Kategorie: Angeregte Dialoge

Literatur ist für mich weit mehr als reine Information und Unterhaltung – sie ist ein Quell der Inspiration und Anlass für lebendige Gespräche, sowohl innere als auch äußere. Anstatt in der stillen Rezeption zu verharren, nutze ich die Kraft der Texte, um mein eigenes Denken anzustoßen und neue Perspektiven zu gewinnen.

In dieser Rubrik versammle ich Arbeiten, die aus solchen Begegnungen entstanden sind – in Worten, Bildern, Tönen. Sie sind keine Rezensionen, sondern eigenständige Antworten: Spuren eines Dialogs, der zwischen den Zeilen stattfindet und nach verschiedenen Ausdrucksformen sucht.

  • Marina Büttner – Notizen, Selbstgespräche

    Marina Büttner – Notizen, Selbstgespräche

    In der WORTSCHAU #44 bin ich auf ein Selbstgespräch von Marina Büttner gestoßen: „In einem vorherigen Leben war ich eine Reisende.“ Reflektierende Notizen um das Reisen – das innere wie das räumliche, um Bewegung und Stillstand, um Erinnerung und Verlust. Etwas in diesem Satz resonierte, ohne dass ich sofort hätte sagen können, warum.

    Eine erste Annäherung: Was steht da?

    Gebunden und dennoch unterwegs

    Der Text beginnt mit einer zeitlichen Verschiebung: „In einem vorherigen Leben war ich eine Reisende.“ Die Formulierung legt nahe, dass zwischen damals und heute ein Bruch liegt, vielleicht sogar eine Art Tod des früheren Selbst. Doch gleich im nächsten Satz wird dieser Zustand präzisiert: „Ich war gebunden, aber reisend.“

    Das ist keine Auflösung des Widerspruchs, sondern seine Benennung. Büttner arbeitet hier mit Paradoxien, die nicht aufgelöst werden können und auch nicht sollen. Wer gebunden ist und dennoch reist, bewegt sich in einem Zwischenraum – vielleicht physisch eingeschränkt, aber mental oder imaginativ in Bewegung. Oder umgekehrt: äußerlich unterwegs, aber innerlich gefangen.

    „Von Sprachlosigkeit umgeben, aber war auf Reisen“ – auch hier wieder: keine Erklärung, keine Hierarchie zwischen den beiden Zuständen. Die Sprachlosigkeit wird nicht überwunden durch das Reisen, sie begleitet es.

    Reisen als Denkbewegung

    „Während ich ging, verfasste ich formelle Gedanken, um sie weiter zu verfolgen.“

    Hier wird das Gehen zum Denken, das Reisen zur intellektuellen Praxis. Die „formellen Gedanken“ klingen zunächst steif, fast bürokratisch – doch das Wort „formell“ könnte auch bedeuten: in Form gebracht, fixiert, damit sie nicht verlorengehen. Das Reisen erzeugt Gedanken, und diese müssen festgehalten werden, um ihnen „weiter zu folgen“.

    Es entsteht ein doppeltes Folgen: Die Sprecherin folgt einem Weg, und sie folgt ihren eigenen Gedanken, die während des Gehens entstehen.

    Eine Reise ist ein Augapfel

    Dieser Satz ist der Dreh- und Angelpunkt des Textes. Die Metapher ist ungewöhnlich, fast befremdlich: „Eine Reise ist ein Augapfel.“

    Der Augapfel ist das Organ des Sehens – verletzlich, exponiert, ohne Schutz. Er ist das, womit wir die Welt wahrnehmen, aber er ist auch das, was gesehen werden kann. Eine Reise als Augapfel zu bezeichnen, bedeutet also: Die Reise ist ein Wahrnehmungsorgan. Sie ist die Art und Weise, wie die Sprecherin die Welt erfährt.

    Doch im nächsten Satz wird die Metapher weitergedreht: „Ich sehe und versehe mich, kann keinen Abstand zum Vergangenen halten.“

    „Versehen“ hat mehrere Bedeutungen: sich irren, aber auch: ausgestattet sein, versorgt werden. Beides passt hier. Die Sprecherin sieht, aber sie sieht auch falsch, oder sie sieht zu viel. Der fehlende Abstand zum Vergangenen bedeutet: Die Erinnerungen drängen sich auf, ohne Distanz, ohne Filter.

    Bilder, die bedrängen

    „Dichter kommt nun alles, was ich auf meinen Reisen sah und bedrängt mich, bis ich nach Luft schnappe und weine.“

    Die Erinnerungen sind keine sanften Rückblicke. Sie bedrängen, sie nehmen der Sprecherin die Luft. Das „Dichter“ meint hier nicht nur räumlich näher, sondern auch intensiver, verdichteter. Was einst erlebt wurde, kommt jetzt mit voller Wucht zurück.

    Und dann folgt eine der stärksten Stellen im Text: „Ich vergesse nie das Fußbad im warmen Schwefelwasser, obwohl es November war, halt ich die Sonne an einem Bindfaden fest.“

    Das Bild ist so konkret und zugleich so surreal, dass es wie ein Traum wirkt. Das Schwefelwasser im November – ein Kontrast zwischen Wärme und Kälte, zwischen Heilung und rauer Jahreszeit. Die Sonne am Bindfaden – ein unmögliches Bild, das dennoch funktioniert, weil es die Verzweiflung zeigt, mit der die Sprecherin versucht, einen Moment festzuhalten.

    „Das funktioniert, wenn man am Ort seiner großen Sehnsucht ist.“

    Dieser Satz ist eine Erklärung, aber auch ein Eingeständnis: Diese Fixierung ist nur möglich, wenn man dort ist, wo man hinwollte. Doch was passiert, wenn man diesen Ort verlässt?

    Das Licht des Fortseins

    „Am Fortsein ist immer das Licht am schönsten, das morgens über die Seele streicht.“

    „Fortsein“ – ein einfaches, fast kindliches Wort, und doch so präzise. Es meint nicht das Ankommen, sondern das Unterwegssein. Das Licht, das morgens über die Seele streicht, ist ein Bild von großer Zartheit. Es ist keine äußere Landschaft, die beschrieben wird, sondern eine innere Stimmung.

    Das Reisen wird hier zu einem Zustand erhöhter Wahrnehmung, in dem das Licht anders erscheint, in dem die Seele berührt wird. Doch dieser Zustand ist vergangen.

    Schlagbäume und der Abstieg

    „Doch die Ferne war weit und die Reisen wurden rar. Wann wurden die Wege mit Schlagbäumen versehen?“

    Die Frage bleibt offen. Es gibt keine Antwort darauf, wann und warum die Wege versperrt wurden.

    „Keine Passage, nur der Abstieg. Felsige Krusten.“

    Die Sprache wird härter, karger. Keine weichen Bilder mehr, keine Sonne am Bindfaden. Nur noch Fels, Kruste, Abstieg. Das Reisen ist zu Ende, und was bleibt, ist ein Absteigen in etwas Steinernes, Unbewegliches.

    Die Unruhe der Zurückgebliebenen

    „Wäre ich geblieben, wäre ich eine Reisende. So bin ich die Unruhe der Zurückgebliebenen.“

    Der letzte Satz ist ein meisterhaft konstruiertes Paradox. Wäre sie geblieben – an einem Ort, ohne zu reisen –, wäre sie eine Reisende. Das klingt zunächst widersprüchlich, macht aber Sinn, wenn man das Reisen als innere Haltung begreift.

    Doch stattdessen ist sie „die Unruhe der Zurückgebliebenen“. Nicht: Sie hat Unruhe. Sie ist sie. Die Identität ist vollständig mit diesem Zustand verschmolzen.

    „Zurückgebliebene“ ist ein mehrschichtiges Wort: räumlich zurückgelassen, aber auch entwicklungsmäßig steckengeblieben. Wer zurückgeblieben ist, hat etwas verpasst, ist nicht mitgekommen.

    Zweite Schicht: Wie der Text arbeitet

    Reise als Selbstbeschreibung, nicht als Handlung

    Beim ersten Lesen scheint der Text von Reisen zu erzählen. Doch beim genaueren Hinsehen wird deutlich: Es geht nicht um Orte, nicht um Bewegungen durch die Welt. Der Text beschreibt kein Unterwegssein, sondern die Unmöglichkeit, es fortzusetzen.

    Das Reisen ist rückwärts betrachtet – eine frühere Identität. Die Sprecherin beschreibt nicht die Welt, sondern den Zustand ihres inneren Kompasses. Das fehlende Reisen ist ein Symptom dafür, dass der eigene Rhythmus gestört wurde.

    Das ist der entscheidende Punkt: Der Text handelt nicht von Reisen, sondern vom Selbst als Reisende. Reisen ist hier kein Tun, sondern eine Seinsweise.

    Das paradoxe Ich

    Der Text definiert sein Ich ausschließlich über Zustände, die sich widersprechen:

    • Gebunden/reisend
    • Sprachlos/unterwegs
    • Bleibend/reisend

    Dadurch entsteht ein „Ich“, das zwischen Modus und Identität eingeklemmt ist. Es gibt keinen festen Ort mehr, nur noch Verschiebungen. Der Text handelt damit weniger vom Reisen selbst als vom Verlust der eigenen Beweglichkeit als Lebensprinzip.

    Aber lässt sich das noch weiter fassen? Diese Paradoxien sind nicht nur stilistische Figuren. Sie zeigen ein Selbst, das sich selbst nicht mehr greifen kann. Jede Selbstbeschreibung kippt sofort in ihr Gegenteil. Das ist nicht Unsicherheit, sondern strukturelle Unmöglichkeit: Es gibt keine Position mehr, von der aus sich das Ich beschreiben ließe, ohne sich zu widersprechen.

    Erinnerung als Überdruckkammer

    Die Erinnerungen bedrängen die Sprecherin so stark, dass sie körperlich werden – Luftnot, Tränen. Das ist nicht nostalgisch. Es ist eine Art Rückstau. Die Bilder – Schwefelwasser, Sonne am Bindfaden – sind keine Idylle, sondern Konzentrate, verdichtet bis zur Schmerzgrenze.

    Ich hatte zunächst von „sensorischen Fixpunkten“ gesprochen, aber das ist zu harmlos. Diese Bilder sind keine Anker. Sie erzeugen Druck. Sie funktionieren wie eine Überdruckkammer: Das Vergangene wird komprimiert, bis es physisch spürbar wird.

    Der Text lässt offen, ob diese Bilder verlässlich sind. „Versehe mich“ deutet an, dass Erinnerung sowohl trägt als auch täuscht. Die Sonne am Bindfaden ist ein unmögliches Bild – aber es funktioniert, wie der Text selbst sagt. Funktioniert als psychische Realität, nicht als faktische.

    Schlagbäume – real oder metaphorisch?

    Die Frage „Wann wurden die Wege mit Schlagbäumen versehen?“ bleibt unbeantwortet. Zunächst wirkt sie wie eine Metapher für innere Grenzen – Erschöpfung, Verlust, Alter, psychische Überlastung.

    Doch wenn man genauer hinsieht: Schlagbäume sind konkret. Staatlich. Sichtbar. Sie markieren Grenzen, die von außen gesetzt werden. Könnte der Text also auch von realen Reisehindernissen sprechen – ökonomischen Barrieren, Grenzregimen, gesundheitlichen Einschränkungen, politischen Verhältnissen?

    Der Text hält beide Lesarten offen. Und gerade diese Unentscheidbarkeit macht ihn stark. Die Schlagbäume sind da – ob sie nun äußere Mächte sind (Staat, Gesellschaft, Gesundheitssystem) oder innere Blockaden, wird nicht geklärt. Vermutlich ist es beides zugleich. Der Moment, in dem man nicht mehr reisen kann, ist selten nur innen oder nur außen begründet.

    Verschobene Zeitlichkeit

    Der Text arbeitet mit einer eigenartigen Zeitstruktur:

    • Das „vorherige Leben“ könnte gestern gewesen sein oder Jahrzehnte zurückliegen
    • Das „Fortsein“ ist ein temporärer Zustand, der idealisiert wird
    • Das Jetzt ist unscharf, nicht lokalisiert

    Die Zeit ist nicht chronologisch organisiert, sondern atmosphärisch. Aber könnte man nicht noch einen Schritt weitergehen?

    Die Erinnerungen kehren zurück, als wären sie gegenwärtig („bedrängt mich, bis ich nach Luft schnappe“), während das Gegenwärtige verschwimmt. Das wäre typisch für traumatische Zeit: Das Vergangene drängt sich auf, das Jetzt verliert seine Kontur. Der Text arbeitet nicht mit Vergangenheit und Gegenwart als klar getrennten Zeiten, sondern mit einem Ineinander, in dem das Frühere das Jetzt überlagert.

    Dritte Schicht: Was darunter liegt

    Der eigentliche Bruch

    Beim mehrfachen Lesen kristallisiert sich etwas heraus, das zunächst nicht greifbar war: Der Text beschreibt genau den Moment, in dem jemand merkt, dass das innere Reisen aufgehört hat, bevor das äußere aufgehört hat. Und umgekehrt: Das äußere Reisen hat aufgehört, bevor man bereit war.

    Zwischen diesen beiden Erkenntnissen entsteht die „Unruhe“, die den Text trägt.

    Es ist nicht nur der Verlust des Reisens. Es ist die Erkenntnis, dass man den Moment verpasst hat, an dem es aufhörte. „Wann wurden die Wege mit Schlagbäumen versehen?“ – die Frage zeigt, dass die Sprecherin es nicht weiß. Es ist schon passiert, ohne dass sie es bemerkt hätte.

    Die Identität der Zurückgebliebenen

    Der Schlusssatz stellt die größte Zumutung: Das Ich kann nicht mehr reisen – und kann nicht mehr bleiben. Es ist festgelegt auf einen Zustand, der sich selbst widerspricht: Zurückgeblieben und zugleich unruhig.

    Diese Unruhe ist nicht Bewegung, sondern Bewegungslosigkeit mit innerer Spannung. Der Text endet also nicht in Stillstand, sondern in einem Zustand, der weder vor noch zurück ermöglicht.

    Und hier zeigt sich vielleicht am klarsten, wovon der Text eigentlich handelt: vom Verlust der Beweglichkeit als Lebensprinzip. Nicht von der Unmöglichkeit, physisch zu reisen, sondern von der Unmöglichkeit, sich noch als jemand zu begreifen, der in Bewegung ist.

    „Wäre ich geblieben, wäre ich eine Reisende“ – dieser Satz ist kein Wunsch, sondern eine Diagnose. Er sagt: Die Entscheidung, nicht zu bleiben, hat paradoxerweise dazu geführt, dass die innere Beweglichkeit verlorengegangen ist. Hätte sich das Ich entschieden, an einem Ort zu bleiben, hätte es vielleicht die Freiheit bewahrt, innerlich zu reisen. Doch so ist es weder das eine noch das andere.

    Schluss: Ein Text über Verlust und Identität

    „Notizen, Selbstgespräche“ ist ein Text über die Verschiebung von einer beweglichen Existenz hin zu einem Leben, in dem Reisen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn – nicht mehr möglich ist. Es ist ein Text über den Verlust einer Identität und die quälende Erinnerung an das, was einmal war.

    Büttner schreibt nicht anklagend, nicht selbstmitleidig. Sie schreibt beobachtend, fast sachlich – und gerade das macht die Intensität aus. Die Paradoxien werden nicht aufgelöst, die Widersprüche nicht geglättet. Sie bleiben stehen, wie Felsen, wie felsige Krusten.

    Und vielleicht ist genau das die Stärke dieses Textes: dass er keine Antworten gibt, sondern einen Zustand benennt, der sich nicht auflösen lässt. Die Unruhe bleibt. Sie ist das, was übrigbleibt, wenn das Reisen aufhört – das innere wie das äußere.

    Zu Marina Büttner - Notizen Selbstgespräche
    Zu Marina Büttner – Notizen Selbstgespräche

    Keine Illustration, eher ein Echo
    Diese Aquarell habe ich nach der Lektüre angefertigt. Es stellt den Text nicht nach, sondern öffnet denselben Raum: Zwischenfigur, Schwebe, Fragmentierung, ein geteiltes Selbst. Es ist eine kleine Topografie des Unterwegsseins enstanden: außen Bewegung, innen Unruhe. Beide bleiben sichtbar, aber sie greifen nicht ineinander. Ich habe versucht festzuhalten, was im Text nur kurz aufleuchtet – den schmalen Raum zwischen Fortsein und Zurückbleiben.

  • Eine andere Art zu erzählen – John Berger und Jean Mohr

    Eine andere Art zu erzählen – John Berger und Jean Mohr

    Es gibt Bücher, die man liest, und es gibt Bücher, mit denen man arbeitet. „Eine andere Art zu erzählen“ gehört zur zweiten Kategorie. John Berger, der britische Schriftsteller und Kunstkritiker, und Jean Mohr, der Schweizer Fotograf, haben 1982 etwas geschaffen, das sich zwischen Essay, Bildband und Experiment bewegt – ein Buch, das die Frage stellt: Wie erzählen Bilder Geschichten?

    Die beiden kannten sich bereits aus früheren Projekten. 1975 hatten sie gemeinsam „A Seventh Man“ veröffentlicht, ein Buch über Gastarbeiter in Europa. Berger war zu diesem Zeitpunkt schon durch „Ways of Seeing“ (1972) bekannt geworden, seine kritische Auseinandersetzung mit der visuellen Kultur. Mit Mohr fand er einen Partner, der nicht nur fotografierte, sondern mitdachte.

    Drei Teile, drei Zugänge

    Das Buch gliedert sich in drei deutlich unterschiedliche Abschnitte, die jeweils einen eigenen Zugang zum Thema suchen.

    Teil 1: Essay

    Berger beginnt mit theoretischen Überlegungen zur Fotografie. Er beschreibt das Foto als „Zitat aus der Erscheinung“ – einen herausgerissenen Moment, der den Fluss der Zeit unterbricht. Ein Foto zeigt, dass etwas existiert hat, aber es bleibt unklar, was genau es bedeutet. Diese Doppeldeutigkeit zieht sich durch alle seine Gedanken: Private Fotos funktionieren als Erinnerungsstützen, sie brauchen die persönliche Geschichte dahinter. Öffentliche Fotos versuchen ohne dieses Vorwissen auszukommen, schaffen es aber nie ganz. Berger vergleicht die Fotografie eher mit Poesie als mit Prosa – sie deutet an, statt zu erklären.

    Teil 2: Wenn jedes Mal…

    Der mittlere Teil verzichtet fast vollständig auf Worte. Etwa 150 Schwarzweißfotografien von Jean Mohr zeigen das Leben einer Frau, vermutlich einer Bäuerin in den Alpen. Keine Bildunterschriften, keine Erklärungen. Die Bilder sind nicht chronologisch geordnet, sondern assoziativ montiert: Porträts wechseln sich ab mit Landschaften, Großaufnahmen von Händen bei der Arbeit, Innenräumen, Gesichtern. Es geht um Arbeit, ums Altern, um Einsamkeit und die Verbundenheit mit dem Land.

    Verschiedene Betrachter werden hier unterschiedliche Geschichten sehen. Das ist Absicht. Berger und Mohr legen Spuren aus, aber sie schreiben nicht vor, wohin sie führen. Man blättert vor und zurück, verweilt bei einzelnen Bildern, sucht nach Verbindungen. Manche Momente sind klar lesbar, andere bleiben rätselhaft: Ist die Frau traurig oder einfach nachdenklich?

    Teil 3: Geschichten

    Im letzten Teil kommen Berger und Mohr ins Gespräch. Sie diskutieren konkrete Fotos aus Mohrs Archiv. Berger erzählt, welche Geschichten er in bestimmten Bildern sieht. Mohr erklärt die tatsächlichen Umstände ihrer Entstehung. Die Kluft zwischen dem Moment der Aufnahme und dem Moment der Betrachtung wird sichtbar. Sie sprechen über praktische Fragen: Wie wählt man aus Hunderten von Fotos die richtigen aus? Wie ordnet man sie an, ohne ihre Offenheit zu zerstören?

    Wie das Buch funktioniert

    „Eine andere Art zu erzählen“ arbeitet bewusst gegen das klassische Fotobuch-Format. Text und Bild stehen gleichberechtigt nebeneinander, keines illustriert das andere. Die Fotografien zeigen Bauern, Landarbeiter, Details von Händen und Werkzeugen, Gesichter in Nahaufnahme. Die Sequenzen sind mehrdeutig gehalten – man soll selbst interpretieren, verbinden, eine eigene Geschichte konstruieren.

    Berger und Mohr sehen in der Fotografie die Möglichkeit, die Geschichten gewöhnlicher Menschen zu erzählen. Nicht die der Mächtigen oder Berühmten, sondern die der Menschen, die sonst kaum sichtbar werden. Das Foto reißt einen Moment aus dem Zeitfluss, schafft eine radikale Diskontinuität. Anders als beim Film gibt es kein Vorher und Nachher. Diese Lücken muss der Betrachter füllen.

    Ein Buch zum Erfahren

    Ich lese dieses Buch nicht linear von vorne nach hinten. Es ist eher ein Erleben. Man blättert, kehrt zurück, entdeckt neue Zusammenhänge. Berger schreibt irgendwo, dass Fotografie näher an der Poesie liegt als an der Prosa. Das gilt auch für dieses Buch selbst – es fordert Zeit, Aufmerksamkeit, die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, das sich nicht sofort erschließt.

    Die Wirkung des Buches reichte über die dokumentarische Fotografie hinaus. Es beeinflusste die visuelle Anthropologie, die Kunsttheorie, die Medienwissenschaften. Es zeigte, dass die Grenzen zwischen Bildkunst und Literatur fließend sind, dass beide Medien miteinander in Dialog treten können.

    Bibliographische Angaben:
    John Berger & Jean Mohr: Eine andere Art zu erzählen
    Originaltitel: Another Way of Telling
    Erstveröffentlichung: 1982 (englisch)
    Deutsche Ausgabe: 1984
    Verlag: Luchterhand Literaturverlag

    Weitere Werke der Autoren:
    John Berger: Ways of Seeing (1972)
    John Berger & Jean Mohr: A Seventh Man (1975)

  • Literatur aus Fotografien

    Literatur aus Fotografien

    Bei der Lektüre von John Bergers und Jean Mohrs Eine andere Art zu erzählen stellte sich mir eine Frage: Gibt es Literatur, die überwiegend aus Fotografien besteht – ähnlich wie Comics oder Graphic Novels ihre Geschichten in Bildern erzählen? (Damit meine ich nicht die Foto-Love-Story aus der Bravo die ich in meiner Jugend nicht las.)
    Die Antwort: Ja, und zwar in einer bemerkenswerten Vielfalt von Formen und Traditionen, die von Kitsch bis Hochkunst reichen.

    Der Fotoroman: Populäre Bilderzählungen

    Beginnen wir mit dem wohl bekanntesten Format: dem Fotoroman oder der Photo Novel. Nach dem Zweiten Weltkrieg in Italien als „fotoromanzo“ entstanden, eroberte diese Form in den 1950er bis 1970er Jahren ganz Europa und Lateinamerika. Ähnlich wie Comics präsentieren Fotoromane ihre Geschichten in Panels mit Sprechblasen und Texteinschüben. Meist erzählten sie melodramatische Liebesgeschichten und galten später als trivial – doch ihre kulturelle Bedeutung war immens. Sie machten visuelle Narrationen für ein breites Publikum zugänglich.

    In Lateinamerika entwickelte sich daraus die Fotonovela, die oft sozialkritische oder didaktische Themen aufgriff und sogar für Aufklärungskampagnen zu Gesundheit und Politik eingesetzt wurde. Hier zeigte sich bereits, was Fotos von Zeichnungen fundamental unterscheidet: ihre dokumentarische Kraft, ihr Anspruch „das war wirklich da“.

    Das narrative Fotobuch als Kunstform

    Ganz anders verhält es sich mit dem künstlerischen Fotobuch, in dem die Abfolge der Bilder selbst zur Erzählung wird – oft mit minimalem oder ganz ohne begleitenden Text. Robert Franks The Americans von 1958 gilt hier als Meilenstein: Seine Reise durch die USA wird allein durch die Sequenz der Fotografien zur Erzählung über ein Land und seine Menschen.

    W. Eugene Smiths Minamata (1975) dokumentiert die tragische Geschichte einer Quecksilbervergiftung in Japan und zeigt, wie Fotografie gleichzeitig bezeugen und anklagen kann. Duane Michals entwickelte kurze Fotosequenzen von sechs bis zwölf Bildern, die wie visuelle Kurzgeschichten funktionieren, manchmal ergänzt durch handgeschriebene Textfragmente.

    Zwischen Autobiografie und Politik

    Heute arbeiten Künstlerinnen und Künstler wie Sophie Calle an der Schnittstelle von Fotografie und Autobiografie, untersuchen Intimität und Überwachung. Taryn Simon schafft narrative Fotoserien zu politischen Themen. Jim Goldbergs Raised by Wolves (1995) kombiniert seine Aufnahmen obdachloser Jugendlicher mit deren eigenen Notizen und Zeichnungen – ein vielstimmiges visuelles Dokument.

    Besonders bemerkenswert ist Chris Markers La Jetée (1962): Technisch ein Film, besteht er fast vollständig aus Standbildern und erzählt eine Science-Fiction-Geschichte von betörender Intensität. Gerade die Unbeweglichkeit der Bilder erzeugt hier die narrative Spannung.

    Neue Wege, alte Fragen

    Nach Jahren der Vernachlässigung findet das Erzählen mit Fotos wieder neue Formen. Zines und Independent-Publishing-Projekte experimentieren mit fotografischen Erzählweisen. Social Media hat Möglichkeiten sequenzieller Bildgeschichten geschaffen, die vor zwanzig Jahren undenkbar waren. Die Grenzen zwischen Dokumentation und Inszenierung, zwischen Realität und Fiktion verschwimmen zunehmend – durch digitale Manipulation, durch konzeptuelle Ansätze, durch KI.

    Künstler wie Ed Ruscha zeigten schon früh, wie radikal minimalistisch solche Narrationen sein können: Sein Twentysix Gasoline Stations (1963) präsentiert einfach 26 Fotos von Tankstellen – und erzählt gerade dadurch von Amerikas Straßenkultur und Konsumgesellschaft.

    Der entscheidende Unterschied

    Was Foto-Literatur von Graphic Novels oder Comics grundsätzlich unterscheidet, ist die fotografische Evidenz: Ein Foto behauptet immer „das war wirklich da“, während eine Zeichnung reine Imagination sein kann. Diese veränderte Lesart prägt unser Verhältnis zur Geschichte – wir glauben Fotografien anders als Zeichnungen, auch wenn wir heute wissen, dass auch Fotos inszeniert, manipuliert und konstruiert sein können.

    Für Fans von Berger und Mohr

    Wer sich von John Bergers und Jean Mohrs Arbeit inspirieren lässt, findet verwandte Ansätze bei Nan Goldin, deren The Ballad of Sexual Dependency (1986) ein zutiefst persönliches, autobiografisches Fotobuch ist – narrativ, emotional, schonungslos. Oder bei Gilles Peress‘ Telex Iran (1984), das die iranische Revolution wie ein visuelles Tagebuch dokumentiert.

    Diese Werke zeigen: Fotografie kann Literatur sein, kann erzählen, bezeugen, erfinden. Die Geschichte der Foto-Literatur ist die Geschichte unseres Verhältnisses zur Wirklichkeit selbst – und zur Frage, wie wir sie in Bildern festhalten und weitergeben können.

    Selbst beginnen?

    Mich beschäftigt der Gedanke, ob man so etwas nicht auch selbst versuchen könnte. Nicht als professionelles Projekt, sondern als Experiment: Was würde passieren, wenn ich eine Woche lang täglich drei Fotos machte, die zusammen eine Geschichte ergeben? Welche Geschichte würde sich zeigen – eine, die ich plane, oder eine, die sich erst im Prozess offenbart?

    Oder anders: Müsste man überhaupt selbst fotografieren? Ed Ruscha hat gefundene, banale Tankstellen-Fotos zur Kunst erklärt. Könnte man nicht auch mit dem eigenen Fotoarchiv arbeiten, es neu ordnen, neu lesen? Welche unerwarteten Narrative schlummern in den hunderten Handyfotos, die wir alle unbewusst ansammeln?

    Und die Frage nach dem Text: Braucht es Worte, oder würde Text die Bilder einschränken? Duane Michals hat manchmal handgeschriebene Sätze hinzugefügt – aber wann unterstützt Text, wann stört er? Vielleicht liegt gerade in dieser Unsicherheit der Reiz: auszuprobieren, wo die Grenze zwischen zu viel und zu wenig verläuft.

    Was mich am meisten interessiert: Verändert sich der eigene Blick, wenn man anfängt, in Sequenzen zu denken statt in Einzelbildern? Sieht man die Welt anders, wenn man nach dem nächsten Bild einer Geschichte sucht, die noch nicht zu Ende erzählt ist?

  • Katia Tangians Barsik

    Katia Tangians Barsik

    Katia Tangians Cover für diese Ausgabe zeigt ein Foto aus den Achtzigern: ein Mann, der grimassiert, im Hintergrund Teile einer Stereoanlage. Ein Schnappschuss, wie es ihn tausendfach gibt. Der Text, der das Bild umfließt, erzählt von Barsik – einem Kater, der in der Nachbarschaft als bösartiges Mistvieh galt und ständig mit den anderen Katern auf Kriegsfuß stand. Die Schwester hat ihn vor rund 40 Jahren mit einer Einwegkamera fotografiert.

    Nur: Barsik ist nicht im Bild. Nicht angeschnitten, nicht unscharf im Hintergrund – einfach nicht da. Das Foto und die Geschichte haben nur den Moment gemeinsam, nicht das Motiv. Was blieb, ist dieser Mann mit seiner Grimasse, vielleicht der Bruder, vielleicht ein Nachbar. Ob das Bild nachträglich beschnitten wurde oder die Kamera einfach daneben zielte, bleibt offen. Das Eigentliche ist verschwunden oder war nie da.

    Tangian zeigt, wie Erinnerung arbeitet: nicht dokumentarisch, sondern assoziativ. Das Foto ist der Anlass, nicht der Beweis. Die Geschichte von Barsik – seinem Temperament, seinen Revierkämpfen, seiner Präsenz in der sowjetischen Nachbarschaft – existiert parallel zum Bild, nicht in ihm. Was verblasst ist, sind nicht die Farben, sondern die Eindeutigkeit.

    Tangian eröffnet diese Ausgabe mit einer Geste, die zugleich großzügig und präzise ist: Sie gibt das Motiv weiter. Das verfehlte Foto wird zur Methode. Was ein Bild nicht zeigt, kann der Anfang von allem sein.

    Auch meine Fotos verhalten sich manchmal so. Das Bild hier zeigt eine Wiese in Paris, zwei Personen, eine davon liegt verrenkt am Boden. Was es nicht zeigt: Notre-Dame. Ich hatte versucht, die Kirche aus einer Perspektive zu fotografieren, die nicht schon tausendfach existiert – eine dieser typisch ehrgeizigen Fotografie-Gesten. Ein Klassenkamerad fand das komisch genug, um sich demonstrativ auf den Boden zu werfen und mich nachzuahmen. Die anderen lachten mit.

    In dem Moment fotografierte ich nicht mehr die Kirche, sondern ihn. Das Bild zeigt seinen Spott, die Situation, den Moment, in dem das ursprüngliche Motiv irrelevant wurde. Notre-Dame ist nirgendwo zu sehen, nicht einmal im Hintergrund. Was blieb, ist dieser Mensch auf der Wiese, die Hecke dahinter, das Licht auf dem Gras. Und die Erinnerung daran, wie eine fotografische Ambition in eine Pointe kippte.

    Das Foto dokumentiert sein eigenes Scheitern – oder seine eigene Wendung, je nachdem. Es zeigt nicht, was ich sehen wollte, sondern was dazwischenkam. Genau wie bei Barsik.

    Bei der Lektüre fiel mir ein Buch ein, das länger nicht mehr gelesen habe: Eine andere Art zu erzählen von john Berger und Jean Mohr.

  • Jane Wels – Bitte versuchen sie, …

    Jane Wels – Bitte versuchen sie, …

    Annähernd gelesen | Zwischen Sprache, Ordnung und Auflösung
    Jane Wels‘ Gedicht „Bitte versuchen Sie,“ ist ein Text über die Unmöglichkeit, gefasst zu werden – und zugleich ein Text, der sich selbst beim Versuch des Fassens beobachtet. Es spielt mit der Spannung zwischen Sprache und Identität, zwischen Ordnung und Auflösung, und ist dabei zugleich selbstreflexiv, ironisch und von einer fast trotzigen Eleganz durchzogen.

    1. Anrede und Selbstbehauptung

    Der Titel und die ersten Zeilen klingen wie eine höfliche, aber bestimmte Aufforderung: „Bitte versuchen Sie, mich nicht in Begrifflichkeiten zu fassen.“ Das lyrische Ich wehrt sich gegen Einordnungen, Etiketten, gegen sprachliche oder gesellschaftliche Zuschreibungen. Es fordert Freiheit für das „Kontinuum“ – für das Fließende, Unabgeschlossene, das sich jeder Kategorisierung entzieht.

    Doch hier beginnt bereits die Paradoxie: Das Gedicht selbst ist Sprache, ist begriffliche Annäherung. Es kann gar nicht anders, als sich in Worten zu artikulieren, während es darum bittet, nicht in Worten gefasst zu werden. Diese performative Spannung durchzieht den gesamten Text.

    2. Ironische Präzision und Alltagsmaterialität

    „Die Ranunkeln sind Handelsklasse A.“ – Eine nüchterne, fast absurde Genauigkeit. Das Poetische kippt ins Bürokratische, und umgekehrt. Blumen, traditionelles Symbol für Schönheit und Vergänglichkeit, werden zur Ware, zum klassifizierten Produkt. Diese Durchmischung von Gefühl und Warenlogik zieht sich durch den Text: Parfum, ISBN, Handelsklasse – überall dringt die Ordnung ein, selbst ins Intimste.

    Der Wasserhahn, der „nicht stehen bleiben“ kann, verstärkt dieses Motiv des Unkontrollierbaren. Etwas tropft, läuft, entzieht sich der Stillstellung. Das Technische (der Wasserhahn) wird zur Metapher für das, was nicht aufhört, was sich der Fassung widersetzt.

    3. Pathos und Selbstkontrolle

    „Pathos tropft! Ich schwöre. Mein Parfum heißt L’INTERDIT.“ – Pathos wird bewusst inszeniert, aber zugleich ironisch gebrochen. „L’INTERDIT“ („das Verbotene“) verweist auf ein Parfum von Givenchy – Symbol für Sinnlichkeit, Verbot und die Inszenierung von Weiblichkeit. Das lyrische Ich trägt das Verbotene als Namen, als Duft, als zweite Haut. Es identifiziert sich mit der Grenzüberschreitung, während es gleichzeitig darum ringt, diese im Zaum zu halten.

    4. Sprache als Körpererfahrung

    „Es ist so wunderbar, das ‚R‘ über die Zunge rollen zu lassen.“ – Hier wird Sprache körperlich, sinnlich, fast erotisch. Das Rollen des „R“ ist eine physische Geste, ein Genuss am Klang, am Vibrieren im Mund. Doch sogleich folgt die Korrektur: „Gehört sich aber nicht. Contenance!“

    Das Ich diszipliniert sich selbst. Leidenschaft und gesellschaftliche Fassung prallen aufeinander. „Contenance“ – französisch für Haltung, Beherrschung – ist das Gegengewicht zum tropfenden Pathos, zum rollenden R. Der Text inszeniert einen inneren Konflikt zwischen Ausdruck und Anstand, zwischen dem Wunsch nach Entgrenzung und der Notwendigkeit der Form.

    5. Zeit, Buch und Endlichkeit

    „Die ‚Letzte Buchung‘ fällt, an der ISBN bekomme ich sie gerade noch zu fassen, lege sie neben ‚Paris Rot‘, während der Glockenschlag siebenmal die Zeit intoniert.“

    Das Motiv der „Buchung“ ist hier mehrfach codiert: als kaufmännischer Begriff (Abrechnung, Bilanz), als bibliographisches Objekt (das Buch mit ISBN), vielleicht sogar als existenzielle Buchführung – eine Abrechnung mit der eigenen Lebenszeit. Die „Letzte Buchung“ fällt – ist das ein Ende? Ein Abschluss?

    „Paris Rot“ könnte ein Buchtitel sein, eine Farbe, eine Assoziation. Die sieben Glockenschläge evozieren biblische Zeitlichkeit: die sieben Schöpfungstage, die sieben Siegel der Apokalypse. Das Gedicht verdichtet hier verschiedene Ordnungssysteme – ökonomische, literarische, religiöse – und lässt sie ineinander kollabieren.

    6. Selbstkommentar und Schluss

    „Warum so biblisch?“ – Die Sprecherin reflektiert ihr eigenes Pathos, nimmt sich selbst nicht ganz ernst, bricht die Schwere ironisch. Diese selbstkritische Wendung ist typisch für den Ton des Gedichts: Es ist sich seiner eigenen Gesten bewusst, spielt mit ihnen, ohne sie völlig zu entwerten.

    Der letzte Vers – „Das Licht fällt immer in den Schatten, sagt dieser Mund und legt sich zum Schweigen.“ – schließt mit einem paradoxen, fast zen-artigen Bild. Normalerweise wirft Licht Schatten; hier aber fällt es in den Schatten hinein. Erkenntnis führt nicht zur Klarheit, sondern zur Verdunkelung. Und der Mund, der dies ausspricht, verstummt. Nach all den Worten, nach dem Ringen um Ausdruck: Stille. Vielleicht die einzige Möglichkeit, dem Kontinuum tatsächlich Raum zu geben.

    Kurz gefasst

    Das Gedicht handelt – in meiner Lesart – vom Widerstand gegen Definitionen, vom Kampf zwischen Gefühl und Form, und von der Selbstwahrnehmung im sprachlich-normierten Raum. Jane Wels nutzt Ironie, Sprachbewusstsein und präzise Brüche, um eine Figur zu zeigen, die sich der Zuschreibung entzieht – poetisch, weiblich, reflektiert und zugleich zerrissen zwischen Ausdruck und Contenance.

    Ein Bild als Antwort – Über eine andere Art Gedichte zu lesen

    Das Gedicht bittet darum, nicht in Begrifflichkeiten gefasst zu werden. Ich habe es trotzdem versucht – weil das der erwartete Weg ist. Die Analyse. Das Benennen. Das Erklären. Ein Weg, mit dem ich immer wieder schwer tue.

    Parallel dazu entstand ein zweiter Versuch. Ich griff zum Pinsel, hatte ohnehin gerade mit Acryl gearbeitet, und ließ mich treiben. Kein Plan, kein Konzept – nur der Versuch, den Text anders zu erfassen. Nicht mit dem Verstand, sondern gefühlt. Nicht gefühlsduselig, sondern als eine andere Form des Begreifens. Eine, die dem Gedicht vielleicht näher kommt.

    Zu Jane Wels - Bitte versuchen Sie - Wortschau 44
    Zu Jane Wels – Bitte versuchen Sie, … – Wortschau 44

    Zwei Wege. Der eine erwartet, der andere experimentell. Beide unvollkommen. Und das ist gut so.

    Das Gedicht ist veröffentlicht in:
    WORTSCHAU 44 – Selbstgespräch
    WORTSCHAU VERLAG (Externer Link)

    • Jane Wels – Lilith

      Jane Wels – Lilith

      Ein Gedicht von Jane Wels – auf Instagram von ihr geteilt – fragt nach einem Raum, in dem Sprache nicht mit Worten angefüllt ist. Das ist keine rhetorische Frage. Es ist eine, die Widerstand leistet gegen schnelle Antworten. Eine Annäherung. Die naheliegende Versuchung wäre, das Gedicht inhaltlich aufzulösen – aber bei Jane Wels funktioniert der…

    • Marina Büttner – Notizen, Selbstgespräche

      Marina Büttner – Notizen, Selbstgespräche

      In der WORTSCHAU #44 bin ich auf ein Selbstgespräch von Marina Büttner gestoßen: „In einem vorherigen Leben war ich eine Reisende.“ Reflektierende Notizen um das Reisen – das innere wie das räumliche, um Bewegung und Stillstand, um Erinnerung und Verlust. Etwas in diesem Satz resonierte, ohne dass ich sofort hätte sagen können, warum. Eine erste…

    • Jane Wels – Bitte versuchen sie, …

      Jane Wels – Bitte versuchen sie, …

      Annähernd gelesen | Zwischen Sprache, Ordnung und AuflösungJane Wels‘ Gedicht „Bitte versuchen Sie,“ ist ein Text über die Unmöglichkeit, gefasst zu werden – und zugleich ein Text, der sich selbst beim Versuch des Fassens beobachtet. Es spielt mit der Spannung zwischen Sprache und Identität, zwischen Ordnung und Auflösung, und ist dabei zugleich selbstreflexiv, ironisch und…

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      WORTSCHAU Nr. 44 – Selbstgespräch

      Die 44. Ausgabe 2025 der WORTSCHAU widmet sich dem Thema Selbstgespräch und fragt nach der künstlerischen Darstellung des eigenen inneren Erlebens. Die Herausgeber Johanna Hansen und Wolfgang Allinger haben aus über 200 Einreichungen eine vielstimmige Auswahl getroffen, die das Selbstgespräch in seinen unterschiedlichsten literarischen Formen erkundet – von lyrischen Reflexionen bis zu autofiktionalen Erzählungen. Hauptautorin…

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      Dialog über Hermetik und Zugänglichkeit in der Lyrik

      Ein Nachtrag zur WORTSCHAU Nr. 43 | Mein kritischer Beitrag zur WORTSCHAU Nr. 43 hat auf Facebook eine bemerkenswert konstruktive Diskussion ausgelöst. Dass sich Herausgeber, Autorinnen und Autoren die Zeit genommen haben, auf meine Fragen einzugehen, freut mich sehr – und zeigt, dass die Spannung zwischen Hermetik und Zugänglichkeit keine einseitige Irritation ist, sondern ein…

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      Jane Wels – Und doch

      Meine Annäherung an ein Gedicht, welches ich im Signaturen-Magazin entdeckt habe: Jane Wels schreibt über die verborgene Magie der Realität, eine Feier der unerwarteten Wunder im scheinbar Gewöhnlichen und Wissenschaftlichen. Die zentrale Idee: „Auf Wunder angewiesen“Der letzte Vers ist der Schlüssel: „bin ich auf Wunder angewiesen.“ Aber das Gedicht definiert „Wunder“ nicht im religiösen oder…

    • Jane Wels‘ Sandrine

      Jane Wels‘ Sandrine

      Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…

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      Angelica Seithe – DIE ALTE FRAU

      DIE ALTE FRAU Schnee ist gefallenSchon wird es NachtAuf weißer Decke nicht eineSpur, nicht Vogel nicht KatzeEs kommt kein BesuchEs kommt keiner heutees kommt keiner morgenSie kehrt und kehrtimmer gründlicher kehrt sie denStraßenzugang zu ihrem Haus Annähernd gelesen | Das Gedicht ist schlicht gebaut: kurze, prosanahe Zeilen ohne Reim, ohne übermäßige Interpunktion. Es öffnet mit…

    • WORTSCHAU – Magazin für Gegenwartsliteratur

      WORTSCHAU – Magazin für Gegenwartsliteratur

      Geschichte und Gründung | Das Literaturmagazin WORTSCHAU wurde 2007 von Wolfgang Allinger und Peter Reuter gegründet. Die Ursprungsidee war ungewöhnlich: Literatur sollte dorthin gebracht werden, wo sie niemand vermutet – in Bäckereien, Blumenhandlungen, Gärtnereien, Einzelhandelsgeschäfte und Confiserien. Zunächst wurden wöchentlich gefaltete DIN-A4-Flyer mit Texten befreundeter Autorinnen und Autoren in diesen Geschäften ausgelegt, die nach einer…

    • Jane Wels

      Jane Wels

      Keiner meiner Tage läuft ab. […] lasse ich Strukturen einfach ineinander verlaufen. Schaue ihnen zu, wie einem Aquarell, welches seinen Goldenen Schnitt selbst formt. Jane Wels beschreibt ihr Leben nach dem Ende ihrer therapeutischen Praxis als bewusste Entscheidung für das Fließende, das Unstrukturierte. 1955 in Mannheim geboren, lebt und schreibt die Lyrikerin heute im Nordschwarzwald…

    • WORTSCHAU 31 Menschen:Bilder

      WORTSCHAU 31 Menschen:Bilder

      Die Ausgabe 31 der WORTSCHAU trägt den Titel „Menschen:Bilder“ und umfasst 66 Seiten. Die Herausgeber Johanna Hansen und Wolfgang Allinger beschreiben sie als ungewöhnlich umfangreich. Das Konzept: Dichtung trifft Fotografie Die Ausgabe hebt zwei Hauptakteurinnen besonders hervor: Annette Hagemann als Dichterin und Li Erben als Fotografin. Li Erben lernte Johanna Hansen während des Lindauer Literaturfrühlings…

  • Vom Jagen zum Lesen

    Vom Jagen zum Lesen

    Über das Arbeiten mit aufgegebenen Autoren

    Es beginnt meist mit einem Zufallsfund: ein Name in einer Fußnote, ein Gedicht in einer Anthologie, ein Hinweis in einem Antiquariatskatalog. Man liest, ist berührt, will mehr – und stellt fest: Es gibt kaum etwas. Keine Neuauflagen, keine Sekundärliteratur, oft nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag. Was folgt, ist die Jagd.

    Man durchforstet Antiquariate, schreibt Bibliotheken an, sucht in Archiven, fragt in Literaturhäusern nach. Jeder Fund – ein vergriffener Gedichtband, ein Programmheft, eine Lesung auf CD – fühlt sich an wie ein Triumph. Man dokumentiert akribisch, erstellt Bibliografien, sammelt Sekundärquellen. Die Recherche wird zum Selbstzweck. Man wird Detektiv, Archivar, Sammler.

    Irgendwann kommt der Moment der Ernüchterung: Man merkt, dass man mehr Zeit mit Suchen verbringt als mit Lesen. Die Frage „Wo finde ich mehr?“ überlagert die Frage „Was steht da eigentlich?“ Man hat zehn Texte über den Autor gelesen, aber nur drei Texte von ihm. Die Jagd hat sich verselbstständigt.

    Das ist mir bei Ille Chamier passiert. Und bei Elisabeth Wesuls. Und es wird mir bei den verstummten DDR-Autoren, mit denen ich mich beschäftige, wahrscheinlich noch öfter passieren.

    Die Versuchung der Vollständigkeit

    Warum ist das Jagen so verführerisch? Weil es greifbare Ziele bietet. Man kann abhaken: „Dieses Buch habe ich gefunden, jenes noch nicht.“ Man kann messen: „Von zwölf nachgewiesenen Titeln besitze ich sieben.“ Die Recherche gibt das Gefühl, produktiv zu sein – auch wenn man eigentlich nur Besitz akkumuliert statt zu lesen.

    Hinzu kommt: Bei vergessenen Autoren herrscht Knappheit. Und Knappheit erzeugt Begehrlichkeit. Was schwer zu bekommen ist, erscheint wertvoller. Die Schwierigkeit der Suche wird zur Ersatzhandlung für die Auseinandersetzung mit dem Werk.

    Dabei liegt das Problem nicht in der Recherche selbst – sie ist notwendig, manchmal unumgänglich. Das Problem entsteht, wenn sie zur Hauptsache wird. Wenn man sich einredet: „Ich kann erst richtig schreiben, wenn ich alles gelesen habe.“ Das ist eine Illusion. Bei marginalisierten Autoren wird man nie alles haben.

    Die Kehrtwende: Konzentration aufs Vorhandene

    Die Entscheidung, mit dem Jagen aufzuhören, ist keine Kapitulation. Sie ist eine methodische Notwendigkeit. Man akzeptiert: Das Werk ist fragmentarisch – und das Fragmentarische genügt. Man hört auf, die Lücken zu beklagen, und beginnt, mit dem zu arbeiten, was da ist.

    Das bedeutet nicht, dass man die Suche ganz einstellt. Aber sie wird zur Nebensache. Die Hauptsache ist die Lektüre. Man liest intensiver, statt extensiver zu sammeln. Man schreibt über das, was man gelesen hat, statt über das, was man nicht finden kann.

    Diese Haltung verändert auch die Art, wie man über die Autoren schreibt. Statt zu klagen („Leider gibt es kaum Informationen“), zeigt man („Hier ist, was ich gefunden habe“). Statt den Mangel zu betonen, konzentriert man sich aufs Werk. Die Autoren werden nicht länger Objekte einer Suchbewegung, sondern Subjekte der eigenen Lektüre.

    Vom Lesen zum Machen

    Die Konzentration aufs Vorhandene bedeutet nicht Verzicht, sondern Vertiefung. Wenn man aufhört zu suchen, beginnt man anders zu lesen: intensiver, produktiver, dialogischer.

    Bei Ille Chamier zeigt sich das konkret: Ihre illustrierten Texte inspirierten nicht zur Suche nach weiteren Büchern, sondern zum eigenen Experimentieren mit Text und Bild. Das ist die andere Seite der Kehrtwende: Sie macht aus Sammlern Lesende – und aus Lesenden manchmal Schreibende. Der „indirekte Dialog mit dem Gelesenen“ wird möglich, wenn man nicht mehr mit der Suche beschäftigt ist.

    Ein zusätzlicher Grund, die Jagd zu beenden: Wenn man merkt, dass die wenigen zugänglichen Texte bereits so stark wirken, dass sie das eigene Lesen oder Schreiben wieder in Gang setzen, braucht man nicht mehr. Das Fragmentarische genügt nicht nur – es ist genug.

    Ethik der Darstellung

    Wer über literarisch Marginalisierte schreibt, bewegt sich in einem ethischen Spannungsfeld. Einerseits will man auf das Werk aufmerksam machen – das ist legitim, oft sogar geboten. Andererseits besteht die Gefahr, dass die Autoren zu Objekten der eigenen Entdeckungsfreude werden. Man instrumentalisiert ihr Verschwinden für die eigene Erzählung: „Seht, was ich gefunden habe!“

    Die Kehrtwende vom Jagen zum Lesen hilft, diese Falle zu vermeiden. Sie bedeutet: Das Werk ins Zentrum stellen, nicht die eigene Mühe. Den Autoren ihre Stimme zurückgeben, statt über ihre Abwesenheit zu klagen. Fragmentarisch bleiben dürfen, ohne dass das Fragmentarische zum Problem erklärt wird.

    Praktische Konsequenzen

    Was bedeutet das konkret für die Arbeit mit verschwundenen Autoren?

    Recherche betreiben – aber begrenzen. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem weitere Suche mehr Zeit kostet als sie Erkenntnis bringt.

    Lücken transparent benennen, aber nicht beklagen. „Folgende Titel sind nachweisbar, aber nicht zugänglich“ – ohne Drama, ohne Frustration.

    Mit dem Vorhandenen arbeiten. Intensiv lesen statt extensiv sammeln. Drei Gedichtbände gründlich analysiert sind mehr wert als zehn ungelesen im Regal.

    Den Fokus aufs Werk legen, nicht auf die Biografie der Vergessenheit. Die Autoren sind mehr als ihre Marginalität.

    Offen bleiben für Hinweise – aber nicht darauf warten. Ein Aufruf am Ende der Bibliografie: ja. Aber die Arbeit hängt nicht davon ab, dass jemand antwortet.

    Neue Formen der Vermittlung finden. Gerade bei Lyrik stellt sich die Frage: Wie schreibt man über Texte, die man urheberrechtlich nicht einfach zitieren kann? Das erzwingt eine andere Form der Auseinandersetzung: statt zu reproduzieren, muss man beschreiben, umkreisen, interpretieren. Auch das ist eine Form der Konzentration – auf das, was man sagen kann, nicht auf das, was man zeigen möchte.

    Beispiele: Chamier, Wesuls und andere

    Bei Ille Chamier habe ich lange nach Programmheften, Frottagen-Mappen, unveröffentlichten Manuskripten gesucht. Irgendwann wurde klar: Ich verbringe mehr Zeit mit Recherche als mit der Lektüre der Tagtexte oder von Setz dich hin und lächle. Die Entscheidung, mich auf das Zugängliche zu konzentrieren, hat die Arbeit nicht ärmer, sondern fokussierter gemacht.

    Bei Elisabeth Wesuls das Gleiche: vergriffene Titel, kaum Sekundärliteratur, keine Neuauflagen. Die Versuchung war groß, immer weiter zu suchen. Aber auch hier: Ab einem gewissen Punkt wird die Suche zur Prokrastination. Die Konzentration aufs Vorhandene ermöglicht erst die eigentliche Auseinandersetzung.

    Und bei den verstummten DDR-Autoren, mit denen ich mich beschäftige, zeigt sich dasselbe Muster: Die Jagd ist verlockend, aber sie verstellt den Blick. Das Werk wartet – auch im Fragmentarischen.

    Schluss: Lesen statt Jagen

    Wer über vergessene Autoren schreibt, muss akzeptieren: Das Material ist begrenzt. Das Werk ist unvollständig überliefert. Die Biografien sind lückenhaft. Das ist kein Defizit, sondern die Arbeitsbedingung.

    Die Kehrtwende vom Jagen zum Lesen ist keine Aufgabe, sondern eine Fokussierung. Sie bedeutet: mit dem arbeiten, was da ist. Intensiv, genau, respektvoll. Und das genügt.

    Notiz: Diese Überlegungen begleiten meine Arbeit in der Rubrik Aufgegebene Autoren. Sie sind keine abgeschlossene Methode, sondern ein fortlaufender Prozess. Weitere Beobachtungen folgen im Sudelbuch.

    • Kirstin Warschau und Ille Chamier

      Kirstin Warschau und Ille Chamier

      LektüreNotizen | Das Zündblättchen #32 beinhaltet die Kurzgeschichte „Tropisches Wasser“ von Kirstin Warschau. Ille Chamier illustriert den Text mit drei Frottagen. Entnommen sind sie dem Band “ Tu vois“ – Bildlegenden – Handedition Textille, 2006. [Textille – ein schönes Wortspiel] Bisher kannte ich Frottagen nur von Max Ernst oder Manfred Butzmann. Sie geht einen Schritt…

    • Der eine Satz

      Der eine Satz

      Annäherung an Ille Chamiers „das kaputte Salzfaß wird behandelt wie ein heiliger Topf“ Manchmal ist es ein einziger Satz, der innehalten lässt, irritiert und zum Nachfassen einlädt. Ille Chamiers Zeile „das kaputte Salzfaß wird behandelt wie ein heiliger Topf“ aus ihrem 1980 erschienenen Lyrikband Tagtexte ist so ein Fall. Beim ersten Lesen habe ich mich…

    • Ille Chamier – Lied 76

      Ille Chamier – Lied 76

      Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…

    • Tagtexte – Ille Chamier

      Tagtexte – Ille Chamier

      LektüreNotizen | Knappe biografische Angaben zur Autorin, ansonsten: kein Klappentext, kein Marketingsprech, kein Inhaltsverzeichnis. Lesende sind mit sich und den Texten allein. Das ist gut. Die Tagtexte sind in Lyrikform ; wobei ich nicht weiß, ob der Einzeiler am Anfang bereits ein Gedicht ist. Jedenfalls ist er der Einstieg in eine (zu erzählende) Geschichte. „das…

    • Werke von Ille Chamier – Eine Bibliografie im Aufbau

      Werke von Ille Chamier – Eine Bibliografie im Aufbau

      Der erste Teil dieser Zusammenstellung bezieht sich auf Ausgaben mit Texten von Ille Chamier, die in meinem Bestand sind. Im zweiten Teil habe ich aufgeführt, welche Ausgaben ich aktiv suche. Ich freue mich über jeden Hinweis, wo weitere Texte, Illustrationen, Bilder zu finden, zu erhalten sind. DAS ZÜNDBLÄTTCHEN – Heft 21 – Text – weiterlesenEDITION…

    • Ille Chamier & Karen Roßki

      Ille Chamier & Karen Roßki

      DAS ZÜNDBLÄTTCHEN – Heft 21 LektüreNotizen | Das Heft beinhaltet acht Gedichte der in Düsseldorf lebenden Autorin Ille Chamier und vier Bleistiftzeichnungen der Dresdner Künstlerin Karen Roßki. Stammabschnitte von Bäumen, die, obwohl blattlos, für mich die Energie der vier Jahreszeiten vermitteln. Details von Ästen, , markante Jungbäume, Totholz(?). Die Zeichnungen erinnern teils an Fabelwesen, so…

    • Ille Chamier – Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…

      Ille Chamier – Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…

      Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen: Die Last der unsichtbaren Arbeit Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:…

    • Ille Chamier – Werk und Wege

      Ille Chamier – Werk und Wege

      Ille Chamiers Werk bewegt sich zwischen Tanz, Lyrik und bildender Kunst. Geboren 1937 am Niederrhein, begann sie ihr Studium 1956 mit Tanz an der Folkwangschule in Essen – gemeinsam mit Pina Bausch (Tanztheater Wuppertal). Nach einem Studium der Germanistik und Romanistik in München bis 1962 kehrte sie nach Düsseldorf zurück. Dort verbrachte sie Anfang der…

  • Marina Büttner – Jüdischer Friedhof Weißensee

    Marina Büttner – Jüdischer Friedhof Weißensee

    Annähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung.

    Der Jüdische Friedhof Weißensee wurde 1880 eingeweiht. Er umfasst rund 42 Hektar, ist in 120 Felder gegliedert und zählt über 115 000 Grabstellen. Das Eingangsensemble (Trauerhalle, Arkaden, gelbe Ziegel) entwarf Hugo Licht. Nach jüdischer Tradition werden Gräber nicht neu belegt („ewiges Ruherecht“). Der Ort steht seit den 1970er-Jahren unter Denkmalschutz.

    Die Anlage überstand den Zweiten Weltkrieg relativ unbeschadet. Der friedhofstypische Bewuchs (u. a. Efeu) ist hier bewusst Teil des Gartendenkmals und wird nicht einfach „bereinigt“ – die Vegetation gehört zur historischen Erscheinung.
    Zur jüngsten Gegenwart: Am 13. Mai 2025 wurde die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer in Weißensee beigesetzt; zahlreiche Medien berichteten, die Beisetzung war ein öffentliches Erinnerungsereignis. (Ergänzend: Die Mauer an der Indira-Gandhi-Straße wurde 1983/84 zur Auflockerung mit Menora-Motiven gestaltet – eine seltene Sichtbarkeit jüdischer Symbolik im Stadtraum der DDR.)

    „Ich hisse meine blaue Signalflagge.“ Im Text steht „Blau“ explizit für Nervosität/Schutzlosigkeit. In der jüdischen Symbolik verweist Blau (תכלת/tekhelet) auf das Gebot des blauen Fadens an den Zizit (Num 15,38) und – nach Menachot 43b – auf eine Kette Meer → Himmel → göttlicher Thron. In moderner Farblehre/-psychologie wird Blau häufig mit Ruhe, Distanz, Kühle, Vertrauen konnotiert. Diese Spannbreite (sakral entrückt vs. psychophysisch kühl) macht die „Signalflagge“ doppeldeutig: religiöse Fern-Assoziation vs. leibliche Alarmierung. Sefaria+1Rowohlt Verlag

    „Ich vergleiche die Zeit mit der Wahrheit.“ Präzise Leseart: Der Vers setzt zwei harte Maße aneinander. „Zeit“ = nachprüfbare Dauer/Verfall; „Wahrheit“ = das Unausweichliche, was bleibt, wenn alles Beschönigen wegfällt. Auf einem Friedhof decken sich beide Größen: Die Zeit macht die Wahrheit der Vergänglichkeit sichtbar. Am Ort Weißensee ist das buchstäblich lesbar (ununterbrochene Belegung seit 1880; kein Umbruch durch Wiederbelegung).

    „Zwischen den Gräbern liegt die Melancholie von Jahrhunderten.“ Kein Pathos nötig: Historische Schichtung plus bewusst belassene Vegetation erzeugen den Eindruck eines „wachsenden“ Gedächtnisses. Der Ort dokumentiert bürgerliche Repräsentationskunst um 1900 ebenso wie spätere Zäsuren – ohne fortwährende Planierung.

    „Und ein kleines Kind.“ Drei praktikable Lesarten:
    Konkretes Gegenbild: reale Besucherszene (Friedhöfe sind öffentlich zugänglich).
    Biographische Rückblende: das verletzliche „Innen-Ich“.
    Erinnerung an geraubte Kindheit: Stellvertreter für jene, die jung starben.

    Alle drei sind im Text gestützt; der Vers bleibt absichtlich offen.

    „Ein Fliegenschwarm … halb verweste Maus.“ Memento-mori-Detail ohne Metaphorikschutz. Es verankert die Rede von „Zeit/Wahrheit“ in Geruch, Bewegung, Verfall – eine Antithese zu geschliffener Grabarchitektur.

    „Siebenarmige bemooste Wege führen ins Licht.“ Topografisch gibt es keine fest dokumentierte „siebenarmige“ Wegefigur. Die Sieben-Armigkeit ist daher als Menora-Allusion zu lesen, die sich mit dem realen Menora-Motiv an der Friedhofsmauer kurzschließt. Dass die Wege „ins Licht“ führen, neutralisiert jede düstere Engführung: Orientierung, nicht Ausweglosigkeit. Berlin

    „Leise atmende Steine halten den Himmel auf.“ Hier ist keine Esoterik nötig: Grabsteine „atmen“ wörtlich nicht, aber sie arbeiten – nehmen Feuchte auf, geben sie ab, werden von Moosen und Flechten besiedelt, verändern Farbe und Textur. „Leise“ verweist auf diese sehr langsame, aber sichtbare Materialzeit. „Himmel halten“: vertikale Ordnung, die den Blick rahmt und den Raum „spannt“.

    „Ich schwebe … davon.“ Kein Fluchtgestus, eher Entkopplung: Die Wahrnehmung löst sich vom Körpergewicht (nach der sensorischen Überlastung der vorigen Bilder). „Davonschweben“ passiert am Ort – nicht „weg vom Ort“. Der Schluss belässt die Spannung: Präsenz im Erinnerungsraum, Distanz zur eigenen Erregung.

    Quellen:

    Landesdenkmalamt Berlin: Gartendenkmal Jüdischer Friedhof Weißensee (Daten zur Anlage, Pflegeprinzip, Denkmalschutz).

    Bezirksamt / Tourismus Pankow: Flächengröße, Grabstellen, Felder, Einweihung 1880.

    Berlin.de: Wettbewerb/Entwurf durch Hugo Licht, historische Einordnung.

    Menora-Mauer (1983/84) – Museum Pankow / Bezirksportal. Berlin

    Beisetzung Margot Friedländer (Mai 2025), Berichte.

    Tekhelet in Tora und Talmud: Num 15,38; Menachot 43b. Sefaria

    Farbpsychologie (Blau): Eva Heller, Wie Farben wirken (Verlagsseite). Rowohlt Verlag

    WORTSCHAU – Literaturmagazin

    • Eine Bushaltestelle, ein Foto, ein Name: Liesel Mansfeld

      Eine Bushaltestelle, ein Foto, ein Name: Liesel Mansfeld

      Ich war auf der Suche nach Büchern. Gefunden habe ich ein Foto. Es lag auf dem Sandboden einer Bushaltestelle, die hier im Wendland als öffentlicher Bücherschrank fungiert. Ein Abzug, eingerissen, mit Rostflecken – vermutlich von einer Pinnadel. Jemand hatte ihn irgendwann aufgehängt, er gehörte zu etwas. Dann nicht mehr. Auf der Rückseite, handschriftlich: Liesel Mansfeld…

    • Gesperrte Ablage – Ines Geipel & Joachim Walther

      Gesperrte Ablage – Ines Geipel & Joachim Walther

      Gesperrte Ablage. Unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945–1989Ines Geipel / Joachim Walther, Lilienfeld Verlag Mit Gesperrte Ablage legen Ines Geipel und Joachim Walther eine Literaturgeschichte vor, die lange nicht erzählt worden ist – und strukturell nicht erzählt werden konnte. Das Buch rekonstruiert jene literarischen Stimmen der DDR, die nicht publiziert, nicht rezipiert, nicht erinnert werden durften.…

    • Marina Büttner – Jüdischer Friedhof Weißensee

      Marina Büttner – Jüdischer Friedhof Weißensee

      Annähernd gelesen | Gedichtlektüre und Kontext. Das 1-strophige Gedicht von Marina Büttner verdichtet eine Momentaufnahme auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee zu einer Folge von starken, teils naturrohen Bildern, in denen persönliche Erschütterung und historische Schwere ineinanderfließen. Zwischen verwitterten Steinen, Symbolen und Zeichen des Verfalls verhandelt es die Beziehung von Zeit, Wahrheit und Erinnerung. Gelesen habe…

    • Olga Benario Prestes: Literarisches Porträt und  Nachleben

      Olga Benario Prestes: Literarisches Porträt und Nachleben

      Tätigkeit als Autorin | Olga Benario verfasste 1929 in Moskau die Schrift „Berlinskaja komsomolija“ (Der Berliner kommunistische Jugendverband), die auf Russisch erschien. 2023 erschien dieser Text erstmals auf Deutsch unter dem Titel „Berliner Kommunistische Jugend“ in deutscher Übersetzung von Kristine Listau beim Verbrecher Verlag. Das Werk beschreibt den Alltag der Kommunistischen Jugend in Berlin-Neukölln mit…

    • Dialog über Hermetik und Zugänglichkeit in der Lyrik

      Dialog über Hermetik und Zugänglichkeit in der Lyrik

      Ein Nachtrag zur WORTSCHAU Nr. 43 | Mein kritischer Beitrag zur WORTSCHAU Nr. 43 hat auf Facebook eine bemerkenswert konstruktive Diskussion ausgelöst. Dass sich Herausgeber, Autorinnen und Autoren die Zeit genommen haben, auf meine Fragen einzugehen, freut mich sehr – und zeigt, dass die Spannung zwischen Hermetik und Zugänglichkeit keine einseitige Irritation ist, sondern ein…

    • Jane Wels‘ Sandrine

      Jane Wels‘ Sandrine

      Erinnerungen sind selten linear. Sie flackern, tauchen auf, verschwimmen, brechen ab – und genau dieses Flirren liegt im Text über Sandrine. Ein weibliches Ich spricht, nicht in klaren Linien, sondern in Schichten und Sprüngen. „Ihr Atem ist so leise wie ein Hauch Gänsedaunen.“ Zeit scheint stillzustehen, nur um im nächsten Moment „ein Hüpfspiel“ zu werden.…

    • Ille Chamier und Stella Avni

      Ille Chamier und Stella Avni

      Im Zentrum von Ille Chamiers Gedicht steht die Figur der Schauspielerin Stella Avni – eine heute nahezu vergessene Künstlerin, deren Lebensspuren sich nur rudimentär rekonstruieren lassen. Gesichert ist: Sie wurde 1921 im damals rumänischen Czernowitz (Bukowina) geboren, jener multikulturellen Stadt, aus der auch Paul Celan und Rose Ausländer hervorgingen. Stella Avni war jüdischer Herkunft und…

    • Unbeirrt subjektiv sein

      Unbeirrt subjektiv sein

      Ein literarischer Essay zu Kurt Martis Subjektivität „Jeder Terror rechtfertigt sich mit objektiver Notwendigkeit. Um so mehr gilt es, unbeirrt subjektiv zu sein.“ – Kurt Marti Was soll das heißen – „unbeirrt subjektiv sein“? Ist Subjektivität nicht genau das, was wir in rationalen Diskursen zu überwinden suchen? Je länger ich über Martis Worte nachdenke, desto…

    • WORTSCHAU Nr. 43

      WORTSCHAU Nr. 43

      Gedanken zur „WORTSCHAU“ #43 (Es hört nie auf) – oder: Warum ich beim Lesen ins Stolpern kam Beim Lesen dieser Ausgabe drängte sich mir eine Frage auf: Für wen sind diese Texte eigentlich gedacht? Nicht, weil die Sprache unzugänglich wäre – im Gegenteil, Satzbau und Wortwahl sind oft klar –, sondern weil viele Gedichte in…

    • BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…

  • Elisabeth Wesuls – Sich einlassen auf das Langwierige

    Elisabeth Wesuls – Sich einlassen auf das Langwierige

    Entdeckt habe ich Elisabeth Wesuls in einer alten Ausgabe der ndl – neue deutsche literatur. In Heft 1 von 1981 fand sich ein Essay von ihr mit dem Titel „Sich einlassen auf das Langwierige“ über den Prozess des Schreibens sowie einige Gedichte. Ihre Metaphern fand ich interessant und wollte mehr lesen. So stieß ich auf das Poesiealbum mit ihren Texten, einige Zeit später auf den Band aus der Corvinus Presse.

    Biografisches | Elisabeth Wesuls wurde am 1954 in Kemtau (heute Eibenberg) im Erzgebirge geboren. Nach dem Zehnklassenabschluss absolvierte sie eine Ausbildung zur Chemielaborantin in Jena, studierte anschließend Chemie in Berlin und arbeitete als Chemieingenieurin. Später war sie auch als Pförtnerin tätig. Heute arbeitet sie als Heilpraktikerin in Berlin.

    Sie ist mit dem Lyriker, Fotografen und Literaturwissenschaftler Gerd Adloff (*1952) verheiratet. Die beiden haben zwei gemeinsame Kinder und treten gelegentlich gemeinsam bei Lesungen auf. Lebensmittelpunkt: Berlin.

    Die (mir bekannten) Veröffentlichungen

    Elisabeth Wesuls - Lyrik und Miniaturen
    Elisabeth Wesuls – Lyrik und Miniaturen

    Poesiealbum 216 (1985/86)
    Ihre erste Veröffentlichung erschien in der renommierten Reihe Poesiealbum des Verlags Neues Leben. Das Heft enthält 31 Seiten Gedichte, illustriert mit Grafiken von Gudrun Gierke. Dorothea von Törne schrieb im Miniatur-Vorwort von einer „sensiblen und verletzlichen jungen Frau“, die „begabt fürs Tragikomische“ arbeite. Die Gedichte bewegen sich zwischen Naturbeobachtung und Alltagserfahrung, zwischen dem Dorf und der Stadt.

    Und im Kopf wuchern Wiesen (2020)
    Der zweite Band erschien bei der Corvinus Presse – ein bibliophil gestaltetes Buch mit japanischer Bindung und drei Linolschnitten von Marcela Miranda. Er versammelt 48 Gedichte, geschrieben zwischen 1979 und 2019. Siegfried Nucke beschreibt im signaturen magazin, wie die Gedichte „langsam in den Jahren voran“ schreiten, der Ton zunehmend „sarkastisch“ werde, die Sprachspiele „bitter und bös“.

    Blassgrau wie Tauben (2024)
    Der dritte Band – Blassgrau wie Tauben. Miniaturen von 1979 bis 2022 mit acht farbigen Zeichnungen von Sabine Peukert – umfasst mehr als vier Jahrzehnte Schreibarbeit.

    Sowie verschiedene Beiträge in Magazinen wie NDL, Sinn und Form.

    Erste Eindrücke

    Aus den wenigen verfügbaren Rezensionen lässt sich ein erstes Bild zusammensetzen: Wesuls arbeitet mit präzisen, oft rätselhaften Bildern aus dem Alltag. Siegfried Nucke spricht von „rätselhaft klaren Bildern“ – die Bilder sind greifbar (grüne Gläser, Wohnungen mit Küche, Bad, zwei Zimmern), öffnen sich aber zugleich ins Mehrdeutige.

    Die Tonlage wird als leise und zurückhaltend beschrieben. Robert Miessner betont in der taz die „Zeitlosigkeit“ der Texte – sie seien keine bloßen Zeitdokumente der DDR, obwohl sie von dort ausgehen.

    Das Schlussgedicht „HERKUNFT“ aus Und im Kopf wuchern Wiesen endet mit den Zeilen: „Liebster, wenn du nicht / den Arm um mich legtest, / ich wüsste nicht, / wer ich bin.“

    Die drei vorliegenden Bände – Poesiealbum 216 (1985/86), Und im Kopf wuchern Wiesen (2020) und Blassgrau wie Tauben (2024) – bilden den Ausgangspunkt für die weitere Beschäftigung mit dieser Autorin. Die eigentliche Annäherung erfolgt nun durch die Lektüre selbst.


    Quellen

    Primärliteratur

    Elisabeth Wesuls:

    • Poesiealbum 216. Mit Grafiken von Gudrun Gierke und einem Nachwort von Dorothea von Törne. Berlin: Verlag Neues Leben, 1985 [bzw. 1986]
    • Und im Kopf wuchern Wiesen. Mit Linolschnitten von Marcela Miranda. Berlin: Corvinus Presse, 2020
    • Blassgrau wie Tauben. Miniaturen von 1979 bis 2022. Mit 8 farbigen Zeichnungen von Sabine Peukert. Berlin: Moloko Print, 2023

    Gerd Adloff:

    • Ist die Musik zu laut? Mit Zeichnungen von Kay Voigtmann. Berlin: Corvinus Presse, 2022

    Sekundärliteratur

    Rezensionen und Porträts:

    • Miessner, Robert: „Elitär ist das übrigens nicht. Was ist anstrengender, acht Stunden lang Stanzen dichten oder dicht an einer Stanze arbeiten? Die Dichter Elisabeth Wesuls und Gerd Adloff lasen am Dienstag in der Babinischen Republik aus ihren aktuellen Büchern“. In: taz, 22.09.2022
    • Nucke, Siegfried: „Und im Kopf wuchern Wiesen. Zwei Gedichtbände von Elisabeth Wesuls“. In: signaturen magazin, o.J. [Online verfügbar]
    • o.V.: Ankündigung der Lesung in der Babinischen Republik. In: Neues Deutschland (nd.DerTag), 20.11.2021 [via PressReader]
  • Emine Sevgi Özdamar – Ein von Schatten begrenzter Raum

    Emine Sevgi Özdamar – Ein von Schatten begrenzter Raum

    Annähernd gelesen | Was begrenzt einen Raum durch Schatten? Ist es die Abwesenheit von Licht oder gerade seine Anwesenheit, die den Schatten erst wirft? Wo erscheinen räumliche Begrenzungen? Sind es physische Räume (Fabrikhallen, Wohnungen, Gefängniszellen) oder metaphorische (kulturelle Zugehörigkeit, Geschlechterrollen, politische Zuordnungen)?

    Frage zur Vertiefung: Wie verhält sich der Buchtitel zu den konkreten Räumen im Text? Gibt es Szenen, in denen Schatten explizit vorkommen?

    Die Sprache Özdamars klingt anders

    Es ist Deutsch, aber irgendwie fremd. Hier lohnt es sich, konkrete Beispiele rauszuschreiben. Welche Bilder wirken ungewohnt? Wo fehlen kleine Wörter wie „der“ oder „die“, wo klingen Sätze komisch gebaut?

    Eine Überlegung: Macht diese fremde Art zu sprechen das Deutsche reicher oder ärmer? Oder ist das die falsche Frage? Vielleicht geht es weniger darum, ob es „besser“ wird, sondern darum, dass plötzlich sichtbar wird, wie sehr wir an bestimmte Formulierungen gewöhnt sind.

    Weiterdenken: Sätze festhalten, die besonders anders klingen. Was genau ist das Fremde daran? Wie würde ich den Satz „normal“ formulieren? Was geht dann verloren?
    Ist das hier eine Mischsprache aus Türkisch und Deutsch, oder ist es eher ein Deutsch, das türkisch denkt? Macht dieser Unterschied überhaupt einen Unterschied?

    Die namenlose Erzählerin

    Die Hauptfigur hat keinen Namen. Das könnte verschiedenes bedeuten: Steht sie stellvertretend für viele andere? Ist die Namenlosigkeit ein Zeichen dafür, dass sie ihre Identität verloren hat – oder gerade dafür, dass sie nicht festgelegt sein will?

    Wie verändert sich diese Figur? Gibt es eine klassische Entwicklung von A nach B oder eher ein Sammeln von Erfahrungen? Die Protagonistin nimmt die Welt sehr direkt wahr, fast wie ein Kind – sehr körperlich, sehr bildhaft. Gleichzeitig erlebt sie krasse Gewalt und politische Radikalisierung.

    Fragen: Wie passt das zusammen? Ist die poetische Art zu sehen ein Schutz gegen das Schlimme? Oder macht sie gerade diese Offenheit verletzlicher?
    Gibt es Momente, in denen die Erzählerin sich selbst von außen sieht? Wo denkt sie über sich selbst nach?

    Migration als Erfahrung

    Der Roman erzählt keine typische Auswanderergeschichte mit Ankunft, Eingewöhnung und Heimischwerden. Stattdessen geht es hin und her, und beide Orte – Deutschland und die Türkei – werden immer fremder.

    Das wirft die Frage auf: Ist Migration hier ein Ortswechsel oder ein Zustand? Die Protagonistin scheint nirgendwo richtig anzukommen, aber vielleicht ist gerade dieses Dazwischen ihr Platz?

    Fragen: Wie werden die verschiedenen Orte beschrieben? Gibt es Unterschiede zwischen den deutschen und den türkischen Szenen? Oder verschwimmen die Grenzen?
    Auffällig: Die Zeit im Roman springt hin und her. Wie hängt diese nicht-gerade-Erzählweise mit der Migrationserfahrung zusammen? Ist Zeit anders, wenn man zwischen zwei Welten lebt?

    Körper, Geschlecht, Gewalt

    Der Text ist sehr körperlich. Sex, Menstruation, Fabrikarbeit, Gewalt – all das wird direkt und detailliert beschrieben. Gleichzeitig geschieht das in dieser poetisch-fremden Sprache, die eine eigene Distanz schafft.

    Fragen: Wie werden männliche und weibliche Körper gezeigt? Gibt es Unterschiede? Gewalt gegen Frauen zieht sich durch – sowohl sexuelle als auch politische Gewalt. Wie hängt das zusammen?
    Weiterforschen: Özdamar hat lange am Theater gearbeitet. Ist der Körper hier auch eine Bühne? Gibt es Szenen, die wie Theater wirken?

    Das politische Geschehen

    Die 1960er und frühen 1970er Jahre in der Türkei waren geprägt von Studentenprotesten, linken Gruppen und staatlicher Unterdrückung. Der Militärputsch von 1971 ist ein Wendepunkt. Der Roman zeigt diese Ereignisse aus einer sehr persönlichen, bruchstückhaften Perspektive.

    Wie viel muss ich über die historischen Hintergründe wissen? Setzt der Text Kenntnisse voraus oder erklärt er? Was passiert, wenn ich die Hintergründe nicht kenne?

    Beobachtung: Politik erscheint oft körperlich – in Demos, Versammlungen, Folterszenen. Gibt es eine Verbindung zwischen politischer und geschlechtlicher Gewalt?
    Rechercheidee: Den historischen Kontext genauer anschauen – was war los in der Türkei zwischen 1965 und 1975? Welche Rolle spielte die Linke? Was bedeutete der Militärputsch?

    Theater als Ort der Verwandlung

    Das Theater erscheint im Roman als Ort, wo sich etwas verändert. Die Protagonistin findet über die Theaterarbeit in Istanbul einen Weg zu künstlerischem Ausdruck und politischem Bewusstsein.

    Alle Szenen, die mit Theater zu tun haben: Wie werden Proben, Aufführungen, die Theatergruppe beschrieben?

    Eine Ebene tiefer: Özdamar selbst hat mit Brecht und Benno Besson gearbeitet. Gibt es Spuren von Brechts Theaterideen im Roman? Die Szenen-Struktur, die Verfremdung, die Distanz – sind das Theater-Techniken in Buchform?
    Weiterdenken: Ist der ganze Roman vielleicht selbst theatral zu verstehen? Sind die kurzen Abschnitte wie Szenen einer Aufführung?

    Was der Text alles mitbringt – Geschichten in der Geschichte

    Beim Lesen fällt auf: Da tauchen immer wieder Lieder auf, Märchen, Sprichwörter, Geschichten. Manche klingen vertraut, andere komplett fremd. Die Erzählerin zitiert, singt, erinnert sich an Erzählungen ihrer Großmutter, an Theaterstücke, an Gedichte. Manchmal sind es nur einzelne Zeilen, manchmal ganze Episoden. Was erkenne ich? „Rotkäppchen“ kenne ich, aber wenn ein türkisches Volkslied auftaucht – keine Ahnung. Und das ist völlig okay.

    Interessant: Wie fühlt sich das an, wenn ich etwas nicht verstehe? Macht es mich neugierig oder frustriert? Hole ich mein Handy raus und google, oder lese ich einfach weiter? Aber vielleicht ist gerade dieses Gefühl – „Hier verstehe ich nur die Hälfte“ – genau das, was die Erzählerin auch empfindet. In beiden Richtungen.

    Eine Vermutung: Özdamar baut hier eine Welt, in der deutsche und türkische Kultur nicht sauber getrennt sind, sondern wild durcheinandergehen. Wie im echten Leben auch. Wir alle haben Referenzen, die andere nicht haben – egal wo wir herkommen.

    Praktisch: Vielleicht einfach eine Liste machen: „Das kenne ich / Das kenne ich nicht“. Und dann schauen: Brauche ich wirklich Hintergrundwissen, um die Szene zu verstehen? Oft funktioniert sie auch ohne. Die Stimmung, die Musik der Worte, der Kontext – das trägt schon viel.

    Wie ist der Roman gebaut?

    Der Roman besteht aus kurzen Szenen, die aneinandergereiht sind. Manchmal mit klaren Zeitsprüngen, manchmal fließend. Erinnerungen mischen sich mit Gegenwart, Träume mit Realität.

    Gibt es trotzdem eine Ordnung? Könnte ich eine Chronologie rekonstruieren? Oder ist gerade das Nicht-Rekonstruierbare wichtig?

    Auffällig: Manche Bilder und Motive kommen immer wieder – wie Melodien, die sich wiederholen. Welche sind das? Was verändert sich, wenn sie wiederkehren?

    Zur Form: Wie enden die einzelnen Abschnitte? Gibt es Cliffhanger, offene Enden, kehrt etwas zum Anfang zurück?

    Der Schatten – eine Spur durch den Text

    Zurück zum Titel. Der Schatten taucht bestimmt immer wieder auf – als Bild, als Vergleich, vielleicht auch ganz konkret.

    Alle Stellen mit Schatten, Dunkelheit, Licht markieren. Gibt es ein Muster? Wann erscheinen Schatten?

    Nachdenken: Was ist ein Schatten eigentlich? In manchen Geschichten ist er ein schlechteres Abbild. In anderen ist er ein Doppelgänger, ein verlorener Teil der Seele (wie bei Peter Schlemihl!). Und manchmal ist er Schutz vor zu viel Licht, vor zu viel Sichtbarkeit.

    Verbindung: Emine Sevgi Özdamar hat den Adelbert-von-Chamisso-Preis bekommen. Peter Schlemihl verkauft seinen Schatten. Gibt es da eine Verbindung?

    Fragen, die (vorerst) offen bleiben

    • Wie viel von Özdamars eigenem Leben steckt im Text? Spielt das überhaupt eine Rolle? Was macht diesen Roman zu „Migrationsliteratur“? Ist das eine hilfreiche Schublade oder eine einengende? Für wen schreibt Özdamar? Für deutsche Leser? Für türkische? Für beide? Für keine von beiden? Wie verändert die fremde Sprache meine Art zu lesen? Lese ich langsamer? Aufmerksamer? Verwirrter? Gibt es im Roman auch Glück, Leichtigkeit, Humor? Oder überwiegt das Schwere? Verändert sich die Sprache im Laufe des Romans?

    Was danach kommt

    Nach der Lektüre wäre es spannend, die anderen Bücher Özdamars zu lesen – die Fortsetzungen Die Brücke vom Goldenen Horn und Seltsame Sterne starren zur Erde. Bilden sie eine Reihe? Entwickelt sich die Sprache weiter?

    Außerdem: Andere Autor*innen lesen, die auch zwischen Sprachen und Kulturen schreiben – Yoko Tawada, Rafik Schami, Feridun Zaimoglu. Gibt es Gemeinsamkeiten oder ist jede Stimme ganz eigen?

    Titelfoto: Roman Kogomachenko

    • Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Aus dem Reifen treten – Lyrik von Nathalie Schmid

      Abstammung bedeutet nicht nurvon Männern über Männer zu Männern.Abstammung bedeutet auchmeine Gewaltgegen mich eine Hetze.Abstammung: Immer nochaus Sternenstaub gemacht. Immer nochsehr komplex. Immer nochauf die Spur kommend.Abstammung im Sinne von:Ring um den Hals eher auf Schulterhöheein loser Reifen. Ein Reifenden man fallen lassen kannaus ihm hinaustreten und sagen:Das ist mein Blick. Das ist meine Zeit.Das…

    • BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      BECKENENDLAGE – Kathrin Niemela

      Wenn Wasser zur Hinrichtungsstätte wird – Eine Annäherung an das Gedicht „Beckenendlage“ von Kathrin Niemela | Der Titel klingt nach Krankenhaus, nach Ultraschall und besorgten Hebammen: „Beckenendlage“ – ein geburtshilflicher Fachbegriff für eine riskante Position des Kindes im Mutterleib. Doch Kathrin Niemelas Gedicht führt nicht in den Kreißsaal. Es führt ins Wasser. Ins Ertränkungsbecken. Drekkingarhylur:…

    • Safiye Can – Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung

      Safiye Can – Aussicht auf Leben und Gleichberechtigung

      Das Gedicht im Wortlaut (gekürzt):„Frauen / kauft von Frauen / lest von Frauen // […] / bildet eine Faust / werdet laut! // […] / Die Welt muss lila werden.“ Entnommen dem Lyrikband Poesie und PANDEMIE von Safiya Can | Wallstein Verlag 2021 Was steht da?Die Autorin richtet sich in direkter Ansprache an Frauen. In…

    • Ille Chamier – Lied 76

      Ille Chamier – Lied 76

      Eine Annäherung | Ille Chamiers Gedicht „Lied 76“ aus den 1970er Jahren erzählt von einer Frau, die zwischen patriarchalen Erwartungen und eigener Ohnmacht gefangen ist. Ihr Mann schickt sie mit dem unmöglichen Auftrag aufs Feld, „Stroh zu Gold zu spinnen“ – eine bittere Anspielung auf das Rumpelstilzchen-Märchen. Doch anders als im Märchen gibt es hier…

    • Ein rotes Kreuz, das sein Schicksal besiegelt.

      Ein rotes Kreuz, das sein Schicksal besiegelt.

      Sasha Filipenko | Rote Kreuze. Ein Roman Sachbücher mag ich eher selten. Lieber ist es mir, Wissen aus fundiert recherchierten Romanen zu sammeln. Da geschieht meist eher unbewusst, leicht und nachhaltiger, weil ich für dieses dann eine Verknüpfung habe. Wie viel man für sich mitnehmen kann, hängt vom Lesestoff ab. Das Buch, welches ich hier…

    • Weibliche Perspektiven in der Literatur

      Weibliche Perspektiven in der Literatur

      In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen. Hier…

    • Serhij Zhadan | Anarchy in the UKR

      Serhij Zhadan | Anarchy in the UKR

      »Vergiss die Politik, lies keine Zeitung, geh nicht ins Netz, verweigere deine Stimme[…]« So beginnt der »Linke Marsch«, ein Kapitel aus Serhij Zhadans zweitem Prosaband, dem ein Song der Sex Pistols, Anarchy in the UKR, als Motto dient. Zhadan ist dabei, sich zur stärksten Stimme der jungen ukrainischen Literatur zu entwickeln – und zum Antipoden…

    • Otto F. Walter – Wie wird Beton zu Gras

      Otto F. Walter – Wie wird Beton zu Gras

      Otto F. Walters Roman Wie wird Beton zu Gras? (erstmals 1979 erschienen, hier in der Rororo-Taschenbuchausgabe von 1988 vorliegend) wird zur ökologischen Literaturbewegung der späten 1970er Jahre gezählt. Im Zentrum steht der Stadtplaner Viktor B., ein zerrissener Antiheld, der täglich an der Transformation natürlicher Landschaften in betonierte Stadt- und Industrieflächen mitwirkt. Sein Beruf steht im fundamentalen Konflikt mit seinem wachsenden…

    • Fünf Teller. / Fünf Hemden. / Fünf Sätze. / Keiner ganz.

      Fünf Teller. / Fünf Hemden. / Fünf Sätze. / Keiner ganz.

      Ille Chamiers Stil ist schwer zu imitieren – weil er nicht nur Technik, sondern eine Haltung ist. Ihre Sprache wirkt wie gehämmertes Geröll: kantig, verdichtet, mit plötzlichen Bildsprüngen. Ein Gedicht zum Thema „Sorgearbeit und Schreiben“ hätte bei ihr möglicherweise so geklungen: Mögliche Stilmerkmale (rekonstruiert aus ihren Texten): Lakonische Präzision:Nicht:„Die Last der unendlichen Pflichten drückt mich…

    • Ille Chamier – Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…

      Ille Chamier – Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…

      Die Erzählung „Am Tag, als ich hinfuhr, zum Treffen schreibender Frauen…“ (erschienen in Courage – Berliner Frauenzeitung, Juli 1979) offenbart scharfe gesellschaftskritische und feministische Positionen: Die Last der unsichtbaren Arbeit Ille Chamier beschreibt minutiös, wie Care-Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt) ihr Schreiben behindert. Bevor sie zum Frauentreffen aufbrechen kann, muss sie ein komplexes Netz aus Versorgungsaufgaben organisieren:…

    • Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

      Feministische Lyrik nach 1945 | Eine historische Annäherung

      Ich zeichne hier eine Entwicklung nach: Wie Dichterinnen sich im deutschsprachigen Raum nach 1945 zurückholten, was ihnen zustand – sprachlich, politisch und ästhetisch. Sie beginnt nicht erst mit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre, sondern wurzelt tief in den Trümmerlandschaften der Nachkriegszeit, wo Dichterinnen begannen, neue Formen des Sprechens zu finden. Es ist die Geschichte…

    • Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

      Einzeltäter – Gedicht von Safiye Can

      Das Gedicht „Einzeltäter“ nutzt die intensive Wiederholung des Titelmotivs, um eine vielschichtige Deutungsebene zu eröffnen. Hier eine Analyse der zentralen Aspekte: Form und Struktur Wiederholung als Stilmittel: Die ständige Wiederholung von „Einzeltäter“ und Phrasen wie „noch ein“ oder „nur ein“ erzeugt eine rhythmische Monotonie. Dies spiegelt möglicherweise die endlose Wiederkehr des Phänomens oder die gesellschaftliche…

    • Körper als Archiv

      Körper als Archiv

      In Annette Hagemanns „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ offenbart sich der Körper als ein vielschichtiges Archiv, in dem die Spuren der Herkunft auf ebenso subtile wie prägnante Weise gespeichert sind. Vordergründig scheinen die Erbschaften des lyrischen Ichs in ihrer Konkretheit begrenzt: die spezifische „Form der Röte auf den Wangen“, ein genetisches Vermächtnis der Mutter, das den…

    • Annette Hagemann – MEINE ERBSCHAFT IST DIESE

      Annette Hagemann – MEINE ERBSCHAFT IST DIESE

      Annette Hagemanns Gedicht „MEINE ERBSCHAFT IST DIESE“ setzt sich behutsam mit dem ambivalenten Erbe familialer Prägung auseinander. Die scheinbar willkürlichen Relikte, die das lyrische Ich von den Eltern übernimmt – die spezifische Röte der Wangen der Mutter, eine deformierte Jazzplatte aus New York, ein unscheinbarer Koi des Vaters –, erscheinen zunächst als marginale Alltagsfragmente. Doch…

    • Das Päckchen – Franz Hohler

      Das Päckchen – Franz Hohler

      Franz Hohler, der Schweizer Meister der leisen Töne, entführt uns in seinem 2017 erschienenen Roman Das Päckchen (Luchterhand Literaturverlag) auf eine Reise durch Zeit und Verantwortung. Die Geschichte ist mehr als nur eine spannende Quest (So bezeichnet von der hiesigen Bibliothekarin im Schulzentrum) – es ist eine Parabel über kulturelles Erbe, historische Schuld und die unerwartete Macht kleiner…

    • Besuch aus der Vergangenheit – Renate Welsh

      Besuch aus der Vergangenheit – Renate Welsh

      Renate Welsh veröffentlichte ihren Jugendroman „Besuch aus der Vergangenheit“ 1999. Das Buch erschien beim Arena Verlag, später auch in einer Textausgabe mit Unterrichtsmaterialien. Es umfasst etwa 144 Seiten und richtet sich an Leserinnen und Leser ab 12 Jahren. Die Geschichte beginnt mit einer unerwarteten Begegnung: Als Lena nach Hause kommt, steht eine Frau vor der…

    • Widerstand gegen Femizide: Von historischen Gegenstimmen zu aktuellen Bewegungen

      Widerstand gegen Femizide: Von historischen Gegenstimmen zu aktuellen Bewegungen

      Ein erster – zugegeben oberflächlicher – Überblick. Ausgangspunkt ist das Gedicht BECKENENDLAGE von Kathrin Niemela. Drekkingarhylur, Island Zwischen 1618-1749 wurden mindestens 18 Frauen im Drekkingarhylur (Ertränkungsbecken) in Þingvellir hingerichtet. Während Frauen das Ertrinken erwartete, wurden Männer für ähnliche Verbrechen enthauptet – ein deutlicher Hinweis auf geschlechtsspezifische Bestrafung. Frauen wurden wegen Ehebruch oder unehelicher Kinder angeklagt,…

    • David Szalays „Was ein Mann ist“

      David Szalays „Was ein Mann ist“

      David Szalay erzählt von Männern in der Krise – und vom Menschsein selbst | In neun Geschichten begleitet der britisch-kanadische Autor David Szalay (*1974) Männer durch Europa und durchs Leben. Sein für den Booker Prize 2016 nominiertes Buch „Was ein Mann ist“ beginnt bei einem siebzehnjährigen Rucksacktouristen auf Zypern und endet bei einem sterbenden Millionär…

  • Autobiografie als Spur

    Autobiografie als Spur

    Schreiben jenseits der Erinnerung

    I. Das Problem mit dem Erinnern

    Wenn Frank Witzel vom Erinnern als „diffuser und unzureichender Prämisse für das Schreiben“ spricht, meint er zunächst das aktive, willentliche Erinnern: Ich setze mich hin, rufe meine Vergangenheit ab, konstruiere aus Fragmenten eine Geschichte. Dieses autobiografische Schreiben ist Arbeit am Material der Erinnerung – Auswahl, Ordnung, Sinnstiftung. Das Erzähler-Ich wählt aus, betont, unterdrückt. Es macht aus dem gelebten Leben eine erzählte Geschichte.

    Aber was, wenn die tiefste Wahrheit über ein Leben gerade dort liegt, wo das bewusste Erinnern nicht hinreicht? Wo das, was uns prägt, sich dem narrativen Zugriff entzieht, weil es zu diffus ist, zu widersprüchlich, zu sehr Atmosphäre statt Ereignis?

    Hier zeigt sich ein Paradox: Gerade der Verzicht auf aktives Erinnern könnte einen anderen, tieferen Zugang zum eigenen Leben eröffnen. Nicht durch das Erzählen von Geschichten, sondern durch das Hinterlassen von Spuren.

    II. Der Umweg über die andere Kunst

    „Es waren die anderen Künste, die mich zu schreiben lehrten“, notierte Stendhal. Dieser Satz beschreibt mehr als eine Lernbewegung – er weist auf einen fundamentalen Mechanismus hin: Die fremde Kunstform, das ungewohnte Medium schafft einen Umweg um das bewusste, kontrollierende Ich.

    Wer zum ersten Mal mit Acrylfarben arbeitet, kann nicht auf Routine zurückgreifen. Die Hand muss neu lernen, der Blick muss sich anders fokussieren. Es gibt keine bewährten Muster, keine Erzählstrategien, die greifen würden. Man ist im reinen Moment der Auseinandersetzung mit Material, Farbe, Bewegung. Man lässt sich treiben.

    Und genau in diesem Treiben, in diesem meditativen Zustand des Noch-nicht-Könnens, taucht etwas auf: Formen, die man nicht geplant hat. Farbkombinationen, die aus einem selbst kommen, ohne dass man wüsste, warum. Brüche, Wiederholungen, Rhythmen. Das Unbewusste nutzt den Flow, um sich einzuschreiben.

    Später, wenn man das entstandene Bild betrachtet, erkennt man: Hier ist etwas sichtbar geworden. Nicht als Geschichte mit Anfang und Ende, sondern als Konstellation. Dunkle Stellen, die man nicht wollte, aber nicht übermalen konnte. Helle Durchbrüche, die überraschen. Strukturen, die sich wiederholen, ohne dass man es bemerkt hätte.

    Das Bild erzählt keine Autobiografie – es ist eine. Eine, die sich dem bewussten Erzählen entzogen hat.

    III. Emergente Erinnerung

    Man könnte unterscheiden zwischen zwei Formen des Erinnerns:

    Aktives Erinnern: Ich rufe Vergangenes ab, ordne es, erzähle es. Das Ich ist Herr des Verfahrens. Es wählt aus, was passt, unterdrückt, was stört.

    Emergentes Erinnern: Im Moment des Tuns – des Malens, Schreibens, Tanzens – taucht etwas auf, das unbewusst da war. Nicht, weil ich es gesucht habe, sondern weil die Gegenwart, die Konzentration auf das Material, das fremde Medium es freisetzt.

    Witzels Sehnsucht nach einem „erinnerungslosen Schreiben“ richtet sich gegen das erste. Aber sie öffnet den Raum für das zweite. Denn wenn man aufhört, aktiv zu erinnern, und sich stattdessen einem gegenwärtigen Prozess hingibt, kommt das Vergangene von selbst – aber anders. Nicht als Anekdote, sondern als Form. Nicht als erklärbares Ereignis, sondern als Stimmung, Farbe, Geste.

    Das Entscheidende ist: Diese Form von Erinnerung ist ungefiltert. Sie zeigt auch das Unverarbeitete, das Widersprüchliche, das, was nicht in die Selbsterzählung passt. Sie ist näher an dem, was tatsächlich ist, weil sie nicht durch das diskursive Ich hindurch muss.

    IV. Ein Experiment: Die unbewusste Autobiografie

    Wie ließe sich dieser Gedanke in ein literarisches Experiment übersetzen?

    Phase 1: Das fremde Medium

    Autorinnen wählen eine Kunstform, die sie nicht beherrschen. Schriftstellerinnen malen, collagieren, komponieren. Musikerinnen schreiben. Tänzerinnen zeichnen. Die einzige Regel: Sich treiben lassen. Nicht planen, nicht korrigieren. Den Zustand der Ungewissheit aushalten, das Noch-nicht-Können als Chance begreifen.

    Das Werk entsteht im Flow, in einem Zustand, der dem nahekommt, was Witzel meint: Schreiben (oder Malen, Tanzen) als reiner Moment, ohne Rückgriff auf Erinnerung, ohne Vorausschau auf ein Ziel.

    Phase 2: Die Betrachtung

    Tage oder Wochen später schauen die Autor*innen auf das entstandene Werk. Jetzt darf die Reflexion einsetzen – aber nicht als Interpretation, sondern als Entdeckung: Was sehe ich hier? Welche Bilder tauchen auf? Welche Atmosphären? Welche Symbole, die ich nicht bewusst gesetzt habe?

    In dieser Phase entsteht ein Text – aber er ist nachgelagert. Er versucht nicht, eine Geschichte zu erzählen, sondern zu benennen, was sich gezeigt hat. Er ist Zeugnis eines Erkennens, nicht eines Erfindens.

    Phase 3: Die Publikation

    Das Magazin zeigt beides: Das Werk (das Bild, die Collage, die Partitur) und den Text, der aus der Betrachtung entstand. Zusammen ergeben sie eine Autobiografie in Schichten:

    • Die unbewusste Spur (das Werk)
    • Die nachträgliche Erkenntnis (der Text)
    • Die Leerstelle dazwischen (das, was sich zeigt, aber nicht benannt werden kann)

    V. Was dabei entsteht

    Das Resultat wäre keine Autobiografie im konventionellen Sinn. Keine Chronologie von Geburt bis Gegenwart, keine Wendepunkte, keine erklärenden Kausalitäten. Stattdessen: eine emotionale Topografie.

    Wo sind die dunklen Stellen? Wo die hellen? Wo bricht etwas auf, wo verdichtet sich etwas? Welche Muster wiederholen sich, ohne dass das bewusste Ich sie kontrollieren könnte? Welche Prägungen zeigen sich in der Farbwahl, im Rhythmus, in der Art, wie eine Hand über eine Fläche fährt?

    Diese Form der Autobiografie ist radikal ehrlich, weil sie nicht durch das Filter der Selbsterzählung gegangen ist. Sie zeigt nicht, wie jemand sein Leben versteht, sondern wie es in ihm wirkt. Sie dokumentiert nicht Ereignisse, sondern Zustände. Nicht das, was geschah, sondern das, was blieb.

    VI. Die Übertragung auf das Schreiben

    Aber lässt sich dieser Ansatz auch auf das Schreiben selbst anwenden – auf die Kunstform, die Witzels eigene ist?

    Ja – wenn man das Schreiben durch Fremdes irritiert. Wenn man nicht aus sich selbst heraus schreibt, sondern im Moment der Begegnung mit etwas anderem: einem Musikstück, einem Bild, einer Bewegung, einem Geräusch.

    Das Schreiben nach Musik etwa, ohne Pause, ohne Korrektur, ist ein solcher Vorgang. Die Musik gibt einen Rhythmus vor, eine Stimmung, einen Affekt – aber keine Bedeutung. Das Schreiben muss diesem Fluss folgen, kann nicht auf narrative Muster zurückgreifen. Es wird responsiv, nicht konstruktiv.

    Und auch hier gilt: Was dabei entsteht, ist nicht bewusst gesteuert. Später, beim Lesen, erkennt man Muster. Obsessionen, die man nicht kannte. Sätze, die eine Prägung zeigen, ohne sie zu benennen. Eine Syntax, die von Angst oder Sehnsucht durchzogen ist, ohne dass das Wort „Angst“ oder „Sehnsucht“ fiele.

    Das Schreiben wird zur Spur – und die Spur ist autobiografisch, ohne dass eine Geschichte erzählt würde.

    VII. Das aktive Lesen als Variante

    Dieser Ansatz lässt sich auch umkehren: vom Schreiben zum Lesen. Nicht die Autorinnen, sondern die Leserinnen werden aktiv.

    Man liest einen Text – Lyrik, Prosa, ein Essay – und reagiert darauf im Moment, ohne zu überlegen, ohne zu interpretieren. Man malt, collagiert, schreibt assoziativ weiter, bewegt sich. Die Reaktion ist unmittelbar, getrieben vom Text, aber nicht kontrolliert durch das verstehende Ich.

    Was dabei entsteht, ist eine Resonanz-Autobiografie: Der Text triggert etwas im Lesenden, das sich dann im eigenen Tun zeigt. Das Gelesene wird zum Katalysator für etwas, das schon da war, aber keine Worte hatte. Die eigene Prägung tritt hervor – nicht als bewusste Erinnerung, sondern als spontane Form.

    Auch hier: Später betrachtet man das Entstandene und erkennt, was der Text in einem freigesetzt hat. Die Autobiografie liegt nicht im Text, sondern in der Begegnung mit ihm.

    VIII. Warum das wichtiger sein könnte als Erzählen

    Narrativ konstruierte Autobiografien haben eine Schwäche: Sie sind immer schon Selbstdeutung. Das erinnernde Ich ordnet sein Leben so, dass es Sinn ergibt. Es erschafft Kohärenz, wo vielleicht keine war. Es glättet, was widersprüchlich ist, und betont, was zur eigenen Identität passt.

    Die Spur-Autobiografie verweigert diese Glättung. Sie zeigt, ohne zu erklären. Sie dokumentiert das Unaufgelöste. Sie macht sichtbar, dass ein Leben keine Geschichte ist, sondern ein Geflecht aus Prägungen, Brüchen, Wiederholungen – vieles davon unbewusst, vieles ohne kausalen Zusammenhang.

    Das ist näher an der Wahrheit. Nicht an der Wahrheit dessen, was geschah, sondern an der Wahrheit dessen, wie es wirkt. Wie es sich anfühlt, dieses Leben zu leben, aus diesem Körper heraus, mit diesen Prägungen, in dieser Konstellation von Hell und Dunkel.

    IX. Das Paradox auflösen

    Witzel sehnt sich nach einem Schreiben ohne Erinnerung. Aber vielleicht ist die Lösung nicht, die Erinnerung zu verbannen, sondern sie anders geschehen zu lassen. Nicht als bewussten Akt, sondern als emergentes Phänomen.

    Stendhal zeigt den Weg: Die andere Kunst, das fremde Medium schaffen die Bedingungen, unter denen das Unbewusste sich zeigen kann. Man erinnert sich nicht – aber das Leben hinterlässt trotzdem seine Spur.

    So entsteht eine Autobiografie, die keine ist. Eine, die ehrlicher ist als jede Erzählung. Eine, die zeigt, ohne zu deuten. Eine, die dem Moment treu bleibt – und dennoch die Vergangenheit trägt.

    Das wäre ein Schreiben (oder Malen, Tanzen, Collagieren), das sowohl Witzels Sehnsucht erfüllt als auch Stendhals Einsicht folgt: Im reinen Präsens bleiben – und gerade dadurch sichtbar machen, was war.

    • Karten zeichnen wie früher — ein Versuch

      Karten zeichnen wie früher — ein Versuch

      In Hansjörg Schertenleibs Erzählung Der Antiquar gibt es eine Stelle, an der der Protagonist als Kind einen See kartiert. Mit eigenen Mitteln, aus eigener Anschauung. Diese Stelle hat mich nicht losgelassen.Vor Satelliten und Luftbildern kannte man Gelände nur von unten. Man ist es abgegangen, hat gezählt, geschätzt, gezeichnet. Die Karte war kein Abbild — sie…

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      Resonanz. Ein Versuch.

      Walter Benjamin schreibt, jede Leidenschaft grenze an Chaos, die Sammlerin aber an das der Erinnerung. Ich habe lange nicht gewusst, was das bedeutet. Inzwischen glaube ich, ich kenne es — nicht weil ich es verstanden habe, sondern weil ich es erkenne. Im Schieringer Forst, nicht weit von Hünengräbern aus der Trichterbecherzeit, lag ein Stein. Ich…

    • ich kann gedichte nicht ausstehen.

      ich kann gedichte nicht ausstehen.

      ich bin im wald, stehe vor einem innerwald. nach einer intensiven forsternte bildeten sich so viele junge bäume, dass — von außen betrachtet — ein wald im wald entstanden ist. die bäumchen scheinen sich gegenseitig licht und raum zu nehmen, alles grau, trocken und dunkel. es gilt sich zu konzentrieren, denn hier geht es durch,…

    • Kartographie – DIY

      Kartographie – DIY

      Wie kann man selbst visuell erzählen lernen? Wer nach der Lektüre von Kartographie selbst diese Form der Welterschließung ausprobieren möchte, braucht keine Hightech-Ausstattung. Sike hat zwar digital gearbeitet, aber seine Grundtechnik ist analog: Fotos machen, ausdrucken, mit Tusche drüberzeichnen, ausschneiden, neu zusammensetzen. Der Einstieg ist niedrigschwellig. Praktische Ansätze zum Ausprobieren: Dérive praktizieren. Sike nennt das…

    • Sikes Kartographie lesen

      Sikes Kartographie lesen

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    • Ein schöner Satz vorweg.

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  • Schreiben im reinen Präsens. Ein Experiment nach Frank Witzel

    Schreiben im reinen Präsens. Ein Experiment nach Frank Witzel

    Frank Witzel beginnt seinen Text über vergessene, verkannte und verschollene Autoren mit einem Eingeständnis: Der Vorgang des Erinnerns, obwohl er sein gesamtes literarisches Schaffen zu durchziehen scheint, erscheint ihm als „diffuse und unzureichende Prämisse für das Schreiben“. Was auf den ersten Blick wie eine Selbstkritik klingt, entpuppt sich als radikale Sehnsucht nach einem anderen Schreiben – einem „erinnerungslosen Schreiben, das allein aus dem Moment heraus entsteht und im Moment verbleibt“.

    Witzel beschreibt hier eine produktive Erschöpfung. Er ist müde vom Erinnern als literarischer Methode, obwohl – oder gerade weil – es seine Praxis dominiert. Seine Vision: ein Schreiben, das weder in der Vergangenheit nach Material sucht noch in die Zukunft auf ein Ziel hinarbeitet. Ein Schreiben als reiner Akt der Gegenwart, „ohne auf etwas anderes zu schauen als auf diesen Moment selbst“.

    Zwischen den Zeilen tobt ein existenzieller Kampf. Der Reflexions-Künstler ringt mit dem Moment-Künstler. Erinnerung wird zur Tyrannei, zum Filter, der den unmittelbaren Blick auf die Welt trübt. Schreiben, das auf die Vergangenheit schaut, wird unweigerlich zur Verarbeitung. Schreiben, das in die Zukunft blickt, wird zum Projekt, zur Absicht. Beides – so Witzels implizite These – verunreinigt den reinen Akt.

    Doch hier liegt das fundamentale Paradox: Dieser Wunsch nach erinnerungslosem Schreiben entspringt selbst der Reflexion über die Erinnerung. Der Text über das Vergessen ist hochgradig rückwärtsgewandt. Dies ist keine Schwäche, sondern die eigentliche Spannung, die Witzels Gedanken antreibt – die romantische Unmöglichkeit, aus dem Bewusstsein herauszutreten, während man über das Bewusstsein schreibt.

    Man könnte die Diagnose zuspitzen: Erinnerung ist nicht nur existenzielle Last, sondern auch ökonomische Währung. Der zeitgenössische Literaturbetrieb honoriert authentische Erfahrung, biografisches Zeugnis, die Verarbeitung von Trauma und Identität. Witzels Sehnsucht wäre dann auch eine Form der Verweigerung – nach einem Schreiben, das sich dieser Ökonomie entzieht, das nicht mehr repräsentiert oder legitimiert, sondern ereignet.

    Der Umweg über die anderen Künste

    An dieser Stelle lohnt der Blick auf Stendhal, der notierte: „Es waren die anderen Künste, die mich zu schreiben lehrten.“ Dieser Satz ist mehr als biografische Anekdote – er weist einen Ausweg aus der Sackgasse des autobiografischen Schreibens.

    Stendhal lernte vom Theater, von der Malerei, von der Musik. Also von Künsten, die entweder zeitbasiert sind (Theater, Musik) oder räumlich-simultan (Malerei), aber nicht primär narrativ-linear wie die Prosa. Diese Künste zwingen andere Wahrnehmungsmodi auf. Sie bieten einen Wechsel des Inputs: Statt die innere, erinnerte Welt zu befragen, wendet man sich einer äußeren, gegenwärtigen Quelle zu – einer anderen Kunstform, die selbst bereits vorverdichtete Gegenwart ist.

    Die Aufgabe ist dann nicht mehr, ein Gemälde zu interpretieren oder eine Symphonie zu beschreiben, sondern ihren Eindruck im Moment der Betrachtung in Sprache zu übersetzen. Wie verformen die Farben eines Jackson Pollock das Denken jetzt? Welchen Rhythmus gibt der Groove eines Funk-Stücks den Sätzen in diesem Augenblick?

    Entscheidend ist: Gerade die nicht-sprachlichen Künste eignen sich für dieses Unterfangen. Musik und abstrakte Malerei bedeuten nicht im gleichen Sinn wie Sprache. Sie erzeugen Affekt ohne Narrativ. Literatur, die auf Literatur reagiert, bleibt im Diskurs gefangen, in der Intertextualität, also wieder: in der Erinnerung an Gelesenes. Aber ein Bild, ein Klang – sie treffen das Bewusstsein ohne den Umweg über Semantik.

    Der Trick ist: Durch fremde Medien den eigenen Erinnerungskatalog kurzschließen. Man kann nicht auf bewährte Muster zurückgreifen, weil die Situation neu ist. Das Schreiben wird zum Tastversuch, zur Improvisation. Und genau darin liegt die Gegenwart, die Witzel sucht.

    Ein Experiment: MOMENTAUFNAHMEN

    Wie ließe sich dieser theoretische Impuls in die Praxis überführen? Ein Literaturmagazin könnte eine Ausgabe schaffen, die sich dem Schreiben als reiner Gegenwart verschreibt – unter dem Titel etwa: MOMENTAUFNAHMEN – Schreiben im puren Präsens.

    Das Konzept: Jeder Text ist eine Momentaufnahme. Die Autor*innen folgen einem radikalen Manifest:

    Regel 1: Keine Vergangenheit
    Keine persönlichen Anekdoten, keine Erinnerungen, keine Biografie. Der Text darf nicht „damals“ beginnen. Ein Satz wie „Als Kind liebte ich…“ ist verboten.

    Regel 2: Keine Zukunft
    Keine Pointe, keine Moral, keine Botschaft, keine Lösung. Der Text strebt auf kein Ziel hin. Er will nichts beweisen, niemandem etwas mitteilen. Er ist.

    Regel 3: Reiner sensorischer Input
    Der Text beginnt mit einer unmittelbaren, sinnlichen Wahrnehmung: Der Riss in der Wand. Das surrende Geräusch des Kühlschranks. Das Gewicht der Tasse in der Hand.

    Regel 4: Assoziative Entfaltung im Jetzt
    Von diesem Ausgangspunkt darf sich der Text assoziativ entfalten, aber er muss im „Jetzt“ der Wahrnehmung oder des Denkens bleiben. Aus „Der Riss in der Wand“ wird nicht: „…der mich an den Riss in der Decke meiner Kindheit erinnert“, sondern: „…verzweigt sich wie ein Flussdelta auf einer Landkarte, die es nicht gibt.“

    Regel 5: Das Stopp-Kriterium
    Der Text endet, sobald die Autor*in das Gefühl hat, eine Pointe zu machen, etwas zu verarbeiten oder die Unmittelbarkeit des Moments zu verlassen.

    IV. Praktische Varianten

    Das Experiment ließe sich in verschiedene Richtungen entfalten:

    • Schreiben nach Musik: Autor*innen hören ein unbekanntes Musikstück und schreiben währenddessen – ohne Pause, ohne Revision.
    • Schreiben nach Bildern: Vor einem abstrakten Bild schreiben, das keine Narrative vorgibt. Nicht über das Bild schreiben, sondern mit ihm.
    • Live-Schreiben als Performance: Schreiben vor Publikum, projiziert auf eine Leinwand – mit der Regel: Kein Zurückgehen, kein Löschen.
    • Choreografisches Schreiben: Bewegungsanweisungen befolgen und währenddessen schreiben. Der Körper als Generator von Präsenz.
    • Schreiben im Dialog mit Zufall: Ein Algorithmus gibt alle zwei Minuten ein zufälliges Wort vor. Sofortiges Weiterschreiben ist Pflicht.

    V. Das produktive Scheitern

    Ein ehrliches Experiment würde auch Texte publizieren, die scheitern. Texte, in denen Autor*innen merken, dass sie die Regeln brechen, und das transparent machen. Das Scheitern wäre keine Schwäche, sondern Ehrlichkeit. Es würde die Schwierigkeit des Unternehmens sichtbar machen – und zugleich zeigen, dass das Ringen darum bereits literarische Praxis ist.

    VI. Autonomie des Moments

    Was würde ein solches Experiment hervorbringen? Vermutlich Texte, die fragmentarisch sind, ungewöhnlich, frei von konventioneller Narrativität. Texte ohne Bogen, ohne Klimax, ohne Auflösung. Texte, die nicht verkäuflich sind im Sinne des Buchmarkts.

    Aber genau darin läge ihr Wert: Sie wären ein lebendiges, kollektives Ringen um die von Witzel beschworene Autonomie des literarischen Moments. Ein Schreiben als Entstehung, nicht als Verarbeitung.

    Vielleicht ist erinnerungsloses Schreiben unmöglich. Aber Schreiben, das die Erinnerung überrumpelt – das wäre ein Anfang. Und Stendhals Weg über die anderen Künste wäre die praktische Anleitung, um dieses paradoxe Unterfangen zu wagen: Nicht aus sich selbst heraus schreiben, sondern aus der Begegnung mit dem, was jetzt vor einem liegt, klingt, sich bewegt.

    Das Magazin würde keine Antworten liefern. Es würde eine Frage praktizieren: Wie schreibt man, wenn man aufhört, sich zu erinnern? Und die Antwort wäre nicht theoretisch, sondern ein Stapel Texte – manche gelungen, manche gescheitert, alle aber getragen von dem Versuch, für einen Moment die Last der Vergangenheit abzulegen und einfach zu schreiben: Jetzt.

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  • Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

    Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

    Was übt man, wenn man das Unsichtbare übt? – Kennen Sie das Gefühl, wenn eine solche Frage nicht einfach im Raum steht, sondern etwas in Ihnen in Bewegung setzt? Klaus Johannes Thies, 1950 in Wuppertal geboren, schreibt genau solche Literatur. Seine Texte sind weniger Geschichten als vielmehr Gedankenräume, Einladungen zu mentalen Expeditionen, die der Leser selbst bewohnen und gestalten muss. Es geht nicht um das Offensichtliche, sondern um jene verborgenen Dimensionen unserer Wahrnehmung, die sich der schnellen Betrachtung entziehen.

    „Unsichtbare Übungen“

    Das Buch „Unsichtbare Übungen – 123 Phantasien“ ist charakteristisch für Thies‘ literarischen Ansatz. Die Zahl 123 deutet bereits auf eine strukturierte Sammlung hin, die gleichzeitig Systematik und spielerische Freiheit verbindet. Der Titel selbst ist programmatisch: „Unsichtbare Übungen“ verweisen auf mentale, spirituelle oder imaginative Praktiken, die sich der direkten Beobachtung entziehen – Übungen des Geistes, der Wahrnehmung, vielleicht auch der inneren Verwandlung.

    Die „Phantasien“ – bewusst in der älteren Schreibweise – verleihen dem Werk einen beinahe musikalischen, romantischen Charakter. Es handelt sich vermutlich um kurze Prosastücke oder Gedankenskizzen, die den Leser einladen, gewohnte Wahrnehmungsmuster zu verlassen und sich auf unerwartete gedankliche Experimente einzulassen.

    Literarischer Ansatz

    Thies arbeitet in einer Tradition, die man als meditative oder kontemplative Literatur bezeichnen könnte. Seine Texte fordern die aktive Teilnahme des Lesers, der nicht nur konsumiert, sondern mitdenkt, mitfühlt und die angebotenen Gedankenräume selbst ausfüllt. Diese Art des Schreibens steht in der Nähe zu Autoren wie Peter Handke oder Botho Strauß, die ebenfalls Wahrnehmung und Bewusstsein literarisch erkunden.

    Die Form der nummerierten Miniaturen erinnert an klassische Aphorismen-Sammlungen, aber auch an zeitgenössische Experimente mit Kurzformen. Jede der 123 Phantasien dürfte für sich stehen und dennoch Teil eines größeren Ganzen sein – ein Mosaik des Denkens und Fühlens.

    Buchinformationen
    Klaus Johannes Thies
    Unsichtbare Übungen – 123 Phantasien

    Mit einem Nachsatz von Michael Krüger
    edition AZUR, Dresden 2015
    ISBN 978-3-942375-19-1

    NEU: Lesebuch Klaus Johannes Thies
    Zusammengestellt und einem Nachwort von Hanns-Martin Rüter
    Nylands Kleine Westfälische Bibliothek 147 – 2026
    ISBN 978-3-8498-2143-2
    160 Seiten kartoniert

    AISTHESIS VERLAG  
    Das Lesebuch Klaus Johannes Thies ist aufgeteilt in zwei Abteilungen. In der ersten sind 65 Texte aus seinen sechs zwischen 1986 und 2020 erschienenen Buchveröffentlichungen aufgenommen. Die 45 Texte in Teil 2 sind hingegen sämtlich Erstveröffentlichungen.

    Titelfoto: Michael Schwarzenberger

    • ich kann gedichte nicht ausstehen.

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    • Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

      Wer darf benennen, was eine Trauer bedeutet

      Über „Wegen der Inseln“ von Susanne Neuffer, Merkur Nr. 905, 2024 | Dieser Text hat mehrere Fäden, denen man folgen könnte. Ich habe mich für einen entschieden. Susanne Neuffers Kurzgeschichte, Miniatur erzählt von einer Schulklasse, die in Trauer verfällt. Oder so etwas Ähnlichem wie Trauer. Ausgelöst von einem neuen Mädchen namens Marsha, das eines Tages…

    • Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

      Die Roggenmuhme – Werner Lindemann

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    • Karen Roßki – Austausch

      Karen Roßki – Austausch

      Drei Miniaturen zu einer Zeichnung: Nichts bleibt für sich. Linien steigen auf, andere sinken zurück. Was sich verdichtet, gibt ab. Was aufragt, ist nicht getrennt vom Grund. Bewegung geht in beide Richtungen. Austausch heißt hier nicht Ausgleich. Es ist ein fortwährendes Weitergeben von Spannung. Linien gehen nach oben und kommen zurück. Der Grund bleibt beteiligt.…

    • Karen Roßki – Durchdringen

      Karen Roßki – Durchdringen

      Nichts greift hier ineinander. Von oben drängt etwas Fremdes ins Bild, faserig, hart gesetzt. Unten arbeitet eine andere Bewegung, schwer, erdig, unruhig. Die Farben mischen sich nicht, sie stoßen. Was durchdringt, verbindet nicht. Es verschiebt, verdrängt, reibt sich fest. Der Raum hält das aus, aber er schließt sich nicht. Nähe entsteht hier nicht aus Übergang,…

    • Karen Roßki – Weit

      Karen Roßki – Weit

      Es gibt keine Linie, an der das Sehen zur Ruhe kommt.Flächen schieben sich übereinander, als hätten sie Zeit gesammelt.Das Dunkle trägt, das Helle setzt an.Nichts öffnet sich nach außen, alles breitet sich aus.Bewegung ohne Richtung, Dichte ohne Schwere.Zwischen den Schichten bleibt kein leerer Ort, nur Übergang.Was wie Tiefe aussieht, ist Nähe.Was weit scheint, hält fest.…

    • Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Elisabeth Wesuls – Was ein Kind ist, um 1960

      Gegen das Kind als Postpaket | Beim Lesen eines kurzen Prosatextes über Kindheit „um 1960“ stellt sich ein unmittelbarer Impuls ein: Man möchte widersprechen. Nicht einer Meinung – sondern einem Bild. Der Text zählt auf, was einem Kind zugeschrieben wurde: dass man es „nichts fragen“ müsse, dass ihm „kein eigener Wille“ zugestanden wird, dass es…

    • Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls – Hohe Klinken

      Elisabeth Wesuls erzählt von einem Besuch, bei dem man nur eintreten darf, wenn man sich klein macht. Eine Annäherung: Das Eintreten ist kein Beginn, sondern bereits eine Prüfung. Die Tür muss geöffnet werden, nicht sie selbst tritt ein. Der Körper des Mannes entscheidet, wie viel Raum ihr zusteht. Sie passt nur hindurch, indem sie sich…

    • Elisabeth Wesuls – Geschichte

      Elisabeth Wesuls – Geschichte

      Tarnung, Enttarnung und das Unheimliche der Kontinuität. Annähernd gelesen | Beim ersten Lesen von Elisabeth Wesuls Miniatur gibt es diesen Moment des Innehaltens. Fast eine Schrecksekunde. Nicht wegen der historischen Kulisse, nicht wegen der Ideologie. Sondern wegen eines Namens. Zunächst bleibt alles im Bereich des Hörensagens. „Man erzählt“, „manche sagen“, „die Leute, die das erzählen“.…

    • Klaus Johannes Thies – „Gina Lollobrigida in unserer Hörspielabteilung“

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      Klaus Johannes Thies‘ Prosatext schildert die Hörspielabteilung von Radio Bremen als einen Ort des Wartens und Dämmerns. Schauspieler in Schlafanzügen lagern in langen, leeren Fluren einer vergessenen Abteilung, die bei einem Umzug einfach nicht mitgenommen wurde. Die Synchronisation von Gina Lollobrigida steht an, aber es gibt nur Männer – man behilft sich mit einer Sekretärin.…

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      Klaus Johannes Thies: Dekonstruktion im Schwimmbad

      Beim ersten Lesen von Klaus Johannes Thies Text „Im Schwimmbad mit Derrida“ stellt sich eine eigentümliche Ratlosigkeit ein. Was ist das? Ein Traumbericht? Eine philosophische Reflexion? Eine Alltagsbeobachtung? Der Text entzieht sich jeder eindeutigen Zuordnung – und genau darin liegt sein Geheimnis. Denn Thies schreibt nicht über Derridas Dekonstruktivismus, er vollzieht ihn. Das Verschwimmen der…

    • Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

      Unsichtbare Übungen – Klaus Johannes Thies

      Was übt man, wenn man das Unsichtbare übt? – Kennen Sie das Gefühl, wenn eine solche Frage nicht einfach im Raum steht, sondern etwas in Ihnen in Bewegung setzt? Klaus Johannes Thies, 1950 in Wuppertal geboren, schreibt genau solche Literatur. Seine Texte sind weniger Geschichten als vielmehr Gedankenräume, Einladungen zu mentalen Expeditionen, die der Leser…

    • Himbeeren – Valerie Zichy

      Himbeeren – Valerie Zichy

      HIMBEEREN das hier ist autofiktion. das ich hier ist autofiktion. das ich hinter diesem text isst gerne himbeeren. das ich hat oft ein schlechtes gewissen. und regelschmerzen. das ich trinkt heiße schokolade. das ich ist fiktiv. das ich ist ich und das ich ist nicht ich. das ich ist babysitterin. das ich zieht über-all die…

    • Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Er im Dialog mit Sandrines fragmentarischen Erinnerungen

      Sandrine, dein Atem ist Gänsedaunen. Meiner stockt beim Lesen, wird zu Stein in der Brust. Während du die kommenden Verheerungen spürst, taste ich mich an bereits vergangene heran. Deine Zeit friert in stehenden Gewässern – meine fließt linear fort, Datum für Datum, wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht. Vielleicht ist das der Unterschied. Du schreibst…

    • Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

      Schief gewickelt, wie ich bin! – Herausgelesen

      Es ist unbefriedigend, etwas teilen zu wollen, was man nicht direkt zeigen kann. Wie in diesem Fall: „Schief gewickelt, wie ich bin!“ Frottage mit Zeichnung von Ille Chamier. Daher habe ich versucht festzuhalten was ich dem Bild entlockt habe: Falsche Schritte? Sie steht da, ein Knoten aus Linien und Schatten,geformt aus Plänen, die nie so…

    • Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Süleyman I. & Roxelane  | Liebesbekundungen

      Aus einem Liebesbrief an den Sultan und seine poetische Widmung an Roxelane Während seiner Feldzüge ließ Sultan Süleyman I. (1494 – 1566) keinen Moment aus, um seiner geliebten Hürrem [Roxelane], die im Schloss auf ihn wartete, Briefe und Gedichte zu schreiben. Diese verliehen Hürrem Kraft und Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auch ihre Antworten drückten leidenschaftliche Sehnsucht…

  • Wolfgang Mattheuers Gedicht „August 1968″ zum Prager Frühling

    Wolfgang Mattheuers Gedicht „August 1968″ zum Prager Frühling

    26. August 1968 | An diesem Tag unterschreibt Alexander Dubček in Moskau unter massivem Druck das Protokoll, das die Niederschlagung des Prager Frühlings besiegelt. Die Panzer sind bereits fünf Tage zuvor einmarschiert, aber erst jetzt, an diesem Dienstag im August, wird die Kapitulation offiziell. Die Hoffnung auf einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ ist Geschichte.

    An demselben Tag – oder vielleicht kurz danach, rückdatiert auf diesen Moment – schreibt der DDR-Künstler Wolfgang Mattheuer ein Gedicht. Acht Zeilen. Kein Reim, kein Pathos, keine offene Anklage.

    Das Gedicht beginnt mit der nüchternen Feststellung: „Seit Tagen wird die Nachricht erwartet.“ Es beschreibt ein Flackern der Erwartung durch die Stunden, wie Kommentare die Zuversicht zerfasern, die keine Nahrung findet. Dann das zentrale Bild: Zuversicht kann verhungern, wie alle Lebewesen. Und am Ende fällt die späte Nachricht auf dürren Boden, auf dem kein Hälmchen Hoffnung mehr ist.

    Es ist kein Protestgedicht. Es ist ein Abgesang.

    Wolfgang Mattheuer Äußerungen | Texte & Grafik Reclam Verlag Leipzig 1990
    Wolfgang Mattheuer Äußerungen | Texte & Grafik Reclam Verlag Leipzig 1990

    I. Das Warten auf die Nachricht

    „Seit Tagen wird die Nachricht erwartet.“ Der erste Satz hat die Nüchternheit einer Chroniknotiz, fast bürokratisch. Aber was für eine Nachricht? Die vom Einmarsch selbst kann es nicht sein – der erfolgte bereits am 21. August. Es muss die Nachricht sein, die danach kommt: Was wird geschehen? Wird Dubček widerstehen? Wird es Konsequenzen geben? Wird der Westen reagieren?

    Diese Tage zwischen dem 21. und 26. August 1968 waren Tage der Ungewissheit, nicht nur in Prag, sondern auch in der DDR. Für viele Intellektuelle, Künstler und Reformer war der Prager Frühling mehr als ein tschechoslowakisches Experiment – er war ein Hoffnungszeichen, dass der Sozialismus sich humanisieren, dass er atmen könne. Die Niederschlagung dieses Experiments bedeutete das Ende dieser Hoffnung auch für sie selbst.

    Mattheuer schreibt nicht über die Panzer, nicht über Gewalt, nicht über Politik im engeren Sinne. Er schreibt über das Warten. Über die Stunden, die flackern. Über eine Erwartung, die sich verzehrt, noch bevor die Nachricht eintrifft.

    Die Erwartung flackert durch die Stunden – das Verb ist perfekt gewählt. Flackern tut eine Kerze, die kurz vor dem Erlöschen ist. Flackern bedeutet: unruhig, unsicher, im Begriff zu verlieren. Die Zeit wird zur Belastung, jede Stunde ein neues Schwanken zwischen Hoffen und Befürchten.

    II. Kommentare, die zerfasern

    Hier liegt eine der zentralen poetischen und politischen Aussagen des Gedichts. Die „Kommentare“ – das sind die offiziellen Verlautbarungen, die Rechtfertigungen, die Propagandatexte, die in den DDR-Medien erscheinen und den Einmarsch als „brüderliche Hilfe“ darstellen. Es sind aber auch die westlichen Stimmen, die Hoffnung wecken und dann enttäuschen. Es sind die widersprüchlichen Deutungen, die durch die Bevölkerung kursieren, die Gerüchte, die Spekulationen.

    Diese Kommentare tun nicht das, was Sprache tun sollte: Sie nähren nicht, sie klären nicht, sie trösten nicht. Stattdessen „zerfasern“ sie die Zuversicht. Das Wort ist brutal in seiner Präzision. Zerfasern bedeutet: in einzelne Fasern auflösen, zerreißen, unkenntlich machen. Die Zuversicht wird nicht einfach zerstört – sie wird systematisch aufgelöst, Faser für Faser, bis nichts mehr zusammenhält.

    Was Mattheuer hier beschreibt, ist ein Prozess der sprachlichen Zersetzung. Die offizielle Sprache, die Propaganda, die kontrollierten Medien – sie alle tragen dazu bei, dass echte Hoffnung nicht mehr artikulierbar wird. Es gibt keine Sprache mehr für das, was man fühlt. Die Zuversicht verhungert, weil ihr die Nahrung fehlt: Wahrheit, Klarheit, Solidarität.

    III. Das Verhungern der Hoffnung

    Der zentrale Satz des Gedichts ist von einer erschütternden Schlichtheit: Zuversicht kann verhungern, wie Katze und Maus und alles. Hoffnung ist hier kein abstraktes Konzept mehr, sondern ein Lebewesen, das Nahrung braucht. Und wie jedes Lebewesen kann sie sterben – nicht durch einen plötzlichen Schlag, sondern durch langsames, zermürbendes Aushungern.

    Die Aufzählung „wie Katz und Maus und alles“ ist keine poetische Ornamentik. Sie bringt das Existenzielle, das Alltägliche herein. Nicht nur große Ideale verhungern, auch das Kleine, das Gewöhnliche, das Leben selbst. Die Katze, die Maus – Tiere, die im Alltag leben und sterben, ohne dass die große Geschichte davon Notiz nimmt. „und alles“ – diese Ergänzung weitet den Blick ins Universelle: Alles, was lebt, kann verhungern. Auch die Hoffnung.

    Das Bild ist nicht zufällig gewählt. In der DDR jener Jahre war das Verhungern ein Bild mit historischer Resonanz – die Blockade, die Nachkriegszeit, die Hungersnot. Aber hier geht es um einen anderen Hunger: den Hunger nach Freiheit, nach Wahrheit, nach einem Leben, das nicht von Lüge und Zwang bestimmt ist.

    Mattheuer diagnostiziert hier etwas Grundlegendes über das Leben in einem repressiven System: Es ist nicht die brutale Gewalt allein, die Menschen zerbricht (obwohl es auch die gibt), sondern das langsame Aushungern aller Hoffnung, aller Zuversicht, aller Möglichkeit zur Veränderung.

    IV. Die späte Nachricht

    Der Schlusssatz ist eine Katastrophe in Zeitlupe. Die Nachricht kommt – das Moskauer Protokoll ist unterschrieben, die Kapitulation ist offiziell. Aber sie kommt zu spät.

    Zu spät wofür? Zu spät, um noch Widerstand zu mobilisieren? Zu spät, um noch Hoffnung zu retten? Nein. Sie kommt zu spät, weil der Boden bereits dürr ist. Die Hoffnung ist bereits verhungert. Es gibt nichts mehr, das diese Nachricht noch erreichen könnte.

    Das biblische Bild vom „dürren Boden“ erinnert an das Gleichnis vom Sämann: Der Same fällt auf verschiedene Böden, und nur dort, wo der Boden fruchtbar ist, kann er wachsen. Aber Mattheuers Boden ist nicht nur unfruchtbar – er ist ausgedörrt, tot, ohne jede Möglichkeit zur Regeneration.

    „kein Hälmchen Hoffnung“ – das Diminutiv („Hälmchen“) macht das Bild noch schmerzlicher. Es geht nicht einmal um große Hoffnungen, um revolutionäre Aufbrüche. Nicht einmal das kleinste, zarteste Pflänzchen der Hoffnung existiert noch.

    V. Die Sprache des Schweigens

    Mattheuers Gedicht ist ein Meisterwerk der Verschlüsselung. Nirgendwo erscheinen die Worte „Prag“, „Dubček“, „Einmarsch“, „Sowjetunion“, „Sozialismus“. Das Gedicht könnte theoretisch von jedem enttäuschten Warten handeln. Aber für jeden, der im August 1968 in der DDR lebte, war die Referenz kristallklar.

    Diese Verschlüsselung war keine ästhetische Wahl, sondern eine Überlebensstrategie. Offene Kritik am Einmarsch wurde in der DDR strafrechtlich verfolgt. Laut DDR-Generalstaatsanwalt wurden 1.189 Personen belangt, die sich an „Sympathiekundgebungen für die ČSSR“ beteiligt hatten. Künstler und Schriftsteller, die sich zu deutlich äußerten, riskierten Berufsverbot, Haft oder Schlimmeres.

    Wolfgang Mattheuer war vor allem als Maler bekannt, als einer der bedeutendsten Vertreter der „Leipziger Schule“. Seine Bilder – wie „Hinter den sieben Bergen“ oder „Der Jahrhundertschritt“ – sind voller Allegorien, Metaphern und verschlüsselter Gesellschaftskritik. Auch dieses Gedicht fügt sich in diese künstlerische Haltung: Es sagt alles, ohne etwas direkt zu benennen.

    Das Schweigen ist hier nicht Abwesenheit von Sprache, sondern eine eigene Sprache. Eine Sprache, die zwischen den Zeilen spricht, die andeutet, die verstanden werden will, aber nicht verstanden werden muss. Eine Sprache für die, die lesen können – und die anderen schützt.

    VI. Andere Stimmen, andere Schicksale

    Mattheuer war nicht allein. Es gab andere Künstler, andere Schriftsteller, die versuchten, auf den August 1968 zu reagieren. Aber ihre Möglichkeiten waren begrenzt, und die Konsequenzen waren real.

    Wolf Biermann, der kritische Liedermacher, schrieb das Lied „In Prag ist Pariser Kommune. Sie lebt noch!“ Der Text wurde sofort verboten, die Aufführung unmöglich gemacht. Biermann selbst wurde 1976 ausgebürgert – auch wegen seiner Haltung zum Prager Frühling.

    Thomas Brasch, damals 23 Jahre alt und Student an der Filmhochschule Babelsberg, verteilte Flugblätter gegen den Einmarsch. Er wurde verhaftet und zu einer Haftstrafe verurteilt. Das Besonders Tragische: Sein Vater, Horst Brasch, war stellvertretender Kulturminister der DDR – und beteiligte sich an der Verfolgung seines eigenen Sohnes.

    Während seiner Haftzeit schrieb Thomas Brasch das Gedicht „Anna“ – das einzige Gedicht, das er in dieser Zeit verfassen konnte. Es wurde später in einem „Poesiealbum“ veröffentlicht, einer der wenigen offiziellen Publikationen seiner Texte in der DDR. 1976, nach Jahren der Schikane, verließ auch Brasch die DDR. Die Erfahrung von 1968 – die Verhaftung, der Verrat des Vaters, die zerbrochenen Hoffnungen – prägte sein gesamtes späteres Werk.

    1.189 Menschen wurden strafrechtlich belangt. Wir kennen ihre Namen meist nicht. Wir wissen nicht, was sie geschrieben haben, ob sie geschrieben haben, was sie gedacht haben. Ihre Zeugnisse sind verloren oder versteckt in Archiven, die noch nicht vollständig erschlossen sind.

    Und dann gibt es die große Leerstelle: all jene, die nichts schrieben, weil sie wussten, dass es zwecklos war. Die Texte, die nie entstanden, weil die Angst zu groß war. Die Gedichte, die im Kopf blieben. Die Tagebucheinträge, die verbrannt wurden.

    VII. Die Frage nach dem Archiv

    Ein literarischer Essay über den August 1968 in der DDR muss notwendigerweise unvollständig bleiben. Nicht, weil der Autor nicht genug recherchiert hätte, sondern weil die Quellen selbst unvollständig sind.

    Was wurde nach 1989 aus den Archiven geholt? Welche Texte tauchten plötzlich auf, die jahrzehntelang versteckt waren? Thomas Braschs große Werkausgabe „Die nennen das Schrei“ enthält über tausend Seiten – vieles davon unveröffentlicht zu seinen Lebzeiten. Aber wie viele andere Autoren, Dichter, Tagebuchschreiber gab es, deren Nachlässe nicht gesichtet wurden, nicht bewahrt wurden, nicht publiziert werden konnten?

    Die Kunstwerke, die in den berühmten „Grafikschränken“ landeten – jenen Archiven für unveröffentlichbare Kunst in der DDR – sind nur zum Teil bekannt. Wie viele Gedichte, wie viele Erzählungen, wie viele kritische Reflexionen liegen noch in privaten Nachlässen, in Kellern, in vergessenen Schubladen?

    Und noch grundsätzlicher: Wie viele Menschen haben gar nicht erst versucht zu schreiben, weil sie wussten, dass es niemand lesen würde, dass es gefährlich wäre, dass es sinnlos schien?

    Das Schweigen der DDR-Literatur über den Prager Frühling ist nicht nur ein ästhetisches oder politisches Phänomen – es ist eine Archivlücke, eine Leerstelle im kulturellen Gedächtnis, die nie vollständig gefüllt werden kann.

    VIII. Offene Fragen

    Mattheuers Gedicht vom 26. August 1968 öffnet mehr Fragen, als es beantwortet. Das ist seine Stärke – und seine Herausforderung an uns, die wir heute darüber nachdenken.

    Frage 1: Was bedeutet es, wenn ein historisches Ereignis nicht besprochen werden darf?

    Der Prager Frühling war in der DDR kein Tabuthema im engeren Sinne – er wurde besprochen, aber nur in der offiziellen Version: als konterrevolutionäre Bedrohung, die durch brüderliche Hilfe abgewendet wurde. Die andere Version – die Trauer, die Enttäuschung, die Solidarität mit den Reformern – konnte nicht öffentlich geäußert werden.

    Was macht das mit einer Gesellschaft? Was macht es mit Menschen, wenn sie ihre tiefsten Gefühle und Überzeugungen nicht in Sprache fassen dürfen? Wenn das Trauma eines historischen Moments nicht kollektiv bearbeitet werden kann?

    Frage 2: Wie schreibt man über etwas, das offiziell nicht existiert?

    Mattheuers Verschlüsselungsstrategie – das Sprechen ohne Namen, das Andeutung ohne offene Referenz – war in der DDR weit verbreitet. Aber wie funktioniert diese Sprache? Wer versteht sie? Und was geht verloren, wenn man nur noch in Andeutungen sprechen kann?

    Es gibt eine Gefahr in dieser Form der Kommunikation: Sie schafft eine doppelte Öffentlichkeit. Die, die verstehen, verstehen sofort. Die anderen – oder die nächste Generation – versteht vielleicht gar nichts mehr. Das Gedicht wird unleserlich, sobald der historische Kontext verblasst.

    Frage 3: Gibt es eine Literatur des Prager Frühlings in der DDR?

    Wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen: Wir wissen es nicht genau. Es gibt vereinzelte Texte – Mattheuers Gedicht, Biermanns Lied, Braschs Flugblätter und das Gedicht „Anna“. Aber gibt es mehr? Gibt es Romane, Erzählungen, Theaterstücke, die sich mit diesem Moment auseinandersetzen – vielleicht verschlüsselt, vielleicht zeitlich versetzt?

    Die Forschung zu diesem Thema ist erstaunlich dünn. Es gibt historische Studien zum Prager Frühling, es gibt Arbeiten zur DDR-Literatur allgemein. Aber eine systematische Untersuchung der literarischen Reaktionen auf den August 1968 in der DDR fehlt weitgehend.

    Frage 4: Was ist mit den 1.189 Bestraften?

    Wer waren diese Menschen? Was haben sie gesagt, geschrieben, gedacht? Haben sie später darüber geschrieben? Gibt es Tagebücher, Briefe, Erinnerungen? Oder haben sie geschwiegen – aus Angst, aus Resignation, aus Selbstschutz?

    Diese 1.189 sind nicht nur eine statistische Größe. Sie sind 1.189 individuelle Schicksale, 1.189 Geschichten von Mut und Angst, von Hoffnung und Enttäuschung. Die meisten dieser Geschichten kennen wir nicht.

    Frage 5: Wie verhält sich Mattheuers Gedicht zu seinem bildkünstlerischen Werk?

    Mattheuer war in erster Linie Maler. Seine Bilder aus den späten 1960er und 1970er Jahren sind voller Allegorien, die oft auf gesellschaftliche Widersprüche anspielen. Gibt es Verbindungen zwischen dem Gedicht und seinen Bildern aus dieser Zeit? Lässt sich eine ähnliche Haltung, eine ähnliche Verzweiflung auch in seiner Malerei ablesen?

    Frage 6: Was bedeutet „zu spät“?

    Die „späte Nachricht“ in Mattheuers Gedicht ist nicht nur zeitlich zu spät – sie ist existenziell zu spät. Sie kommt in einem Moment, in dem sie nichts mehr bewirken kann. Aber wann genau kippt Hoffnung in Hoffnungslosigkeit? Wann wird aus Erwartung Resignation? Und kann man diesen Moment überhaupt literarisch fassen?

    Frage 7: Gibt es eine Kontinuität von 1968 zu 1989?

    Der Prager Frühling scheiterte. Aber die Hoffnung auf Veränderung verschwand nicht vollständig. 1989, 21 Jahre später, fiel die Mauer. Gibt es eine Verbindung zwischen diesen beiden Momenten? Haben die Menschen, die 1968 enttäuscht wurden, 1989 noch einmal gehofft? Oder war ihre Hoffnung längst verhungert?

    Und literarisch: Gibt es Texte, die diese beiden Momente verbinden, die den langen Weg von der Enttäuschung zur Veränderung nachzeichnen?

    IX. Schluss: Zeugnis auf dürrem Boden

    Wolfgang Mattheuers Gedicht „August 1968″ ist keine große Geste. Es ist kein Aufschrei, keine Anklage, kein Aufruf zum Widerstand. Es ist ein leises, fast verzweifeltes Zeugnis – ein Versuch, festzuhalten, was in jenem Moment verloren ging.

    Das Gedicht sagt: Es gab Hoffnung. Es gab Erwartung. Es gab Menschen, die auf Veränderung hofften. Und dann kam die Nachricht – zu spät, auf dürren Boden.

    In seiner Schlichtheit ist dieses Gedicht von erschütternder Wahrhaftigkeit. Es verzichtet auf jeden Trost, auf jede Beschönigung. Es sagt: Die Hoffnung ist tot. Der Boden ist dürr. Es wächst nichts mehr.

    Und doch: Das Gedicht existiert. Es wurde geschrieben, es wurde aufbewahrt, es wurde überliefert. Es ist selbst ein Hälmchen Hoffnung – nicht die Hoffnung, dass sich etwas ändert, sondern die Hoffnung, dass man bezeugen kann. Dass man sprechen kann, auch wenn niemand zuhört. Dass man schreiben kann, auch wenn niemand liest.

    Vielleicht ist das die tiefste Funktion von Literatur in repressiven Zeiten: nicht die Veränderung der Welt, sondern die Bewahrung der Erinnerung. Die Dokumentation dessen, was verloren ging. Das Festhalten eines Moments, in dem Hoffnung verhungerte.

    Mattheuers Gedicht ist kein Hoffnungsgedicht. Aber es ist auch kein Gedicht der totalen Verzweiflung. Es ist ein Gedicht der Trauer – und Trauer setzt voraus, dass es etwas gab, das wert war, betrauert zu werden.

    Es gab Hoffnung. Sie verhungerte. Aber sie war da.

    Das ist es, was das Gedicht bezeugt. Und das ist es, was uns heute – mehr als fünfzig Jahre später – noch immer zu lesen gibt.

    Nachwort

    Dieser Essay ist notwendigerweise unvollständig. Er wirft mehr Fragen auf, als er beantworten kann. Das liegt nicht an mangelnder Recherche, sondern an der Natur des Themas selbst: Die literarische Reaktion auf den Prager Frühling in der DDR ist eine Geschichte des Schweigens, eine Geschichte der Lücken, eine Geschichte dessen, was nicht gesagt werden durfte.

    Die offenen Fragen, die hier gestellt wurden, sind Einladungen zur weiteren Erkundung:

    • Welche unveröffentlichten Texte gibt es noch in Archiven?
    • Wer waren die 1.189 Bestraften, und haben sie geschrieben?
    • Wie verhalten sich Mattheuers literarische und bildkünstlerische Arbeiten zueinander?
    • Gibt es eine systematische Studie zur DDR-Literatur über 1968?
    • Was bedeutet es, literarisch zu schweigen – und gibt es eine Poetik dieses Schweigens?

    Wolfgang Mattheuer (1927–2004) war einer der bedeutendsten Künstler der DDR, vor allem bekannt für seine allegorischen Gemälde. Sein Gedicht „August 1968″ gehört zu den wenigen direkten literarischen Zeugnissen der DDR-Künstlerschaft über die Niederschlagung des Prager Frühlings; ausgehend von dem, was ich bisher herausfinden konnte.
    Datiert: 26. August 1968 – der Tag, an dem das Moskauer Protokoll unterzeichnet wurde und die Hoffnung auf Reform im Ostblock endgültig begraben wurde.

  • Ulrike Almut Sandig

    Ulrike Almut Sandig

    Eine biografische Skizze | Ulrike Almut Sandig wurde 1979 in Großenhain in der DDR geboren und wuchs in der sächsischen Kleinstadt Riesa auf. Sie gehört zu jener Generation deutschsprachiger Autorinnen, die ihre Kindheit noch in der DDR verbrachten und ihre literarische Sozialisation nach der Wende erfuhren. Diese biografische Verortung zwischen zwei deutschen Staaten und Systemen prägt ihr Werk, ohne es eindimensional zu bestimmen.

    Vielleicht gibt es zwei Arten des Lesens. Die eine ist die Suche nach Bestätigung des eigenen Weltbildes. Das hat seine Berechtigung. Es empowert. Die andere ist ein Suchen ohne bestimmtes Ziel, das einen mit echten Funden belohnt. Diese Art des Lesens befreit mich vom eigenen beschränkten Blick. Außerdem hat sie eine steile Lernkurve.  – Aus: Sprechstunde – die Sprachkolumne 

    Ausbildung und künstlerische Anfänge

    Nach dem Abitur studierte Sandig zunächst Religionswissenschaft und Indologie in Leipzig und Berlin, später Angewandte Literaturwissenschaft am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, wo sie 2010 ihr Diplom erlangte. Diese Ausbildung an einer der renommiertesten deutschsprachigen Schreibschulen legte den Grundstein für ihre vielseitige literarische Praxis. Bereits während des Studiums machte sie mit ersten Veröffentlichungen auf sich aufmerksam.

    Literarisches Werk

    Sandigs Schaffen zeichnet sich durch ausgeprägte Gattungsvielfalt aus. Sie schreibt Lyrik, Prosa und Hörstücke und entwickelt intermediale Projekte, die Literatur mit Musik und Performance verbinden. Ihre ersten Gedichtbände erschienen in den 2000er Jahren und etablierten sie schnell als eine bemerkenswerte Stimme in der zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik.

    Zu ihren wichtigsten Veröffentlichungen zählen die Gedichtbände „Zunder“ (2005), „Streumen“ (2007), „Dickicht“ (2011) und „ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“ (2016). In ihrer Lyrik verbindet Sandig oft archaische und märchenhafte Elemente mit zeitgenössischen Bezügen. Ihre Sprache changiert zwischen dem Konkreten und dem Mythischen, zwischen regionaler Verwurzelung und universellen Motiven.

    Im Prosabereich veröffentlichte sie unter anderem „Flamingos“ (2010), einen Erzählband, sowie „Monster wie wir“ (2015), einen Roman, der die Geschichte dreier Frauen aus verschiedenen Generationen einer ostdeutschen Familie erzählt. Das von Ihnen erwähnte „Buch gegen das Verschwinden“ erschien 2023 und markiert eine weitere Facette ihres Schreibens. In diesem Werk verbindet Sandig persönliche Erinnerungen, familiäre Überlieferungen und kulturhistorische Reflexionen zu einem vielstimmigen Text über Gedächtnis, Herkunft und die Bewahrung des Verschwindenden.

    Musikalisch-performative Projekte

    Ein charakteristisches Merkmal von Sandigs künstlerischer Arbeit ist die Verbindung von Literatur und Musik. Sie arbeitet regelmäßig mit Musikern zusammen und entwickelt Konzertlesungen, die ihre Texte mit Klanglandschaften verweben. Zu ihren musikalischen Partnern gehören unter anderem der Schlagzeuger Andreas Schnitzer und der Musiker Christian Steyer. Diese Zusammenarbeit mündet in Auftritten, die zwischen Lesung, Konzert und Performance oszillieren und das gesprochene Wort als musikalisches Element verstehen.

    Thematische Schwerpunkte

    In Sandigs Werk kehren bestimmte Themen und Motive wieder: die ostdeutsche Provinz als Landschaft der Kindheit und der Transformation, Familiengeschichten und Generationenbeziehungen, die Natur als mythischer und konkreter Raum, sowie Fragen von Sprache, Erinnerung und Identität. Ihre Texte sind häufig von einem ethnografischen Interesse geprägt – sie sammelt Geschichten, Lieder, Sprichwörter und Alltagserzählungen und verwandelt sie in literarische Form.

    Die DDR-Vergangenheit erscheint in ihren Texten nicht als politisches Thema im engeren Sinne, sondern als biografische Grundierung, als Teil einer Herkunft, die miterzählt wird, ohne dass sie das Werk dominierte. Sandig gehört zu jenen Autorinnen, die den ostdeutschen Erfahrungsraum literarisch bearbeiten, ohne sich darauf reduzieren zu lassen.

    Übersetzungen und Hörstücke

    Neben der eigenen literarischen Produktion betätigt sich Sandig auch als Übersetzerin und hat Texte aus dem Englischen ins Deutsche übertragen. Zudem hat sie mehrere Hörstücke verfasst, die im Radio ausgestrahlt wurden und die akustischen Möglichkeiten des Mediums für poetische Experimente nutzen.

    Auszeichnungen und Stipendien

    Sandigs Werk wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien gewürdigt. Sie erhielt unter anderem den Leonce-und-Lena-Preis (2009), einen der wichtigsten deutschsprachigen Lyrikpreise, den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis (2010), den Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis (2010), den Kranichsteiner Literaturpreis (2012) und den Peter-Huchel-Preis (2015). Sie war Stipendiatin der Villa Massimo in Rom (2018) und erhielt 2021 den Heimrad-Bäcker-Preis. Diese Auszeichnungen dokumentieren die Anerkennung, die ihr Werk in der literarischen Öffentlichkeit gefunden hat.

    Lebens- und Arbeitsweise

    Sandig lebt und arbeitet in Leipzig, einer Stadt, die sich seit der Wende zu einem wichtigen Zentrum der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur entwickelt hat. Von dort aus unternimmt sie Lesereisen, nimmt an Festivals teil und entwickelt neue Projekte. Ihre Arbeitsweise ist geprägt von einem experimentellen Zugang zur Sprache und von der Suche nach Formen, die über das reine Textformat hinausgehen.

    Poetologische Position

    In Interviews und Essays hat sich Sandig wiederholt zu ihrer Schreibpraxis geäußert. Sie versteht Schreiben als einen Prozess des Zuhörens und Sammelns, als ein Aufnehmen von Stimmen und Geschichten aus der Umgebung. Ihre Texte entstehen oft aus einem längeren Recherche- und Verdichtungsprozess, in dem dokumentarisches Material und literarische Imagination ineinandergreifen. Die Mündlichkeit spielt eine wichtige Rolle – viele ihrer Texte sind auf Vortrag hin angelegt und entfalten ihre Wirkung erst in der performativen Situation.

    Rezeption und literarisches Feld

    Sandig wird von der Literaturkritik überwiegend positiv aufgenommen und gilt als eine der profilierten Stimmen ihrer Generation. Ihre Texte werden in Literaturzeitschriften, Anthologien und auf Festivals präsentiert. Sie nimmt teil am zeitgenössischen literarischen Diskurs und gehört zu jenen Autorinnen, die die Grenzen zwischen den Gattungen produktiv überschreiten und nach neuen Ausdrucksformen suchen.

    Ihre Sprachkolumnen auf der Website des Goethe-Instituts
    Der Instagram-Account der Autorin

    Titelfoto: Brigitte Werner


    Aus der Lektüre entstandene Beiträge

  • WORTSCHAU Nr. 44 – Selbstgespräch

    WORTSCHAU Nr. 44 – Selbstgespräch

    Die 44. Ausgabe 2025 der WORTSCHAU widmet sich dem Thema Selbstgespräch und fragt nach der künstlerischen Darstellung des eigenen inneren Erlebens. Die Herausgeber Johanna Hansen und Wolfgang Allinger haben aus über 200 Einreichungen eine vielstimmige Auswahl getroffen, die das Selbstgespräch in seinen unterschiedlichsten literarischen Formen erkundet – von lyrischen Reflexionen bis zu autofiktionalen Erzählungen.

    Hauptautorin und Künstlerin: Katia Tangian

    WORTSCHAU Verlag – WORTSCHAU #44 – Selbstgespräche – Erschienen im März 2025 | ISBN: 978-3-944286-46-4

    Im Zentrum dieser Ausgabe steht die Schriftstellerin und Malerin Katia Tangian (*1975 in Moskau), die sowohl als Hauptautorin als auch als bildende Künstlerin fungiert. Tangian, die Anfang der 1990er Jahre mit ihrer Familie nach Deutschland kam, vereint in ihrer Arbeit künstlerische und literarische Praxis: Sie studierte Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft in Bochum (M.A. 2002), freie Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Helmut Federle (2000–2004) und promovierte 2008 am ZKM Karlsruhe in Kunstgeschichte. Heute lebt sie bei Hannover, wo sie als Lehrerin für Kunst und darstellendes Spiel arbeitet und regelmäßig literarisch wie bildkünstlerisch in Erscheinung tritt.

    Tangian steuert mehrere Datscha-Storys bei – autofiktionale Texte, die ihre Kindheit in einem Schriftstellerdorf der früheren UdSSR unter „Treibhausbedingungen“ erzählen. Erstmals werden diese Geschichten mit Familienfotos aus dem Archiv präsentiert und verbinden so Text und Bild zu einem eindringlichen Erinnerungsraum. Die Datscha-Storys stießen bereits bei Lesungen auf großes Publikumsinteresse; auf der Leipziger Buchmesse 2025 hatte die Autorin daraus lesen.

    Eine Auszeichnung für die Herausgeberin

    Ein besonderer Moment dieser Ausgabe ist die Ehrung der Mit-Herausgeberin Johanna Hansen, die im November 2024 – kurz vor Erscheinen des Heftes – mit dem renommierten Feldkircher Lyrikpreis ausgezeichnet wurde. Wolfgang Allinger gratuliert ihr in einer persönlichen Ansprache und hebt ihr unverzichtbares Gespür für sprachliche Qualität hervor. Aus der Laudatio von Klaus Berndl wird zitiert, die die unmittelbare, packende und kunstvolle Wirkung von Hansens Texten würdigt. Die prämierten Gedichte sind in einer Anthologie der Edition V erschienen.

    Beiträge und Autorinnen & Autoren

    Die Ausgabe versammelt etablierte und neue Stimmen der deutschsprachigen Literatur. Den internationalen Auftakt bildet der flämische Autor Eddy van Vliet, dessen Text von Volkmar Mühleis übersetzt wurde.

    Weitere Beiträge stammen von: Ulrike Schrimpf, Jane Weis, Gundula Schiffer, Marina Büttner, Sofie Morin, Katharina Kiening, Ulrike Damm, Stan Lafleur, Achim Franz Willems, Andreas Pflüger, Philipp Létranger, Sarah Beicht und Wolfgang Allinger selbst.

    Ausgewählte Titel (Auszug)

    Über 200 Einreichungen gab es und die Auswahl ist den Herausgebern, der Redaktion nicht leichtgefallen. Der begrenzte Platz habe es leider nicht zugelassen, alle begeisternden Texte aufzunehmen. (Anmerkung im Editorial.)

    WORTSCHAU Nr. 44 versammelt literarische Texte zum Thema Selbstgespräch – von Lyrik über Kurzprosa bis zu autofiktionalen Erzählungen. Katia Tangians Datscha-Storys über ihre Kindheit in der Sowjetunion bilden den Schwerpunkt und werden durch ihre eigenen Bilder ergänzt. Die Ausgabe erscheint zudem kurz nach der Verleihung des Feldkircher Lyrikpreises an Mit-Herausgeberin Johanna Hansen.

    WORTSCHAU Literaturmagazin
    Herausgegeben von Johanna Hansen und Wolfgang Allinger
    Erschienen: März 2025
    WORTSCHAU Verlag
    ISBN 978-3-944286-46-4

    Beiträge, die aus der Lektüre entstanden sind:

    Titelfoto: Philip Pena

  • Ein Zimmer für sich allein

    Ein Zimmer für sich allein

    Eine Begegnung mit Virginia Woolf über Umwege – Ausgangspunkt: Eine Lithographie von Wolfgang Mattheuer

    Manchmal führen merkwürdige Wege zu einem Text. In meinem Fall begann es mit einer Lithographie des DDR-Künstlers Wolfgang Mattheuer in dem Band „Äußerungen“. Zu finden ist der Druck vor dem ersten Texteintrag, trägt den Titel „Abendliches Studium“ und stammt aus dem Jahr 1958. Die Darstellung ist schlicht: Eine Frau sitzt an einem Tisch und blättert in einem Buch – so jedenfalls sehe ich es.

    Über diese Druckgraphik selbst habe ich bisher nichts weiter herausfinden können. Was hatte er im Sinn, als er diese Szene schuf? Welche Bedeutung sollte das abendliche Studium dieser Frau haben – in der DDR der späten 1950er Jahre, in einer Zeit des Aufbaus, der ideologischen Auseinandersetzungen, der neuen gesellschaftlichen Rollen?

    Ich weiß es nicht. Und gerade weil mir der ursprüngliche Kontext verborgen bleibt, erlaube ich mir, frei zu assoziieren.

    Der Sprung zu Virginia Woolf

    Von dieser lesenden, studierenden Frau war es gedanklich nicht weit zu Virginia Woolfs berühmtem Essay „Ein Zimmer für sich allein“ von 1929. Woolf stellt darin eine ebenso einfache wie radikale Forderung auf: Eine Frau brauche Geld und ein eigenes Zimmer, wenn sie schreiben wolle. Es geht ihr um die materiellen Voraussetzungen geistiger Arbeit, um Raum, Zeit und ökonomische Unabhängigkeit.

    In Mattheuers Lithographie sitzt eine Frau für sich, vertieft in ein Buch. Sie hat offenbar diesen Moment für sich – einen Raum, eine Abendstunde, die Möglichkeit zu studieren. Natürlich hinkt der Vergleich: Mattheuer arbeitete in einem völlig anderen historischen und politischen Kontext als Woolf. Die DDR proklamierte die Gleichberechtigung der Frau, förderte Bildung und Berufstätigkeit von Frauen – wenn auch unter anderen Vorzeichen als die feministische Bewegung im Westen. Trotzdem bleibt die Frage: Hatte diese Frau wirklich ein „eigenes Zimmer“ im Woolfschen Sinne? Oder war es ein Studium im Dienst anderer Ziele, eingebettet in kollektive Strukturen?

    Ich maße mir keine Antwort an. Aber die Lithographie hat mich zu Woolfs Text geführt.

    Eine Lesung in Lüneburg

    Parallel zu meiner Beschäftigung mit Woolfs Essay erinnerte ich mich an eine Lesung mit Antje Rávik Strubel im Literaturhaus Lüneburg. Strubel, selbst Schriftstellerin und mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, erzählte damals von ihrer Arbeit an Woolf-Texten. Es war das erste Mal, dass ich davon hörte – dass sie 2019 „Ein Zimmer für sich allein“ neu ins Deutsche übersetzt hatte, erschienen beim Kampa Verlag.

    Strubel sprach darüber, wie sie versuchte, Woolfs Ton zu treffen: die Leichtigkeit, den Witz, die Ironie, mit der Woolf patriarchale Strukturen unterläuft. Woolf schreibt keineswegs trocken oder akademisch, sondern literarisch, mit Eleganz und Raffinesse. Ältere Übersetzungen hatten diese Qualität teilweise verloren, waren zu ernst, zu bildungsbürgerlich geworden. Strubel wollte den Text als das lesbar machen, was er ist: ein Essay, der zugleich Kunstwerk ist.

    Diese Lesung hatte sich mir eingeprägt, ohne dass ich damals schon den Essay selbst gelesen hätte. Nun, beim Nachdenken über Mattheuers Lithographie, fiel sie mir wieder ein.

    Freie Assoziationen

    Ich bin mir bewusst, dass Wolfgang Mattheuer 1958 wahrscheinlich etwas ganz anderes im Sinn hatte, als er seine Lithographie schuf. Vielleicht ging es um Bildung im sozialistischen Staat, um den neuen Menschen, um die arbeitende Frau, die sich weiterbildet. Vielleicht war es eine ganz persönliche Szene ohne programmatischen Anspruch. Vielleicht etwas Drittes.

    Da mir dieser ursprüngliche Zusammenhang bisher verborgen geblieben ist, nehme ich mir die Freiheit, das Bild in einen anderen Kontext zu stellen: in den von Woolfs Essay. Die lesende, studierende Frau am Tisch – hat sie ein Zimmer für sich allein? Hat sie Zeit, die ihr gehört? Welche Bücher liest sie, und für wen oder für was liest sie?

    Diese Fragen stellte Woolf 1929. Sie stellen sich noch heute. Und sie stellten sich vermutlich auch 1958 in der DDR, wenn auch unter völlig anderen Bedingungen und mit anderen Antworten.

    Drei Fäden zusammengeführt

    So sind drei Stränge zusammengekommen: eine Lithographie aus der frühen DDR, ein feministischer Essay aus dem England der Zwischenkriegszeit und eine zeitgenössische Neuübersetzung, vorgestellt in einer Lesung in Norddeutschland. Sie gehören nicht natürlicherweise zusammen. Aber manchmal entstehen gerade aus solchen zufälligen Verbindungen interessante Gedanken.

    Mattheuers „Abendliches Studium“ zeigt eine Frau mit einem Buch. Virginia Woolf fragt danach, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit Frauen nicht nur lesen, sondern auch schreiben können. Antje Rávik Strubel hat diese Frage ins Heute übersetzt – sprachlich und inhaltlich. Und ich betrachte ein altes Bild und denke über Räume nach, über Zeit, über die Möglichkeit, für sich zu sein.

    Was Mattheuer wirklich sagen wollte, weiß ich nicht. Aber sein Bild hat mich auf einen Weg gebracht, der zu Woolf führte. Und das ist vielleicht mehr, als man von einer Lithographie erwarten kann. – Randbemerkung: Eine Reproduktion des Bildes ist mir bisher nur im genannten Band ‚Äußerungen‘ begegnet, nicht aber frei zugänglich im Internet.

    Bibliografische Angaben „meiner“ Ausgabe
    Ein Zimmer für sich allein
    Virginia Woolf | Antje Rávik Strubel Übersetzung
    ISBN 978-3-311-22003-9
    Kampa Verlag
    Reihe Gatsby
    Erschienen 2019
    192 Seiten

  • Wolfgang Mattheuer als Erzählanlass – Werkstattbericht

    Wolfgang Mattheuer als Erzählanlass – Werkstattbericht

    Warum ich zögere | Ich lese Wolfgang Mattheuers Buch Äußerungen und zögere – immer wieder. Nicht, weil mich seine Bilder kalt lassen – im Gegenteil. Sie ziehen mich an, sie reizen mich, sie erzählen mir Geschichten, bevor ich selbst anfange zu schreiben. Aber genau da beginnt mein Zögern: Darf ich das überhaupt? Darf ich als literarisch interessierter Mensch, ohne kunsthistorische Weihen, ohne institutionelle Anbindung, mich an einen Künstler wagen, über den bereits Bibliotheken voll geschrieben wurden? Darf ich seine Bilder als Ausgangspunkt für eigene Texte nehmen – für Gedichte, Erzählungen, Essays – und das dann auch noch öffentlich auf einem Blog zeigen?

    Die Antwort, die ich mir gebe, lautet: Ja. Aber sie kommt nicht leichtfertig.

    Das Problem mit der Deutungshoheit

    Wolfgang Mattheuer zählt neben Bernhard Heisig und Werner Tübke zu den Begründern und führenden Vertretern der sogenannten Leipziger Schule der ehemaligen DDR. Sein Stil verbindet Elemente der Neuen Sachlichkeit mit surrealen Bildmotiven, die sich – trotz ihrer Verschlüsselung – als kritische Kommentare zur politischen Realität lesen lassen. Seine Arbeiten sind geprägt von der Konfrontation mit der Gegenwart: im eigenen Land ebenso wie international, immer schwankend zwischen Hoffnung und Zweifel, Widerstand und Resignation. Neben diesen gesellschaftskritischen Bildern stehen Landschaften, die nicht bloß Natur zeigen, sondern innere Zustände, Gleichnisse, Denklandschaften.

    Das alles weiß ich. Ich habe es gelesen, nachgeschlagen, mir erarbeitet. Aber ich bin kein Fachmann. Ich komme nicht aus der Kunstgeschichte, ich habe keine Monografie verfasst, ich gehöre nicht zum Kreis derer, die legitimerweise über Mattheuer sprechen dürfen. Oder doch?

    Gerade diese Spannung reizt mich. Mattheuer war ein Künstler, der das Ringen mit der Zeit, das Schwanken zwischen Aufbruch und Müdigkeit, zwischen Glaube und Enttäuschung sichtbar machte – und dabei selbst Teil dieser Bewegung blieb. Dass er nicht nur malte und modellierte, sondern auch schrieb und dichtete, erweitert sein Werk um eine zweite Sprache. In seinem Buch Äußerungen begegnet man dem Künstler als reflektierendem, manchmal zornigem, manchmal stillen Menschen, der das Gespräch sucht: mit der Geschichte, mit der Gesellschaft, mit sich selbst.

    Und genau das möchte ich auch: ein Gespräch führen. Nicht von oben herab, nicht mit dem Anspruch wissenschaftlicher Vollständigkeit, sondern aus Neugier, aus dem Bedürfnis, diese Bilder weiterzudenken, sie in Worte zu verwandeln, sie in meine eigene Gegenwart zu holen.

    Exkurs: Wie ich zu Mattheuer kam (oder: eine merkwürdige Verwechslung Verwechslung)

    • Poesiealbum 103 mit Gedichten von Paul Wiens (Mitteldeutscher Verlag, Halle 1984) – Illustrationen: Wolfgang Mattheuer
    • Hans Lipinsky-Gottersdorf: Finsternis über den Wassern (Mitteldeutscher Verlag 1958) – Gesamtausstattung: Wolfgang Mattheuer
    • Karasholi, Adel Daheim in der Fremde / Gedichte Holzschnitte: Wolfgang Mattheuer (Mitteldeutscher Verlag 1984)

    Das Problem mit dem Urheberrecht

    Dann ist da noch die andere Hemmung: die rechtliche. Mattheuer starb 2004, seine Werke sind urheberrechtlich geschützt bis 2074. Die Bildrechte liegen bei der VG Bild-Kunst, Abbildungen kosten Geld – Geld, das ich für einen privaten Literaturblog nicht aufbringen kann und will.

    Aber muss ich das überhaupt?

    Das deutsche Urheberrecht kennt das Zitatrecht (§ 51 UrhG). Es erlaubt die Nutzung geschützter Werke, wenn sie einem Zitatzweck dienen – also der Auseinandersetzung, der Erläuterung, der Kritik. Bei Bildern ist das strenger als bei Texten: Man darf sie nicht einfach als Dekoration verwenden. Aber wenn ich ein Bild zum Gegenstand meiner literarischen Arbeit mache, wenn ich mich konkret damit auseinandersetze, wenn mein Text ohne dieses Bild nicht verständlich wäre – dann bewege ich mich im Rahmen des Erlaubten.

    Trotzdem bleibe ich vorsichtig. Ich werde Bilder nicht einfach so einbinden. Ich werde sie beschreiben, ich werde auf sie verweisen, ich werde sie vielleicht in kleinen Ausschnitten zeigen – aber immer mit Quellenangabe, immer mit Respekt vor dem Urheber, immer im Dienst meiner eigenen Texte.

    Und manchmal werde ich ganz auf Abbildungen verzichten und stattdessen das Bild in Worte fassen. Denn auch das ist eine Form der Aneignung: literarische Ekphrasis, das Nacherzählen von Kunst in Sprache.

    Was ich vorhabe – und warum

    Dieses Projekt ist ein Experiment. Ich möchte Mattheuers Bilder und Skulpturen als Erzählanlass nutzen. Nicht, um sie kunsthistorisch zu deuten, sondern um aus ihnen heraus eigene Geschichten, Gedichte, Essays zu entwickeln. Ich möchte seine Äußerungen als Orientierung nehmen – seine eigenen Texte, seine Gedanken zur Zeit, seine Zweifel und Hoffnungen – und sie mit meinem eigenen Blick auf die Welt verbinden.

    Mattheuer hat einmal gesagt:

    „Der Bildermacher kann sich nicht heraushalten aus dem Streit seiner Zeit. Er muss den Mut haben, sich einzumischen, auch wenn er dabei Wunden und Narben davonträgt.“

    Das ist mein Ausgangspunkt. Wenn Kunst sich einmischen soll, dann darf auch die Rezeption von Kunst sich einmischen. Dann darf ich als Leser, als Betrachter, als Schreibender teilhaben an diesem Gespräch. Nicht als Autoritätsperson, sondern als Zeitgenosse – auch wenn meine Zeit längst eine andere ist.

    Wie ich vorgehe – Transparenz statt Rechtfertigung

    Ich werde in jedem Beitrag klar benennen, welches Werk von Mattheuer ich behandle. Ich werde – wo möglich – auf Abbildungen in Museumssammlungen oder öffentlichen Archiven verlinken. Ich werde meine Quellen angeben. Und ich werde kenntlich machen, wo meine eigene Imagination beginnt, wo ich über das Bild hinausgehe, wo ich es in meine eigene Sprache übersetze.

    Das hier ist kein wissenschaftliches Projekt. Es ist ein literarisches. Und es ist ein persönliches. Aber es ist ernst gemeint.

    Falls die Mattheuer-Stiftung, die VG Bild-Kunst oder andere Rechteinhaber Einwände haben, bin ich offen für Gespräche. Mein Ziel ist nicht, Rechte zu verletzen, sondern ein Werk lebendig zu halten – durch Auseinandersetzung, durch Weiterschreiben, durch Einmischung.

    Warum ich mich dennoch vortaste

    Weil Kunst nicht im Museum endet. Weil Bilder weitererzählt werden wollen. Weil Mattheuer selbst jemand war, der nicht schweigen konnte – und weil ich glaube, dass auch die Betrachtung von Kunst eine Form des Nicht-Schweigens ist.

    Ich bin gespannt, wohin mich diese Reise führt. Und ich lade Sie ein, mich zu begleiten.

  • Exkurs: Weiterarbeiten mit „pont des art“

    Exkurs: Weiterarbeiten mit „pont des art“

    Fünf Ansätze für aktives Lesen | Nach der Lektüre von Niemelas „pont des arts“ stellte sich mir die Frage: Gibt es einen sinnvollen Ansatzpunkt, mit dem man nach dem Lesen weiterarbeiten kann? Im Sinne des aktiven Lesens – nicht nur verstehen, sondern nachvollziehen, selbst ausprobieren?

    Hier sind fünf Möglichkeiten, die sich für mich aus dem Gedicht ergeben:

    1. Die Klangkette weiterschreiben

    „zirzt, ziert sich, resigniert“ – das ist eine Bewegung in drei Schritten. Wörter, die ähnlich klingen, aber deren Bedeutung sich verschiebt. Vom Verführen über das Zieren zum Aufgeben.

    Der Versuch: Selbst solche Klangketten bauen. Drei oder vier Wörter finden, die sich reimen oder ähnlich klingen, aber eine Bewegung beschreiben. Es geht nicht um Perfektion, sondern darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Klang und Bedeutung zusammenspielen können. Wie hart oder weich klingen die Wörter? Was passiert, wenn man sie hintereinander sagt?

    2. Einen anderen Ort verdichten

    Niemela nimmt die Pont des Arts – einen bekannten, touristischen Ort – und löst ihn in Sprache auf. Nicht beschreiben, nicht erzählen, sondern in Bewegung, Klang, Bruchstücke zerlegen.

    Der Versuch: Einen anderen Ort nehmen. Vielleicht den Eiffelturm, vielleicht den Berliner Fernsehturm, vielleicht eine U-Bahn-Station. Nicht schreiben „Der Turm ist hoch“, sondern: Was bewegt sich dort? Was klingt? Was riecht? Was bricht, biegt sich, splittert? Was passiert mit dem Ort, wenn man ihn so auflöst? Mein Versuch:

    verlassenes haus

    fenster starren /
    es riecht nach feucht,
    als die stufen nachgeben/
    zu viel neugier wiegt,
    bricht sich in scherbenlicht /
    staubzitterbild, wie
    schubladen sich öffnen /
    schlösser klicken /
    schlüssel verschwinden /
    räume geben preis,
    das intime flieht, fließt
    vorbei an kameras / tastet,
    nimmt mit, lässt liegen /
    das wohnen hat sich ausgeblutet

    3. Das Gedicht verlangsamen

    Das Gedicht ist – in meiner Lesart – eine einzige Zeile ohne Pause. Alles fließt ineinander, atemlos.

    Der Versuch: Das Gedicht aufbrechen. Wo würde man Zeilen setzen? Wo Strophen? Wo eine Atempause einbauen? Man könnte es auf ein Blatt schreiben und mit Bleistift experimentieren: Hier ein Umbruch, dort eine Lücke. Was verändert sich dadurch am Rhythmus? Wird das Gedicht klarer oder verliert es seine Kraft?

    4. Die Bilder isolieren

    Das Gedicht arbeitet mit visuellen Momenten: „himmel splittert“, „brücke biegt sich“, „schlüssel ertrinken“. Aber es gibt einem keine Zeit, diese Bilder festzuhalten.

    Der Versuch: Die Bilder tatsächlich zeichnen oder skizzieren. Nicht um das Gedicht zu illustrieren, sondern um zu sehen, wo die Sprache ins Bildhafte kippt und wo sie sich entzieht. Was kann man festhalten? Was lässt sich nicht zeichnen? Ein splitternder Himmel – wie sieht der aus? Eine sich biegende Brücke – in welchem Moment? Die Zeichnung muss nicht gut sein. Es geht darum zu merken, wo die Sprache Bilder erzeugt, ohne Bilder zu sein.

    5. Mit der Struktur spielen

    Das Gedicht benutzt Schrägstriche statt Zeilenumbrüchen. Diese Form erzeugt Verdichtung, aber auch Atemlosigkeit.

    Der Versuch: Einen eigenen kurzen Text in dieser Form schreiben. Irgendein Thema – ein Spaziergang, ein Gespräch, eine Erinnerung. Aber: keine Zeilen, nur Schrägstriche. Keine langen Pausen, alles muss ineinander fließen. Was macht diese Verdichtung mit der eigenen Sprache? Wird sie präziser oder verkrampfter? Wo fehlt der Atem?

    Kathrin Niemela – pont des arts“

    • Wenn Sprache Bilder erzeugt, ohne Bilder zu sein

      Wenn Sprache Bilder erzeugt, ohne Bilder zu sein

      Über Kathrin Niemelas „pont des arts“ | Kathrin Niemelas Gedicht „pont des arts“ erschien in der Literaturzeitschrift Wortschau in einer Paris-Ausgabe. Es ist ein Text, der sich beim ersten Lesen entzieht – nicht weil er hermetisch wäre, sondern weil er so verdichtet ist, dass man ihn kaum greifen kann. Die Sprache ist präzise, die Klänge…

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      Ein Essay über männliche Verantwortung im Angesicht von Femiziden I. Das Gedicht als Warnsignal Kathrin Niemelas Gedicht „Beckenendlage“ beginnt mit einem medizinischen Begriff – einer riskanten Geburtslage – und endet im Ertränkungsbecken. Es verbindet die Hinrichtung verurteilter „Hexen“ im isländischen Drekkingarhylur mit Agnes Bernauer in der Donau und mit den ertrinkenden Frauen im Mittelmeer. Der…

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      Wer zum ersten Mal ein Gedicht von Sarah Kirsch liest, steht oft vor einem Rätsel. Da ist die Rede von Bäumen und Vögeln, von Wetter und Landschaften – aber irgendwie schwingt da mehr mit, als man auf den ersten Blick sieht. Wie kann man sich dieser eigenwilligen Dichterin nähern, die aus der DDR stammte und…

    • lonesome journalist

      lonesome journalist

      Eine literarische Spurensuche | Als Kultur- und Literaturblogger begegne ich immer wieder Romanen, die mehr sind als nur fiktive Geschichten – sie sind Spiegel der Medienrealität und zugleich Sehnsuchtsorte für das, was der Journalismus verloren zu haben scheint. Hansjörg Schertenleibs Roman „Der Papierkönig“ ist ein solches Werk: eine literarische Meditation über die Einsamkeit des recherchierenden…

    • Atmen, Handeln, Lesen: Michael Fehr und das bewegte Lesen

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      Laut gedacht | Ein Plädoyer für das körperliche Erleben von Literatur Der Atem gehört zum Erzählen «In der Schriftkultur haben wir völlig vergessen, dass der eigentliche Inhalt von Erzählung der Atem ist», sagt der Schweizer Autor Michael Fehr. Das klingt erst mal seltsam. Aber Fehr hat einen Punkt: Geschichten kommen aus dem Körper. Aus Atem,…

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      Aktiv/Bewegt Lesen – Bücher als Pool für eigene Ideen

      Was ist bewegt lesen? Bewegt lesen – so nenne ich meinen Ansatz zum aktiven Lesen – bedeutet, Bücher nicht nur zu konsumieren, sondern bewusst mit ihnen zu arbeiten. Der Begriff passt perfekt, weil Bücher mich tatsächlich in Bewegung setzen: vom Sofa zum Zeichentisch, vom Text zur Tat, von der Fiktion in die Realität. Statt passiv…

    • Lithopoesie – Steine Geschichten erzählen lassen

      Lithopoesie – Steine Geschichten erzählen lassen

      Steine zu sammeln ist fast alltäglich für mich. Meistens sind diese Fundstücke mehr als Dekorationsobjekte. Irgendwann bin ich auf die Lithopoesie – zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern lithos (Stein) und poiesis (Dichtung) – gestoßen. Sie macht Steine zu literarischen Partnern: Geologie und Imagination, Fundort und Fiktion verbinden sich dabei. Die Idee ist einfach: Jeder gefundene…

    • Lesen nach Hélène Cixous

      Lesen nach Hélène Cixous

      Ich greife nach Kafkas Verwandlung,der Einband, vertraut,schon wissend: Gregor, Käfer, Entfremdung. Doch heute steht die erste Zeilewie ein Fremder an der Tür. „Als Gregor Samsa eines Morgens …“ Ich stehe am Rand meines Wissens,warte einen Moment–überschreite dann über die Linie,die ersten bekannten Bilder kippen,der Text arbeitet. Ich lese mit dem Herzen eines Menschen,der noch keinen…

    • Die Kunst des Gesprächs mit dem Gedicht

      Die Kunst des Gesprächs mit dem Gedicht

      Eine persönliche Annäherung | Das Lesen von Gedichten ist oft eine intime, manchmal sogar mystische Erfahrung. Anders als ein Roman, der uns über hunderte Seiten in eine Welt entführt, begegnet uns ein Gedicht oft als Blitzlicht, als komprimiertes Universum in wenigen Zeilen. Und genau diese Eigenart macht das Gespräch über Lyrik so reizvoll und herausfordernd.…

    • Zeilen und Klänge

      Zeilen und Klänge

      Eine Handreichung zum Finden von Musik zu Gedichten. Für alle, die glauben, dass ein Gedicht klingen kann – auch nach außen hin. 1. Nicht die Playlist, sondern das Echo suchen Ein Gedicht wie „herbrig„ ist keine Liedvorlage und kein Musikvideo. Es ist ein „Echo-Raum“, der nach Resonanz sucht. Wer dazu Musik finden möchte, beginnt am…

    • Im Dialog mit Gedichten – Eine Einladung

      Im Dialog mit Gedichten – Eine Einladung

      Ich sitze vor einem Gedicht und verstehe es nicht. Oder: Ich verstehe es vielleicht, aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Die klassische Herangehensweise wäre jetzt: Stilmittel finden, Metaphern deuten, eine Interpretation formulieren. Aber genau das fühlt sich falsch an – als würde ich dem Gedicht etwas überstülpen, statt wirklich mit ihm in…

    • Weibliche Perspektiven in der Literatur

      Weibliche Perspektiven in der Literatur

      In dieser Rubrik sammle ich Texte, die mir eine spezifische Sensibilität für das Ungehörte, das Ungesehene in unserem Zusammenleben vermitteln: ob in der Naturlyrik Sarah Kirschs, den urbanen Miniaturen Judith Hermanns oder den gesellschaftlichen Spiegelungen bei Olga Tokarczuk. Es sind Stimmen, die aus anderen Erfahrungsräumen erzählen – und damit die Welt anders sichtbar machen. Hier…

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