras? (erstmals 1979 erschienen, hier in der Rororo-Taschenbuchausgabe von 1988 vorliegend) wird zur ökologischen Literaturbewegung der späten 1970er Jahre gezählt. Im Zentrum steht der Stadtplaner Viktor B., ein zerrissener Antiheld, der täglich an der Transformation natürlicher Landschaften in betonierte Stadt- und Industrieflächen mitwirkt. Sein Beruf steht im fundamentalen Konflikt mit seinem wachsenden…
Du musst deinem Leben Hände geben. Das Gedicht „RATLOS„von Jürgen Völkert-Marten schlägt mir entgegen wie eine kalte Wand. Eine Litanei des Erstickens: Strick. Pistole. Schlaftabletten. Eine Aufzählung von Auswegen, die keine sind, sondern Sackgassen, Abgründe. Ausreißen. Neu anfangen. Schluß machen. Leben fortwerfen. Die Verzweiflung ist greifbar in ihrer sprachlichen Kargheit. Keine Bilder, nur nackte Substantive, Verben des Endens oder…
Der Bildhauer Kurt Schumacher (1905-1942) schuf eine männliche Figur im Moment des Falls. (Im Stil des Expressionismus?) aufgerichtet und die Arme emporreißend, zeigt die Skulptur eine tiefe Wunde in Herzhöhe. Aus ihr strömt Blut, das sich wie ein stilisiertes Gewand um die Hüften legt, die Scham des nackten Körpers bedeckt und an den Beinen hinunterfließt.…
Ergänzung zu Kurt Schumachers Fallender | Einige zeitgenössische Texte und künstlerische Positionen, die Kurt Schumachers Skulptur und den Widerstandsgedanken neu reflektieren. Hier eine Auswahl mit Schwerpunkt auf jüngeren Werken (ab 2000): Widerstand als ethische Grammatik Uwe Kolbe: „Der Gott der Frechheit“ (2021)Kolbes Gedichtzyklus verbindet historische Widerstandsfiguren mit aktuellen Protestformen. Die Zeile „Die aufrechte Krümmung des…
Immer wieder beschäftigt mich: Wie kann ich als Blogger einen wirklich essenziellen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten? Mein Weg führt mich dahin, das künstlerische Potential der Ermordeten sichtbar zu machen. Kurt Schumacher ist für mich dabei mehr als ein Beispiel – er ist ein Schlüssel. Ich möchte verlorene Kunstwerke als kulturelle Leerstellen begreifbar machen. Nehmen wir Schumachers „Der Stürzende“ (1935).…
Gedenkstätten für Opfer des Nationalsozialismus und anderer Verbrechen verwenden vielfältige, oft mehrschichtige Methoden des Erinnerns, die sich aus ihrer Funktion als Orte der Trauer, Bildung und historischen Dokumentation ergeben. Die folgenden Ansätze basieren auf aktuellen Konzepten der Gedenkkultur und dienen mir als Orientierung, mich mit diesem komplexen Materielle Spuren und bauliche Zeugnisse Authentische Relikte: Konservierte…
Bodenhaftung – das meint hier: Sich nicht von der Vergangenheit abheben lassen. Den Boden unter den Füßen spüren, auf dem andere einmal standen. Oder verschwanden. Literatur, die sich dieser Schwerkraft stellt. Die nicht nur erinnert, sondern haftbar bleibt. Bisher gelesene Texte
Das Gedicht beschreibt den Besuch eines Ortes, der als Hinrichtungsstätte diente. Der Raum wird sachlich geschildert: Unter der Decke sind Haken und ein schwarzer Balken sichtbar. Die kahlen, grauen Wände umschließen eine leere Stille, in die man vorsichtig hineintritt. Diese Stille wird als drückend beschrieben – wie Steine auf der Zunge oder ein einhüllender Rauch.…
Der Titel selbst setzt schon den Ton. „Roggenmuhme“ klingt nach Volksüberlieferung, nach Figur zwischen Märchen und bäuerlicher Mythologie. Bei Lindemann wird daraus aber kein folkloristisches Spiel. Diese Figuren stehen eher am Rand des Sagbaren – sie markieren, wie stark Landschaft und Imagination ineinandergreifen. Roggenfeld, Wind, Jahreszeiten: Das ist keine Kulisse, sondern ein Wahrnehmungsraum, in dem sich Erinnerung und Gegenwart überlagern.
Die „Kleingeschichten“ sind formal unspektakulär, oft sehr kurz, manchmal eher Skizzen als ausgearbeitete Erzählungen. Gerade darin liegt ihr Verfahren: Verdichtung statt Ausführung. Situationen werden angerissen, Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, als hätte man sie nur im Vorübergehen gesehen. Das erzeugt einen Ton von Vorläufigkeit, fast etwas Flüchtiges.
Auffällig ist auch, wie stark das Mündliche mitschwingt. Viele Texte lesen sich, als seien sie erzählt worden – nicht geschrieben. Das betrifft Rhythmus, Wortwahl, manchmal auch die Pointen, die eher beiläufig gesetzt sind. Dadurch entsteht Nähe, ohne dass Intimität behauptet wird.
Inhaltlich kreist der Band um ländliche Lebenswelten: Arbeit, Kindheit, Altern, Natur. Aber auch hier vermeidet Lindemann jede Idealisierung. Die Texte bleiben beobachtend. Was sie zeigen, steht für sich; Deutung wird nicht mitgeliefert. Gerade das passt gut zu deinem Zugriff: Man kann diese Stücke nebeneinanderlegen wie Fundstücke.
Vorhandene Ausgabe Werner Lindemann | Die Roggenmuhme Kleingeschichten Verlag Tribüne Berlin 1986 Umschlaggestaltung und Illustrationen: Andrea Soest
WWerner Lindemann (1926–1993) gehört zu den Autoren der DDR, die sich einer schnellen Einordnung entziehen. Weder zählt er zu den exponierten Stimmen des literarischen Betriebs noch verschwindet er ganz in dessen Randzonen. Seine Texte bewegen sich in einem Zwischenbereich: unauffällig in der Form, präzise in der Beobachtung, zurückhaltend im Ton.
Sein Weg zur Literatur ist dabei alles andere als geradlinig. Aufgewachsen in einem mecklenburgischen Dorf, geprägt von Krieg und Kriegsgefangenschaft, beginnt seine eigentliche Bildungsbiografie erst nach 1945 – und unter prekären Bedingungen. Als Landarbeiter fehlen Zeit und Mittel für Lektüre. Nach eigenen Angaben liest er erst 1946, im Alter von zwanzig Jahren, sein erstes Buch.
Der Zugang zur Literatur erfolgt dann abrupt. In Halle, wo er Naturwissenschaften studiert, wird er von einem Lehrer zum Schreiben angeregt. Lesen und Schreiben setzen nahezu gleichzeitig ein. Lindemann selbst spricht später von „Nachholbedarf“ – ein Hinweis darauf, dass sich seine literarische Praxis nicht aus einer langen Lesesozialisation entwickelt, sondern aus einer Art Beschleunigung: Er liest, um zu schreiben, und schreibt, während er sich das Lesen erst aneignet.
Ab 1949 arbeitet er als landwirtschaftlicher Berufsschullehrer, später als Dozent und Oberreferent. Parallel dazu entwickelt sich seine literarische Arbeit. Von 1955 bis 1957 studiert er am Leipziger Literaturinstitut „Johannes R. Becher“, einer zentralen Ausbildungsstätte für Schriftsteller in der DDR. Im Anschluss ist er als Redakteur bei der Studentenzeitschrift „Forum“ tätig.
Seine ersten Gedichte entstehen kurz nach dem Krieg; 1959 erscheint der Band „Stationen“, der bereits autobiografische Spuren trägt. Im selben Jahr nimmt Lindemann an der ersten Bitterfelder Konferenz teil, einer kulturpolitisch wichtigen Zusammenkunft, die das Verhältnis von Literatur und Arbeitswelt neu bestimmen sollte. Zu diesem Zeitpunkt arbeitet er nicht nur als freier Schriftsteller, sondern auch als Kulturhausleiter in Wölkau bei Leipzig.
In den 1960er Jahren verschiebt sich sein literarischer Schwerpunkt. Auf Anregung eines Verlages wendet er sich der Kinder- und Jugendliteratur zu. Diese Bewegung ist nicht allein ästhetisch motiviert, sondern auch institutionell geprägt: Verlage fungieren in der DDR als steuernde Instanzen, die Autoren in bestimmte Felder lenken, in denen kontinuierliches Publizieren möglich ist.
Hier kreuzen sich zwei Entwicklungen: ein existenzieller, spät einsetzender Zugang zur Literatur und eine äußere Lenkung durch den Literaturbetrieb. Diese Konstellation prägt Lindemanns Schreiben. Seine Texte wirken selten wie das Produkt einer akademischen Literarisierung. Sie sind erdverbunden, oft in ländlichen Räumen verankert, und folgen keiner demonstrativen Programmatik.
Statt großer Themen dominieren kleine Formen: kurze Prosastücke, Gedichte, Miniaturen. Das bedeutet keine Reduktion, sondern eine andere Form der Verdichtung. Seine Texte setzen nicht auf Ausführung, sondern auf Andeutung. Landschaft, Sprache und Erinnerung stehen im Zentrum; das Dorf erscheint nicht als Idylle, sondern als Erfahrungsraum, in dem sich Lebensläufe abzeichnen.
Eine spätere, zugespitzte Charakterisierung beschreibt Lindemann als jemanden, der sein „Hobby zum Beruf“ machen konnte, dafür aber bei „harmlosen Kindergedichten“ blieb. Solche Urteile sagen weniger über die Texte selbst als über Erwartungen an Autorschaft. Sie setzen Sichtbarkeit mit Relevanz gleich und unterschätzen die Möglichkeiten, die gerade in scheinbar unspektakulären Formen liegen.
Vielleicht lässt sich seine Rolle am ehesten so fassen: ein Autor, der sich Literatur vergleichsweise spät aneignet und zugleich in ein System eintritt, das diese Aneignung mitformt. Einer, der kleine Formen nutzt, um eine eigene Tonlage zu entwickeln – leise, aber beständig.
In einem autobiografisch grundierten Text über die DDR-Literaturszene und ihre Verwerfungen nach 1989 beschreibt Lutz Rathenow beiläufig eine Szene mit Adolf Endler. Überliefert ist sie nicht als Erinnerung, sondern als Stasi-Protokoll: Endler bringt Manuskripte vorbei, richtet Zahlungsforderungen aus, verschwindet wieder.
Die Kürze der Szene ist aufschlussreich. Sie zeigt Endler als Teil eines informellen literarischen Netzwerks, in dem Texte, Informationen und Geld außerhalb offizieller Kanäle zirkulieren. Wohnungen ersetzen Institutionen, persönliche Übergaben den Verlag.
Gleichzeitig wird genau dieser Alltag vollständig erfasst. Das Protokoll macht sichtbar, wie tief die Überwachung in literarische Praxis eingreift: Selbst beiläufige Handlungen werden dokumentiert, kontextualisiert und funktionalisiert.
Endler erscheint hier weniger als individuelle Figur denn als Schnittstelle – als jemand, der Texte bewegt und Verbindungen hält in einer Gegenöffentlichkeit, die sich unter den Bedingungen permanenter Beobachtung organisiert. Quelle: GDR Bulletin | Supplement | Volume 18, No. 1 | Spring 1992 | new prairee Press – Germanic Languages and Literatures at Washington University in St. Louis
Im April 1939 öffnete im Flushing Meadows Park im New Yorker Stadtbezirk Queens eine der größten Weltausstellungen des 20. Jahrhunderts ihre Tore. Ihr Motto: „Building the World of Tomorrow“. Rund 44 Millionen Besucher kamen bis Oktober 1940.
Das Wahrzeichen der Ausstellung waren Trylon und Perisphere – ein spitzer Obelisk von 212 Metern Höhe und eine weiße Kugel von 65 Metern Durchmesser. In der Perisphere befand sich Democracity, ein Modell der idealen Stadt der Zukunft. Breite Autobahnen, geordnete Wohnzonen, Grünflächen. Der General-Motors-Pavillon zeigte mit Futurama ein riesiges Modell der USA im Jahr 1960 – Besucher fuhren auf einem Förderband daran vorbei. Westinghouse präsentierte den Roboter Elektro. Zu den ausgestellten Technologien gehörten Fernsehen, Faxmaschine, elektrischer Geschirrspüler und die welterste Videokonferenz. Softeis wurde hier erstmals einem breiten Publikum bekannt.
Die Botschaft war eindeutig: Technik und Planung schaffen eine bessere Gesellschaft.
Der Riss im Bild
Zwei Monate vor Eröffnung der Ausstellung, am 20. Februar 1939, fand im Madison Square Garden eine nationalsozialistische Massenkundgebung statt. Organisiert von der German American Bund, als „Pro-Americanism“-Rallye getarnt. Über 20.000 Teilnehmer. Anführer Fritz Julius Kuhn sprach vor einem riesigen Washington-Porträt, flankiert von Hakenkreuzfahnen. Draußen protestierten Tausende. (Wikipedia)
Deutschland selbst nahm an der Weltausstellung nicht teil. Die offizielle Begründung: Die Ausstellung sei „überwiegend von Juden“ organisiert. New Yorks Bürgermeister Fiorello LaGuardia schlug daraufhin vor, eine „Schreckenskammer“ einzurichten, die das wahre Gesicht des NS-Regimes zeigen sollte. Der Plan scheiterte. Ausstellungsleiter Grover Whalen regte an, deutsche Emigranten um Klaus Mann sollten stattdessen einen „Freedom Pavilion“ errichten. Die Emigrantenszene war jedoch so zerstritten über das, was dort gezeigt werden sollte, dass auch diese Idee verworfen wurde. (Wikipedia)
Im September 1939, während die Ausstellung noch lief, begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Einige Pavillons europäischer Länder wurden zu symbolischen Orten des Exils. Die Beteiligung der Nationen sank.
„The World of Tomorrow“ – die Formel hatte sich in wenigen Monaten selbst überholt.
New York 1939 in der Literatur
Der Moment hat andere beschäftigt.
E. L. Doctorows Roman World’s Fair (1985) spielt im New York desselben Jahres, aus der Perspektive eines Jungen, der in der Bronx aufwächst und die Weltausstellung als Versprechen einer anderen Welt erlebt. Michael Chabons The Amazing Adventures of Kavalier and Clay (2000) berührt das Ausstellungsgelände am Rand. Susie Orman Schnalls We Came Here to Shine (2020) siedelt seine Handlung direkt im Sommer der Ausstellung an.
Und Ruth Frobeens Roman Irmelin Fuchs (2022) setzt im selben Sommer ein – mit einer anderen Frage im Zentrum.
Titelbild: Robert P. Archer – Approaching Storm (ca. 1938) Öl auf Leinwand Smithsonian American Art Museum Verwendete Quelle: wikimedia
Der schmale Band bewegt sich zwischen Roman und längerer Erzählung. Die Handlung setzt im Sommer 1939 in New York City ein. Die neunzehnjährige Irma Sabrina Fuchs erwacht nach einem Koma in einem Altersheim, ohne jede Erinnerung an ihre Herkunft, ihre Familie, ihr früheres Leben.
Sie verlässt das Heim und findet eine Anstellung bei der blinden Mrs. Rothman – zunächst als Vorleserin, später als Stenotypistin, die die autobiografischen Geschichten ihrer Gastgeberin abtippt. Diese Geschichten bilden eine zweite Erzählebene, aus der sich allmählich auch Hinweise auf die Vergangenheit der Protagonistin ergeben.
Buchinformation: Ruth Frobeen – Irmelin Fuchs Roman/Erzählung Eigenverlag – 2022 Website der Autorin, Texterin und Übersetzerin: ruthfrobeen.de
LektüreNotizen
Der Ton der Erzählerin wirkt fast privat. Er erinnert mich an die Briefe, die ich als Jugendlicher meiner damaligen Brieffreundin schrieb: direkt, etwas plaudernd, kaum literarisch überformt.
Was war damals los – auch unabhängig von dieser Geschichte? Was mir aufgefallen ist: Eine junge Frau ohne Vergangenheit, umgeben von Menschen, die eine Zukunft entwerfen. > 1939 New York World’s Fair <
Vielleicht bin ich zu feinfühlig, aber mich irritiert der aufmerksam schauende Fuchs auf der Rückseite des Covers, wo es doch in der Erzählung heißt, man habe einen ebensolches Tier leblos neben ihr gefunden, als sie den Motorradunfall hatte.
Ich habe das Buch gelesen. F.C. Delius, Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus. Eine Erzählung, die gut läuft, linear, klar. Und trotzdem blieb etwas hängen – ein leises Unbehagen, das ich lange nicht greifen konnte. Der Umweg kam über einen Podcast. Jan Josef Liefers, aufgewachsen in Dresden, sagt sinngemäß: Wer in der DDR groß geworden…
Im April 1939 öffnete im Flushing Meadows Park im New Yorker Stadtbezirk Queens eine der größten Weltausstellungen des 20. Jahrhunderts ihre Tore. Ihr Motto: „Building the World of Tomorrow“. Rund 44 Millionen Besucher kamen bis Oktober 1940. Das Wahrzeichen der Ausstellung waren Trylon und Perisphere – ein spitzer Obelisk von 212 Metern Höhe und eine…
Der schmale Band bewegt sich zwischen Roman und längerer Erzählung. Die Handlung setzt im Sommer 1939 in New York City ein. Die neunzehnjährige Irma Sabrina Fuchs erwacht nach einem Koma in einem Altersheim, ohne jede Erinnerung an ihre Herkunft, ihre Familie, ihr früheres Leben. Sie verlässt das Heim und findet eine Anstellung bei der blinden…
Die vergessenen Bücher und der Zug durch Anatolien | Manchmal braucht es den Hinweis eines anderen, um im eigenen Regal wiederzufinden, was längst hätte gelesen werden sollen. Bei mir war es ein Nebensatz auf der Website von Volkmar Mühleis, der Nazim Hikmet erwähnte – und mir fiel ein: Die Bücher stehen ja hier. Schon lange.…
Die Erzählung folgt Arthur Dold, einem Antiquar, dessen offenbar ruhiges Leben durch einen Überfall ins Wanken gerät. Getrieben von Erinnerungen an seine Kindheit – als Sohn eines Gärtners, der als Zaungast großbürgerliche Welten beobachtete – beginnt er, den Fäden seiner Vergangenheit nachzuspüren. In diesem Prozess geraten seine innere Welt und sein Alltag zunehmend aus der…
Eine englische Wallfahrt | W. G. Sebalds 1995 erschienener Prosaband Die Ringe des Saturn entzieht sich von Beginn an einer eindeutigen Gattungszuordnung. Das Buch ist Reisebericht, Essay, Geschichtspanorama, autobiographische Meditation und literarische Montage zugleich. Ausgangspunkt ist eine scheinbar einfache Wanderung des Erzählers durch die ostenglische Grafschaft Suffolk, doch diese äußere Bewegung dient vor allem als…
Nachdem seine Frau ihn verlassen hat, lebt ein Schriftsteller um die fünfzig allein in seinem Haus in Irland. Nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch ist er aus seinem bisherigen Arbeits- und Lebensrhythmus gefallen. Körperlich eingeschränkt, verbringt er seine Tage mit Spaziergängen, Beobachtungen und Erinnerungen. In dieser Situation begegnet er Niamh, einer sechzigjährigen Irin, die ihn bittet, zum…
Annähernd gelesen | Was begrenzt einen Raum durch Schatten? Ist es die Abwesenheit von Licht oder gerade seine Anwesenheit, die den Schatten erst wirft? Wo erscheinen räumliche Begrenzungen? Sind es physische Räume (Fabrikhallen, Wohnungen, Gefängniszellen) oder metaphorische (kulturelle Zugehörigkeit, Geschlechterrollen, politische Zuordnungen)? Frage zur Vertiefung: Wie verhält sich der Buchtitel zu den konkreten Räumen im…
Vor der Lektüre | Das Buch besteht aus sechs Kurzgeschichten, die verschiedene Aspekte des Verschwindens umkreisen. Laut Klappentext sammelt Sandig darin Geschichten von Menschen, deren Erzählungen verloren zu gehen drohen. Es geht um Erinnerung, um Migration, Flucht, Verlust. Die Texte arbeiten mit verschiedenen Formen – Lyrik, Prosa, dokumentarische Passagen – und folgen keiner durchgehenden Erzählung.…
Rachel Cusks „Outline“ (2014, dt. „Outline – Von der Freiheit, ich zu sagen“) markiert einen radikalen Neuanfang in ihrem Werk. Nach zwei autobiografischen Büchern über Scheidung und Mutterschaft, die ihr heftige Kritik einbrachten, entwickelt die britische Autorin (*1967) eine völlig neue Erzählform: Sie lässt ihre Ich-Erzählerin beinahe verschwinden. Eine Erzählerin ohne Geschichte Eine namenlose Schriftstellerin…
In der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur gibt es Autoren, die nicht nur durch ihre Texte, sondern durch ihre gesamte künstlerische Präsenz beeindrucken. Michael Fehr ist einer von ihnen. Der 1982 in Bern geborene Schweizer Autor hat sich als Erzähler, Performer und Kulturvermittler einen Namen gemacht – und das auf eine ganz besondere Art und Weise. Ein…
Sasha Filipenko | Rote Kreuze. Ein Roman Sachbücher mag ich eher selten. Lieber ist es mir, Wissen aus fundiert recherchierten Romanen zu sammeln. Da geschieht meist eher unbewusst, leicht und nachhaltiger, weil ich für dieses dann eine Verknüpfung habe. Wie viel man für sich mitnehmen kann, hängt vom Lesestoff ab. Das Buch, welches ich hier…
»Vergiss die Politik, lies keine Zeitung, geh nicht ins Netz, verweigere deine Stimme[…]« So beginnt der »Linke Marsch«, ein Kapitel aus Serhij Zhadans zweitem Prosaband, dem ein Song der Sex Pistols, Anarchy in the UKR, als Motto dient. Zhadan ist dabei, sich zur stärksten Stimme der jungen ukrainischen Literatur zu entwickeln – und zum Antipoden…
Stellen Sie sich vor, Sie reisen zurück ins Jahr 1772. Perücken zählen zur vorherrschenden Mode, Kutschen sind das vorrangige Fortbewegungsmittel, und in den Salons wird leidenschaftlich über Vernunft und Macht debattiert. Mitten in dieser Epoche des geistigen Umbruchs – der Aufklärung – verfasst Gotthold Ephraim Lessing ein Drama, das die zeitgenössische Gesellschaft wie ein Spiegelbild…
Otto F. Walters Roman Wie wird Beton zu Gras? (erstmals 1979 erschienen, hier in der Rororo-Taschenbuchausgabe von 1988 vorliegend) wird zur ökologischen Literaturbewegung der späten 1970er Jahre gezählt. Im Zentrum steht der Stadtplaner Viktor B., ein zerrissener Antiheld, der täglich an der Transformation natürlicher Landschaften in betonierte Stadt- und Industrieflächen mitwirkt. Sein Beruf steht im fundamentalen Konflikt mit seinem wachsenden…
Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen: Die Last der unsichtbaren Arbeit Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:…
Franz Hohler, der Schweizer Meister der leisen Töne, entführt uns in seinem 2017 erschienenen Roman Das Päckchen (Luchterhand Literaturverlag) auf eine Reise durch Zeit und Verantwortung. Die Geschichte ist mehr als nur eine spannende Quest (So bezeichnet von der hiesigen Bibliothekarin im Schulzentrum) – es ist eine Parabel über kulturelles Erbe, historische Schuld und die unerwartete Macht kleiner…
Renate Welsh veröffentlichte ihren Jugendroman „Besuch aus der Vergangenheit“ 1999. Das Buch erschien beim Arena Verlag, später auch in einer Textausgabe mit Unterrichtsmaterialien. Es umfasst etwa 144 Seiten und richtet sich an Leserinnen und Leser ab 12 Jahren. Die Geschichte beginnt mit einer unerwarteten Begegnung: Als Lena nach Hause kommt, steht eine Frau vor der…
Jemand hat den Titel dieses Gedicht auf eine leere Seite geschrieben. Mit Bleistift, inkl. Seitenzahl. Das Buch – eine Jubiläumsausgabe von Elisabeth Borchers, erschienen zu ihrem 75. Geburtstag, gesammelt unter dem Titel Alles redet, schweigt und ruft – kam aus einem Antiquariat zu mir. Wessen Hand das war, weiß ich nicht. Aber die Geste hat mich beschäftigt: Ein Unterstrich im Inhaltsverzeichnis hätte genügt. Stattdessen eine leere Seite, Bleistift, das ganze Gedicht.
Das Gedicht heißt Märchen und steht in einem Kapitel mit dem Titel Was ist die Antwort (1996). Es ist sehr kurz. Jemand sucht nach etwas Schönem – Borchers nennt dafür Schnee als Maßstab – und geht leer aus. Und genau in diesem Leerausgehen beginnt es zu schneien. Kein Besitz, kein Ankommen. Nur der Moment, in dem es anfängt.
Meine erste Reaktion: Das ist doch gar kein Märchen. Keine Begegnung, kein Helfer, kein Antagonist. Eine Person, ein innerer Vorgang, und dann – Wetter. Märchen sind strukturell sozial. Selbst wer allein in den Wald geht, trifft dort etwas oder jemanden. Hier trifft niemand jemanden. Der Schnee kommt einfach.
Und trotzdem heißt es Märchen. Vielleicht nicht um zu beschreiben, was das Gedicht ist, sondern um daraus etwas zu machen. Der Titel als Geste, nicht als Etikett. Borchers unterlässt die Auflösung, die das Genre verspricht – und behält den Namen trotzdem.
Was sie als Maßstab für das Schöne wählt, ist vergänglich. Schnee bleibt nicht, zumindest nicht in unseren Breitengraden. Als hätte sie gar nicht den Anspruch, dass etwas dauerhaft ist. Das Gedicht endet nicht mit dem Schnee, sondern mit seinem Beginn. Das ist eine Haltung, keine Moral.
Wann wäre es ein Märchen? Wenn der Schnee käme, weil jemand gesucht hat. Wenn das Gehen belohnt würde. Hier ist es umgekehrt: Die Enttäuschung ist Bedingung. Das Leerausgehen schafft den Raum. Vielleicht wollte Borchers genau das überdenken. Ich lasse das offen.
Wessen Hand die Bleistiftzeile war – ob derjenige den Schnee noch gefunden hat, bevor er das Buch weitergab – das weiß ich nicht. Aber er oder sie hat die Geste gemacht. Und das war mehr als ein Unterstrich.
Von Holzarbeitern stehengelassen verharrt ein Baumrest auf der Lichtung. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Der Blick vom Moos in Schulterhöhe hin zu den Verwerfungen — ein Gesicht, das bekannt erscheint. Blicke in alle Richtungen. Ob ein Tier. Ob irgendetwas. Dieses langsame holzene Zurechtrücken im Dunkeln. Weitere Lyrik
es ist als trüge sieden schönsten dunkelgrauenhosenanzugschlagbaumin den taschen und ich bleibe weiß hände in bewegungdas dunkle trübt sich Dieses Gedicht ist entstanden, weil ich mich verlesen hatte. Das Aquarell folgte beim Versuch, das Trüben des Dunkelgrau zu sehen.
Jemand hat den Titel dieses Gedicht auf eine leere Seite geschrieben. Mit Bleistift, inkl. Seitenzahl. Das Buch – eine Jubiläumsausgabe von Elisabeth Borchers, erschienen zu ihrem 75. Geburtstag, gesammelt unter dem Titel Alles redet, schweigt und ruft – kam aus einem Antiquariat zu mir. Wessen Hand das war, weiß ich nicht. Aber die Geste hat…
Der Gedichtband stand jahrelang im Regal. Ungelesen. Eine Lyrikauswahl der Autorin und Lektorin Elisabeth Borchers, erschienen 2001 bei Suhrkamp — bestellt, weil irgendwer schrieb, sie sei eine bedeutende Lyrikerin, und weil eine Auswahl aus verschiedenen Schaffensphasen wie ein guter Einstieg wirkte. Der Einband: kein Türöffner. Es geriet in Vergessenheit. Was es dann öffnete, war ein…
Zu Elisabeth Borchers‘ Gedicht – und was passiert, wenn ein Wort hinzukommt | Elisabeth Borchers, 1926 in Homberg am Rhein geboren, gehört zu den Lyrikerinnen, die man im deutschsprachigen Raum kennt, ohne dass man immer sagen könnte, warum. Sie hat Kinderbücher geschrieben, Gedichte, sie war lange Lektorin bei Suhrkamp. Ein Name. Vielleicht eine Assoziation: sorgfältig,…
VON EINEM BUCH ZUM ANDERN WANDERN hunderte von Seiten lang durch die Pariser Vorstädte zurück in Büchners Zeit über Gedichte hinter dem Eisernen Vorhang mitten durch ein Ideen-Gewimmel aus Reiselust einen Blick auf Rom werfen, um wieder bei einer Tasse Tee den Vögeln zu lauschen, Nachbarn in ihrem Kommen und Gehen, auf dem Sofa, das…
Ein Dank an Volkmar Mühleis für die Inspiration – Gelesen habe ich sein Gedicht „Von einem Buch zum andern wandern“ in Ausgabe 44 der WORTSCHAU. Es beschreibt Lesen als müheloses Bewegen durch Welten, als Genuss auf dem Sofa, das einem die Welt bedeutet. Ich habe ein anderes Lesen gelernt – eines, das nicht wandert, sondern…
1 069 000 Sonnenweiten entferntstrahlt er, der hellste Sternim Sternbild des großen Hundes.16,9 Jahre braucht sein Lichtbis hierher. Vierzehn Sonnenließen sich aus seiner Masse formen. Die Ägypter warteten auf ihn,ungeduldig, denn sein Erscheinenin der Morgendämmerung bedeutete:der Nil wird steigen, der Segen kommt. In Griechenland bezeichnetesein Wiederauftauchen am Osthimmeldie Opora – Obst und Wein reiften,doch Hippokrates…
„… Um die Dichter steht es schlechter. Ihre Arbeit ist hoffnungslos unfotogen. Da sitzt jemand am Tisch oder liegt auf dem Sofa, starrt unablässig an die Wand oder die Decke, schreibt von Zeit zu Zeit sieben Zeilen, von denen er nach einer Viertelstunde eine streicht, und wieder vergeht eine Stunde, und es geschieht nichts… Welcher…
Ein Gedicht von Jane Wels – auf Instagram von ihr geteilt – fragt nach einem Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist. Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine, die Widerstand leistet gegen schnelle Antworten. Eine Annäherung. Die naheliegende Versuchung wäre, das Gedicht inhaltlich aufzulösen – aber bei Jane Wels funktioniert der…
Am Zweig die Feder, klein, wiegt sich. Wildschweinschwärze aus dem Erdreich, beißt in die Nase. Mein weißer Hund im Schnee – fast weg. Foto: Oliver Simon
Wer war Miklós Radnóti. Miklós Radnóti wurde 1909 in Budapest geboren, jüdischer Herkunft, ungarischer Dichter. Er schrieb früh, studierte Literatur, bewegte sich bewusst in der ungarischen Sprach- und Formtradition. In den 1930er Jahren wurde sein Leben zunehmend durch antisemitische Gesetze bestimmt. Er durfte nicht mehr regulär publizieren, wurde zu sogenannten Arbeitsdiensten eingezogen, also Zwangsarbeit ohne…
Der Text setzt mit einer Wiederholung ein. Jede Zeile beginnt gleich, und doch verschiebt sich der Gegenstand fortlaufend. „Meine Gedichte sind“ markiert keinen festen Besitz, sondern einen Ort, an dem immer wieder neu angesetzt wird. Die Gedichte werden nicht erklärt, sondern in Umlauf gebracht. Zunächst tauchen sie als Material auf: Schreibmaschinenpapier, eine genaue Sorte, versehen…
Nathalie Schmids Gedicht „der geschmack von kartoffeln“ porträtiert „einen schlag von frauen“ durch eine Collage körperlicher und alltäglicher Details, die auf den ersten Blick schlicht dokumentarisch wirken. Doch zwischen den Zeilen entfaltet sie eine Dichte, die mich bekümmert: ein Leben, das nur noch rückblickend Bedeutung hat. Verschlossene Innenwelten Die Frauen des Gedichts zeigen sich in…
Annähernd gelesen | Zwischen Sprache, Ordnung und AuflösungJane Wels‘ Gedicht „Bitte versuchen Sie,“ ist ein Text über die Unmöglichkeit, gefasst zu werden – und zugleich ein Text, der sich selbst beim Versuch des Fassens beobachtet. Es spielt mit der Spannung zwischen Sprache und Identität, zwischen Ordnung und Auflösung, und ist dabei zugleich selbstreflexiv, ironisch und…
Annähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Gelesen habe…
Martin Maurach: Leben auf Geistes Schneide | Annähernd gelesen Fünf Zeilen die nicht als Gedicht nebeneinander stehen, sondern als ausgewählte Fragmente aus einer größeren Sammlung. Martin Maurach hat mir dankenswerterweise zur Entstehung geschrieben: Die Redaktion der „Konzepte“ hat aus seinen Prosafragmenten diese fünf ausgewählt und montiert. Der Text ist damit weniger als geschlossene Einheit zu…
Über Kathrin Niemelas „pont des arts“ | Kathrin Niemelas Gedicht „pont des arts“ erschien in der Literaturzeitschrift Wortschau in einer Paris-Ausgabe. Es ist ein Text, der sich beim ersten Lesen entzieht – nicht weil er hermetisch wäre, sondern weil er so verdichtet ist, dass man ihn kaum greifen kann. Die Sprache ist präzise, die Klänge…
Der Gedichtband stand jahrelang im Regal. Ungelesen. Eine Lyrikauswahl der Autorin und Lektorin Elisabeth Borchers, erschienen 2001 bei Suhrkamp — bestellt, weil irgendwer schrieb, sie sei eine bedeutende Lyrikerin, und weil eine Auswahl aus verschiedenen Schaffensphasen wie ein guter Einstieg wirkte. Der Einband: kein Türöffner. Es geriet in Vergessenheit.
Was es dann öffnete, war ein Facebook-Post. Der Bremer Schriftsteller Michael Augustin schrieb anlässlich ihres 100. Geburtstags über zwei Begegnungen mit Elisabeth Borchers — und erzählte dabei eine Szene, die mich beschäftigt. Die beiden gehen durch das Foyer eines Theaters in Bremerhaven, wo Gedichte der Lesenden in Plakatgröße ausgestellt sind. Vor einem Gedicht bleibt Borchers stehen. Sie fragt, ob es von ihm sei. Er bestätigt. Ihre Antwort, wie Augustin sie erinnert:” Hhm. Warum lassen Sie nicht diese Zeile hier einfach weg? Die ist völlig überflüssig. Weglassen! Dann wird ein Gedicht draus!“
BuchCover
Er war kurz “schockiert”. Dann erkannte er, dass sie recht hatte. Noch in derselben Lesung, eine Stunde später, ließ er die Zeile weg. Das Gedicht — in der Borchers-Version, wie er selbst schreibt — ist seither eines seiner meistgedruckten und meistübersetzten.
Weglassen als Handwerk um zu präzisieren. Wie schwer mir das selbst immer wieder fällt.
Das hätte eine schöne Anekdote bleiben können, ein Porträt der Lektorin, die sie vier Jahrzehnte lang auch war — bei Luchterhand, später bei Suhrkamp und Insel, wo sie Autor:innen wie Martin Walser und Wisława Szymborska begleitete. Aber dann lag das Buch offen, und darin stand ein Gedicht, das Augustin auch verlinkt hatte: Was alles brauchts zum heutigen Paradies — und es stand dort in einer anderen Version als der bekannten Aufnahme, in der Borchers selbst liest.
Die Fassung im Band datiert auf 1986, der Titel lautet noch ohne „heutigen“. Und mitten im Gedicht steht ein Wort, das in der späteren Version von 1991 verschwunden ist: Nimmerschwarz. Ein Wort, das es nicht gibt. Eine Verneinung einer Farbe, die selbst schon Verneinung ist. Neben Immergrün gesetzt — Beständigkeit gegen Auflösung, Pflanze gegen Erfindung. Wenn es wegfällt, wird das Gedicht um eine Möglichkeit ärmer. Und schärfer.
Fünf Jahre zwischen beiden Versionen. Ein Wort weniger. Ein Wort mehr im Titel — „heutigen“ als Einbruch der Gegenwart in einen Titel, der vorher beinahe zeitlos klang. Das ist dieselbe Bewegung wie in der Szene im Theaterfoyer: ein Eingriff, kaum sichtbar, und das Gedicht verschiebt sich.
Dass der Band neben den Gedichten auch einen kurzen Essay enthält — Wie entsteht ein Gedicht — gibt Anlass, genauer zu lesen.
Alles redet, schweigt und ruft versammelt Gedichte aus sechs Jahrzehnten, ausgewählt von Arnold Stadler, der dem Band ein Nachwort beigegeben hat. Die Auswahl folgt keinem chronologischen Prinzip, sondern einem inhaltlichen — Stationen eines Werks, das sich von liednahen Frühgedichten über die Verdichtung der mittleren Phase bis hin zu den reduzierten, fast atemlosen späten Texten bewegt.
Einzelne Gedichte aus diesem Band werde ich in separaten Beiträgen genauer betrachten. Dieser hier ist die Landkarte. Die Wanderungen folgen.
Elisabeth Borchers – Alles redet, schweigt und ruft Gedichte – Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Arnold Stadler suhrkamp taschenbuch – 2001
Quellen: Michael Augustin auf facebook (Eintrag vom 27.02.2026) Das von der autorin eingesprochene Gedicht auf planet lyrik
Von Holzarbeitern stehengelassen verharrt ein Baumrest auf der Lichtung. Wir begegnen uns auf Augenhöhe. Der Blick vom Moos in Schulterhöhe hin zu den Verwerfungen — ein Gesicht, das bekannt erscheint. Blicke in alle Richtungen. Ob ein Tier. Ob irgendetwas. Dieses langsame holzene Zurechtrücken im Dunkeln. Weitere Lyrik
es ist als trüge sieden schönsten dunkelgrauenhosenanzugschlagbaumin den taschen und ich bleibe weiß hände in bewegungdas dunkle trübt sich Dieses Gedicht ist entstanden, weil ich mich verlesen hatte. Das Aquarell folgte beim Versuch, das Trüben des Dunkelgrau zu sehen.
Jemand hat den Titel dieses Gedicht auf eine leere Seite geschrieben. Mit Bleistift, inkl. Seitenzahl. Das Buch – eine Jubiläumsausgabe von Elisabeth Borchers, erschienen zu ihrem 75. Geburtstag, gesammelt unter dem Titel Alles redet, schweigt und ruft – kam aus einem Antiquariat zu mir. Wessen Hand das war, weiß ich nicht. Aber die Geste hat…
Der Gedichtband stand jahrelang im Regal. Ungelesen. Eine Lyrikauswahl der Autorin und Lektorin Elisabeth Borchers, erschienen 2001 bei Suhrkamp — bestellt, weil irgendwer schrieb, sie sei eine bedeutende Lyrikerin, und weil eine Auswahl aus verschiedenen Schaffensphasen wie ein guter Einstieg wirkte. Der Einband: kein Türöffner. Es geriet in Vergessenheit. Was es dann öffnete, war ein…
Zu Elisabeth Borchers‘ Gedicht – und was passiert, wenn ein Wort hinzukommt | Elisabeth Borchers, 1926 in Homberg am Rhein geboren, gehört zu den Lyrikerinnen, die man im deutschsprachigen Raum kennt, ohne dass man immer sagen könnte, warum. Sie hat Kinderbücher geschrieben, Gedichte, sie war lange Lektorin bei Suhrkamp. Ein Name. Vielleicht eine Assoziation: sorgfältig,…
VON EINEM BUCH ZUM ANDERN WANDERN hunderte von Seiten lang durch die Pariser Vorstädte zurück in Büchners Zeit über Gedichte hinter dem Eisernen Vorhang mitten durch ein Ideen-Gewimmel aus Reiselust einen Blick auf Rom werfen, um wieder bei einer Tasse Tee den Vögeln zu lauschen, Nachbarn in ihrem Kommen und Gehen, auf dem Sofa, das…
Ein Dank an Volkmar Mühleis für die Inspiration – Gelesen habe ich sein Gedicht „Von einem Buch zum andern wandern“ in Ausgabe 44 der WORTSCHAU. Es beschreibt Lesen als müheloses Bewegen durch Welten, als Genuss auf dem Sofa, das einem die Welt bedeutet. Ich habe ein anderes Lesen gelernt – eines, das nicht wandert, sondern…
1 069 000 Sonnenweiten entferntstrahlt er, der hellste Sternim Sternbild des großen Hundes.16,9 Jahre braucht sein Lichtbis hierher. Vierzehn Sonnenließen sich aus seiner Masse formen. Die Ägypter warteten auf ihn,ungeduldig, denn sein Erscheinenin der Morgendämmerung bedeutete:der Nil wird steigen, der Segen kommt. In Griechenland bezeichnetesein Wiederauftauchen am Osthimmeldie Opora – Obst und Wein reiften,doch Hippokrates…
„… Um die Dichter steht es schlechter. Ihre Arbeit ist hoffnungslos unfotogen. Da sitzt jemand am Tisch oder liegt auf dem Sofa, starrt unablässig an die Wand oder die Decke, schreibt von Zeit zu Zeit sieben Zeilen, von denen er nach einer Viertelstunde eine streicht, und wieder vergeht eine Stunde, und es geschieht nichts… Welcher…
Ein Gedicht von Jane Wels – auf Instagram von ihr geteilt – fragt nach einem Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist. Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine, die Widerstand leistet gegen schnelle Antworten. Eine Annäherung. Die naheliegende Versuchung wäre, das Gedicht inhaltlich aufzulösen – aber bei Jane Wels funktioniert der…
Am Zweig die Feder, klein, wiegt sich. Wildschweinschwärze aus dem Erdreich, beißt in die Nase. Mein weißer Hund im Schnee – fast weg. Foto: Oliver Simon
Wer war Miklós Radnóti. Miklós Radnóti wurde 1909 in Budapest geboren, jüdischer Herkunft, ungarischer Dichter. Er schrieb früh, studierte Literatur, bewegte sich bewusst in der ungarischen Sprach- und Formtradition. In den 1930er Jahren wurde sein Leben zunehmend durch antisemitische Gesetze bestimmt. Er durfte nicht mehr regulär publizieren, wurde zu sogenannten Arbeitsdiensten eingezogen, also Zwangsarbeit ohne…
Der Text setzt mit einer Wiederholung ein. Jede Zeile beginnt gleich, und doch verschiebt sich der Gegenstand fortlaufend. „Meine Gedichte sind“ markiert keinen festen Besitz, sondern einen Ort, an dem immer wieder neu angesetzt wird. Die Gedichte werden nicht erklärt, sondern in Umlauf gebracht. Zunächst tauchen sie als Material auf: Schreibmaschinenpapier, eine genaue Sorte, versehen…
Nathalie Schmids Gedicht „der geschmack von kartoffeln“ porträtiert „einen schlag von frauen“ durch eine Collage körperlicher und alltäglicher Details, die auf den ersten Blick schlicht dokumentarisch wirken. Doch zwischen den Zeilen entfaltet sie eine Dichte, die mich bekümmert: ein Leben, das nur noch rückblickend Bedeutung hat. Verschlossene Innenwelten Die Frauen des Gedichts zeigen sich in…
Annähernd gelesen | Zwischen Sprache, Ordnung und AuflösungJane Wels‘ Gedicht „Bitte versuchen Sie,“ ist ein Text über die Unmöglichkeit, gefasst zu werden – und zugleich ein Text, der sich selbst beim Versuch des Fassens beobachtet. Es spielt mit der Spannung zwischen Sprache und Identität, zwischen Ordnung und Auflösung, und ist dabei zugleich selbstreflexiv, ironisch und…
Annähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Gelesen habe…
Martin Maurach: Leben auf Geistes Schneide | Annähernd gelesen Fünf Zeilen die nicht als Gedicht nebeneinander stehen, sondern als ausgewählte Fragmente aus einer größeren Sammlung. Martin Maurach hat mir dankenswerterweise zur Entstehung geschrieben: Die Redaktion der „Konzepte“ hat aus seinen Prosafragmenten diese fünf ausgewählt und montiert. Der Text ist damit weniger als geschlossene Einheit zu…
Über Kathrin Niemelas „pont des arts“ | Kathrin Niemelas Gedicht „pont des arts“ erschien in der Literaturzeitschrift Wortschau in einer Paris-Ausgabe. Es ist ein Text, der sich beim ersten Lesen entzieht – nicht weil er hermetisch wäre, sondern weil er so verdichtet ist, dass man ihn kaum greifen kann. Die Sprache ist präzise, die Klänge…
Die vergessenen Bücher und der Zug durch Anatolien | Manchmal braucht es den Hinweis eines anderen, um im eigenen Regal wiederzufinden, was längst hätte gelesen werden sollen. Bei mir war es ein Nebensatz auf der Website von Volkmar Mühleis, der Nazim Hikmet erwähnte – und mir fiel ein: Die Bücher stehen ja hier. Schon lange. Ich hatte sie vor Jahren angeschafft, in einer dieser Phasen, in denen man sich vornimmt, endlich die Lücken zu füllen, die großen Namen nachzuholen. Und dann verstauben sie. Hikmet war so einer: gewusst, dass er wichtig ist, dass er zu den bedeutenden Dichtern des 20. Jahrhunderts gehört, aber nie gelesen. Jetzt liegen die Bände vor mir, und ich lese.
Was mir auffällt: Menschenlandschaften ist kein Text, das sich bequem lesen lässt. Es ist sperrig, dicht, polyphone Literatur, die einen fordert. Aber es ist auch eines jener Bücher, bei denen man nach wenigen Seiten spürt: Hier schreibt jemand, der etwas zu sagen hat, der die Literatur nicht als Stilübung begreift, sondern als Instrument, um Wirklichkeit abzubilden – und zwar eine Wirklichkeit, die sonst unsichtbar bleibt.
Aus dem Gefängnis heraus
Nazim Hikmet schrieb Menschenlandschaften zwischen etwa 1938 und 1950, in einer Zeit, die für ihn persönlich von Haft und politischer Verfolgung geprägt war. Als kommunistischer Intellektueller saß er über Jahre in türkischen Gefängnissen, unter anderem in Bursa. Dort, unter den Bedingungen der Isolation und Repression, entstand dieses monumentale Versepos – 17.000 Zeilen, die heute überliefert sind, nachdem Teile durch Zensur und Vernichtung verloren gingen.
Die Haft war nicht nur Rahmen, sie war auch Ermöglichung. Im Gefängnis traf Hikmet auf Menschen, die ihm sonst nicht begegnet wären: Arbeiter, Bauern, Kleinkriminelle, politische Gefangene, Menschen aus allen Schichten der türkischen Gesellschaft. Ihre Stimmen, ihre Geschichten, ihre Lebenswelten fanden Eingang in das Werk. Menschenlandschaften ist kein Heldenepos im klassischen Sinn, keine Erzählung großer historischer Figuren. Es ist ein Panorama alltäglicher Leben, verwoben mit den Erschütterungen der Zeit – dem Zweiten Weltkrieg, der politischen Unterdrückung, den sozialen Verwerfungen einer Gesellschaft im Umbruch.
Hikmet selbst verstand sein Werk als eine Art poetische Enzyklopädie. Nicht im Sinne einer systematischen Ordnung, sondern als Sammlung menschlicher Erfahrungen, die zusammengenommen ein Bild der Gesellschaft ergeben. Er wollte traditionelle Formen überwinden, arbeitete mit modernen, filmischen Techniken – Schnitte, Perspektivwechsel, Montagen. Das Ergebnis ist ein Text, der sich eher wie ein Dokumentarfilm liest als wie klassische Epik.
Die Übersetzung
Ich lese Hikmet in der Übersetzung von Ümit Güney und Norbert Ney – eine Konstellation, die bei lyrischen und epischen Texten oft entscheidend ist. Güney, selbst türkischer Herkunft, und Ney, deutscher Lyriker, haben gemeinsam gearbeitet, um Hikmets formale Experimente, seine Mischung aus Alltagssprache und lyrischer Verdichtung, ins Deutsche zu übertragen. Sie gelten als die deutsche Stimme Hikmets, ihre Übersetzungen prägen seit den 1980er Jahren, wie wir ihn hierzulande lesen.
Was ich nicht beurteilen kann: Wie nah kommt diese Übersetzung dem türkischen Original? Geht etwas verloren, wird etwas gewonnen? Wer Hikmet im Original kennt und die deutsche Fassung gelesen hat – wie erlebt ihr diesen Abstand oder diese Nähe? Das wäre eine Frage, die ich gern an türkischsprachige Lesende richten würde.
Der Zug vom Haydarpaşa-Bahnhof
Der erste Band von Menschenlandschaften beginnt am Haydarpaşa-Bahnhof in Istanbul, einem jener Orte, an denen sich die Ströme der Gesellschaft kreuzen. Ein Zug fährt ab, Richtung Anatolien. Diese Zugfahrt ist das strukturierende Prinzip des ersten Teils: Menschen steigen ein, nehmen Platz, erzählen, erinnern sich, schweigen. Im Zugabteil treffen politische Gefangene auf Arbeiter, Mütter auf Veteranen, Studierende auf Bauern. Der Raum ist eng, die Hierarchien sind sichtbar, aber für die Dauer der Fahrt sind alle im selben Abteil, unterwegs durch eine Landschaft, die mehr ist als Kulisse – sie ist das Land selbst, mit seinen Brüchen und Widersprüchen.
Hikmet arbeitet mit wechselnden Perspektiven. Mal spricht eine Figur direkt, mal wird aus der Distanz erzählt, dann wieder bricht eine Erinnerung ein, ein innerer Monolog, ein Fetzen Vergangenheit. Es entsteht ein Gewebe aus Stimmen, ein kollektives Porträt, das nicht auf Vollständigkeit zielt, sondern auf Vielstimmigkeit. Man muss sich als Leser darauf einlassen, dass Geschichten nicht zu Ende erzählt werden, dass Figuren auftauchen und wieder verschwinden, dass das Ganze eher einem Kaleidoskop gleicht als einer linearen Handlung.
Eine der zentralen Figuren ist Halil, ein politischer Gefangener, der mit anderen Inhaftierten im Zug sitzt. Durch ihn und seine Gefährten wird die politische Dimension sichtbar: die Verfolgung, die Repression, aber auch die Würde und der Widerstand derer, die nicht aufgeben. Halil ist kein strahlender Held, er ist ein Beobachter, jemand, der sieht und festhält, was um ihn herum geschieht.
Der erste Band endet nicht mit einer Auflösung, sondern mit einem symbolisch aufgeladenen Moment: Ein Mann begeht während der Fahrt Selbstmord. Es ist ein Schlussakkord, der die Härte jener Lebenswelten markiert, die Hikmet beschreibt – die Verzweiflung, die sozialen Zwänge, die existenzielle Not. Der Tod ist nicht Katharsis, sondern Ausdruck einer Realität, die viele dieser Figuren bestimmt.
Warum das heute relevant ist
Man könnte fragen: Warum dieses Werk heute lesen, ein Epos aus den 1940er Jahren, das in einer türkischen Gesellschaft spielt, die es so nicht mehr gibt? Die Antwort liegt vielleicht darin, wie Hikmet schreibt. Seine Technik, viele Stimmen nebeneinander zu stellen, ohne sie zu hierarchisieren, ohne eine Erzählerstimme, die alles ordnet und deutet – das ist radikal modern. Es erinnert an dokumentarische Formen, an Collagen, an Strategien, die wir heute in Film und Literatur wiederfinden.
Und inhaltlich: Die Frage, wie eine Gesellschaft mit ihren Ausgeschlossenen umgeht, mit denen, die nicht ins Bild passen, die politisch unbequem sind, die ökonomisch abgehängt werden – diese Frage ist nicht verschwunden. Hikmets Menschenlandschaften ist ein Versuch, diesen Menschen eine Stimme zu geben, sie sichtbar zu machen, ohne sie zu idealisieren oder zu viktimisieren. Sie sind da, mit ihren Widersprüchen, ihren Hoffnungen, ihrer Gewalt, ihrer Zärtlichkeit.
Nach den ersten Seiten
Nach den ersten Seiten bleibt bei mir vor allem ein Eindruck: die Dichte. Hikmet lässt keine Luft, kein elegantes Gleiten über die Oberfläche. Sein Text verlangt Aufmerksamkeit, er zieht einen hinein in die Enge des Zugabteils, in die Hitze, den Lärm, die Erschöpfung. Man liest nicht über diese Menschen, man sitzt neben ihnen.
Ob das Werk zu denen gehört, die man durchhalten muss, oder zu denen, die einen mitreißen – das wird sich zeigen. Aber es gehört definitiv zu denen, die man (ich) nicht vergessen sollte. Auch wenn sie im Regal verstauben.
Ich habe das Buch gelesen. F.C. Delius, Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus. Eine Erzählung, die gut läuft, linear, klar. Und trotzdem blieb etwas hängen – ein leises Unbehagen, das ich lange nicht greifen konnte. Der Umweg kam über einen Podcast. Jan Josef Liefers, aufgewachsen in Dresden, sagt sinngemäß: Wer in der DDR groß geworden…
Ich war auf der Suche nach Büchern. Gefunden habe ich ein Foto. Es lag auf dem Sandboden einer Bushaltestelle, die hier im Wendland als öffentlicher Bücherschrank fungiert. Ein Abzug, eingerissen, mit Rostflecken – vermutlich von einer Pinnadel. Jemand hatte ihn irgendwann aufgehängt, er gehörte zu etwas. Dann nicht mehr. Auf der Rückseite, handschriftlich: Liesel Mansfeld…
Der schmale Band bewegt sich zwischen Roman und längerer Erzählung. Die Handlung setzt im Sommer 1939 in New York City ein. Die neunzehnjährige Irma Sabrina Fuchs erwacht nach einem Koma in einem Altersheim, ohne jede Erinnerung an ihre Herkunft, ihre Familie, ihr früheres Leben. Sie verlässt das Heim und findet eine Anstellung bei der blinden…
Die vergessenen Bücher und der Zug durch Anatolien | Manchmal braucht es den Hinweis eines anderen, um im eigenen Regal wiederzufinden, was längst hätte gelesen werden sollen. Bei mir war es ein Nebensatz auf der Website von Volkmar Mühleis, der Nazim Hikmet erwähnte – und mir fiel ein: Die Bücher stehen ja hier. Schon lange.…
Nâzım Hikmet wurde 1902 in Saloniki geboren, einer Stadt, die damals zum Osmanischen Reich gehörte und heute griechisch ist, und starb 1963 in Moskau, nachdem er Jahre im türkischen Gefängnis verbracht und schließlich ins Exil gezwungen worden war. Sein Leben ist von erzwungenen Ortswechseln geprägt – Gefängnis, Exil, Flucht –, und diese Bewegung zwischen Räumen…
Die Erzählung folgt Arthur Dold, einem Antiquar, dessen offenbar ruhiges Leben durch einen Überfall ins Wanken gerät. Getrieben von Erinnerungen an seine Kindheit – als Sohn eines Gärtners, der als Zaungast großbürgerliche Welten beobachtete – beginnt er, den Fäden seiner Vergangenheit nachzuspüren. In diesem Prozess geraten seine innere Welt und sein Alltag zunehmend aus der…
Gesperrte Ablage. Unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945–1989Ines Geipel / Joachim Walther, Lilienfeld Verlag Mit Gesperrte Ablage legen Ines Geipel und Joachim Walther eine Literaturgeschichte vor, die lange nicht erzählt worden ist – und strukturell nicht erzählt werden konnte. Das Buch rekonstruiert jene literarischen Stimmen der DDR, die nicht publiziert, nicht rezipiert, nicht erinnert werden durften.…
Eine englische Wallfahrt | W. G. Sebalds 1995 erschienener Prosaband Die Ringe des Saturn entzieht sich von Beginn an einer eindeutigen Gattungszuordnung. Das Buch ist Reisebericht, Essay, Geschichtspanorama, autobiographische Meditation und literarische Montage zugleich. Ausgangspunkt ist eine scheinbar einfache Wanderung des Erzählers durch die ostenglische Grafschaft Suffolk, doch diese äußere Bewegung dient vor allem als…
Nachdem seine Frau ihn verlassen hat, lebt ein Schriftsteller um die fünfzig allein in seinem Haus in Irland. Nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch ist er aus seinem bisherigen Arbeits- und Lebensrhythmus gefallen. Körperlich eingeschränkt, verbringt er seine Tage mit Spaziergängen, Beobachtungen und Erinnerungen. In dieser Situation begegnet er Niamh, einer sechzigjährigen Irin, die ihn bittet, zum…
Annähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Gelesen habe…
Annähernd gelesen | Was begrenzt einen Raum durch Schatten? Ist es die Abwesenheit von Licht oder gerade seine Anwesenheit, die den Schatten erst wirft? Wo erscheinen räumliche Begrenzungen? Sind es physische Räume (Fabrikhallen, Wohnungen, Gefängniszellen) oder metaphorische (kulturelle Zugehörigkeit, Geschlechterrollen, politische Zuordnungen)? Frage zur Vertiefung: Wie verhält sich der Buchtitel zu den konkreten Räumen im…
Tätigkeit als Autorin | Olga Benario verfasste 1929 in Moskau die Schrift „Berlinskaja komsomolija“ (Der Berliner kommunistische Jugendverband), die auf Russisch erschien. 2023 erschien dieser Text erstmals auf Deutsch unter dem Titel „Berliner Kommunistische Jugend“ in deutscher Übersetzung von Kristine Listau beim Verbrecher Verlag. Das Werk beschreibt den Alltag der Kommunistischen Jugend in Berlin-Neukölln mit…
Rachel Cusks „Outline“ (2014, dt. „Outline – Von der Freiheit, ich zu sagen“) markiert einen radikalen Neuanfang in ihrem Werk. Nach zwei autobiografischen Büchern über Scheidung und Mutterschaft, die ihr heftige Kritik einbrachten, entwickelt die britische Autorin (*1967) eine völlig neue Erzählform: Sie lässt ihre Ich-Erzählerin beinahe verschwinden. Eine Erzählerin ohne Geschichte Eine namenlose Schriftstellerin…
In der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur gibt es Autoren, die nicht nur durch ihre Texte, sondern durch ihre gesamte künstlerische Präsenz beeindrucken. Michael Fehr ist einer von ihnen. Der 1982 in Bern geborene Schweizer Autor hat sich als Erzähler, Performer und Kulturvermittler einen Namen gemacht – und das auf eine ganz besondere Art und Weise. Ein…
Im Zentrum von Ille Chamiers Gedicht steht die Figur der Schauspielerin Stella Avni – eine heute nahezu vergessene Künstlerin, deren Lebensspuren sich nur rudimentär rekonstruieren lassen. Gesichert ist: Sie wurde 1921 im damals rumänischen Czernowitz (Bukowina) geboren, jener multikulturellen Stadt, aus der auch Paul Celan und Rose Ausländer hervorgingen. Stella Avni war jüdischer Herkunft und…
Ein literarischer Essay zu Kurt Martis Subjektivität „Jeder Terror rechtfertigt sich mit objektiver Notwendigkeit. Um so mehr gilt es, unbeirrt subjektiv zu sein.“ – Kurt Marti Was soll das heißen – „unbeirrt subjektiv sein“? Ist Subjektivität nicht genau das, was wir in rationalen Diskursen zu überwinden suchen? Je länger ich über Martis Worte nachdenke, desto…
Annähernd gelesen | Ilse Chamiers Gedicht reflektiert ihre Erfahrungen als Kindergartenkind im nationalsozialistischen Deutschland. Dabei verbindet sie Erinnerungen an Rituale, religiöse Erziehung und Kriegsrealität zu einer erschütternden Collage – ruhig im Ton, aber tiefgründig in der Aussage. Die sprachliche Einfachheit kontrastiert mit der Komplexität des Erlebten. Politische und religiöse Rituale – Spiegelungen von Macht Schon…
Renatus Deckerts „Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt“, erschienen 2007 im Suhrkamp Verlag, ist eine Anthologie, die sich der Bedeutung des ersten veröffentlichten Werks von Autoren widmet. Für dieses Projekt bat Deckert fast einhundert deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller, ihre Gedanken und Erfahrungen zu ihrem Debüt in einem Text zu formulieren, oft Jahrzehnte nach…
Nâzım Hikmet wurde 1902 in Saloniki geboren, einer Stadt, die damals zum Osmanischen Reich gehörte und heute griechisch ist, und starb 1963 in Moskau, nachdem er Jahre im türkischen Gefängnis verbracht und schließlich ins Exil gezwungen worden war. Sein Leben ist von erzwungenen Ortswechseln geprägt – Gefängnis, Exil, Flucht –, und diese Bewegung zwischen Räumen prägt auch sein Schreiben. Er ist ein Autor der Grenzen, nicht der festen Zugehörigkeit.
Hikmets poetisches Projekt verbindet formale Innovation mit politischer Haltung: Er gilt als Begründer der modernen türkischen Lyrik, arbeitete mit freien Versformen, Bildmontagen und multiperspektivischem Erzählen. Seine kommunistische Überzeugung war nicht Beiwerk, sondern strukturierendes Prinzip: Seine Gedichte und sein episches Hauptwerk Menschenlandschaften versuchen, soziale Totalität abzubilden – nicht durch abstrakte Analyse, sondern durch die Stimmen einfacher Menschen, durch Szenen, Dialoge, räumliche Bewegungen.
Menschenlandschaften entstand über mehr als ein Jahrzehnt, größtenteils im Gefängnis. Ein episches Verswerk von rund 17.000 Zeilen, das die türkische Gesellschaft der 1940er Jahre in fünf Büchern durchquert. Es folgt keiner linearen Handlung, sondern einer räumlichen Logik: Züge, die aus Istanbul hinausfahren, durchschneiden soziale Schichten und verbinden Lebensgeschichten. Die Form ist eine Montage aus Stimmen – Arbeiter, Bauern, Gefangene, Intellektuelle –, die zusammen ein polyphonisches Gesellschaftsbild ergeben. Hikmet schreibt nicht über diese Menschen, sondern lässt sie sprechen, szenisch, dialogisch, oft ohne vermittelnde Erzählerstimme. Das Werk ist zugleich Gedicht, Gesellschaftsanalyse und dokumentarisches Panorama.
Die Rezeption war verzögert und fragmentiert. In der Türkei blieb Menschenlandschaften bis in die 1960er Jahre nach Hikmets Tod weitgehend unzugänglich; international wurde es über Exilnetzwerke, linke Verlage und Übersetzungen verbreitet. Im deutschsprachigen Raum erschien es in den 1970er und 1980er Jahren in fünf Bänden, übersetzt unter anderem von Ümit Güney und Norbert Ney. Hikmet wurde dort nicht als kanonischer Autor rezipiert, sondern als transnationaler Bezugspunkt: für Weltliteratur-Diskurse, für türkisch-deutsche Literaturproduktionen, für die Verbindung von Poetik und politischer Haltung.
Die vergessenen Bücher und der Zug durch Anatolien | Manchmal braucht es den Hinweis eines anderen, um im eigenen Regal wiederzufinden, was längst hätte gelesen werden sollen. Bei mir war es ein Nebensatz auf der Website von Volkmar Mühleis, der Nazim Hikmet erwähnte – und mir fiel ein: Die Bücher stehen ja hier. Schon lange.…
Nâzım Hikmet wurde 1902 in Saloniki geboren, einer Stadt, die damals zum Osmanischen Reich gehörte und heute griechisch ist, und starb 1963 in Moskau, nachdem er Jahre im türkischen Gefängnis verbracht und schließlich ins Exil gezwungen worden war. Sein Leben ist von erzwungenen Ortswechseln geprägt – Gefängnis, Exil, Flucht –, und diese Bewegung zwischen Räumen…